Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat (Krimi)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 2 Minu­ten

Makabre Justiz-Posse

von Wal­ter Eigenmann

Paris, eines heis­sen Som­mers vor eini­gen Jah­ren: Der stän­dig blanke, aber im All­tag doch geris­sene und des Nachts im „Ban­lieue“ mit Nut­ten und Gano­ven befasste, weil diese als klei­ner Pflicht­ver­tei­di­ger ver­tre­tende Advo­kat Chris­to­phe Lei­bo­witz-Bert­hier macht mit sei­nem weit­aus erfolg­rei­che­ren Anwalts-Spe­zie Lak­dar einen Deal. Aus dem Knast soll der Gangs­ter David Sel­lem raus­ge­holt wer­den – mit­tels Rol­len­tausch und für eine ver­spro­chene Mil­lion hockt schliess­lich Lei­bo­witz in der Zelle, neben Seri­en­ver­ge­wal­ti­gern und Mes­ser­mör­dern. Der Gedanke an die ver­ab­re­de­ten Euros lässt Schlitz­ohr Lei­bo­witz den Gefäng­nis­all­tag vor­erst ertra­gen, doch als ihn draus­sen Anstif­ter Lak­dar plötz­lich als Mit­wis­ser im Stich lässt, lernt die „Fresnes“-Knast-Welt einen Herrn Pflicht­ver­tei­di­ger als Insas­sen ken­nen, wie sie ihn noch nicht gese­hen hat…

Solo-Sextett für einen Intriganten und einige Ganoven

Deutsch lesende Freunde des Gen­res wer­den die­ses von den Plots her eher gemäch­li­che Solo-Sex­tett für einen Intri­gan­ten und ein paar Gano­ven mög­li­cher­weise nicht gar so hoch ins Sur­rea­lis­ti­sche hie­ven. Aber wenn eine erfolg­rei­che Fil­me­ma­che­rin und Krimi-Autorin wie die Pari­ser Straf­ver­tei­di­ge­rin Cayre, beruf­lich mit der glei­chen Art Kli­en­tel wie der Roman-Prot­ago­nist zugange, eine sol­che Milieu-Stu­die schreibt, dann muss es knis­tern und knir­schen nicht nur im Jus­tiz-Gebälk, son­dern auch in Leser-Lach­mus­keln. Denn die Autorin weiss gera­dezu vir­tuos mit jenen Ingre­di­en­zen zu spie­len, wel­che den fran­zö­si­schen Esprit auch (und gerade) im Krimi zum Tra­gen brin­gen: Vor Wort­witz, Schwar­zem Humor, Situa­ti­ons­ko­mik, Milieu-Slang und All­tags-Zynis­mus strotzt der „Lum­pen­ad­vo­kat“ so prall, dass man darob fast sei­ten­weise die Hand­lung vergisst.

Grosses, absurdes Welttheater“

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Im fran­zö­sisch­spre­chen­den Aus­land kam Han­ne­lore Cayre’s (von dem deut­schen Wahl-Fran­zo­sen Ste­fan Lins­ter mit viel Sinn fürs sprach­lich Kna­ckig-Def­tige) ins Deut­sche über­setz­tes, kri­mi­nel­les Kam­mer­spiel um den klei­nen Lei­bo­witz mit dem gros­sen Her­zen und der noch grös­se­ren Klappe präch­tig an. „Télé­rama“ machte aus dem 2004 in Paris erschie­ne­nen „Com­mis d’0ffice“ sogar „gros­ses, absur­des Welttheater“.

Sehr gut vor­stell­bar, dass die Figur die­ses Win­kel­ad­vo­ka­ten Lei­bo­witz und sei­ner wahr­lich ver­win­kel­ten Machen­schaf­ten sich eig­net für eine kom­plette Roman- bzw. Film-Serie (wie es gemäss Ver­lags-Info geplant ist). Man war­tet also hier­zu­lande gerne auf die deut­sche Fas­sung des nächs­ten „Lei­bo­witz“ (frz. „Toi­les de maitre“). Denn „Der Lum­pen­ad­vo­kat“ ist ein mit psy­cho­lo­gi­schem Tempo vor­an­ge­trie­be­nes, mit pro­fes­sio­nell-ver­ständ­nis­vol­lem Blick für kri­mi­nal­tech­ni­schen und straf­recht­li­chen Aber­witz kom­po­nier­tes, den all­täg­li­chen Jus­tiz-Irr­sinn süf­fi­sant-lach­haft kre­den­zen­des, dabei atem­rau­bend Hacken schla­gen­des Stück „Schelmen“-Literatur. Und zwar von jener Art, die man gie­rig ver­schlingt und dann für ewig weg­legt – aber ziem­lich lange nicht vergisst. ♦

Han­ne­lore Cayre, Der Lum­pen­ad­vo­kat, Roman, Uni­ons­ver­lag, 154 Sei­ten, ISBN 978-3-293-00379-8

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