Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat (Krimi)

Makabre Justiz-Posse

von Walter Eigenmann

Der Lumpenadvokat - Cover - Unionsverlag - Glarean MagazinPa­ris, ei­nes heis­sen Som­mers vor ei­ni­gen Jah­ren: Der stän­dig blan­ke, aber im All­tag doch ge­ris­se­ne und des Nachts im „Ban­lieue“ mit Nut­ten und Ga­no­ven be­fass­te, weil die­se als klei­ner Pflicht­ver­tei­di­ger ver­tre­ten­de Ad­vo­kat Chris­to­phe Lei­bo­witz-Bert­hi­er macht mit sei­nem weit­aus er­folg­rei­che­ren An­walts-Spe­zie Lak­dar ei­nen Deal. Aus dem Knast soll der Gangs­ter Da­vid Sel­lem raus­ge­holt wer­den – mit­tels Rol­len­tausch und für eine ver­spro­che­ne Mil­li­on hockt schliess­lich Lei­bo­witz in der Zel­le, ne­ben Se­ri­en­ver­ge­wal­ti­gern und Mes­ser­mör­dern. Der Ge­dan­ke an die ver­ab­re­de­ten Eu­ros lässt Schlitz­ohr Lei­bo­witz den Ge­fäng­nis­all­tag vor­erst er­tra­gen, doch als ihn draus­sen An­stif­ter Lak­dar plötz­lich als Mit­wis­ser im Stich lässt, lernt die „Fresnes“-Knast-Welt ei­nen Herrn Pflicht­ver­tei­di­ger als In­sas­sen ken­nen, wie sie ihn noch nicht ge­se­hen hat…

Solo-Sextett für einen Intriganten und einige Ganoven

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Im fran­zö­sisch­spre­chen­den Aus­land kam Han­ne­lo­re Cayre’s (von dem deut­schen Wahl-Fran­zo­sen Ste­fan Lins­ter mit viel Sinn fürs sprach­lich Kna­ckig-Def­ti­ge) ins Deut­sche über­setz­tes, kri­mi­nel­les Kam­mer­spiel um den klei­nen Lei­bo­witz mit dem gros­sen Her­zen und der noch grös­se­ren Klap­pe präch­tig an. „Té­lé­ra­ma“ mach­te aus dem 2004 in Pa­ris er­schie­ne­nen „Com­mis d’0ffice“ so­gar „gros­ses, ab­sur­des Welttheater“.

Deutsch le­sen­de Freun­de des Gen­res wer­den die­ses von den Plots her eher ge­mäch­li­che Solo-Sex­tett für ei­nen In­tri­gan­ten und ein paar Ga­no­ven mög­li­cher­wei­se nicht gar so hoch ins Sur­rea­lis­ti­sche hie­ven. Aber wenn eine er­folg­rei­che Fil­me­ma­che­rin und Kri­mi-Au­torin wie die Pa­ri­ser Straf­ver­tei­di­ge­rin Ca­yre, be­ruf­lich mit der glei­chen Art Kli­en­tel wie der Ro­man-Prot­ago­nist zu­gan­ge, eine sol­che Mi­lieu-Stu­die schreibt, dann muss es knis­tern und knir­schen nicht nur im Jus­tiz-Ge­bälk, son­dern auch in Le­ser-Lach­mus­keln. Denn die Au­torin weiss ge­ra­de­zu vir­tu­os mit je­nen In­gre­di­en­zen zu spie­len, wel­che den fran­zö­si­schen Es­prit auch (und ge­ra­de) im Kri­mi zum Tra­gen brin­gen: Vor Wort­witz, Schwar­zem Hu­mor, Si­tua­ti­ons­ko­mik, Mi­lieu-Slang und All­tags-Zy­nis­mus strotzt der „Lum­pen­ad­vo­kat“ so prall, dass man dar­ob fast sei­ten­wei­se die Hand­lung vergisst.

Absurdes Welttheater

Hannelore Cayre - Autorin - Glarean Magazin
Han­ne­lo­re Cayre

Sehr gut vor­stell­bar, dass die Fi­gur die­ses Win­kel­ad­vo­ka­ten Lei­bo­witz und sei­ner wahr­lich ver­win­kel­ten Ma­chen­schaf­ten sich eig­net für eine kom­plet­te Ro­man- bzw. Film-Se­rie (wie es ge­mäss Ver­lags-Info ge­plant ist). Man war­tet also hier­zu­lan­de ger­ne auf die deut­sche Fas­sung des nächs­ten „Lei­bo­witz“ (frz. „Toi­les de maitre“). Denn „Der Lum­pen­ad­vo­kat“ ist ein mit psy­cho­lo­gi­schem Tem­po vor­an­ge­trie­be­nes, mit pro­fes­sio­nell-ver­ständ­nis­vol­lem Blick für kri­mi­nal­tech­ni­schen und straf­recht­li­chen Aber­witz kom­po­nier­tes, den all­täg­li­chen Jus­tiz-Irr­sinn süf­fi­sant-lach­haft kre­den­zen­des, da­bei atem­rau­bend Ha­cken schla­gen­des Stück „Schelmen“-Literatur. Und zwar von je­ner Art, die man gie­rig ver­schlingt und dann für ewig weg­legt – aber ziem­lich lan­ge nicht vergisst. ♦

Han­ne­lo­re Ca­yre, Der Lum­pen­ad­vo­kat, Ro­man, Uni­ons­ver­lag, 154 Sei­ten, ISBN 978-3-293-00379-8

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