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Richard Harvey: Evensong – New Choral Music (CD)

Horst-Die­ter Rad­ke · 19. De­zem­ber 2019

Musik für den Abend und für die Nacht

von Horst-Dieter Radke

Mein ers­ter Ein­druck von „Even­song“, der neu­en CD von Ri­chard Har­vey war die­ser: Klingt ir­gend­wie nach Gre­go­ria­nik. Aber dann auch wie­der nicht: zu gross sind die Sprün­ge in­ner­halb der Me­lo­die. Mehr­stim­mig­keit und Har­mo­nien pas­sen auch nicht zu die­sen al­ten Klän­gen. Also doch mo­dern und neu? Ja – ir­gend­wie kommt das Alte aber im­mer wie­der durch. Man­ches klingt nach Ma­dri­gal und Mo­tet­te, an­de­res nach Pärt oder Whi­tacree. In der Sum­me ist es aber kein Ab­klatsch, son­dern ein ei­gen­stän­di­ges Werk, das ich ger­ne in Fol­ge ge­hört habe.

Intelligente Titelwahl

Richard Harvey - Evensong - New Choral Music - Cover Naxos - Musik Review Glarean MagazinDen Ti­tel kann man viel­fäl­tig in­ter­pre­tie­ren: Abend­ge­sang (dazu pas­sen Ti­tel wie Night Song, The Call, Lul­lay, Et in Ar­ca­dia, Even­song), oder auch Abend­an­dacht, Abend­ge­bet (Dona No­bis Pa­cem, Sanc­tus, Cre­do). Das drit­te Stück – The Call – kommt ganz ohne al­tes Pa­thos aus. Es klingt eher wie ein für Chor um­ge­setz­ter Pop­song. Das ist nicht ne­ga­tiv ge­meint, zu­mal die So­pra­nis­tin Amy Ha­worth, be­kannt auch schon als En­sem­ble­mit­glied von The Tal­lis Scho­lars, be­ein­dru­ckend aus dem Chor her­vor­sticht. Das wie­der­holt sie noch ein­mal beim Ti­tel­stück Even­song. Lul­lay klingt dann fast schon wie­der wie ein alt­eng­li­sches Lied, etwa von Dow­land oder Pur­cell. Sanc­tus er­in­nert stel­len­wei­se an alte Ma­dri­ga­le, be­son­ders die letz­ten von Gesualdo.

Chor im Vordergrund

Der Chor steht un­über­hör­bar im Vor­der­grund. In­stru­men­te, die ein­ge­setzt wer­den – bei den Ti­teln 3 und 4 auch Streich­or­ches­ter – un­ter­stüt­zen und er­gän­zen den Chor, ohne ihn zu ver­drän­gen. Beim letz­ten Stück be­glei­tet der Kom­po­nist sel­ber de­zent mit Pan­flö­te und Psaltererium.

Richard Harvey - Komponist - Flötist - Glarean Magazin
Ri­chard Harvey

Der Est­ni­sche Phil­har­mo­ni­sche Chor un­ter der Lei­tung von Heli Jür­gen­son macht sei­ne Sa­che gut. Auf­ge­nom­men wur­de im St Ni­cho­las Kir­chen Mu­se­um in Tal­linn, und zwar aus­schliess­lich nachts. Die­se At­mo­sphä­re kommt spür­bar in der Auf­nah­me beim Hö­rer an. Na­tür­lich kann man sa­gen, dass dies ein sub­jek­ti­ves Emp­fin­den ist, was auch stimmt, aber ich habe die CD nach dem ers­ten Hö­ren in der Fol­ge vor al­lem spät­abends und nachts wie­der­holt ge­hört, weil mir ein­fach die Ruhe die­ser Zeit zu die­ser Mu­sik am bes­ten zu pas­sen schien.

Wanderer zwischen Klassik und Pop

Ri­chard Har­vey ist kein Un­be­kann­ter. Der bri­ti­sche Kom­po­nist und Mu­si­ker hat eine un­or­tho­do­xe Kar­rie­re ge­macht. Nach dem Stu­di­um schlug er ein An­ge­bot des Lon­don Phil­har­mo­nic Or­ches­tra aus und spiel­te lie­ber in der Pro­gres­si­ve Rock-Grup­pe Gry­phon mit, die stark von Folk- und Mit­tel­al­ter-Ein­flüs­sen pro­fi­tiert. Har­vey brach­te Krumm­horn, Har­mo­ni­um, Man­do­li­ne und an­de­re In­stru­men­te mit ein.
Er schrieb auch Film­mu­sik („Lady Chat­ter­leys Lieb­ha­ber“, „Das dre­cki­ge Dut­zend Teil 2“, „Lu­ther“, „Eich­mann“ u.a.). Er di­ri­gier­te das Lon­don Sym­pho­ny Or­ches­tra bei ei­ni­gen Klas­sik-Rock-Al­ben und nahm mit dem Gi­tar­ris­ten John Wil­liams das Afri­ka-ori­en­tier­te Al­bum „Ma­gic Box“ auf.

Lust auf Live-Performance geweckt

Richard Harvey - Notenzitat Filmmusik Da Vinci Code
Zi­tat aus Har­veys Film­mu­sik zu „The Da Vin­ci Code“ („Ky­rie For The Mag­da­le­na„)

Seit 2005 tourt Ri­chard Har­vey mit Wil­liams un­ter „John Wil­liams & Ri­chard Harvey’s World Tour“ welt­weit, wo­bei ihr Pro­gramm eine Mi­schung aus klas­si­scher Mu­sik und Welt­mu­sik aus al­len fünf Kon­ti­nen­ten umfasst.
Har­vey schrieb auch Kon­zer­te, die von an­de­ren Mu­si­kern auf­ge­führt wur­den (John Wil­liams mit klas­si­scher Gi­tar­re, Mi­chae­la Pe­trie für Block­flö­te u.a.). Der Kom­po­nist be­wegt sich als Kom­po­nist und Mu­si­ker sou­ve­rän zwi­schen den Po­len an­spruchs­vol­ler klas­si­scher Mu­sik, Welt­mu­sik und po­pu­lä­rer Musik.

Fa­zit: „Even­song“ ist ein Al­bum, das sich zu hö­ren lohnt, das vor al­lem Lust macht, die Lie­der ein­mal live zu ge­nies­sen. Und es mo­ti­viert dazu, sich auch mit den an­de­ren Ar­bei­ten des Kom­po­nis­ten zu be­schäf­ti­gen. Ich kann­te bis an­hin nur die Zu­sam­men­ar­beit mit John Wil­liams („Ma­gic Box“), wer­de aber in der nächs­ten Zeit auch in an­de­re ver­füg­ba­re Auf­nah­men hineinhören. ♦

Ri­chard Har­vey: Even­song – New Cho­ral Mu­sic, Chor­wer­ke, Es­to­ni­an Phil­har­mo­nic Cham­ber Choir, Heli Jür­gen­son (Au­dio-CD – 50 min.)

Le­sen Sie im Glarean Ma­ga­zin auch über die CD von Mar­tin Gru­bin­ger: Drums `N` Chant (Gre­go­ria­nik und Percussion)

… so­wie zum The­ma Chor­mu­sik über die „Chor­bi­blio­thek“ für Män­ner­chor („Quo va­dis, Chorgesang?“)


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