Zoryana & Olena Kushpler: Slawische Seelen (CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

Fesselnde Darbietung russischer Liedkunst

von Jörn Severidt

Da diese meine Ein­schät­zung einer neuen CD-Pro­duk­tion des ukrai­ni­schen Musik-Schwes­tern­paa­res Zory­ana und Olena Kush­pler schliess­lich – das sei schon ver­ra­ten – betont posi­tiv enden wird, sei mir erlaubt, mit ein paar kri­ti­schen Anmer­kun­gen zu begin­nen. Umso mehr, als ich beim Erhalt die­ser CD kaum Lust hatte, auch nur die Plas­tik­fo­lie auf­zu­reis­sen – und mich somit fast um den Genuss eines unge­wöhn­li­chen musi­ka­li­schen Erleb­nis­ses betro­gen hätte.

Zoryana & Olena Kushpler - Slavonic Souls (Slawische Seelen) - Tschaikowsky - Mussorgsky - Rachmaninow (Capriccio Label)Woher der anfäng­li­che Wider­wille? Nun, an der Ober­flä­che sprach aus mei­ner Sicht ein­fach alles gegen diese CD: Ein sinn­lo­ser Titel; ein Lay­out, das sich an die Kuschel­klas­sik-Kund­schaft zu wen­den scheint; Lie­der mit Kla­vier­be­glei­tung von vier Kom­po­nis­ten, die mir alle­samt nicht als Schöp­fer sol­cher Werke bekannt waren; und das Ganze dann auch noch rus­sisch gesun­gen – wer braucht das denn?

Bereits nach dem ersten Hören begeistert

Beginn von Tschaikowskis
Beginn von Tschai­kow­skis „Inmit­ten des Bal­les“ (op. 38 Nr. 3) für Mez­zo­so­pran und Klavier

Doch zum Glück ist mir das öster­rei­chi­sche Label Capric­cio (mit sei­ner hier kürz­lich bespro­che­nen CD von Egon Wel­lesz: Kla­vier­kon­zert und Vio­lin­kon­zert) noch in guter Erin­ne­rung, und so gab ich die­ser Ver­öf­fent­li­chung die Chance, die sie, wie sich dann her­aus­stellte, mehr als ver­dient hat. Denn wäh­rend ich meine Abnei­gung gegen die Mar­ke­ting-Aspekte bis heute nicht über­wun­den habe, so war ich doch bereits nach dem ers­ten Hören von die­ser Musik begeis­tert und (bei­nahe) auch bereit, die im Bei­heft auf­ge­stellte Behaup­tung, die rus­si­sche Lied­tra­di­tion sei der deut­schen eben­bür­tig, zu unter­schrei­ben. Auch durch die Spra­che emp­fand ich kei­ner­lei Min­de­rung des musi­ka­li­schen Gesamt­ein­drucks, im Gegen­teil: sie lässt die inhalt­li­che Dimen­sion umso glaub­wür­di­ger erscheinen.
Das ist letzt­lich wenig über­ra­schend, erfreuen sich doch auch Schu­bert, Wolff und Strauss einer welt­wei­ten Anhän­ger­schaft, die die deut­schen Texte kaum ver­ste­hen dürf­ten. In die­sem Fall liegt aus­ser­dem ein äus­serst infor­ma­ti­ves Bei­heft vor (dies scheint bei Capric­cio die dan­kens­werte Regel zu sein), das in die Gefühls­welt der ein­zel­nen Kom­po­nis­ten und Lie­der ein­stimmt. Auch die deut­schen Über­set­zun­gen der Lie­der­ti­tel sind hilf­reich, ich musste mich in kei­nem Fall fra­gen, was hier denn nun wohl kom­mu­ni­ziert wer­den solle – Musik ist eben eine echte Lin­gua Franca.

Hochrangige Komponisten der russischen Romantik

„Ans Sym­pho­ni­sche gren­zende Stürme“: Ser­gei Rach­ma­ni­now (1873-1943)

Ver­tre­ten sind mit Tschai­kow­ski, Rach­ma­ni­now, Rim­ski-Kor­sa­kow und Mus­sorg­ski vier hoch­ran­gige Kom­po­nis­ten der rus­si­schen Roman­tik, die sicher­lich kei­ner­lei Vor­stel­lung mehr bedür­fen. Mus­sorg­ski ist mit 23 Minu­ten Spiel­zeit am stärks­ten reprä­sen­tiert, Tschai­kow­ski wur­den 12, den ande­ren bei­den Kom­po­nis­ten jeweils 9 Minu­ten ein­ge­räumt. Es hätte also mehr auf die CD gepasst, doch mög­li­cher­weise wollte man bei Capric­cio die sehr hohe Qua­li­tät des ein­ge­spiel­ten Mate­ri­als nicht ver­wäs­sern. Immer­hin lässt sich diese Platte von vorn bis hin­ten durch­hö­ren, ohne dass auch nur einen Moment lang Lan­ge­weile aufkäme.

Die Dar­bie­tung der Inter­pre­tin­nen, des ukrai­ni­schen Schwes­tern­paa­res Olena und Zory­ana Kush­pler, ist voll­endet. Olena Kush­pler meis­tert die ans Sym­pho­ni­sche gren­zen­den Stürme Rach­ma­ni­nows ebenso wie die gra­zile Fein­sin­nig­keit Mus­sorgskis. Sie schafft es, in For­tis­simo-Pas­sa­gen Tiefe und Aus­drucks­stärke zu ver­mit­teln, ohne ihre Schwes­ter jemals an die Wand zu spie­len. Diese wie­derum ver­fügt über einen üppi­gen, sat­ten Mez­zo­so­pran, der mich gele­gent­lich (trotz der ande­ren Stimm­lage) an Jes­sye Nor­man erin­nert. Bei aller Kraft bleibt ihre Stimme immer kon­trol­liert und klar arti­ku­liert, ver­zich­tet ihrer­seits eben­falls dar­auf, das Kla­vier in den Hin­ter­grund zu drän­gen. Hier wird nicht gegen­ein­an­der, son­dern mit­ein­an­der musi­ziert und dabei echte Lied­kunst erreicht.

Begeisterndes Klavierspiel bei Rachmaninow

Zoryana Kushpler - Sopranistin - Glarean Magazin
Sopra­nis­tin Zory­ana Kushpler

Los geht es mit Tschai­kow­ski, des­sen sehn­suchts­voll schwel­gende und doch nie auf­dring­lich dra­ma­ti­sche Roman­zen (wie sie im Rus­si­schen genannt wer­den) vom ers­ten Moment an gefan­gen neh­men. Es feh­len der Hang zum Gros­sen und zu gele­gent­li­cher Härte, die einen Teil der sym­pho­ni­schen und Kam­mer­mu­sik die­ses Kom­po­nis­ten kenn­zeich­nen. Tat­säch­lich erreicht Tschai­kow­ski in den hier aus­ge­wähl­ten Wer­ken eine Ein­heit von Inhalt und Aus­druck, sowie ein Gleich­ge­wicht von Emo­tion und musi­ka­li­scher Kon­trolle, die diese Lie­der auf das Niveau des schu­bert­schen Oeu­vres heben. Beeindruckend!
Bei Rach­ma­ni­now, des­sen Bei­träge im Bei­heft mit „Schmer­zen“ über­schrie­ben sind, wird in Sachen expres­si­ver Dra­ma­tik deut­lich zuge­legt. Wer Strauss‘ „Vier letzte Lie­der“ liebt (und wer tut das nicht?), wird dahin­schmel­zen. Hier begeis­terte mich das Kla­vier­spiel. Ich musste sofort nach­se­hen, ob Olena Kush­pler nicht viel­leicht auch Rach­ma­ni­nows Werke für Solo­kla­vier ein­ge­spielt habe. (Ich hätte sie sofort bestellt, doch lei­der steht eine sol­che Auf­nahme noch aus).

Unterschiede zwischen den Komponisten trotz ähnlichem Repertoire

Die vier Lie­der von Rim­ski-Kor­sa­kow unter­schei­den sich unter­ein­an­der recht deut­lich, stei­gern sich vom intim anmu­ten­den Wie­gen­lied über intro­ver­tiert sin­nende Sehn­suchts­be­zeu­gun­gen bis zum opern­haf­ten, stür­mi­schen Sturm-und-Drang-Lied. Bei Letz­te­rem erin­nerte mich die rei­che, opern­hafte Dra­ma­tik des stimm­li­chen Aus­drucks spon­tan an Gun­dula Jano­witz. Beein­dru­ckend, wie gut Zory­ana Kush­pler ihren Aus­druck dem Reper­toire anpasst und somit die Unter­schiede zwi­schen den Kom­po­nis­ten auch bei äus­ser­lich ähn­li­chem Reper­toire erfahr­bar macht.

Auszug aus Mussorgskys
Aus­zug aus Mus­sorgs­kys „Abend­ge­bet“ (Teil des Lie­der­zy­klus‘ „Die Kinderstube“)

Mus­sorg­ski ist sicher­lich einer der unge­wöhn­lichs­ten, am schwers­ten ein­zu­ord­nen­den rus­si­schen Kom­po­nis­ten. Von sei­nen neun hier ein­ge­spiel­ten Wer­ken bil­den die ers­ten sie­ben den Zyklus „Kin­der­stube“. Mit des­sen ers­tem Ton wird ein neues Kapi­tel auf­ge­schla­gen. Vor­bei ist es mit schwel­gen­der Dra­ma­tik und voll­tö­ni­gem Inners­tes-nach-aus­sen-Stül­pen. Mus­sorgskis inhalt­lich all­täg­li­chen Erzäh­lun­gen, deren Texte er selbst ver­fasste, wer­den in einer Art kind­lich anmu­ten­dem Sprech­ge­sang vor­ge­tra­gen, der mit sei­ner spär­li­chen, wie selbst­ver­ges­sen mäan­dern­den Kla­vier­be­glei­tung fast kaba­ret­tis­ti­sche Züge trägt. Wenn ich es nicht bes­ser wüsste, hätte ich den Kom­po­nis­ten deut­lich spä­ter ein­ge­ord­net, denn eine ähn­li­che Mischung aus Nai­vi­tät und Erfin­dungs­reich­tum erfor­dert ein Mass an Selbst­re­fle­xion, das der roman­ti­schen Peri­ode eigent­lich per defi­ni­tio­nem abging.

Hohes Niveau der Aufnahmequalität

Die neue CD der Musik-Schwestern Zoryana und Olena Kushpler gibt gleichzeitig einen schönen Überblick über die russische Liedtradition, macht Lust auf viel mehr, nimmt den Hörer gefangen und überrascht musikalisch immer von neuem.
Die neue CD der Musik-Schwes­tern Zory­ana und Olena Kush­pler gibt gleich­zei­tig einen schö­nen Über­blick über die rus­si­sche Lied­tra­di­tion, macht Lust auf viel mehr, nimmt den Hörer gefan­gen und über­rascht musi­ka­lisch immer von neuem. „Sla­wi­sche See­len“ sei allen Lie­der­freun­den und Lieb­ha­bern rus­si­scher Musik ans Herz gelegt.

Da Mus­sorg­ski, wie bereits erwähnt, am meis­ten Spiel­zeit bekommt, ent­steht eine Art Zwei­tei­lung, denn wenn sich auch die Lie­der der ande­ren drei Kom­po­nis­ten bereits deut­lich von­ein­an­der unter­schei­den, so ste­hen sie im Ver­gleich zu Mus­sorg­ski doch in der glei­chen Ecke.
Die Auf­nah­me­qua­li­tät bewegt sich auf ebenso hohem Niveau wie die bereits lobend erwähnte Dar­bie­tung der Kush­pler-Schwes­tern. Sibilan­ten (Zisch­laute) sind der Fluch des Ton­meis­ters bei Vokal­mu­sik­auf­nah­men, und ein Nach­klang beim schar­fen S hat sich auch hier nicht ganz ver­mei­den las­sen. Wenn man bedenkt, wie reich an Zisch­lau­ten die rus­si­sche Spra­che ist, muss die tech­ni­sche Leis­tung den­noch als über­aus gelun­gen gewür­digt werden.

Eine CD, die gleich­zei­tig einen Über­blick über die rus­si­sche Lied­tra­di­tion gibt, Lust auf viel mehr macht, den Hörer gefan­gen nimmt und immer wie­der über­rascht. Sie sei Lie­der­freun­den und Lieb­ha­bern rus­si­scher Musik glei­cher­mas­sen ans Herz gelegt. ♦

Zory­ana Kush­pler (Mez­zos­poran) & Olena Kush­pler (Kla­vier), Sla­wi­sche See­len (Sla­vo­nic Souls) – Lie­der von Tschai­kow­sky, Rach­ma­ni­now, Rimsky-Kors­sa­kow und Mus­sorgsky, Audio-CD, Capric­cio Digi­tal (Naxos)

Inhalt

Tschai­kow­sky: Mein Genius; Nur wer die Sehn­sucht kennt; Inmit­ten des Bal­les op. 38 Nr. 3; Ich öff­nete meine Fens­ter op. 63 Nr. 2; Es war im frü­hen Früh­ling op. 38 Nr. 2 / Rach­ma­nin­off: Oh nein; Ich erwarte dich op. 14 Nr. 1; Wie schmerzt es mich op. 21 Nr. 12; Im Schwei­gen der Nacht op. 4 Nr. 3; Alles nahm er mir weg op. 26 Nr. 2 / Rimsky-Kors­sa­koff: Leise der Abend erlischt op. 4 Nr. 4; Es ist nicht der Hauch des Win­des von oben op. 43 Nr. 2; Die Wol­ken zie­hen sich zurück op. 42 Nr. 3 / Mus­sorgsky: Lie­der­zy­klus Die Kin­der­stube; Wie­gen­lied des Jer­jo­muschka; Gopak

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Diana Damrau: Arie di Bravura

… sowie zum Thema Klas­si­sche Musik von
Mau­ricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett

Ein Kommentar

  1. Sehr geehr­ter, lie­ber Herr Severidt,
    Auf der Suche nach einem guten Foto von unse­rem ers­ten CD mit mei­ner Schwes­ter stoß ich auf Ihren Kom­men­tar das aller­dings schon acht Jahre zurück liegt… aber lie­ber spä­ter als nie habe ich es jetzt gele­sen und möchte mich bei Ihnen ganz herz­lich für so umfang­rei­che und prä­zise Kri­tik von unse­rer CD herz­li­chen Dank!!
    Herz­lich Ihre
    Zory­ana Kushpler

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