Berthet & Raule: Dein Tod – Mein Kunstwerk (Graphic Novel)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Kunst und Tod in Barcelona

von Isabelle Klein

Ein Mann, mit bul­li­ger Sta­tur, allein in einem nächt­li­chen Laby­rinth, umzin­gelt von düs­te­ren, fremd­ar­tig täto­wier­ten Gestal­ten, das ist der Aus­gangs­punkt der Gra­phic Novel „Dein Tod – Mein Kunst­werk“ des Gespanns Phil­ippe Ber­thet (Zeich­nun­gen) & Raúl Anisa Arsís Raule (Sze­na­rio).

Die fas­zi­nie­rende Cover­ge­stal­tung von Ber­thet und das Vor­wort von Raule legen die Erwar­tun­gen hoch: Ein Bar­ce­lona, wie man es im Film Noir fin­det, eine mys­te­riöse Geschichte, die die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit wie­der­auf­er­ste­hen lässt, ver­ra­tene Gefühle, Lebens­lü­gen – kurzum: Von allem etwas dabei und auf knapp 64 Sei­ten, das ver­spricht span­nende Unterhaltung.

Dein Tod - Mein Kunstwerk - Philippe Berthet & Raule - Graphic Novel - Cover Glarean MagazinDie Geschichte ist kurz, aufs Wesent­li­che ver­dich­tet und spielt mit Arche­ty­pen. Da wäre der bul­lige, grau­haa­rige Pari­ser Cop Phil­ippe Mar­tin, der mit sei­ner gebro­che­nen Nase und Schlag­kunst dem Cha­rak­ter des har­ten Bul­len mit sen­si­blem Kern alle Ehre macht. Ein Abschieds­brief einer 25-jäh­ri­gen Kunst­stu­den­tin namens Emma Bel­lamy Mar­tin erfor­dert seine Ankunft in Bar­ce­lona, einer Stadt, die er kennt und liebt. Die junge Frau scheint seine Toch­ter zu sein, so sagt es wenigs­tens der Abschieds­brief. Er begeg­net der Frau wie­der, die ihn 25 Jahre zuvor Knall auf Fall ver­las­sen hat. Sie beschwört ihn, den Mord an der Toch­ter auf­zu­klä­ren, denn sie weiss sicher, dass die lebens­lus­tige Emma, die gerade an ihrer Dok­tor­ar­beit schrieb, sich nie das Leben genom­men hätte.

Thema im Thema

Ein gefälsch­ter Abschieds­brief, ein unste­ter Freund, ein poten­ti­el­ler Ver­schmäh­ter und eine wütende Mit­be­woh­ne­rin hal­ten den Kri­mi­nal­kom­mis­sar in Atem, bis er im furio­sen Finale sei­ner Neme­sis begeg­net. Was „Dein Tod – Mein Kunst­werk“ reich­lich auf­weist, sind skur­rile Gestal­ten und das Spiel mit der noir-typi­schen Rückblende.

Dein Tod - Mein Kunstwerk - Philippe Berthet & Raule - Graphic Novel - Leseprobe Glarean Magazin
Lese­probe aus „Dein Tod – Mein Kunst­werk“ von Phil­ippe Ber­thet & Raule

Ein wenig Ästhe­ti­zis­mus, indem das Autor-Zeich­ner-Gespann die Bal­lade „The Lady of Shalott“ von Alfred Ten­ny­son auf­greift und das Thema der Gra­phic Novel zum Thema im Thema macht; dazu Jac­ques Brel und weisse Scho­ko­lade, zwei Dinge, die Vater als auch Toch­ter lieb(t)en und einen Vater­schafts­test unnö­tig machen, denn das Herz schlägt im Gleich­takt; ein klei­ner Ver­weise auf Otto Pre­min­gers Film Noir „Laura“ (USA 1944) mit der gran­dio­sen Gene Tier­ney – sol­che Dinge las­sen das Herz des (Film-)Enthusiasten höher schla­gen. Gleich der undurch­schau­ba­ren Laura ist Mar­tins Ex eine femme fatale, die letzt­lich nicht wirk­lich zu ver­ste­hen ist. In ihrer Toch­ter Emma fin­det sie ein jün­ge­res Pen­dant, das lei­der recht amorph bleibt. Hier wären stär­kere Akzente nicht ver­kehrt gewesen.

Unterhaltsam und fesselnd

Keine Frage, „Dein Tod – Mein Kunst­werk“ ist eine kleine feine Gra­phic Novel. Sie weiss zu unter­hal­ten und zu fes­seln. Sie spielt mit Rück­blen­den, Kon­tras­ten und zeigt ein dunk­les Bar­ce­lona jen­seits von zafon­se­ker Düs­ter­nis. Und doch bleibt die Wir­kung des Comics durch die recht kom­pakte Länge begrenzt und kom­men bspw. Motive zu kurz. Das Kon­zept ist gut, aber die Umset­zung hätte durch Länge an Viel­schich­tig­keit und Tiefe gewon­nen, was gerade für den Vater, die Toch­ter und den/die Täter von gros­sem Vor­teil gewe­sen wäre. Warum wird das Vor­ge­hen der Mör­der nicht detail­lier­ter und dadurch weni­ger ste­reo­typ erklärt?

Das Tagebuch der Anne Frank - Graphic Novel & -Diary - Ari Folman & David Polonsky
Anzeige AMAZON

Der Autor, der das geheim­nis­volle Bar­ce­lona zum Leben erwe­cken will, tut das m. E. in der Zusam­men­ar­beit mit Colo­rist und Car­too­nist nicht wirk­lich ziel­set­zend. Zu hell die Far­ben, zu ein­fach die Sze­ne­rie. Teils wäre dann doch ein zafo­nes­kes Ele­ment mor­bi­den Charmes ange­bracht, ein Zusam­men­spiel von Licht und Schat­ten, mono­chro­men Kon­tras­ten und Schat­ten­wür­fen, ebenso, wie es der Film Noir der 40er und 50er insze­niert. Gele­gent­lich kommt sol­ches dann aber doch vor, wenn z. B. in der Lei­chen­halle eine Frosch-/Flucht­per­spek­tive bedroh­lich ein Roll­bett in den Vor­der­grund rückt (S. 6) und die Decken unna­tür­lich schwarz sind (S. 6 und 7). Selbst Klei­nig­kei­ten wie die im Schwarz ver­schwin­den­den Augen Phil­ip­pes nach sei­ner Erschüt­te­rung im Ange­sicht von Lei­che und Abschieds­brief über­lässt der Zeich­ner nicht dem Zufall (S. 9, oben links).

FAZIT: Die kleine, aber durch­aus feine Gra­phic Novel „Dein Tod – Mein Kunst­werk“ weiss zu unter­hal­ten und zu fes­seln. Zuwei­len bleibt die Leser-Wir­kung wegen feh­len­der Viel­schich­tig­keit hin­ter den durch gross­ar­ti­ges Cover und gute Kon­zep­tion geschür­ten Erwar­tun­gen zurück. Doch die Novel spielt mit Rück­blen­den, Kon­tras­ten, zeigt ein Bar­ce­lona jen­seits von zafon­se­ker Düs­ter­nis – ein Bar­ce­lona, wie man es aus dem Film Noir kennt. Spannend.

Wenn aber schon der Ver­lag expli­zit auf den Noir-Cha­rak­ter ver­weist, hät­ten Berthet/Raule sol­che Raf­fi­nesse noch öfter anle­gen kön­nen. All­ge­mein wirkt das Cover, das das Ele­ment Was­ser und den Tod mit einem Hauch von Gefahr als auch Liebe gross­for­ma­tig ver­eint, auf mich sehr reiz­voll. Doch wie schon erwähnt, kann man die­sem geheim­nis­voll anzie­hen­den Titel­mo­tiv durch die Kürze der Geschichte nicht annä­hernd gerecht werden. ♦

Phil­ippe Ber­thet & Raule: Dein Tod – Mein Kunst­werk (Gra­phic Novel), 64 Sei­ten, schreiber&leser Ver­lag, ISBN 978-3-96582-001-2

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema skur­ril-gro­teske Lite­ra­tur auch von Mar­tin Stau­der: Morderverdacht

sowie die Gro­teske von Bea­trice Nunold: …und die Welt ist eine Scheibe

Aus­ser­dem zum Thema Gra­phic Novel über Yuval Noah Harari: Sapi­ens – Der Aufstieg


Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)