H. Busche & Y. Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne?

Ungefähre Lesezeit für diesen Beitrag: 4 Minuten

Kleider machen Leute

von Heiner Brückner

Haben Moden trotz allen Strebens nach eindeutigen, klaren und festen Prinzipien in allen gesellschaftlichen Bereichen dennoch eine zentrale Bedeutung? Auf diese Frage könnte man die vielen Fragen der zwölf interdisziplinären Vorträge reduzieren, die ursprünglich anlässlich einer Tagung der Fern-Universität Hagen unter dem Titel „Moden der Kleidung – Moden des Geistes?“ gehalten wurden. Im Vortragskompendium „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ beackern die Professoren-Autoren den Begriff aus unterschiedlichen Fachwissensgebieten und Blickwinkeln. Diese Umfänglichkeit legt eine fokussierte abschließende Fundamentalantwort der innovativen vielschichtigen Einzelantworten nahe und regt zu intensiver Lektüre an.

Mode als Prinzip der Moderne - Cover - Rezension Glarean MagazinWissenschaftlich soll exploriert werden, ob in der modernen Gesellschaft die Mode durchgängig zu einem Prinzip geworden ist, welches deren innere Struktur prägt. Modernität als beherrschender Faktor der Selbstwahrnehmung gibt es bereits Mitte des 17. Jahrhunderts. Damals wurde die Maxime ausgegeben, dass man überall mit der Mode gehen soll – außer was die Moral betreffe.
Das „Unterworfensein unter die Moderne“ bezeuge unsere Schwachheit, schrieb Jean de la Bruyère 1688. Der Autor gilt als Moralist und wird zu den französischen Klassikern gerechnet. Unter Mode wird in den vorliegenden Untersuchungen überwiegend die Nachahmung gängiger Erscheinungsmuster des Begriffs von modus (Maß, Regel, Art und Weise), aber auch ihr periodischer Wechsel verstanden.

Interdisziplinäre Fragen und Antworten

Eine kurz gefasste Inhaltsangabe der einzelnen Aufsätze beziehungsweise Vorträge gibt nachfolgend einen Eindruck und Überblick auf den wissenschaftlichen Versuch, einen durch alle Lebensbereiche wirkenden Begriff in den Griff zu bekommen:

  • Der temporale Charakter der Kleidermode als kulturelle Praxis wird von Verena Potthoff in seiner symbolischen Funktion und sozialen Relevanz, die angeblich auch für den „Klassenkampf“ eingesetzt werden, beschrieben.
  • Modernisierung als Konsumgut schildert der Aufsatz von Irene Nierhaus über die Modernisierungen in der Wohnarchitektur vom „Gewand zur Wand“.
  • Sich ständig entwickelnde Phänomene bleiben für Rainer Hartmann die Moden der Freizeitgestaltung.
  • Auch in den temporär beliebten Sportarten manifestiere sich der Zeitgeist, konstatiert Robert Gugutzer an sechs Moden des Sports.
  • Nachhaltigkeit von Mode als Produkt (Design) und Wirtschaftsform sieht Yvonne Förster in den wechselnden Bestimmungen des Körper-Geist-Verhältnisses.
  • Mode und Modernität findet Frank Hillebrandt den Schlüsselbegriff der Soziologie, der zum Symbol des Widerstandes wird, um unsere eigenen Lebensveränderungen zu reflektieren.
  • Paul Hoyningen-Huene klopft die umstrittene „Stringtheorie“ in der Physik ab und erkennt in ihr einen Indikator für Dissens innerhalb der naturwissenschaftlichen Gemeinschaft. Sein Fazit: ein „sachter Wandlungsprozess“.
  • In welchem Sinne Trends in den Geisteswissenschaften vorherrschen, behandelt Tim Rojek in seinem Beitrag. Er unterscheidet bewusste und unbewusste Mode und kommt zu der Schlussfolgerung: „Die Kenntnis und das Bewusstsein … kann uns helfen, klarer zu sehen und Geltungsfragen nicht mit Genesefragen … zu verwechseln.“
  • Gibt es auch „Moden der Künste?“, fragt Georg w. Bertram und antwortet einfach: „Selbstverständlich.“ Er erklärt seine naheliegende Antwort und lässt dann das große Aber folgen. Interessant ist sein Exkurs zur Kunstkritik, die die Symptomatik historisch-kulturell geprägter Lebensformen im Hinblick auf ihre zeitgemäßen Ansprüche charakterisiere.
  • Was in der Philosophie Moden bedeuten und ob sie vorhanden sind, könne „nicht über eindeutige sinnliche Kennzeichen registriert werden“, erläutert Hubertus Busche. Deshalb exemplifiziert er es an „Großmoden“, denn das „bloß Modische … ist kein Signum der philosophischen Moderne„.
  • Mode in der Religion - Papst-Gewänder - Glarean Magazin
    „Rein vestimärer Blick“ auf die Wechselwirkung von Religion und Mode: Das Schaufenster des offiziellen päpstlichen Kleider-Ausstatters Lorenzo Gammarelli in Rom

    Am Ende begibt sich Daria Pezzoli-Olgiati auf Spurensuche nach Moden in der Religion. Sie führt zunächst bildhaft die roten Papst-Mokassins, die muslimischen Käppchen bis zu den safranfarbigen buddhistischen Mönchsgewändern an. Vertieft dann religionswissenschaftlich aber auf unterschiedliche Aspekte der Wechselwirkung von Mode und Religion und erörtert „modische Tendenzen in der Religion als Repräsentation von Zugehörigkeit und Abgrenzung im öffentlichen Raum“ in rein „vestimentärer“ Sicht. Da es bei ihrem „besonderen Blick auf die Interaktion der Kommunikationssysteme Mode und Religion“ bleibt, wird für meine Begriffe das in der Fragestellung implizierte „sogar“ der Moden in der Religion (etwa in der Bibelauslegung oder den Kirchengesetzen) nicht einmal gestreift.

Mode als Prinzip moderner Gesellschaften

FAZIT: Die interdisziplinäre Anthologie „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ bietet eine differenzierte Erörterung der zahlreichen heterogenen Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters.

Weil es keine allgemeinverbindlich gültige Wahrheit gibt und keine begrenzenden Normen im Denken geben darf, kann auch dieser interdisziplinäre Fächer aus systematischen Antworten der unterschiedlichen Wissenschaftsbereiche keine klärende Gültigkeitsantwort liefern. Sie weiten im Gegenteil den Fokus, der sich auf das Thema Mode beschränkt, zu einem Weitwinkelbild fließender Übergänge und Konnexionen aus. Das bestätigt ihre Sozialfunktion als faktisches Gesetz, bekräftigt den Zusammenhang zwischen „Modizitätsbewusstsein“ und Mode im Verlaufe des Verlusts der „ewigen Wahrheiten“ nach der Aufklärung. Dynamik des Modebegriffs als „universales kulturelles Gestaltungsprinzip“ wird vom äußerlichen Goutieren bis hin zu theoretischen und auch sittlichen Überzeugungen beeinflusst.
Somit ist für mich ein „überraschendes Ergebnis“ dieser Erkundungen: Der Geist trägt „Kleidungen (…), in denen er soziale Bedürfnisse kommuniziert“, die es allerdings zu durchschauen gilt.
Ich bin geneigt zu folgern, sie tun es auch, weil es derzeit gängige Mode ist, sich nicht festzulegen. Somit ist dieser „interdisziplinäre Erkundungsgang“ über die „Mode als ein Prinzip der Moderne?“ ein beredtes Beispiel für die Verwirklichung des Themas in sich selbst. Mode ist und war eine Art Prinzip moderner Gesellschaften und wird es bleiben.

Zusammengefasst: Man könnte die Summe auch mit dem Schweizer Novellisten des poetischen Realismus Gottfried Keller (1874) in einen Satz fassen und hätte dann die Kernerkenntnis: „Kleider machen Leute“. Was im Vergleich zur Kurzformel des Poeten das detaillierte Schürfen in den verkrusteten Mode-Schichten der Vergangenheit an Mehrwert bietet, ist die wissenschaftliche Hintergrundanalyse in dieser ausführlichen Erörterung der Strömungstendenzen in den Gesellschaften und Menschen unseres Zeitalters. Dieses Werk schildert komplexe Verhaltensweisen, umgeht aber trotz vieler Worte und Erwägungen klare Festlegungen und lässt letztlich alles offen. ♦

Hubertus Busche und Yvonne Förster (Hrsg): Mode als ein Prinzip der Moderne? – Ein interdisziplinärer Erkundungsgang, 250 Seiten, Mohr Siebeck Verlag, ISBN 978-3-16-156339-3

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kultur und Gesellschaft auch über den Essay von
Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

…sowie zum Thema Mutation der Kultur über
Alessandro Baricco: Die Barbaren

Weitere Links zum Thema Mode und Gesellschaft

Der Glarean-Herausgeber bei Instagram:

Kommentare willkommen!