Roland Stark: Tod in zwei Tonarten (Krimi)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Kreisleriana-Mord“ im Rheingau

von Bernd Giehl

Bes­ser, ich geb’s gleich zu: Jawohl, Freunde, ich bin befan­gen. Seit ich vor fast dreis­sig Jah­ren mein Vika­riat – also die prak­ti­sche Aus­bil­dung zum Pfar­rer – in rhein­gaui­schen Wal­luf gemacht habe, bin ich ein Fan die­ser Gegend. Und selbst auf die Gefahr hin, als Snob zu gel­ten, behaupte ich: Es gibt keine schö­nere Land­schaft. Jeden­falls nicht in Deutsch­land. Es soll Leute geben, die die Tos­kana für noch schö­ner hal­ten, aber von denen reden wir jetzt nicht.

Roland Stark - Tod in zwei Toarten - Rheingau Krimi - Emons VerlagMich selbst hat das Leben mitt­ler­weile ins hes­si­sche Ried ver­schla­gen, aber an vie­len Sonn­ta­gen pil­gere ich immer noch durch die Wein­berge zwi­schen Wal­luf und Rüdes­heim. So, das war’s jetzt aber auch mit den Bekennt­nis­sen. Ob ich trotz­dem…? Ich denke schon. Dass ich diese Land­schaft liebe, heisst ja nicht, dass ich all meine kri­ti­schen Fähig­kei­ten in der Schub­lade lasse, wenn ich einen Rhein­gau Krimi bespreche.

Die Leiche im Schloss-Teich

Der Anfang von Roland Starks „Tod in zwei Ton­ar­ten“ ist eher kon­ven­tio­nell. Wäh­rend eines Kon­zerts des Rhein­gauer Musik­fes­ti­vals taucht ein Toter auf. Und das ist durch­aus wört­lich zu neh­men. Plötz­lich treibt die Lei­che eines Jugend­li­chen, Patrick Schön­hell, im Teich vor dem Was­ser­turm des Schlos­ses. Genau neben der See­bühne, auf der eben noch die „Last and Lost Blues Sur­vi­vors“ gesun­gen haben. Die Lei­che ist schnell iden­ti­fi­ziert: Es han­delt sich um einen Jugend­li­chen aus dem Wein­ort Wal­luf. Kom­mis­sar May­feld von der Wies­ba­de­ner Kri­mi­nal­po­li­zei, der im Nach­bar­ort Elt­ville und dadurch mit den Ört­lich­kei­ten bes­tens ver­traut ist, lei­tet die Ermitt­lun­gen. Schnell fin­det er her­aus, dass Patrick Schön­hell, zusam­men mit ande­ren Jugend­li­chen aus dem Rhein­gau im nor­ma­ler­weise für die Öffent­lich­keit unzu­gäng­li­chen Was­ser­turm von Schloss Voll­rads eine Fete gefei­ert hat. Die Ermitt­lun­gen kon­zen­trie­ren sich auf die Teil­neh­mer die­ser Fete und beson­ders auf Johan­nes Flie­der, der sich aber so gut wie gar nicht an die Nacht erin­nern kann, in der Schön­hell ums Leben kam, weil er an die­sem Tag dem Alko­hol zu sehr zuge­spro­chen hatte.

Interessante formale Handlungsgestaltung

Roland Stark - Glarean Magazin
Roland Stark

So weit, so ein­fach. Aber dann kommt Bewe­gung in die Sache, als Clara Flie­der, die Mut­ter des Haupt­ver­däch­ti­gen, ihren Mann, einen rei­chen Unter­neh­mens­be­ra­ter als ver­misst mel­det. Und auch for­mal gewinnt der Roman, indem Pas­sa­gen in die Hand­lung ein­ge­fügt wer­den, in denen Clara Flie­der, sowie ihre Halb­schwes­ter, Manuela, genannt Ele, zu Wort kom­men. Clara ist eine eher kon­ven­tio­nelle Frau, die alles dafür tun möchte, dass ihre heile Welt mit Ehe­mann, Sohn, Villa und Por­sche Cayenne vor den Wid­rig­kei­ten des Lebens bewahrt blei­ben. Ele dage­gen hat ein Ver­hält­nis mit ihrem Schwa­ger, Cla­ras Mann, ebenso wie mit ihrem Halb­bru­der Edu­ard. Sowohl Edu­ard als auch Manuela woh­nen auf dem Grund­stück der Flie­ders, und so ist natür­lich zumin­dest Manuela ver­däch­tig, mit dem Mord an Patrick Schön­hell und dem Ver­schwin­den von Phil­lip Flie­der etwas zu tun zu haben.

Indizien-Lieferantin in Rheingau-Mordfall: Robert Schumanns Klavier-Phantasie op. 16
Indi­zien-Lie­fe­ran­tin im Rhein­gau-Mord­fall: Robert Schu­manns Kla­vier-Phan­ta­sie op. 16 „Kreis­le­riana“ (1. Takt)

Über­haupt drängt sich, je wei­ter man liest, desto stär­ker der Ver­dacht auf, dass mit die­ser Fami­lie etwas ganz und gar nicht stimmt, und dass der Mör­der ganz bestimmt nicht der Gärt­ner war, den es hier aller­dings auch nicht gibt. Nur nach aus­sen ist Phil­lip Flie­der der kor­rekte Unter­neh­mens­be­ra­ter und ver­läss­li­che Fami­li­en­mensch, der seine Radier­gum­mis in Reih und Glied legt und seine Hüte kata­lo­gi­siert. Bei nähe­rem Ein­blick, den wir über Kom­mis­sar May­feld bekom­men, stellt sich her­aus, dass Phil­lip Flie­der ein Freund sado­ma­so­chis­ti­scher Spiele ist und ganz neben­bei auch noch einen Win­zer durch fal­sche Bera­tung in den Ruin getrie­ben hat. Genug Gründe also, den Mann mit den zwei Gesich­tern ver­schwin­den zu lassen.
Aber was hat das wie­derum mit dem Tod von Patrick Schön­hell zu tun? Der Kom­mis­sar ver­folgt eine Menge Spu­ren, die sich aber am Ende alle­samt als falsch erwei­sen. Die Lösung ist über­ra­schend und ziem­lich unkonventionell.

Handlungsort voll alten Adels und neuen Reichtums

Roland Stark arbei­tet in sei­nem „rich­ti­gen Leben“ als Psy­cho­the­ra­peut im Rhein­gau und ver­steht somit eine Menge von der mensch­li­chen (oder viel­leicht sage ich bes­ser: von der bür­ger­li­chen) Psy­che, die natür­lich im wohl­ha­ben­den Rhein­gau, wo es immer noch eine Menge alten Adels und neuen Reich­tums gibt, eine nicht uner­heb­li­che Rolle spielt. Auch die Land­schaft mit ihren Orten kann er gut beschrei­ben, und als Lieb­ha­ber des Rhein­gaus ertappt man sich immer wie­der bei der Frage, wel­ches Vor­bild er zum Bei­spiel für die Villa Gru­ber, das Wohn­haus der Fami­lie Flie­der, wohl genom­men haben könnte. (Für Insi­der: ent­we­der das Hotel „Zum Schwa­nen“ oder eine der ein­zel­nen Vil­len zwi­schen Wal­luf und Eltville).

Roland Stark ist mit "Tod in zwei Tonarten" ein schöner und interessanter Kriminalroman gelungen, in dem viele Themen gekonnt miteinander verknüpft werden. Man muss nicht unbedingt ein Fan des Rheingaus sein, um dieses Buch mit Genuss zu lesen.
Roland Stark ist mit „Tod in zwei Ton­ar­ten“ ein schö­ner und inter­es­san­ter Kri­mi­nal­ro­man gelun­gen, in dem viele The­men gekonnt mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den. Man muss nicht unbe­dingt ein Fan des Rhein­gaus sein, um die­ses Buch mit Genuss zu lesen.

Aber Stark ver­steht auch etwas von Musik, und die spielt eine wich­tige Rolle in die­sem Roman. Vor allem die „Kreis­le­riana“ von Robert Schu­mann, ein schwie­ri­ges Kla­vier­stück, das man – laut Stark – nur als exzel­len­ter Pia­nist spie­len kann, taucht im Roman immer wie­der auf und spielt am Ende auch eine über­ra­schende Rolle bei der Lösung des ver­zwick­ten Falls. Nun höre ich zwar selbst gern klas­si­sche Musik, (auch Robert Schu­mann), aber die­ses Stück habe ich erst durch den Autor kennengelernt.
Roland Stark ist ein schö­ner und inter­es­san­ter Kri­mi­nal­ro­man gelun­gen, in dem viele The­men gekonnt mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den. Man muss nicht unbe­dingt ein Fan des Rhein­gaus sein, um die­ses Buch mit Genuss zu lesen. ♦

Roland Stark: Tod in zwei Ton­ar­ten, Rhein­gau Krimi, 300 Sei­ten, Emons Ver­lag, ISBN 978-3897057272

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Ein Kommentar

  1. Seit mei­nem ers­ten Urlaub im Rhein­gau 2005 – damals im „Schwan“ – bin ich beken­nen­der Fan die­ses Land­strichs. heuer waren nun die Kri­mis von Roland Stark unsere Beglei­ter. Es stimmt: Man sucht die Vor­bil­der, freut sich über kuli­na­ri­sche Tipps, genießt die psy­cho­lo­gi­schen Fines­sen und bekommt Lust auf ein Mehr. Ein­fach gelungen!

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