Walter Eigenmann: Wozu eigentlich noch Literatur? Ein Plädoyer

Wozu eigentlich noch Literatur?

Walter Eigenmann

Die Fra­ge klingt erst mal wie der ul­ti­ma­ti­ve Pro­vo­ka­ti­ons-Hit aus dem Feuil­le­ton-Kel­ler, ist aber al­les an­de­re als lach­haft. Im Ge­gen­teil: Sie brennt ak­tu­ell heis­ser als je zu­vor. Denn nie in der mensch­li­chen Kul­tur­ge­schich­te muss­te das künst­le­risch ge­schrie­be­ne, das li­te­ra­ri­sche Wort – der Ro­man, das Ge­dicht, die Er­zäh­lung, das Dra­ma – ge­gen eine der­art om­ni­prä­sen­te und om­ni­po­ten­te Ar­ma­da aus Bild­schirm-Dau­er­feu­er, Be­nach­rich­ti­gungs-Si­re­nen, Wer­be-Pe­ne­tra­ti­on, Strea­ming-Dau­er­be­schal­lung, Click­bait-Ge­quat­sche, Kurz­vi­deo-Hyp­no­se, kurz: Ge­gen eine gan­ze al­go­rith­misch per­fek­tio­nier­te Zer­streu­ungs-Ma­schi­ne­rie an­tre­ten wie heu­te. Das Buch, frü­her mal Flucht­burg, Bil­dungs­gut, Sta­tus­sym­bol und See­len-The­ra­peut, wird so ganz all­mäh­lich durchs Han­dy er­setzt, das dir jede Mi­nu­te neue Ver­lo­ckun­gen ins Ge­sicht streamt…

Buch-Ersatz - Glarean Magazin

Und trotz­dem: Aus­ge­rech­net jetzt hat (oder hät­te) die Stun­de der Li­te­ra­tur ge­schla­gen – mehr denn je! Denn Li­te­ra­tur ist nicht ein­fach nur Info-Pu­sher wie fast das Meis­te im In­ter­net, sie ist kein Nach­schla­ge­werk für Schul­klau­su­ren, kein Feuil­le­ton-Fut­ter und kein Preis-Jury-Ego­trip. Ihr Ding fängt ge­nau da an, wo die Mit­tei­lung auf­hört und die ech­te Er­fah­rung los­geht. Ein Nach­rich­ten­ti­cker quatscht dir vor, was pas­siert – ein Ro­man zeigt dir, wie sich das an­fühlt. Ein News-Por­tal sor­tiert Fak­ten – ein Ge­dicht dreht dei­ne Wahr­neh­mung um. Ein Wer­be­spruch will ein­fach dei­nen Re­flex trig­gern – ein li­te­ra­ri­scher Satz kann dein Be­wusst­sein erweitern.

Die di­gi­ta­le Welt steht auf Speed, Reiz-Mi­ni­mie­rung, Ver­ein­fa­chung und so­for­ti­ger Wei­ter­klick­bar­keit. Li­te­ra­tur macht das ge­naue Ge­gen­teil: Sie ver­lang­samt, bremst so­gar aus, macht al­les kom­pli­zier­ter, nervt ab­sicht­lich, ver­wei­gert die hüb­sche Poin­te, lässt die Am­bi­va­len­zen ein­fach so ste­hen und zwingt zur ei­ge­nen Denk­ar­beit. Sie will nicht dei­nen Dau­men, sie will dei­ne Auf­merk­sam­keit. Nicht wi­schen – ver­wei­len. Nicht re­agie­ren – re­so­nie­ren. Ge­nau des­halb wirkt sie im Zeit­al­ter der kol­lek­ti­ven kul­tu­rel­len Auf­merk­sam­keits-De­fi­zit-Stö­rung fast schon sub­ver­siv. Wie ein klei­ner, stil­ler Mit­tel­fin­ger an den gan­zen Lärm…

Ahnungsloser Mensch - Glarean Magazin

Klar, man kann ohne Ge­dich­te le­ben – Mil­li­ar­den tun das täg­lich. Ohne So­na­ten, ohne Ma­le­rei, ohne Phi­lo­so­phie, ohne Ster­nen­him­mel – geht auch. Die Fra­ge ist nur: wie ge­nau. Nütz­li­che Sys­te­me hal­ten dich am Lau­fen. Kunst hin­ge­gen fragt, wo­für der gan­ze Kram ei­gent­lich gut sein soll. Wer nur in Ge­brauchs­wer­ten denkt, hält Li­te­ra­tur eh für über­flüs­si­gen Lu­xus-Quatsch. Wer aber er­fasst, dass der Mensch mehr ist als Kon­su­ment, Da­ten­satz, Ar­beits­bie­ne oder Wer­be­ziel­grup­pe, der lan­det frü­her oder spä­ter bei der bit­te­ren Er­kennt­nis: Zweck­freie Spra­che ist kein Nice-to-have, sie ist schlicht überlebenswichtig.

Denn Spra­che ver­kommt, wenn sie nur noch ver­kauft, in­for­miert, an­weist, po­la­ri­siert, mo­ne­ta­ri­siert oder per KI si­mu­liert. Das Ge­dicht, der Ro­man, die Er­zäh­lung er­in­nern sie dar­an, was sie al­les könn­te: Klang, Prä­zi­si­on, Mehr­deu­tig­keit, Schön­heit, Schmerz, das be­wuss­te Ver­schwei­gen, das Un­sag­ba­re. Li­te­ra­ri­sche Spra­che hält Räu­me of­fen, die der Funk­ti­ons­sprech der Jetzt­zeit ge­ra­de schön plattwalzt…

Handy-Kommunikation - Glarean Magazin

Und die­ser gan­ze Jam­mer des „vor­rü­cken­den funk­tio­na­len An­alpha­be­tis­mus“, wie ihn Pisa- und an­de­re Stu­di­en do­ku­men­tie­ren: Das ist kein Schul­pro­blem mehr, das ist ein ech­tes Mensch­heits­pro­blem. Wer nicht mehr rich­tig le­sen kann, trotz staat­lich ver­ord­ne­ter Schul­zeit – oder nur noch Über­schrif­ten, Kom­men­tar-Gift und Häpp­chen –, ver­liert nicht bloß eine Kul­tur­tech­nik, der ver­liert den Zu­gang zu In­nen­wel­ten. Ganz ab­ge­se­hen da­von, dass Men­schen mit un­ter­durch­schnitt­li­cher Sprach­kom­pe­tenz es schwie­ri­ger ha­ben, ein po­li­tisch dif­fe­ren­zier­tes Be­wusst­sein zu ent­wi­ckeln, was sie wie­der­um an­fäl­li­ger macht für dem­ago­gi­sche Ma­ni­pu­la­ti­on. Län­ge­re, an­spruchs­vol­le Tex­te trai­nie­ren Ge­duld, Fan­ta­sie, Nu­an­cen-Se­hen, Per­spek­tiv­wech­sel – das ist eine ech­te Schu­le der Frei­heit. Wer nur noch Häpp­chen zu sich nimmt, denkt ir­gend­wann auch nur noch in Häppchen.

Neue Buchwelten - Glarean Magazin

Aber wie ist’s mit der ach so „knap­pen Frei­zeit“, der hei­li­gen? Aus­ge­rech­net die spricht für Li­te­ra­tur. Zwi­schen all dem kon­su­mier­ten Müll wirkt eine hal­be Stun­de mit Kaf­ka, Bach­mann, Pes­soa oder Wal­ser nicht wie Zeit­ver­schwen­dung, son­dern wie Dieb­stahl zu­rück: Ein gu­tes Buch klaut dir kei­ne Zeit – es gibt sie dir ver­wan­delt wieder.

Na­tür­lich wird Li­te­ra­tur nie wie­der Mas­sen­phä­no­men; vor­bei die Zei­ten, da Goe­thes „Wert­her“ un­ter Eu­ro­pas ge­ho­be­nen Söh­nen und Töch­tern die Sui­zid­ra­te in die Höhe schnel­len liess. Bel­le­tris­tik, Ly­rik – das al­les hat we­nig Chan­ce ge­gen Tik­Tok & Co., hat kei­ne Wer­be­bud­gets und ver­drängt kei­ne Dopamin-Schleudern.
Wozu also noch Li­te­ra­tur? Da­mit Spra­che nicht kom­plett zur Re­kla­me ver­kommt. Da­mit Den­ken mehr bleibt als re­flex­ar­ti­ges Zap­pen. Da­mit Er­in­ne­rung Tie­fe be­hält und nicht nur Screen­shot-Ni­veau, da­mit Ein­sam­keit eine Stim­me kriegt, da­mit Kom­ple­xi­tät nicht gleich als Zu­mu­tung ge­brand­markt wird, da­mit der Mensch sich nicht rest­los un­ter die Bytes sei­ner ei­ge­nen Ma­schi­nen wirft.
Oder, et­was we­ni­ger pa­the­tisch for­mu­liert: Da­mit in­mit­ten des welt­wei­ten Ge­brülls noch ir­gend­wo ein ein­zi­ger Satz steht, der wah­rer ist als tau­send Bil­der zusammen… ♦

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