Cyrus Lakdawala: Winning Ugly in Chess (Schach)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 15 Minu­ten

Herausragende Schach-Kommentierung

von Thomas Binder

Wenn sich vor­treff­li­che Fähig­kei­ten sowohl als Schach­trai­ner wie als Autor posi­tiv ergän­zen, ist das für den Leser der so ent­stan­de­nen Bücher ein Glücks­fall. Ein sol­cher Glücks­fall ist der ame­ri­ka­ni­sche Schach-IM Cyrus Lak­da­wala für uns Schach­buch-Kon­su­men­ten. Als neu­es­tes Werk aus sei­ner Feder liegt nun „Win­ning ugly in chess“ vor.
Der Unter­ti­tel „Play­ing badly is no excuse for losing“ und auch der Satz aus dem Klap­pen­text „The next time the wrong player wins, you will be that player!” wecken dabei aller­dings eine Erwar­tung, die man nicht zu wört­lich neh­men sollte.

Ressourcen in nachteiligen Stellungen

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Cover - Glarean MagazinEs geht hier natür­lich nicht um schmut­zige Tricks. Wir ler­nen viel­mehr, dass auch in nach­tei­li­gen Stel­lun­gen oft noch Res­sour­cen schlum­mern, mit denen man dem Spiel eine uner­war­tete Wende geben kann. Auch für die Gegen­seite gibt es hilf­rei­che Tipps, wie man den ver­dien­ten Sieg absi­chert und sich gegen unlieb­same Über­ra­schun­gen wappnet.
Lak­da­wala prä­sen­tiert uns 67 Par­tien von Klas­si­kern bis zum Jahr 2018 ein­schliess­lich eines Aus­blicks in die Alpha-Zero-Ära. Das Spek­trum der Spiel­stärke reicht von den Welt­meis­tern bis zu Lak­da­wa­las Schü­lern im Bereich um Elo 2000. Dabei haben die Par­tien gemein, dass der Vor­teil oft mehr­fach hin und her wechselt.Der Kampf wird immer aus Sicht bei­der Par­teien beleuch­tet – eben keine aus­ge­such­ten Mus­ter­par­tien, son­dern Schach aus dem rich­ti­gen Leben.

Rekordpartie Nikolic-Arsovic 1989

Her­vor­he­ben möchte ich die Rekord­par­tie Niko­lic-Arso­vic von 1989, mit 269 Zügen die längste Tur­nier­par­tie der Geschichte. Sie wird ja oft nur als Kurio­si­tät ver­merkt, hier aber seriös ana­ly­siert. Aller­dings tut der Autor den Spie­lern Unrecht, wenn er ihnen mehr­fach vor­wirft, die 50-Züge-Regel nicht in Anspruch genom­men zu haben. Diese war gerade zu jener Zeit und für die­sen End­spiel­typ aus­ser Kraft gesetzt.
(Wir brin­gen nach­fol­gend die gesamte Par­tie, ver­se­hen mit der auto­ma­ti­schen Kom­men­tie­rung durch Stock­fish, eines der füh­ren­den aktu­el­len Schach­pro­gramme; für jene die sich das Buch zule­gen, wäre es reiz­voll, Lakdawala’s Kom­men­tare mit jenen des Com­pu­ters zu vergleichen):

67 Partien auf 330 Seiten

67 Par­tien auf ca. 330 Sei­ten – wir bekom­men also jeweils aus­führ­li­che Kom­men­tare gebo­ten. Dabei legt Lak­da­wala den Schwer­punkt auf Erklä­run­gen in Text­form. Vari­an­ten unter­mau­ern ledig­lich das Gesagte, sind dabei immer über­schau­bar und nach­voll­zieh­bar. Das zwei­spal­tige Lay­out wirkt har­mo­nisch und erleich­tert die Lektüre.

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Neben dem rei­nen Kom­men­tar sind in jeder Par­tie drei wei­tere Stil­mit­tel zu fin­den, die den erfah­re­nen Trai­ner erken­nen lassen:

  • Moments of Con­tem­pla­tion: Hier wird die Stel­lung an kri­ti­schen Wen­de­punk­ten betrach­tet, wer­den die Pläne bei­der Sei­ten vor­ge­stellt. Auch der Leser sollte sich die­sen Moment der Besin­nung nehmen.
  • Exer­ci­ses: Hier wer­den wir direkt auf­ge­for­dert, uns für eine Fort­set­zung (nicht unbe­dingt nur den nächs­ten Zug, son­dern oft einen wei­ter­füh­ren­den Plan) zu ent­schei­den. Klei­ner Kri­tik­punkt an die­ser Stelle: Da die Par­tie­fort­set­zung unmit­tel­bar in der Nota­tion folgt und per Zei­chen­set­zung bewer­tet wird, kann man kaum ver­mei­den, sie bereits im Blick zu haben.
  • Prin­ci­ples: An pas­sen­den Stel­len ruft der Trai­ner die bekann­ten Prin­zi­pien in Erin­ne­rung, wie z.B. „Öffne das Spiel, wenn du Ent­wick­lungs­vor­sprung hast.“

Breites Leistungsspektrum

In Summe bekom­men wir her­aus­ra­gend kom­men­tierte und für Schach­spie­ler in einem brei­ten Leis­tungs­spek­trum lehr­rei­che Par­tien. Vom fort­ge­schrit­te­nen Ver­eins­spie­ler (Niveau um 2000) bis zum ambi­tio­nier­ten 1500er wird nie­mand das Buch ent­täuscht aus der Hand legen. Die fol­gende Lese­probe ver­deut­licht diese Einschätzung:

Cyrus Lakdawala - Winning ugly in Chess - New In Chess - Leseprobe - Glarean Magazin
Lese­probe aus Cyrus Lak­da­wala: Win­ning ugly in Chess

Einzigartiger Plauderton

FAZIT: Für die neue Schach-Mono­gra­phie von Cyrus Lak­da­wala: Win­ning ugly in chess darf man eine unein­ge­schränkte Kauf­emp­feh­lung aus­spre­chen. Die Qua­li­tä­ten von Lak­da­wala sowohl als Trai­ner als auch als Autor ergän­zen sich her­vor­ra­gend. Und Lak­da­wa­las Kom­men­tare gehen weit über das rein Schach­li­che hin­aus. Immer wie­der nimmt er Anlei­hen im All­tag, in der Lite­ra­tur oder beim Film. Die­ser Plau­der­ton sucht in der Schach­li­te­ra­tur sei­nes­glei­chen und ver­leiht die­sen 67 aus­führ­lich und lehr­reich kom­men­tier­ten Par­tien einen zusätz­li­chen Reiz. Präch­tige Schach-Unterhaltung!

Vom Trai­ner zum Autor Lak­da­wala: Er redet mit uns in einem Plau­der­ton, der in der Schach­li­te­ra­tur sei­nes­glei­chen sucht. Nicht alles, was er schreibt ist „poli­ti­cal cor­rect“ – so kommt auch ein gut Stück Per­sön­lich­keit her­über. Man wähnt in Lak­da­wala bald einen guten Freund, den man schon lange kennt. Dass der Autor aller­dings bei einer eige­nen(!) Par­tie die dem Namen nach offen­sicht­lich weib­li­che Geg­ne­rin kon­se­quent als „he“ adres­siert, ist gewiss nur ein Ver­se­hen. Das Phä­no­men, den Geg­ner immer mit „er“ zu beschrei­ben, auch wenn es sich um eine Frau han­delte, hat der Rezen­sent auch selbst schon bei vie­len Schach­freun­den – selbst bei Kin­dern – bemerkt.
Lak­da­wa­las Kom­men­tare gehen weit über das rein Schach­li­che hin­aus. Immer wie­der nimmt er Anlei­hen im All­tag, in der Lite­ra­tur oder beim Film. Dass da der mit­tel­eu­ro­päi­sche Leser an eini­gen Stel­len die Bezüge nicht ganz auf­lö­sen kann, ist dem Autor natür­lich nicht vorzuwerfen.

Unterhaltsam und lehrreich

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Das Buch liegt gegen­wär­tig nur im eng­li­schen Ori­gi­nal vor. Wer mit fremd­spra­chi­gen Schach­bü­chern oder Inter­net-Quel­len ver­traut ist, wird kein Pro­blem damit haben. Aller­dings braucht es für das rest­lose Ver­ste­hen des gan­zen Tex­tes – ein­schliess­lich aller gedank­li­chen Abschwei­fun­gen – doch etwas mehr Sprach­kom­pe­tenz, als bei eng­lisch­spra­chi­gen Schach­bü­chern sonst. Dem rein schach­li­chen Erkennt­nis­ge­winn tut es jedoch kei­nen Abbruch, wenn man hier oder da sprach­lich abge­hängt wird.
Nach dem Lesen des Buches fühlt sich der Rezen­sent präch­tig unter­hal­ten und glaubt sogar, dass er etwas gelernt hat. Wenn ich also das nächste Mal eine Schach­par­tie gewinne, dann viel­leicht gerade des­halb, weil nicht „the wrong player wins“.
Lak­da­wala kün­digte jüngst in einem Inter­view der Zeit­schrift SCHACH wei­tere Buch­pro­jekte an. Span­nung und Vor­freude der Leser­schaft sind ihm gewiss. ♦

Cyrus Lak­da­wala: Win­ning Ugly in Chess, 336 Sei­ten, Ver­lag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Schach-Trai­ning auch über Franco Zani­notti: Aus Feh­lern lernen

… sowie zum Thema Schach-Kom­men­tare über Sieg­bert Tar­rasch: Das Schachspiel

 


English Translation

Outstanding Chess Comments

by Tho­mas Binder

If excel­lent skills com­ple­ment each other posi­tively both as a chess trai­ner and as an aut­hor, this is a stroke of luck for the rea­der of the books thus crea­ted. Such a stroke of luck is the Ame­ri­can chess IM Cyrus Lak­da­wala for us chess book con­su­mers. The latest work from his pen is „Win­ning ugly in chess“.
The sub­title „Play­ing badly is no excuse for losing“ and the sen­tence from the blurb „The next time the wrong player wins, you will be that player!

Resources in disadvantageous positions

Of course, this isn’t about dirty tricks. Rather, we learn that even in dis­ad­van­ta­ge­ous posi­ti­ons, there are often resour­ces that can be used to give the game an unex­pec­ted turn. There are also hel­pful tips for the other side on how to secure your deser­ved vic­tory and arm yours­elf against unp­lea­sant surprises.
Lak­da­wala pres­ents 67 games of clas­sics through 2018, inclu­ding a glim­pse into the Alpha Zero era. The range of the play­ing strength rea­ches from the world cham­pi­ons to Lakdawala’s stu­dents in the area around Elo 2000. The games have in com­mon that the advan­tage often chan­ges back and forth seve­ral times. The fight is always illu­mi­na­ted from the point of view of both par­ties – no sel­ec­ted sam­ple games, but chess from real life.

Record game Nikolic-Arsovic 1989

I would like to high­light the record game Niko­lic-Arso­vic from 1989, with 269 moves the lon­gest tour­na­ment game in history. It is often only noted as a curio­sity, but here it is ana­ly­sed seriously. Howe­ver, the aut­hor does the play­ers wrong by repea­tedly accu­sing them of not having made use of the 50-move rule. This rule was sus­pen­ded at that time and for this type of endgame.
(We bring below the whole game, pro­vi­ded with the auto­ma­tic com­ment by Stock­fish, one of the lea­ding cur­rent chess pro­grams; for those who buy the book, it would be appe­al­ing to compare Lakdawala’s comm­ents with those of the computer):

(See PGN game above)

67 games on 330 pages

67 games on approx. 330 pages – so we always get detailed comm­ents. Lak­da­wala focu­ses on expl­ana­ti­ons in text form. Vari­ants only sup­port what has been said and are always clear and com­pre­hen­si­ble. The two-column lay­out is har­mo­nious and makes rea­ding easier.

Bes­ide the pure com­men­tary there are three fur­ther sty­li­stic devices in each game, which let the expe­ri­en­ced trai­ner recognize:

Moments of Con­tem­pla­tion: Here the posi­tion at cri­ti­cal tur­ning points is exami­ned and the plans of both sides are pre­sen­ted. The rea­der should also take this moment of reflection.
Exer­ci­ses: Here we are directly asked to decide for a con­ti­nua­tion (not neces­s­a­rily only the next move, but often a fur­ther plan). A small point of cri­ti­cism at this point: Since the con­ti­nua­tion of the game fol­lows imme­dia­tely in the nota­tion and is eva­lua­ted by punc­tua­tion, one can hardly avoid having it alre­ady in view.
Prin­ci­ples: In appro­priate places, the trai­ner recalls the fami­liar prin­ci­ples, such as „Open the game if you have a head start in development“.

Wide range of services

All in all, we get out­stan­din­gly com­men­ted and ins­truc­tive games for chess play­ers in a wide per­for­mance spec­trum. From the advan­ced club player (level around 2000) to the ambi­tious 1500 player nobody will put the book dis­ap­poin­ted out of hand. The fol­lo­wing sam­ple illus­tra­tes this assessment:

Unique chat tone

From trai­ner to aut­hor Lak­da­wala: He talks to us in a chatty tone that has no equal in chess lite­ra­ture. Not ever­y­thing he wri­tes is „poli­ti­cally cor­rect“ – this is how a good piece of per­so­na­lity comes across. In Lak­da­wala you soon think of a good fri­end you’ve known for a long time. But the fact that the aut­hor con­sis­t­ently addres­ses his obviously female oppo­nent as „he“ in his own (!) game is cer­tainly only an over­sight. The phe­no­me­non of always describ­ing the oppo­nent with „he“, even if it was a woman, has alre­ady been noti­ced by the reviewer hims­elf with many chess fri­ends – even with children.
Lakdawala’s comm­ents go far bey­ond the pure chess. Again and again he bor­rows from ever­y­day life, lite­ra­ture or film. The fact that the Cen­tral Euro­pean rea­der can­not com­ple­tely dis­solve the refe­ren­ces in some places is of course not to be reproa­ched to the author.

Entertaining and instructive

The book is curr­ently only available in the Eng­lish ori­gi­nal. Who is fami­liar with for­eign chess books or Inter­net sources will have no pro­blem with it. Howe­ver, for the com­plete under­stan­ding of the whole text – inclu­ding all men­tal dig­res­si­ons – a little more lan­guage com­pe­tence is nee­ded than with Eng­lish chess books other­wise. The purely chess know­ledge gain, howe­ver, is not affec­ted by being lost here and there linguistically.
After rea­ding the book the reviewer feels sple­ndidly enter­tai­ned and even belie­ves that he has lear­ned some­thing. So the next time I win a game of chess, maybe it’s pre­cis­ely because „the wrong player wins“.
Lak­da­wala recently announ­ced fur­ther book pro­jects in an inter­view with the maga­zine SCHACH. He is sure of the exci­te­ment and anti­ci­pa­tion of the readership. ♦

Cyrus Lak­da­wala: Win­ning Ugly in Chess, 336 pages, Ver­lag New In Chess, ISBN 978-90-5691-828-6

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