Veröffentlicht am 30. September 2019
Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess
Wenn sich vortreffliche Fähigkeiten sowohl als Schachtrainer wie als Autor positiv ergänzen, ist das für den Leser der so entstandenen Bücher ein Glücksfall. Ein solcher Glücksfall ist der amerikanische Schach-IM Cyrus Lakdawala für uns Schachbuch-Konsumenten. Als neuestes Werk aus seiner Feder liegt nun „Winning Ugly In chess“ vor.
Der Untertitel „Playing badly is no excuse for losing“ und auch der Satz aus dem Klappentext „The next time the wrong player wins, you will be that player!” wecken dabei allerdings eine Erwartung, die man nicht zu wörtlich nehmen sollte.
Ressourcen in nachteiligen Stellungen
Es geht hier natürlich nicht um schmutzige Tricks. Wir lernen vielmehr, dass auch in nachteiligen Stellungen oft noch Ressourcen schlummern, mit denen man dem Spiel eine unerwartete Wende geben kann. Auch für die Gegenseite gibt es hilfreiche Tipps, wie man den verdienten Sieg absichert und sich gegen unliebsame Überraschungen wappnet.
Lakdawala präsentiert uns 67 Partien von Klassikern bis zum Jahr 2018 einschliesslich eines Ausblicks in die Alpha-Zero-Ära. Das Spektrum der Spielstärke reicht von den Weltmeistern bis zu Lakdawalas Schülern im Bereich um Elo 2000. Dabei haben die Partien gemein, dass der Vorteil oft mehrfach hin und her wechselt.Der Kampf wird immer aus Sicht beider Parteien beleuchtet – eben keine ausgesuchten Musterpartien, sondern Schach aus dem richtigen Leben.
Rekordpartie Nikolic-Arsovic 1989
Hervorheben möchte ich die Rekordpartie Nikolic-Arsovic von 1989, mit 269 Zügen die längste Turnierpartie der Geschichte. Sie wird ja oft nur als Kuriosität vermerkt, hier aber seriös analysiert. Allerdings tut der Autor den Spielern Unrecht, wenn er ihnen mehrfach vorwirft, die 50-Züge-Regel nicht in Anspruch genommen zu haben. Diese war gerade zu jener Zeit und für diesen Endspieltyp ausser Kraft gesetzt.
(Wir bringen nachfolgend die gesamte Partie, versehen mit der automatischen Kommentierung durch Stockfish, eines der führenden aktuellen Schachprogramme; für jene die sich das Buch zulegen, wäre es reizvoll, Lakdawala’s Kommentare mit jenen des Computers zu vergleichen):
67 Partien auf 330 Seiten
67 Partien auf ca. 330 Seiten – wir bekommen also jeweils ausführliche Kommentare geboten. Dabei legt Lakdawala den Schwerpunkt auf Erklärungen in Textform. Varianten untermauern lediglich das Gesagte, sind dabei immer überschaubar und nachvollziehbar. Das zweispaltige Layout wirkt harmonisch und erleichtert die Lektüre.
Neben dem reinen Kommentar sind in jeder Partie drei weitere Stilmittel zu finden, die den erfahrenen Trainer erkennen lassen:
- Moments of Contemplation: Hier wird die Stellung an kritischen Wendepunkten betrachtet, werden die Pläne beider Seiten vorgestellt. Auch der Leser sollte sich diesen Moment der Besinnung nehmen.
- Exercises: Hier werden wir direkt aufgefordert, uns für eine Fortsetzung (nicht unbedingt nur den nächsten Zug, sondern oft einen weiterführenden Plan) zu entscheiden. Kleiner Kritikpunkt an dieser Stelle: Da die Partiefortsetzung unmittelbar in der Notation folgt und per Zeichensetzung bewertet wird, kann man kaum vermeiden, sie bereits im Blick zu haben.
- Principles: An passenden Stellen ruft der Trainer die bekannten Prinzipien in Erinnerung, wie z.B. „Öffne das Spiel, wenn du Entwicklungsvorsprung hast.“
Breites Leistungsspektrum
In Summe bekommen wir herausragend kommentierte und für Schachspieler in einem breiten Leistungsspektrum lehrreiche Partien. Vom fortgeschrittenen Vereinsspieler (Niveau um 2000) bis zum ambitionierten 1500er wird niemand das Buch enttäuscht aus der Hand legen. Die folgende Leseprobe verdeutlicht diese Einschätzung:

Einzigartiger Plauderton
Vom Trainer zum Autor Lakdawala: Er redet mit uns in einem Plauderton, der in der Schachliteratur seinesgleichen sucht. Nicht alles, was er schreibt ist „political correct“ – so kommt auch ein gut Stück Persönlichkeit herüber. Man wähnt in Lakdawala bald einen guten Freund, den man schon lange kennt. Dass der Autor allerdings bei einer eigenen(!) Partie die dem Namen nach offensichtlich weibliche Gegnerin konsequent als „he“ adressiert, ist gewiss nur ein Versehen. Das Phänomen, den Gegner immer mit „er“ zu beschreiben, auch wenn es sich um eine Frau handelte, hat der Rezensent auch selbst schon bei vielen Schachfreunden – selbst bei Kindern – bemerkt.
Lakdawalas Kommentare gehen weit über das rein Schachliche hinaus. Immer wieder nimmt er Anleihen im Alltag, in der Literatur oder beim Film. Dass da der mitteleuropäische Leser an einigen Stellen die Bezüge nicht ganz auflösen kann, ist dem Autor natürlich nicht vorzuwerfen.
Unterhaltsam und lehrreich
Das Buch liegt gegenwärtig nur im englischen Original vor. Wer mit fremdsprachigen Schachbüchern oder Internet-Quellen vertraut ist, wird kein Problem damit haben. Allerdings braucht es für das restlose Verstehen des ganzen Textes – einschliesslich aller gedanklichen Abschweifungen – doch etwas mehr Sprachkompetenz, als bei englischsprachigen Schachbüchern sonst. Dem rein schachlichen Erkenntnisgewinn tut es jedoch keinen Abbruch, wenn man hier oder da sprachlich abgehängt wird.
Nach dem Lesen des Buches fühlt sich der Rezensent prächtig unterhalten und glaubt sogar, dass er etwas gelernt hat. Wenn ich also das nächste Mal eine Schachpartie gewinne, dann vielleicht gerade deshalb, weil nicht „the wrong player wins“.
Lakdawala kündigte jüngst in einem Interview der Zeitschrift SCHACH weitere Buchprojekte an. Spannung und Vorfreude der Leserschaft sind ihm gewiss. ♦
Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess, 336 Seiten, Verlag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6
Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Training auch über Franco Zaninotti: Aus Fehlern lernen
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