Laura Steven: Speak Up (Roman)

Frisch, ironisch, verletzlich

von Katka Räber

„Speak Up“ von Laura Steven ist ein witzig und zunächst leichtfüssig im Jugendjargon verfasster Roman in Tagebuchform über mögliche Probleme von Achtzehnjährigen in den USA an einer Highschool. Abgrenzung, Ausgrenzung, Sexualität, Liebe, Freundschaft und Cybermobbing mit allen möglichen Konsequenzen.

Auf Englisch heisst das Buch „The Exact Opposite of Okay“ und trägt in der deutschen Übersetzung den Titel „Speak Up“, was auf den ersten Blick undurchsichtiger scheint und „lauter sprechen“ bzw. „den Mund aufmachen“ bedeutet.
Warum auf Englisch, wenn ein weniger Englischkundiger für die genaue Wortwahl im Wörterbuch nachschauen muss? Vielleicht, weil es dann eher auch die junge Leserschaft anzieht, und das ist gut so.

Laura Steven: Speak Up (Roman) - Droemer Verlag
Laura Steven: Speak Up (Roman)

Jugendliche oder junge Leserinnen und Leser treffen hier eine unangepasste Achtzehnjährige an, die schon als kleines Kind ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hat und seitdem bei ihrer Grossmutter lebt. Izzy O’Neill ist rotzig unangepasst, aber intelligent, und sie möchte gerne Drehbuchautorin werden. Die Englischlehrerin entdeckt Izzys Talent und hilft ihr bei konkreten Schritten, um ihre Texte tatsächlich veröffentlichen zu können und durch einen Wettbewerb zu einem Studium zu kommen.

Selbstironie als Selbstschutz

Izzy schützt ihre Gefühlswelt mit selbstironischem Humor und ständigen Witzeleien, die tatsächlich humorvoll sind, in der täglichen Konzentration dann manchmal sowohl ihrer Umgebung wie auch mir als Leserin hie und da fast zu viel, also ‚too much’ waren. Aber Laura Steven, die Autorin aus der nördlichsten Stadt Englands, ist selber Jahrgang 1992 und kennt sich in der Szene noch sehr gut aus. Warum sie allerdings die Handlung in den USA und nicht in England spielen lässt, wurde mir nicht ganz klar. Aber das ist unwichtig, denn die Szenerie stimmt, die jungen Leute an der Schule sind noch mehr als mit dem Lehrstoff mit Sex, Partys und Beziehungsproblemen beschäftigt.

Ausgrenzung durch Sprache

Laura Steven - Glarean Magazin
Laura Steven (geb. 1992)

Das könnte in jedem Kioskroman vorkommen, wäre da nicht diese tatsächlich witzige, meist sogar geistreiche Sprache der Hauptprotagonistin, wie sie sich ihrem Tagebuch während einem Monat anvertraut. Und aus einer Beobachterperspektive lernen wir zuerst Izzys beste Freundin Ajita und den Freund schon aus dem Kindergarten Danny kennen, mit denen sie herumzieht, die Welt mit kritischem Blick betrachtet und in Gesprächen kommentiert. Ihre eigenen, verletzlichen Gefühle versteckt Izzy hinter schnödem Sarkasmus, der ihr einerseits hilft und sie innerlich stärkt, aber sie in Gesellschaft von anderen Jugendlichen in die Bitch-Ecke stellt.

Zwischen Sexualität und Cybermobbing

Neben der nach aussen derben Sprache und scheinbar abgebrühten Sexualität werden aber auch sehr zarte Liebesgefühle beschrieben, die anrühren und die Spannweite zwischen unserer vollkommen sexualisierten Welt und der Verletzlichkeit von echten Gefühlen, Erwartungen, Unsicherheiten und freundschaftlichen Banden aufzeigen. Und plötzlich kippt dieses Spiel in ein schlimmes Cybermobbing, indem gedankenlos Fotos manipuliert werden und zu einer vernichtenden Waffe mutieren. Dies gehört leider auch bei uns zur Realität an Schulen, wobei das grossartige Internet missbraucht wird zu bösartigen Vernichtungsattacken.

Ungekünstelt-jugendliche Frische

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Das Buch hat mich angesprochen in seiner ungekünstelten, jugendlichen Frische, hat mich immer wieder amüsiert, wenn es auch stellenweise ein wenig zu lang geriet, aber es zeigt auf, dass Gerüchte im Internet die Zukunft verbauen und eine menschliche Psyche beschädigen können. Da schwingt kein erhobener Moralfinger mit, es entzaubert bloss den Wunsch, dass junge Menschen noch unverdorben, gut und nicht bösartig sind. Der Lebenskampf beginnt schon früh, auch innerhalb von Freundschaften.
Der englische Humor der jungen, gesellschaftlich sehr engagierten Autorin wurde von Henriette Zeltner hervorragend übersetzt. The Guardian schrieb über die Originalausgabe: „Witzig, geistreich, feministisch.“ Das lässt sich auch vom Transfer ins Deutsche behaupten. ♦

Laura Steven: Speak Up – Roman, 348 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28233-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jugend und Sexualität auch über den Roman von Peter Reutterer: Siesta mit Magdalena

… sowie zum Thema Jugend und Sprache von Mario Andreotti: Wie Jugendliche heute schreiben

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

„Dass ich unentwegt stolpere…“

von Sigrid Grün

Sie war Karoline, Carola, Carlinchen, Barbara – Klabunds Frau, Brechts Muse und eine der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen: Carola Neher, die 1900 als Karoline zur Welt kam und sich nach nichts mehr sehnte als nach den Brettern, die die Welt bedeuten. Charlotte Roth (Pseudonym von Charlotte Lyne) hat ihrem aufregenden Leben nun den Roman „Die Königin von Berlin“ gewidmet, der uns in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts entführt.

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)
Charlotte Roth: Die Königin von Berlin (Roman)

Nach ihrer Ausbildung in einer Bank verlässt Karoline Neher Hals über Kopf ihre Mutter und ihren geliebten Bruder und reist von München nach Baden-Baden – eigentlich will sie nach Berlin, aber dafür reicht ihr Geld nicht. Ohne richtige Schauspielausbildung kommt sie nur in Pagenrollen zum Einsatz. Bald erweist sich das Theater in der Kurstadt als Sackgasse, und Karoline, die sich mittlerweile Carola genannt hat, landet wieder in München, wo der ersehnte Erfolg auch ausbleibt. In der bayerischen Landeshauptstadt trifft sie allerdings einen Mann, der zu einer Schlüsselfigur in ihrem Leben werden sollte: Bertolt Brecht. Ihm folgt sie bald auch nach Berlin, denn er sieht in der jungen Schauspielerin mehr als andere Regisseure, die ihr immer nur kleine Rollen geben.

Lebenslange Liebe zu Klabund

Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) 1930 - Glarean Magazin
Carola Neher und Klabund (Alfred Henschke) in Berlin Ende der 1920er Jahre

In Berlin genießt sie das freie Leben. Sie will sich nicht binden, bis sie eines Tages in der Straßenbahn einem hageren Mann mit Brille begegnet, der etwas in ihr zum Schwingen bringt. Alfred Henschke, genannt Klabund, ist zehn Jahre älter als Carola Neher und schwer an Tuberkulose erkrankt. Doch die Liebe zwischen den beiden reicht bis zu seinem Tod in Davos. An seinem Sterbebett gesteht ihm Carola: „Ich kann ein Biest sein, eine Plage, weil ich im Grunde nicht weiß, wie ein Mensch mit einem Menschen umgeht, aber ich bin verloren ohne dich. Du weißt, dass ich ohne dich keinen Fuß vor den anderen setzen kann, dass ich unentwegt stolpere.“

Seine Krankheit überschattet die ganze Beziehung. Klabund vergöttert Carola und lässt ihr alle Freiheiten: „Ich war einmal gar nicht so viel anders als du, dachte er. Ich bin es noch immer, ich möchte genau wie du eine Kerze sein, die an beiden Enden brennt und mir das Leben zum Feuerwerk macht. Meine Kerze ist nur schon ein bisschen zu kurz dafür, doch der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich dir deswegen deinen Spaß verderbe.“
Er war Carola Nehers große Liebe. Doch ein weiterer Mann spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle im Leben der Schauspielerin. Bertolt Brecht schrieb ihr die Rolle der Polly Peachum aus der Dreigroschenoper auf den Leib. Das Stück und die Verfilmung Anfang der 30er Jahre, sollten ihre größten Triumphe werden, der Barbara-Song ihr Lied.

Rahmenhandlung in die 1970er Jahre verlegt

Charlotte Roth lässt eine spannende Zeit lebendig werden. Die Geschichte um die kurzen Leben von Klabund – er wurde nur 38 – und Carola Neher, die mit gerade mal 41 Jahren in einem sowjetischen Zwangsarbeiterlager starb, ist in eine Rahmenhandlung gebettet, die sich Ende der 70er Jahre in Edenkoben zuträgt, einem Ort, mit dem Neher verbunden war. Ein Fremder kommt in die Gemeinde, um etwas über die Vergangenheit von Carola zu erfahren. Wer der Mann ist, wird erst ganz zum Schluss klar.

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Roths Roman basiert auf zahlreichen Tatsachen und enthält natürlich auch Ausschmückungen. Besonders zu Beginn hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte einige Längen aufweise. Doch die Beziehung zwischen dem sympathischen Klabund und der Schauspielerin, die verletzlicher ist, als sie vorgibt zu sein, wird von der Autorin ganz wunderbar literarisch aufgearbeitet.
Charlotte Roth ist ein berührender und interessanter Roman über eine Schauspielerin gelungen, die mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist. In „Die Königin von Berlin“ werden eine Zeit und ein Lebensgefühl lebendig, die uns seit einem Jahrhundert faszinieren: „Die goldenen Zwanziger“. Eine schöne Lektüre, die ich allen ans Herz legen kann. ♦

Charlotte Roth: Die Königin von Berlin – Sie war die Muse von Bertolt Brecht, Roman, 416 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28232-8

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den Roman von Roswitha Quadflieg und Burkhart Veigel: Frei

… sowie zum Thema Berlin über Susanne Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Paula Irmschler: Superbusen (Roman)

Ironisches Überprüfen von Vorurteilen

von Horst-Dieter Radke

Nach dem Lesen des Romans „Superbusen“ von Paula Irmschler hat man das Gefühl, das sich zur Not auch in Chemnitz leben ließe, und dass eine Zeit jenseits von brauner Hetze auch für diese Stadt zumindest vorstellbar ist…

Paula Irmschler: Superbusen - Roman, 312 Seiten, Claassen, ISBN 978-3-546-10001-4
Paula Irmschler: Superbusen

Die Handlung von „Superbusen“ ist schnell erzählt: Junge Frau zieht nach Chemnitz um zu studieren, genauer: um Distanz zwischen sich und der Familie zu bringen. Das war früher, im Buch jedoch später. Es beginnt nämlich damit, dass die Protagonistin zurück nach Chemnitz will. Um ihr Studium endlich abzuschließen. Oder was anderes, was sie noch nicht so genau weiß. Immerhin klappt der Anschluss an die alte Clique wieder, und plötzlich gründet man eine Band und geht auf Tour. Nicht auf die große, sondern eher eine kleine spontane, bei der die Gage auch schon mal aus dem besteht, was die Leute in den Hut werfen. Der große Durchbruch bleibt aus, man geht wieder auseinander, will später weitermachen, doch davon erfährt man nichts genaues, denn vorher ist das Buch aus.

Wie Saufen mit der besten Freundin

Ein unangenehm oranger Aufkleber vorne auf dem Buch erklärt, dass das Buch wie Saufen mit der besten Freundin ist. Hinten gibt es ein kaum lesbares Zitat, dass von einem Pop-Roman spricht, den der Zitatgeber kaum noch für möglich gehalten hat. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit.
Chemnitz ist vermutlich der letzte Ort, den sich eine Autorin oder ein Autor für einen Roman aussuchen sollte. Aber wie Paula Irmschler zeigt: Es funktioniert trotzdem. Insbesondere lockert es das Vorurteil, dass in Chemnitz nur braune Socken leben. Offensichtlich doch nicht, auch wenn sie manchmal in der Überzahl zu sein scheinen, zumindest bei Aufmärschen. Die Protagonistin ist gerne bei Gegendemos dabei und fühlt sich in der linken Szene verortet, was aber auch kein Zuckerschlecken ist. Die Mädelsband scheint die richtige Sache zu sein, um heil aus allem rauszukommen. Jedenfalls hat sie eine therapeutische Wirkung, denn auch die Traumatisierung, immer als „Dicke Randfigur“ zu gelten wird am Ende aufgelöst.

Ironie gegen Kitsch

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Dass das alles nicht zu einer superkitschigen Matsche gerät, ist der Ironie zu verdanken, mit der die Autorin ihre Protagonistin und das Begleitpersonal liebevoll ausgestattet hat, und die die kleinen Macken – zum Beispiel den Hang zum Ladendiebstahl oder die frühe Vorliebe für Britney Spears – nicht allzustark in den Mittelpunkt rücken lässt. Nach dem Lesen hat man das Gefühl, das sich zur Not auch in Chemnitz leben ließe, und dass eine Zeit jenseits von brauner Hetze auch für diese Stadt zumindest vorstellbar ist.

„Superbusen“ von Paula Irmschler ist ein subjektives und manchmal etwas langsames Buch, das sich trotzdem gut lesen lässt. Ich weiß nicht, ob man es vielleicht noch in zehn Jahren lesen möchte, ich empfehle deshalb, es jetzt zu lesen. Es motiviert, Vorurteile auf ihren Sinngehalt zu prüfen, und es erinnert daran, wie wichtig Freundschaften sind. ♦

Paula Irmschler: Superbusen – Roman, 312 Seiten, Claassen, ISBN 978-3-546-10001-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den DDR-Roman „Frei“ von Roswitha Quadflieg & Burkhart Veigel

Gerwin van der Werf: Der Anhalter (Roman)

Ein Mann geht durch die Wand

von Christian Busch

Der neue Roman von Gerwin van der Werf „Der Anhalter“ nimmt ein beliebtes und unerschöpfliches Motiv der Literatur auf: Das Wandern und Reisen. Allerdings entkleidet der Autor seine Protagonisten allen romantisierend-verklärten „Fernwehs“, das Buch hält teils psychologisch schwer verdauliche Kost parat.

Gerwin van der Werf: Der Anhalter - Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669
Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Schon in der Antike brach Homers Odysseus voller Tatendrank von Ithaka zu seinen Irrfahrten auf, um vieler Menschen Städte zu sehen, von deren Sitten zu lernen, seine Seele zu retten und dabei auch viele Leiden zu erdulden. Im Mittelalter wurde in entfernte Wallfahrtsorte gepilgert, um Seelenheil und Weltkenntnis zu erlangen. Der kleine Landadelige Alonso Quijano beschloss als fahrender Ritter Ruhm zu erwerben und in die Welt hinaus zu ziehen, um als „Ritter von der traurigen Gestalt“ zurückzukehren. Die Romantiker zog es – von Goethes „italienischer Reise“, der glücklichsten Zeit seines Lebens, inspiriert – in den Süden, um dort über die Befreiung ihrer Seele die Vervollkommnung ihrer Kunst zu erlangen, wogegen Thomas Manns Gustav von Aschenbach in Venedig den Tod fand. Kurzum: Das Motiv des Wanderns und Reisens gehört zu den beliebten und unerschöpflichen der Literatur, denn wie Matthias Claudius schon vielsagend besang: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“.

Selbstzweifel und Ohnmacht

Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)
Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)

Auf solchen Spuren wandelt auch der neue Roman „Der Anhalter“ des niederländischen Autors Gerwin van der Werf, indem dieser seinen Protagonisten Tiddo in den höchsten Norden – die graue, karge, von Vulkankratern und Gletscherzungen durchzogene Mondlandschaft Islands – schickt. So wie seine namhaften Vorbilder verspricht sich auch Tiddo, der mit seiner Frau Isa und seinem Sohn Jonathan in einem Wohnmobil auf Tour geht, von der Reise viel; es soll schließlich die Reise ihres Lebens werden. Es gilt seine in einer Krise befindliche Ehe zu retten und wieder einen Zugang zu seinem Sohn Jonathan zu finden, einem zeichnenden, zum Sonderling heranwachsenden Dreizehnjährigen. Isa, die hübsche, attraktive und erfolgreiche Wissenschaftlerin und Tiddo, nur einer anspruchslosen Bürotätigkeit frönend, haben eine Fehlgeburt ihres zweiten Kindes nicht verarbeiten können und sich auseinandergelebt. Tiddo, der Isa nach wie vor begehrt, quälen Selbstzweifel und Ohnmacht, während ihm seine Familie entgleitet.

Inmitten von Geysiren und Schotterwüsten

Ob die beiden allerdings in der eisigen, unwirtlichen Wildnis des mystischen Island auftauen, erscheint schon zu Beginn fraglich. Zur Beunruhigung trägt auch bei, dass Tiddos Mutter vor und während der Reise telefonisch nicht erreichbar ist. In der aus der Ich-Perspektive Tiddos erzählten Geschichte taucht dann ein junger Anhalter auf. Er heißt Svein, ein nordischer Riese, den, wenn er sich die Strähne aus den blonden Haaren wischt, eine lässige und faszinierende Schönheit auszeichnet, findet Tiddo – und später auch Isa.

Island - Vulkangestein und Gletscherzungen - Glarean Magazin
Mystische Küstenlandschaft mit Vulkangestein und Gletscherzungen: Island

Obwohl Svein es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und der Kleinfamilie hie und da lästig wird, gelingt es nicht ihn abzuschütteln, verkörpert er doch in seinem ganzen Wesen das Element des Wegweisers, Initiators und Verführers, das der fast kommunikationslosen Kleinfamilie zu fehlen scheint, sie aber auch in ihren Grundfesten erschüttert. Soweit der vielversprechende, tragfähige und erzählerisch gekonnt in die mystische und rätselhafte Küsten- und Berglandschaft von Geysiren, Seen, Trollen und Stein- und Schotterwüsten eingebettete Plot.

Nicht erbaulich, aber künstlerisch stimmig

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Ohne das Ende verraten zu wollen – im Einband findet sich bereits der Hinweis auf Tiddos halsbrecherische Fahrt zum Kratersee Öskjuvatn – muss man festhalten, dass Werfs Roman nicht leicht verdaulich ist und dem Leser so manches Rätsel aufgibt. Hat der Autor seinen Plot bewältigt? Oder hat er – ebenso wie seine Erzählerfigur Tiddo – bereits vor der Reise die Flucht nach vorne angetreten und den Karren – im Stile eines an Egoshooter-Spiele erinnernden Amoklaufes – sprichwörtlich an die Wand gefahren und seine Geschichte wie ein Kartenhaus, quasi als Apotheose des Irrationalen, zusammenfallen lassen? Laufen die Erzählstränge um die Titelfigur Svein, aber auch um die unnahbare, mal alles beherrschende, dann zurückhaltende Isa und den ewig zeichnenden Jonathan – wie die Straßen Islands – ins Leere?
Dies ist für den Leser, der sich an gängigen Reise-Erzählungen orientiert, nicht erbaulich, aber künstlerisch – zwischen Folgerichtigkeit und Willkür pendelnd – durchaus stimmig. Spiegelt sich in Tiddos Griff zur Brechstange die bedingungslose Kapitulation, die gleiche Lust am Untergang wider, die schon dem dekadenten Gustav von Aschenbach in Venedig zum Verhängnis wird?

Gegenentwurf zur romantischen Reiseliteratur

Gerwin van der Werfs Roman „Der Anhalter“ kann auf Grund seiner erzählerischen Qualitäten und seines soliden Plots künstlerisch überzeugen. Die Frage, ob er seine Identifikationsfigur Tiddo nicht psychologisch stimmig, sondern marionettenhaft demontiert, darf gestellt werden. In jedem Fall stellt van der Werfs unbedingt lesenswerter Roman einen konsequenten Gegenentwurf zu der Reiseliteratur der romantisch verklärten Italiensehnsucht dar. Tiddo ist ein an Max Frischs Helden (Stiller, homo faber) erinnernder Antiheld, ein männlicher Versager, der, unfähig seine eigene Gefühlswand zu durchbrechen, durch die äußeren Wände geht – und womöglich doch besser nach Italien gefahren wäre. ♦

Gerwin van der Werf: Der Anhalter – Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669

Lesen Sie im Glarean Magazin auch über den Krimi-Roman von Susanne Goga: Der Ballhausmörder

Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman)

Zeitportait – Weichspülgang oder Entschleunigung?

von Isabelle Klein

Vielfalt statt Tanz auf dem Vulkan, das ist der Anspruch, dem sich die Autorin Susanne Goga in ihrem neuen Krimi „Der Ballhausmörder“ gemäss Klappentext stellt. Und doch scheitert sie an einer spannenden, sich entwickelnden und runden Darstellung in diesem siebten „Fall für Leo Wechsler“.

Die Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sind spätestens seit Kutschers Verfilmung des „Nassen Fisches“ unter dem TV-Serientitel „Babylon Berlin“ in aller Munde. Exzesse, Superlative, Pomp. Laster und schnelle Schnitte, so ist’s dem Mainstream wohl am liebsten – aber weniger ist mehr. Insofern hebt sich Goga mit ihrem Anliegen und ihrer Serie, die immerhin 2005 mit „Leo Wechsler“ premierte, also zwei Jahre vor Kurschers Erstling um Gereon Rath, wohltuend ab.

Susanne Goga - Der Ballhausmörder - Kriminalroman - dtv-Verlag - Literaturrezensionen GLAREAN MAGAZINEs fängt gelungen an. Ein stimmungsvoller Abend in Clärchens Ballhaus mit all den Nöten und Freuden der Besucher und Bediensteten mündet in einen tragischen Mord, Folge einer Verwechslung, wie recht schnell klar wird. Doch die stimmige Exposition, die mit Lunapark, Ballhäusern, Saalschwestern, Ringvereinen und einer spannenden Eingangslage starten kann, wird schnell obsolet, verliert sich im langatmigen und ereignislosen Spurensuchen, das mehr oder weniger zufällig zum Ergebnis führen. Ein Bonbonpapier als ausschlaggebendens Indiz, dazu eine recht offensichtlich konstruierte Fährte in Verbindung mit Wechslers Tochter – das ist zu schwach für einen guten Krimi.

Susanne Goga - Krimi-Autorin - Schriftstellerin - Glarean Magazin
Susanne Goga

Und Susanne Goga kann es fraglos besser: In „Nachts am Askanischen Platz“ gelang es ihr, das „cozy“ Erscheinungsbild ihrer ersten Romane, die definitiv eher an die weibliche Leserschaft gerichtet sind, aufzubrechen. Tiefer die Abgründe und Gefühle dort, spannender die Krimihandlung und die Nebenschauplätze sowieso.

Ohne Flair für falsche Fährten

Wo bleibt hier das Flair des Ballhauses, wo bleiben die falschen Fährten und Verwicklungen, die andere so gelungen aufgreifen und vertiefen?
Ich denke an Angelika Felendas Kommissär Reitmeyer, der bislang in drei Fällen in München in den Zehner Jahren des 20. Jahrhunderts ermittelt, aber mit wesentlich mehr Alltagswissen und menschlicher Tiefe. Oder Robert Baurs mit „Mord in Metropolis“ beginnende, bislang dreiteilige Serie um einen Berliner Exkommissar und Privatdetektiv, der Wechslers Kollege hätte sein können, der brillant die Zeit und Umstände schildert. Ebenso wie Harald Gilbers, der selbiges zu Ende des Zweiten Weltkrieges ansiedelt (bislang vier Bände).

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Leider gelingt es Susanne Goga für meinen Geschmack nicht, diesen Fall glaubhaft und vor allem empathisch und spannend dem Leser nahezubringen. Auch wenn der Fall in sich logisch und stringent ist, mäandern wir bzw. Wechsler vor uns hin, ringen mit Beziehungsproblemen des vorübergehend strafversetzen und dadurch vollkommen aus der Spur geratenen Kollegen Walther, der den Tritt nicht mehr zu finden scheint.

Nur auf dem Papier, nicht im Kopf

Im zu erwartenden Band 8 wird er so wohl für noch mehr NS-Probleme stehen, die derzeit ja durch die Ex-HJ-Mitgliedschaft des Wechsler’schen Nachwuchses Georg stattfinden. Dies erinnert wiederum stark an die Probleme, die Gereon und Charlotte Rath mit ihrem Adoptivsohn haben.
Kurz: Die Figuren sind zu schematisch und dienen durchweg einem bestimmten Zweck, statt einfach für sich selbst zu stehen und sich sinnigerweise weiterzuentwickeln. Sie bleiben durchgängig dem Papier verhaftet, statt sich im Kopf des Lesers zu entwickeln. Clara, Magda und Wechslers Tochter bleiben schmückendes Beiwerk, ohne Substanz. Ebenso wie viele der zu Beginn Eingeführten um Clairchens Ballhaus. Auch der Mörder bleibt – trotz der psychologischen Unterfütterung und dem kurzen Blick ins Innere sowie einer sechs Jahre zurückliegenden Tat – eine Papierleiche, die alles zwar plausibel erscheinen lässt, aber emotional eindimensional und merkwürdig belanglos bleibt.
Kurz: 320 Seiten, die durchaus nett zu lesen sind, aber bei einem gewissen Anspruch und bei Vertrautheit mit der damaligen Zeit, den Lebensumständen und historischen Ereignissen nicht zu überzeugen vermögen. ♦

Susanne Goga: Der Ballhausmörder (Kriminalroman), 320 Seiten, dtv-Verlag, ISBN 978-3-423-21808-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch über den Krimi von Jo Nesbø: Messer (Komissar Harry Hole Band 12)

Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen (Roman)

Overkill des Widerwärtigen

von Isabelle Klein

Dass Jean-Christophe Grangé ein Meister der Extreme ist, ist nichts Neues. Mord, Perversion, das Hinabtauchen in die Welt des Bösen, Lasterhaften, der Monstrositäten – das ist sein Metier, perfektioniert über viele Jahre und Bücher hinweg.
Und doch hat er seinen Zenit längst überschritten, wie sein jüngster Roman „Die Fesseln des Bösen“ beweist. Weit entfernt von „Flug der Störche“ oder „Schwarzes Herz der Hölle“ ist der neue Grangé ein Grenzgänger, auf vielfältige Art und Weise…

Paris und der Mord an zwei Stripperinnen der Edelkaschemme „Le Squonk“ bilden das Szenario der Widerwärtigkeiten besonderen Ausmaßes. Ein Mix verschiedenster Abartigkeiten führt unseren Antihelden Stéphane Corso, selbst im Zweifel über seine Daseinsberechtigung, zu Abgründen, die sogar für den erfahrenen Pariser Ermittler zu nah am Wahnsinn verortet scheinen.
Dabei fängt alles so Grangé-typisch schauderhaft schön an. Wir müssen diesmal nicht in das finstere Herz durch verschiedene Länder reisen, sondern befinden uns mitten in Paris, dem Pfuhl der Lasterhaftigkeit. Eine junge Stripperin, brutal ermordet, der Leichnam mit der Unterwäsche gefesselt, achtlos entsorgt. Die Art der Entstellung (vom Mund bis zu den Ohren aufgeschlitzte Wangen, ein postmortales Grinsen erweckt durch einen in die Kehle gestopften Stein) lässt denken an Munchs „Der Schrei“ oder an den Noir-Roman „Die schwarze Dahlie“ von James Ellroy bzw. an dessen Verfilmung durch Brian de Palmas.

Triebtäter mit extremer SM-Gangart

Jean-Christophe Grange - Die Fesseln des Bösen - Thriller - Buch-Cover - Literatur-Rezensionen Glarean MagazinEin Triebtäter? Als eine zweite, gleichermaßen entstellte Leiche aufgefunden wird, ebenfalls eine Angestellte des „Le Squonk“, ermittelt Corso mit seinem Team aus Freaks und Genies unter Hochdruck.
Über japanische Fesselkunst – „Die Wahrheit des Blutes“ inkl. Reminiszenzen an Japan lassen grüßen – und spanische Malerei des 18. Jahrhunderts (Goyas „Pinturas rojas„) bis hin zu sexuellen Devianzen und extremen SM-Gangarten lässt Grangé diesmal nichts aus.
Warum, stellt sich die Frage? Um den Mainstream zu bedienen und den übersättigten und gelangweilten Leser mit exorbitanten Widerlichkeiten hinter dem Thriller-Einheitsbrei hervorzulocken? Mehr ist mehr? Für mein Gusto überhaupt nicht, eher verschreckt das.

Keine regelkonforme Polizeiarbeit

Es fängt düster an im ersten Teil, man ermittelt in verschiedene Richtungen. Unser Antiheld ist von der Vergangenheit zerfressen; von Dämonen heimgesucht, übertreibt er es mit der Gewalt. Regelkonforme Polizeiarbeit ist inexistent. Leider verliert Corso wie auch das ganze Geschehen bald jede Glaubwürdigkeit.
Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, im zweiten Teil entpuppt sich ein stringentes Katz- und Mausspiel, das wie überhaupt die ganze Handlung in sich logisch erscheint.

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Das große Manko liegt – neben einer gewissen Verliebtheit ins Widerliche – v.a. in der absoluten Überfrachtung, die spätestens in dritten Teil mehr als deutlich wird. Muss eine Erkenntnis und ein Turn gleich den nächsten Twist stehenden Fußes jagen? Muss man Charaktere so konzipieren, dass sie nur plakative Widerlinge und Monster sind? Kann man das Publikum nur noch durch zu viele Cliffhanger wirklich fesseln? Willkommen, Generation Netflix. Als Miniserie würde sich die durchwegs dichotome Welt des Ermittlers Corso nebst seinem Antagonisten Philippe Sobieski – dieser ist das monströs widerliche Enfant terrible des Buches, Genie und Mörder, oder vielleicht doch nicht?) – wunderbar eignen.

Charaktere ohne Graustufen

Jean-Christophe Grange - Glarean Magazin
Mit einem Hang zur exzessiven Gewalt-Darstellung: Bestseller-Lieferant Jean-Christophe Grangé („Die purpurnen Flüsse“)

Graustufen scheinen inexistent, entweder nonstop böse, verkommen, dabei aber charismatisch verführerisch, wie der eben erwähnte „Sob le Tob“, bei dessen Charakterisierung Jean-Christoph Grangé aber viel zu sehr übertreibt. Frauen und Männer um ihn herum verkommen automatisch zu willigen Triebfolgenden. Grenzfälle des Erträglichen werden uns beispielsweise durch die Therapeutin eines der Opfer als übergestülpte Moral verkauft. Soll heißen: Es gibt per se nichts Böses (wie hier Nekrophilie); erst die Moral erschafft das Böse.
Gedankengänge mit Potential, wie z.B. die genetische Vererbung des geschilderten Wahnes, werden unglaubhaft „vor den Latz geknallt“ und wirken pathetisch. Generell wird der Überspitzung Tür und Tor geöffnet. Zeit für tiefergehende Betrachtung wesentlicher Elemente bleibt nicht. Ganz in Gegenteil: Unwichtiges Beiwerk wie die Ehe und die SM-Neigungen Corsos Ex Emiliya nimmt über Gebühr Platz ein. All das gipfelt in unübersehbaren Höchstformen im dritten Teil, der durchwegs nur noch zu Kopfschütteln führt.

Spannung mittels exzessivster Gewalt

Diese Rezension verwirrt Sie, weil sie recht assoziativ und wenig greifbar ist? Genau das ist der Eindruck, den dieses – keineswegs schlechte! – Buch in mir ausgelöst hat. Weiter ins Detail zu gehen, um das Unbehagen zu verdeutlichen, würde zu viel aufdecken und des Lesers Spannung schmälern, die vom Roman immerhin recht konstant aufrecht erhalten wird.
Fazit: Die Macht des Blutes trifft auf monströse Taten, die, weit zurückliegend, geplagte Seelen von Anfang an in den Abgrund treiben. Der neue Grangé unterhält streckenweise gut und knüpft an alte Zeiten an, verliert sich aber schnell in der exzessiven Betrachtung extremster Widerlichkeiten. Nichts für schwache Nerven. ♦

Jean-Christophe Grangé: Fesseln des Bösen, Roman-Thriller, 604 Seiten, Lübbe Verlag, ISBN 9783431041293

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Thriller-Roman auch über Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

… sowie zum Thema Französische Krimi-Literatur über Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat

Viola Sanden: Playground Chess (Schach-Roman)

Schach auf amourösen Pfaden

von Ralf Binnewirtz

Der Debütroman der Wuppertaler Autorin Viola Sanden (alias Manuela Sanne) „Playground Chess“ ist dem noch jungen New Adult-Genre zuzurechnen: In diesem Fall ein Liebesroman, der die Altersgruppe der etwa 18- bis 30-Jährigen im Visier hat. Das Ungewöhnliche an dieser Lovestory ist zweifellos deren allmähliche virtuelle Anbahnung auf einem Schachserver, wo schnelle Partien zwischen gemeinhin anonymen Kontrahenten ausgetragen werden.
Das in zarter Rosatönung gehaltene Buchcover ist durch ein attraktives Design marketingwirksam gestaltet und legt dem Betrachter nahe, dass eine vornehmlich weibliche Leserschaft angesprochen werden soll. Werfen wir einen kurzen Blick auf den Verlauf seiner Story.

Online Chess mit Nickname Caissa

Playground Chess - Berührt Geführt - Liebesroman Viola Sanden - Piper Verlag - Glarean MagazinCatrin (Cati), 28, studierte Ökotrophologin (also Ernährungswissenschaftlerin) aus Düsseldorf, ist seit einiger Zeit solo, nachdem sie sich von Daniel getrennt hat – der ihr nichtsdestotrotz ein Freund und Helfer in allen Lebenslagen geblieben ist und im Buch eine substanzielle Nebenrolle spielt. Letzteres gilt auch für Catrins beste Freundin Anett, die ihr Privatleben – weniger zurückhaltend und besonnen als Cati – mit häufigen kurzlebigen Affären anreichert.
Catrin spielt in ihrer Freizeit vorzugsweise Schach auf der Onlineplattform „Playground Chess“ (unter ihrem Nickname „Caissa“ – die Nymphe/Göttin des Schachs) und trifft dort auf den ihr schachlich weit überlegenen „Magnus“ (wem kommt da nicht sofort der amtierende norwegische Schachweltmeister in den Sinn?), der mit bürgerlichem Namen Jon heißt und als Lehrer für Englisch und Mathematik in Bonn lebt. Beide sind offenbar direkt voneinander angetan, Neugier und Faszination wachsen sukzessive im Verlauf einiger Wochen, katalysiert durch einen zunehmenden E-Mail-Austausch und durch begleitende Online-Chats. Aber die derart voneinander erlangten Eindrücke und Kenntnisse bleiben naturgemäß unvollständig oder unsicher, woran auch ein von Jon initiiertes „Game“, ein auf Ehrlichkeit beruhendes Frage-und-Antwort-Spiel zwecks gegenseitigen besseren Kennenlernens, nichts grundlegend ändert.

Virtuality vs Reality

Schach Liebe Sex - Chess Love - Glarean Magazin
Liebesnacht via Online-Schach: Virtuality oder Reality?

In diesem ersten Teil des Buchs, überschrieben mit Virtuality, wird somit ein merklicher Spannungsbogen erzeugt: Die Frage und die sich steigernde Erwartung, ob, wann, wo und wie den Wort-Spielereien im ausschließlich virtuellen Raum letztlich ein Nachspiel in der realen Welt folgt, harrt der Auflösung. Diese wird in Teil 2 des Romans – Reality – gegeben. Anhänger des Problemschachs mögen in diesem Kontext eine Schachkomposition assoziieren, bei der das virtuelle Spiel (Verführungen, Probespiele) zum reellen Spiel (eigentliche Lösung) hinführt, aber diese formale Analogie soll hier nicht überstrapaziert werden. Im Buch verabreden sich Catrin und Jon zu einem unverbindlichen Date in einem Kölner Hotel, und es kommt, wie es kommen muss: Das Treffen kulminiert in einer leidenschaftlichen Liebesnacht.

Viola Sanden - Manuela Sanne - Schriftstellerin - Playground Chess - Glarean Magazin
Unterhaltsam schreibend und intelligent konzipierend: Debüt-Romancière Viola Sanden (©Wynn Photodesign)

Aber alsbald ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, Jon versetzt Catrin bei einem anschließenden Date, und (mehr soll hier nicht verraten werden) letztlich bleibt es offen, ob die Beziehung langfristig Bestand haben kann. Wer ein Happy End à la Rosamunde Pilcher erwartet haben sollte, wird daher mehr oder weniger enttäuscht sein. Indes ist es aus Sicht des Rezensenten positiv zu werten, dass die Autorin keinen solch trivialen Schlusspunkt gesetzt hat. Zudem erhält sie sich die Option, in einem Folgeband die Geschichte von Catrin und Jon weiterzuspinnen, was sich natürlich anbietet, sofern sich dieser erste Band auch als kommerzieller Erfolg erweisen sollte.

Romanhandlung ohne Konflikte

FAZIT: „Playground Chess“ ist ein ungewöhnlicher Liebesroman, in dem sich das Online-Schach als Vehikel für eine Liebesaffäre entpuppt. Für die anfangs erwähnte Zielgruppe und diejenigen, die diese Art von Literatur mögen, verdient der unterhaltsame, gut geschriebene und intelligent konzipierte Roman sicherlich eine nachdrückliche Empfehlung. Und wer weiß, vielleicht wird die eine oder der andere durch die Lektüre angeregt, sich etwas näher mit dem königlichen Spiel zu befassen?

Die wesentlichen Figuren des Romans sind generell positiv gezeichnet und können als Sympathieträger gelten. Keinen Platz gibt es für den klassischen Bösewicht, der als Gegenspieler bedrohlich dazwischenfunkt und Unheil anrichten will. Ernste Konflikte sind in der Romanhandlung nicht vorgesehen. Die im Buch aufgebaute Spannung hält sich damit in gewissen Grenzen, wer atemberaubenden Thrill sucht, sollte zu anderen Büchern greifen.
Der Schreibstil der Autorin ist durchweg flüssig und leicht verständlich, der Satzbau übersichtlich, so dass das Lesepublikum ihren Gedankengängen mühelos folgen kann. Bei diversen Kapiteln wechselt die Erzählperspektive von der Ich-Erzählerin Catrin auf andere Protagonisten (Jon, Anett, Daniel), ein dramaturgisch geschickt eingesetztes Mittel, das uns die Sichtweise der anderen beteiligten Personen auf das Geschehen nahebringt. Da diese Kapitel jeweils durch den Namen des Erzählers in der Überschrift kenntlich gemacht sind, sollte dies keine Irritationen bei der Lektüre auslösen.

Schachwissen unnötig

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Ausgesprochen gefallen hat mir, dass die Autorin sämtlichen Kapiteln ein beziehungsreiches Zitat bzw. eine Weisheit von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vorangestellt hat, wofür sie offenbar nicht nur die Schachliteratur durchforsten musste. Als Auftakt zu ihrem Werk hat sie zudem ein Schachsonett von Christian Morgenstern reproduziert. Der insgesamt positive Eindruck wird noch durch den Befund gestützt, dass im Text bemerkenswert wenige Tippfehler verblieben sind. Erwähnt sei lediglich, dass der niederländische Schach-GM J. van der Wiel durch einen Buchstabendreher etwas unglücklich zu „van der Weil“ mutiert ist (S. 120 oben) – vielleicht eine Auswirkung der unseligen automatischen Rechtschreibkorrektur….

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Was die schachlichen Inhalte des Romans betrifft, so dürfen Schachfreunde nicht allzu viel Tiefgang erwarten. Dies ist offenbar der unausgesprochenen Forderung geschuldet, die Mehrheit einer schachunkundigen Leserschaft nicht durch übermäßiges Expertenwissen zu vergraulen. Playground Chess ist daher auch ohne spezifische Schachkenntnisse gut lesbar. Ansonsten scheint die Autorin in ihrem Schachwissen gefestigt, im Text sind ihr keine fundamentalen s(ch)achlichen Fehler unterlaufen. Dies ist erfreulich angesichts der bereits bestehenden schachbelletristischen Literatur, in der sich teils eklatante Fehler versammelt haben. ♦

Viola Sanden: Playground Chess – Berührt. Geführt, Roman, 212 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50264-1

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Mathias Ninck: Mordslügen (Roman)

Gutes Handwerk – mit Luft nach oben

von Bernd Giehl

„Medien“ können heutzutage fast alles. Sie können eine 16-jährige Schülerin, die freitags vor ihrer Schule saß und für das Klima „streikte“, zu einem Star machen, den jeder in Europa kennt, und deren Nachnamen nicht einmal genannt werden muss („Greta“). Und umgekehrt können sie mächtige Männer wie den Filmproduzenten Harvey Weinstein oder Regisseure wie Woody Allen ins Nichts oder gar ins Gefängnis schicken (#MeToo).

Mathias Ninck - Mordslügen - Roman-Krimi-Literatur - Cover - Glarean MagazinAber natürlich sind das nicht mehr dieselben Medien, die wir Älteren noch aus unseren frühen Zeiten kennen, also Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen; das Internet ist hinzugekommen – und mit ihm das, was wir heute „soziale Medien“ nennen. Alles ist mittlerweile miteinander „vernetzt“. Grenzen, die es früher einmal gab, existieren nicht mehr. Auch jene Menschen, die früher keinen Einfluss hatten, sondern sich allenfalls per Leserbrief äußern konnten, vermögen heutzutage eine Lawine loszutreten, können sich Gehör verschaffen und notfalls sogar eine Kanzlerin stürzen. Sie müssen nur laut genug brüllen und genug andere finden, die mitbrüllen.

„Das wahre Leben“

Man kann das gut finden. Man kann sagen, endlich kämen auch jene zu Wort, die früher nur ohnmächtig die Faust in der Tasche ballen konnten. Man kann aber auch argumentieren, die Medien, die eigentlich nur den Auftrag hatten, über das zu berichten, was gerade passiert, würden nun selbst aktiv eingreifen und das Geschehen mit beeinflussen. Was stimmt? Vermutlich beides.

Mathias Ninck - Schriftsteller - Glarean Magazin
Debüt-Romanautor Mathias Ninck

Der Roman-Krimi „Mordslügen“ von Mathias Ninck beschäftigt sich mit dieser Welt. Seine Hauptfigur Simon Busche steckt da mitten drin. Busche ist ein sympathischer Mensch, Reporter bei einem halbseidenen Internet-Magazin mit dem Titel „Das wahre Leben“, zuständig für die „weichen Themen“ – was bedeutet, über weltbewegende Geschichten zu schreiben wie z.B. über einen Lehrling, der beim Pinkeln aus dem Bus fällt. Hauptsache, die Story generiert Klicks.
Busche könnte sich ein anderes Leben vorstellen, aber er ist mittlerweile 42, davon 17 Jahre beim „Wahren Leben“. In einem Facebook-Eintrag eines pensionierten Kollegen hat er den Satz gelesen, ein Journalist brauche „eine Haltung“; den Facebook-Eintrag hat er mit „Gefällt mir“ bewertet. Aber er weiß auch, dass es bei seinem Arbeitgeber auf vieles ankommt, aber ganz bestimmt nicht auf Haltung. Diese muss man sich erst einmal leisten können. Schließlich muss jeder Miete zahlen, sich ein Essen kochen und abends einmal in die Kneipe gehen und ein Bier trinken können.

Drei Morde gestanden, aber nicht begangen?

Dies alles kann sich aber von einem Moment auf den anderen ändern, wie schon der alte Heraklit wusste. Busche wird von der Psychiaterin Olivia Pfeiffer kontaktiert, die behauptet, dass eine Frau namens Sandra Dubach seit 25 Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt, weil sie drei Morde gestanden, aber nicht begangen habe. Die Psychiaterin glaubt den wahren Mörder zu kennen. Er sei einer ihrer Patienten, ein Manuel Schindler (genannt Manu), der gewalttätig sei, schon mehrere Male vor Gericht gestanden habe, dessen Freundin sich gerade von ihm getrennt habe, und der ihr nun von seinen Mordphantasien erzählte.
Zwei Tage später wird die Leiche einer Frau vor dem Haus gefunden, in dem Manus Ex-Freundin wohnt. Es handelt sich zwar nicht um die Ex-Freundin, aber dennoch ist die Psychiaterin davon überzeugt, dass ihr Patient den Mord begangen hat. Schließlich ist er schon einmal verdächtigt worden, seine Freundin getötet zu haben. Damals war er 14 Jahre alt gewesen und hatte mithilfe seines Vaters für lange Zeit nach Südamerika verschwinden können. 12 Jahre später taucht er mit neuem Namen wieder in der Stadt auf und begibt sich in Olivia Pfeiffers Behandlung.
Die Psychiaterin hat Zweifel, ob sie mit ihrem Verdacht zur Polizei gehen soll. Es gibt schließlich das Arztgeheimnis, und obendrein könnte sie das nächste Opfer des vermutlichen Mörders werden. Schließlich gibt sie der Polizei verdeckt einen Tipp, und Manu landet auf der Liste der Verdächtigen. Aber dann, als Sandra Dubach die drei Morde gesteht, verschwindet er wieder von dieser Liste…

Das Imperium schlägt zurück

Viele Jahre später stürzt Olivia Pfeiffer in einen Gully, hat Todesangst, wird gerettet; Simon Busche schreibt einen Bericht im „Wahren Leben“ über den Unfall, so dramatisch wie sonst nur die „Bildzeitung“ das kann – inklusive Ratten, die schon an ihr nagen -, und so kommt die Handlung in Schwung. Busche übernimmt (nach anfänglichen Zweifeln) die Recherche, besucht Sandra Dubach im Hochsicherheitstrakt, nimmt sich eine Auszeit vom „Wahren Leben“ und ist schließlich davon überzeugt, dass Dubachs Geständnis tatsächlich falsch ist.
Dubach ist Borderliner; sie fühlte sich in der Gesellschaft anderer nicht wohl; im Gefängnis, das sie schon von früheren Aufenthalten kannte, hatte sie ihre Ruhe. Sie hat einen Zerstörungstrieb in sich, mit dem sie nur schwer umgehen kann. Jedenfalls passt für Busche alles zusammen: Dubach hat die Morde nicht begangen, für die sie seit zwanzig Jahren sitzt.
Busche kann zwar seine Geschichte am Ende nicht im „Wahren Leben“ veröffentlichen, aber es gibt ja noch die Zeitungen auf Papier, in seinem Falle die „Neue Tageszeitung“. Diese veröffentlicht Busches Artikel, danach ist Busche für ein paar Tage berühmt – bis das Imperium zurückschlägt…

Handwerklich einwandfrei, aber…

Die Handlung ist gut erzählt. Matthias Ninck versteht sein Handwerk. Dennoch haben sich mir beim Lesen ein paar Zweifel im Kopf festgesetzt. Dass eine dreifache Mörderin im Hochsicherheitstrakt einsitzt, isoliert von allen anderen Gefangenen, leuchtet nicht ein. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Deutscher beim Thema Hochsicherheitstrakt an Stuttgart-Stammheim denke und an die RAF-Mitglieder Baader, Raspe und Ensslin, die nach der Entführung und Befreiung der Lufthansa Maschine in Mogadischu 1977 in einer Nacht gemeinsam Selbstmord begingen, obwohl sie doch – zumindest offiziell – keinen Kontakt zueinander aufnehmen konnten. (Oder die vielleicht auch ermordet wurden, was aber bis heute nicht geklärt ist). Also, bei allem Respekt: das waren andere Kaliber.
Und dann wäre da auch noch der Titel: „Mordslügen“. Eine Headline, wie sie die „Bildzeitung“ nicht besser erfinden könnte. In Verbindung mit dem Thema Medien denkt man gleich an die AFD und ihre Pauschalbehauptung von der „Lügenpresse“, mit der all jene gemeint sind, die sich kritisch über die AFD und die Rechten äußern.

… am Grundthema vorbei

Weiter: Das Thema, wie wir alle von den Medien manipuliert werden, weil etwas künstlich aufgeblasen wird und alle Welt darüber in eine Riesenerregung verfällt, das wird im Buch nicht aufgenommen. Als Beispiel sei Friedrich Merz genannt, bis 2002 Vorsitzender der CDU-Fraktion im Bundestag, der damals von Angela Merkel abgesägt wurde und im letzten Jahr Parteivorsitzender der CDU werden wollte, aber gegen Annegret Kramp-Karrenbauer unterlag, und der neulich von den „Nebelbänken“ sprach, die die Kanzlerin erzeuge und von der „grottenschlechten“ Arbeit der Regierung. Und dann wird dieser völlig überzogene Kommentar eines Privatmanns, der selbst gern Kanzler werden würde, nicht etwa unter der Rubrik „Vermischtes“ vermeldet, sondern er wird in allen Talkshows der Republik diskutiert. Wundert es jemanden, dass hernach die Hälfte der Bevölkerung davon überzeugt ist, dass die Arbeit der Regierung „grottenschlecht“ ist?

Das ist der eigentliche Skandal. Zeitungen und Fernsehen eifern den „sozialen Medien“ nach, erzeugen Riesenwellen, und wenn die Aufregung immer größer wird, fragen sie, wer daran schuld sei.
Womöglich ist es ungerecht, von einem Autor zu erwarten, der doch nur einen Krimi aus dem Bereich des Internetjournalismus schreiben wollte, dass er das Thema in dieser Dimension bearbeite. Das ist, zugegeben, schon ziemlich anspruchsvoll. Aber wenn man die Welle reiten will und dann die Erwartungen, die man geweckt hat, nicht bedienen kann, muss man sich eine solche Kritik gefallen lassen. ♦

Mathias Ninck: Mordslügen – Roman, 232 Seiten, Edition 8 Verlag, ISBN 978-3859903814

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… sowie über den neuen Thriller von Jean-Christophe Grangé: Die Fesseln des Bösen

Jo Nesbø: Messer (Harry-Hole-Krimi Band 12)

„Ein Leben, schlimmer als der Tod“

von Isabelle Klein

Es wird eng für Harry Hole, den berühmten Hauptkommisar des norwegischen Kult-Krimi-Autors Jo Nesbo, ganz eng – in seinem Fall Nummer 12: „Messer“.
Das Dutzend ist also voll, und es muss (so das Gesetz der Serie, vgl. unten) ein Paukenschlag her. Für den, der (wie ich) getrost den Klappentext hat Klappentext sein lassen und sich völlig blank ins Lese-Schmankerl gestürzt hat, bietet dieser 12. Band eine völlig unerwartete Entwicklung im Harry-Hole-Universum, die für künftige Bände einiges erahnen lässt.

Jo Nesbo - Messer - Ullstein Verlag Cover - Krimi-Literatur-RezensionenRakel ist tot. Ermordet, brutal erstochen. Diese Hiobsbotschaft ereilt Harry am absoluten Tiefpunkt seines wechselhaften Lebens: Job an der Hochschule weg, Frau weg (sie hatte ihm Monate vorher die Koffer vor die Tür gestellt).
Klar, was Harry macht – das, was er nach Serienmörder fangen am besten kann: Saufen (sorry, aber jedes andere Wort wäre unzutreffend).
Seinen Alkoholkonsum finanziert er mit einer einfachen Polizistentätigkeit, als Partner von Truls Berntsen; Selbst für Alkohol ist nicht genügend Geld da. Trost findet er bei der Forensikerin Alexandra und später auch bei der uns bekannten Kaja Solness, die hier mal wieder kurz in der Heimat weilt. Harry beschließt also, sich erst mal mit seinem Freund Alkohol zu betäuben, so dass Schmerz und Leere ausgeblendet werden – der Rausch als Hilfsmittel.

„Harry fucking Hole“

Erste Verdächtige zeigen sich am Horizont, Harry ermittelt! Haben Gesetz und Ordnung Harry schon jemals von etwas abgehalten? Zusammen mit Kaja, Alexandra und Bjorn nimmt er den Kampf gegen den Mörder der geliebten Frau auf. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

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Und getreu dem Motto ist „Harry fucking Hole, oder der ‚demolition man'“ (S. 49). In diesem 12. Harry-Hole-Fall bleibt nichts dem Zufall überlassen, alles ist perfekt inszeniert, manchmal vielleicht sogar ein klein wenig überkonstruiert. Harry durchlebt Leiden epischen Ausmaßes, die Auflösung kommt einer griechischen Tragödie gleich.
Uns bleibt aber auch nichts erspart, mag der eine denken, oder: JN zieht zwar weite Kreise, aber einmal mehr ist ihm ein geniales Werk des Harry-Hole-Zyklus gelungen, in dem er uns, wie eigentlich in jedem Werk seit „Koma“, atemlos im Ungewissen lässt. Zumindest ist diesmal eines sicher: Harry lebt…

Billy Wilder (Drehbuchautor für viele exzellente Screwballs der 30er und 40er Jahre) sagte einmal ungefähr, dass die Kunst darin bestehe, die Zuschauer glauben zu lassen, dass er einen Wissensvorsprung habe, was jedoch durch die Autoren intendiert ist und eben durch unvorhergesehene twists and turns wieder genommen wird. Selbiges betreibt Nesbø. Er nimmt Anlauf, obwohl er uns durch die durchzechte Nacht, Blackouts, blutige Kleidung und ein verstecktes Messer usw. Böses erahnen lässt, und zieht einen weiten Bogen, bis er zum allesklärenden Ausgangspunkt zurückkehrt.

Grausame Realität des Lebens

So stellt sich Harry, zumindest vorläufig, der grausamen Realität eines Lebens ohne Rakel. Wer anders könnte es sein als seine Nemesis, der der Autor in „Durst“ viel Raum gewidmet hat.
Svein Finne, der Rache an dem Tod seines Nachkommens nehmen will: Wie könnte er Harry besser treffen, als ihm das Wertvollste zu nehmen? Doch als der Serienvergewaltiger ein Alibi hat, wird es eng, und Harrys Augenmerk richtet sich auf den undurschaubaren Chef Rakels, Roar Bohr, ein posttraumatisch belastungsgestörter Kriegsveteran.

Jo Nesbo - Krimi-Autor von Harry Hole - Filmszene Der Leopard - Glarean Magazin.png
„Smarter killt keiner“ – Film-Szene aus „Der Leopard“ von Jo Nesbo

Hat er ein Motiv? Durch ihn und Kaja teilt Nesbø die Schrecken der Afghanistan-Einsätze. Und schließlich – es scheint, als wären auch hier aller guten Dinge drei – materialisiert sich ein weiterer Verdächtiger: Harrys Nachfolger als Kneipenbesitzer.

Die Themen sind breit gefächert, und wie so oft heissen sie Abhängigkeit, Gewalt, Krieg, Suff, Untreue. Gemeinhin die Fehler der Vergangenheit, die einen bzw. einen jeden in diesem Buch, der Schuld auf sich geladen hat, einholen.

Entwicklung in weiten Kreisen

Der Aufbau ist ausufernd, falsche Fährten und Nebenschauplätze nehmen viel Raum ein. Man mag bemängeln, dass dies alles im Endeffekt zu künstlich sei, dass der rote Faden fehle. Als (mittlerweile) großer Hole-Fan kann ich dies durchaus verstehen. Trotzdem: Genau das ist die nesbøsche Kunst und zeichnet das hohe Niveau der Serie auch nach 12 Teilen aus. Er versteht es, den Leser bei der Stange zu halten. Genau das beherrschen viele Autoren nicht…
Und letztlich fügt alles sich durchaus harmonisch zusammen – das fasziniert und macht betroffen zugleich. Nesbø ist einfach die Drama-Queen der aktuellen Thrillerwelt, er wirft die Angel aus, und schon wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die weite Kreise zieht, auch wenn sie mitunter übers Ziel hinausschießt. Das macht in sich Sinn und generiert den ganz besonderen Reiz des HH-Kosmos‘.

Zu gewaltverherrlichend, zu sexlastig?

Jo Nesbo - Schriftsteller - Krimi-Autor von Harry Hole - Glarean Magazin
Krimi-Bestseller-Autor und Harry Hole-Erfinder Jo Nesbo (geb. 1960)

Die Kritik liegt sicherlich im Detail: Zu gewaltverherrlichend, zu sexlastig. Wie kann Harry, gleich Inspektor Lynley, so kurz nach Rakels Tod bzw. der Trennung in fremde Betten hüpfen? Wie kann Harry sich gottgleich aufschwingen, dabei jedes Rechtsempfinden hinter sich lassen? Oder auch: zu ausschweifend (Schilderung der Gräuel der Blauhelmeinsätze) – usw. All das mag durchaus seine Berechtigung haben, und doch empfinde ich „Messer“ keineswegs als Reinfall, sondern als ausgemachtes Meisterwerk.
Betrachtet man allein die mögliche Entwicklung Harry Holes für die folgenden Fälle (die es dann doch hoffentlich geben wird), hat man ungeahnte Optionen. Denn Harry ist eine Schlange, die sich häutet. Er lässt sich nicht in Kategorien einteilen, er ist schillernd und unberechenbar und dadurch doch fast wieder berechenbar. Und sind wir mal ehrlich: Nordische Krimis waren schon immer „mehr von allem“: Mehr von detaillierter Gewalt, von häufigem und beiläufigem Sex, ausufernd in Länge und Motivationslagen – das wissen wir spätestens seit Stieg Larsson und Adler Olsen, um nur mal zwei zu nennen.

Regeneration einer ganzen Roman-Serie

FAZIT: Der neueste Krimi von Jo Nesbø: Messer ist ein grosser Wurf und dürfte die Geschicke des Nesbo-Protagonisten Harry Hole in ganz neue Gefilde lenken. In diesem 12. Band passiert die spannende Regeneration einer ganzen kultigen Roman-Serie. Empfehlung!

Meines Erachtens ist Rakels Tod ein Befreiungsschlag. Bereits vor vielen Jahren hat Patricia Cornwell ihrer Scarpetta etwas Ähnliches angetan (und Benton dann doch wieder auferstehen lassen). Elizabeth George war da konsequenter und fast noch tragischer, denn sie ließ die hochschwangere Gattin Lynleys vor dessen Augen Opfer eines sinnlosen Anschlags werden.
Serien müssen sich, zumindest nach einer gewissen Laufdauer, regenerieren. Was ist dazu einfacher, als das Leben des Helden von Grund auf zu erschüttern? Während die anderen den Fehler begangen haben, diese Chance nicht für ihre Figuren und Geschichten zu nutzen – beispielsweise sind die Autoren George und Cornwell für mich inzwischen leider unlesbar geworden -, bin ich mir recht sicher, dass Nesbø die Chance nutzen wird und wie Phoenix aus der Asche ersteht. Die Karten stehen gut, denn der Polizist, der Profiler, sie sind erst mal passé, der Vater und ..?. werden dem weiteren Verlauf mitunter eine völlig andere Wendung geben. Ein besserer, ein wie Phoenix der Asche entsteigender Harry Hole ist zu erwarten.

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Eines bleibt sicher: „Messer“ ist ein Buch, das polarisiert. Sollten Sie Neueinsteiger im HH-Universum sein, vielleicht gerade erst einen oder zwei der HH-Krimis gelesen haben, sollten Sie es sich gut überlegen. Aber für den, der offen ist für Entwicklungen und den nordischen Krimi mit Raum für Anderes zu schätzen weiß: Kaufen, lesen genießen. Nesbø ist so gut wie eh und je, für mein Empfinden sogar noch besser. Einfach eine Klasse für sich.

Eine Erkenntnis, die ich aus dieser äusserst anregenden Linie für mich persönlich mitnehme: Jeder, tatsächlich jeder kann plötzlich eine rote Linie überschreiten. Ein Thriller der Extraklasse, der die Harry-Hole-Reihe vollkommen neu justiert. Eine glatte 10 von 10. ♦

Jo Nesbø: Messer (Harry Hole Krimi Bd. 12), Rowohlt Verlag, 574 Seiten, ISBN 9783550081736

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Claudia Praxmeier: Bienkönigin

 

Mick Finlay: Arrowood – Die Mördergrube (Krimi)

„Gestatten: William Arrowood, emotionaler Detektiv“

von Isabelle Klein

Sollten Sie Sherlock-Holmes-Fan sein, seien Sie vorsichtig, denn dieser zweite Fall rund um den zweitbesten Londoner Detektiv William Arrowood und seinen Gehilfen Norman Barnett kann Sie leicht bis stark aggressiv machen, je nachdem, wie stark Ihre Liebe zum Superhirn der Detektivgeschichte ausgeprägt ist, denn laut Letzterem ist Ersterer schlichtweg ein „Scharlatan“ (S.343).

Mick Finlay - Arrowood - Die Mördergrube - Krimi - Harper Collins - Cover - Glarean MagazinWilliam Arrowood hat es nicht leicht. Ständig hält man ihm den genialen Sherlock vor, der gerade raffiniert einen Erben gerettet hat (der Holdernesse-Fall). Arrowoods Meinung nach alles purer Zufall, denn der Meisterdetektiv habe Spuren falsch gedeutet und schlichtweg Glück gehabt. Während Holmes also mit seinem deduktiven Vorgehen und dem Hauptaugenmerk auf dem Deuten von materiellen Hinweisen Fall nach Fall löst, hat unser armer, übergewichtiger, stets von zu engen Schuhen, grausamen Darmwinden und einer untreuen Frau geplagter Detektiv ein gänzlich anderes Herangehen: Er setzt auf Gefühle, nicht auf Logik, denn Menschen sind nun mal von Gefühlen bestimmt und handeln nicht unbedingt logisch. So ist Arrowood nach eigenen Worten ein „emotionaler Detektiv“, der die Menschen versteht und sich in sie hinein zu versetzen versucht.

Eine „rasante Geschichte“?

Mick Finlay - Glarean Magazin
Mick Finlay

So auch in diesem Fall: Die beiden werden vom Ehepaar Barnett an einem kalten Neujahrsmorgen des Jahres 1896 beauftragt, die verlorene Tochter Birdie wieder mit ihnen zu vereinen. Birdie ist „geistesschwach“ und habe sechs Monate zuvor den ebenfalls entwicklungsverzögerten Walter Ockwell, der zusammen mit seinen Geschwistern Godwin und Rosanna einen heruntergekommenen Bauernhof betreibt, geheiratet. Seitdem sei jeder Kontakt von der Schwägerin unterbunden worden, man mache sich große Sorgen um das Wohl des einzigen Kindes.
Arrowood, dessen letzter Fall bereits fünf Wochen zurückliegt, nimmt an, obwohl er von vornherein ahnt, dass das Elternpaar etwas verbirgt. Man einigt sich darauf, dass er zumindest herausfinden soll, ob Birdie wohlauf ist und dort nicht gefangen gehalten wird.

Immer das Gleiche

Und so entspinnt sich laut der Werbung der Times (vgl. hinten auf dem Cover) eine „rasante Geschichte, die sich von Twist zu Twist und Gefahr zu Gefahr bewegt.“ Womit wir schon mitten in dem sind, was für mich den größten Schwachpunkt der viel zu langen Geschichte rund um den Seelenzustand Birdies und eine in Folge der Ereignisse getötete Kesselflickerin darstellt. Es ist eben nichts rasant und voller Wendungen – nein, man verliert irgendwann (rund um die Mitte herum) leicht das Interesse weiterzulesen, denn gefühlt geschieht immer das Gleiche. Arrowood und Barnett nehmen den Zug in den südlichen Vorort und kommen einfach nicht weiter, dabei werden sie von immer mehr Bewohnern angefeindet, verdroschen und öffentlich diffamiert. Gerade Barnett wird ein ums andere Mal Opfer zahlreicher Prügel, während Arrowood seinen Mariani-Wein in sich reinschüttet und von dermaßen üblen Darmwinden geplagt wird, dass man sich fragt, was Finlay damit bezweckt.

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Für mich besteht der gute Arrowood aus einer eindrucksvoll verfetteten Gestalt, einem riesigen Zinken, aus aufgedunsenen Füßen mit knorrig gelben Zehennägeln, schwarz angelaufen (vgl. S.241), aus widerlichen Geräuschen und Gestank – schlichtweg ein gesundheitliches Wrack.
Seine beiden Protagonisten negativ in Szene setzen, das vermag Finlay grandios. Uns (wie ebenfalls vom Verlag versprochen) aber in die „düsteren Gefilde der viktorianischen Nervenheilanstalten“ zu führen, das geschieht jedenfalls nicht. Oder nur sehr oberflächlich, als die beiden mal wieder kräftig Prügel einstecken, weil sie im Caterham Asylum for Safe Lunatics and Imbeciles rumschnüffeln.

Gepflegte Langeweile

Fassen wir zusammen: „Die Mördergrube“ ist eine sich sehr gemächlich entfaltende Geschichte, die hauptsächlich von der blumigen und bildgewaltigen Ausdrucksweise lebt (bzw. den Leser die Nase rümpfen lässt). Dazu einige ins Spiel geworfene Nebendarsteller wie die mutige Schwester Ettie, den trinkfreudigen Dorfgeistlichen oder den „Mongo“ Willoghby Krott, zuzüglich milde Einblicke ins betrügerische Treiben von Heilanstalten. Darüber hinaus? Nicht viel, und nichts Lehrreiches oder gar Erfreuliches.
Finlay entwickelt ein interessantes Konzept, aus dem man durch den Gegensatz Holmes-Arrowood hätte einiges machen können. Doch er schreibt so schwerfällig, konzipiert einen Fall, der so von Wiederholungen und gepflegter Langeweile lebt, zeichnet seine Charaktere so einseitig, dass man eigentlich nur froh ist, wenn die Geschichte vorbei ist. ♦

Mick Finlay: Arrowood – Die Mördergrube, Kriminalroman, 480 Seiten Harper Collins, ISBN 9783959672931

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Moderne Krimis auch über
Niklas Natt och Dag: 1793

… sowie über den Krimi von
Roland Stark: Tod in zwei Tonarten

Niklas Natt och Dag: 1793 (Roman)

Die dunkle Seite der Aufklärung

von Isabelle Klein

Sie mögen historische Kriminalromane, in denen alles seinen herkömmlichen Lauf nimmt? Überspringen Sie diese Rezension und lassen Sie ihre Hände von „1793“. Glauben Sie vor allem keinesfalls den Versprechen des Covers, das das Buch mit Caleb Carrs „Einkreisung“ vergleicht – mehr dazu später. Denn mit „1793“ von Niklas Natt och Dag erhalten Sie ein Werk , das sowohl erzählerisch als auch inhaltlich extrem brutal und trostlos ist, in jeder Art und Weise!

Niklas Natt och Dag - 1793 - Roman-Rezension - Glarean MagazinWährend in La Belle France der Geist der Aufklärung tobt und die Köpfe rollen, ist in Stockholm ein kühler Herbsttag, als der Häscher Mickel Cardell einen Toten aus dem Fatburen fischt. Entstellt, gefoltert, zum bloßen Fleischklumpen verkommen ist das, was einmal eine menschliche Existenz war. Einzig das herrlich goldblonde Haar zeugt von früherer Schönheit. Zusammen mit dem todkranken Sekretär der Polizeikammer Cecil Winge macht sich der einarmige Stadtknecht auf die Suche nach dem Mörder und sticht in ein Wespennest aus Lug und Trug und unaussprechlichem Laster.

Brutal und trostlos

Soweit die Ausgangssituation, in der der einarmige (holzschwingende) Kriegsveteran Cardell mit Cecil Winge, der, nur noch ein Schatten seiner selbst, bald seiner fortgeschrittenen Tuberkuloseerkrankung erliegen wird, Hand in Hand ermittel. Die Paarung erinnert mich an ein anderes Duo: C. J. Sansoms Romanreihe um Master Shardlake und seinen Gehilfen Barak – quasi: Shardlake meets Winge und Cardell. Doch während im Tudor-England gegen Ende der Regierungszeit Heinrichs VIII. virtuos das Leise, Ausgeklügelte, der Zwischenton regiert, das Lesen ein Genuss ist und die Mördersuche vielschichtig vonstatten geht, ist das Erstlingswerk des Schweden Niklas Nat och Dagg gänzlich anders angelegt: brutal, martialisch, gewaltig und grausam. Das muss man mögen oder zumindest ertragen können, sonst wird das Buch ganz schnell in der nächsten Ecke landen.

Und genau deswegen verärgert mich sowohl die Leseempfehlung, die Hugendubel herausgibt, als auch das, womit der Piper-Verlag das Buch dem Leser anpreist. Ist man mittlerweile wirklich so weit, dass Netflix‘ Streamingdienst als auschlaggebend betrachtet wird, um das Buch an den Leser zu bringen? Dort lief nämlich gerade die Verfilmung des o.g. Werkes von C. Carr als Serie (The Alienist). Und glauben Sie mir, die seit vielen Jahren das Genre des historischen Krimis, gerade auch in Serie, favorisiert und Caleb Carrs „Einkreisung“ bereits in den frühen 2000ern verschlungen hat: Kein Vergleich, „Die Einkreisung“ ist um Welten besser! Unglaublich auch die Werbung mitten im Buch auf S. 295, wo auf weitere Infos über Dag, den „Meister des Grauens“, verwiesen wird.

Ermittlung in Stockholms ersten Kreisen

Niklas Natt och Dag - 1793 - Glarean Magazin
Schilderer grausamster Gewaltbereitschaft: Niklas Natt och Dag

Zurück zur Handlung: die beiden Ermittler wollen dem toten Fleischklumpen, den sie Karl Johan nennen, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Eine Münze, die im Darm des Toten gefunden wird, bietet erste Anhaltspunkte, als auch eine Kutsche, die den Toten im Fatburen abgeladen hat. Die Spur führt anscheinend in Stockholms erste Kreise. Ein Sündenpfuhl, der auch abgebrühte Krimileser nicht kalt lassen wird, offenbart sich.
Nun sind nordische Kriminalautoren eher für ihre schonungslosen direkten und oft brutalen Ausführungen bekannt als andersrum; man denke an Nesboe, Adler Olsen usw. Doch das, was sich hier in vier Kapiteln offenbart, ist wirklich harter Tobak; martialisch und in der Schilderung der Gewaltbereitschaft grausam, und brutal in der Schilderung der Folter, die dem Tod Karl Johans vorangeht (Kapitel 2). Also definitiv nichts für zarte Gemüter.

So recht zu nähern vermag man sich den beiden Protagonisten nicht; zu lang sind die durch den Aufbau erzeugten Unterbrechungen. Wir erleben den klassischen Krimiplot nur in Kapitel 1, wo das Geschehen durchdacht an Fahrt gewinnt. Was dann folgt, v.a. in Kapitel 2 und 3, hätte gut werden können, hätte Dag m.E. auf ein klein wenig Grausamkeit und deren explizite Schilderung, die fast schon einem Schwelgen in pervers-widerlichen Exzessen (die sich dann auch bis zum Ende hinziehen) gleichkommt, verzichtet. Was treibt einen Menschen an, so in den dunklen Abgründen zu verweilen? Mir stellt sich die Frage: muss das sein, ist weniger nicht mehr? Wo bleibt die Raffinesse bei alldem?
Zum Verständnis: Im zweiten Teil werden wir mit einer armen Seele konfrontiert, die durch Verfehlungen zum Werkzeug des Mörders wird. Kann er mit seiner Schuld weiterleben? Ein interessanter Ansatzpunkt, hätte man mehr Gewicht auf das moralische Dilemma gelegt und nicht dumpf in Exzessen geschwelgt. Teil 3 lässt uns einmal mehr am Menschen zweifeln und bringt eine weitere Figur, die der Hökerin Anna Stina (wird bei einer unzüchtigen Handlung ertappt und landet im Zuchthaus, wo sie weitere Abgründe der menschlichen Seele erblickt) ins Spiel.

Plakative Moral der Geschichte

FAZIT: Der Roman „1793“ von Niklas Natt och Dag fällt als Soziogramm eines Psycho- bzw. Soziopathen – nach all dem exzessiven Hin und Her, vermischt mit etwas Einführung in konfus geschilderte schwedische Geschichte nach dem Tod des Königs und beamtlicher Intriganten – erschreckend schwach aus. Auch seine plakative Moral von der Geschichte, dass keiner ohne Schuld sei und in jedem Täter zugleich auch ein Opfer stecke, bleibt irgendwo beim Schwelgen im Abtrennen von Gliedmassen, im Vergewalten und Augenblenden auf der Strecke.

Da nicht direkt zur Weiterentwicklung und Auflösung der Geschichte beitragend, werden wohl viele kritisieren, dass man dieses Kapitel hätte streichen können. Nicht unbedingt, würde ich sagen, denn das Hauptanliegen des Autors (so würde ich mal unterstellen), Stockholm als absolut widerlichen Sündenpfuhl, die Menschheit insgesamt als Ansammlung von Monstern darzustellen, vermittelt er so eingehend. Der Bogenschlag zurück gelingt, aber überzeugt nicht, sprich die Zusammenführung all dessen im letzten Teil. Soweit ermattet von all den Grausamkeiten und Ausschweifungen, kam mir die Leselust leicht abhanden, die Rückkehr zu Mickel und Winge im mittlerweile winterlichen Stockholm ließ nur vorüberkommend leichte Freude aufwallen: Ein Toter aufersteht zwischenzeitlich und ein Mörder beichtet.

Die Hexen-Richer - Der Fall Maria Renata Singer
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Atemlose Spannung? Von wegen. Das Soziogramm eines Psycho- oder doch eher Soziopathen fällt nach all dem exzessiven Hin und Her, vermischt mit etwas Einführung in konfus geschilderte schwedische Geschichte nach dem Tod des Königs und beamtlicher Intriganten, eschreckend schwach aus. Gut, Simples mag umso nachhaltiger wirken, wenn der Unterbau, die Unterfütterung der Geschichte mit mehr Raffinesse und ausgeklügelter angelegt gewesen wäre. Stattdessen immer nur stupides Verlangen nach Lust und Schmerz, gepaart mit Gewaltbereitschaft und Grausamkeit. Dass letztlich Mörder, Gehilfe als auch Ermittler sich schuldig machen, berührt nicht mehr wirklich, da die plakative Moral von der Geschichte, dass keiner ohne Schuld sei und in jedem Täter zugleich auch ein Opfer stecke, irgendwo beim Schwelgen im Abtrennen von Gliedmassen, im Vergewaltigen und Augenblenden auf der Strecke bleibt.
Letztlich gäbe es noch viel zu Figuren, der Aufklärung und dem menschlichen Wesen zu schreiben und zu analysieren. Doch entsprechend dem Duktus von „1793“ halte ich es einfach und simpel, ganz wie Hobbes uns in seinem Leviathan bereits geschildert hat: Homo homini lupus – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Erwarten Sie folglich nichts anderes, und das Buch wird Sie bestens unterhalten. ♦

Niklas Natt och Dag: 1793 – Roman, 494 Seiten, Piper Verlag, ISBN 9783492061315

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Psycho-Krimi auch über den Roman von
Esther Pauchard: Jenseits der Couch

… sowie zum Thema Aufklärung über die historische Monographie von
Carsten Priebe: Eine Reise durch die Aufklärung

Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth (Roman-Biographie)

Die Übermacht der Libido

von Heiner Brückner

Der Schweizer evangelisch-reformierte Theologe Karl Barth (1886 bis 1968) gilt für die evangelischen Kirchen europaweit aufgrund seines Gesamtwerks, Römerbriefkommentar und 13 Bände Kirchliche Dogmatik als „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“. Berühmt wurde er vor allem wegen seines vehementen Einsatzes gegen das Hitler-Regime. Sein Postulat: „Jesus Christus ist das eine Wort“ prägt das Barmer Bekenntnis von 1934 als theologisches Fundament der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus. Vor 50 Jahren am 10. Dezember ist er gestorben. Reformierte und Lutheraner würdigen ihn 2019 mit einer Reihe von Veranstaltungen.

Klaas Huizing - Karl Barth - Roman-Biographie - Rezensionen Glarean MagazinDer Würzburger systematische Theologe Klaas Huizing (geboren 1958) beleuchtet das geistige Wirken Karl Barths in seinem Werk „Gottes Genosse“. In einer Art Biografie des „Che Guevara der Protestanten“, wie der Kreuz-Verlag die Veröffentlichung ankündigt, verschafft er einen Zugang zu dessen bis heute prägender Theologie. So darf er nach intensiver Recherche als Kenner des Gesamtwerks gelten. Die Anhänge mit den Lebensdaten im Roman „Zu dritt“ sind ein Beleg dafür.
Wie stark oder schwach der Mensch im großen theologischen Wissenschaftler gewesen ist, woher er seine Energie geschöpft hat, das gestaltet Huizing in seinem gleichzeitig erscheinenden neuen Roman „Zu dritt“. Mit diesem Kenntnispolster und mit seiner Erfahrung als Romanautor („Der Buchtrinker“; ein Jesus-Roman „Mein Süßkind“ u. a.) geht er das Dreiecksverhältnis in Barths Familie an und liefert eine authentisch wirkende Lebensgeschichte von den Leiden und Freuden/Wirren der außergewöhnlichen Wohngemeinschaft.

Die Frauen hinter den Männern

Klaas Huizing - Theologe - Glarean Magazin
Professor für Systematische Theologie und Roman-Autor: Klaas Huizing

Dass hinter jedem großen Mann eine starke Kraft steht, die ihm Halt gibt, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Häufig ist die Kraft eine Frau. Frauenquoten in der Politik, Frauenanteil in der Wirtschaft, Frauen aufs Podium? Die Verlage stellen diesen Aspekt neuerdings in ihre Programme. Keine Frage, Richtigstellung dient der Wahrheitsfindung und führt zu Gerechtigkeit. Und die Historie weist eine Menge Gründe und Beispiele dafür aus. Einige davon führe ich hier an:
Im berühmtesten Briefwechsel des Mittelalters erfahren wir vom französischen Scholastiker Petrus Abaelard, der ab 1114 Hauslehrer der jungen Frau Heloise war. Als sie schwanger wurde, ließ ihn Heloises Onkel und Vormund, der Subdiakon Fulbert von Notre-Dame von Paris, entmannen. Sie heirateten heimlich. Heloise zog sich in den Konvent Sainte-Marie von Argenteuil zurück, Abaelard ging als Mönch in die Abtei Saint-Denis. Die zwei sahen sich nie wieder, aber schrieben sich viele Briefe.

Frauenpower in Wissenschaft und Kultur

Der sogenannte Mönchsvater Benedikt und seine leibliche (Zwillings-)Schwester Scholastika (480 bis 542): Gregor der Große erwähnt in einer Vita, dass sie ihren Bruder bei einem ihrer jährlichen Dialoge durch inständiges Gebet aufhalten wollte. Es habe daraufhin ein so gewaltiges Unwetter eingesetzt, dass Benedikt die Nacht über bleiben musste. Gregors Kommentar zu dieser Episode: „Jene vermochte mehr, weil sie mehr liebte.“
Platonischer Art soll das Verhältnis zwischen dem großen katholischen Jesuiten-Theologen und Konzilsberater Karl Rahner und der Dichterin Luise Rinser gewesen sein, wie sie in ihrem Buch „Gratwanderung“ (1994) aus den Liebesbriefen („Wuschel an Fisch“) ausplaudert. Daneben habe ihre Liebe aber auch einem Benediktinerabt gegolten.
Selbstverständlich gibt es ebenso Exempel außerhalb des kirchlichen Bereichs. In der Lyrik beispielsweise: Die Muse Paul Celans, Brigitta Kreidestein, stellte sich in ihrem Bericht in Briefen und Dokumenten „Celans Kreidestein“ (2010) die Frage, wie der große Lyriker „die Gleichzeitigkeit seiner Bindungen an verschiedene Frauen oder sein Werben um sie in seiner Gefühlswelt unterbrachte …“ Man kann nicht von der Dichtung auf die Autorenvita schlussfolgern, nicht ausschließlich. „Doch kann hieraus nicht gefolgert werden, daß zwischen dem Leben des Künstlers und der Kunst unbedingt ein Mißverhältnis liegen müsse“, zitiert sie Roman Jakobson aus einem Aufsatz über russische Dichter.
Frauenpower in der Naturwissenschaft: In jüngster Zeit sind mehrfach Biografien und Romane über Mileva Einstein erschienen und somit auch über ihren Mann Albert Einstein, der die brillante Physikerin für seine wissenschaftliche Arbeit benutzt und dann fallengelassen habe.

Theologe mit zwei Frauen unter einem Dach

Karl Barth - Evangelischer Theologe - Glarean Magazin
Bedeutendster reformierter Theologe des 20. Jahrhunderts und Bigamist: Karl Barth

Nun also auch Karl Barth. Bei ihm sind es zwei Frauen gewesen, die mit ihm Tür an Tür in einer Wohnung gelebt und gearbeitet haben. Vater, Sohn und Heiliger Geist gelten in der Theologie als göttliche Trinität. Im Hause Barth herrschte 35 Jahre lang eine Dreiheit, wenn auch keine Dreieinigkeit zwischen Karl, dem Mann, seiner Ehefrau Nelly und der früheren Rotkreuzschwester Charlotte von Kirschbaum (Lollo), die er zu seiner Sekretärin/Assistentin erwählt hat. Der Hintergrund, die Basis solcher Arbeitsatmosphären wird im Allgemeinen vom wissenschaftlichen Veröffentlichungs-Output verdrängt, obgleich sie höchstwahrscheinlich der Nährboden gewesen ist. Charlotte hatte in diesem Fall die stärkere Position („Ich will Dein Du sein.“).
Das Verhältnis war weder üblich noch gesetzlich korrekt, es war auch nicht frei von Spannungen (Lollo: „Ehefraktur“). Fruchtbar ist die Doppelliebe in vielerlei Hinsicht gewesen: fünf Kinder (Karls „gesammelte Werke“), menschliche (Doppel-)Liebe in größtmöglicher Offenheit, intensive theologische Arbeit, Engagement in Gesellschaft und Politik. Ein bewegtes Leben ist es gewesen: häufige Umzüge, Auslandsreisen, Bekanntschaften, und ein bewegendes Leben: politische Wortmeldungen bis zur Ausweisung aus Deutschland, Lehre, Standardwerk der Kirchlichen Dogmatik; menschlich: zwei Frauen, ihre späteren Krankheiten.
Nicht immer sei er den „Ausbrüchen weiblicher Dialektik“ gewachsen gewesen. Aber er gestand sich ein, dass er das „Karnickel“ war. Wie viel Potenzial doch in den Frauenköpfen stecke, staunte Karl Barth über seine Sekretärin, Geliebte (Lollöchen“) und zweite Lebensgefährtin, als kenne er die Zehn Gebote nicht, wenn er nach Matthäus 5,28 wiederholt seine Ehe bricht. Er machte ihr ein „armdickes Kompliment“ und förderte ihr „gottgeschenktes“ Talent in jeder Hinsicht. Lollo war elektrifiziert von ihm, nuschelte ihm aber auch „Doppelherz“ zu. Und auch der eine oder andere Leser wird die Lektüre der Offenlegung einer familiären Passionstragödie in einem christlichen Haus pikanter betrachten als die Outings von Pfarrhaushälterinnen über das Verhältnis zu ihrem zölibatären katholischen Pfarrherrn.

Keine moralischen Wertungen

Charlotte von Kirschbaum - Geliebte von Karl Barth - Glarean Magazin
„Knisternde Erotik im Pfarrhaus“: Barth-Geliebte Charlotte von Kirschbaum

Huizing bewertet die Dreier-Symbiose nicht, wertet also weder ab noch auf. Er polarisiert zwei unterschiedliche Frauen-Charaktere, wohl aus dramaturgischen Gründen. Hier die fordernde, selbstbewusste, treibende Starke und Intellektuelle mit dem Lollo-Tosen, die den Professor ganz haben will. Ihre Liebessehnsucht hat genauso starke körperliche Ziehkraft wie die sinnliche. Dort die zwar gebildete, aber lieber im Schwyzer Deutsch schwätzende Nelly, die Frau seiner Kinder, die Hausfrau und Mutter. Aus demselben Grund weicht der Autor auch gelegentlich von der strengen Chronologie ab. Er fühlt sich ein und drückt aus, als sei er ein wachsames Videoauge, das Authentisches festgehalten hat. Sein Stil ist feinfühlend, mitreißend, spart aber knisternde Erotik beim Schildern der sexuellen Begegnungen zwischen Lollo und Karl nicht aus.
Er zeigt die großmütige Gedulds- und Toleranzschwelle von Nelly, der Frau, die Barth 1913 in Bern geheiratet hatte. Sie gipfelten in der Zustimmung, dass die Geliebte Lollo im Familiengrab auf dem Basler Friedhof beigesetzt werden kann. Sie selbst starb als Letzte der drei 1976. Er betont aber auch die wissenschaftliche Arbeitsleistung ihrer Gegenspielerin. Huizings Roman verschafft Durchblick, abwägende Ausgeglichenheit, würdigt nicht nur den lexikalischen Namen einer Berühmtheit, sondern auch die aufbauende Zu- und Mitarbeit der Frauen an der Seite des „Vaters“ der Bekennenden Kirche, der gerne für „14 Tage Papst sein“ wollte. Und er relativiert ein glorifizierendes Bild, das die menschliche Natur unterschlagen möchte.
Im Epilog lässt der Autor vier Barth-Kinder in heutigen Statements über das Dreiecksverhältnis ihres Vaters mit „Tante“ Lollo zu Wort kommen. Sie beantworten quasi aus interner Außensicht einige offene Leserfragen.

Unverbrauchter Roman-Stil mit Spannung

Fazit: In seinem Roman „Zu dritt“ schildert Theologie Klaas Huizing der anhand einer Fülle von Briefwechseln dokumentierten Lebensdaten die biografische, allzu menschliche, von heftiger Libido gesteuerte Seite des Theologen Karl Barth. Überwiegend aus der Sicht der beiden Frauen und ihrer aufwühlenden Gefühlswallungen im Meer aus Freud und Leid, Liebe und Neid. Dieser Roman ist lesenswert wegen seiner historischen, soziokulturellen und psychosozialen Komponenten.

Die kurzen Perspektivenwechsel lockern auf. Sie erzeugen immense Spannung, auch mit konzentrierten mehrdeutigen Wörterauslegungen oder -anspielungen. Er erzählt als Romancier mit unverbrauchten Verben und poetischen Formulierungen („Sie spürte sofort die Muskeln des Textes, …“) ein wenig bekanntes familiäres Drama. Der Leser darf offen in alle Richtungen Schlüsse ziehen, Widersprüche erkennen und nach Erklärungen forschen. Bei genauem Hinsehen ist auch die Subtilität der literarischen Konstruktion Huizings auszumachen: Was Karl Barth in seinem Römerbrief Kommentar als Erkenntnis niedergeschrieben hat, ist aus seinem eigenen Erleben genommen. Liebe sei existentielles Vor-Gott-Stehen, das begründe die Individuation: „Wenn man Gott und Welt vertauscht, …, dann werde das ganze Leben Erotik ohne Grenze!“ Das Chaos zerfalle dann und es werde alles möglich, alles. 1956 erschien von Karl Barth „Die Menschlichkeit Gottes“. ♦

Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum (Roman), 400 Seiten, Klöpfer & Meyer Verlag, ISBN 978-3-86351-475-4

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Kulturgeschichte auch über
Georg Cavallar: Gescheiterte Aufklärung?

… sowie zum Thema Religion in der Rubrik „Heute vor…“ über
Joseph Haydn: Die Schöpfung

Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen (Roman)

Unterhaltsamer Frauenroman

von Sigrid Grün

„Die Rückkehr der Apfelfrauen“ ist die Fortsetzung des Bestsellers „Eva und die Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar. Bei diesen Büchern handelt es sich um unterhaltsame Frauenromane, deren Protagonistinnen nicht etwa 30, sondern um die 50 sind.
Nun sind „Frauenromane“ nicht so mein Genre, populäre Literatur interessiert mich hingegen sehr, weil es etwas über kulturelle Wertigkeiten aussagt. (Die Zeitschrift „Landlust“ erfreut sich immer noch großer Beliebtheit, mit einer Auflage von knapp 900.000 verkauften Exemplaren überholte sie vor einigen Jahren sogar den „Stern“). Themen wie Landleben oder ländliches Wohnen sind sehr beliebt und zeugen vom Wunsch, aus der Komplexität des Alltags auszusteigen und ein einfacheres, naturverbundenes Leben zu führen.
Genau diese Sehnsucht befriedigt auch Tania Krätschmar mit ihrem Roman um fünf Freundinnen um die 50, die mit vereinten Kräften ein Problem lösen – und selbstverständlich geht es auch um die Liebe.

Kinder-Stil bei Erwachsenen-Büchern

Tania Krätschmar - Die Rückkehr der Apfelfrauen - Roman - Blanvalet - Glarean MagazinDie Einfachheit ist bei diesem Roman Programm. Sprache und Stil erinnern eher an populäre Kinder- und Jugendbücher, wie  die „Fünf Freunde“-Reihe von Enid Blyton. Ich mag diesen Stil bei „Erwachsenenbüchern“ nicht, weshalb ich vor allem den Beginn der Geschichte als nervtötend empfand.
Die Freundinnen sind zunächst in Venedig unterwegs, bis Eva, die seit vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Loh in Brandenburg einen Hof bewirtschaftet, einen Anruf aus der Heimat bekommt. Die Apfelernte muss dringend erledigt werden, weil ein wichtiger Termin im Apfelgarten ansteht, bei dem darüber entschieden wird, ob in der verschlafenen Ortschaft Wannsee (nicht zu verwechseln mit dem Berliner Bezirk) ein Baumhaushotel entstehen darf…

Klischee-Probleme Familie und Übergewicht

Tania Krätschmar - Rezension im Glarean Magazin
Tania Krätschmar

Evas vier Freundinnen – Nele, Marion, Dorothee und Julika – entschließen sich getreu dem Motto „Einer für alle und alle für einen“, Eva zu helfen. Und so reisen die fünf zurück ins herbstliche Deutschland, wo sich auch noch die Schulschildkröte Alexis zu ihnen gesellt. Vor Ort zeigt sich schnell, dass die Apfelernte nicht das einzige Problem ist: Neben dem paradiesischen Apfelgarten hat der fiese Unternehmer Borg Seidel einen hässlichen Bau hochgezogen, der einmal eine private Spielbank werden soll. Und schon ist er da: Der Kampf Gut gegen Böse. Dazwischen taucht noch ein geheimnisvoller Fremder mit ganz schön viel Naturwissen auf, den Nele attraktiver findet, als sie möchte. Und jede einzelne Frau bringt noch ihre kleinen und großen Alltagssorgen und –probleme mit. Das sind bei Frauen natürlich Freiberuflichkeit, Familie und Übergewicht! Es sind Klischees, die bedient werden, weil Klischees genauso simpel funktionieren wie eine relativ vorhersehbare Handlung und die einfache Sprache.

Spannender Roman in heiler Welt

FAZIT: Wer Frauenromane mag, die einem den Ausstieg aus dem Alltag ermöglichen, moderne Märchen, die auf alle Fälle gut ausgehen, und bei denen man keine Sekunde über irgend etwas nachdenken muss, wer also Seelentröster sucht, die einen von den Problemen der Welt ablenken, wird mit der „Rückkehr der Apfelfrauen“ von Tania Krätschmar ein paar schöne und auch spannende Stunden verbringen. Wer andere Ansprüche an Literatur hat, wird vermutlich ohnehin zu einem anderen Buch greifen…

Es ist ein modernes Märchen vor einer Sehnsuchtskulisse: Die heile Welt im brandenburgischen Bullerbü muss vor dem üblen Plan des Bösewichts bewahrt werden – und ich glaube, ich verrate auch nicht zu viel, wenn ich sage, dass am Ende alles gut wird. Niemand liest so einen Roman, um sich zum Schluss darüber zu ärgern, dass der böse Bauunternehmer erfolgreich alles versaut hat, den Traum vom Apfelblütenhotel, von unberührter Natur und natürlich von der großen Liebe!

Trotz der vorhersehbaren Handlung muss man aber doch zugeben, dass die Autorin einen spannenden Roman geschrieben hat, so wie die „Fünf Freunde“-Bände auch spannend sind. Man liest weiter und weiß, dass es mit dem Bösen unmöglich ein gutes Ende nehmen wird. Und das ist vielleicht mal ganz nett, in eine heile Traumwelt abzutauchen, in der auf jeden Fall das Gute gewinnt. Mein bevorzugtes Genre ist es nicht, aber interessant war die Lektüre allemal. ♦

Tania Krätschmar: Die Rückkehr der Apfelfrauen – Roman, 352 Seiten, Blanvalet Verlag, ISBN: 978-3-734-10628-6

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Frauen-Literatur“ auch über die Anthologie von
A. Djafari & J. Boos: Vollmond hinter fahlgelben Wolken

…sowie über den Sommer-Roman von
Alan Schweingruber: Simona

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin (Roman-Thriller)

Das Mädchen, das die Bienen liebt

von Sigrid Grün

Im Frühling 2017 hat „Die Geschichte der Bienen“, der dystopische Roman der norwegischen Schriftstellerin Maja Lunde, die Bestenlisten gestürmt. Bienen und Bienensterben sind Themen, die auf dem Buchmarkt eine immer größere Rolle spielen, da es ja tatsächlich ein bedrohliches Insektensterben gibt. Die Gründe sind vielfältig: Vom übermäßigen Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft und in Gärten über Bienenkrankheiten bis hin zum Schrumpfen der Lebensräume gibt es viele Gefahren, die der Honigbiene Apis mellifera drohen.
Die gebürtige Salzburgerin Claudia Praxmayer hat Biologie studiert und kennt sich mit Bienen aus. Sie hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht und legt mit „Bienenkönigin“ ihr Debüt im Bereich Jugendbuch vor. Damit schließt sie eine Lücke, denn über das Bienensterben gibt es bisher kaum Literatur für Jugendliche.

Für Jugendliche und Erwachsene konzipiert

Bienenkönigin - Roman-Thriller - Claudia Praxmayer - Rezension im Glarean MagazinMein Sohn ist 13 Jahre alt, liest aber auch gerne schon Bücher für Erwachsene. Wir haben das Buch beide gelesen und kamen unabhängig voneinander zu einem sehr ähnlichen Urteil.
Worum geht es? Mel ist 19 und weiß nicht so recht, welche Richtung ihr Leben nehmen soll. Die Mutter, eine Professorin, möchte dass aus ihrer Tochter eine erfolgreiche Akademikerin wird, der Vater, ein Restaurantbesitzer, spricht sich dafür aus, dass Mel ihre Leidenschaft fürs Kochen zum Beruf macht. Die Eltern sind getrennt, und es kommt immer wieder zu Konflikten wegen Mels Zukunft.
Die junge Frau lebt in einer WG namens „Beehive“ (Bienenstock) in San Francisco. Im Garten des Hauses, in dem sie mit drei Mitbewohnern lebt, gibt es einen Bienenschwarm in einem hohlen Apfelbaumstamm. Mel hatte schon ihr ganzes Leben lang ein besonderes Verhältnis zu Bienen. In ihrem Nacken wächst ihr ein Bienenpelz, und sie kann mit den Tieren kommunizieren. Diese Fähigkeit hat sie von ihrer Großmutter geerbt, die bereits verstorben ist.

Von High-Tech-Roboter-Bienen

Claudia Praxmayer - Bienenkönigin - Biologin - Glarean Magazin
Biologin & Thriller-Debütantin aus Salzburg: Claudia Praxmayer

Mels Welt gerät aus den Fugen, als sie eines Tages am Bienenstock im Apfelbaum eine schockierende Entdeckung macht… Ein Eindringling ist vom Bienenvolk im Garten getötet worden. Doch die schwarze Drohne entpuppt sich nicht nur als Drohne im Sinne einer männlichen Biene, sondern als High-Tech-Roboter-Biene. Wer steckt hinter dieser Erfindung und was hat das zu bedeuten? Diesen Fragen gehen Mel und ihre Mitbewohner nach – und stoßen dabei auf eine Sache, die nicht nur angsteinflößend ist…

Claudia Praxmayer hat eine Sprache und einen Stil, die im Jugendbuch absolut überzeugen können. In diesen Punkten kann sie sich durchaus mit Isabel Abedi messen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und ihre Gefährdung lernen.

FAZIT: Zwar hat der Thriller „Bienenkönigin“ der österreichischen Biologin und Roman-Debütantin Claudia Praxmayer ein paar dramaturgische Längen, was die Spannung zuweilen drosselt. Andererseits pflegt die Autorin aber eine Sprache und einen Stil, die nicht nur Erwachsene, sondern auch Jugendliche absolut überzeugen vermögen. Zudem können junge Leserinnen und Leser einiges über die Honigbiene und deren Gefährdung durch die Umweltverschmutzung lernen.

Leider hat das Buch einige dramaturgische Schwächen und weist Längen auf. Anfangs klingt das Ganze ziemlich vielversprechend, doch die Geschichte versandet dann zu oft in alltäglichen Belanglosigkeiten. Auch die Lovestory hätte spannender inszeniert werden können. Sowohl mein Sohn als auch ich haben relativ lange gebraucht, bis wir durch waren, weil wir uns teilweise zum Weiterlesen überwinden mussten. Wir wollten beide wissen, wie die Geschichte endet, aber der Weg dorthin war manchmal etwas steinig…
Zusammengefasst: Wenngleich „Bienenkönigin“ von Claudia Praxmayer sprachlich-stilistisch durchaus überzeugen konnte, waren es doch gar viele Längen, die gerade bei einem Thriller die Spannung zu sehr rausnehmen. Das Thema ist wichtig und für Jugendliche gut aufbereitet. Aber die Geschichte tritt leider zu oft auf der Stelle. Gerade Jugendliche kann das schnell frustrieren. ♦

Claudia Praxmayer: Bienenkönigin, Roman-Thriller (ab 14 J.), 352 Seiten, cbj Jugendverlag Randomhouse, ISBN 978-3-570-16533-1

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Tiere in Romanen auch über
Jose Saramago: Die Reise des Elefanten

…sowie von Sigrid Grün über den Roman von
Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker

Weitere Internet-Artikel zum Thema Biene und Bienensterben:

Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires (Roman)

Ungeplante Schach-Wege

von Thomas Binder

Romane, die im Schach-Milieu handeln, gibt es zwar viele – aber die wirklich guten Romane in diesem Umfeld sind so häufig nicht. Wenn dann ein etablierter und anerkannter Schriftsteller als Autor fungiert, kann man nur von einem absoluten Glücksfall sprechen. Dieser Glücksfall ist mit „Die Schachspieler von Buenos Aires“ des deutschstämmigen Argentiniers Ariel Magnus eingetreten.
Der Roman hat in den Kulturredaktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland flächendeckend Aufmerksamkeit gefunden und wohlwollende bis euphorische Kritiken erhalten. Damit haben berufene Literaturkritiker ihr Urteil gefällt, und wir wollen uns hier auf den Schachspieler bzw. –interessenten als Zielgruppe beschränken.

Who is Who des Schachs vor dem 2. Weltkrieg

Ariel Magnus - Die Schachspieler von Buenos Aires - Roman - Rezension Glarean MagazinBei den Stichworten „Buenos Aires“ und „Schach“ denkt auch der in Sachen Schachgeschichte Bewanderte merkwürdigerweise nicht an die zeitlich viel näherliegende Schacholympiade von 1978, sondern sicher an die Ereignisse von 1939. Erinnern wir uns: In der argentinischen Hauptstadt fand die bis dato größte Schacholympiade statt. Die Teilnehmer lesen sich – trotz Abwesenheit der Sowjetunion und der USA – wie ein „Who is Who“ jener Zeit: Aljechin, Capablanca, Keres, Najdorf, Stahlberg, Tartakower…
Doch das sportliche Geschehen geriet in den Hintergrund, als in Europa der zweite Weltkrieg ausbrach. Er hatte unmittelbare Folgen für das Geschehen in Argentinien. So reisten viele Spieler – darunter die gesamte deutsche Mannschaft – nicht in ihre Heimat zurück, sondern bauten sich in Südamerika eine neue Existenz auf. Während die Engländer das Turnier sofort verließen, wurde in einigen Wettkämpfen ein kampfloses 2:2 vereinbart, da sich die beteiligten Länder nunmehr feindselig gegenüberstanden.

Brisante Begegnung Deutschland vs Palästina

Besonders brisant war die Situation zwischen Deutschland und dem Mandatsgebiet Palästina, dem Vorläufer des Staates Israel. Palästina verweigerte aus nachvollziehbaren Gründen das Spiel, und so ergab sich die Situation, dass Deutschland bei einem kampflosen Sieg durch ein „Geschenk der Juden“ hätte Olympiasieger werden können. Die Auflösung dieses Konflikts wird im Roman vielschichtig beleuchtet.
Parallel zur Schacholympiade fand das Turnier um die Weltmeisterschaft der Frauen statt. In Magnus‘ Roman nimmt diese Meisterschaft großen Raum ein, gesehen aus der Perspektive der Vizeweltmeisterin Sonja Graf. Die Münchnerin trat hier als Staatenlose unter einer Phantasieflagge an.

Geflecht aus Realem und Fiktivem

Ariel Magnus - Schriftsteller Argentinien - Glarean Magazin
Ariel Magnus (Geb. 1975)

Das alles sind nüchterne Fakten, doch Ariel Magnus webt ein unvergleichliches Geflecht aus Realem und Fiktivem. Handlungsebenen verknüpfen sich in meisterhafter Weise. Dabei lässt er den Leser immer – manchmal eine Spur zu deutlich – erkennen, ob er gerade an historischen Tatsachen oder erdachten Geschichten partizipiert. Den Einstieg liefert Magnus‘ realer Großvater, dessen Bezüge zu den (realen) Turnieren und ihren Protagonisten – allen voran Sonja Graf – natürlich fiktiv sind. Gänzlich fiktiv sind auch die Versuche von verschiedener Seite, in den Turnierverlauf einzugreifen, sogar einen Sieg der deutschen Mannschaft zu verhindern. Dann taucht auch noch Mirko Czentovic auf, der (fiktive) Held aus Stefan Zweigs Schachnovelle. Diese aber ist – soweit der Höhepunkt des Verwirrspiels – 1939 noch gar nicht erschienen, Czentovic kommt also quasi aus der Zukunft.

Die Frauen-WM 1939 im Fokus

Was den rein schachlichen Gehalt betrifft, liegt der Schwerpunkt auf dem Frauenturnier. Hier werden sogar die entscheidenden Partien (ausschweifend verbal) geschildert. Neugierig geworden, enthüllte sich mir erst beim Nachspielen in der Datenbank, wie nahe Sonja Graf in der Partie gegen die scheinbar unschlagbare Vera Menchik eigentlich dem Siege und wohl auch dem WM-Titel war.

Argentinien 1939: Nicht nur bei den Männern, sondern auch einige Teilnehmerinnen der Frauen-WM reisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges nicht mehr in ihre Heimatländer zurück. Die zuerst für Deutschland startende, dann staatenlose Sonja Graf wurde Vizeweltmeisterin.
Argentinien 1939: Nicht nur bei den Männern, sondern auch einige Teilnehmerinnen der Frauen-WM reisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges nicht mehr in ihre Heimatländer zurück. Die zuerst für Deutschland startende, dann staatenlose Sonja Graf wurde Vizeweltmeisterin. (Quelle: Wikipedia)

Die Männer-Olympiade selbst hingegen wird mehr durch Milieu-Schilderungen und Porträtstudien einzelner Spieler lebendig – und vor allem durch die Vorgänge um das Spiel zwischen Deutschland und Palästina. Im weitaus überwiegenden Teil des Textes erleben wir also Schach aus der Sicht des Außenstehenden, der mehr zufällig mit den Turnieren und den Spielern bzw. Spielerinnen in Berührung kommt – eben Großvater Magnus.

Meisterhafte Nebenstränge der Handlung

Neben den bekannteren Akteuren werden dabei einige Teilnehmer zumindest zeitweise in den Blickpunkt der Handlung geholt, die auch dem schachgeschichtlich Interessierten nur wenig sagen, etwa die Amerikanerin Mona Karff (Fünfte der WM) oder Olympiade-Spieler wie der Este Ilmar Raud und der für Palästina spielende Victor Winz.

FAZIT: „Die Schachspieler von Buenos Aires“ ist kein Schachbuch, sondern ein Roman im Umfeld der Schacholympiade und der Frauen-WM 1939 in Buenos Aires. Vor dem Hintergrund des ausbrechenden Zweiten Weltkriegs nehmen Lebenswege eine ungeplante Wendung. Autor Ariel Magnus verwebt in einzigartiger Weise reale und fiktive Personen und Ereignisse zu einem lesenswerten Gesamtkunstwerk.

Schließlich gibt es – wir haben einen veritablen Roman vor uns, kein Schachbuch – Nebenstränge der Handlung, die meisterhaft angelegt und ausmodelliert sind. Als Beispiel und Appetithappen seien nur die Diskussionen und Intrigen in einer Zeitungsredaktion genannt. Hier geht es u.a. um die existenzielle Frage, ob denn Schach nun Sport, Wissenschaft oder Kunst (oder was sonst) sei.
Diese Frage stellt sich für den ganzen Roman natürlich nicht. Er ist ein Kunstwerk, er ist gehobene Literatur. Damit fordert er den Leser auf jeder Seite. Man muss sich zwischen den verschiedenen Handlungslinien, dem Realen und Fiktiven zurechtfinden. Handlungstext wechselt mit Tagebuch-Zitaten und Presseausschnitten. Selbst an Fußnoten wird nicht gespart. Schachliches Wissen – insbesondere um die Hintergründe der Olympiade von 1939 – ist dabei durchaus hilfreich. Dennoch sei gewarnt, wer seinen geistigen Konsum sonst nur aus trivialerer Literatur befriedigt. Das Lesen eines Romans von über 300 Seiten kann auch anstrengende Arbeit sein. Wenn man aber die Neugier auf das behandelte Sujet mitbringt, ist diese Arbeit höchst vergnüglich. ♦

Ariel Magnus: Die Schachspieler von Buenos Aires – Roman, aus dem argentinischen Spanisch von Silke Kleemann, 336 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN 978-3462050059

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Schach-Romane auch über
Frank Schuster: Das Haus hinter dem Spiegel

… sowie zum Thema Kulturgeschichte des Schachs über den
Ausstellungs-Katalog „Schach und Religion“ (Ebersberg)

Weitere Internet-Artikel zum Thema Schach und Literatur: