F. Chiquet & M. Affolter: Die Pazifistin (Dokumentarfilm)

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Die vergessene Heldin:
Gertrude Woker

von Katka Räber

Was sagt es über die Schweizer Gesellschaft aus, wenn eine der ersten Hochschul-Professorinnen Europas und – seit Beginn des 20. Jahrhunderts – eine unerschrockene Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen und für den Frieden vollkommen von der Geschichtsschreibung und auch von der eigenen Familie vergessen worden ist? Die Rede ist von der Bernerin Gertrud Woker (1878-1968), der ersten Chemie-Professorin im deutschsprachigen Europa, der kämpferischen Pazifistin aus Überzeugung und unerschrockenen Feministin aus Leidenschaft.

Die Solothurner Filmtage 2021, an denen „Die Pazifistin“ uraufgeführt wurde, erwähnen richtig, dass Gertrud Woker zu „Unrecht aus dem historischen Gedächtnis gestrichen wurde: Sie setzte sich als eine der ersten Professorinnen Europas beharrlich für Frauenrechte und Frieden ein. Geschlechterdiskriminierung und Kriegstreibereien zum Trotz forderte sie Konventionen ihrer Epoche heraus und wurde zu einer Inspiration selbstbestimmter Frauen, dazumal wie heute.“

Die Pazifistin - Gertrud Woker - Eine vergessene Heldin - Film-Rezensionen - GLAREAN MAGAZIN„Die Pazifistin“ der beiden Filmemacher Fabian Chiquet und Matthias Affolter ist ein politisch und menschlich hochbrisanter Dokumentarfilm, der eine wichtige historische Persönlichkeit, eine unangepasste, intelligente Frau aus der vollkommenen Vergessenheit filmisch aus der Versenkung der Geschichte holt. In Form einer spannenden Collage aus Animationsstücken, Interviews einer Historikerin, mehrerer Verwandter und aufgrund historischern Filmdokumente wird die ganze Epoche um die Jahrhundertwende vor während und nach dem Ersten Weltkrieg aufgerollt.

Porträt einer ganzen Epoche

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Anhand auch von schriftlichen Dokumenten, von Tagebüchern und von Gedichten aus der Feder der Chemikerin wird die damalige Gesellschaft porträtiert. Der Film ist spannend wie ein guter Krimi und genauso traurig und schockierend darin, wie unbequeme und andersdenkende Persönlichkeiten systematisch diffamiert und zum Schweigen gebracht werden können, sogar von der eigenen Familie. Wir erfahren im Film vieles über die damalige erste Frauenbewegung, die sich fürs Frauenstimmrecht und für Frauenanliegen bei der Schul- und Berufsbildung der Frauen einsetzte, insbesondere an den Universitäten. So wurde bereits damals „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gefordert – was eigentlich schockiert, denn diese Forderung ist auch heute immer noch eine nicht eingelöste…

Wissenschaftliche Pionierin

Ihr politischer Kampf verbaute Gertrud Woker zunächst die vielversprechende Universitätskarriere, denn die Männer auf den hohen Posten setzten sich gegen die fortschrittliche Frau durch. Erstere machten sich lustig über sie, auch als Woker als Wissenschaftlerin bereits 1911 das Zusammenlegen von Chemie und Biologie vorschlug. (Heute ist Biochemie ein wichtiges Fach). Es brauchte Jahrzehnte, bis sich Wokers Forderungen durchsetzen ließen; sie wurden schlussendlich dann von Männern vorgeschlagen und eingeführt….

Fabian Chiquet - Regisseur - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Regisseur Fabian Chiquet

Gertrud Woker setzte sich mutig und originell gegen den Krieg und den Einsatz von Nervengas ein. 1915, nach die Erfahrung des Ersten Weltkrieges, engagierte sie sich als Pazifistin am Internationalen Frauen-Friedenskongress in Den Haag, zu dem mehr als 1000 Frauen aus 12 Ländern anreisten. Woker wurde zur Mitbegründerin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, der auch die spätere Friedens-Nobelpreisträgerin Jane Addams (1931) und die Nationalökonomin Emily Greene Balch (1946) angehörten, beide amerikanische Soziologinnen und Feministinnen. Auch sie gerieten aus patriarchal-gesellschaftlichen Gründen praktisch in Vergessenheit.

Kritisch gegen das Militär

In den 1920er Jahren mietete die internat. Frauenliga einen Zug, in dem auch Gertrud Woker mitfuhr und zusammen mit anderen engagierten Frauen die US-Staaten bereiste, um für den Frieden zu werben. In der Schweiz wurde dieses Engagement der Gertrud Woker vom Nachrichtendienst beobachtet, und sie erhielt während des Zweiten Weltkrieges und sogar als 80-Jährige während des Kalten Krieges fichierte Einträge, weil sie sich kritisch über das Militär und die Aufrüstung äusserte.

Wollt ihr solche Frauen - Patriarchalisches Anti-Emanzipations-Plakat in den 1920er Jahren - Glarean Magazin
„Wollt ihr solche Frauen?“ Patriarchalisches Anti-Emanzipations-Plakat in den 1920er Jahren

Auch in ihrer eigenen Familie sprach man lieber nicht über die sich auflehnende Tante. Erst die Neffen, ihrerseits schon im Pensionsalter, begannen sich für das Leben ihrer totgeschwiegenen Verwandten zu interessieren. Nach dem Tode der hoch engagierten, aber verfemten Tante, Friedensaktivistin und Feministin der ersten Stunde verscharte man sogar ihre Urne heimlich, ohne Begräbnis, im Garten der Familie, wo man ihr erst später reumütig eine Gedenktafel  widmete…

Mitreißend und aufklärend

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Der Film reisst mit, er klärt politisch und gesellschaftlich auf, engagiert sich menschlich und ist auch cineastisch sehr spannend konzipiert. Er beantwortet viele Fragen wie beispielsweise: Wie konnte es so weit kommen, dass eine so hochintelligente und gebildete, moralisch engagierte und sozial kämpferische Wissenschaftlerin sogar in die Psychiatrie weggesperrt wurde? Welche patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen waren die Voraussetzung für eine derartige Diskreditierung unbequemer Frauen? Mit welchen politischen Mitteln beherrschte eine zurückgebliebene Männergesellschaft alle emanzipatorischen Bestrebungen überlegener Frauen?

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Ein wichtiger Streifen, der aufklärt und erhellt. Zugleich erhalten historisch Interessierte einen interessanten Einblick in die sozialen Mechanismen der Zeit vor 100 Jahren. Empfehlenswert. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Emanzipierte Frauen auch über Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé (Biographie)

Weitere Internet-Links zum Thema:

Lorenz Merz (Regie): Soul of a Beast (Schweizer Spielfilm)

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Wild, animalisch, schön, frei

von Katka Räber

Endlich konnte in Locarno wieder das Internationale Filmfestival – unter Corona-Schutzmassnahmen – über die Piazza Grande gehen. Welch eine Wohltat, welch ein Fest der Sinne! Für mich war diesmal der Spielfilm „Soul of a Beast“ des Regisseurs Lorenz Merz der herausragende Schweizer Beitrag.

Warum gehe ich ins Kino? Was erwarte ich von einem Kinobesuch? Was geben mir Filme? Mit Filmen kann ich reisen, auch ganz weit, ohne ins Flugzeug steigen zu müssen. Ein Kinobesuch ist immer billiger als jeder Easy-Jet-Flug – und für die Umwelt viel gesünder. Filme können mich in die entferntesten Landschaften entführen. Sie bringen mir fremde Kulturen, fremde Lebensarten, fremde Schicksale näher. Ich kann mich identifizieren – oder gerade umgekehrt: Meine Position differenzieren. Ich kann Empathie mit den Protagonist/Inn/en empfinden oder mich mit meiner Meinung abgrenzen. Filme regen mich an, liefern Diskussionsstoff, verleiten zum Träumen oder vermitteln mir neue Informationen, neue Lösungen von Lebensproblemen. Oder (last but not least) sie unterhalten mich und bringen mich auf neue oder andere Gedanken.

Jung, leidenschaftlich, authentisch

Filmfestival Locarno 2021 - Soul of a Beast - Movie Cover - Glarean MagazinVieles davon deckt für mich der herausragende Schweizer Film „Soul of a Beast“ ab, bei dem eigentlich nur die „schwizerdütschen“ Dialoge darauf hinweisen, dass es ein helvetischer Streifen ist.
Der Film ist jung, leidenschaftlich, schnell, authentisch und stark. Die Geschichten des jungen Mannes Gabriel, der als Teenie in Zürich Vater geworden ist und jetzt als alleinerziehender Jugendlicher seines ca. dreijährigen Sohnes zwischen Verantwortung und seiner jugendlichen Lebensfreude und Lust am Ausprobieren und Ausloten von Grenzen pendelt.

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Hierzu wird das Publikum auf eine hinreissende Art mitgenommen. Zoé, die ebenfalls noch nicht volljährige Mutter des kleinen Jaimie, ist im Gegensatz zum wilden Skateboardfahrer Gabriel, der zusammen mit seinem Freund Joel das urbane Zürich unsicher macht, ein verwöhntes Kind der Zürcher Goldküste und in ihrem steten Drogenrausch als Mutter nicht zu gebrauchen. Gabriel verliebt sich in die Freundin seines Freundes Joel, in die ungezähmte Corey, die gerade auf dem Sprung ist zu ihrem Vater nach Südamerika. Junges, wildes Verliebsein, Eifersucht und Gefühle von Verrat und Freundschaft, von Verantwortung und Traum.

Schöne junge Menschen im Gefühlschaos

Soul of a Beast - Schweizer Spielfilm - Ella Rumpf - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
„Schöne junge Menschen im Gefühlschaos“: Ella Rumpf und…

Ich habe selten diese Zerrissenheit von jugendlicher Unbekümmertheit, Risikobereitschaft und Verantwortung auch körperlich auf der Leinwand dargestellt gesehen und dadurch im eigenen Inneren als Erinnerung erlebt. Da stimmt der wilde Rhythmus, die Bilderfolge, hervorragend durch die Kamera eingefangen, die schauspielerische Leistung aller Mitwirkenden, einschliesslich des kleinen Jaimie.
Obwohl auch Drogen und grosse Gefahren eine Rolle spielen, schaut man den schönen jungen Menschen in ihrem Gefühlschaos gerne zu. Das fast animalische Gefühl des Wunsches nach Freiheit, das filmische Einfangen der jungen Sexualität und der Zerrissenheit zwischen Wunschträumen und Wirklichkeit sind sehr menschlich und feinfühlig dargestellt. Die Seele eines wilden Tieres schlummert in so manchem jungen Menschen. Wehe, wenn sie losgelassen…

Soul of a Beast - Schweizer Spielfilm - Pablo Caprez - Film-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
… Pablo Caprez im Schweizer Spielfilm „Soul of a Beast“ (2021)

„Soul of a Beast“ hätte ich sogar den Goldenen Leoparden gegönnt, was ich sonst praktisch noch nie bei Schweizer Produktionen in Erwägung gezogen habe. Wobei man sich keineswegs immer mit den Protagonisten identifizieren muss, um mit Sympathie und Empathie an ihrer Seite zu stehen. Es war der authentische Rhythmus und Ton der Bilder und die Echtheit der jungen Gefühle, die mich filmisch absolut überzeugt haben. Herausragend. ♦

Lorenz Merz (Regie): Soul of a Beast – Spielfilm, mit Pablo Caprez, Ella Rumpf, Luna Wedler, Tonatiuh Radzi u.a., 100 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Film auch über Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt

Thaïs Odermatt: Amazonen einer Grossstadt (Film)

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Kritik an überholten Gender-Vorstellungen

von Katka Räber

Mit dem Dokumentar-Film „Amazonen einer Großstadt“ der Schweizer Regisseurin Thaïs Odermann begeben wir uns in Berlin auf die Suche nach heldenhaften, kämpferischen Frauen, die den Mut haben, ihre Träume zu leben – heraus aus der traditionellen Rolle, eigenen Gesetzen und Vorstellungen folgend.

Amazonen einer Grossstadt - Film von Thais Odermatt - Rezensionen Glarean MagazinAmazonen, die weiblichen Kriegerinnen aus der Mythologie, die ihren eigenen weiblichen Staat regierten und von vielen männlichen Autoren immer wieder besungen wurden: Wie können sie heute, in unserer Gegenwart, aussehen und wirken? Thaïs Odermatt, die selber schon in ihrer Kindheit auch als Mädchen ihre Rechte und ihre Stellung gerne kämpferisch eroberte (wie sie zu Beginn des Films zeigt), lässt uns im spannenden Mix vier Frauen kennenlernen, von denen jede auf ihre Art einen Kampf führt.

Engagement für die Menschenrechte

  • Die älteste, die grauhaarige Irmela Mensah-Schramm geht als politisch engagierte Menschenrechtsaktivistin zu Fuss durch Berlin und übersprayt alle Neo-Nazi-Parolen und -Zeichen. Sie kratzt minutiös alle Kleber dieser Art ab und setzt so ihren Widerstand gegen die Nazi-Tendenzen um.
  • Die in Bangladesch in einem Abfallcontainer als Baby aufgefundene und in ein Spital und später in ein Kinderheim gerettete und nach Dänemark adoptierte Sara lebt heute als DJ That Fucking Sara in Berlin und setzt ihre Wut in Musik in Clubs auf der ganzen Welt ein. Daraus ergeben sich kraftvolle Beats, die viele Menschen beflügeln – und sie selber von der eigenen Wut auf die Lebensverhältnisse befreit.

Körperlich kanalisierte Wutentladung

  • Thais Odermatt - Schweizer Film-Regisseurin - Rezensionen Glarean Magazin
    Regisseurin Thais Odermatt (Geb. 1980 in Stans/CH)

    Auch die Ukrainerin Maryna Ivashko hat den unwiderstehlichen Drang nach körperlicher, gesteuerter, kanalisierter Wutentladung unter dem Einsatz von Kraft nach unerbittlichem Training und sogar brutalem Zweikampf des MMA (Mixed Martial Arts). Es war für mich schwierig, die brutalen Kämpfe, bei denen alle Kampfsporttechniken eingesetzt werden, anzuschauen. Interessant, wie unterschiedlich die Lebensenergie ausgelebt werden kann. Die ausdrucksschöne Maryna braucht, ihrer Aussage nach, diesen körperliche Kampf.

  • Ganz anders die vierte Protagonistin, die kurdische Ex-Guerillakriegerin Zilan, die als 13-Jährige von den Eltern in die Berge von Kurdistan als Freiheitskämpferin geschickt worden ist. Sie lebte zehn Jahre als Kämpferin und sagt jetzt, in Berlin lebend als die sanfte Mutter eines Babys, ein Gewehr in den Händen zu halten entmenschliche vollkommen. Es dürfe nie so weit kommen. Damals, als Guerillakriegerin, war sie bereit zu sterben. Jetzt will sie leben und helfen, die Zukunft positiv zu gestalten.

Die moderne Amazone

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Amazonen einer Grossstadt“ räumt auf mit der Vorstellung, alle Frauen seien nur sanft und zahm und ganz wut- und aggressionsfrei. Der Dokumentarfilm lädt ein zu einer sehr spannenden Auseinandersetzung mit überlieferten, konservativen Gendervorstellungen. Und es gibt sie auch heute noch, und heute erst recht: Die Amazonen, die mutigen, oft wütenden, engagierten Kämpferinnen für unterschiedlichste Anliegen – nicht nur in Berlin… ♦

Thaïs Odermatt (Regie): Amazonen einer Grossstadt, Dokumentarfilm, 66 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Film auch über R. & S. Zürcher: Das Mädchen und die Spinne (Spielfilm)

R. & S. Zürcher: Das Mädchen und die Spinne (Spielfilm)

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Trauerspiel im Dreivierteltakt

von Katka Räber

Die beiden Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher haben mit „Das Mädchen und die Spinne“ einen eigenwilligen Film über jetzige Beziehungen gedreht. Der Film wurde an der Berlinale 2021 mit dem Preis für die beste Regie in der Sektion Encounters ausgezeichnet. Begründung der Jury: „Die beeindruckende Ausführung einer rigorosen Inszenierung, welche die Mehrdeutigkeit jeder Figur mit Anmut, Humor sowie Raffinesse unterstützt und letztlich die Komplexität menschlicher Beziehungen umfasst.“

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Rezension Glarean MagazinWährend des Umzugs von Lisa, einer jungen Frau, aus einer WG und des Einzugs in ihre neue Wohnung, die sie nun alleine bewohnen will, entwickelt sich die Handlung, und auch die Charaktere der Protagonisten zeigen sich in verschiedenen Schattierungen. Die drei Aristotelischen Einheiten von Ort, Handlung und Zeit, hier an zwei Tagen, werden eingehalten. Bloss einige Erinnerungssequenzen ergänzen die Handlung. In jeder der beiden Wohnungen geht es sehr chaotisch zu, ich hätte da nicht dabeisein wollen. Ganz viele Helfer, Handwerker, Lisas Mutter, andere Hausbewohner und auch Kinder aus den beiden Wohnhäusern handeln und sprechen durcheinander, was es aber auch wiederum leichtfüssig macht – ein wenig im Stil von manchen älteren, stilisierten französischen Filmen.

Gefilmte Stillleben

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Obwohl das Beziehungsnetz der Figuren durch kleine Dialog-Episoden ausgeklügelt ist, habe ich mit keiner der Personen mitgefiebert. Sie blieben mir fern, fremd und nicht besonders sympathisch, auch wenn die jungen Menschen schön anzuschauen waren. Aber durch die stilisierte Verfremdung und Überhöhung der Gesprächsfetzen blieben alle auf Distanz. Auch untereinander, obwohl sie einst Freunde gewesen sein wollen. Dies war wohl die Aussage der möglichen Beziehungsmuster. Mir kam das vor, als hätte ich in einer Ausstellung interessante, schön gefilmte Stillleben angeschaut.

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Szenen-Foto - Rezension Glarean Magazin
„Alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt“: Szenen-Foto aus „Das Mädchen und die Spinne“

Die Figuren sollten sicher die Einsamkeit eines jeden Einzelnen zeigen. Jede und jeder wühlt scheinbar im eigenen Schlamm, macht vielleicht sogar Witzchen, alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt. Wie in Tschechowschen Theaterstücken, nur halt in die Gegenwart versetzt, wo alle einsam und unglücklich sind – oder ein bisschen ratlos, obwohl sie vorgeben, einander geliebt zu haben. Wahrscheinlich war es das, was die Euphorie des Berlinale-Publikums hervorrief.

Lange Blicke rätselhafter Figuren

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Als ich aus dem Kinosaal kam, war ich schlecht gelaunt. Während dem Film habe ich mich sogar ein bisschen gelangweilt, was mir sehr selten passiert, da ich Beziehungsfilme liebe. Und lustig müssen sie auch nicht sein, aber ein wenig Humor sollte nicht fehlen. (Scheinbar gab es ihn ja, ich habe ihn aber nicht entdeckt). „Das Mädchen und die Spinne“ ist eher ein zeitgenössisches Trauerspiel im Dreivierteltakt – die Melodie eines bekannten Walzers begleitet einen durch den ganzen Film. Immerhin: Rhythmus hat der Streifen, und die langen Blicke der rätselhaften Figuren bleiben mir im Gedächtnis… ♦

Ramon Zürcher & Silvan Zürcher (Regie): Das Mädchen und die Spinne, Spielfilm, Deutschland 2021, mit Henriette Confurius, Liliane Amuat, Ursina Lardi u.a.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Beziehungs- und Liebesfilme auch über Christian Petzold: Undine

Charité – Staffel 3 der ARD-TV-Serie

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Menschlich glaubwürdig gestaltet

von Katka Räber

Arzt-Serien haben berechtigterweise nicht nur einen guten Ruf, wenn es um die früheren Götter in Weiß geht. Ein Krankenhaus ist aber, ähnlich wie ein Hotel oder eine Schule, ein idealer Ort für immer wieder neue Schicksale und spannende Begegnungen, die nicht nur Klischees bedienen müssen. In der ARD-Serie über das 300-jährige Berliner Krankenhaus Charité wurde kein fiktives Spital gewählt, sondern ein besonders geschichts- und geschichtenträchtiges.

Die „Charité“-Serien-Filme weisen eine hohe filmische und schauspielerische Qualität auf und vor allem sehr viel dokumentiertes, historisches Potential. Die ersten beiden Staffeln spielten sich ab in den Jahren 1888 und dann in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges.
Die Ereignisse der 3. Staffel konzentrieren sich auf die Monate vor und nach dem Mauerbau 1961, und sie widerspiegeln sehr eindrücklich die Atmosphäre der geteilten Stadt und die Stimmung der Menschen in der DDR. Dadurch bietet die Serie nicht nur spannende Unterhaltung anhand von menschlichen Schicksalen, sondern auch historische, politische Dokumentation.

Geschichtlich eindrückliche Fall-Beispiele

Charité Film-Kritik - Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten - Rezensionen Glarean Magazin
Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten: Die Charité zu Zeiten des Berliner Mauerbaus

Die Protagonisten sind nicht nur fiktives Personal, sondern es werden echte, berühmte Persönlichkeiten der Wissenschaft dargestellt. Der damalige Stand der Medizin wird durch eindrückliche Fallbeispiele gezeigt und durch die politische Situation sehr interessant dramaturgisch auch auf der Gefühlsebene wiedergegeben. Wir folgen den Tatsachen, dass z.B. erst 1960/61 die Polio-Impfung erfunden und gegen die Kinderlähmung parallel im Westen und in der Sowjetunion entwickelt wurde. Die Impfung wurde im Ostblock sogar früher als im Westen großflächig eingesetzt, was man hier durch einen Krankheitsfall vorgeführt bekommt.

Wir werden Zeugen von vielen anderen Krankheitsverläufen, an denen man beispielsweise zeigt, dass die Planwirtschaft oft Wichtiges verpasste und dadurch z.B. Einweghandschuhe Mangelware waren oder dass es manchmal zu verheerenden Engpässen in der Lieferung von Penicillin kam.
Sehr interessant ist der Bezug zur heutigen Corona-Situation, was das Impfen betrifft. Auch in unserer Zeit wird der medizinische Fortschritt mit der Politik verwoben, es gibt Engpässe in der Versorgung mit Gesichtsmasken, und auch die Verteilung vom Impfstoff ist im Moment ein Politikum.

Politische Einmischung in die Medizin

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Im Zusammenhang mit dieser Serie war ich neugierig auf historische Tatsachen, die die Charité betreffen. Nach dem Krieg war die Klinik zu 90 Prozent zerstört und wurde in der DDR wieder aufgebaut. Die Stasi beteiligte sich maßgeblich am Aufbau des Charité-Personals und fürchtete den Verrat von Forschungsgeheimnissen an den sogenannten Klassenfeind. Daher mischte sich das Ministerium für Staatssicherheit nach Mitbestimmung ein, wenn es darum ging, wer Karriere machen durfte oder wer überhaupt für Auslandsreisen an Kongresse in Frage kam. Es war ja nicht möglich, aus der DDR auszureisen.

Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher - Otto Prokop - Glarean Magazin
Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher: Gerichtsmediziner Otto Prokop

Zwei der Hauptprotagonisten der Serie, wie z.B. der österreichische Gerichtsmediziner Prof. Otto Prokop und die Kinderärztin und Neonatologin Dr. Rapoport sind beide auch mit dieser Thematik konfrontiert. Prokop war als Gerichtsmediziner auch für die Obduktionen der Todesopfer an der Berliner Mauer zuständig und trug durch sein Schweigen dazu bei, dass es der DDR gelang, Todesumstände und Todesursachen der Maueropfer zu vertuschen. Nach außen legte er aber Wert auf politische Unabhängigkeit und war nie Mitglied in einer Partei.
Die Kinderärztin Ingeborg Rapoport war Mitglied in der SED und sehr überzeugt von der Ideologie, die sie auch nach dem Mauerfall noch verteidigte. Ihr bewegtes Schicksal wäre auch einen Film wert.

Die Kombination des Menschlichen mit der damals so dramatischen politischen Realität des Kalten Krieges und der medizinischen Entwicklung macht die glaubwürdig gestaltete Serie hoch spannend und sehenswert. ♦

Charité – Geschichten von Leben und Tod, TV-Serie, Sender ARD

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Politik und Film auch über Julia von Heinz: Und morgen die ganze Welt

Scott Frank: Damengambit (Schach-Spielfilm)

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Dramengambit

Stefan Walter

Damengambit (Schach-Film) - Glarean MagazinPlötzlich sind wir cool.
Der Spiegel schreibt, die FAZ, die Zeit.
Da geht es nur um eine Kleinigkeit:
Mädchen sitzt auf Stuhl.

Kleines Waisenkind;
bei all dem Mist, den es er-, überlebt,
bei all der Tragik, die das Drehbuch webt:
Mädchen zieht, gewinnt.

Sympathie genügt.
Anstelle alter Männer, kaltem Rauch,
was sonst gibt das Klischee uns? Glatze? Bauch?
Mädchen strahlt und siegt.

Alle werden schwach.
Vorbei die Eifersucht, der Streit, der Neid,
es ist Zweitausendzwanzig, es wird Zeit:
Eine Frau spielt Schach!


Christian Petzold: Undine (Film)

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Die Abgründe der Liebe

von Katka Räber

Undine, die Wasserfrau, Rusalka oder der Wassergeist… Wenn sie sich in einen Menschen verliebt und dieser die Liebe durch Untreue verrät, muss sie, der Sage nach, den Geliebten töten und selber wieder ins Wasser zurückkehren. Christian Petzold schuf mit „Undine“ einen Film über die Abgründe der Liebe, die nicht nur im Alltäglichen liegen, die viel tiefer, in der Unterwelt, in den Untiefen, in den alten Mythen liegen, in denen auch erträumte Wahrheiten stattfinden. Und er besetzt die beiden Hauptprotagonisten mit den Darstellern aus seinem erfolgreichen Film ‚Transit’.

Undine - Spielfilm von Christian PetzoldDie heutige Undine ist bei Regisseur Christian Petzold eine junge Kunsthistorikerin, die öffentliche Vorträge über die Stadtentwicklung von Berlin hält. Wir erfahren sogar einige Fakten über die Rekonstruktion des Schlosses aus dem 17. Jahrhundert, wobei die Vergangenheit in die Gegenwart gehievt wird und damit, wie gesagt, echten Fortschritt unmöglich macht.
In der ersten Szene sehen wir Undine, der ihr bisheriger Freund mitteilt, er werde sie verlassen. Lange Einstellungen, fast wortlos, die Blicke sprechen für sich. Undine warnt ihren scheidenden Freund Johannes, sie müsse ihn töten, falls er sie verlässt, denn er hätte geschworen, sie bis ans Lebensende zu lieben. Da kommt die Sage ins Spiel, die schon von Friedrich de la Motte Fouqué, von Ingeborg Bachmann, in der Musik von Peter Tschaikowski oder von Antonín Dvořák aufgegriffen wurde.

Filmisch meisterhafte Magie

Undine - Christian Petzold - Film 2020 - Rezension Glarean Magazin
Das (Unter-)Wasser als Verbindungselement einer leidenschaftlichen Liebe im Film „Undine“ von Christian Petzold

Durch einen glücklichen Zufall trifft bei Petzold der Industrietaucher Christoph in einem Café die gerade verlassene Undine und er zerschlägt in seiner verliebten Zerstreutheit durch ein Missgeschick ein Aquarium, und von da an verbindet das Element Wasser die beiden mit einer leidenschaftlichen Liebe. Die Szenen, in denen realistische Begebenheiten des Alltag in Bildmagie umgewandelt werden, sind hier filmisch meisterhaft vom Kameramann Hans Fromm umgesetzt.
Spannend und sehr sinnlich entwickelt sich diese neue Liebe zwischen Undine und dem Industrietaucher. Das Element Wasser verbindet die beiden Liebenden auf eine schicksalhafte Weise, metaphorisch und real. Doch mit der Zeit ahnt Christoph, dass Undine ein Geheimnis trägt. Undine bestreitet dies, was sie später bereut, doch es wirkt sich schicksalhaft auf die Weiterentwicklung aus.

Unterschiedliche Liebesformen

Zur gleichen Zeit hat Christoph einen schweren Berufsunfall, und Christophs Assistentin Monika, die ihn schon lange heimlich liebt, erweist sich als seine treue Begleiterin. In Gestalt dieser beiden Frauen treffen zwei unterschiedliche Liebesformen aufeinander. Realistische und traumhafte Bilder im Wasser des Stausees wie auch auf dem Trockenen lassen uns dieses sich zuspitzende Liebesdrama nicht so schnell vergessen.

Glaubwürdige Schauspiel-Präsenz

Regisseur Christian Petzold - Film Undine 2020 - Film-Rezensionen Glarean Magazin
Märchenhaftes, doch glaubwürdiges Liebesdrama: Regisseur Christian Petzold

Undine, verkörpert von Paula Beer, die man z.B. aus dem Film „Frantz“ von François Ozon, aber auch wie bereits erwähnt aus Petzolds „Transit“ kennt, dort auch bereits an der Seite von Franz Rogowski, der hier sehr glaubwürdig den feinfühligen Industrietaucher wiedergibt, sowie seine Taucherassistentin Monika, von Maryam Zaree dargestellt. Sie alle tragen durch ihre glaubwürdige Schauspielpräsenz zum Gelingen dieses Mythenstoffes bei, der ein Liebesdrama schildert, leidenschaftlich und glaubwürdig, trotz seiner Märchenhaftigkeit, an die heutige Zeit angepasst. Ein Film voller Zärtlichkeit und vielschichtiger Anspielungen an die Geheimnisse der Liebe. Spannend, sexy, tiefgründig und aufwühlend zugleich. ♦

Christian Petzold (Regie): Undine (2020) – Spielfilm 90 Min – Mit Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaree, Jacob Matschenz

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Spielfilm auch über „And Then We Danced“ von Levan Akin

Levan Akin: And Then We Danced (Film)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Ein Georgien voller Lebensfreude

von Katka Räber

Der in Schweden lebende 40jährige Regisseur Levin Akin kehrt mit seinem neuen Film „And Then We Danced“ zu den Wurzeln seiner Eltern zurück und behandelt eindrücklich die Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne im jetzigen Georgien. Ein Film voller Lebenskraft, Jugendlichkeit, Sinnlichkeit und Tanz. Und das alles in der Hauptstadt Georgiens, in Tiflis, wo das nationale georgische Staatsballett hart an den traditionellen Tänzen trainiert.

Levan Akin: And Then We Danced - Georgien 2019 (Film-Rezension)Der junge Tänzer Merab tanzt seit seiner Jugend in diesem Corps, er geht in den Fussstapfen seiner Eltern, die zwar als Startänzer und Solosängerin ebenfalls an der Spitze der Kunstszene gestanden hatten, heute aber ein trauriges Dasein fristen. Der Vater verkauft an einem Flohmarkt, und die Mutter lebt ihre Depression nur noch zu Hause aus. Und doch bedeutet für Merab das Tanzen das Leben. Seit seiner Kindheit tanzt er mit der gleichen Tänzerin, die sich auch im Leben als seine Freundin sieht.

Jugendlichkeit zwischen Tradition und Moderne

And Then We Danced - Levin Akin - Film-Rezensionen - Glarean Magazin
„Hinreissendes gesellschaftspolitisches Kunsterlebnis voller Lebensgefühl“: „Szene aus „And Then We Danced“

Alles wird erschüttert und in Frage gestellt, als der lebensfrohe und ebenfalls sehr tanzbegabte Irakli im Ensemble auftaucht, der sich schnell als Konkurrent von Merab entpuppt. Der traditionelle Nationaltanz in besonderen Kostümen duldet keine sinnlichen Anspielungen, das Training ist streng und hart.
Im Gegensatz dazu erleben wir sehr sinnlich die jugendliche Körperlichkeit des Ensembles und auch das private Alltagsleben seiner Mitglieder. Vor diesem Hintergrund erwachen natürlich auch sexuelle Begehrlichkeiten nicht nur zwischen den Tanzpaaren, sondern auch unverhofft zwischen den beiden Hauptprotagonisten und Rivalen.
Dies alles wird sehr feinfühlig, aber auch vielschichtig dargestellt. Wir nehmen teil an georgischen Trink- und Essgewohnheiten, an der georgischen Freude an Festivitäten, aber auch am sparsamen, bescheidenen Alltags- und Familienleben.

Hinreissendes politisches Kunsterlebnis

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Die beiden Hauptprotagonisten Levan Gelbakhiani und Bachi Valishvili tanzen hinreissend, sind aber auch sehr überzeugende Schauspieler. Der Film wird damit zu einem allumfassenden, auch gesellschaftspolitischen Kunsterlebnis und zu einer Kinoreise ins ferne Georgien, das sicher vom Humor und von der Menschlichkeit her gar nicht so weit entfernt liegt. In der ursprünglichen „Kulisse“ des traditionellen Tanzes wird ein jetziges, sprudelndes, aufbrechendes Lebensgefühl gezeigt, mit grosser Spannung auch zur Kirche, der jetzigen Moral.
Die jungen Leute sehen sich konfrontiert mit der ursprünglich abgelehnten Homosexualität und den tradierten Familienbanden, zwischen dem Druck der Tradition und der Sehnsucht nach Offenheit und Freiheit stehend, in der aber auch die eigenen Talente ausgelebt werden können.
Wie noch selten auf einer Leinwand erleben wir den prickelnden Wunsch nach Verbindung von Tradition und Moderne, natürlich und voller jugendlicher Lebensenergie, die sich auch aufs Publikum überträgt.

„And Then We Danced“ feierte letztes Jahr in Cannes Weltpremiere und wurde von Schweden als Oscarbeitrag eingereicht. ♦

Levan Akin: And Then We Danced, Georgien/Schweden 2019, 113 Minuten

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik und Film auch über „Glenn Gould – Genie und Leidenschaft“

… sowie zum Thema Homosexualität über Nini & Treadwell: Loving – Männer, die sich lieben (Fotoband)