Das Zitat der Woche

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Die Bedeutung von Musik und Musikalischer Bildung

Hermann J. Kaiser

Wir sind eine nahezu durchgängig und umfassend musikalisierte, eine musikalisch weitgehend hoch professionalisierte Gesellschaft. Wer aber würde wagen zu behaupten, wir stellten eine musikalisch gebildete Gesellschaft dar? Das halte ich nicht für problematisch. Sich dieses einzugestehen, macht frei für die Entwicklung musikpädagogischer Maximen und Regulative ihrer institutionellen Einbindung, die aus dem Affirmationsgestus vergangener Jahrzehnte herausführen könnten. Es macht zunächst einmal dafür frei, darauf zu insistieren, dass die Tat-Sache Musik und alles, was mit ihr zusammenhängt, einen ökonomischen Faktor darstellt, der nicht zu verachten ist. Man versuche einmal, Musik aus unserer Gesellschaft wegzudenken!
Es macht fernerhin frei dafür, auf das soziale Gewicht der Tatsache Musik nachdrücklich zu verweisen. Wer sich in jugendlichen Peergroups einmal umgesehen hat, wer einmal das Publikum bei Konzerten von der sozialpsychologischen Seite her betrachtet hat, wer in Altenheimen musikalisch und pädagogisch tätig gewesen ist, wird diesen Aspekt nicht leugnen können. (Ich spreche hier nicht von den Wirkungen, welche Musik auf die betreffenden Menschen ausübt, da müsste man wieder spekulieren. Ich rede von den Resultaten dieser Wirkungen, die nachweisbar sind. Man versuche, sich die gesellschaftlichen Folgen davon vorzustellen, wenn Musik aus diesen Kontexten, die ich hier nur beispielhaft herbeigebracht habe, herausfiele… !)
Wir müssen uns aber auch klar machen, dass jede Form musikalischer Praxis in sich bereits für die daran beteiligten Subjekte eine Lernpraxis darstellt. Institutionalisierungen musikalischen Lernens und musikalischer Erziehung sollten sich dessen immer bewusst bleiben. Ästhetische Erfahrungen lassen sich nicht verordnen, ihre Erweiterung und Vertiefung zu einer Form von Bildung muss von den daran beteiligten Subjekten gewollt und selbst in die Wege geleitet werden. Unabhängig von dieser Zurückhaltung jedoch ist der Musikpädagogik auferlegt, die Institutionalisierung und Alimentierung von Lernräumen öffentlich einzufordern, welche den unabweisbaren Professionalisierungsbedarf der musikalischen Gebrauchspraxis unserer Gesellschaft befriedigen. Dieses kann und darf nicht verantwortungslos überwiegend privater Opferbereitschaft zugemutet bleiben.

Aus: Hermann J. Kaiser, Die Bedeutung von Musik und Musikalischer Bildung, Musikforum 83 («Ästhetische Theorie und musikpädagogische Theoriebildung»), Schott Verlag 1995

Das Zitat der Woche

Über die Musikerziehung als Mittel gegen Vorurteile

Barbara Knab

Belege für die Vermutung, dass das intensive Kennenlernen einer zunächst fremden Musik kulturellen Vorurteilen entgegenwirkt, kommen aus Portugal. Eine Arbeitsgruppe um Félix Neto aus Porto entwickelte eine spezielle interkulturelle Unterrichtseinheit für Musik. Fünf sechste Klassen an zwei Lissabonner Schulen, insgesamt 229 Schüler, bekamen 20 zusätzliche Doppelstunden Musik, ein halbes Jahr lang einmal pro Woche. Sie befassten sich intensiv mit Liedern im portugiesischen Nationalgesang Fado und im Morna-Stil der Kapverdischen Inseln. Auf diesen Inseln vor Afrika wird noch immer Portugiesisch gesprochen, ein Erbe der Kolonialzeit. Die Kinder erfuhren Hintergründe der Musikstile, Biografien von Sängern und Sängerinnen, hörten Lieder beider Kulturen in verschiedenen Interpretationen, sangen sie selbst und choreografierten Tanzinszenierungen dazu. Sie setzten sich also mit beiden Musikkulturen intensiv auseinander, emotional wie kognitiv.
Vor und nach dem halben Jahr interkulturellen Unterrichts bearbeiteten alle Kinder zwei Tests, in denen es um explizite sowie unterschwellige Vorurteile gegenüber Dunkelhäutigen ging. Außerdem gab es Nachtests drei Monate sowie drei Jahre nach dem Ende des Unterrichtsprojekts. Die Kinder in den fünf Parallelklassen machten jeweils dieselben Tests, hatten aber Unterricht wie immer.
Das Ergebnis ist verblüffend. Anfangs dachten die Kinder alle gleich über Dunkelhäutige, Vorurteile waren nicht extrem, aber deutlich. Bei den Kindern aus den fünf Vergleichsklassen blieb das konstant. Die musikalisch interkulturell trainierten Kinder hatten dagegen ihre Einstellung geändert. Explizit äußerten sie weniger Vorurteile, und ihre impliziten, unterschwelligen Vorbehalte waren sogar noch deutlicher geschrumpft. Beides blieb auch in den folgenden Monaten erhalten, die impliziten Vorurteile nahmen sogar noch weiter ab. Diese Kinder hatten die kapverdische als eine Art verwandter Musik kennen- und schätzen gelernt. Sie schienen diese Wertschätzung auf kapverdische Menschen und in der Folge auf Dunkelhäutige an sich ausgedehnt zu haben. ♦

Aus: Barbara Knab, Mit Musik wachsen – in: PSYCHOLOGIE HEUTE 08/2016

Das Zitat der Woche

Musik und Gehirn

Das Gespür für Musik haben, abgesehen von Patienten mit seltenen neurologischen Erkrankungen, alle Menschen: Jeder ist grundsätzlich musikalisch. Wir alle können einfache Melodien mühelos in unterschiedliche Tonarten transponieren, auch ohne den Begriff der Tonart zu verstehen – also dieselbe Melodie von einem anderen Grundton beginnend singen. Der Neurowissenschaftler und Musiker Daniel Levitin von der kanadischen McGill University hat zudem nachgewiesen, dass auch Laien über ein weit besseres musikalisches Gedächtnis verfügen, als es ihnen selbst bewusst ist. Er bat Nichtmusiker, ihr Lieblingslied zu singen – ausgewertet wurden dabei nur Stücke, von denen es eine Aufnahme in einer festgelegten Tonart gab. Obwohl die 40 Testpersonen protestierten und von sich selbst sagten, gar nicht singen und erst recht keinen Ton halten zu können, zeigten die Aufnahmen doch, dass sie Stücke wie «Billie Jean» von Michael Jackson oder «Like a Virgin» von Madonna überraschend originalgetreu reproduzierten. Auch ohne absolutes Gehör sangen sie die ausgewählten Lieder nahezu in der Originaltonhöhe und fast im exakten Tempo. «Es klang, als würden die Testpersonen direkt zur Aufnahme mitsingen – dabei hatten wir ihnen diese gar nicht vorgespielt», schreibt Levitin in seinem Buch «Der Musik-Instinkt».
Das Experiment zeigt, wie sehr sich Musik, oftmals schon ganz früh, ins Gehirn einprägen kann. So auch bei den vielen hervorragenden asiatischen Musikern, die ein Feingefühl für europäische Musik entwickelt haben: Sie wurden von Kindheit an mit dieser Musik groß – die Musik der eigenen Kultur spielte bei ihnen nur eine untergeordnete Rolle. Anders ist es bei Menschen in Indonesien beispielsweise, die bisher nichts mit westlicher Musik verband: Europäer, die in Jakarta leben, tun ihren einheimischen Nachbarn akustische Qualen an, wenn sie eine Beethoven-Sinfonie laut abspielen. Auf uns wiederum wirkt eine indische oder indonesische Komposition unweigerlich fremd – die andersartigen Tonleitern haben wir niemals in Form von Kinderliedern geübt.

Den Einfluss von Musik auf unser Gehirn haben auch Hirnforscher erkannt. Der deutsche Neurowissenschaftler Stefan Koelsch etwa hat in Untersuchungen zeigen können, dass fröhliche Musikstücke wie zum Beispiel das Allegro aus Bachs Viertem Brandenburgischem Konzert oder eine irische Tanzweise bei Patienten die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut verringerten – während einer Operation benötigten sie weniger von dem Narkosemittel Propofol.
Aufgrund solcher und anderer Wirkungen untersuchen Forscher zunehmend den Einsatz von Musik als Medizin. Manche Menschen lernen nach einem Schlaganfall oder einem Hirntrauma zusammen mit einem Therapeuten am Klavier, ihre Bewegungen wieder zu koordinieren. Tinnitus-Patienten kann speziell bearbeitete Musik dabei helfen, das rätselhafte Pfeifen und Klingeln in den Ohren wieder loszuwerden. Bei Menschen mit Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen kann gemeinsames Singen Verhaltensstörungen wie Aggressionen mildern, und die richtige Musik kann verschüttete Erinnerungen zurückholen und dem Leben wieder einen emotionalen Halt geben. So eng verwoben scheint Musik mit unserer Biografie, dass sie als emotionaler Kern selbst dann zurückbleibt, wenn andere Teile der Persönlichkeit bereits bröckeln und die Erinnerungen dahinschwinden.
Musik kann sogar Hirnstrukturen formen. Bei Profimusikern sind solche Veränderungen auf Hirnscans besonders gut sichtbar. So ist bei ihnen zum Beispiel der sogenannte Balken, der die beiden Gehirnhälften verbindet, deutlich dicker, insbesondere wenn die Musiker vor ihrem siebten Lebensjahr den Unterricht am Instrument begonnen haben. Auch bei Amateurmusikern lässt sich in manchen Teilen der Großhirnrinde eine Zunahme der grauen Substanz nachweisen, was auf eine Vergrößerung der Nervenzellen oder auf eine intensivere Verschaltung hindeutet. ♦

Aus Birgit Herden: «Die Macht der Musik», ZEIT-Online (Wissen Psychologie), Dezember 2011

Weitere Zitate der Woche

Das Zitat der Woche

Von der Übereinstimmung der Musik mit dem Leben

Was ist nötig, damit ein Lied zum Hit wird? Die oft aufgestellte These, es sei allein eine Sache der Vermarktung, ist ebenso falsch wie der Glaube, eine reine, von jeder kommerziellen Absicht losgelöste Kunst sei die Voraussetzung dafür. Beides kann, muss aber nicht sein.
Lässt man kurzlebige Popacts und One Hit Wonders aussen vor und betrachtet nur Künstler, die über Jahre und Jahrzehnte kontinuierlichen Erfolg hatten, zeichnen sich Erfolgsfaktoren ab, die sich bis zu einem gewissen Grad verallgemeinern lassen. So haben z. B. Udo Jürgens, Madonna, Tina Turner oder Joe Cocker eins gemeinsam: Image und Musik bilden eine glaubhafte Einheit und die Biografie enthält bewegende Schicksalsmomente, die für Schlagzeilen sorgen.

Musik-Zitat-der-Woche-Jimi-Hendrix
Maximale Authenzität von Musik und Leben: Gitarren-Legende Jimi Hendrix (1942-1970)

Wenn Frank Sinatra oder Harald Juhnke trotzig singen «I Did It My Way», nimmt man ihnen das ab, weil sie gesellschaftliche Konventionen immer ausser Acht liessen und trotzdem Erfolg hatten. Herbert Grönemeyer gestatten wir, über den «Mensch(en)» als solchen zu singen, denn jemand, der bekanntermassen so viel durchgemacht hat, kann das wohl beurteilen. Die Rolling Stones füllen selbst nach rund 40 Jahren im Musikgeschäft immer noch die grossen Stadien der Welt, weil sie wie keine andere Band über so lange Zeit hinweg das Lebensmotto «Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll» verkörpert haben. Jede Falte im Gesicht von Keith Richards und jedes uneheliche Kind von Mick Jagger zertifizieren das Image. Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison personifizierten das Lebensgefühl der 60er Jahre «Live fast – die young» in geradezu tödlicher Perfektion. Bei ihnen stimmten Musik, Biografie und Image bis in den Tod überein. Im HipHop gehören Tupac Shakur und Notorious BIG zu den am meisten verehrten Personen, denn ihr Tod im Kugelhagel zementiert ihre Street Credibility als Homies. ▀

Aus: «Wert der Kreativität», in der Zeitschrift «Musik & Bildung» (Musikpädagogik), Schott Verlag 2004

Das Zitat der Woche

Über die Musik als Glücksverstärker

Nicolai Petrat

Diese Behauptung wirkt auf den ersten Blick etwas banal, lohnt aber die genauere Reflexion, insbesondere dann, wenn es darum geht, weitere Hintergründe zur Entstehung von Glücksgefühlen zu recherchieren. Beginnen wir zunächst weit vorn, bei unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung. Denkbar ist nämlich, dass Glücksmomente schon seit langer Zeit durch die Beschäftigung mit Musikalischem im weiteren Sinne erzeugt werden. Der britische Rockmusiker Sting geht davon aus, dass die allerersten von Menschen gesungenen Lieder dem Ausdruck von Freude dienten.
Heute kennt es jeder: Wenn wir «unser» positiv gestimmtes Lieblingsstück hören, sind wir nicht nur besser gelaunt, wir sind gleich fröhlicher und fühlen uns dynamischer. Dahinter stecken bestimmte neurologisch ablaufende Prozesse. Tatsächlich hängen das Erleben von Musik und die Bildung von Glücksgefühlen neurophysiologisch eng zusammen.
Neurowissenschaftler können es z.B. daran erkennen, wenn auf Gehirnscans beim Musikhören gerade Bereiche des Belohnungssystems, vor allem im limbischen System, gewissermaßen «aufleuchten», dort also verstärkte Aktivität zu erkennen ist.

Was aber passiert, bevor akustische Nervenimpulse das limbische System erreichen? Grundlegende neuronale Aktivitäten, die im weiteren Sinne etwas mit musikalischer Wahrnehmungsverarbeitung zu tun haben, beginnen bereits im Hirnstamm, dem ältesten Teil unseres Gehirns. Vor allem rhythmische Anteile werden schon dort registriert, zwar nicht bewusst, aber so intensiv, dass sie früh auf von der Evolution festgelegte Schaltkreise unserer Hörbahn geschickt werden. Die an der akustischen Wahrnehmungsverarbeitung beteiligten Neuronenverbände sind von Natur aus darauf angelegt, bereits auf ersten Stationen der Hörbahn Regelmäßigkeiten und Ordnungen zu erkennen. Hier werden frühzeitig laute Reize, dumpfe, tiefe sowie dissonante Klänge registriert. Diese signalisieren den übrigen Arealen im Gehirn mögliche Gefahren und treiben den Herzschlag, Blutdruck und die Atemfrequenz in die Höhe, verändern die Muskelspannung. Dies führt zu Impulsen für Abwehr- und Fluchtreaktionen. Umgekehrt wirken langsame und regelmäßige Rhythmen beruhigend. Unser Gehirn interpretiert sie als Anzeichen für ungefährliche Situationen. Wir spüren dies als ein besonderes Wohlgefühl. Je nach Art der Musik werden unterschiedliche Hormone abgegeben: Adrenalin bei schneller und aggressiver Musik, Noradrenalin bei sanften und ruhigen Klängen. Letztere können sogar die Ausschüttung von Stresshormonen verringern. Der Nucleus accumbens wird aktiviert. Umgekehrt wird der sogenannte «Mandelkern» im Limbischen System, der insbesondere bei Stress aktiv ist, regelrecht abgeschaltet, wenn wir etwas Angenehmes empfinden, beispielsweise unsere Lieblingsmusik hören. Es entsteht Freude, unser Glücksempfinden wird stimuliert, eventuelle Ängste verschwinden zumindest vorübergehend. […]

Nicolai Petrat
Nicolai Petrat

Musik erfordert eine Wahrnehmungskunst, die auf die Verarbeitung des Moments angewiesen ist. Trotz der immensen Vielfalt an zu verarbeitenden Informationen geht unser Gehirn hier sehr effektiv an die Arbeit, einerseits durch besondere Mechanismen der Wahrnehmungsverarbeitung,andererseits dadurch, dass es dabei recht zuversichtlich, ja optimistisch vorgeht. Denn «die Natur“ hat unser Gehirn auch im Hinblick auf die Musikverarbeitung mit einer Art «Belohnungsspirale» ausgestattet. Auch für unser Musikgehirn gilt: Umso besser die Neuronenverbände und neuronalen Netzwerke zusammenarbeiten, desto lern- und leistungsfähiger wird unser Gehirn. Im besten Fall geraten die Verarbeitungsprozesse in eine intern organisierte Belohnungsspirale.
Das Besondere: Sobald Neurotransmitter wie Dopamin, Noradrenalin, Serotonin oder Endorphine mit ins Spiel kommen, werden umfangreichere musikspezifische Netzwerke aktiviert, manche werden erweitert, manche sogar neu gebildet. Ohne Transmitter kann unser Gehirn keine Informationen verarbeiten, auch keine musikalischen. Ohne sie ist eine Kommunikation im Gehirn nicht möglich. Sie sind wesentlich daran beteiligt, unsere funktionelle neuronale Architektur aufzubauen, in Gang zu setzen, optimal zu aktivieren. Durch sie wird der Aktionsradius erweitert, es werden auch weiter entfernte Areale aktiviert. Diese sorgen dafür, dass wir uns besser konzentrieren können und motivierter, zuversichtlich sind, ein gesetztes Ziel zu erreichen. Durch Neurotransmitter werden wir leistungsfähiger, flexibler, kreativer. Im besten Fall aktiviert das Gehirn das Belohnungszentrum, macht weitere Energie frei. Wir empfinden ein Glücksgefühl. Es wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der unser Gehirn auf Hochtouren bringt.
Gerade im Hinblick auf musikspezifische Verarbeitungsprozesse ist unser Gehirn stets auf der Suche nach positiven Zusammenhängen, gerät geradezu in Euphorie, wenn es hier etwas Positives registriert. Erst wenn die Belohnungsspirale angesprungen ist, können wir dorthin kommen, wo das Künstlerische beginnt. Besondere Fähigkeiten werden freigesetzt, auch künstlerische. Das gilt nicht nur für das Musikhören, sondern auch für das Instrumentalspiel. Es wird musikalisch bewegter. Musikalische Energie ist regelrecht herauszuhören. Erst dann erreichen wir die Sphäre, wo wir musikalisch geradezu über uns hinauswachsen. ♦

Aus: Nicolai Petrat: Glückliche Schüler musizieren besser! – Neurodidaktische Perspektiven und Wege zum effektiven Musikmachen,  Wißner VerlagForum Musikpädagogik (Band 121) 2014, 164 Seiten, ISBN 978-3-89639-934-2

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Der Autor in der Postmoderne

Andreas Pfister

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Die Vorstellung von Autorschaft in der Postmoderne verändert sich mit der künstlerischen Praxis. Während der Autor der Moderne sein Kunstwerk als neu und nie dagewesen darstellt, nimmt der Autor der Postmoderne Bezug auf die Herkunft seines Materials. Beim Verwenden von fremden Texten, Stilrichtungen, Gattungen, Epochen usw. handelt es sich aber nicht um schlichte Nachahmung. Der entscheidende Unterschied zur Nachahmung liegt in der postmodernen Brechung, das heisst in der produktiven Aneignung dieser Formen, Stoffe und Inhalte durch den Autor. Trotzdem gilt diese Form von künstlerischer Leistung für die traditionelle Auffassung von Genialität als minderwertig, weil sie darin keine Neuschöpfung, sondern nur eine Weiterverarbeitung von Bestehendem sieht. Und so werfen Kritiker aus Positionen der Moderne dem Autor der Postmoderne Selbstüberschätzung vor. Aus ihrer Perspektive bleibt der Autor der Postmoderne im Gegensatz zum wahren Schöpfer letztlich ein Epigone. Diesem Werturteil zufolge vermittelt der Autor der Postmoderne bloss vorhandene Kunst und kompiliert Bestehendes mehr oder weniger beliebig zu etwas halb Eigenem.
Die Postmoderne kontert diese Herabsetzung mit einer Doppelbewegung: Zum einen glauben Autoren der Postmoderne nicht länger an den Mythos des prometheischen Genies, das Neues und Eigenes ohne Übernahme von Fremdem hervorbringt. Vielmehr sieht die Postmoderne im Beharren auf Originalität und Innovation eine verlogene Überheblichkeit und eine Verdrängung dessen, was sie für realistischer hält; nämlich dass Kunstschaffen immer – ob bewusst oder unbewusst – Übernahme von Bestehendem impliziert. Zum anderen wird der produktive Umgang mit fremdem Material zum eigentlichen Kunstschaffen aufgewertet. Die Postmoderne betont, dass sich dieses unterbewertete Weitervermitteln, Kompilieren und angeblich epigonale Nachahmen zu einer vollwertigen künstlerischen Praxis im Sinne der Genie-Ästhetik entwickelt hat. Im Umgang mit dem bestehenden Material hat sich der Autor der Postmoderne den Kriterien der Originalität und Innovation zu stellen. Es ist letztlich die Qualität dieses «Rückgriffs«», die den postmodernen Autor der Postmoderne vom Epigonen unterscheidet.

In der Spätphase der Postmoderne stellt sich heraus, dass sich originales Künstlertum bei Autoren der Moderne bzw. Postmoderne zwar in unterschiedlichen künstlerischen Praktiken ausdrückt. So lässt sich beispielsweise das Vexierspiel der deutschen postmodernen Literatur in den achtziger Jahren als eine neue, eine postmoderne Form von Originalität verstehen. Trotzdem bleibt die Postmoderne mindestens in ihrer Spätphase, d.h. ab den achtziger Jahren – von der traditionellen Auffassung originalen Schöpfertums geprägt. Trotz der unterschiedlichen künstlerischen Praktiken von Autoren der Moderne bzw. Postmoderne haben sich grundsätzliche Prinzipien der Genie-Ästhetik wie Originalität und Innovation auch in der Postmoderne durchgesetzt – paradoxerweise trotz deren Kritik am Geniekult. Im Zeichen der Anonymität angetretene «DJ’s» werden zu Stars hochgejubelt, ihre Namen sind heute allgemein bekannt.
Im Literaturbetrieb ist der Starrummel traditionell weniger ausgeprägt, doch auch hier bleibt die Person des Autors zentral wichtig. Der Autor in der Postmoderne erweist sich damit als ein weiterer Erbe des Genie-Gedankens des 18. Jahrhunderts. Gleichzeitig ist er ein Erbe des Autors der Moderne. Der Autor der Postmoderne führt in verschiedener Hinsicht dessen Gestus fort: Auch in der Postmoderne strebt der Autor nach Originalität als zentralem Wert. Doch im Gegensatz zum Autor der Moderne schlägt er dazu einen anderen Weg ein: Er geht davon aus, dass seine eigene Stimme eine fremde Stimme ist und kann sich fragen, wer und was durch ihn hindurch spricht. Indem er nach der Herkunft seiner fremden Stimmen sucht, erhofft er sich – wie vor ihm der Autor der Moderne – immer wieder Befreiung von unbewusster Fremdbestimmung. ■

(Aus Dr. Andreas Pfister: Der Autor in der Postmoderne, Dissertation, Philosophische Fakultät der Universität Freiburg/CH, 2004 http://ethesis.unifr.ch/theses/downloads.php?file=PfisterA.pdf )

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Das Zitat der Woche

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Vom ruhigen und guten Leben

Stéphane Hessel

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Stephan Hessel - WikipediaWir sind alle zusammen verbunden in einer interdependenten Welt. Kein Problem kann nur mehr von einem Land geregelt werden, selbst die Schweiz kann das nicht tun. Man hat manchmal das Gefühl, jaja, die Schweiz, die kann sich schon allein organisieren. Sie braucht die anderen nicht, sie ist während der Kriege immer neutral gewesen, daher kann sie auch ihr gutes, ruhiges Leben weiterführen, ohne sich interessieren zu müssen, was außerhalb ihrer Grenzen vor sich geht. Das ist natürlich völlig falsch! Sei es noch so gut regiert oder noch so kraftvoll, es gibt keine Lösung nur für ein Land, egal ob es nun um die Vereinigten Staaten, Israel oder die Schweiz geht. Kein Land kann mehr hoffen, allein weiterzukommen, ohne mit der ganzen Weltgesellschaft verbunden zu sein. Das ist das Neue an unserer Epoche! Das müssen wir alle noch lernen, und dafür müssen wir uns gemeinsam einsetzen. ♦

Aus: Stephane Hessel, An die Empörten dieser Erde – Vom Protest zum Handeln, Aufbau Verlag 2012

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