Gerhard Oberlin: Deutsche Seele – Ein Psychogramm

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 6 Minu­ten

Zum Teufel mit Melancholie und Sehnsucht

von Christian Busch

Hoher Schie­fer­fels in grün bewach­se­ner, roman­ti­scher Wein- und Bur­gen­land­schaft, grau-weiss gebleichte Wol­ken am bedeck­ten Him­mel, tief unten rauscht Vater Rhein, plät­schernde Wel­len, abgrün­dige Stru­del, das Ganze in dämm­ri­ges Abend­licht getaucht – das berühmte Lore­ley-Gemälde des rus­si­schen Malers Nico­lai von Astu­din als Buch-Cover kann durch­aus zur Lek­türe von Ger­hard Ober­lins jüngst erschie­ne­nem Psy­cho­gramm „Ich weiss nicht, was soll es bedeu­ten“ der deut­schen Seele ver­füh­ren. Es illus­triert wesent­li­che Züge der deut­schen Seele: Sehn­sucht, Melan­cho­lie und die Lust am Untergang.

Gerhard Oberlin - Ich weiss nicht was soll es bedeuten - Deutsche Seele - Ein Psychogramm - Cover - MagazinEin Lese­buch über die deut­sche Seele könnte man­chem als red­un­dan­ter Ana­chro­nis­mus erschei­nen, leben wir doch längst in einer digi­tal-media­len, glo­bal ver­netz­ten Gesell­schaft, in der die Seele nur noch als kon­sum­tech­nisch rele­van­tes Ziel­ob­jekt von Inter­esse zu sein scheint. Wo darf man das Deut­sche und womög­lich „rein deut­sche“ Wesen suchen? Wohl gar in einer mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft, wel­che, durch­setzt von meh­re­ren Ein­wan­de­rer­ge­nera­tio­nen, kaum noch etwas mit dem einst berüch­tig­ten deut­schen Volk gemein hat? „Fack ju Göhte“ oder was? Oder in den grö­len­den „Schland“-Schlachtgesängen deut­scher Fuss­ball­fans, die als ein­zige in schwarz-rot-gol­de­ner Bier­se­lig­keit dem Natio­nal­stolz frö­nen? Und doch hof­fent­lich nicht in den neo­na­zis­ti­schen Paro­len alter­na­ti­ver Reichsbürger…

Fehlende Bewusstseinsträger

Philosoph Theodor W. Adorno ("Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch") versus Lyriker Paul Celan ("Der Tod ist ein Meister aus Deutschland")
Phi­lo­soph Theo­dor W. Adorno („Nach Ausch­witz ein Gedicht zu schrei­ben, ist bar­ba­risch“) ver­sus Lyri­ker Paul Celan („Der Tod ist ein Meis­ter aus Deutschland“)

Viel­leicht ist die Frage nach der deut­schen Seele des­halb gerade so wich­tig, weil es ihr im media­len Ein­heits­brei an Bewusst­seins­trä­gern fehlt. Denn Paul Cel­ans Fest­stel­lung „Der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land“ und Ador­nos lapi­da­res Fazit, dass man nach Ausch­witz kein Gedicht mehr schrei­ben könne, läu­te­ten zwar nicht das Ende der Aus­ein­an­der­set­zung mit der deut­schen Seele ein, mar­kie­ren aber gewich­tige Brems­klötze: Die Stunde Null war gefragt – und mit ihr eine ganze Kul­tur­na­tion vor der Ver­nich­tung. Ganz recht stellte Thea Dorn 2011 in Bezug auf die deut­sche Seele in der ZEIT fest: „Wir haben sie ver­leug­net und ver­lo­ren. Aber ohne sie sind wir hilf­los. Zeit, sie wie­der zum Leben zu erwecken.“

Auch des­halb wird, wer sich auf Ober­lins psy­cho­ana­ly­tisch begrün­de­ten, lite­ra­risch bele­se­nen, kul­tur­ge­schicht­lich phä­no­me­na­len und wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Weg begibt, es nicht bereuen. Denn was – um nur einige zu nen­nen – bei­spiels­weise Albrecht Dürer, Mar­tin Luther, Wil­helm Mül­ler, Goe­the und Heine bis hin zu Leips „Lili Mar­leen“ ver­bin­det, muss für jeden Deut­schen, dem seine Seele – indi­vi­du­ell oder auch natio­nal-kul­tu­rell – wich­tig ist, von Inter­esse sein. Hier ist Ober­lin ein glü­hen­der Ver­fech­ter des see­li­schen Bewusst­seins, das der see­len­lo­sen „Gemüts­be­sof­fen­heit“ (Nietz­sche) den Kampf ansagt.

Zerrissene deutsche Seele

Reise durch die deutsche Seelen-Landschaft von Albrecht Dürer ("Melancholia") - über Martin Luther ("Eine fest Burg ist unser Gott") bis zu Helene Fischer ("Atemlos")
Reise durch die deut­sche See­len-Land­schaft von Albrecht Dürer („Melan­cho­lia“) – über Mar­tin Luther („Eine fest Burg ist unser Gott“) bis zu Helene Fischer („Atem­los“)

Denn zwei­fel­los ist die deut­sche Seele in ihrer Zer­ris­sen­heit Schau­platz wider­stre­ben­der Kräfte, wie Fried­rich Höl­der­lins ele­gi­scher Cha­rak­ter Hype­rion es wohl am schärfs­ten und ein­dring­lichs­ten for­mu­liert hat: „Bar­ba­ren von Alters her, durch Fleiss und Wis­sen­schaft und selbst durch Reli­gion bar­ba­ri­scher gewor­den, tief­un­fä­hig jedes gött­li­chen Gefühls, ver­dor­ben bis ins Mark […], in jedem Grad der Über­trei­bung und der Ärm­lich­keit belei­di­gend für jede gut­ge­ar­tete Seele, dumpf und har­mo­nie­los, wie die Scher­ben eines weg­ge­wor­fe­nen Gefäs­ses – […]. Es ist ein har­tes Wort, und den­noch sag‘ ich’s, weil es Wahr­heit ist: ich kann kein Volk mir den­ken, das zer­riss­ner wäre, wie die Deutschen.“

Und so folgt man Ober­lin gerne auf sei­ner lite­ra­ri­schen Reise durch die deut­sche See­len- und Kul­tur­land­schaft, die mit Albrecht Dürers Kup­fer­stich „Melan­cho­lia I“ (1514) ein­setzt. Vom Stre­ben des Unvoll­kom­me­nen nach Voll­kom­men­heit ist da zu lesen, von Kunst- und Arbeits­per­fek­tio­nis­mus ver­sus Erkennt­nis­stre­ben. Und wir stau­nen, dass wir sofort in medias res der Tugen­den und Untu­gen­den des blon­den Ger­ma­nen gelan­gen, der mit akri­bi­scher Gründ­lich­keit und Dis­zi­plin nach hohem Ideal strebt und des­halb in des „Teu­fels Küche“ (nicht erst Faust) gerät. Wir fol­gen Ober­lin u.a. über Luthers „Feste Burg“, Goe­thes „Faust“ und Wil­helm Mül­lers „Lin­den­baum“, ohne Erich Käst­ners „Sach­li­che Romanze“ aus­sen vor zu las­sen, bis hin zu Helene Fischer.

Vergangenheitslastiges Psychogramm

Seicht-verkitschte Vertonung von Heinrich Heine's "Ich weiss nicht was solles bedeuten" durch Friedrich Silcher
Seicht-ver­kit­schende Ver­to­nung durch Fried­rich Sil­cher von Hein­rich Heine’s abgrün­di­gem „Ich weiss nicht was soll es bedeuten“

Einen Höhe­punkt stellt das Kapi­tel über Hei­nes berühm­tes und titel­ge­ben­des Gedicht „Ich weiss nicht, was soll es bedeu­ten“ dar, das mit Fried­rich Sil­ch­ers eben seich­ter und span­nungs­lo­ser („Jeder­manns-Sen­ti­men­ta­li­tät“) Ver­to­nung gna­den­los abrech­net. Es geht Ober­lin eben nicht um ober­fläch­li­che Ver­drän­gungs­ge­müt­lich­keit, son­dern um das Bewusst­sein eines abgrün­di­gen, exis­ten­ti­el­len Dilem­mas uner­füll­ter Liebe, das er sowohl mytho­lo­gisch kennt­nis­reich wie auch in Hei­nes Bio­gra­phie zu orten weiss.
Schwä­chen zei­gen sich eher am Ende des zwei­fel­los ver­gan­gen­heits­las­ti­gen Psy­cho­gramms, wenn der Autor sich, statt sich der Lite­ra­tur des 20. Jahr­hun­dert zu wid­men, von der Lite­ra­tur ab- und der Kul­tur des deut­schen Schla­gers und der deut­schen Fuss­ball­fan-Kul­tur zuwendet.

FAZIT: Ger­hard Ober­lins kul­tur­phi­lo­so­phi­scher Dis­kus­si­ons­bei­trag „Ich weiss nicht was soll es bedeu­ten“ ist eine wich­tige Ver­öf­fent­li­chung zu einem wich­ti­gen Thema. Sein Buch ist höchst lesens­wert, weil es erstaun­li­che, bezie­hungs­rei­che Erkennt­nisse über das Wesen des Deut­schen in kon­zen­trier­ter und zuge­spitz­ter Form bietet.

Spä­tes­tens bei der Behaup­tung, der Frau­en­fuss­ball sei in punkto „Dra­ma­tik, Kom­bi­na­ti­ons­fluss, Tak­tik…“ dem Spiel der männ­li­chen Mil­lio­näre über­le­gen, muss an der Objek­ti­vi­tät des Autors gezwei­felt wer­den – oder ist es nur feh­len­der Fuss­ball-Sach­ver­stand? Zwar ana­ly­siert Ober­lin auch hier scho­nungs­los gro­tesk anmu­tende Miss­ver­hält­nisse in den „faschis­ti­schen“ Struk­tu­ren eines gesell­schaft­li­chen Mil­lio­nen­ge­schäf­tes. Den Leser lässt er jedoch nach so viel Luther, Heine und Goe­the etwas rat­los zurück, der eine Ver­knüp­fung, Zusam­men­fas­sung, ein Fazit oder wenigs­tens einen Aus­blick ver­misst. Eine deut­sches Ende in Melancholie?

Das Deutsche zwischen Barbarei und Genialität

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Ger­hard Ober­lins kul­tur­phi­lo­so­phi­scher Dis­kus­si­ons­bei­trag ist – trotz der ange­spro­che­nen Schwä­chen am Ende – eine wich­tige Ver­öf­fent­li­chung zu einem wich­ti­gen Thema. Sein Buch ist dabei höchst lesens­wert, weil es erstaun­li­che, bezie­hungs­rei­che Erkennt­nisse über das Wesen des Deut­schen in kon­zen­trier­ter und zuge­spitz­ter Form bie­tet. Ohne ein end­gül­ti­ges und fer­ti­ges Bild der deut­schen Seele zeich­nen zu wol­len, gelingt ihm eine kluge Annä­he­rung an den ambi­va­len­ten, zwi­schen Bar­ba­rei und Genia­li­tät facet­ten­reich schim­mern­den Deut­schen. Damit legt er ein unge­heu­res see­li­sches Poten­tial frei, das nicht zu nut­zen unver­zeih­lich wäre. In Zei­ten der media­len Gleich­schal­tung und Nivel­lie­rung wird so man­cher die­sen Text zu sei­ner Ver­ge­wis­se­rung gebraucht haben. ♦

Ger­hard Ober­lin: Ich weiss nicht, was soll es bedeu­ten – Deut­sche Seele – Ein Psy­cho­gramm, 168 Sei­ten, Ver­lag Königs­hau­sen & Neu­mann, ISBN 9783826067716

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Kul­tur­ge­schichte auch über Deut­sche Gesell­schaft: Brau­chen wir eine Leitkultur?

… sowie über Ales­san­dro Baricco: Die Bar­ba­ren – Über die Muta­tion der Kultur

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