Musik-Psychologie: Chorgesang und kognitive Fähigkeiten

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Chorsingen fördert emotionale und intellektuelle Kompetenzen

von Walter Eigenmann

Die positiven neurologischen Effekte des Musizierens mit einem Instrument sind in der Kognitionswissenschaft umfangreich untersucht und breit belegt: Aktives Instrumentalspiel kann die kognitive Flexibilität verbessern, d.h. die Fähigkeit, den Fokus zwischen verschiedenen Denkprozessen zu regulieren und zu wechseln.
Die kognitiven Vorteile des Chorsingens hingegen wurden bisher von der Forschung vernachlässigt. Dies ändert sich nun mit einer Studie der Universität von Helsinki, die kürzlich in der Zeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Sie gibt klare Hinweise darauf, dass der Chorgesang ähnliche Vorteile wie das Spielen eines Instruments mit sich bringt.

Die Ergebnisse der Forscher um die finnische Psychologin und Therapeutin Emmi Pentikäinen zeigen, dass gerade ältere Sänger/innen eine bessere verbale Flexibilität hatten als jene Teilnehmer der Kontrollgruppe, die das Chorsingen nicht als Hobby hatten. Dabei gilt als erwiesen, dass verbale Flexibilität auch eine bessere kognitive Flexibilität widerspiegelt.

Chorgesang - Singen im Verein - Dirigent mit Sängerinnen und Sängern - Chorkonzert auf der Bühne - Glarean MagazinDamit unterstützen die neuen Erkenntnisse aus Helsinki die entspr. früheren Ergebnisse: „Chorgesang hat vergleichbar positive Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen zumal älterer Menschen wie das Instrumental-Spiel. Und unsere entspr. Befunde erweitern unser Verständnis darüber, wie verschiedene Aktivitäten auch im späteren Leben die Kognition beeinflussen können“, meint Pentikäinen.

Stärkeres Sozialgefühl dank Chorsingen

Die Studie untersuchte weiter den möglichen Nutzen des Chorsingens für das emotionale sowie das soziale Wohlbefinden älterer Menschen. Dabei zeigte die Auswertung entspr. Fragebögen, dass diejenigen, die über einen längeren Zeitraum (mehr als 10 Jahre) in einem Chor gesungen hatten, ein größeres soziales Zusammengehörigkeitsgefühl empfanden als jene mit weniger oder überhaupt keiner Erfahrung im Chorsingen.

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Interessant in diesem Zusammenhang: Jene Studienteilnehmer, die vor weniger als 10 Jahren mit dem Chorsingen begonnen hatten, waren insgesamt zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand als diejenigen mit längerer Gesangserfahrung oder diejenigen, die nicht in einem Chor sangen. Pentikäinen dazu: „Es ist möglich, dass die Menschen, die später im Leben einem Chor beigetreten sind, dadurch die Motivation gefunden haben, ihre Gesundheit durch einen aktiven und gesunden Lebensstil zu erhalten. Andererseits könnten sich die Beziehungen und sozialen Netzwerke, die durch die Chorzugehörigkeit bei denjenigen, die länger dabei waren, als fester Bestandteil ihres Lebens etabliert haben; daher auch das verstärkte Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit.“

Chorgesang erfordert komplexe Informationsverarbeitung

Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn
Ein Gespann, das die Wissenschaft immer wieder beschäftigt: Die Musik und das Gehirn

Das Altern bringt Veränderungen der kognitiven Funktionen sowie der physischen und sozialen Umgebung des Einzelnen mit sich, die sich alle auf sein Wohlbefinden auswirken. Und da die Bevölkerung immer älter wird, wird es immer wichtiger, Wege zur Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität älterer Erwachsener zu finden. Laut Pentikäinen bietet nun gerade der Chorgesang eine gute Möglichkeit, das Wohlbefinden älterer Menschen zu unterstützen, da es flexible exekutive Funktionen und die Regulierung der Aufmerksamkeit erfordert:

„Chorsingen ist in der Praxis einfach und mit geringem Aufwand zu betreiben. Es ist eine Aktivität, die eine vielseitige Informationsverarbeitung erfordert, da sie die Verarbeitung verschiedener sensorischer Reize, die Motorik im Zusammenhang mit der Stimmproduktion und -kontrolle, die sprachliche Leistung, das Erlernen und Einprägen von Melodien und Texten sowie die Emotionen, die durch die gesungenen Stücke geweckt werden, kombiniert“, halten die Forscher fest. ♦

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Charité – Staffel 3 der ARD-TV-Serie

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Menschlich glaubwürdig gestaltet

von Katka Räber

Arzt-Serien haben berechtigterweise nicht nur einen guten Ruf, wenn es um die früheren Götter in Weiß geht. Ein Krankenhaus ist aber, ähnlich wie ein Hotel oder eine Schule, ein idealer Ort für immer wieder neue Schicksale und spannende Begegnungen, die nicht nur Klischees bedienen müssen. In der ARD-Serie über das 300-jährige Berliner Krankenhaus Charité wurde kein fiktives Spital gewählt, sondern ein besonders geschichts- und geschichtenträchtiges.

Die „Charité“-Serien-Filme weisen eine hohe filmische und schauspielerische Qualität auf und vor allem sehr viel dokumentiertes, historisches Potential. Die ersten beiden Staffeln spielten sich ab in den Jahren 1888 und dann in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges.
Die Ereignisse der 3. Staffel konzentrieren sich auf die Monate vor und nach dem Mauerbau 1961, und sie widerspiegeln sehr eindrücklich die Atmosphäre der geteilten Stadt und die Stimmung der Menschen in der DDR. Dadurch bietet die Serie nicht nur spannende Unterhaltung anhand von menschlichen Schicksalen, sondern auch historische, politische Dokumentation.

Geschichtlich eindrückliche Fall-Beispiele

Charité Film-Kritik - Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten - Rezensionen Glarean Magazin
Medizin inmitten politischer Umbruchzeiten: Die Charité zu Zeiten des Berliner Mauerbaus

Die Protagonisten sind nicht nur fiktives Personal, sondern es werden echte, berühmte Persönlichkeiten der Wissenschaft dargestellt. Der damalige Stand der Medizin wird durch eindrückliche Fallbeispiele gezeigt und durch die politische Situation sehr interessant dramaturgisch auch auf der Gefühlsebene wiedergegeben. Wir folgen den Tatsachen, dass z.B. erst 1960/61 die Polio-Impfung erfunden und gegen die Kinderlähmung parallel im Westen und in der Sowjetunion entwickelt wurde. Die Impfung wurde im Ostblock sogar früher als im Westen großflächig eingesetzt, was man hier durch einen Krankheitsfall vorgeführt bekommt.

Wir werden Zeugen von vielen anderen Krankheitsverläufen, an denen man beispielsweise zeigt, dass die Planwirtschaft oft Wichtiges verpasste und dadurch z.B. Einweghandschuhe Mangelware waren oder dass es manchmal zu verheerenden Engpässen in der Lieferung von Penicillin kam.
Sehr interessant ist der Bezug zur heutigen Corona-Situation, was das Impfen betrifft. Auch in unserer Zeit wird der medizinische Fortschritt mit der Politik verwoben, es gibt Engpässe in der Versorgung mit Gesichtsmasken, und auch die Verteilung vom Impfstoff ist im Moment ein Politikum.

Politische Einmischung in die Medizin

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Im Zusammenhang mit dieser Serie war ich neugierig auf historische Tatsachen, die die Charité betreffen. Nach dem Krieg war die Klinik zu 90 Prozent zerstört und wurde in der DDR wieder aufgebaut. Die Stasi beteiligte sich maßgeblich am Aufbau des Charité-Personals und fürchtete den Verrat von Forschungsgeheimnissen an den sogenannten Klassenfeind. Daher mischte sich das Ministerium für Staatssicherheit nach Mitbestimmung ein, wenn es darum ging, wer Karriere machen durfte oder wer überhaupt für Auslandsreisen an Kongresse in Frage kam. Es war ja nicht möglich, aus der DDR auszureisen.

Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher - Otto Prokop - Glarean Magazin
Medizin-Koryphäe und Polit-Vertuscher: Gerichtsmediziner Otto Prokop

Zwei der Hauptprotagonisten der Serie, wie z.B. der österreichische Gerichtsmediziner Prof. Otto Prokop und die Kinderärztin und Neonatologin Dr. Rapoport sind beide auch mit dieser Thematik konfrontiert. Prokop war als Gerichtsmediziner auch für die Obduktionen der Todesopfer an der Berliner Mauer zuständig und trug durch sein Schweigen dazu bei, dass es der DDR gelang, Todesumstände und Todesursachen der Maueropfer zu vertuschen. Nach außen legte er aber Wert auf politische Unabhängigkeit und war nie Mitglied in einer Partei.
Die Kinderärztin Ingeborg Rapoport war Mitglied in der SED und sehr überzeugt von der Ideologie, die sie auch nach dem Mauerfall noch verteidigte. Ihr bewegtes Schicksal wäre auch einen Film wert.

Die Kombination des Menschlichen mit der damals so dramatischen politischen Realität des Kalten Krieges und der medizinischen Entwicklung macht die glaubwürdig gestaltete Serie hoch spannend und sehenswert. ♦

Charité – Geschichten von Leben und Tod, TV-Serie, Sender ARD

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Politik und Film auch über Julia von Heinz: Und morgen die ganze Welt


 

Neurowissenschaft: Musik und Gefühle

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Gehirnforschung über glückliche und traurige Musik

von Walter Eigenmann

Dass Musik (jeder Couleur) beim Menschen starke und unterschiedlichste emotionale Reaktionen auslösen kann, ist bekannt; Musik und Gefühle sind eng gekoppelt. Doch wie sind diese psychischen Mechanismen neuronal lokalisiert? Finnische Forscher der Universität Turku um Vesa Putkinen gingen dieser Frage in einer Studie mit 102 Probanden nach.

Die Studie, Ende Dezember 2020 im englischen Cerebral Cortex Journal publiziert, wurde im nationalen finnischen PET-Zentrum durchgeführt. Dabei hörten 102 Versuchspersonan Musik, die Emotionen hervorruft, während ihr Gehirn mittels Funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) gescannt wurde.

Instrumentalmusik von ängstlich bis zärtlich

Magnetresonanztomographie fMRT - Visualisierung der neuronalen Regionen - Glarean Magazin
Visualisierung der neuronalen Regionen mittels Magnetresonanztomografie

Die Ausgangslage präsentierte sich gemäss Putkinen folgendermaßen: „Musik kann ein starkes subjektives Erleben von Emotionen hervorrufen, aber es ist umstritten, ob diese Reaktionen die gleichen neuronalen Schaltkreise aktivieren wie Emotionen, die durch biologisch bedeutsame Ereignisse hervorgerufen werden.
Wir untersuchten die funktionelle neuronale Basis von musikinduzierten Emotionen. Hierzu bekamen die Probanden emotional ansprechende – sprich: fröhliche, traurige, ängstliche und zärtliche – Instrumentalstücke zu hören, während ihre hämodynamische Hirnaktivität gemessen wurde“.

Musik-Karte des Gehirns

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Die Forscher nutzten einen maschinellen Lernalgorithmus, um zu kartieren, welche Gehirnregionen aktiviert werden, wenn die verschiedenen musikinduzierten Emotionen voneinander getrennt werden. Forschungsleiter Vesa Putkinen: „Anhand der Aktivierung des auditorischen und motorischen Kortex konnten wir genau vorhersagen, ob die Versuchsperson glückliche oder traurige Musik hörte. Der auditorische Kortex verarbeitet die akustischen Elemente der Musik, wie Rhythmus und Melodie. Die Aktivierung des motorischen Kortex wiederum könnte damit zusammenhängen, dass Musik bei den Zuhörern Gefühle der Bewegung auslöst, selbst wenn sie Musik hören, während sie in einem fMRT-Gerät stillhalten“.

Emotionen-Vergleich bei Musik und Film

Kernspintomograph MRT - Glarean Magazin
Kernspintomograph

Weiter fanden die Forscher um Putkinen heraus, welche Hirnregionen aktiviert werden, wenn die Versuchsteilnehmer stark emotionale Videos ansehen, um zu testen, ob die gleichen Regionen auch beim Hören von emotionaler Musik stimuliert werden.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die von Filmen und Musik hervorgerufenen Emotionen zum Teil auf dem Betrieb unterschiedlicher Mechanismen im Gehirn beruhen:

„Filme aktivieren zum Beispiel die tieferen Teile des Gehirns, die Emotionen in realen Situationen regulieren. Das Hören von Musik aktivierte diese Regionen nicht stark, und ihre Aktivierung trennte auch nicht die musikinduzierten Emotionen voneinander. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Filme die realen Ereignisse, die Emotionen hervorrufen, realistischer nachbilden können und somit die angeborenen Emotionsmechanismen aktivieren.

Musik kann zu Tränen rühren - Glarean Magazin
Musik kann zu Tränen rühren

Was die musikinduzierten Emotionen betrifft, so basieren sie auf den akustischen Eigenschaften der Musik und sind durch kulturelle Einflüsse und die persönliche Geschichte gefärbt.“

Vesa Putkinen und sein Team fassen ihre Studie zusammen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass verschiedene musikinduzierte Basisemotionen unterschiedliche Repräsentationen in Regionen haben, die die auditive Verarbeitung, die motorische Kontrolle und die Interozeption unterstützen, aber nicht stark auf limbische und mediale präfrontale Regionen angewiesen sind, die für Emotionen mit Überlebenswert entscheidend sind.“ ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musikforschung auch: Musizieren fördert das mathematische Denken (Pädagogische Studie)

… sowie zum Thema Musikpsychologie: Das Mikrotiming im Rhythmus – Was bringt den Jazz wirklich zum Swingen?

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Pädagogik-Studie: Musizieren fördert das mathematische Denken

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Wissenschaftliches Plädoyer für eine ganzheitliche Schulbildung

Wie Musik das mathematische Denken beeinflusst

von Walter Eigenmann

Eine umfangreiche Meta-Studie des amerikanischen Musikpädagogen und -Therapeuten Prof. Dr. Martin Bergee von der Universität Kansas weist erstmals einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen musikalischen und mathematischen bzw. sprachlichen Leistungen bei Schülern nach. Nach Bergee ist erwiesen: Musizieren fördert das mathematische Denken.

Musik und Mathematik - Arithmetique et Musique - Glarean Magazin
François Bonnemer: Arithmetique et Musique (Paris 17. Jh.)

Postuliert wurde von diversen Disziplinen wie Musik-Neuropsychologie, Musik-Pädagogik und Musik-Kultursoziologie ja schon lange, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Musikausübung und kognitiver Leistung bestehe. Dieser angenommenen direkten Assoziation stand Studien-Autor Bergee allerdings zu Beginn seiner entspr. Forschungen eher skeptisch gegenüber.
Originalton Bergee: „Es gibt seit langem die Vorstellung, „dass diese Bereiche nicht nur zusammenhängen, sondern dass es eine Ursache-Wirkung-Beziehung gibt – dass man, wenn man in einem Bereich besser wird, per se auch in einem anderen Bereich besser wird. Je mehr man sich mit Musik beschäftigt, desto besser werde man in Mathematik oder Lesen sein. Doch das war mir schon immer suspekt“.
Bergee weiter: „Ich habe vielmehr geglaubt, dass die Beziehung korrelativ und nicht kausal ist: Ich wollte zeigen, dass es wahrscheinlich eine Reihe von Hintergrundvariablen gibt, die die Leistung in jedem akademischen Bereich beeinflussen – insbesondere Dinge wie das Bildungsniveau der Familie; wo der Schüler lebt; ob er weiß oder nicht weiß ist; etc“.

Überraschend starke Relation Musik-Mathematik

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Kurzum, Bergee’s Intention war zu Anfang seiner Meta-Studie zu zeigen, dass diese angenommene Relation „wahrscheinlich unecht“ sei, weil solche „Hintergrundeinflüsse die Haupttreiber solcher Relationen“ seien. Bergee ging also ursprünglich davon aus, dass der angebliche positive Effekt des Musizierens auf die mathematischen und sprachlichen Kompetenzen wegfällt, sobald von diesen demographischen u.a. Einflüssen abstrahiert wird. Damit wäre ein Zusammenhang zwischen musikalischen und mathematisch-kognitiven Leistungen bei Schülern widerlegt.

Die späteren Ergebnisse von Bergee’s Meta-Studie Multilevel Models of the Relationsip between Music Achievement and Math Achievement – publiziert Ende November 2020 im renommierten „Journal of Research in Music Education“ – zeigten nun aber statistisch signifikante Assoziationen zwischen Musik- und mathematischen Schulleistungen. Bergee: „Zu meiner großen Überraschung sind sie nicht nur nicht verschwunden, sondern die Beziehungen sind wirklich stark.“

Vielfältige Einflüsse der kognitiven Entwicklung

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Dabei sei das seinen Studien zugrundeliegende Design keine einfache Sache gewesen, „weil es Einflüsse gibt, die auf verschiedenen Ebenen passieren können. Es kann ein Einfluss auf der Ebene der einzelnen Person sein, aber es gibt auch Einflüsse, die auf der Ebene des Klassenzimmers, der Schule und des Schulbezirks passieren können, und diese sind hierarchisch. Das beinhaltet eine komplizierte Reihe von Analysen“.

Bergee konkreter: „Vielleicht teilt die musikalische Unterscheidung auf einer eher mikroskopischen Ebene – Tonhöhen, Intervalle, Metren – eine kognitive Basis mit bestimmten Mustern der Unterscheidung in der Sprache. In ähnlicher Weise teilen sich vielleicht die eher makroskopischen Fähigkeiten der modalen und tonalen Zentrumsunterscheidung einen psychologischen oder neurologischen Raum mit Aspekten der mathematischen Kognition. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie weisen zumindest auf diese Möglichkeit hin.“

Wider das modulare Erziehungsmodell

Musik und Gehirn: Wie genau wirken sich Musikhören und Musizieren auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen aus? - Glarean Magazin
Wie genau wirken sich Musikhören und Musizieren auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen aus?

In einem kürzlichen Interview führte Bergee weiter aus: „Basierend auf den Ergebnissen ist der Punkt, den wir zu machen versuchten, dass es wahrscheinlich allgemeine Lernprozesse gibt, die allen akademischen Leistungen zugrunde liegen, egal in welchem Bereich. Musikalische Leistungen, mathematische Leistungen, Leseleistungen – es gibt wahrscheinlich allgemeinere Prozesse des Geistes, die in jedem dieser Bereiche zum Tragen kommen“.

Damit appelliert Musik-Forscher Bergee an eine gesamtheitliche Förderung der kognitiven Erziehung. Bergee: „Wenn es also Ihr Ziel ist, die Person zu erziehen – den Geist der Person zu entwickeln -, dann müssen Sie die ganze Person erziehen. Mit anderen Worten: Lernen ist vielleicht nicht so modular, wie man oft denkt.“

Nicht unterrichten, sondern entwickeln

Jugend und Musik - Musizieren und Entwicklung - Glarean Magazin
Ganzheitliche Entwicklung mit Hilfe der Musik

Das impliziere mehr, als Kinder einfach in Fächer zu unterrichten: „Man muss sie in diesen Fächern entwickeln„. Damit will Bergee nicht sagen, dass das Erlernen von Musik notwendigerweise die Mathematik- oder Lese-Leistungen eines Kindes verbessert. Aber soviel lasse sich behaupten: „Wenn Sie wollen, dass sich der Verstand eines jungen Menschen – oder eines jeden Menschen – entwickelt, dann müssen Sie ihn auf allen Wegen entwickeln, auf denen er entwickelt werden kann. Man kann nicht einige Arten des Lernens anderen Arten des Lernens opfern, aus welchen Gründen auch immer, sei es finanziell oder gesellschaftlich.“ ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Musik und Schule auch über Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?

Ausserdem zum Thema Musikwissenschaft: Die auditiv-sensorische Synchronisation – Über die Fähigkeit des Takthaltens

… sowie zum Thema Musikschule das Pamphlet von Jürg Seiberth: Die Musik braucht die Schule nicht!


Musik-Psychologie: Klang und Timing (Studie)

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Das rhythmische Zentrum des Klangs

von Walter Eigenmann

„Für unseren Gesamteindruck von Musik ist es sehr wichtig, dass die Details stimmen“, sagt die Musikwissenschaftlerin Anne Danielsen vom RITMO-Zentrum für interdisziplinäre Studien über Rhythmus, Zeit und Bewegung an der Universität Oslo. Gemeinsam mit ihrem Forscherkollegen Guilherme Schmidt Câmara sucht sie in ihrem Forschungsprojekt „Timing und Sound“ nach Antworten auf diese Details: „In Bezug auf Klang und Timing gibt es einige Grundregeln, an die sich die meisten Musikschaffenden halten. Nur wenige wissen jedoch, was sie rhythmisch tatsächlich tun, um es richtig klingen zu lassen“.

„Wenn wir mit Musikern und Produzenten sprechen, wird klar, dass sie die Klänge einfach automatisch anpassen, um das richtige Timing zu erreichen – das ist eine Form von implizitem Wissen“, sagt Câmara. Um nun dieses Wissen expliziter zu machen, haben die Forscher die Faktoren untersucht, die beeinflussen, wann wir ein Klanggeschehen wahrnehmen. Sie haben ein Muster gefunden und festgestellt, dass unsere Wahrnehmung des Timings eng mit der Qualität des Klangs zusammenhängt – ob er nun weich oder scharf, kurz oder lang und wackelig ist oder nicht.

Wann „geschieht“ ein Ton?

Anne Danielsen und Guilherme Schmidt Camara - Musikwissenschaftler Oslo Norway - Glarean Magazin
Prof. Dr. Anne Danielsen und Guilherme Schmidt Camara

Es ist wichtig, die Klänge aller Instrumente so zu timen, dass die Musik gut klingt, aber die verschiedenen Töne werden nicht unbedingt gespielt, wenn man sie hört. „Wissenschaftler sind bisher davon ausgegangen, dass wir das Timing zu Beginn eines Klangs wahrnehmen, haben aber nicht kritisch darüber reflektiert, was passiert, wenn die Klänge unterschiedliche Formen haben“, sagt Danielsen. Denn ein Klang habe ein rhythmisches Zentrum: „Wenn Sie sich eine Schallwelle vorstellen, befindet sich dieses Zentrum in der Nähe der Spitze der Welle, und Ihre Wahrnehmung, wo sich der Schall zeitlich befindet, ist tatsächlich dort oben, und nicht dort, wo er beginnt.

Rhythmische Zentren verschiedener Klänge

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„Wenn der Ton scharf ist, fällt der Anfang mit diesem rhythmischen Zentrum zusammen. Bei einem längeren und wackeligeren Klang nehmen wir wahr, dass sich das Zentrum lange nach dem eigentlichen Beginn des Klangs befindet.
Um einen Takt zu schlagen oder zusammen in einer Band zu spielen, müssen sich die Musiker aufeinander einstimmen, um es richtig zu machen: „Wenn man einen leisen Klang hat und möchte, dass er genau auf dem Schlag zu hören ist, dann muss man ihn etwas früher platzieren, damit man ihn auch so erleben kann“, sagt Danielsen.

Experimente zu den Strategien der Musiker

Um dies zu untersuchen, hat Câmara kontrollierte Experimente mit erfahrenen Gitarristen, Bassisten und Schlagzeugern durchgeführt. Ihnen allen wurde eine rhythmische Referenz gegeben, ein einfaches Groove-Pattern, das in vielen Genres zu finden ist. Dann wurden sie gebeten, auf drei verschiedene Arten mitzuspielen: Entweder direkt im Takt, ein wenig hinter oder ein wenig vor dem Takt“, erklärt sie. Auf diese Weise konnte sie testen, wie sie das Timing der verschiedenen Klänge wahrnehmen und wie sie spielen, um die Klänge auf einen Takt zu timen. Nach den Experimenten fragten sie die Musiker, was sie versucht hatten.

Klang dem Timing angepasst

Musikwissenschaft - Studie Klang und Timing 2020 - Orchester-Streicher-Gruppe - Glarean Magazin
Ob Samba, Sinfonik oder Hip-Hop: „Jedes Genre hat sein charakteristisches mikrorhythmisches Profil und seine grundlegenden psychoakustischen Regeln“

Diese benutzten ihre eigenen Worte, indem sie sagen, dass sie „langsamer“ oder „stärker“ spielen, wenn sie nach dem Takt zielen. „Dies passt gut zu dem, was wir als ein Muster der Beeinflussung des Klangs und nicht nur seines Orts sehen“, meint Danielsen. Sie weist darauf hin, dass das Timing des eigenen Spiels nach einem Takt etwas ist, das alle Musiker üben, also etwas, worüber jeder nachdenkt. „Sie sind sich jedoch viel weniger bewusst, wie sie den Klang nutzen, um Timing-Unterschiede zu kommunizieren“.

Musiker manipulieren Klang und Zeit

Die Forscher glauben, dass unsere Wahrnehmung von Schall in der Zeit auf grundlegenden psychoakustischen Regeln beruht, also darauf, wie das Gehirn Schallsignale wahrnimmt. Alle Musiker berücksichtigen diese mehr oder weniger festgelegten Regeln, aber wie sie das tun, hängt davon ab, in welches Genre ihr Spiel fällt.
„Jedes Genre hat ein charakteristisches mikrorhythmisches Profil. Samba hat sein eigenes, EDM hat sein eigenes, Hip-Hop hat ein anderes“, sagt Danielsen.

Musik-Computer - Audio-Software - Mischpult und Künstliche Intelligenz - Glarean Magazin
„Musiker am Computer erhöhen rhythmische Präzision durch Jonglieren mit den Klängen“

Bei der Musikproduktion sieht der Produzent den Klang vor sich auf dem Bildschirm und kann die Musik drehen und wenden, indem er die Beziehung der Klänge zueinander bewegt: „Produzenten, die am Computer einen Groove erzeugen, wissen das. Sie bewegen Klänge im Takt hin und her und denken: ‚Wenn ich ihn dort hinstelle, funktioniert er, und wenn ich ihn dort hinstelle, funktioniert er nicht‘. Sie lernen also durch Erfahrung, und wenn etwas präzise klingen soll, müssen sie mit den Klängen ein bisschen herum jonglieren“.

Die menschliche Qualität in der KI-Musik

Die norwegischen Forscher glauben, dass unser Wissen darüber, wie verschiedene Arten von Schall das Timing beeinflussen, zur Entwicklung von Software genutzt werden könnte, die künstliche Intelligenz zur Erzeugung von Musik verwendet. „Wir können eine Sequenz bereits grooviger und menschlicher gestalten, so dass sie nicht völlig mechanisch klingt. Wenn wir mit einem programmierten Takt beginnen, dann können die Algorithmen die Klänge leicht bewegen, um den Stil zu beeinflussen. Wenn der Algorithmus auch die Form des Klangs berücksichtigt, können wir eine noch breitere Palette an rhythmischen Bedingungen erhalten, die die Musik auf ästhetisch ansprechendere Weise gestalten können“, sagt Câmara.

Spielraum für Fehler

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Denn wenn wir live spielen, wollen wir einen Spielraum für Fehler, wir sind keine Maschinen: „Es gibt immer ein gewisses Mass an Asynchronität“, sagt Câmara, der selbst Musiker ist. Obwohl es sich um winzige Verschiebungen handle, habe der Mensch ein geschultes Ohr dafür, mit Hilfe von Schall etwas in der Zeit zu platzieren: „In manchen Kontexten können 10 bis 20 Millisekunden ausreichen, um einen Unterschied zu hören. Wir müssen uns dessen nicht völlig bewusst sein, aber wir können es fühlen“.

Anne Danielsen weist darauf hin, dass dies nicht nur für Menschen gilt, die mit Musik arbeiten. „Im Vergleich zu dem, was wir mit unseren Augen wahrnehmen, ist unsere Präzision in Bezug auf Zeit und Klang äußerst präzise. Das macht uns sehr empfindlich für räumliche Klangunterschiede. Aber auch beim Hören von Stimmenunterschieden – ob jemand wütend, traurig, glücklich oder verärgert ist – verwenden wir feinmaschige Audioinformationen, um zu interpretieren, was diese Stimme tatsächlich vermittelt“, sagt sie. „Es mag unglaublich klein und unbedeutend erscheinen, aber in Wirklichkeit ist es eine sehr wichtige Information für uns“.

Musik fordert sensorische Grenzen heraus

Musik-Pop-Band - Gesang und Instrumente - Sound und Timing - Glarean Magazin
„Wenn man einen leisen Klang hat und möchte, dass er genau auf dem Schlag zu hören ist, dann muss man ihn etwas früher platzieren, damit man ihn auch so erleben kann“

Danielsen ist der Meinung, dass die Tatsache, dass die Musikforschung uns in die Lage versetzt hat, psychoakustische Regeln zu entdecken, die sich darauf beziehen, wie das menschliche Gehirn Schall wahrnimmt, etwas über die Bedeutung der Musikforschung aussagt. „Wir tun in der Musik extreme Dinge. Indem wir die Grenzen dessen ausloten, was wir ästhetisch ansprechend finden können, testen wir auch unseren Wahrnehmungsapparat. Man könnte sagen, dass Musik ständig mit unseren Sinnen experimentiert. Deshalb ist Musik ein gutes Forschungsthema, um herauszufinden, wie wir Klang wahrnehmen, wie wir zuhören und wie wir ihn zeitlich strukturieren“. ♦

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Musikwissenschaft: Die auditiv-motorische Synchronisation

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Über die Fähigkeit des Takthaltens

von Walter Eigenmann

Wie können Menschen sicher die Strasse überqueren, während sie den Gegenverkehr hören? Wie können sie zu neuer Musik tanzen oder Team-Synchronisierungen wie z.B. beim Rudern durchführen? Kurz: Wie koordinieren Menschen ihre Handlungen mit den Geräuschen, die sie hören? Die auditiv-motorische Synchronisation ist Gegenstand einer Studie unter der Leitung von Forschern an der kalifornischen McGill University um Caroline Palmer. Sie wirft ein neues Licht darauf, wie auditorische Wahrnehmung und motorische Prozesse zusammenwirken.

Takthalten – mehr als nur Bewegung oder gutes Zuhören

Musik-Neurologische Forschung - Elektroenzephalografie EEG - Glarean Magazin
Musik-Neurologische Forschung mittels Elektroenzephalografie: Messung von Gehirnströmen bei kognitiv-motorischen Prozessen

In einem kürzlich im Journal of Cognitive Neuroscience erschienenen Artikel konnten die Forscher unter der Leitung von Caroline Palmer, einer Professorin der McGill-Abteilung für Psychologie, neuronale Marker der Schlagwahrnehmung von Musikern identifizieren. Überraschenderweise entsprachen diese Marker nicht der Fähigkeit des Musikers, einen Schlag zu hören oder zu produzieren – nur seiner Fähigkeit, sich mit ihm zu synchronisieren.

„Die Autoren sind als ausführende Musiker mit musikalischen Situationen vertraut, in denen ein Interpret nicht korrekt im Takt mit seinen Mitspielern ausgerichtet ist. Daher waren wir daran interessiert zu untersuchen, wie das Gehirn eines Musikers auf Rhythmen reagiert. Es könnte sein, dass manche Menschen bessere Musiker sind, weil sie anders zuhören, oder es könnte sein, dass sie ihren Körper anders bewegen“, erklärt die kanadische Neurowissenschaftlerin Palmer, verantwortliche Autorin des Artikels.

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„Wir fanden heraus, dass die Antwort eine Übereinstimmung zwischen dem Pulsieren oder den Schwingungen in den Hirnrhythmen und dem Pulsieren des musikalischen Rhythmus war. Es geht nicht nur um Zuhören oder um Bewegung. Es ist eine Verbindung des Gehirnrhythmus‘ mit dem Hörrhythmus.“

Neuronale Marker bei der Schlag-Wahrnehmung

Die Forscher benutzten die Elektroenzephalographie – bei EEGs werden Elektroden auf die Kopfhaut gelegt, um die elektrische Aktivität im Gehirn zu messen -, um die Hirnaktivität zu messen, während die Teilnehmer des Experiments, allesamt erfahrene Musiker, ihr Klopfen mit einer Reihe von musikalischen Rhythmen synchronisierten, die sie hörten. Auf diese Weise waren sie in der Lage, neuronale Marker der Schlagwahrnehmung bei Musikern zu identifizieren, die ihrer Fähigkeit, gut zu synchronisieren, entsprachen.

"Ob jeder gleich so gut wie ein Schlagzeuger werden könnte, ist noch nicht klar..."
„Ob jeder gleich so gut wie ein Schlagzeuger werden könnte, ist noch nicht klar…“

„Wir waren überrascht, dass selbst hochtrainierte Musiker manchmal eine verminderte Fähigkeit zur Synchronisation mit komplexen Rhythmen zeigten, und dass sich dies in ihren EEGs widerspiegelte“, sagten die Co-Erstautoren Brian Mathias und Anna Zamm, beide Doktoranden im Palmer-Labor. „Die meisten Musiker sind gute Synchronisierer; dennoch war dieses Signal empfindlich genug, um die ‚guten‘ von den ‚besseren‘ oder ‚Super-Synchronisierern‘, wie wir sie manchmal nennen, zu unterscheiden“.

Synchronisierung kann trainiert werden

Caroline Palmer - Musik-Psychologin - Neurowissenschaftlerin - Glarean Magazin
Die amerikanische Musik-Psychologin und Neurowissenschaftlerin Dr. Caroline Palmer

Es ist nicht klar, ob jemand ein solcher ‚Super-Synchronisierer‘ werden kann, aber laut Caroline Palmer ist es vielleicht möglich, die Fähigkeit zur Synchronisierung zu verbessern. „Die Bandbreite der von uns untersuchten Musiker lässt vermuten, dass die Antwort ‚ja‘ lauten würde. Ermutigend ist auch die Tatsache, dass nur 2-3 Prozent der Bevölkerung ‚gehörlos schlagen‘. Das Üben verbessert definitiv ihre Fähigkeit und verbessert die Ausrichtung der Hirnrhythmen auf die musikalischen Rhythmen. Aber ob jeder gleich so gut wie ein Schlagzeuger werden könnte, ist noch nicht klar…“ ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema neurowissenschaftliche Musikpsychologie auch über die Musik als soziales Experimentierfeld

Ausserdem zum Thema: Östliche und westliche Musiker-Gehirne im Vergleich

Neuronale Forschung mit japanischen und westlichen Musikern

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Östliche und westliche Musiker-Gehirne im Vergleich

von Walter Eigenmann

Arbeiten die Gehirne von japanischen Klassik-Musikern anders als jene von westlichen oder von Nichtmusikern? Eine neue Studie untersuchte die spezifischen Arten neuronalen Verhaltens bei den Teilnehmern, wenn sie ungewohnten Rhythmen und nicht-rhythmischen Melodie-Mustern ausgesetzt waren. Ausgebildete Musiker zeigten im Vergleich zu Nichtmusikern eine grössere Fähigkeit zur Rhythmus-Vorhersage – mit subtileren Unterschieden zwischen denen, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet waren. Diese Forschung könnte Auswirkungen haben auf weitere Studien über den kulturellen Einfluss auf das Lernen und die Gehirnentwicklung überhaupt.

„Musik ist allgegenwärtig und unverzichtbar in unserem täglichen Leben. Musik kann uns belohnen, uns trösten und uns emotional befriedigen“, sagt Projekt-Assistenzprofessor Tatsuya Daikoku vom Internationalen Forschungszentrum für Neurointelligenz der Universität Tokio. „Es ist also keine Überraschung, dass die Wirkung von Musik auf das Gehirn gut erforscht ist. Viele Studien konzentrieren sich jedoch auf westliche klassische Musik, Pop, Jazz usw., während unsere Studie die erste ist, die neuronale Mechanismen bei Praktikern der japanischen klassischen Musik, bekannt als Gagaku-Musikstil, untersucht“.

Japanische Musik ohne regelmässiges Taktmuster

Musik ohne regelmässiges Taktmuster: Das japanische Rhythmus-Instrument Binzasara
Musik ohne regelmässiges Taktmuster: Das japanische Rhythmus-Instrument Binzasara

Viele japanische Aufführungskünste, wie z.B. im Noh- oder Kabuki-Theater, beinhalten Musik, die nicht unbedingt einem regelmässigen Taktmuster folgt, wie dies bei der westlichen klassischen Musik typischerweise der Fall ist. Das heisst, die japanische klassische Musik dehnt sich manchmal aus oder zieht Beats ohne mathematische Regelmässigkeit zusammen. Dieses Zeitintervall wird oft als MA bezeichnet – ein wichtiger Begriff in der gesamten japanischen Kultur ist.

Daikoku und sein Forschungspartner, Assistenzprofessor Masato Yumoto von der Graduierten-Schule für Medizin, untersuchten, wie verschiedene Gruppen von ausgebildeten Musikern und Nichtmusikern auf unterschiedliche Rhythmusmuster reagierten. Die Idee war, herauszufinden, wie die musikalische Ausbildung das statistische Lernen, die Art und Weise, wie unser Gehirn sequenzielle Informationen – in diesem Fall Rhythmen – interpretiert und antizipiert, beeinflussen könnte.

Rhythmus-Lernen in der linken Gehirn-Hemisphäre

Hirnströme von Musikern untersucht: Magnetoenzephalographie
Hirnströme von Musikern untersucht: Magnetoenzephalographie

Die Forscher zeichneten die Hirnaktivität der Teilnehmer direkt auf, indem sie eine Technik namens Magnet-Enzephalographie verwendeten, bei der magnetische Signale im Gehirn untersucht werden. Anhand der Daten konnten Daikoku und Yumoto feststellen, dass das statistische Lernen der Rhythmen in der linken Hemisphäre des Gehirns der Teilnehmer stattfand. Und, was wichtig ist: Es gab ein höheres Aktivitätsniveau bei denjenigen mit musikalischer Ausbildung, sei es in der japanischen oder der westlichen klassischen Musik.

„Wir erwarteten, dass Musiker im Vergleich zu Nichtmusikern ein starkes statistisches Lernen von ungewohnten Rhythmussequenzen aufweisen würden. Dies wurde in früheren Studien beobachtet, die sich mit Reaktionen auf unbekannte Melodien befassten. Also war dies an sich keine solche Überraschung“, sagte Daikoku. „Was aber wirklich interessant ist, ist dass wir Unterschiede in den neuronalen Reaktionen zwischen denjenigen feststellen konnten, die in japanischer oder westlicher klassischer Musik ausgebildet wurden“.

Gehirnentwicklung bei unterschiedlichen Erziehungskulturen

Diese Unterschiede zwischen japanischen und westlichen klassischen Musikern sind offenbar viel subtiler und zeigen sich in der neuronalen Verarbeitung von Komplexität im Rhythmus höherer Ordnung. Obwohl es nicht der Fall ist, dass die eine oder andere Kultur besser oder schlechter als die andere abschneidet, impliziert diese Erkenntnis, dass unterschiedliche kulturelle Erziehung und Bildungssysteme einen spürbaren Einfluss auf die Gehirnentwicklung haben können.

Japanische Musikerin mit der Bambusflöte Shakuhachi - Glarean Magazin
Japanische Musikerin mit der Bambusflöte Shakuhachi

„Diese Forschung ist Teil eines grösseren Puzzles, das wir erforschen wollen – das der Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den Sprachen und der Musik der Kulturen, und wie sie das Lernen und die Entwicklung beeinflussen“, sagte Daikoku. „Wir untersuchen auch die Musik als Mittel zur Behandlung von Entwicklungsstörungen wie etwa Sprachstörungen. Ich persönlich hoffe, dass das Interesse an klassischer japanischer Musik wieder erwacht; vielleicht wird diese Studie diejenigen, die mit solcher Musik nicht vertraut sind, dazu inspirieren, diesen wichtigen Teil der japanischen Kulturgeschichte zu hören und zu schätzen“. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema aussereuropäische Musik auch über Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient

… sowie zum Thema Musik-Psychologie: Klang und Timing – Das rhythmische Zentrum des Klangs

Neurowissenschaft: Musik als soziales Experimentierfeld

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Herzen im gruppendynamischen Gleichtakt

von Walter Eigenmann

Im Alltag sind bekanntlich Gruppen- und Zusammenarbeit von grosser Bedeutung. Welchen positiven Einfluss auf die physiologische, psychische und soziale Synchronität der Menschen kann dabei die Musik entwickeln? Über die Wechselwirkung von Musik und Zusammenarbeit gibt eine neue Studie zum Thema „Musik als soziales Experimentierfeld“ der Bar-Ilan-Universität im israelischen Ramat Gan Auskunft.

In der Chormusik ist das Phänomen längst bekannt: Beim gemeinsamen Musizieren beginnen die Herzen der Sängerinnen und Sänger nach kurzer Zeit in einen Gleichtakt zu verfallen. Nicht zuletzt die musikalisch synchronisierte Atmung löst hier den Effekt aus.
Doch wie funktioniert eine solche erhöhte physiologische Synchronität ausserhalb vorgegebener musikalischer Zielsetzungen? Und welche Aufgabenaspekte der Herzfunktion können durch eine solche bewusste Synchronität die Gruppenleistung verbessern?

„Herzen, die zusammen trommeln, schlagen zusammen“

Herz-Synchronisation durch Musik - Glarean Magazin
Gruppendynamische Synchronisation der Herzen durch Musik-Rhythmen

Die interdisziplinäre israelische Studie, veröffentlicht in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Scientific Reports“, berichtet über die Entdeckung, dass beim Zusammentrommeln Aspekte der Herzfunktion von Gruppenmitgliedern – insbesondere das Zeitintervall zwischen den einzelnen Schlägen (IBI) – synchronisiert werden.
Diese physiologische Synchronisation wurde während einer neuartigen musikalischen Trommelaufgabe aufgezeichnet, die speziell für die Studie in einer Zusammenarbeit zwischen Sozial-Neuro-Wissenschaftlern und Wissenschaftlern der Musikabteilung entwickelt wurde.

51 Gruppen mit je drei Teilnehmern

An dem Schlagzeugspiel nahmen 51 Gruppen mit drei Teilnehmern teil, in denen IBI-Daten kontinuierlich gesammelt wurden. Die Teilnehmer wurden gebeten, ihr Schlagzeugspiel – auf einzelnen Schlagzeugpads innerhalb eines elektronischen Schlagzeugsets, das von der Gruppe gemeinsam benutzt wurde – an ein Tempo anzupassen, das der Gruppe über Lautsprecher präsentiert wurde.
Für die Hälfte der Gruppen war dabei das Tempo konstant und vorhersehbar, so dass das daraus resultierende Schlagzeugspiel und sein Output synchron sein sollten. Bei der anderen Hälfte änderte sich das Tempo ständig und war praktisch nicht nachvollziehbar, so dass das daraus resultierende Trommeln und der musikalische Output asynchron sein sollten.
Diese Aufgabenstellung ermöglichte es den Forschern, den Grad der Verhaltenssynchronisation beim Trommeln zwischen den Gruppenmitgliedern zu manipulieren und die Dynamik der Veränderungen des IBI für jeden Teilnehmer während des gesamten Experiments zu beurteilen.

Gezielter physiologischer Gleichtakt

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Im Anschluss an diese strukturierte Trommelaufgabe wurden die Teilnehmer gebeten, das Trommeln frei miteinander zu improvisieren. Die Gruppen mit hoher physiologischer Synchronität in der strukturierten Aufgabe zeigten in der freien Improvisationssitzung mehr Koordination beim Trommeln.

Die Analyse der Daten zeigte, dass die Trommelaufgabe in den Gruppen eine physiologische Synchronisation hervorrief, die über das hinausging, was zufällig erwartet werden konnte. ausserdem lassen die Verhaltenssynchronisation und die verbesserte physiologische Synchronisation beim Trommeln jeweils auf einzigartige Weise eine erhöhte Erfahrung von Gruppenzusammenhalt voraussagen. Und schliesslich zeigten die Forscher, dass eine höhere physiologische Synchronität auch eine erhöhte Gruppenleistung zu einem späteren Zeitpunkt bei einer anderen Gruppenaufgabe vorhersagt.

Aus Synchronität resultiert Kooperationsfähigkeit

Ilanit Gordon - Psychologin - Neurowissenschaftlerin - Israel - Glarean Magazin
„Verstärktes Gefühl des Zusammenhalts zwischen Gruppenmitgliedern“: Neurowissenschaftlerin Ilanit Gordon

„Unsere Ergebnisse präsentieren einen multimodalen verhaltensbezogenen und physiologischen Bericht darüber, wie die Synchronisation zur Bildung der Gruppenbindung und der daraus folgenden Kooperationsfähigkeit beiträgt“, sagt Dr. Ilanit Gordon, Leiterin des Labors für soziale Neurowissenschaften an der Psychologischen Fakultät der Bar-Ilan-Universität. „Eine Manipulation der Verhaltenssynchronität und der sich abzeichnenden physiologischen Koordination in IBI zwischen Gruppenmitgliedern sagt ein verstärktes Gefühl des Zusammenhalts zwischen den Gruppenmitgliedern voraus“.

Musik als experimentelle Plattform der sozialen Interaktion

Musik-Therapeut Avi Gilboa - Music Therapy - Musikwissenschaftler Israel - Glarean Magazin
„Musik als experimentelle Plattform der sozialen Interaktion“: Therapeut Avi Gilboa

Co-Autor der Studie Prof. Avi Gilboa formuliert die Perspektiven der Forschungsergebnisse noch weitergehend: „Wir glauben, dass das gemeinsame Musizieren eine vielversprechende experimentelle Plattform für die Umsetzung ökologischer und vollständig interaktiver Szenarien darstellt, die den Reichtum und die Komplexität der menschlichen sozialen Interaktion erfassen. Diese Ergebnisse sind aufgrund der entscheidenden Wichtigkeit von Gruppen für das Handeln, die Identität und den sozialen Wandel in unserer Welt von besonderer Bedeutung“.

Quelle Bar-Ilan Universität: „Herzen, die zusammen trommeln, schlagen zusammen – Gruppentrommeln stimuliert die verhaltensmässige und physiologische Synchronisation, die zur Bildung sozialer Bindungen und einer daraus folgenden Kooperationsfähigkeit beiträgt“, Israel 2020 ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musik und Medizin über neue Forschungsergebnisse bezüglich Musik in der Gruppe

… sowie zum Thema Musik und Gesundheit über Stressreduzierung durch Musikhören

Ich unterstütze das ehrenamtliche Kultur-Projekt Glarean Magazin mit einer Spende:

Humanmedizin: Musik und Herzinfarkt (Musikforschung)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Stressreduzierung durch Musikhören

von Walter Eigenmann

Auch wenn die Wissenschaftler in aller Welt noch über zahllose Details streiten – hinsichtlich des Gesamtbefundes sind sie sich einig: Musik hat einen enorm positiven Effekt auf die körperliche und seelische Befindlichkeit des Menschen. Zahllose Studien aus vielen Fachgebieten von der Neuropsychologie über die Schulpädagogik und Kultursoziologie bis hin zur Anthropologie und Gerontologie beschäftigen sich mit dem Bezugsfeld Mensch-Musik, und alle dokumentieren sie den teils erheblichen therapeutischen Einfluss des Musikhörens bzw. Musizierens auf den Menschen. Eine neue Langzeit-Untersuchung belegt nun, welche Wechselwirkung Musik und Herzinfarkt haben.

Musik und Körper

Verschluss Herzgefässe - Kardiologie - Report Musik und Herzinfarkt 2020 - Glarean Magazin
Ursache des Herzinfarktes: Verschluss von Herzkranzgefässen

In den letzten Jahren mischten und mischen sich verstärkt auch spezifische humanmedizinische Forschungen und Befunde mit empirisch verifizierten Daten in die Diskussion ein, inwiefern Musik auch direkt auf körperliche Defizite einwirke. Eine jüngst vom American College of Cardiology veröffentlichte Studie dokumentiert jetzt beispielsweise den therapeutischen Effekt des Musikhörens bei Patienten mit einer sog. Frühen Postinfarkt-Angina-Pectoris.

Wie diese Untersuchung des Belgrader Kardiologen und Hauptautoren Prof. Dr. Predrag Mitrovic ausführt, überleben in den USA ca. 700’000 Menschen einen Herzinfarkt, und es wird geschätzt, dass etwa jeder neunte dieser Herzinfarkt-Überlebende innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Infarkt an Brustschmerzen und Angstzuständen leidet.
gemäss der Studie deutet nun alles darauf hin, dass Musik (in Kombination mit medikamentösen Standard-Therapien) eine einfache, zugängliche, auch häusliche Massnahme sein könnte, um diese Symptome zu reduzieren und kardiale Folgeereignisse zu verhindern.
Mitrovic dazu: „Aufgrund unserer Ergebnisse glauben wir, dass Musiktherapie allen Patienten nach einem Herzinfarkt helfen kann, nicht nur den Patienten mit einer frühen Postinfarkt-Angina. Sie ist auch sehr einfach und kostengünstig umzusetzen.“

Medikamente mit oder ohne Musik

Predrag Mitrovic - Kardiologe Serbien - Report Musik und Herzinfarkt 2020 - Glarean Magazin
Kardiologe Prof. Dr. Predrag Mitrovic (Serbien): „Musiktherapie kann allen Patienten nach einem Herzinfarkt helfen“

Die Forscher um Predrag Mitrovic rekrutierten dabei 350 Patienten, bei denen in einem medizinischen Zentrum in Belgrad ein Herzinfarkt und eine Frühe Postinfarkt-Angina diagnostiziert wurde. Eine Hälfte der Personen wurde nach dem Zufallsprinzip für eine Standardbehandlung eingeteilt, während die andere Hälfte zusätzlich zur Standardbehandlung an regelmässigen Musiksitzungen teilnahm. Bei den meisten Patienten umfasste die Standardbehandlung eine Vielzahl von Medikamenten wie Nitrate, Aspirin, gerinnungshemmende Medikamente, Betablocker, Statine, Kalziumkanalblocker, blutdrucksenkende Medikamente und das angina-reduzierende Medikament Ranolazin.
Patienten, die zusätzlich eine Musiktherapie erhielten, wurden zunächst einem Test unterzogen, um festzustellen, auf welche Musikrichtung ihr Körper wahrscheinlich positiv reagieren würde. Die Teilnehmer hörten neun 30-Sekunden-Musiksamples, die sie als beruhigend empfanden, während die Forscher den Körper jedes Teilnehmers hinsichtlich unwillkürlicher Reaktionen auf die Musikproben aufgrund der Erweiterung/Verengung der Pupillen untersuchten. Danach wurde eine Feinabstimmung der persönlichen Auswahl vorgenommen, indem die Patienten über das optimale Musiktempo und die optimale Tonalität bestimmten.

Musiktherapie wirksamer als Standardbehandlung

Daraufhin wurden die betr. Teilnehmer gebeten, sich diese von ihnen selber getroffene Musikauswahl täglich 30 Minuten lang anzuhören, wann immer es für sie am bequemsten war, idealerweise in Ruhe und mit geschlossenen Augen.
Sieben Jahre lang setzten dann die Patienten diese täglichen Hörsitzungen fort und dokumentierten sie in einem Protokoll. Im ersten Jahr kehrten sie alle drei Monate und danach jährlich zur Nachuntersuchung ins medizinische Zentrum zurück.

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Nach sieben Jahren erwies sich die Musiktherapie als wirksamer als die Standardbehandlung allein im Hinblick auf die Verringerung von Angst, Schmerzempfindung und Schmerzbelastung. Die Patienten mit Musiktherapie hatten Durchschnitts-Angstwerte, die um ein Drittel unter denen der Standardbehandlung lagen, und sie berichteten über um etwa ein Viertel geringere Angina-Symptome.
Diese Patienten wiesen auch signifikant niedrigere Raten bestimmter Herzerkrankungen auf, darunter eine 18-prozentige Senkung der Rate der Herzinsuffizienz, eine 23-prozentige Senkung der Rate nachfolgender Herzinfarkte, eine 20-prozentige Senkung der Rate der Notwendigkeit einer Koronararterien-Bypass-Operation sowie eine 16-prozentige Senkung der Rate des Herztodes.

Stressreduktion dank Musik

Musik als Stressredundans im Sympathischen Nervensystem - Kardiologie - Report Musik und Herzinfarkt 2020 - Glarean Magazin
Musik als Stressreduktor im Sympathischen Nervensystem

Was ist grundsätzlich der medizinische Grund dieser positiven Effekte? Mitrovic führt aus, dass die Musik wirken kann, indem sie dazu beiträgt, der Aktivität des Sympathischen Nervensystems entgegenzuwirken, also dem Teil des Nervensystems, der die „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ steuert, wenn eine Person mit einer Stresssituation konfrontiert ist. Da diese die Herzfrequenz und den Blutdruck erhöht, kann eine sympathische Reaktion das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belasten: „Ungelöste Ängste können eine Zunahme der Aktivität des Sympathischen Nervensystems bewirken, was zu einer Zunahme der kardialen Arbeitsbelastung führt“, meint Mitrovic.
Er meint darum, dass regelmässige Sitzungen mit Musikhören diese Kaskade von Ereignissen unterbrechen können, indem sie die mit Angina pectoris verbundenen Ängste nach einem Herzinfarkt reduzieren.
Das Forscherteam plant nun, die Daten weiter zu analysieren, um zu bestimmen, ob die Musiktherapie für bestimmte Untergruppen von Patienten, wie z.B. solche in einem bestimmten Alterssegment oder solche mit anderen Gesundheitszuständen wie z.B. Diabetes Vorteile zeigen könnte. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Bezugsfeld Musik-Medizin-Naturheilkunde auch über Oruç Güvenç: Heilende Musik aus dem Orient

sowie zum Thema Musikpsychologie über Christoph Drösser: Hast du Töne?

Peter Biro: Schluss mit lustig! – Zur Corona-Pandemie 2020

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Schluss mit lustig!

Appell eines Arztes zur Covid-19-Pandemie

von Prof. Dr. med. Peter Biro

Normalerweise ist mir selten ernst zumute, und ich finde in fast allem etwas Heiteres zum darüber Frotzeln. Aber jetzt ist es aus mit der Lustigkeit. Diese wurde in letzter Zeit zunehmend von Verzweiflung abgelöst.

Natürlich mache ich mir Sorgen um die mir nahestehenden Personen, und auch um meine eigene Gesundheit. Aber nicht das ist es, was mich zur Verzweiflung treibt, sondern die Ignoranz der Zeitgenossen und die Nachlässigkeit der Behörden.

Corona-Virus - Pandemie 2020 - Covid-19 - Glarean Magazin
Warum die Corona-Pandemie keine gewöhnliche Grippe ist

Wir sind inmitten einer exponentiellen Verschlechterung der Lage mit einer Verdoppelung der Fallzahlen für Kranke, Schwerkranke und Todesfälle alle zwei bis drei Tage. Was dabei am meisten beunruhigt, ist das grassierende Unverständnis des ehrenwerten Publikums für exponentielles Wachstum. Bei konstanter Verdoppelung entstehen binnen kürzester Zeit gewaltige Zahlen. Die altbekannte Weizenkorn-Legende von der Belohnung des Schachspiel-Erfinders durch den dankbaren persischen König veranschaulicht diese Unvorstellbarkeit: Auf die Frage, was er sich als Bezahlung für seinen Dienst wünsche, antwortete der Meister, dass er ein Weizenkorn fürs erste Feld des Schachbretts haben möchte, gefolgt von doppelt so viel, also zwei auf dem zweiten – und so weiter, mit Verdopplung der Körnerzahl mit jedem weiteren der 64 Felder. Der von der scheinbaren Bescheidenheit des Erfinders belustigte König gab den Auftrag an seine Bediensteten zur Ausführung weiter. Es dauerte nicht lange, bis sich herausstellte, dass es bei weitem nicht genug Weizen auf der ganzen Erde gab, um auch nur einen Bruchteil des Auftrags zu erfüllen.

Chance des totalen Lock-Downs verpasst

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean Magazin
Prof. Dr. Peter Biro: „Schluss mit lustig!“

Was ich damit sagen will ist, dass die Ausbreitung der Corona-Infektion sich so rasant abspielt, dass durch normale Erfahrung voreingenommene Menschen diese dem exponentiellen Wachstum innewohnende Gefahr nicht wirklich verstehen. Die bis vor kurzem nonchalant in grossen Rudeln flanierenden Sonnenanbeter am Seeufer zeugen von dieser Ignoranz. Dabei hätte es eine einzige Möglichkeit gegeben, die massenhafte Ausbreitung zu verhindern: Man hätte gleich am Anfang – als noch erst wenige Fälle gemeldet wurden – die weitestgehenden Massnahmen ergreifen müssen wie das totale Lockdown und die völlige Isolation auf allen Ebenen – von der Einzelperson über die Ortschaften und Regionen bis hin zum ganzen Land.
Doch der Moment, als das noch hätte nützen können, wurde in der Schweiz wie fast überall andernorts sträflich verpasst. Um eine Analogie aus meinem beruflichen Wirkungskreis zu bemühen, das ist ähnlich zur Krebserkrankung: Sobald diese diagnostiziert ist, wird man nicht die Behandlung schrittweise mit dem Wachstum des Tumors ausbauen, sondern gleich am Anfang mit der maximalen Therapie beginnen, z.B. mit einer Radikaloperation. Nur so kann man Krebs einigermassen wirksam bekämpfen: maximale Massnahmen bei noch geringer Tumorprogredienz. Dasselbe gilt für alles, was gegen exponentielles Wachstum angewendet werden soll.

So verhalten, als sei man bereits erkrankt!

Jetzt ist zu befürchten, dass uns eine ähnliche Entwicklung wie in Italien bevorsteht. Aber wenn man schon nicht mit der adäquaten Reaktion der Behörden rechnen kann, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns individuell richtig zu verhalten. Und das heisst, so zu tun als sei man bereits erkrankt – mit dem Imperativ, in die persönliche Isolation zu gehen. Man gehe nirgendwo mehr hin, man halte Abstand, desinfiziere regelmässig die Hände und lasse sich die Einkäufe vor die Tür bringen. Wenn man kein Desinfektionsmittel mehr auftreiben kann, lange man nach den Spirituosen in der heimischen Kellerbar. Wenn man nichts dergleichen hat, sollte man regelmässig die Hände waschen, das hilft auch. Aber das Wichtigste ist: Zuhause bleiben, verdammt nochmal! ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Weitere Internet-Adressen zum Thema Corona-Pandemie 2020

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B. Zizek (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Die Universalien der Kulturen

von Heiner Brückner

Individuelle und gesellschaftliche Differenzerfahrung zeigt sich insbesondere im Umgang mit dem Fremden schlechthin als wertende Andersartigkeit. Ein neuer Symposiums-Band „Formen der Aneignung des Fremden“ der beiden Herausgeber Boris Zizek und Hanna N. Piepenbring thematisiert die Aneignungsmöglichkeit der den Kulturen gemeinsamen Universalien.

Erwartungsvoll begann ich mir die Diskursergüsse der theoretischen Auseinandersetzungen sowie durch empirische Fallbeispiele vereinten Erarbeitung über die Aneignung des Fremden ausserhalb der eigenen Person anzueignen, erwartungsvoll schliesse ich den Band. Möglicherweise taugen die beabsichtigten weiterführenden Aspekte des Fremdverstehens für eine gewisse Öffnung innerhalb von Fakultätsgrenzen zu einer akademischen interkulturellen Öffnung dem Fremden gegenüber. Als Resümee ergeben sich die Struktureigenschaften der Position des Fremden: Er erlebt eine Krise und Distanz zur neuen Gruppe, hat mehr Freiheiten, allerdings auch mehr Risiken und erschliesst sich die Umwelt konstruierend durch eigene Sinngebung.

Bekannte Kernaussagen in neuen Wörterhülsen

Boris Zizek - Hanna Piepenbring - Formen der Aneignung des Fremden - Universitätsverlag Winter Heidelberg - Rezensionen Glarean MagazinIm Detail betrachtet, werden in diesem Symposiums-Band des „Zentrums für Interkulturelle Studien zur Erforschung globaler Kulturphänomene“ bekannte Kernaussagen mit neu geschliffenen Wörterhülsen bestückt. Das Erkenntnispulver ist nicht ausreichend, um eine Lunte zu befeuern, die einen nachhaltigen Wirkungstreffer auf der Veränderungszielscheibe explodieren lassen könnte. Das Fremde wird fremd bleiben, solange es Menschen gibt, die es als solches belassen oder als Gefährdung empfinden, denn akzeptieren und respektieren der Würde jeden Subjektes verlangt eigene Standhaftigkeit und angemessenes Zurücknehmen seiner selbst.
Der 10. Band der Schriftenreihe Intercultural Studies nimmt flüchtig als lyrisches Exempel das Gedicht „Der Fischer“ von Johann Wolfgang Goethe unter die Lupe, das Wasser nicht als Chemikalie beschreibt, sondern als mit Lebensbezug Erfahrenes gestaltet. Darin scheint nicht das Fremde so fremd, sondern vielmehr ist die Person mit dem Fremden des ihr Vertrauten beschäftigt.

Der Ethnologie-Begriff in der Historie

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Wurzelnd auf dem Kolonialherren-Denken wird – historisch fokussiert – Ethnologie zum Schlagwort. Es entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts aus der inneren Befremdung durch die kulturelle Stufenentwicklung zum Händler, der beweglicher ist, weil er nicht an Traditionen gebunden zu sein scheint. Im Mittelalter seien die intellektuellen Fähigkeiten zur Völkerverständigung geschaffen worden (Todorov). Doch subjektive Aneignung ist mehr, als ein Studienaufenthalt in einem fremden Land vermitteln kann.
Im 20. Jahrhundert begünstigt der Beginn expliziter theoretischer Auseinandersetzung mit dem Fremden das Verständnis vom Grenzgänger oder Immigranten bis hin zur Destruktion „sozialer Exterritorialität“, nämlich einer „Soziologie der Vernichtungslager“ in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.

Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung

Als Formen der Verkörperung, um das Fremde als an sich kulturelles und erlerntes Konstrukt in Alltagssituationen zu überwinden, werden Elemente der „Martial Arts“ angeführt und methodologisch eine Lücke im deutschen Forschungsdiskurs zur Kulturabhängigkeit in den Grenzen der Biographieforschung aufgedeckt. Der Beitrag über die „Marokko-Reise Eugène Delacroix’“ versteht darüber hinaus künstlerisches Handeln als eine gesteigerte Form der Aneignung.

Formen der Aneignung des Fremden - Interkulturen - Anpassung - Bevölkerung - Rezensionen Glarean Magazin
„Neues Fremdsein aufgrund von Überanpassung ohne versöhnende Verschmelzung“

Die sozialwissenschaftliche Perspektive unterscheidet zwischen drastischer Inhumanität innerhalb der Menschheitsgeschichte und empathischer Offenheit und erwähnt die moralische Seite der Begegnung mit dem Fremden vom Einfluss frühkindlicher Fremd-Erfahrungen.
Das 21. Jahrhundert wird mittels Feldforschung exemplifiziert, einmal anhand der subkulturellen indischen HipHop-Szene. Und auch am Beispiel koreanischer Remigranten von Krankenschwestern und Bergarbeitern, die in den 60er und 70er Jahren von der BRD angeworben worden waren, wird deutlich, dass nach einer Überanpassung ein neues Fremdsein geänderter Werte zu keiner versöhnenden Verschmelzung führt.

Partielle Assimilation unabdingbar

In einer subjekttheoretischen Analyse gelangt der Autor zu der Einsicht, dass eine partielle Assimilation unabdingbar ist, um in einem fremden Milieu zu bestehen. Die Merkmale Objektivität und (zweifelhafte) Loyalität als Grenzgänger oder Immigrant, können durch Assimilation dazu führen den eigenen Status zu verlieren oder innerhalb der Ursprungsgruppen ewige Randexistenz zu bleiben.
Für die akute aktuelle gesellschaftliche Lage in der Migrations-Debatte reissen die vorliegenden internationalen Beiträge aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher, psychologischer, linguistischer und historischer Perspektive wichtige Aspekte an. Sie verdeutlichen darüber hinaus die Komplexität, die der gesellschaftliche Aneignungsprozess erfordert. Mehr aber nicht. ♦

Boris Zizek, Hanna N. Piepenbring (Hrsg): Formen der Aneignung des Fremden, 180 Seiten, Universitätsverlag Winter Heidelberg, ISBN 978-3-8253-4687-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Interkulturelle Anpassung auch über Adibeli Nduka-Agwu: Rassismus auf gut Deutsch

… sowie zum Thema Kultur-Aneignung den Essay von Rolf Stolz: Die Kultur-Utopie Europa

Kognitive Forschung: Musik als Universalsprache

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Musikalität vereint die Weltkulturen

von Walter Eigenmann

Musik ist die einzige Sprache, die jeder versteht“ – stimmt das wirklich, oder ist das einfach schöngeistiges Wunschdenken, übrigens seit Jahrhunderten postuliert, aber nie verifiziert? Was meint eigentlich die Wissenschaft zum vielfältig diskutierten Thema „Musik als Universalsprache“? (Über den Themen-Komplex „Musik als Sprache“ im engeren Sinne wurde und wird schon seit Jahrzehnten geschrieben und geforscht – ein besonders anregender Beitrag hierzu findet sich in dem Essay von Ernst Krenek: Musik und Sprache).

Zwei wissenschaftliche Forschungsbeiträge in der jüngsten Ausgabe des renommierten Science Magazine untermauern nun die Idee, dass Musik auf der ganzen Welt trotz vieler Unterschiede tragende Gemeinsamkeiten hat.

"Das Medley der menschlichen Musikalität vereint alle Kulturen auf dem Planeten"
„Das Medley der menschlichen Musikalität vereint alle Kulturen auf dem Planeten“

Denn Wissenschaftler unter der Leitung des amerikanischen Kognitionsforschers Samuel Mehr (Harvard University) haben eine gross angelegte Analyse von Musik aus Kulturen auf der ganzen Welt durchgeführt, und die beiden Kognitionsbiologen Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Universität Wien gehen davon aus, dass die menschliche Musikalität alle Kulturen auf der Welt vereint.

Gemeinsamkeiten heterogener Musikstile

Samuel Mehr - Kognitionsforscher und Musikwissenschaftler Harvard University - Glarean Magazin
Samuel Mehr, Kognitions-Forscher und Musik-Wissenschaftler an der Harvard University: „Es gibt eine Art grundlegende menschliche Musikalität“

Die vielen Musikstile der Welt sind so unterschiedlich – zumindest oberflächlich betrachtet -, dass Musikwissenschaftler oft skeptisch sind, ob sie tatsächlich wichtige gemeinsame Merkmale haben. „Universalität ist ein grosses Wort – und ein gefährliches“, sagte schon der grosse Leonard Bernstein. In der Tat, in der Ethnomusikologie wurde „Universalität“ zu einem Dirty Word – eine inhaltslose Worthülse. Aber Mehr’s neue Forschungen stellen in Aussicht, dass die Suche nach tieferen universellen Aspekten der menschlichen Musikalität neu entfacht wird.

Tonalität als „menschliche Prädisposition“?

So stellte Samuel Mehr fest, dass alle untersuchten Kulturen Musik machen und dabei sehr ähnliche Arten von Musik in ähnlichen Kontexten verwenden, mit jeweils einheitlichen Eigenschaften. Zum Beispiel ist Tanzmusik schnell und rhythmisch, und Schlaflieder weich und langsam – überall auf der Welt.
Darüber hinaus zeigten gemäss Mehr alle Kulturen Tonalität: Sie bauten aus einer Basisnote eine kleine Teilmenge von Noten auf, genau wie in der westlichen diatonischen Skala. Heilende Lieder neigen dazu, weniger Noten und dichtere Abstände zu verwenden als Liebeslieder.
Diese und weitere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es tatsächlich universelle Eigenschaften der Musik gibt, die wahrscheinlich tiefere Gemeinsamkeiten der menschlichen Wahrnehmung widerspiegeln – quasi eine grundlegende „menschliche Musikalität“.

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In einer wissenschaftlichen Perspektive in derselben Ausgabe kommentieren die Forscher an der Universität Wien Tecumseh Fitch und Tudor Popescu die Auswirkungen. „Die menschliche Musikalität ruht grundsätzlich auf einer kleinen Anzahl von festen Säulen: Fest kodierte Prädispositionen, die uns die früheste physiologische Infrastruktur unserer gemeinsamen Biologie bietet. Diese ‚musikalischen Säulen‘ werden dann mit den Besonderheiten jeder einzelnen Kultur ‚gewürzt‘, was zu dem schönen kaleidoskopischen Sortiment führt, das wir in der Weltmusik finden“, erklärt Tudor Popescu. Und Fitch fügt hinzu: „Diese neue Forschung belebt ein faszinierendes Studiengebiet wieder, das von Carl Stumpf zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin entwickelt wurde, das aber von den Nazis in den 1930er Jahren tragisch beendet wurde“.

Das Musik-Medley aller Kulturen des Planeten

Musik-Konzert - Musiksoziologie - Musikpsychologie - Glarean Magazin
„Grundlegende Prädisposition musikalischer Inhalte in den menschlichen Weltkulturen“

Mit der Annäherung der Menschheit wachse gemäss Popescu und Fitch auch unser Wunsch zu verstehen, was wir alle gemeinsam haben – in allen Aspekten des Verhaltens und der Kultur. Die neue Forschung aus Harvard deute darauf hin, dass die menschliche Musikalität einer dieser gemeinsamen Aspekte der menschlichen Kognition ist. „So wie europäische Länder als ‚United In Diversity‘ bezeichnet werden, so vereint auch das Medley der menschlichen Musikalität alle Kulturen auf dem Planeten“, so Tudor Popescu abschliessend. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musikwissenschaft auch: Musik in der Gruppe: Neue Forschungsergebnisse

… sowie zum Thema Musik und Intelligenz über Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?

Verwandte Thematik: Humanmedizin – Musik und Herzinfarkt (Musikforschung)

ausserdem zum Thema „Musik in der Sprache“: In der Sprache liegt Musik (Max-Planck-Gesellschaft)

Bücher-Liste zum Themenkreis „Musik und Sprache“

Anton „ViscaBarca“ Rinas: Realtalk (Rezension)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Psycho-Striptease eines Gaming-Influencers

von Heiner Brückner

Der YouTube-Fame als greller Schein. Ist das Kunst oder ehrgeizige Individualinszenierung? Nein, es ist für den einen oder anderen tragische Realität. Aber diese Offenbarung, die „ViscaBarca“ zum eigenen Whistleblower macht oder zum Seelenstripper, wie Anton Rinas selbst sagt, ist heilsam – für ihn selbst, und hoffentlich für viele Follower.
Sicherlich ist mit Kulturarbeit und Kunst kein Staat zu machen, aber es handelt sich dabei um konkretes Leben und nicht um eine virtuelle Scheinwelt, selbst wenn sie Visionäres und Fantastisches projiziert und prolongiert.

Viscabarca - Anton Rinas - Realtalk - Mein Leben als Influencer - Cover - Rezension Glarean MagazinAnton Rinas alias ViscaBarca konnte sich den Lebenstraum vieler junger Menschen erfüllen. „Als erfolgreicher YouTuber und Social Medias Performer begeistert er über eine Million Abonnenten, verdient mit 17 bereits fünfstellige Summen im Monat“, kündigt der Verlag das Werk über „Trug, Schein und Schulden“ eines Gamers an. Dann kam der Absturz des digitalen Modephänomens als Influencer. Ich lese die Bekennergeschichte mehr als diagonal, weil mich das Thema reizt, weil ich den Herkunftsort des Autors kenne, und weil ich auf die Verlockungen der Verlagsanpreisung hereingefallen bin. Bin ich der Influenz erlegen? Noch will ich mich erwehren durch das Lesen der veröffentlichten Fakten.

Wer füttert den Beeinflusser?

Fussball-Fans FC Barcelona - Glarean Magazin
„Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft“: Das Massen-Game als Social-Multiplikator

Wer füttert den Beeinflusser, von wem lässt er sich beeinflussen? Wen hat er im Visier, auf wen oder was zielt er ab? Das sind Hintergrundfragen, die entscheidend sind, weil sie den Schein hinter allem aufdecken. Freimütig zählt Rinas seine Fake-Accounts genauso auf wie seine millionenfachen Likes. Sein Aka-Name ViscaBarca ist Programm und eigentliche Lebenssehnsucht, die er sich wegen körperlichen Handicaps nicht mehr erfüllen kann: Es lebe Barca, die tolle spanische Fussballmannschaft.
Wessen entledigt er sich also bei seinem öffentlich gemachten Höllentrip durch eine Influencer-Biografie unter dem Titel „Realtalk“?

Down To Earth und Back To Life

Glarean Magazin - Muster-Inserat - Banner 250x176Das erste Kapitel fasst zusammen, wie der Offenbarungseid in ein 15-minütiges Realtalk-Video als „Balsam für meine Seele“ gepackt werden sollte. Das letzte schilderte, wie er nach dem Absturz wieder „down to earth“ kommen konnte. Dazwischen wird die Chronologie seines Auf- und Abstiegs ausgebreitet: die chaotischen Zustände in Familie, Erfolg und Misserfolg in Gaming-WGs, und wie die geliebte Schwester und ihr Mann, sein Schwager, ihn finanziell bis in den Ruin auspumpen. Dreimal stellt er eine Liste der Ausgaben von 4000 bis auf 205’000 Euro Schulden auf. Nach dem Absturz findet er in München „mit Disziplin und Fleiss“ wieder „back to life“, wird wegen des „Schwester-Videos“ als „InzestBarca“ beschimpft und erleidet wirtschaftlich den nächsten Rückschlag wegen einer undurchsichtigen Steuerberaterin.

Den „ganzen Scheiss“ hinausgekotzt

Viscabarca - Anton Rinas - Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen - Glarean Magazin
„Ich durfte beim Barca-Spiel auf dem Rasen stehen“: FC-Barcelona-Fan Viscabarca alias Anton Rinas

Reden wir Klartext („Realtalk“) und nicht lange um die 271 Seiten herum, so wie es das Elaborat auch tut: verzweifelter Seelenstrip, Digga, literarisch bescheiden, moralisch als abschreckendes Exempel einsetzbar, aus der katastrophalen finanziellen Notlage geboren.
ViscaBarca lamentiert in seinem Schriftstück nicht gefühlsduselig, will auch nicht „rumheulen“, er kotzt den „ganzen Scheiss“ offensichtlich ungeschminkt heraus. Der seelische Auswurf ist ein notgedrungenes, eigentlich nicht druckreifes Drauflos-Quasseln in der lässigen YouTube-Sprechweise bzw. Social Medias Plattformen. Häufige Wiederholungen, teils Widersprüche, chaotisches Hin- und Her-Springen entlarven die ganze Summe der Entscheidungsflexibilität eines unschlüssigen jungen Mannes, der am Ende seiner eigenen Hilfswerk-Biografie zu einem allgemein hinreichend bekannten Fazit gelangt. Nämlich, dass sein süchtiger Spielkonsum nur eine Flucht vor der eigenen Leere gewesen sei.

Nie wieder Fake Shit

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Rinas ringt sich zum Einsichtsvorsatz durch: „… ich würde nie wieder fake shit machen, um etwas vorzuleben, das nichts mit mir und meinem Herzen zu tun hat.“ Und er hat Ratschläge parat: „Lass dich nicht von anderen abhalten, deine Träume zu verwirklichen. […] Das Leben wird noch hart genug, auch wenn wir nicht aufeinander rumhacken.“
Genusslesen war das nicht, weder inhaltlich noch sprachlich (z. B. „Ich kam nicht mehr auf mein Leben klar!“ – „Auf die Situation kam ich echt nicht klar.“) noch vom Erkenntnisgewinn her betrachtet. Abschreckend ist wohl der einzige positive Aspekt an diesem „Teil“ (Zitat Rinas), das ohne die mitschreibende Hilfe seines Bekannten Josip Radovic „niemals so cool“ geworden wäre.

An erster Stelle dankt er den Zuschauern und YouTube-Kollegen für ihre Treue. Nach Mitleid heischt er nicht, der Leser muss nicht in wehleidiges Mitklagen verfallen. Vielmehr darf er sich über die schnelle Vergesslichkeit der YouTube-Follower beim Neubeginn des Influencers wundern. Es ist frappierend, was da abging und worauf man leicht hereinfallen kann.
Kurzum: „Realtalk“ ist die öffentlich gemachte private Bekennerstory des Influencers Anton Rina aka ViscaBarca in 22 Kapiteln über einen ganz persönlichen Psychoterror als Gaming-Zocker mit Computerspielen in flapsigem YouTube-Speech. ♦

Anton Rinas „ViscaBarca“: Realtalk – Trug, Schein und Schulden / Mein Leben als Influencer, 272 Seiten, Community Editions, ISBN 978-3960961055

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Digitale Welt 2.0 auch das „Zitat der Woche“ von
Felix Stalder: Kultur der Digitalität

ausserdem zum Thema Sprachzerfall den Essay von
Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben.

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Jüngste Ergebnisse der neurobiologischen Sprachforschung

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

„Sprache ist ein komplexer biokultureller Hybrid“

von Walter Eigenmann

gemäss klassischer Neurobiologie der Sprache weist unsere linke Gehirnhälfte zwei grosse Sprachräume auf: Der Broca-Bereich im Frontallappen verantwortet die Produktion von Sprache (= Sprechen und Schreiben), während das Wernicke-Areal im Temporallappen das Verstehen von Sprache unterstützt (= Hören und Lesen). Jüngste Ergebnisse der neurobiologischen Sprachforschung weisen nun darauf hin, das dies eine zu undifferenzierte Sichtweise ist.

Science Magazine - Language and the brain - Glarean MagazinEine neue Untersuchung „Die Neurobiologie der Sprache jenseits der Einzelwortverarbeitung“ des niederländischen Psycholinguistikers und Neurobiologen Peter Hagoort vom Max-Planck-Institut in Nijmegen, vor einigen Tagen publiziert in dem Wissenschaftsmagazin Science, widerspricht nun dieser verhältnismässig „primitiven“ Darstellung der menschlichen Sprachkompetenz: „Die klassische Sichtweise ist weitgehend falsch. […] Sprache ist unendlich komplexer als das Sprechen oder Verstehen einzelner Wörter, worauf das klassische Modell basiert.“

Unabdingbar fürs Verstehen: Der Kontext

Denn während Wörter zu den elementaren Bausteinen der Sprache gehören, brauchen wir auch Gehirnoperationen, um Wörter zu strukturierten Sätzen zu kombinieren. Hagoort bringt das Beispiel: „Der Herausgeber der Zeitung liebte den Artikel“. Um eine solche Äusserung adäquat zu interpretieren, reiche es nicht aus, die Sprachlaute (oder Buchstaben) sowie die Bedeutung der einzelnen Wörter zu kennen: „Wir brauchen auch Informationen über den Kontext (Wer ist der Sprecher?), die Intonation (ist der Ton zynisch?) und das Wissen über die Welt (was macht ein Redakteur?)“

Peter Hoogart - Neurobiologe - Glarean Magazin
Peter Hagoort

Peter Hagoorts Forschungen zeigen noch darüber hinausgehende Befunde. So deckten neuroanatomische Studien auf, dass die bereits erwähnten Gehirn-Sprachregionen Broca und Wernicke ihrerseits nicht nur weitere Sprachgebiete aufweisen, sondern dass sich ihre Sprachaktivitäten bis hin zum Parietal-Lappen erstrecken; vormals hinsichtlich Sprache unterschätzte Hirnareale wie die rechte Hemisphäre und das Kleinhirn setzen deutlich mehr Verbindungen als angenommen ein.

Prozessbeschleunigung durch aktive Voraussage

Hagoort weiter: „Unser Gehirn verarbeitet Sprache mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Unmittelbarkeit in einem dynamischen Netzwerk von interagierenden Hirnarealen. Alle relevanten Informationen werden sofort verfügbar, wenn wir beginnen, die Bedeutungen einzelner Wörter zu kombinieren und die verschiedenen Informationsquellen zu vereinen. Um diesen Prozess zu beschleunigen, sagt unser Gehirn aktiv voraus, was als nächstes kommt.“

MRI Magnetresonanztomographie - Gehirn-Bildgebende Verfahren - Glarean Magazin
Bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanz-Tomographie MRI erlauben neurobiologische Forschungen wie z.B. das Neuroimaging

Doch damit nicht genug: Die Sprache ist oft „indirekt“. Hagoort führt aus, dass Zuhörer die Absicht eines Sprechers ableiten müssen, um zu verstehen, was der Sprecher meint. Beispielsweise könnte „Es ist heiss hier“ auch als Aufforderung zum Fensteröffnen verstanden werden und nicht als Aussage über die Temperatur. Hagoort: „Neuroimaging-Studien zeigen, dass solche pragmatischen Schlussfolgerungen von Hirnarealen abhängen, die an der ‚Theorie des Geistes‘ beteiligt sind, oder vom Denken über die Überzeugungen, Emotionen und Wünsche anderer Menschen“.
Da die meisten zwischenmenschlichen Äusserungen Teil eines Gesprächs sind, werden einige Informationen in der Regel bereits zwischen dem Sprecher und dem Zuhörer ausgetauscht. Die Redner stellen sicher, dass sie „neue Informationen“ markieren, indem sie die Reihenfolge der Wörter oder Tonhöhen verwenden, um die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu bündeln.

Sprache als multiples Brain-Network

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Sprache sei ein „komplexer biokultureller Hybrid“, fasst Hagoort seine Studien zusammen. „Aber was ist die Essenz der menschlichen Sprache? Ist es eine Syntax, die im Broca-Bereich zu finden ist?“ Hagoort stellt diese alte Vorstellung in Frage: „Es hilft nicht, das Gesamtbild der menschlichen Sprachkenntnisse zu erfassen, wenn man zwischen wesentlichen und unwesentlichen Aspekten von Sprechen und Sprache unterscheiden will“. Stattdessen plädiert der Neurowissenschaftler für eine „multiple Brain-Network-Ansicht von Sprache, in der einige Operationen gut mit anderen kognitiven Bereichen wie Musik und Arithmetik geteilt werden könnten“. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Neurobiologie auch über Lutz Jäncke: Macht Musik schlau?

… sowie zum Thema Sprachpsychologie über Esther Kinsky: Fremdsprechen – Das Übersetzen


English Translation

„Language is a complex biocultural hybrid“

by Walter Eigenmann

According to the classical neurobiology of language, our left brain has two large language areas: The Broca area in the frontal lobe is responsible for the production of speech (= speaking and writing), while the Wernicke area in the temporal lobe supports the understanding of speech (= hearing and reading).

A new study „The Neurobiology of Language Beyond Single Word Processing“ by Dutch psycholinguist and neurobiologist Peter Hagoort of the Max Planck Institute in Nijmegen, published a few days ago in the scientific journal Science, now contradicts this relatively „primitive“ representation of human language competence: „The classical view is largely wrong. […] Language is infinitely more complex than speaking or understanding individual words, on which the classical model is based.“

Indispensable for understanding: The context

While words belong to the elementary building blocks of language, we also need brain operations to combine words into structured sentences. Hagoort gives the example: „The editor of the newspaper loved the article“. In order to interpret such an expression adequately, it is not enough to know the speech sounds (or letters) and the meaning of the individual words: „We also need information about the context (who is the speaker?), the intonation (is the tone cynical?) and the knowledge of the world (what does an editor do?)“.

Picture: Peter Hagoort

Peter Hagoort’s research shows further findings. For example, neuroanatomical studies revealed that the brain language regions Broca and Wernicke, which have already been mentioned, not only have other language regions, but that their language activities extend as far as the parietal lobe; previously underestimated brain areas such as the right hemisphere and the cerebellum use significantly more connections than assumed.

Process acceleration through active prediction

Hogaart continues: „Our brain processes speech with amazing speed and immediacy in a dynamic network of interacting brain areas. All relevant information becomes immediately available as we begin to combine the meanings of individual words and unite the different sources of information. To accelerate this process, our brain actively predicts what comes next.“

Picture: Imaging methods such as magnetic resonance imaging (MRI) allow neurobiological research such as neuroimaging.

But that’s not all: the language is often „indirect“. Hagoort explains that listeners must derive the intention of a speaker in order to understand what the speaker means. For example, „It’s hot here“ could be understood as an invitation to open a window rather than a statement about the temperature. Hagoort: „Neuroimaging studies show that such pragmatic conclusions depend on brain areas involved in the ‚theory of mind‘ or on thinking about other people’s beliefs, emotions and desires.
Since most interpersonal expressions are part of a conversation, some information is usually already exchanged between the speaker and the listener. Speakers ensure that they mark „new information“ by using the order of words or pitches to focus the listener’s attention.

Language as a multiple brain network

Language is a „complex biocultural hybrid“, Hagoort summarises his studies. „But what is the essence of human language? Is it a syntax that can be found in the Broca area? Hagoort questions this old notion: „It doesn’t help to grasp the whole picture of human language skills if you want to distinguish between essential and insignificant aspects of speech and language. Instead, the neuroscientist argues for a „multiple brain network view of language in which some operations could well be shared with other cognitive domains such as music and arithmetic. ♦

Monika Rinck: Wirksame Fiktionen (Poetikvorlesungen)

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Fiction or Non-Fiction?

von Bernd Giehl

Ich liebe dieses Buch. Ich könnte stundenlang darin lesen. Mein erster Gang führt mich nach dem Nachhausekommen direkt zu ihm. Bevor ich es öffne, streichle ich es. Und jedes Mal zünde ich dann den Kamin an und werfe es ins Feuer. Aber am nächsten Tag liegt es wieder neben meinem Lesesessel: „Wirksame Fiktionen“ von Monika Rinck.

Monika Rinck - Wirksame Fiktionen - Göttinger Poetik-Vorlesungen - Cover - Literatur-Rezension Glarean MagazinFalls Sie jetzt meinen, der Autor dieser Rezension habe nicht mehr alle Tassen im Schrank, könnten Sie Recht haben. Könnte aber auch sein, dass ich mich zu tief auf diese „Wirksamen Fiktionen“ von Monika Rinck eingelassen habe, in der die Autorin gleich zu Anfang die Geschichte eines Mannes schildert, der von der Polizei verdächtigt wurde, eine Bibliothek in Los Angeles in Brand gesteckt zu haben: „Er verwirrte die Behörden durch einen ganzen Strauss einander widersprechender Aussagen“. Ich zitiere: „Er war da, er war nicht da. Er war vertraut mit der Bücherei; er hatte sie niemals in seinem Leben besucht. Er roch an dem betreffenden Tag nach Rauch, er roch nach gar nichts. Das einzige, was ausser Frage stand: Harry fabulierte gerne. ‘He finds it difficult to give a straight answer‘, one friend told investigators.“
Das ist das Verfahren der modernen Dichtung. Sie lässt sich nicht eindeutig auf eine bestimmte Aussage festlegen. An erster Stelle benutzt sie Metaphern, also Bilder um die Welt zu beschreiben. „Metafores steht auf den Kleinlastwagen griechischer Transportunternehmen. Sie transportieren Güter.“

Fragen über Fragen

Monika Rinck - Lyrikerin - Literatur-Dozentin - Glarean Magazin
Die Lyrikerin und Literatur-Dozentin Monika Rinck

Und dann, wenn man glaubt, die Aussage endlich halbwegs verstanden zu haben, kommt eine Szene (Geschichte, Gedicht) die alles wieder verunklart. „Das Pferd (und das Schiff) waren vergleichsweise frühe Transportmittel. Die Domestizierung des Pferdes wird auf das dritte vorchristliche Jahrtausend datiert. Das mongolische Grossreich verdankt sich massgeblich der organisierten Reiterei. Das Pferd wechselte um ein Säckchen Radium den Besitzer. Der Messias betrachtete dies in lockerer Garderobe.“
Wurde Radium nicht erst 1898 von Marie Curie entdeckt? Was kann es da mit dem Reich von Dschingis Khan (12./13.Jahrhundert) zu tun haben? Und was hat – bitte – der Messias mit all dem zu tun?
Fragen über Fragen. Man kann sich in ihnen verlieren. Aber heute nicht. Heute müssen wir weiter. Wir wollen ja schliesslich irgendwo ankommen. Nur wo, das ist noch die Frage. An einer Grenze vielleicht? – Schon an diesem Beispiel merkt man, dass Monika Rinck Lyrikerin ist. Eine sehr bekannte zudem. Lyriker tun so etwas. Sie verbinden Begriffe aus weit voneinander entfernten Zusammenhängen miteinander und kommen dadurch (manchmal) zu überraschenden Erkenntnissen.

Ein gelahrtes Buch

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Es ist schon ein gelahrtes Buch, geschätzter Leser, und wenn du jetzt glaubst, du habest dich verlesen, denn da müsse „gelehrt stehen, dann hast du dich leider getäuscht. Es zitiert einige Gelehrte, die sich mit der Theorie des Gedichts auseinandergesetzt haben, von Platon über Hegel bis Käte Hamburger (1996-1992), und ebenso kommen Lyriker des 21. Jahrhunderts zu Wort.
Worum also geht es? Vordergründig um die Frage, ob Gedichte „Fiktion“ seien, oder ob sie eher „Non-Fiction“ sind und damit ins Sachbuch-Regal gehören. Monika Rinck tendiert zu „Non Fiction“ und nimmt dazu einen eigenartigen Begriff von „Fiktion“ zu Hilfe: Der Begriff leite sich von (lateinisch) „fingere“ ab und bedeute „Täuschung“. Dabei bezieht sie sich auf die schon erwähnte Käte Hamburger.
Gewiss: Romane und Erzählungen bilden die Wirklichkeit nicht im Massstab 1:1 ab; sie bilden sie neu (manchmal mehr, manchmal weniger), aber ist das „Täuschung“? Erzählende Prosa steht m.E. ebenso in einer Beziehung zur Wirklichkeit wie Lyrik, nur dass diese Beziehung in der Lyrik schwerer zu greifen ist, weil Lyrik vieldeutiger ist.
Aber so genau ist die Frage wohl nicht zu entscheiden, und Monika Rinck, diese geniale Spielerin, tut selbst alles, um sie in der Schwebe zu halten. Nicht zuletzt dadurch, dass sie verschiedene Leitmotive – z.B. das Säckchen mit Radium, das Motiv des beschädigten Kessels oder das der brennenden Bibliothek – wieder und wieder erwähnt, miteinander vermischt. Und auf Seite 43 fragt sie sich, ob die Frage von Wahrheit und Lüge das Fiktionale nicht genau so betrifft wie das Dokumentarische, also Nicht-Fiktionale.

Die Grenze als Metapher…

Zaun - Grenzen - Glarean Magazin
Die „Grenze“ als lyrische Metapher

Man wird von diesem Buch keine endgültigen Antworten erwarten können. Dazu ist es viel zu spielerisch angelegt. Es arbeitet nicht wissenschaftlich, also nicht mit Argument und Gegenargument und Entkräftung des Gegenarguments, sondern es springt von einer Assoziation zur nächsten, ohne dabei den roten Faden ausser Acht zu lassen.
Ein wichtiges Thema ist die „Grenze“ als Metapher, aber ebenso als (oft grausame) Wirklichkeit, die Menschen daran hindert, in ein anderes Land zu kommen. Natürlich ist in den letzten Jahren die „Grenze“ immer mehr zum Thema geworden, sei es das Mittelmeer, das Europa von den Ländern des Südens trennt, oder sei es die zwischen Mexiko und den USA. Wo Donald Trump gern eine Mauer bauen würde, wenn man ihn nur liesse.

… und das Gedicht als Politikum

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Ob die Grenze Thema von Gedichten sein sollte? Monika Rinck bejaht dies vehement und zitiert auch ein Gedicht von Wendy Trevino, einer in San Francisco lebenden Autorin. Bei ihr wie auch bei anderen, zum Teil im Exil lebenden Autoren, mit denen Rinck sich verbunden fühlt und die sie zum Teil auch ins Deutsche übersetzt hat, wird dann klar, was die Autorin mit „Non Fiction“ meint: es sind Gedichte, die vehement politisch sind.
Ich denke, in diese Richtung geht es. Monika Rincks Begriff von „Fiction“ (also erzählender Prosa) scheint mir etwas einseitig; vor allem von amerikanischen Serien bei „Netflix“ geprägt, wo es vor allem um Gewalt als Selbstzweck geht, während Gedichte ihrer Meinung nach eher die ganze Wirklichkeit abbilden. So subjektiv sie auch sein mag; so schliesst sie doch auch das ein, wovor wir oft genug die Augen verschliessen. ♦

Monika Rinck: Wirksame Fiktionen, Göttinger Lichtenberg-Poetikvorlesungen 2019, 102 Seiten, Wallstein Verlag, ISBN 978-8353-3555-4

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