Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain (Schach)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 10 Minu­ten

Taktik-Training mit Schachkompositionen

von Ralf Binnewirtz

Cyrus Lak­da­wala, US-ame­ri­ka­ni­scher Schach-IM und -Trai­ner mit indi­schen Wur­zeln, ist in den letz­ten 10 Jah­ren vor allem als bie­nen­flei­ßi­ger Autor her­vor­ge­tre­ten. Rund 50 Bücher sind bereits aus sei­ner Feder erschie­nen. In sei­nem neu­es­ten Werk „Rewire Your Chess Brain“ über­rascht er uns mit einer bis­lang wenig beach­te­ten Trai­nings­me­thode zur Ver­bes­se­rung der tak­ti­schen Fer­tig­kei­ten, näm­lich dem Lösen von End­spiel­stu­dien und Problemen.

Cyrus Lakdawala - Rewire your Chess Brain - Everyman ChessWäh­rend ers­tere für den genann­ten Zweck wohl weit­hin akzep­tiert sind, sol­len Pro­bleme dies­be­züg­lich kaum ziel­füh­rend sein – so jeden­falls der mehr­heit­li­che Tenor der Par­tie­spie­ler. Das Unter­fan­gen des Autors, auch das Schach­pro­blem aus sei­nem Schat­ten­da­sein der (schein­ba­ren) Nutz­lo­sig­keit zu befreien, scheint mir indes­sen geglückt.

Eine Lanze für das Kunstschach

Lak­da­wala, der seit jeher ein Fai­ble für das Kunst­schach hat, kann jeden­falls auf die posi­ti­ven Erfah­run­gen ver­wei­sen, die er als Trai­ner mit sei­nen Schü­lern gewon­nen hat. In sei­ner Ein­füh­rung zum Buch ent­kräf­tet er zunächst die Ein­wände, die stan­dard­mä­ßig gegen Kom­po­si­tio­nen zum Zwe­cke des Schach­trai­nings vor­ge­bracht wer­den, und lis­tet auf vol­len drei Sei­ten auf, wel­che Vor­teile das Lösen von Stu­dien und Pro­ble­men mit sich bringt.

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Wei­ter führt er aus, wie der Leser/Löser den größt­mög­li­chen Nut­zen aus sei­nem Buch zie­hen kann. So ist es kei­nes­wegs erfor­der­lich, bei kom­ple­xen Stu­dien und Pro­ble­men jen­seits des Drei­zü­gers die gesamte Lösung zu fin­den. Aus sei­ner Sicht ist es allein der men­tale Such­pro­zess, der – gemäß der Auf­for­de­rung des Buch­ti­tels – das Gehirn neu verkabelt!
Natür­lich soll sich der Leser jeweils die kom­plette Lösung mit ihren wesent­li­chen Moti­ven und Vari­an­ten genau anse­hen, um den krea­ti­ven Ideen der Kom­po­nis­ten nach­zu­spü­ren, um die Fähig­kei­ten der Visua­li­sie­rung aus­zu­bauen und ein­ge­fah­rene Denk­mus­ter abzu­strei­fen, um letzt­lich das Unkon­ven­tio­nelle, Über­ra­schende und uner­war­tet Schwie­rige zum neuen Stan­dard der eige­nen Denk­pro­zesse am Brett wer­den zu lassen.

Zauberhafte Endspielstudien

Schach-Mansube 10. Jahrhundert - Matt in 3 Zügen - 1. Th7 - Glarean Magazin
Ara­bi­sche Schach-Man­sube aus dem 10. Jahr­hun­dert: Matt in 3 Zügen 1. Th7+ Sxh7 2. Sc3 Tg1+ 3. Sd1 Txd1#

Ein ers­tes kür­ze­res Kapi­tel „Old School“ zeigt Stu­dien und Pro­bleme aus alter Zeit, die für den Löser ein­fa­cher zu bewäl­ti­gen sind als die Auf­ga­ben der fol­gen­den Kapi­tel. Diese als Man­suben bekann­ten Stü­cke (von Al Adli, Sal­vio, Greco, Stamma, Ercole del Rio u.a.) die­nen vor­nehm­lich der Ein­stim­mung und Aufwärmung.
Ernst wird es in den bei­den anschlie­ßen­den Kapi­teln mit Remis- bzw. Gewinn­stu­dien, die gemein­sam gut 240 Sei­ten umfas­sen. Die Stu­dien (glei­ches gilt für die spä­ter behan­del­ten Matt­pro­bleme) sind chro­no­lo­gisch ange­ord­net, wei­tere Ein­ord­nun­gen wie nach the­ma­ti­schen Gesichts­punk­ten oder nach Schwie­rig­keits­grad wur­den aber nicht vorgenommen.

Probeseite aus Cyrus Lakdawala: Rewire Your Chess Brain
Pro­be­seite aus Cyrus Lak­da­wala: Rewire Your Chess Brain

Die Lösun­gen wer­den jeweils im Anschluss an das Auf­ga­ben­dia­gramm prä­sen­tiert, wobei die Lösungs­be­spre­chung 1 bis 4 Sei­ten umfas­sen kann. In Abhän­gig­keit von Länge und Kom­ple­xi­tät der Lösung sind ggf. wei­tere Dia­gramme gesetzt wor­den, damit sich die Lösun­gen „vom Blatt“ nach­voll­zie­hen las­sen. Auch sind an kri­ti­schen Stel­len häu­fig Übungs­auf­ga­ben („Exer­ci­ses“) ein­ge­streut, die den Leser nach der wei­te­ren Vor­ge­hens­weise befra­gen oder meh­rere plau­si­ble Mög­lich­kei­ten zur Aus­wahl stellen.

Unter den Kom­po­nis­ten fin­det sich prak­tisch alles, was in den letz­ten gut 150 Jah­ren Rang und Namen hat(te), von den bekann­ten Klas­si­kern bis zu den Grö­ßen der Gegen­wart wie Oleg Per­va­kov, Mar­tin Min­ski und Stef­fen Slums­trup Niel­sen, der auch ein Vor­wort zum Buch beisteuerte.
Einige Remis- und Gewinn­stu­dien sind in der Lese­probe ab Page 54 zu fin­den – gön­nen Sie sich eine Kostprobe!

Unerschöpfliche, rätselhafte Problemwelt

Cyrus Lakdawala - Schach-IM - Schachautor - Glarean Magazin
Inter­na­tio­na­ler Meis­ter und Autor zahl­rei­cher Schach-Lehr­bü­cher: Cyrus Lak­da­wala

Die nächs­ten ca. 200 Buch­sei­ten wer­den belegt von (ortho­do­xen) Matt­pro­ble­men, die uns, nach anstei­gen­der Züge­zahl grup­piert, in sepa­ra­ten Kapi­teln begeg­nen: aus­ge­hend von (weni­gen) ein­zü­gi­gen Pro­ble­men über Zwei­zü­ger, Drei­zü­ger bis hin zu Vier- und Mehr­zü­gern. Ein wei­te­res Kapi­tel „Unch­ess“ ver­sam­melt schließ­lich eine Reihe von außer­ge­wöhn­li­chen, bizar­ren oder gro­tesk anmu­ten­den Auf­ga­ben. Die Zwei­zü­ger neh­men inso­fern eine Son­der­stel­lung ein, als sie von den Lesern wohl noch am ehes­ten zum Sel­ber­lö­sen in Betracht gezo­gen wer­den (so die Erwar­tung des Autors), winkt hier doch ein ver­gleichs­weise schnel­les und befrie­di­gen­des Löseerlebnis.

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Das bei den Stu­dien Gesagte trifft auch für die Pro­bleme zu, nur die Lösungs­be­spre­chun­gen sind hier im Schnitt kür­zer. Wie zu erwar­ten, sind die frü­hen ame­ri­ka­ni­schen Kory­phäen des Pro­blem­schachs, Sam Loyd und W. A. Shink­man, viel­fach ver­tre­ten, über­ra­schen­der­weise noch häu­fi­ger tritt jedoch der deut­sche „Rät­sel­on­kel“ Fritz Gie­gold in Erschei­nung (des­sen zwei­ter Vor­name Emil kurio­ser­weise stän­dig mit­ge­führt wird). Offen­bar schätzt Lak­da­wala Pro­bleme mit star­kem Rät­sel­cha­rak­ter, wo auf den ers­ten Blick mys­te­riöse Schlüs­sel­züge, uner­war­tete Wen­dun­gen und ori­gi­nelle Poin­ten das Gesche­hen domi­nie­ren. Die Par­tie­spie­ler wer­den es frag­los posi­tiv auf­neh­men, dass der Autor den mehr­heit­lich unbe­lieb­ten Pro­blem­jar­gon auf ein erträg­li­ches Mini­mum beschränkt hat.

In den Dia­gramm­über­schrif­ten (Anga­ben zu Autor, Quelle, etc.) stößt man gele­gent­lich auf feh­ler­hafte bzw. feh­lende Anga­ben („Unknown source“), die meist mit gerin­gem Auf­wand hät­ten korrigiert/ergänzt wer­den kön­nen. Auch wenn dies für das vor­ge­se­hene Trai­nings­pro­gramm uner­heb­lich erschei­nen mag, hätte ich mir an die­ser Stelle eine pro­fun­dere Arbeit des Autors gewünscht.1)

Nun war­tet ein wenig Denk­sport auf Sie: nach­ste­hend zwei Pro­bleme aus dem Buch, die Ihnen hof­fent­lich zusa­gen (Maus­klick auf einen Zug oder eine Vari­ante öff­net ein Ana­lyse-Fens­ter / A mouse click on a move or line opens an ana­ly­sis window):




Das fol­gende kleine Vexier­stück aus dem „Unchess“-Kapitel wer­den Sie sicher­lich selbst lösen wol­len, die Stel­lung mit der kom­plet­ten schwar­zen „Homebase“-Position ist ja durch­aus ein­la­dend. Zur Erin­ne­rung: Im Hilfs­matt zieht Schwarz an und beide Par­teien koope­rie­ren, um das gemein­same Ziel – das Matt des schwar­zen Königs – in der gefor­der­ten Züge­zahl zu erreichen.


Adäquate Zugaben

Zum Ende des Buchs fin­den sich zwei kurze Kapi­tel: „Life simu­la­tes Art“ zeigt erstaun­li­che Frag­mente von Tur­nier­par­tien, die kom­po­nier­ten Stu­dien nahe­kom­men, und in „The Wun­der­kind“ stellt der Autors einen sei­ner Schü­ler vor, den 13-jäh­ri­gen IM Chris­to­pher Yoo, der auch ein begab­ter Stu­di­en­kom­po­nist ist: fünf sei­ner Stu­dien, dar­un­ter zwei Urdru­cke, gibt es zu bewun­dern. Ein Index der Kom­po­nis­ten und Spie­ler beschließt das Werk.

Lehrreich – unterhaltsam – lesefreundlich

Lak­da­wala hat mit sei­ner neuen Publi­ka­tion nicht nur eine vor­treff­li­che Ein­füh­rung in das Kunst­schach vor­ge­legt. Er pro­pa­giert damit auch eine wir­kungs­volle Methode für das häus­li­che Tak­tik-Trai­ning, die für den Kampf am Brett eine ver­bes­serte Visua­li­sie­rung ver­bor­ge­ner Mög­lich­kei­ten, eine erwei­terte Mus­ter­er­ken­nung im Hin­blick auf Gewinn- und Matt­füh­run­gen, aber auch auf ver­steckte Ver­tei­di­gungs­res­sour­cen verspricht.

Cyrus Lakdawala - Rewire Your Chess Brain - Inhaltsverzeichnis Everyman Chess - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
Das Inhalts­ver­zeich­nis von „Rewire Your Chess Brain“

Ins­be­son­dere Lak­da­wa­las anre­gen­der Stil und dif­fe­ren­zierte Dik­tion ver­die­nen eine „ehrende Erwäh­nung“ (um im Pro­blem­jar­gon zu blei­ben). Seine varia­ble und geist­reich-wit­zige, in ihrer Art unnach­ahm­li­che Kom­men­tie­rung macht die Lek­türe zu einem Ver­gnü­gen, gele­gent­li­che Zitate aus Lite­ra­tur und Film, von Pro­blem­freun­den oder aus sei­ner Face­book-Gruppe ver­lei­hen zusätz­li­che Würze. Und sein Schreib­ta­lent befä­higt ihn, sei­nen Lesern auch kom­plexe Auf­ga­ben im locke­ren Unter­hal­tungs­mo­dus nahe­zu­brin­gen. Die Lösungs­be­spre­chun­gen, die auf Anfän­ger ohne Vor­kennt­nisse im Pro­blem­schach zuge­schnit­ten sind, könn­ten in ihrer Aus­führ­lich­keit unüber­trof­fen sein. Dazu ver­leiht ein groß­zü­gi­ges, über­sicht­li­ches Lay­out beste Lesefreundlichkeit.

Übungsbuch mit Unterhaltungswert

Ins­ge­samt ist dies ein Lehr-, Lese- und Übungs­buch von hohem Unter­hal­tungs­wert, mit einer Aus­wahl von ins­ge­samt 326 meist hoch­klas­si­gen und häu­fig dif­fi­zi­len Auf­ga­ben. Die oben erwähn­ten klei­nen Schwä­chen könn­ten in einer zwei­ten Auf­lage leicht aus­ge­räumt wer­den. Daher eine nach­drück­li­che Emp­feh­lung mei­ner­seits: Neh­men Sie die Her­aus­for­de­rung an und ver­drah­ten Sie Ihre klei­nen grauen Zel­len neu – Sie wer­den es nicht bereuen!

1)Offen­bar hat sich der Autor weder der ver­füg­ba­ren Pro­blem­da­ten­ban­ken bedient (wie der Schwalbe-PDB, der YACPDB  oder der Albrecht-Samm­lung ) noch der ein­schlä­gi­gen deut­schen Pro­blem­li­te­ra­tur: Seine „Biblio­gra­phy“ (S. 5) ver­zeich­net nur eng­lisch­spra­chige Titel.

Ich habe eine (sicher­lich noch unvoll­stän­dige) Errata-Liste zu den Pro­ble­men erstellt, dabei ledig­lich Anga­ben geprüft, die mir suspekt erschie­nen oder offen­sicht­lich lücken­haft sind. ♦

Cyrus Lak­da­wala: Rewire Your Chess Brain – End­game Stu­dies and Mating Pro­blems to Enhance Your Tac­ti­cal Ability, 528 Sei­ten, Ever­y­man Chess, ISBN 978-1-78194-569-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach­pro­bleme auch über das „Schach-Pro­blem“ Heft Num­mer 4-2018 von Chessbase

… sowie über ein wei­te­res Lehr­buch des Schach-Autoren Cyrus Lak­da­wala: Win­ning Ugly in Chess


2 Kommentare

  1. Thank you very much for this exten­sive and detailed review. It gives a very good over­view of the book. Good work, Mr. Binnewirtz.
    Gree­tings from Chi­cago: Ches­ter Thomas

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