DAS BROT
„Das Brot ist heilig, mein Sohn“,
sagte meine Mutter oft.
Wenn es dir auf den Boden fällt,
beug‘ dich,
heb‘ es auf,
küß‘ es
und halte es hoch.
Tritt nicht darauf,
wirf es nicht fort,
denn Gott verflucht uns sonst.
Im Sommer 1983,
als sie nicht mehr lebte,
war das Land ohne Brot.
Als Elfjähriger
ging ich Brot kaufen.
Vor der leeren Bäckerei,
hinter verschlossenen Türen,
wartete ich stundenlang
mit der Menge.
Als endlich gebacken wurde,
drängten sie mich,
zerdrückten mich
wie weiche Krume.
Und ich kehrte zurück
wie eine trockene Kruste —
ohne Brot.
Bujar Salihu
Geboren 1972 in Pogragjë (Kosovo), Studium der Elektrotechnik, lebt und arbeitet in der Schweiz, Lyrik-Veröffentlichungen auf Albanisch und Deutsch
