Jürgen Kirschner: Zum 50. Todesjahr von Jan Sibelius

Das sternenglitzernde Genie

Eine kleine Euphorie

von Jürgen Kirschner

Vor 50 Jah­ren stirbt ein Musik-Genie: Jan Sibe­l­ius, der mit rich­ti­gem Namen Johann Julius Chris­tian Sibe­l­ius geru­fen wird, ver­lässt im Sep­tem­ber 1957 im Alter von 92 Jah­ren die Bühne der Welt. Eine Bühne, die er für Finn­land errich­tet hat. Das Land am nörd­li­chen Rand Euro­pas wird durch seine exzen­tri­schen, klas­si­schen Kom­po­si­tio­nen ins Licht der Öffent­lich­keit gerückt – und wei­ter auf den Olymp der Musik­göt­ter erho­ben, wie er sel­ber auch.

Jean Sibelius (1865-1957)
Jean Sibe­l­ius (1865-1957)

Der am 8. Dezem­ber 1865 in der fin­ni­schen Pro­vinz Hämeen lääni, in der Stadt Hämeen­linna, die mit schwe­di­schem Namen auch Tave­ste­hus genannt wird, gebo­rene Jean, wächst zwei­spra­chig auf. Neben sei­ner schwe­di­schen Mut­ter­spra­che muss er erst noch die urg­ri­sche Spra­che Finn­lands ler­nen. Wäh­rend andere Musi­ker nicht von ihrem Fai­ble oder gar ihrer Beses­sen­heit los­kom­men, been­det Jean Sibe­l­ius seine künst­le­ri­sche Schaf­fens­pe­ri­ode bereits in den letz­ten 20er Jah­ren des aus­klin­gen­den Jahr­tau­sends, gut 30 Jahre vor sei­nem Tod. Er hat der Fach­welt doch nur mal eben zei­gen wol­len, wo es wei­ter­hin lang geht. Er durch­bricht Gren­zen und neue Wei­ten in Sphä­ren, die so nie zuvor auch nur erahnt wurden.

Komponieren beendet auf dem Höhepunkt der Karriere

Das Genie, das die Musik der Klas­sik so grund­le­gend ins Wan­ken bringt und dabei doch kaum Nach­ah­mer fin­det, die auch nur ansatz­weise sei­nen Stil kopie­ren oder gar fort­füh­ren kön­nen, been­det auf dem Höhe­punkt der per­sön­li­chen Kar­riere seine Kunst. Er zieht sich von den Büh­nen der Welt, die für ihn sel­ber nur kleine Büh­nen waren, zurück.

Gut drei Jahre stu­diert Sibe­l­ius auch in Ber­lin und Wien. Zu sei­nen Lehr­meis­tern gehö­ren neben Robert Fuchs auch Mar­tin Wege­lius und Albert Becker. Doch Kom­po­nist ist er damit noch lange nicht. Mit sei­ner Rück­kehr aus der Fremde 1891 lehrt er an der Uni­ver­si­tät in Hel­sinki Musik. Aner­ken­nung fin­det er, Johan Julius Chris­tian, zuerst nur bei sei­nen Stu­den­ten, als Musi­ker der spä­te­ren Roman­tik und vor­nehm­lich fin­ni­scher Volksmusik.

Doch dann kommt der Tag, an dem er seine Rente bezieht. Nun hat der finan­zi­ell abge­si­cherte Musi­kus Zeit, sich sei­nen eige­nen Kom­po­si­tio­nen und Wer­ken zu wid­men. Was er schliess­lich in Noten zu Papier bringt, lässt die Erde erbe­ben, die Fach­welt der Musik­szene, sowie auch das Publi­kum in Gra­zie erstar­ren und Kon­zert­säle erzittern.

Autograph der Kullervo-Sinfonie für Soli, Chor und Orchester nach Worten aus der Kalevala
Auto­graph der Kul­lervo-Sin­fo­nie für Soli, Chor und Orches­ter nach Wor­ten aus der Kalevala

Extreme musi­ka­li­sche Gegen­sätze, die sich in einer so offe­nen, kla­ren Rein­heit und Ein­fach­heit spie­geln, und dabei höchste Kon­zen­tra­tion erfor­dern, hat es bis­her noch nicht gege­ben. Der fin­ni­sche Musik-Rebell erin­nert an den eins­ti­gen jun­gen Mozart ver­gan­ge­ner Jahr­hun­derte. Da kommt jemand, und die Musik ist nicht mehr das, was sie zuvor noch war. Es gel­ten plötz­lich neue Massstäbe.

Doch nicht nur als ein­fa­cher Kom­po­nist der höchs­ten Riege wird Jean bekannt. Auch seine musi­ka­li­schen Inter­pre­ta­tio­nen der nor­disch-fin­ni­schen Mytho­lo­gie sor­gen für Auf­se­hen. Wer das schwie­rige, fin­ni­sche Natio­nal­epos der Kale­vala – das Land Kale­vas – so gekonnt in Noten küren kann wie die­ser Mann, der muss zwangs­läu­fig mehr in sei­nen Adern haben. Da fliesst nicht Blut, da strö­men Noten und Melo­dien im Rhyth­mus wil­der Orches­ter, so gött­lich, als würde der Him­mel vor Freude seine Zustim­mung geben.

Ein Friedensbotschafter der Musik

1953 wird das ster­nen­glit­zernde Genie der Szene mit dem nach ihm benann­ten Sibe­l­ius-Preis, als ers­ter Preis­trä­ger, aus­ge­zeich­net. Wei­tere Ehrun­gen erhält er dadurch, dass nach ihm der Sibe­l­ius-Park und das Sibe­l­ius-Haus, ein heu­ti­ges Museum in Hämeen­linna, sowie die Sibe­l­ius-Aka­de­mie in Hel­sinki  benannt werden.
1957 ver­liert Finn­land, das rück­stän­dige Arbei­ter- und Bau­ern­land ver­gan­ge­ner Zei­ten, am Rande der Zivi­li­sa­tion und in sich zer­ris­se­nes Armen­haus des Kon­ti­nents zwi­schen den wie schon so oft in sei­ner Geschichte kal­ten Kriegs­mäch­ten im Osten und Wes­ten, sei­nen Frie­dens­bot­schaf­ter der Musik in einem sich neu for­mie­ren­den Europa auf der Schwelle hin zur Zukunft. ♦


Jür­gen Kirschner
Geb. 1964 in Heggen/BRD, als freier Publi­zist und Schrift­stel­ler zahl­rei­che Lyrik-, Prosa- und essay­is­ti­sche Publi­ka­tio­nen in Antho­lo­gien und Zeitschriften

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Musik-Bio­gra­phien auch über J. Campe: Ros­sini – Die hel­len und die dunk­len Jahre
… sowie zum Thema Klas­si­sche Musik auch über Zory­ana & Olena Kush­pler: Sla­wi­sche See­len (Gesang & Klavier)

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