Jan Faktor: Trottel (Roman)

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Eine Art Anti-Schelmenroman

von Sigrid Grün

Der Roman „Trottel“ von Jan Faktor  steht in diesem Herbst auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Der Protagonist ist ein selbsternannter Trottel, einer, der sich selbst nicht für allzu lebensfähig hält. Faktor arbeitet in seinem jüngsten Roman nicht nur die eigene Vergangenheit, sondern auch den Tod seines Sohnes auf.

Jan Faktor: Trottel - Roman, Kiepenhheuer&WitschDer Schelm spielt in der tschechischen Literatur eine wichtige Rolle. Josef Švejk ist der Inbegriff des tschechischen Schelms, der sich irgendwie durchschlägt. Aber der Protagonist von „Trottel“ ist eben nicht der Kerl, der das Leben mit Hilfe seiner Gewitztheit und Bauernschläue meistert. Er ist verkopft und einer, der vieles nicht gerade mit Leichtigkeit hinbekommt, und das auch so für sich annimmt, was man wiederum als gewitzt betrachten könnte.
Im Mittelpunkt steht u.a. die Verarbeitung einer Traumatisierung – vor einigen Jahren hat sich Jan Faktors einziger Sohn im Alter von 33 Jahren das Leben genommen. In „Trottel“ heißt es: „Mein Sohn wurde genauso wie ich als Trottel geboren, er kämpfte dagegen ehrenhaft und lange genug an – und er hat sich schließlich aus Scham über sein in eine Sackgasse geratenes Trotteltum umgebracht.“

Bonmots und Nackenschläge

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Im Einbandspiegel hat Faktor „Anregungen und Vorschläge für Rezensenten, nützliche Bonmots für Streitgespräche oder zukünftige Nackenschläge“ untergebracht. Dort stehen Dinge wie: „Für jede seiner vielen Fußnoten verdient dieser Mensch einen Stromschlag angemessener Stärke und Spannung.“ Oder: „Ist dieser Mensch noch zu retten? Kann es gut gehen, wenn einer ein höchst albernes Buch über den Tod seines eigenen Sohnes zusammenstoppelt? Das Antwortbuch heißt Nein!“ Bereits hier wird ganz offen mit der Provokation gespielt, die von dem Ansinnen ausgeht, den Tod des eigenen Kindes auf diese Weise zu verarbeiten. Letztendlich muss jeder selbst wissen, wie er oder sie mit persönlichen Traumata umgeht.

Anstrengende Langatmigkeit

Jan Faktor - Schriftsteller - Glarean Magazin
Aufarbeitung persönlicher Traumata: Schriftsteller Jan Faktor (*1951)

Als Leserin ist mir die Lektüre allerdings immer schwerer gefallen. Nicht wegen der Fußnoten – die mag ich bei literarischen Texten sogar ganz gern und ich kenne sie z.B. von David Foster Wallace. Aber die Langatmigkeit hat mich zusehends angestrengt. Der Auftakt des Romans hatte mich noch ziemlich begeistert. Alles beginnt im Jahr 1968 in Prag. Die sowjetischen Truppen marschieren in der tschechoslowakischen Hauptstadt ein und der Erzähler studiert gerade Informatik – er soll nicht nur Programmierer, sondern sozialistischer Ökonom werden. Und er sammelt erste Erfahrungen mit der Liebe.
Die Lebenswirklichkeit in der Tschechoslowakei und später in der DDR wird ziemlich lebendig beschrieben. Der Protagonist bricht sein Studium ab und fängt eine langweilige Arbeit in einem Rechenzentrum an. Und dann lernt er seine Frau kennen, eine Deutsche aus der DDR. Gemeinsam ziehen sie nach Ost-Berlin und gründen eine Familie.

Vom Unerträglichen mit Humor distanziert

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Zentrales Thema ist der Selbstmord des Sohnes, der vorher in Behandlung war. Doch man konnte ihm nicht helfen. 2012 nahm er sich das Leben. Der Verlust des eigenen Kindes ist kaum zu ertragen. Vielleicht kann es dem Erzähler nur durch das Mittel des Humors gelingen, sich vom Unerträglichen zu distanzieren. Humor schafft immer Distanz. Der Trottel kann die Trauer vielleicht nur dank seiner eigenen Trotteligkeit ertragen.
Doch zwischen den immer wieder auftauchenden Wortwitzen, blitzt auch stets die Trauer hervor. Es könnte eine berührende und gleichzeitig bedrückende Lektüre sein, wenn es nur nicht so ausschweifende und ermüdende Erzählpassagen gäbe. Das Buch ist nicht nur emotional anstrengend, sondern auch mental. Die Ausführlichkeit hat mich ermüdet. Möglicherweise sind das ständige Abschweifen und das detaillierte Erzählen auch Fluchten, weil eben nicht einmal das Trotteltum ausreichend Trost bietet.

Ich habe die Lektüre stellenweise großartig gefunden – und häufig zermürbend. „Trottel“ kann man nicht einfach so „weglesen“. Man muss sich durchkämpfen. Ich habe es nicht bereut, diesen Roman gelesen zu haben, aber ein Lesevergnügen war es ehrlich gesagt ganz und gar nicht. Eher ein Kampf. ♦

Jan Faktor: Trottel – Roman, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 400 Seiten, ISBN 978-3-46200-085-6

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Ulrich Becher: Murmeljagd (Roman)

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Botschaft an die Menschheit

von Alexandra Lavizzari

Anlässlich des 100. Geburtstages von Ulrich Becher im Januar 2010 legte der Frankfurter Verlag Schöffling und Co. den sprachwuchtigen, 1969 erschienenen Exilroman „Murmeljagd“ nach Jahrzehnten der Vergessenheit neu auf, und nun erscheint das Buch im Taschenbuchformat beim Diogenes Verlag in Zürich mitsamt einem brillanten Nachwort von Eva Menasse.

Ulrich Becher: Murmeljagd - Roman - Taschenbuch Diogenes VerlagAls Sohn eines deutschen Rechtsanwalts und einer Schweizer Pianistin in Berlin geboren, sprengte Ulrich Becher sowohl biografisch als auch literarisch Grenzen. Selber musisch begabt wie die Mutter und auch genügend malerisches Talent beweisend, um vom anspruchsvollen George Grosz als Schüler akzeptiert zu werden, entschied sich Becher indessen für das Studium der Rechtswissenschaften und schrieb sich gleichzeitig mit dem 1932 bei Rowohlt erschienen Novellenband Männer machen Fehler in die höchsten literarischen Ränge.
Die Zeiten waren für Bechers radikale politische Gesinnung jedoch nicht günstig; sein literarisches Début fiel 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer und beendete vorläufig seine vielversprechende Schriftstellerkarriere.

Ein Leben im Exil

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Fortan war ihm auf lange Zeit keine Ruhe mehr gegönnt; der Flucht nach Österreich folgte nach dem ‚Anschluss‘ das Gesuch um eine Schweizer Aufenthaltsbewilligung, welches die Behörden aufgrund seiner militanten antifaschistischen Haltung ablehnten. Wohl oder übel musste Becher seine Exilreise fortsetzen, und zwar zuerst nach Brasilien und 1944 schließlich zu den Schwiegereltern nach New York. Erst 1954 kehrte Becher nach Europa zurück, wo er sich in Basel niederließ und bis zu seinem Tod im Jahr 1990 produktiv aber zunehmend zurückgezogen lebte.

Spannende Langatmigkeit

"Fulminant, meisterhaft, unvergesslich": Schriftsteller Ulrich Becher (1910-1990)
„Fulminant, meisterhaft, unvergesslich“: Schriftsteller Ulrich Becher (1910-1990)

Nach zahlreichen Novellen, Romanen und Bühnenstücken, die im Exil entstanden und zum größten Teil im Rowohlt Verlag erschienen, schrieb Becher in Basel sein fuminantes Meisterwerk „Murmeljagd“, eine Mischung aus Politthriller, Satire und Abenteuerroman, die Leserinnen und Leser unvergesslich skurrile Figuren und Situationen beschert und mit einer vor lauter Dialekteinsprengseln nur so funkelnden Erzählsprache verzaubert.

Ausufernde Phantasie

Bechers ausufernde Fantasie mag bisweilen unsere Geduld und Konzentration strapazieren; handkehrum liest sich die dramatische Flucht des Journalisten Albert Trebla aus dem von den Nazis besetzten Österreich ins schweizerische Engadin wie ein spannender Krimi, sterben ihm doch nach und nach Freunde und Bekannte auf unerklärliche Weise weg und tauchen auf seinem Weg immer wieder Menschen mit dubiosen Absichten auf.
Trebla (ein Palindrom für Albert) ist das Murmeltier des Romantitels; er hetzt mit seiner Frau Xane in einer Zeitspanne von nur einem Monat im Jahre 1938 durch grandios beschriebene Berglandschaften, versteckt sich, überall Gefahr witternd und – mählich in den Wahn getrieben – sogar ins harmlose Pfeifen von Murmeltieren geheime Botschaften der ihn jagenden Nazis hineinlesend.

Wider den Krieg

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Handelt es sich bei „Murmeljagd“ um eine monumentale Autobiografie? Die Passagen, die von Treblas Problemen mit der Schweizer Fremdenpolizei handeln, verleiten zu dieser Annahme, doch Becher wollte, wie er seinem Bruder schrieb, weit über sein persönliches Schicksal hinaus „die fetten sieben Jahre des Hitlerregimes“ anprangern und die verheerenden psychischen Folgen ständiger Lebensangst auf das Befinden von verfolgten Regimegegnern darlegen. Inzwischen weiß man auch, dass Becher mit Trebla nicht sich selbst porträtiert hat, sondern den Maler Axl Leskoschek, der, wie Becher selbst, nach Brasilien emigiert war.

Unvergessliche Schilderungen

Voll des Lobes über Ulrich Bechers "Murmeltier": Poetik-Dozentin Eva Manesse
Voll des Lobes für Ulrich Bechers „Murmeltier“: Poetik-Dozentin Eva Manesse

Eva Menasse ist voll des Lobes für „Murmeljagd“: „Der Zug-Transport der jüdischen und kommunistischen Häftlinge nach Dachau – unvergesslich. Unvergesslich der letzte Ritt des Roda-Roda nachgebildeten Zirkusartisten im KZ – allein für diese Szene hätte Becher den Büchnerpreis verdient, den er natürlich nie bekam; wie gesagt, es fühlte sich keiner zuständig.“
Menasse liefert damit eine der möglichen Erklärungen, weshalb „Murmeljagd“ nach Erscheinen so schnell in Vergessenheit geriet. Aufgrund seines Lebenswegs konnte dem Autor weder Deutschland noch die Schweiz oder Österreich wirklich Heimat sein; er war und blieb letztlich ein Fremder, wo immer er sich aufhielt, auch wenn sein Werk geografisch präzise verankert ist.

Universelle Botschaft

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Eine andere Erklärung mag man in der Zeit sehen, in der Becher seinen Exilroman veröffentlichte. Der zweite Weltkrieg lag bereits zu weit zurück, um die Leserschaft als literarisches Thema noch zu fesseln. Schriftsteller wie Handke und Böll schrieben zu jener Zeit sogenannte Nachkriegsliteratur, man wollte die Gegenwart protokollieren, vielleicht auch endlich vorwärts blicken, nachdem man sich, wie irrtümlicherweise angenommen, bereits bis zum Überdruss mit der Nazivergangenheit auseinandergesetzt hatte.

Ein Roman wie „Murmeljagd“ mag eine Zeit lang in der Flut von Publikationen untergehen; es ist aber eines dieser Bücher, die still und geheim ihren Weg ins Bewusstsein der Bevölkerung zurückfinden, weil sie bei aller Groteske und Skurrilität eine universelle Botschaft an die Menschheit übermittelt. Dem Schöffling und Diogenes Verlag sei Dank dafür, Bechers Botschaft zur weiteren Verbreitung zu verhelfen; sie ist heute mehr denn je von brennender Aktualität. ♦

Ulrich Becher: Murmeljagd – Roman, Diogenes Verlag, 708 Seiten, ISBN 978-3-89561-452-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Nachkriegsliteratur auch über den Roman von Christian Berkel: Ada


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Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern (Roman)

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Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg

von Sigrid Grün

70 Jahre syrische Geschichte erzählt der 1964 in Aleppo geborene Autor Khaled Khalifa. Er ist während des Krieges in Damaskus geblieben und publizierte seine Werke im Ausland, um der Zensur zu entgehen. In „Keiner betete an ihren Gräbern“ erzählt er von der symbolträchtigen Freundschaft über Religionsgrenzen hinweg und berichtet von der Geschichte eines Landes, das zunächst Teil des Osmanischen Reiches war, anschließend unter französischer Kontrolle stand und 1946 schließlich vollständig unabhängig wurde.

Keiner betete an ihren Gräbern - Khaled Khalifa - Roman1907: Der Euphrat ist über die Ufer getreten und die Überschwemmung zerstört das Dorf Hosch Hanna bei Aleppo. Nur wenige Menschen überleben die Flutkatastrophe. Als der Großgrundbesitzer Hanna Gregorus und der Pferdezüchter Zakaria Bayazidi aus der Zitadelle, die zu einem privaten Freudenhaus umfunktioniert wurde, in ihr Dorf zurückkehren, müssen sie den Tod ihrer Kinder und den Verlust ihres Eigentums verkraften. Auch Hannas Frau Josephine ist ertrunken. Hanna und Zakaria blieben aufgrund ihrer Vergnügungssucht verschont.

Sündiger Lebensstil

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Hanna stellt sich die Frage, ob das die Strafe Gottes für den sündigen Lebensstil ist, dem er und sein Freund frönten: „Hanna fühlte sich wie ein Kind, das gerade in ein anderes Leben ohne Vergangenheit hineingeboren worden war. Eine neue, unbeschriebene Seite, die die Erinnerung an ein Leben voller Trubel, Vergnügungen und Schmerzen hinter sich ließ, das nun sein Ende gefunden hatte. Er fühlte sich schuldig und sehnte sich nach seinem Sohn und dem Gesicht seiner lieben Frau, die ein Leben an seiner Seite ertragen hatte.“
Zakaria, der seinen Freund in einem derart verängstigten Zustand nicht ertragen kann, hilft bei der Bestattung der Toten mit: „Die Gräber der Christen lagen in einer Reihe neben denen der Muslime, daneben in einer geraden dritten Reihe die Gräber der Unbekannten und Fremden.“

Christlich-muslimisch-jüdische Freundschaft

Khaled Khalifa
Khaled Khalifa

Das zentrale Motiv dieses Romanes von Khaled Khalifa ist die religionsübergreifende Freundschaft zwischen dem Christen Hanna, dem Muslim Zakaria und dem Juden Azar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten Angehörige verschiedener Ethnien und Religionsgemeinschaften in der Region. Ähnlich wie knapp 100 Jahre später in Jugoslawien vor Ausbruch des Krieges lagen zwar Spannungen in der Luft, aber es herrschte ein Klima der gegenseitigen Akzeptanz.
Vor allem Hanna und Zakaria sind auf eine besondere Weise miteinander verbunden. Sie sind zusammen aufgewachsen, da die Eltern des Christen Hanna bei einem Massaker ums Leben kamen, als Hanna noch ein Kind war. Auf dieses Ereignis nimmt auch der Titel Bezug. Zakarias Familie nimmt das christliche Waisenkind bei sich auf.
Als Erwachsener begibt sich Hanna schließlich auf die Spur seiner Familie und stößt im Rahmen von Ausgrabungen auf die Reste einer christlichen Kirche, die noch vom Massaker zeugt, bei dem seine Angehörigen ums Leben kamen. Hanna lässt an der Stelle ein Kloster errichten, doch verklären will er sich nicht lassen: „Er wollte kein Heiliger werden. […] Stattdessen hatte er leidenschaftlich ein Leben gelebt, das voller Fehler und Dummheiten war.“

Opulentes orientalisches Erzählen

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Das Buch, das von den Jahren 1881 bis 1951 erzählt, allerdings nicht chronologisch, zeigt auf, von welchen Spannungsfeldern das Leben der Menschen in und um Aleppo geprägt war. Da ist zunächst mal das Spannungsfeld zwischen den Ethnien und Religionen, aber auch das zwischen Männern und Frauen. Während die Frauen nämlich ihre Jungfräulichkeit wie einen Schatz hüten, geben sich die Männer unbeschwert dem Vergnügen hin.

Khaled Khalifa hat einen überbordenden Roman verfasst, in dem das opulente orientalische Erzählen eine große Rolle spielt. Das ausufernde Figureninventar stellt fast durchgehend eine Überforderung dar, weshalb ich dringend empfehle, die vierseitige Auflistung der Figuren im Anhang gründlich zu studieren – am besten, bevor man mit der Lektüre überhaupt beginnt.
Wer sich nicht von der ausführlichen Erzählweise abschrecken lässt, wird hier ein spannendes Buch zur Geschichte einer Region finden, über die wir viel zu wenig wissen. ♦

Khaled Khalifa: Keiner betete an ihren Gräbern, Roman, aus dem Arabischen von Larissa Bender, 544 Seiten, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3498002046

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Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle (Roman)

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Reise nach innen

von Alexandra Lavizzari

Peter Stamm setzt mit dem neuen Roman „Das Archiv der Gefühle“ seine Reise nach innen fort und zeigt uns unterwegs auf seine einmalig luzide Art, wie dünn und brüchig die Trennwand zwischen Wirklickkeit, Sehnsucht und Erinnerung sein kann. Stamm lässt seinen Icherzähler, einen eigenbrötlerischen Archivar, immer wieder zwischen diesen Ebenen oszillieren und reiht dabei dessen Wunschdenken nahtlos an Fakten und die erinnerten, oft idyllischen Ereignisse der Vergangenheit an eine gegenwärtige, minutiös protokollierte Vereinsamung zu Zeiten eines bloß angedeuteten Lockdowns.

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle - Roman - S. Fischer VerlagSie heißt Frankziska, die große Jugendliebe des erzählenden Archivars, und sie hat sich, lange nachdem sie einander aus den Augen verloren haben, über die Jahre so tief in seine Gedanken und Gefühle eingenistet, dass er sie überall mit sich herumträgt, wo immer und mit wem er gerade ist. Meist aber ist er allein und führt, seit ihm gekündigt wurde, spazierend und im geerbten Elternhaus weiter vor sich hin archivierend ein freudloses und eintöniges Dasein.

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Aus Franziska ist inzwischen Fabienne der Chanson-Star geworden, und als solche tingelt sie durch die Schweiz und füllt die Klatschspalten der Boulevardpresse mit ihren Konzerten und Liebschaften. Der Ich-Erzähler verfolgt von seiner Klause aus ihre Karriere und quält sich dabei mit der Frage, warum das Leben sie hat auseinanderdriften lassen. Liebte sie ihn denn nicht? Haben sie einfach aus Unachtsamkeit aneinander vorbeigeliebt? Oder hatte es an ihm gelegen? „Vielleicht war ich deshalb so überwältigt gewesen von meinen Gefühlen für Franziska, die aus dem Körper zu kommen schienen, nicht aus dem Kopf. Weil ich sie nicht verstand… Das mag der Grund gewesen sein, weshalb ich alles tat, um nicht zum Opfer dieser Gefühle zu werden.“

Ein verpasstes Leben

Peter Stamm (2) - Glarean Magazin
„Ein leiser, aber literarisch wuchtiger Text“: Peter Stamm (*1963)

Über Jahre lebt der Einzelgänger einigermaßen zufrieden zwischen Fantasievorstellungen von der Geliebten und dem Lesen, Schnippeln, Kleben und Codieren von Zeitungsartikeln. Auch über Franziska/Fabienne führt er eine Akte, und somit weiß er zu jeder Zeit über ihr Leben Bescheid. Aber die gegenwärtige Fabienne interessiert ihn weniger als seine Jugendliebe Franziska, und entsprechend sind die schönsten Passagen dieser Beziehung, die keine ist, letztlich jene, in denen ihn die Franziska von damals in fast märchenhaft gezeichneten Szenen ins Wasser lockt und dann, kaum hat er sie berührt, wie eine unfassbare Nymphe entschlüpft.

Solange Franziska in seinem Kopf wohnt, kann der Archivar mit seinen Gefühlen umgehen und auch dem obsessiven Ordnen von Fakten einen Sinn abgewinnen. Als die Umstände plötzlich ein Wiedersehen ermöglichen und er Franziska nach einem Telefongespräch schließlich in ihrer Luxusvilla mit Pool und allem Drum und Dran besuchen kann, regen sich in ihm jedoch Zweifel: „Mein ganzes Leben kommt mir plötzlich elend vor, es scheint mir, als hätte ich gar nie wirklich gelebt, als hätte ich immer nur anderen beim Leben zugeschaut und gewartet, dass etwas geschieht. Und nichts geschah.“

Das Archiv

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Das Gerüst dieses eindrücklichen und tiefgründigen Textes bildet indessen nicht die Liebesgeschichte, sondern das Archiv. Zu Beginn ist sich der Ich-Erzähler noch über dessen Zweck sicher: Das Archiv ist ein Abbild der Welt und dazu da, um in ihr Ordnung zu schaffen. Das beruhigt ihn, wenn es ihm auch in Momenten der Verweiflung wie ein Verlies vorkommt, in das er sich selbst gesperrt hat.
Allmählich kommt er sich jedoch selbst auf die Schliche und erkennt, dass das Archiv eigentlich nur ein Abbild seiner eigenen Welt ist, die er selbst gestalten und nach Gutdünken verändern kann. Sodann beginnt er es zu vernachlässigen, und es entstehen Lücken, in denen er nach dem ersten Schrecken eine Art Befreiung wittert.

Am Schluss ist er soweit, den ganzen Papierberg zu entsorgen und aus der entstandenen Leere einen Neuanfang mit Franziska zu wagen. Eine ungewisse Zukunft erwartet das Paar, doch sie sind bereit, zusammen anzupacken, was vom Leben übrig bleibt. Auf den letzten Seiten des Romans betrachten sie die Schweizer Alpen im Morgengrauen, Franziska zählt die Gipfel auf: Den Tödi, das Schärhorn, der kleine Mythen – und beendet die Geschichte mit einem atemberaubend schönen Satz, für den allein es sich lohnt, sich diesen leisen und doch wuchtigen literarischen Text zu Gemüte zu führen. ♦

Peter Stamm: Das Archiv der Gefühle, Roman, 188 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3103974027

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Roman-Literatur auch über Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit

… sowie über die neuen Erzählungen von Tomas Gonzales: Die stachelige Schönheit der Welt

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit (Roman)

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Simenon und Glauser im Roman vereinigt

von Alexandra Lavizzari

In ihrem zweiten, ebenfalls im Limmat Verlag erschienenen Roman „Die schiere Wahrheit“ gewährt die Schaffhauser Autorin Ursula Hasler Einblick in die Schreibwerkstatt zweier grosser Krimischriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, deren Charakter und Lebensläufe unterschiedlicher nicht hätten sein können: Des Belgiers Georges Simenon, dessen mit leichter Feder hingeworfene Maigret-Romane ihm schon früh eine finanziell gut gepolsterte Existenz ermöglichte, und des glück- und ruhelosen Schweizers Friedrich Glauser, der sich, von Morphiumssucht geplagt, seine Studer-Romane unter schwersten psychologischen Bedingungen abringen musste.

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit - Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman - Limmat VerlagSie hätten einander im wahren Leben begegnen können, Georges Simenon und Friedrich Glauser, denn zufälligerweise weilten beide im Sommer 1937 unweit voneinander an der westfranzösischen Atlantikküste. Glauser war mit seinem Roman Matto regiert endlich der Durchbruch gelungen, und er hoffte, an der Seite von Berthe Bendel in einem kleinen Badeort südlich von Nantes seine inneren Dämonen bändigen zu können, um verschiedene literarische Projekte zu Ende zu führen.

Georges Simenon - Glarean Magazin
Vater der legendären Maigret-Romane: Georges Simenon (1903-1989)

Zur gleichen Zeit flüchtete sich Simenon mit seiner schwer depressiven Frau vom Pariser Trubel in die Nähe von La Rochelle, wo er sich nach den erfolgreichen Maigret-Romanen endlich der wahren Literatur zu widmen gedachte. Dieses zeitlichen und geografischen Zufalls hat sich Ursula Hasler in ihrem Roman bedient, um einen Krimi zu schreiben, der die literarischen Eigenheiten beider Autoren miteinander verknüft. Eine Fusion sozusagen, bloß dass Glausers Wachtmeister Studer nicht Simenons Maigret zur Seite steht, sondern eine alte Jungfer namens Amélie Morel, die sich Simenon spontan als Ersatz ausdenkt, weil er 1937 noch im Ernst glaubte, seinen populären Kommissar endgültig in den Ruhestand geschickt zu haben.

Prosa mit Helvetismen

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Buch-Autorin Ursula Hasler sagt es jedoch selbst: Die schiere Wahrheit ist eine Spielerei, als herkömmlicher Krimi nicht wirklich ernst zu nehmen. Und tatsächlich ist nicht so sehr der von Simenon und Glauser während ausgedehnten Strandspaziergängen erfundene Plot um einen am Strand tot aufgefundenen Amerikaschweizer interessant, sondern die Zwischenkapitel, in denen die beiden sich über ihr Schreiben, das Konzipieren von Kriminalfällen, ihre Figurenzeichnung und Evozierung bestimmter Milieus und Atmosphären unterhalten.
Man spürt, dass diesen fiktiven Gesprächen ausgedehnte Recherchen der Autorin zugrunde liegen. Hasler hat nicht nur Leben und Werk von Simenon und Glauser minutiös unter die Lupe genommen, sondern auch deren jeweiligen Schreibstil, den sie sich im eigenen Roman auch aneignet. So streut sie gern Helvetismen in ihre Prosa, wenn Glauser – oder Monsieur Glosère, wie Simenon seinen Kollegen nennt – an der Reihe ist, ein Kapitel des Kriminalfalls beizusteuern. Bisweilen klingen diese Helvetismen etwas forciert, aber während der Lektüre auf Wörter wie „Lismete“, „blutt“, „Chabis“, „z’Bern“ und dergleichen zu stoßen, ruft einen immerhin in Erinnerung, dass man es bei diesem in einem französischen Seebad angesiedelten Roman doch letztlich mit einem Schweizer Text zu tun hat.

Glausers exakt beobachtete „Sächeli“

Friedrich Glauser - Studer Manuskript und Schreibmaschine - Glarean Magazin
Friedrich Glausers „Studer“-Manuskript mit Schreibmaschine (Szenen-Foto aus dem Film „Glauser“)

Simenons und Glausers Postulat, wonach der Autor sich für die Erzeugung von Spannung nicht unbedingt eine verzwickte Handlung ausdenken muss, beherzigt die Autorin leider etwas zu wörtlich. Mitte des Romans lässt sie Glauser sagen: „Eine Handlung kann unglaublich langweilig sein, statisch möchte ich sagen, und eine Erzählung, in der schier nichts passiert, kann spannend sein und voll Dynamik. Nämlich mit exakt beobachteten Sächeli…“
Stimmt. Man denke an Proust Monumentalwerk, in dem über Seiten nichts passiert außer einem Lächeln oder dem von einer Frauenschulter Gleiten eines Schals. Prousts exakt beobachtete „Sächeli“ sind indessen nicht bloße Beschreibungen, sondern mit Erinnerungen, Assoziationen und Emotionen befrachtete Wahrnehmungen, die auf die momentane Befindlichkeit des Beobachtenden zurück reflektieren. In Haslers Prosa sind diese „Sächeli“, die eine Atmosphäre schaffen und die Eigenart der Figuren herauskristallisieren sollten, jedoch meist nur unnötiger Wortballast.

Klischierung von Figuren

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Die dermassen aufs bloße Beschreiben reduzierte Sprache führt bald einmal zur Klischierung der Figuren und Situationen. Vor allem die tüftelnde Amélie Morel verkommt dabei zur blassen französischen Karikatur von Agatha Christie’s Miss Marple. Dass sie eine alte Jungfer ist, wird einen bei jeder Gelegenheit – und ausführlichst – in Erinnerung gerufen, so auch, dass Glauser arm und Simenon reich ist. Aber auch die Prosa selbst ist bis auf den flotten und einladenden Anfang oft überladen und zeitigt bisweilen arg missglückte Stilblüten: „…der zierliche Korbsessel knackte entsetzt und entsetzlich…“ oder: „An ihrem Tisch hockte bockig das Schweigen…“
Was nach der Lektüre dieses Romans bleibt, ist eine Mischung von Ärger und Enttäuschung. Die grundlegende Idee mitsamt überraschendem Schluss à la Pirandello ist brillant und der Schauplatz – Strand, Dünen, Seebad – mit sichtlicher Liebe evoziert, aber eine halbierte Seitenzahl hätte es auch getan, sowohl der Zeit und Geduld des Lesers als auch den beiden hervorragenden Krimiautoren zuliebe, die Hasler hier zum Leben erwecken wollte. ♦

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit – Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman, Roman, Limmat Verlag, 342 Seiten, ISBN 978-3-03926-020-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schweizer Krimi auch über Thomas Brändle: Das Geheimnis von Montreux

Edgar Rai: Ascona – Romanbiographie über E. M. Remarque

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Elend und Zuflucht im Schweizer Exil

von Christian Busch

In seinem neuen biographischen Roman „Ascona“ schildert Edgar Rai sechs Jahre aus dem Exilleben des deutschen Bestsellerautors E. M. Remarque – und seinen Kampf mit den äußeren und inneren Dämonen seiner Zeit.

Edgar Rai: Ascona (Roman-Biographie über E.M. Remarque) - Piper VerlagEs ist der Abend des 18. März 1939. Die Queen Mary steht am Hafen von Cherbourg – bereit zur Überfahrt nach New York. Als sie ablegt, sind 6’000 Passagiere an Bord des Luxuskreuzers, der für 2000 Menschen ausgelegt ist – alle auf der Flucht vor der drohenden, braunen Schlammlawine, die sich anschickt, Europa und die ganze Welt zu überrollen.
Vor ihnen liegt eine ungewisse, ferne Zukunft in Amerika. Als einer der letzten Schiffsgäste erreicht ein Mann das Schiff, der in einem stotternden Lancia über 1000 Kilometer aus dem Schweizer Exil Ascona zurückgelegt hat: Erich Maria Remarque, ein überzeugter Pazifist, der Autor des Welterfolgs und Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“, die Stimme der „verlorenen Generation“, die „vom Krieg zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam“. Sechs Jahre zuvor hatte er nach Hitlers Machtergreifung Berlin und seine jüdische Exfrau bei Nacht und Nebel zurücklassen müssen.

Ascona – Zufluchtsstätte für Künstler im Exil

Erich Maria Remarque - Roman-Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Weltberühmter Autor des Antikriegs-Romanes Im Westen nichts Neues: Erich Maria Remarque (1898-1970)

Edgar Rai, der – vom Film kommend, nach Abstechern in verschiedenen literarischen Gattungen – zuletzt sehr erfolgreich im Genre des biographischen Romans heimisch geworden ist, hat sich (nach seiner jüngsten Darstellung der deutschen Befindlichkeit in den 20er Jahren und der Filmwelt um Marlene Dietrich) nun auf die Spuren von Erich Maria Remarque begeben.
In seinem Roman „Ascona“ erweckt er die sechs Jahre, die der angefochtene Exilschriftsteller in seiner Villa am Laggio Maggiore verbracht hat, zum Leben. Er erzählt in vierzig locker verknüpften Kapiteln zunächst von der illustren, aber auch leicht skurrilen Exilgemeinde, zu der emigrierte Künstler (Emil Ludwig, Else Lasker-Schüler, Ernst Toller, la Nonna), aber auch um die Kunst buhlende Industrielle gehören (Max Emden, Eduard von der Heydt). Man trifft sich im Café Verbano, wo man sich von der attraktiven Fede verzaubern lässt – Schmelztiegel einer brüchigen Welt mit ungewisser Zukunft. Auch Remarque gehört zu diesen heimatlosen, entwurzelten Künstlerseelen. Alle kämpfen um ihre Existenz, aber auch um ihren Stolz.

Erlösung durch die Liebe

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Doch dann widmet sich der Erzähler mehr und mehr dem unsteten, ausschweifenden Liebesleben Remarques, jedoch nicht aus Neu- oder Sensationsgier, sondern weil der Liebe nicht nur in dessen Romanen, sondern auch in dessen Leben Erlösungsfunktion zukommt. Immer wieder muss Remarque bei den Begegnungen mit Emil Ludwig von dessen Produktivität hören, während er – von Selbstzweifeln durchdrungen – jahrelang um die Umgestaltung seines Romans „Pat“ (später „Three Comrades“ / Drei Kameraden) ringt.
Remarque bleibt – im Werk wie im Leben – ein von seinen Kriegserlebnissen traumatisierter, beziehungsunfähiger Einzelgänger, der sich nicht öffnen kann.
Auf rauschende Feste und sexuelle Eskapaden folgen Phasen der Ernüchterung und Impotenz. Schließlich begegnet er in Venedig Marlene Dietrich, die er in ihrer selbstzerstörerischen Affäre „das Puma“ nennt und ihr und ihrem Clan doch in aller Ausweglosigkeit zunächst nach Paris, dann sogar nach Amerika folgt. „Wenn ich danach Ihre Lesbienne sein darf“, sagt er zu ihr.

Sorgfältig recherchierte Episoden

Edgar Rai - Schriftsteller - Glarean Magazin
Romancier Edgar Rai (hier bei einer nächtlichen Lesung in Aachen)

Zweifellos ist Edgar Rai hier in seinem Element, er hat ausführlich recherchiert und es gelingt ihm, in seiner filmszenisch und episodenhaft orientierten Darstellung dieser Zeit und vor allem dem nicht leicht zugänglichen Literaten Leben einzuhauchen, ohne zu überzeichnen oder allzu sehr zu psychologisieren. Rai hat ein sicheres Gespür für die Auslegung und Grenzen seiner Quellen. Er heftet sich seiner Figur aufmerksam, dicht und doch diskret an die Fersen, ohne ihr zu nahe zu treten. Lediglich die angedeutete Parallele zwischen Jutta und Remarques Protagonistin Pat kann nicht überzeugen und ist misslungen – zu unterschiedlich sind die beiden Charaktere.
Auch stockt im Mittelteil die Handlung etwas. Manche Kapitel wirken seifenopernartig, durch vage Paukenschläge miteinander verknüpft. Fulminant dagegen der letzte Teil mit einer intensiven Darstellung der „Liaison dangereuse“ zwischen der voller Allüren und Egozentrik steckenden gefeierten Film-Diva und dem von Selbstzweifel gebeutelten und dem Alkohol allzu sehr verbundenen Schriftsteller. Der Leser spürt: Hier ist nichts ausgebreitet, nichts erfunden, sondern alles wahr.

Kurzweilige Roman-Biographie

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Damit gelingt dem in Berlin lebenden Autor Rai sogar das, was auch Remarques Antriebsfeder war: Ein Sittengemälde seiner Zeit und das Porträt eines tragischen Helden. Auch wenn Wilhelm von Sternburgs großartige Remarque-Biographie umfassend, sehr erhellend und verdienstvoll geraten ist, bietet Rais Romanbiographie eine verdichtete, lebendigere und kurzweiligere Alternative. Auch sein Roman ist ein erschütterndes Dokument deutscher Vor- und Nachkriegsgeschichte – und eines Romanhelden, der den ersten Weltkrieg erlebte und den zweiten dennoch nicht verhindern konnte. Dessen Leiden an dieser Zeit erscheint uns lebendiger denn je. ♦

Edgar Rai: Ascona (Roman-Biographie über E.M. Remarque), Piper Verlag, ISBN 978-3492-070683

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R.

Außerdem zum Thema Roman-Biographie: Klaas Huizing: Zu dritt – Karl Barth

Weitere Internet-Beiträge über E.M. Remarque:

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Dechiffrierende Stenogramme

von Walter Eigenmann

Der Karlsruher Schriftsteller Rainer Wedler legt mit „Die Versuche des Rudolph Anton R.“ einen neuen Prosa-Band vor. Auf 176 Buchseiten breitet Wedler eine Fülle von grotesken bis absurden, oft aberwitzigen, doch auch zärtlichen, teils analytischen, dann wieder erotischen Stenogrammen aus. Entstanden ist eine kaleidoskopische Dechiffrierung des Innen- und Außenlebens eines jungen Schriftstellers – Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

„Erzählst du mir eine Geschichte?
Sie rollt sich neben mich und trommelt auf meinen Bauch, der ein kümmerlicher Schallkörper ist.
Aus meinem Leben oder fiktiv?
Kann man das trennen?
Nein.
Was aber soll ich erzählen, ohne zu langweilen?“ (S. 96)

Rainer Wedler: Die Versuche des Rudolph Anton R. (Roman), Pop-VerlagInhaltliche Stränge (oder Strenge), Figuren-Entwicklungen, Literarische Bekenntnisse, Politisches Kalkül, Sozial-Analyse, Exquisite Schauplätze, Knatternde Sprache, Vielfalt der Szenarien, oder auch nur unterhaltsames Erzählen, verbunden mit ordentlich Sex&Crime – solcherlei „gewöhnliche“ Prosa-Ingredienzien mag für „gewöhnliche Literatur“ ausreichen, um breit goutiert, also erfolgreich zu sein.
Bei dem 79-jährigen Autor Rainer Wedler findet sich, nach zahlreichen Roman-, Kurzprosa- und Lyrik-Büchern, inzwischen nichts mehr davon. „Die Versuche des Rudolph Anton R.“, der neueste Wedler, erscheint jenen, welche die Entwicklung dieses produktiven Dichters verfolgt haben, vielmehr als regelrechtes Alterswerk. Verknappt, verdichtet auf viele heterogene Psycho-Stenogramme, legiert in zahllose kleinere, teils nur ein paar Zeilen lange Abschnitte, und eingedampft mittels Kurz-Sätzen mit kaum Kommata und vielen Punkten – so schlingert sich das Leben des Protagonisten R. A. Ringelretz durch dessen Reflexionen, die nie erklären, sondern immer nur konstatieren. Und gerade dadurch erhellen.

Autopsie eines Schriftstellerlebens

Rainer Wedler - Schriftsteller - Glarean Magazin
Rainer Wedler (geb. 1942)

Wedlers Prosa – ich tue mich schwer, diese „Versuche“ Roman zu nennen – ist von einer derart gereiften, eloquenten, fokussierten Qualität, dass man schier schon gefesselt ist allein vom sprachlichen, weniger vom inhaltlichen Geschehen: „Stille. Heiliggeist schlägt zehn Mal, das dauert. Stille. Die dauert.“ In diesem Buch passiert ständig etwas – aber kaum je etwas Erwartetes. Und ob all das Unerwartete eine innere Kohärenz hat, könnte allein eine ausgedehnte Binnenanalyse aufzeigen.
„Die Versuche des Rudolph Anton R.“ ist ein einziges, man muss es so banal ausdrücken: Lesevergnügen. Keine Belehrung, keine Durchleuchtung, keine Analyse. Allenfalls die Autopsie eines Schriftstellerlebens, das sich abspielt in „Phantasmagorien, die über mich kommen und mich spalten“. Wie gesagt: Autobiographisches nicht ganz ausgeschlossen…

Das Wedlersche Schreiben, sein exaltiertes Assozieren und Illustrieren, sein sprunghaft-ungezähmtes Verbinden entlegendst-heterogener Denk- und Gefühlsinhalte wird nicht jede Leserschicht vorbehaltlos entzücken. Das Vergnügen an dieser Literatur ist direkt proportional der Fähigkeit, sich dem Sog einer geradezu sezierenden Sprache auszuliefern.

Eines der vielen Sprachspiele – alias erotisches Geplänkel – in diesem „Roman“ geht so:

„Ich weiß es und ich weiß, dass sie es weiß. Mit der Sprache kommen wir nicht weiter. Die Zeit zerdehnen kann sie zerreißen.
Das Spiel beginnt.
Sie zieht ihr T-Shirt über den Kopf, die Haare verwirren sich, ich reiße mein Hemd auf, dass die Knöpfe nur so springen, werfe es ihr über den Kopf, sie schüttelt es weg, ihre Bällchen hüpfen.
Nach einer halben Stunde steht es eins zu eins.“

Virtuos und phantasievoll

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Rainer Wedlers extrem wortschatzreiches, dabei mit durchaus Situationskomik durchzogenes, auch regelmäßig mit zynischem Schmunzeln hinter vorgehaltener Hand angereichertes Buch, wie es virtuos und phantasievoll, aber auch mit viel distanzierter Kälte die Irrungen und Wirrungen eines vom Leben (und den Frauen) überraschten Literaten zelebriert, wird so manchen Leser verständnislos zurücklassen. Es sei denn, er vermag auf einer Meta-Ebene mitzulesen. Dort wo die Sprache selber zum Ereignis wird.

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Man wird auf dem modernen Literaturmarkt nur wenige Bücher finden, die so künstlerisch und zugleich so verantwortungsvoll und so präzis mit dem Wort umgehen wie diese „Versuche des Rudolph Anton R.“. Hier fährt einer die Ernte eines jahrzehntelangen, geduldigen, sorgfältigen, auch exzessiven Umgangs mit dem Ausdrucksmittel Sprache ein. Nirgends schiefe Bilder, nie ein richtiges Wort am falschen Ort, keine lustig-flachen Sätze. Jeder Buchstabe sitzt und klingt. Noch nicht mal lautmalerische Holprigkeiten, geschweige denn semantisches Langweilen mittels Wiederholungen oder Betonungen oder Insistierungen. Wedler schreibt üppig – aber nichts ist überflüssig. Sorgfalt in jedem Satz, schätzungsweise nach einem sehr langen Entstehungsprozess.
Die kreative Sprunghaftigkeit dieses „Romans“ über den Schriftsteller Rudolph Anton Ringelretz hat tatsächlich etwas von Ringelnatz an und in sich. Doch die schwerelose Virtuosität und der Assoziationsreichtum dieser Sprache macht sie zu einem singulären Erlebnis über jeden absurden Witz hinaus.
Ja: Ein Lesevergnügen. Und: Am Ende des Buches ist man nicht schlauer. Aber klüger. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Moderne Romane auch über Klaus Modick: Fahrtwind

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller)

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„… überall ein wenig fremd, nicht nur in Amerika“ (S. 291)

In Amerika ist „alles besser“?

von Isabelle Klein

Mit „Wo der Wolf lauert“ liefert die Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen ein Buch mit Mehrwert, voller Denkanstöße und psychologischer Raffinesse. Der Thriller kommt nur langsam in Fahrt, dafür aber umso nachdrücklicher. Zugleich wird das feine Psychogramm einer Mutter nachgezeichnet, die nicht loslassen kann und für alles Bewältigungsstrategien braucht. Ihre Probleme reichen weit zurück – auch im gelobten Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“. Und sie verschwinden trotz Privilegien wie viel Geld und viel Zeit nicht…

Eines ist sicher: In Gundar-Goshens neuem Roman wird uns, leise und sehr eindringlich, fast wie in Watte gepackt (passend zu dem sehr gelungenen, in „Art Deco“ gehaltenen Buch-Cover) die Problematik der Familie Schuster, bestehend aus Mutter Lilach, Vater Michael und dem pubertierenden Sohn Adam, verdeutlicht. Heimatlos und doch verbunden, geflohen vor omnipräsenter Gewalt in Israel – und nun in der gleichförmig-oberflächlichen Freundlichkeit (oder besser: Verlogenheit) des American Way of Life eingebunden.

Die alltäglich-belanglose Leere

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert, Roman, Kein & Aber VerlagUnd so sind aus den Emigrierten schnell die amerikanisierten Lila’s geworden: Michael und Adam (der sich weigert, in der Öffentlichkeit Hebräisch zu sprechen). In Palo Alto leben sie den Californian Dream des Silicon Valley, als das ruhige Idyll durch den Anschlag auf die dortige Synagoge, bei dem ein junges Mädchen stirbt, aus der Bahn geworfen wird.
In vielen alltäglichen, vermeintlich belanglosen Details offenbart sich die Leere und die Traurigkeit, ja die perfektionistische Getriebenheit, die Lila einfängt und nicht mehr loslässt. Auch die Ängste sind omnipräsent: Die Angst, allein zu sein; Angst, nicht alles richtig zu machen; Die Angst, Ziel eines erneuten Anschlags zu werden, Angst; und die Angst um das einzige (in Watte gepackte) Kind.

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Rettung naht in Form von Uri, einem Waffenbruder Michaels, der den Sohn Adam in der alten Kampfkunst Kravat, einer Art martialischem Survivaltraining, unterweisen soll. Und so nimmt ein Geschehen an Fahrt auf, das eine Kette von erschütternden Ereignissen auslöst. Beginnend mit dem Tod Jamals, eines Mitschülers Adams; Lilach ist gezwungen, ihre heile Watte-Welt zu überdenken und ihren Sohn wirklich kennenzulernen; weg vom gelangweilten, nach Perfektionismus strebenden Hausfrauendasein, mit gemeinnütziger Arbeit im Altenheim.
Damit wird Trainer Uri, Adams neues Idol, unverzichtbarer Bestandteil des Schusterschen Lebens, mit weitreichenden Folgen.

Psychologisch stimmig unterbaut

Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen - Glarean Magazin
„Wunderbar metaphernreiche Sprachwelt“: Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen

Während Mainstream-Thriller häufig an Action, rasanten Turns und Twists, Brutalität und einem Zuviel von allem (außer von Substanz) kranken, kreiert Gundar-Goshen ein psychologisch unterbautes, stimmiges und nicht überladenes Grundgerüst, das nicht nur atmosphärisch dicht ist und von Rückblenden lebt, die nach und nach Lilas Probleme offenbaren, sondern auch einen unauslotbaren Fortgang des Geschehens bereitstellt. Kein Wunder, dass dabei alle Figuren aus dem Vollen schöpfen: Autorin Ayelet Gundar-Goshen ist studierte Psychologin. Hinzu kommt ihr Studium von Film und Drehbuch, frühere Werke wurden auch bereits verfilmt. So liest sich auch dieser Roman wie ein Skript: Langsam, leise, eindrücklich sieht man die Orte vor dem inneren Auge entstehen, ahnt, wie stimmungsvoll der Film sein wird.

Wider den American Way of Life

The American Way of Life - Glarean Magazin
Der „American Way of Life“ in den 1940er Jahren

„Wo der Wolf lauert“, und das tut er an vielen Stellen, ist ein Werk voller Konflikte, die, tief verdeckt, nach und nach emporschweben: Konflikte der Gewalt, der Herkunft/Staatsangehörigkeit, der Religion. Und ebenso ist das Buch voll von Dichotomien wie beispielsweise Heimatland/Herkunftsland oder Opfer/Täter. Dabei verschwimmen Grenzen und werden Lebenswirklichkeiten eingefangen, ohne konstruiert zu wirken. Weit und doch eng – die Enge der prüden und oberflächlichen US-Gesellschaft bzw. des American Way of Life, in dem alles wunderbar und toll sei. Frei/gefangen: Frei durch die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, gefangen in der prüden Enge der Gesellschaft.

Alles ist möglich

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Und so zwiegespalten alle in diesem Buch sind, so herrlich offen arbeitet die Autorin mit Motiven, Schuldzuweisungen und Folgen. Klar ist, dass alles und zugleich nichts in Stein gemeißelt ist. Alles ist möglich, vieles wird offengelassen, ein einfaches Ja oder Nein wird sie uns auch am Ende nicht geben.
So verweilt man gerne mit dem Buch in der Hand. Taucht in den Kokon einer ruhigen, privilegierten Welt der gelangweilten und ängstlichen Lila ein – und in die schnörkellose, wunderbar metaphernreiche Sprachwelt der Autorin, die voller komplexer Sachverhalte und Figuren ist. Alles in allem ein literarisches Kleinod für jeden, der die Hast und Wucht des Mainstreams satt hat und sich einzulassen vermag auf jede Menge Abgründe und unauslotbare Realitäten. Last but not least ist der Roman auch eine nette kleine Demontage des American Way of Life… ♦

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Roman/Thriller) – 344 Seiten, Kein & Aber Verlag, ISBN 978-3-0369-5849-1

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Psychologie auch über Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman)

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Modernisiertes Italien-Fernweh

von Christian Busch

Klaus Modicks neuer Roman „Fahrtwind“ ist eine romantische Reiserzählung und eine Reminiszenz an Eichendorffs berühmte „Taugenichts„-Novelle, die das Italien-Reisefernweh in die Siebziger Jahre transponiert, in des Autors eigene Studienzeit.

Klaus Modick: Fahrtwind, Roman, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2021„Wem Gott will rechte Gunst erweisen / Den schickt er in die weite Welt. / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Wald und Strom und Feld!“ Mit diesen Zeilen stürzte sich vor ungefähr 200 Jahren Joseph Freiherr von Eichendorffs berühmter, längst zur literarischen Legende und zum Sinnbild deutsch-romantischer Italien-Sehnsucht gewordener Taugenichts in sein Reiseabenteuer, das ihn über Wien bis nach Rom und in die Arme seiner Geliebten führt.
Wer kennt nicht die zum Paradigma romantisierter Reiselust stilisierte Einleitung der Künstlernovelle, in welcher der gestrenge Vater seinen faulenzenden, musikverliebten Herrn Sohn und Müßiggänger in die Welt hinausschickt:
„Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.“ – „‚Nun“, sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.‘ Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen…'“.

Folie für eine Modernisierung

Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff
Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff

In Klaus Modicks neuem Roman „Fahrtwind“, der bereits zum „Spiegel“-Bestseller avanciert ist, dient nun, wie der Autor bereits im Vorwort freimütig bekennt, Eichendorffs Erzählung als Folie für eine Modernisierung. Modick verlegt seine Geschichte in die Siebziger Jahre, seine eigene Studentenzeit – und scheint seine Jugend nachholen zu wollen. Er ist nun ein auf den sinnigen Namen Müller getaufter Studiosus vagabundicus, der kurz nach dem Abitur sorg- und ziellos aufbricht, um dem geregelten, bürgerlichen Leben der Spießer und Philister zu entkommen („Die Trägen, die zu Hause liegen / Erquicket nicht das Morgenrot / Sie wissen nur vom Kinderwiegen / Von Sorgen, Last und Not um Brot“).
Aus der Mühle wird der Klempnerbetrieb, aus der Geige die Gitarre, aus der Wanderschaft eine Tramptour, aus der Kutsche der beiden vornehmen Damen ein „Mercedes Roadster 107“, aus dem Schloss bei Wien ein Schlosshotel und aus den beiden fremden Wanderern zwei homophile, vermeintlich mit Drogen dealende Easy-Rider-Cyclisten – und so weiter. Stilsicher werden – mit einer Prise narkotisch wirkender Pilze und anderer Gräser angereichert – Kulissen und Reliquien ausgetauscht. Deren Flair erschließt sich weiter durch die Popsongs, die als Motti über den Kapiteln stehen, und durch die gelegentliche Erwähnung von RAF und Roten Brigaden. Tiefgehender und sozialkritischer war das bei Eichendorff auch nicht.

Stimmung, Rhythmus und schwebende Leichtigkeit

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Auch wenn der Ich-Erzähler bei seinen eigenen Dichtungen an seine Grenzen stößt, wird absolut flott fabuliert. Fast scheint es so, als habe er Eichendorffs Originaltext durch eine moderne Übersetzungsmaschine gejagt, die alles transponiert, ohne Stimmung, Rhythmus und die schwebende Leichtigkeit zu verlieren. Mit ebenso leichtfüßigem Charme und schwindelerregender Verspieltheit entstehen toskanische Gartenlandschaften und die von Zypressen und Olivenhainen gesäumten arkadischen Sehnsuchtsorte der romantischen Seele.

Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)
Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)

Das ist wirklich verblüffend und wäre ein spannendes Thema für eine germanistische Seminar-Arbeit, denn auch die Zeichnung des überwiegend eins zu eins übernommenen Figuren-Inventars gelingt in ihrer naiven, aber direkten und pointierten Art – auch unter gänzlicher Wahrung der romantischen Ironie. Und doch dürfte den Leser Klaus Modicks gekonnte Hommage und Reminiszenz an Eichendorffs Künstlerepisode nur halb zufriedenstellen. Denn bei aller Vergnüglichkeit bleibt die Geschichte doch allzu sehr eine schablonenhafte Imitation – ohne, dass Reise-, Lebens- und Liebesmotive irgendeine Aktualisierung, Vertiefung oder Erweiterung erfahren.

So beschert „Fahrtwind“ zweifellos ein beträchtliches Lesevergnügen und nicht nur in Corona-Zeiten ein sinnliches Italien-Erlebnis, hinterlässt bei dem literarisch ambitionierteren Leser, vielleicht auch bei dem genauen Kenner der Eichendorff’schen Vorlage jedoch auch eine gewisse Ratlosigkeit darüber, dass nach 200 Jahren am Ende einfach „alles, alles gut“ ist. Aber lesen Sie selbst, denn lesenswert ist der neue Modick allemal! ♦

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman), 208 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978 3462001303

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literarische Romantik auch über den Roman von Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams (Roman)

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Der Mensch, die traurige Maschine

von Alexandra Lavizzari

Der Schweizer Schriftstellerin und Dramatikerin Martina Clavadetscher ist mit „Die Erfindung des Ungehorsams“ eine literarisch beeindruckende Dystopie gelungen, deren formale Struktur auf wunderbare Weise den Inhalt widerspiegelt und ihm Akzente setzt. Wie schon bei ihrem Erstling „Knochenlieder“ lohnt es sich, den Roman gleich zweimal hintereinander zu lesen, oder, in diesem Fall zumindest, nochmals den ersten mit „I.“ überzeichneten Teil, der sich erst im Zusammenhang mit dem letzten Teil in seiner ganzen Schauderhaftigkeit erschließen wird.

Die Autorin Martina Clavadetscher macht dem Leser den Einstieg in ihre düstere Zukunftswelt nicht leicht, und man mag zu Beginn vielleicht vor lauter Rätsel über die virtuose Sprache hinweglesen, weil man sich allzu schnell im Text orientieren möchte.
Wer ist Iris, die mit Eric in einem Appartement in Manhattan lebt und den beiden geladenen Frauen Godwin und Wollestone ihre Geschichte heute unbedingt bis zum Kern erzählen will? Wer ist Ada, von der sie erzählt? Und wer sind ihre Schwestern, „all die Frauen da draußen, die wie Zeitbomben ihr Leben leben“?

Die Erfindung des Ungehorsams - Martina Clavadetscher - Roman - UnionsverlagDie Namen der Gäste liefern immerhin einen ersten Hinweis – Mary Shelleys Vater hieß Godwin und ihre Mutter Wollestonecraft. Mary Shelley, die im Sommer 1816 am Genfer See „Frankenstein“ zu schreiben begann, liefert denn auch eines der beiden Mottos von Clavadetschers Roman: “Ich habe es gefunden. Was mich entsetzt hat, wird andere entsetzen.“
Es, der künstliche Mensch und die mit dessen Erschaffung aufkommenden ethischen Fragen bilden, wie sich bald herausstellt, den Kern dieses komplexen Textes, um den Plot und Sprache in einer sich gegenseitig beleuchtenden Wechselseitigkeit kreisen.

Körperwelten

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Auf Iris in Manhattan folgt im zweiten Teil die Geschichte von Ling in der chinesischen Metropole Shenzhen, einer jungen, leicht autistischen Halbschwester von Iris, die in einer Sexpuppenfabrik arbeitet. Nach Arbeitsschluss trifft sie sich mit ihrer Adoptivgrossmutter Zea zum Ritual in der Pagode und isst Abend für Abend in derselben Imbissbude, bevor sie sich zu Hause den Film „Paradise Express“ zu Gemüte führt. Ihre Arbeit in der Fabrik besteht in der Messung und Prüfung der frisch gegossenen Silikonkörper; „ungewollte Überbleibsel der Gussgeburt“ werden weggebrannt und versiegelt, bis makellose Leiber daliegen und ihnen die Köpfe angeschraubt werden können. Spätestens bei diesen minutiösen Beschreibungen hat uns die Autorin in ihren Bann gezogen und tastet man sich mit zunehmender Faszination – aber auch Beunruhigung – durch das subtile Vexierspiel mit lebenden und leblosen Körpern.

Zeitreise ins viktorianische England

Geniale Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)
Mathematik-Genie und Pionierin der Informatik: Ada Lovelace (1815-1852)

Zur Entwirrung der verschiedenen Erzählstränge trägt im dritten Teil eine Zeitreise ins viktorianische England bei. Clavadetscher lässt eine Sexpuppe, die Ling aus der Fabrik entwendet hat und als Gefährtin sozusagen adoptiert, die Biografie von Ada Lovelace erzählen, der legitimen Tochter Lord Byrons und Pionierin der modernen Informatik. Mit dieser interessanten Forscherin hat sich Clavadetscher schon in ihrem 2019 in Leipzig uraufgeführten Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ befasst. Ada Lovelace ist ihr offenbar ein Anliegen.

Prosastück im Roman

Bei der Lektüre dieses dritten Romanteils kann man sich des Eindrucks denn nicht ganz erwehren, dass es sich um ein ursprünglich eigenständiges Prosastück handelt, das die Autorin dann mit neuen, in der Gegenwart spielenden Kapiteln zu einem Roman erweitert hat. Ada Lovelaces Biografie steht nämlich abgerundet und in sich geschlossen da. Wir erfahren alle wesentlichen Fakten und Etappen ihres Lebens von den Mädchenträumen bis zum frühen Krebstod, wo die Beschränkung auf Forschung und kühnen Zukunftsvisionen dem Bruchstückhaften der andern Frauenleben in den Rahmenkapiteln vielleicht besser entsprochen und so dem Roman eine überzeugendere Einheit verliehen hätte.

Ada Lovelace

Differenzmaschine von Ada Lovelace' Freund Charles Babbage - Glarean Magazin
Differenzmaschine von Ada Lovelace‘ Freund Charles Babbage

Seit Kindheit von Maschinen jeglicher Art fasziniert, wollte die mathematisch hochbegabte Ada mit zwölf Jahren eine Flugmaschine erfinden, doch erst fünf Jahre später erlaubte ihr die Begegnung und Freundschaft mit dem Mathematiker Charles Babbage, ihr Zahlenwissen mit der Zukunftsvision vom Potenzial einer „analytischen Maschine“ zu verbinden und darüber zu schreiben. Babbage arbeitete gerade an einer „Differenzmaschine“ und bat Ada, einen französischen Artikel darüber ins Englische zu übersetzen. Eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten war Frauen damals verwehrt, aber Ada ließ sich nicht abschrecken, sondern ergriff die Gelegenheit, ihre eigenen Gedanken zum Übersetzten beizusteuern.
Es entstanden acht „Notizen“, dreifach so lang wie der Artikel selbst, aus denen ersichtlich wird, dass Ada weit über die blossen numerischen Möglichkeiten der Maschine hinaussah. Die Maschine könnte Musiknoten produzieren, argumentierte sie, auch Buchstaben und Bilder, warum nicht? Und weiter: Die Maschine könnte sprechen! Der Schritt zur selbstständig denkenden und handelnden Maschine, also zu Frankensteins Kreatur, wie sie sich Mary Shelley ausgedacht hat, ist theoretisch denn nur noch ein winziger.

Kernfrage Herkunft

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Womit wir wieder bei der erzählenden Sexpuppe sind und schließlich im letzten Kapitel zurück bei Iris in Manhattan landen, die… Doch nein, es werde hier nicht verraten, welche Bewandtnis es mit ihr hat. Bloß sei hingewiesen, dass der Text als Ganzes wie eine Zwiebel angelegt ist – „Hülle über Hülle über Hülle über Kern“, und dass diese Struktur auch Clavadetschers Kernthema illustriert: die Frage der Einmaligkeit des lebenden Körpers im Gegensatz zum identisch wiederholbaren des künstlichen.
Nicht nur die Sexpuppen in der chinesischen Fabrik können ad infinitum aus derselben Gussform kreiiert werden, wird uns gezeigt, sondern auch der Mensch hat seine eigene Gussform, eine biologische Herkunft, die er als Urbild mit sich herumträgt und weitergibt. Jeder Mensch ist ein neues eigenständiges Wesen, eine neue Hülle sozusagen, aber zugleich auch nur das provisorische Endglied in der Kette des sich ständig wiederholenden unzähmbaren Lebens.

Spiegelungen über Raum und Zeit

Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher
Sprachgewaltig: Autorin Martina Clavadetscher

Diese Wiederholbarkeit wird im Roman geschickt durch Bild- und Situationsspiegelungen über Raum und Zeit dargelegt und steuert letztlich auf den verstörenden Zweifel zu, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen künstlichen und menschlichen Wesen gibt. Und dieser Zweifel führt seinerseits zur Frage, was das für eine Welt wäre – oder ist -, in der identische Wesen kein Gefühl der eigenen Identität entwickeln können, weil sie in der Gegenwart des Andern doch nur ins eigene Gesicht blicken.
Ja, was wäre – oder ist – das für eine Welt? Wer eine Antwort sucht, der lasse sich von Martina Clavadetschers Sprachgewalt mitreissen und gehörig überraschen. ♦

Martina Clavadetscher: Die Erfindung des Ungehorsams, Roman, 288 Seiten, Unionsverlag, ISBN 978-3-293-00565-5


Alexandra Lavizzari - Glarean MagazinAlexandra Lavizzari

Geb. 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft, Verschiedene belletristische, kunstgeschichtliche, übersetzerische und literaturkritische Publikationen in Büchern und Zeitungen, lebt als Autorin und Malerin in Somerset/GB


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… sowie zum Thema Schweizer Autorinnen über Isabelle Stamm: Schonzeit (Roman)

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Unverwüstlicher angelsächsischer Optimismus

von Bernd Giehl

Der Bestsellerautor Matt Haig hat ein neues Buch in Deutschland veröffentlicht. Bisher hat Haig, 1975 in Sheffield/England geboren, 11 Bücher in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht. „Die Mitternachtsbibliothek“ (The Midnight Library) ist sein zwölftes.
Viele seiner Romane sind im Raum der Phantastik angesiedelt. Haig bekennt sich zu seiner Diagnose „Depression“. Dass er die Krankheit kennt, spürt man in der „Mitternachtsbibliothek“.

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, Droemer VerlagAls ich anfing, das Buch zu lesen, wunderte ich mich bald. Es war die Sprache. Mehr wusste ich nicht. Aber ich las nur ein paar Seiten. Mein eigener Roman, an dem ich gerade schrieb, brauchte all meine Aufmerksamkeit.
Als ich nach ein paar Tagen weiterlas, kam die Verwunderung wieder. Eigentlich war sie tief abgesunken. Ich hatte schließlich zu tun; Sie erinnern sich. Ein langes Kapitel meines Romans hatte von Leben und Tod gehandelt, und ums Leben oder Sterben dreht es sich auch in der Mitternachtsbibliothek“. Nur dass die Heldin „freiwillig“ in den Tod geht, weil ihr Leben von einem „Schwarzen Loch“ angezogen wird. Falls es denn so etwas wie „Freiwillig in den Tod gehen“ gibt.

Den Pflegekräften im Gesundheitswesen gewidmet

Haigs Roman ist ein Zitat von Sylvia Plath vorangestellt, der amerikanischen Dichterin und Ehefrau von Ted Hughes, die vor allem durch ihr kurzes Leben voller Unglück und ihren anschließenden „Freitod“ berühmt geworden ist. Ihre Lyrik ist kompliziert. Ted Hughes hat ihr einen wunderbaren Gedichtband gewidmet: „Birthday Letter“. Wer ein solches Zitat voranstellt, stellt sich einem hohen Anspruch.
Außerdem gibt es auch noch eine Widmung „Für alle Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Und für die Pflegekräfte. Danke.“ Das klingt anders. Sehr anders. Hat das etwas mit dem Roman zu tun?

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Aber das nur am Rand. Zunächst sieht es ja auch ganz danach aus, als könne der Autor den Anspruch des Plath-Zitats erfüllen. „Neunzehn Jahre, bevor sie starb, saß Nora Seed in der kleinen, warmen Bibliothek der Hazeldine Schule in Bedford. Sie saß an einem niedrigen Tisch und starrte auf ein Schachbrett.“
Das nächste Kapitel beginnt mit fast den gleichen Worten: „Siebenundzwanzig Stunden bevor sie beschloss zu sterben, saß Nora Seed auf ihrem schäbigen Sofa, scrollte sich durch die glücklichen Leben anderer Menschen und wartete darauf, dass irgendetwas passierte.“ „Variation eines Leitmotivs“ nennt man so etwas in der Musik.

Locker-coole Sprache

Aber dann liest man weiter und wundert sich erneut. Gut, hier wird vom gewöhnlichen Unglück einer nicht mehr ganz jungen Frau erzählt, die vor kurzem ihre Hochzeit hat platzen lassen. Ihre Katze ist gerade überfahren worden und ihr Bruder hat nicht bei ihr vorbeigeschaut, als er einen Freund in der Stadt besucht hat. Man kann verschiedener Meinung sein, ob das Gründe sind, sich das Leben zu nehmen. Aber darauf kommt es auch weniger an. Eine alte Kritiker-Weisheit sagt: Wichtig ist die Sprache, die einer schreibt. Notfalls kann er dann auch einen beliebigen Tag mit eher langweiligen Menschen in Dublin beschreiben, die durch die Stadt ziehen und sich auch einmal begegnen. Ereignisloser als der „Ulysses“ sind wenige Romane.

Matt Haig - Schriftsteller - Glarean Magazin
Matt Haig (*1975)

Es dauerte also einige Zeit, ehe ich mich an Haigs Sprache gewöhnt hatte. Zuerst dachte ich: Matt Haig hat das Buch für Jugendliche geschrieben. So locker und „cool“ kommt es daher. Aber dann habe ich gelesen, dass Nora Seed ja schon 35 ist. Für einen Jugendlichen ist das jenseits von Gut und Böse.
Im Kapitel „Antimaterie“ ändert sich dann der Ton. Da geht Mattis näher ran, und aus der Plastiksprache mit Soundeffekten wird etwas anders: ein Autor, der sich in die Verzweiflung seiner Protagonistin einzufühlen beginnt. Erst recht passiert das im Kapitel „Das Buch des Bereuens“, das Nora Seed, die nun in die „Mitternachtsbibliothek“ eingetreten ist und ihre alte Schulbibliothekarin Mrs. Elm wiedertrifft, als erstes in die Hand nimmt. Da stehen all die Dinge drin, die sie im Lauf ihres Lebens getan und später gern ungeschehen gemacht hätte, von den Kleinigkeiten bis zur Entscheidung, ihren Freund Dan nicht zu heiraten.
Für einen Jugendlichen oder eine Leserin von Frauenromanen ist das gut geschrieben, aber wer jemals den „Stiller“ oder gar „Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch gelesen hat, kennt andere, „modernere“ Möglichkeiten, das Thema zu beschreiben.

Philosophische Massentauglichkeit

An der Sprache hätte Matt Haig also ruhig noch etwas arbeiten können Allerdings wäre das Buch dann nicht mehr massentauglich geworden und bei Droemer erschienen, sondern bestenfalls bei Hanser. Vielleicht auch nur in einem anspruchsvollen Kleinverlag wie Stroemfeld/Roter Stern. (Natürlich bezogen auf die englische Verlagslandschaft, die ich aber nicht kenne.) Und Übersetzungen wären natürlich auch nicht drin gewesen. Man muss sich eben entscheiden, was man will. Da der Autor vorgibt, Nora sei Philosophin und habe sich ausgiebig mit Henry David Thoreau und dessen Buch „Walden“ beschäftigt, einer Studie über selbstgewählte Einsamkeit in den Wäldern von Massachusetts, das er 1845 schrieb, würde ein Roman in einer hochliterarischen Sprache sicher passen.

Dem Leser einfach gemacht

Die Bibliothek - Büchersammlung - Der Ort der vielen Leben - Glarean Magazin
Der Ort der vielen Leben: Die Bibliothek

Aber Matt Haig will mehr. Deshalb macht er es dem Leser einfach. Er lässt Nora an der Schwelle zwischen Leben und Tod in einer Bibliothek landen, die nur ein einziges Buch in unzähligen Variationen enthält: das Buch ihres eigenen Lebens. Eins davon ist das „Buch des Bereuens“, die anderen enthalten ihr Leben als Olympiateilnehmerin (sie war eine englische Spitzenschwimmerin), als Gletscherforscherin in der Arktis (das war einmal ihr Traum) als Frau eine Pub-Betreibers (Dans Traum), als Besitzerin einer Katze. Aber jedes Mal scheitert dieses Leben.

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Auf Spitzbergen, wo sie Eisberge erforscht und einem Eisbären begegnet, der sie als Mittagessen betrachtet, dem sie aber entkommt, trifft sie Hugo, der – wie sie selbst – eine Reise durch seine eigenen möglichen Leben macht. Selbstverständlich glaubt Nora, er sei für sie bestimmt. Sie befindet sich schließlich im Buch eines Bestseller-Autors.
Aber natürlich bleibt auch er nicht, denn Nora muss weiter; diesmal als Musikerin, und wenn der geneigte Leser gehofft hatte, dass sie diesmal als Mitglied einer Garagenband vor dreißig Leuten auftritt und dabei glücklich wird, wird er natürlich enttäuscht. Sie findet sich in ihrer alten Band „The Labyrinthians“ wieder, und die spielen vor zehntausenden begeisterten Zuhörern in Sao Paulo. Am nächsten Tag wird es weitergehen nach Rio. Danach steht Asien auf dem Tourneeplan.
Jetzt weiß der Leser zwar immer noch nicht, welches Leben sich Nora wünscht, aber die Träume von Matt Haig kennt er dafür umso besser.

Es gibt kein wahres Leben im falschen

An diesem Punkt hätte ich beinah aufgehört zu lesen. Es waren zwar immer noch 120 Seiten bis zum großem Finale, aber ich war erst einmal bedient. Das Thema gefiel mir, aber ein Buch ist mehr als eine These oder ein Thema. Ich hätte also aufgegeben, so wie Nora Seed – aber in dem Moment schien der Autor zu spüren, dass er es zu weit getrieben hatte. Er lässt sie noch einmal in die Bibliothek zurückkehren, die sie in ihrem Zorn fast zerstört, und hernach sind es „normale“ Leben, die sie ausprobieren darf: Als Besitzerin einer Hundezucht, als Ehefrau eines kalifornischen Winzers – und schließlich in einem zusammenfassenden Kapitel alle nur erdenklichen Leben. Nur jenes der Geisha fehlt in der Aufzählung, aber das kann Haig in der nächsten Ausgabe ja noch hinzufügen.

Philosoph Theodor W. Adorno - Es gibt kein wahres Leben im falschen - Glarean Magazin
Philosoph Theodor W. Adorno: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“

Doch die wirkliche Erkenntnis, die Matt Haig uns durch Nora Seed verkünden lässt, lautet: „Es gibt kein wahres Leben im falschen.“ Verzeihung, da habe ich mich wohl bei den Philosophen vergriffen. Adorno wird von ihr ja nicht einmal erwähnt. Und da Haig nun einmal dem Pessimismus abgeschworen hat, muss ich es so formulieren: Es gibt nur ein wahres Leben, und das ist jenes, das du gerade lebst. Dementsprechend stürzt die Mitternachtsbibliothek in dem Moment ein, als Nora gerade ihr ideales Leben gefunden zu haben scheint, und Nora wird vor ihrem Selbstmordversuch gerettet.

Optimismus à la Camus

Es ist der unverwüstliche angelsächsische Optimismus, der mich stört. Natürlich beeinflusst er auch die Sprache. Am Ende ist alles gut, und Nora kann mit einer neuen Erkenntnis in ihr altes Leben zurückkehren.
Dennoch: Ich habe das Buch gern und auch mit Gewinn gelesen. Es ist die optimistische Variante von Camus‘ Erkenntnis, dass man dem Absurden trotzen und den Stein weiterwälzen muss. Selbst wenn er auf dem Gipfel wieder herunterrollt.
Allerdings würde Matt Haig das so niemals formulieren. ♦

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek, Roman, 320 Seiten, Droemer Verlag, ISBN 978-3-426-28256-4

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Roman-Literatur auch über Abraham Verghese: Rückkehr nach Missing

Außerdem zum Thema Literatur von Martin Kirchhoff: Möwen über dem Wasser (Lyrik)


 

Sally Rooney: Normale Menschen (Roman)

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Der Liebe Freud, der Liebe Leid

von Christian Busch

Der Roman „Normale Menschen“ von Sally Rooney handelt von Marianne und Connell – einer studentischen On/-off-Beziehung im Kontext von gesellschaftlicher Konvention und transzendentaler Obdachlosigkeit. Rooney’s Erzählen hat seine Stärken – und noch mehr Schwächen.

Im 13. Jahrhundert schickte sich Gottfried von Straßburg, ein Kleriker im Dienste des bischöflichen Hofes an, die aus unterschiedlichen Quellen bereits überlieferte Liebesgeschichte zweier edler Herzen neu zu erzählen: Tristan und Isolde. Mit der Bewahrung des Andenkens an ihre im Tode endende, innige Liebe wollte er nicht nur herzensedle, aber unglücklich Liebende stärken, sondern auch seelenlos, weil nur aus äußerlichen und gesellschaftlichen Erwägungen Liebende läutern.
In seinem Prolog erhält die Minne seiner aus irdischen Gefilden stammenden Liebenden exemplarische Vorbildhaftigkeit, ja sogar die Weihe eines Mysteriums, das seine konkrete Gestaltung in der Liebesgrotte von Cornwall in der Höhle eines Venusberges findet, wo die beiden Ausgestoßenen ihrer idealen, aber verbotenen Liebe eine Zeit lang frönen – ein Sanktuarium der höchsten Liebe.

Die Liebe – im Tod unzerstörbar?

Sally Rooney: Normale Menschen - Roman - Luchterhand Verlag - Literatur-Rezensionen Glarean MagazinDahinter steckt die Vorstellung von der Liebe als einer unzerstörbaren, weil zwei Wesen in ihrer Einzigartigkeit für immer (im Tod) miteinander verschmelzenden Kraft. Darum geht es spätestens seit Gottfrieds mittelalterlicher Versdichtung in allen Liebeserzählungen, so auch in dem internationalen Bestseller „Normal People“ der irischen Autorin Sally Rooney. Der Roman geht inzwischen auch als TV-Soap in Serie und ist in aller Munde (und Auge). Was wird also aus den Liebenden im Roman des 21. Jahrhundert, so könnte man fragen – oder: Was wird aus der Idee der absoluten Liebe und dem Triumph über konventionelle Moral und Gesellschaftsordnung?

Kein innovativer Plot

Januar 2011. Connell ist der uneheliche Sohn von Lorraine, die bei Denise Sheridan, einer verwitweten Rechtsanwältin der Oberschicht in Westirland, als schlecht bezahlte Putzfrau arbeitet. Er ist sportlich, attraktiv und am College daher angesehen. Als er seine Mutter von der Arbeit abholt, begegnet er Marianne, Denises Tochter, eine ungeliebte, von ihrem älteren Bruder Alan überwachte, intelligente und geistvolle, aber unterdrückte Seele.

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Da ihre Liebe keine Anerkennung finden kann, halten beide ihre erotischen Treffen geheim. Doch als Connell nicht Marianne, sondern ein anderes Mädchen zum Abschlussball einlädt, kommt es zum Bruch. An der Universität ändern sich die Vorzeichen. Nun ist Connell der gesellschaftliche Outsider, während Marianne als wohlhabendes Mitglied der Upper-Class aufblüht. Doch ihre Beziehungen mit anderen sind zum Scheitern verurteilt. Marianne landet zunächst beim Schnösel Jamie, dann bei einem zwielichtigen schwedischen Fotographen. Connell hingegen fällt nach dem Selbstmord eines Freundes und der oberflächlichen Beziehung zu Helen in tiefe Depression.
Doch egal was kommt, die beiden finden sich immer wieder, ihre Vertrautheit, ihre erotische Anziehungskraft und das Gefühl der Einzigartigkeit ihrer Liebe hält an – bis zum Schluss (Februar 2015)? So weit der zugegeben wenig innovative Plot.

Monoton dahinplätschernde Sprache

Sally Rooney - Schriftstellerin - Glarean Magazin
Literarisches Fräuleinwunder: Sally Rooney (geb. 1991)

Und wenn man ehrlich ist, bleibt der ganze Hype um Sally Rooneys zweiten Roman rätselhaft, denn weder die Geschichte selbst mit ihren für das Genre typischen Missverständnis-Wendungen und stereotypen gesellschaftlichen Hürdenklischees, noch die seichte und monoton dahin plätschernde Sprache verleihen dem Roman Tiefe oder seelischen Reichtum. So wird man den Eindruck nicht los, dass die beiden vor allem deshalb nicht zusammenkommen können, weil die Autorin es für die Dramaturgie ihres Plots nicht will. Soziale Barrieren werde nämlich höchstens angedeutet.
Erzähltechnisch liest der Roman sich weitgehend wie eine Anhäufung von Regieanweisungen, also äußerer Handlungen, die für den Leser offen und vielseitig interpretierbar, damit aber auch belanglos und beliebig bleiben. So etwas ist leicht konsumierbar, weil man es nicht nicht verstehen kann, bzw. jegliche Interpretation irrelevant ist. Ständig muss man lesen, wie ein Glas angefasst, eine Zigarette angezündet oder eine leere Gestik ausgeführt wird. Die Dialoge bleiben blass. Der Blick hinter die Fassade fehlt.

Lieblose Zeichnung der Figuren

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Nicht etwa, dass einem Connell und Marianne gleichgültig bleiben, aber liegt dies nicht an der lieblosen und oberflächlichen Zeichnung aller anderen Figuren? An der kaum einmal vertieften Darstellung gesellschaftlicher Wirklichkeiten? An den nur in Umrissen skizzierten beruflichen Tätigkeiten und Freizeitaktivitäten aller Figuren?
Zweifellos hat der Roman seine Stärken. Wenn die beiden Figuren sich begegnen und Rooney deren vertrautes und liebevolles Verhältnis keinesfalls unerotisch und kontrastiv zur weiteren Romanlangeweile auf die Leinwand – Verzeihung: auf das Papier – tupfert, dann tröstet das über manche banale Passage hinweg. Für einen gelungenen Liebesroman ist dies jedoch zu wenig.

Kommerziell angelegtes Romanprojekt

Und deswegen ist diese Geschichte eben nur ein geschickt lanciertes und oberflächen-taugliches Konstrukt, das – gerade in seiner audiovisuellen Verwertbarkeit – nur vordergründige Bedürfnisse des Publikums befriedigt, aber keine Innerlichkeit, Authentizität oder Originalität bietet. Der Roman hinterlässt keine Spuren, sondern eher das Gefühl, man habe sich durch einen grauen Schleier durchgearbeitet. Man würde ihn keinesfalls ein zweites Mal lesen. Der Schluss passt in dieses Bild eines vor allem kommerziell angelegten Romanprojektes.

Fazit: Wer einen aktuellen Liebesroman sucht, findet ihn sicherlich in Sally Rooneys „Normale Menschen“ auf der Höhe, aber auch auf der Tiefe der Zeit. Wer mitreden will, muss ihn lesen.
Wer aber etwas Wesentliches oder gar Neues über das Wesen der Liebe erfahren möchte, wer eine neue Sprache für die Liebe sucht, wer eine neue, originelle Liebesgeschichte erwartet, der sollte sich anders orientieren. ♦

Sally Rooney: Normale Menschen, Roman, 320 Seiten, Luchterhand Verlag (Randomhouse), ISBN 978-3-630-87542-2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Liebesroman auch über Ernst Halter: Mermaid

…sowie über die Erzählungen von Viktorija Tokarjewa: Liebesterror


Amélie Nothomb: Die Passion (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Stacheln im Fleisch des Christentums

von Bernd Giehl

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, Amélie Nothomb, eine relativ bekannte belgische Schriftstellerin, würde ihren Roman „Die Passion“ in hundert Jahren, also 2120 schreiben und ihr Manuskript dem Diogenes Verlag anbieten. Dort hat sie schon 22 Bücher veröffentlicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Diogenes Verlag das Manuskript ablehnen. Zu riskant, würde es heißen. Wer will schon ein Buch über einen unbekannten Religionsstifter lesen? Innerhalb von zwei Wochen hätte sie ihr Manuskript wieder zurück.

Amélie Nothomb - Die Passion - Roman - Diogenes Verlag - Literatur-Rezension Glarean MagazinAber das Experiment geht noch weiter. Nehmen wir an, Amélie Nothomb hätte „Die Passion“ vor 400 Jahren geschrieben. Sie hätte einige Abschnitte ihrer besten Freundin vorgelesen. Die wäre einerseits begeistert gewesen, weil die Zweifel der Hauptfigur an ihrer bevorstehenden Hinrichtung mit den eigenen Zweifeln an der Religion korrespondiert hätten und andererseits erschrocken. Darf man so an der eigenen Religion zweifeln? Ist das nicht Ketzerei? Die beste Freundin hätte es ihrem Mann erzählt, und der wäre zur Obrigkeit gegangen. Man hätte Nothomb festnehmen lassen, sie wäre gefoltert worden und wenn sie große Glück gehabt hätte, hätte sie selbst ihr „Machwerk“ öffentlich verurteilen und ins Feuer werfen müssen. Falls sie weniger Glück gehabt hätte, nun ja … Was für ein Glück, dass die Zeit der Hexenverbrennungen endgültig vorbei ist.

Hexerei im Innern der Figuren

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Womit ich nicht sagen will, dass Amélie Nothomb keine Hexe ist. Sie ist eine. So wie jeder gute Autor und jede gute Autorin ein Hexenmeister oder eine Hexe ist. Weil sie im Inneren ihrer Figuren leben. Weil sie Besitz von ihnen ergreifen und sie wie einen Sukkubus lenken.
Aber Amélie Nothomb ist noch aus einem anderen Grund eine Hexe. Sie lässt Jesus von Nazareth im Augenblick seiner „Passion“ lebendig werden. „Ich wusste schon immer, dass sie mich zum Tode verurteilen werden“, so beginnt ihr neuer Roman.

Kombination von Gott und Mensch

Amelie Nothomb - Schriftstellerin - Literatur im Glarean Magazin
Amelie Nothomb alias Fabienne Claire Nothomb (geb. 1966)

Da spürt jeder aufrechte Christ einen ersten kleinen Stachel. Noch ist er winzig; immerhin heißt es ja schon in den „Leidensankündigungen“ der Evangelisten: „Der Menschensohn muss“ seinen Leidensweg gehen und am Ende gekreuzigt werden aber diese Leidensankündigungen stehen im zweiten Drittel der Evangelien. Nur das Johannesevangelium macht da eine Ausnahme.
Aber Christen sind großmütige Leute, und so werden sie der Autorin gern vergeben, denn der Jesus von Amélie Nothomb ist ein wahrhaft göttlicher Mensch. Nie hat mir die Kombination von Gott und Mensch so eingeleuchtet wie bei ihr.
Sie zweifelt nicht an den Wundern, wie das auch viele Theologen der letzten 200 Jahre getan haben. Das Wunder, Wasser in Wein zu verwandeln, gelingt ihm beinah nebenbei. Nur – und jetzt kommt wieder der Stachel – dass das Brautpaar, dessen Hochzeit Jesus mit seinem Wunder gerettet hat, unter den Hauptzeugen der Anklage vertreten sein werden. „Warum hat er es so spät getan?“ fragen sie. „Eine Stunde früher, und er hätte uns die Blamage erspart.“ Die anderen, an denen ein Wunder geschah, sind ähnlich unzufrieden. Nicht einmal der königliche Beamte, dessen Sohn vom Tode errettet wurde, ist Jesus dankbar, sondern klagt über die Verzögerung und die dadurch ausgestandene Angst.

Jesus – ein Sinnenmensch?

Unzufriedenheit ist überhaupt ein Stichwort. Auch Judas ist unzufrieden, mit der Welt im Allgemeinen und mit Jesus im Besonderen. Er stellt alles in Frage. An das Gute kann er nicht einmal glauben, wenn er es vor Augen hat. Judas ist der Protagonist der „Menge“ die Jesus schließlich verurteilt.
Jesus selbst ist das Gegenteil. Er kann sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen: am Geschmack frischen Brotes, an einer Blüte am Wegrand, am aufdämmernden Tag, vor allem am Wasser. Wenn man Durst hat und man zögert das Trinken noch ein paar Augenblicke hinaus, schmeckt frisches Wasser umso köstlicher, behauptet er

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Jesus – ein Sinnenmensch? Jesus gar, der die Frauen liebt? Der für ihre Schönheit empfänglich ist? Der gar eine Beziehung mit Maria Magdalena eingeht? Und der deshalb auch nicht sterben will? Und dessen Verbindung zum Vater nun abreißt, obwohl er bis dahin eng mit ihm verbunden war?
Da möchte jeder gute Christ „Ketzerei“ schreien. Der Glaube oder das Dogma fordert, dass Jesus freiwillig den Willen seines Vaters auf sich genommen hat, um die Sünde der Welt zu tragen. Das unschuldige Opfer leidet für die Schuldigen. Wenn dann jemand kommt, die anscheinend mit dem Glauben sympathisiert und dann behauptet, Jesus habe das Leben zu sehr geliebt um freiwillig in den Tod zu gehen – da sitzt der Stachel ziemlich tief.

Der Masochismus des Christen

Freilich ist Nothomb nicht die erste, die den „Masochismus“ des christlichen Glaubens geißelt. Der erste war Friedrich Nietzsche, der meinte, die Christen müssten erlöster aussehen, bevor er an ihren Erlöser glauben könne. Oder der Theologe Thomas Müntzer, Anführer der Bauern im thüringischen Bauernkrieg 1525, der den „bitteren Christus“ predigte und dafür hingerichtet wurde.
So einfach ist der Autorin also nicht beizukommen. Es sei denn, dass man sie zur „Hexe“ erklärt.

Schöne Schilderungen und viel Reflexion

Wie gesagt, Nothombs Beobachtungen sind zwar meist unverhofft, leuchten aber ein. Dass Jesus dem Leben zugewandt war, kann man leicht an seinen Gleichnissen sehen. Ihre Sprache ist farbig. Die Beziehung zu Maria Magdalena ist zwar ein Klischee – jeder der ein bisschen ketzern wollte, hat sie erwähnt -, aber dafür wunderschön geschildert, so wie nur eine Frau sie beschreiben kann, die selbst Liebe erfahren hat.

Szene aus dem Skandal-Film The Passion Of The Christ von Mel Gibson (Glarean Magazin)
„Masochismus des christlichen Glaubens“? Szene aus dem Skandal-Film „Die Passion Christi“ von Mel Gibson (2004)

Mit 128 Seiten ist der Roman recht kurz; es gibt wenig Handlung – z.B. ist die Verhandlung vor dem Hohen Rat weggelassen (hat vermutlich auch nicht stattgefunden) -, aber dafür viel Reflexion. Manchmal wird Nothomb weitschweifig: Noch ein Satz über den Durst, und noch einer, der mit anderen Worten das Gleiche sagt (der Roman ist ursprünglich unter dem Titel „Soif“ – „Durst“ in Paris erschienen). Da hätte ein rigoroseres Lektorat sicher segensreich wirken können. Aber das ändert nichts daran, dass ich den Roman mit Genuss gelesen habe.
Allerdings warte ich noch auf das Buch, das meine Frage, warum Jesus sterben musste, und vor allem, warum Gott das wollte, hinreichend beantwortet. Es muss auch kein Roman sein. ♦

Amélie Nothomb: Die Passion (Roman), 128 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978 3 257 07141 2

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Religion in der Literatur auch den Essay von Heiner Brückner: Vom Himmlischen

… sowie über den satirischen Roman von David Safier: Jesus liebt mich


Volker Kutscher: Olympia (Kriminal-Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Weg in den Abgrund

von Isabelle Klein

Die guten alten Zeiten sind nun endgültig vorbei. Mit „Olympia“ nimmt Volker Kutschers achter Gereon-Rath-Roman an Fahrt auf und knüpft – wenngleich inzwischen ein weiteres Jahr ins Land gegangen ist – mehr oder minder nahtlos an „Marlow“ (2018) an. Eine Abwendung vom klassischen Krimi mithin, wie wir ihn seit „Der nasse Fisch“ (2008) kennen.

„Wie kann ein Mensch zum Unmensch werden, das höchste Gut mit Füßen treten?“ So die Band PUR in ihrem Lied „Leben“ (Abenteuerland, 1998).
Thrillerqualitäten schreibt Kutscher bereits seit „Marlow“ groß. Man gewinnt den Eindruck, dass Kutscher im vorliegenden Band – mit dem er langsam, aber sicher an das Ende seiner Serie gelangt (wenn ich nicht irre, hatte er von geplanten neun Teilen gesprochen) – versucht, die Entwicklung von ganz normalen Menschen zu Bestien in Uniform zu zeigen. Und dies unvermittelt, im Kleinen wie im Großen und dadurch umso eindringlicher, auswegloser und beklemmender.

Archetypisches Figuren-Inventar

Da gibt es den Prototyp des Sadisten in Gestalt des uns seit „Akte Vaterland“ bekannten SS-Mann Sebastian Tornow, dessen Natur seine Stellung im Sicherheitsdienst widerspiegelt. Des weiteren: Gräf, der alte Freund, der exemplarisch für den guten Kerl, der sich – irgendwo und irgendwie zum Mitläufer mutiert – trotzdem einen Hauch von Menschlichkeit bewahrt. Er verliert allerdings im Vergleich zu den Anfängen, die acht Jahre zurück in Gennats Mordinspektion liegen, deutlich an Sympathie und Menschsein.
Gereon Rath, ebenso archetypisch den Mitläufer repräsentierend, muss sich hingegen eingestehen, dass die Ausübung der Berufung eben nicht mehr problemlos zu rechtfertigen ist, wenn er für den Sicherheitsdienst tätig ist. Und er muss letztlich einsehen, dass Charly in ihrer gefährlichen Arbeit gegen das Regime das Richtige tut. Denn irgendwann kann man auch mit der richtigen Einstellung formal nicht mehr mit dem Strom schwimmen.

Falsches Bild vom Status quo der Welt

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Dichotomie: Das weiße, strahlend helle Olympia-Ereignis, die perfekte Selbstinszenierung, wie man sie aus den Filmen von Leni Riefenstahl kennt, bildet den Rahmen für ein Deutschland, das ein vollkommen falsches Bild vom Status Quo der Welt vermittelt. Mittendrin ist Fritze, inzwischen von seinen Adoptiveltern getrennt, für den Jugendehrendienst tätig. Und während ihm alles möglich scheint und er sich im Glanz des Dritten Reiches sonnt, werden die Schattenseiten auch für ihn immer offensichtlicher: Als er Zeuge des Todes eines US-Sportfunktionärs wird, sticht er in ein Wespennest, in dessen Folge sich die Leben seiner Lieben dramatisch verändern werden.

Am Scheitelpunkt eines verkorksten Lebens

Volker Kutscher - Schriftsteller - Glarean Magazin
Lieferte mit dem Roman „Der nasse Fisch“ die Krimi-Vorlage für den Film-Hit „Babylon Berlin“: Volker Kutscher

Und so ist Kommisar Rath acht Jahre nach seinem unglamourösen Debüt in „Der nasse Fisch“ am Scheitelpunkt seines inzwischen ziemlich verkorksten Lebens angelangt.
Großer Pluspunkt von „Olympia“: Man taucht noch tiefer in die unauslotbaren Tiefen der Rath’schen Welt ein, in seinen Alltag und in seine ganz normalen Ehe-Sorgen und Nöte. Dies gelingt nicht zuletzt durch eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit, die Kutscher in der ihm eigenen Dichte äußerst glaubwürdig zu vermitteln vermag, ohne einen Hauch von Pathos.
Nachteil des achten Teils, gegenüber den klassischen Kriminalfällen, die Rath und Co. unter Gennat aufklären: Ein in sich nicht wirklich geschlossener Fall, zwei Todesfälle (das ist nur der Anfang), die eben nicht zusammenhängen, und die schließlich zur Katstrophe führen. Dazu eine Erpressung, die im 7. Fall begründet liegt (ehrlich gesagt hab ich mich nur schwerlich erinnert).

Verzeihliche Schwächen im Plot

Willkommene PR-Bühne für Nazi-Deutschland: Die Berliner Sommer-Olympiade 1936 (Einmarsch zur Eröffnungsfeier, im Vordergrund Hitler, links IOC-Präsident Baillet-Latour, rechts OK-Präsident Theodor Lewald)
Willkommene PR-Bühne für Nazi-Deutschland: Die Berliner Sommer-Olympiade 1936 (Einmarsch zur Eröffnungsfeier, im Vordergrund Hitler, links IOC-Präsident Baillet-Latour, rechts OK-Präsident Theodor Lewald)

Trotzdem verzeiht man gewisse Schwächen im Plot und dessen Aufbau als eingefleischter Rath- bzw. Kutscher-Fan quasi sofort. Und so bleibt am Ende, nach einem viel zu kurzem Leseerlebnis nur die Hoffnung auf einen weiteren Teil 2022, der den gnadenlos fiesen Cliffhanger hoffentlich zur Freude des Lesers aufklärt – und falls nicht, die losen Fäden der anderen Figuren zum Abschluss bringt.
Was für mich den Reiz der Serie ausmacht, ist definitiv die Figur des Gereon Rath: Schwer zu fassen, oft mit sich selbst im Unreinen, wandert er zwischen den Welten und verstrickt sich in Machenschaften, die ihn letztlich spätestens in „Marlow“ zum Verhängnis werden und im vorliegenden Buch zum unumkehrbaren Wendepunkt führen. Kurzum profitiert Kutschers Serie von der Rath’schen Vielschichtigkeit, die es uns eben verbietet, ihn in ein Korsett aus gut oder böse, aufrecht oder opportun zu stecken. Das Leben ist eben selten schwarzweiß, stattdessen nuanciert, über hell- bis dunkelgrau.

Durch leise Töne eindringlich

Und so überrascht es keineswegs, dass „Olympia“ in einem Knall endet – im wahrsten Sinne des Wortes. Und den Prolog, der bereits zu Beginn Böses ahnen lässt, um ein vielfaches steigert. Wo andere recht brav und bieder ihren Kommissar ermitteln lassen im Glanz einer längst vergangen Zeit, testet Kutscher Spielräume aus, lässt seinen Antihelden Fehler über Fehler begehen und ihn dabei trotzdem immer wieder als Held erscheinen. Und ganz im Gegensatz zu Tykwers fürchterlich überzogenem Mainstream-Machwerk „Babylon Berlin„, in dem Exzesse und ein Bilderrausch ungeahnten Ausmaßes das eigentliche (und viel spannendere) Geschehen vollkommen in den Hintergrund treten lassen, ist die Vorlage zwar leiser und unaufgeregter, weniger farbenprächtig, dafür aber ungleich spannender und durch die leisen Töne umso eindringlicher. ♦

Volker Kutscher: Olympia – Kriminal-Roman, 544 Seiten, Piper Verlag, ISBN 978-3492070591

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Antifaschistische Roman-Literatur auch über Oskar Maria Graf: Unruhe um einen Friedfertigen

… sowie zum Thema Zeitgeschichtlicher Krimi über Susanne Goga: Der Ballhaus-Mörder

Christian Berkel: Ada (Roman)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Die Allgegenwart des Schweigens

von Sigrid Grün

Die Unsicherheit und die Angst wohnen oft in einem Zwischenraum, in dem Ungewissheit herrscht, weil zu vieles ungesagt bleibt. Der deutsche Schauspieler und Autor Christian Berkel erzählt in „Ada“, dem Nachfolger seines ersten durch die eigene Familiengeschichte inspirierten Romans „Der Apfelbaum“ eine Geschichte, in der es um das Schweigen einer ganzen Generation geht – und darum, wie die Nachfolgegeneration damit umgeht.

Februar 1945. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird in Leipzig ein Mädchen geboren, das Ada heißt. Ihre Mutter ist Jüdin, der Arzt, der das Kind zur Welt bringt, ein alter Naziprofessor. Nach Kriegsende emigrieren Mutter und Kind nach Argentinien, wo sie einige Jahre leben, bevor sie nach Deutschland zurückkehren.

Christian Berkel - Ada - Roman - Ullstein VerlagDas Mädchen weigert sich zunächst lange Zeit, zu sprechen, was ihre Mutter frustriert: „Ich entpuppte mich von Anfang an als eine Enttäuschung, eine Blamage, wie sie schlimmer nicht sein konnte. Ich, als Kind einer unvorstellbar großen Liebe, einer Liebe, die kein Krieg, kein Gott, ja nicht einmal der kleine österreichische Maler kleingekriegt hatte, der Gefreite mit dem neckischen Oberlippenbart, der Hitler eben. Dieses Kind, also ich, konnte oder wollte nicht sprechen. Ich hatte mich scheinbar entschieden, nicht mitzumachen.“
Das Gefühl, von der Mutter nicht wirklich akzeptiert zu werden, wird sie ihr ganzes Leben lang begleiten.

Suche nach Orientierung

Christian Berkel - Schauspieler - Autor - Roman-Schriftsteller - Glarean Magazin
Schauspieler, Autor, Romancier: Christian Berkel (*1957)

Ada wächst zunächst vaterlos auf. Erst nach ihrer Rückkehr nach West-Berlin nimmt ihre Mutter Sala doch wieder Kontakt zu dem Mann auf, der Adas Vater sein soll. Otto ist Arzt und schenkt dem Mädchen ein Fahrrad, wofür es ihn liebt. Doch die Vaterschaft ist nicht endgültig geklärt. Im Leben der Mutter gab es nämlich einen zweiten Mann, Hannes, den sie nie vergessen hat.

Die Ungewissheit in Bezug auf den Vater ist aber nicht die einzige Unsicherheit in Adas Leben. Auch die Vergangenheit ihrer Mutter bleibt lange Zeit ein Geheimnis. Als Mopp, eine langjährige Freundin der Mutter sich um Ada kümmert, weil Sala nach Argentinien gereist ist, erfährt das Mädchen, dass ihre Mutter Jüdin ist und in Gurs interniert war. Niemand spricht offen über die Vergangenheit. Es sind immer nur Fragmente, die Ada in Erfahrung bringen kann. Diese vergebliche Suche nach Orientierung macht sie wütend. Sie begehrt gegen die Elterngeneration auf, so wie es die Nachkriegsgeneration eben getan hat.

Kluft zwischen zwei Generationen

Konzert der Rolling Stones - Waldbühne Berlin 1965 - Glarean Magazin
Ausgelassenheit mit Zigarette: Jugendliche am Konzert der Rolling Stones in der Berliner „Waldbühne“ 1965

Als Jugendliche liebt sie leidenschaftlich und unvorsichtig. Ihren viele Jahre jüngeren Bruder, der von allen nur Sputnik genannt wird, bringt sie versehentlich fast um. Und die Kluft zwischen ihr und den Eltern wird immer größer. Zur depressiven Mutter hat sie nie ein wirklich gutes Verhältnis, und auch ihr Vater, der seine traditionellen Werte hochhält, bleibt ihr fremd.
In einer Hippie-Kommune sammelt sie erste Erfahrungen mit Drogen und mit der freien Liebe. Im September 1965 erlebt sie die Randale beim Stones-Konzert auf der „Waldbühne“. Auch bei dieser gewaltsamen Auseinandersetzung geht es um die Kluft, die sich zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration aufgetan hat.
Bei ihrem Großvater und dessen Lebensgefährtin, die in der DDR leben, lernt sie doch noch so etwas wie Geborgenheit kennen und erfährt etwas über ihre eigene Geburt…

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„Ada“ ist eine spannende Auseinandersetzung mit einer interessanten Zeit. Christian Berkel ist ein großartiger Erzähler. Ihm ist eine sehr einfühlsam geschriebene Geschichte um eine junge Frau gelungen, die ihren Platz in der Welt sucht. Es wird noch einen dritten Band geben, in dem die Familiengeschichte weiter erzählt werden wird. Man darf also gespannt sein! ♦

Christian Berkel: Ada – Roman, 400 Seiten, Ullstein Verlag, ISBN 978-3550200465

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Nachkriegszeit auch über den Roman von Anke Gebert: Die Summe der Stunden

… sowie über die Erzählung von Michel Bergmann: Alles was war