Computerschach: Die Programme und Chess960

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Das FRC und die Schach-Engines

von Walter Eigenmann

Mehr und mehr sorgt in der Schach-Szene eine neue Spiel-Art für Gesprächs­stoff: das sog. Chess960 (auch „Fischer-Ran­dom-Chess / FRC“ oder „FullCh­ess“). Und es war nur eine Frage der Zeit, bis in den ein­schlä­gi­gen Com­pu­ter­schach-Foren die Anre­gung auf­tauchte, diese „Schach-Vari­ante“ auch in die Ent­wick­lung kom­men­der Soft­ware ein­flies­sen zu las­sen. Ist Chess960 im Zusam­men­hang mit Com­pu­ter­schach tat­säch­lich nicht bloss modi­sches „Modern Tal­king“, son­dern ein ernst­zu­neh­men­der neuer Sound?

Die nach­fol­gende kleine Unter­su­chung – geschrie­ben im Januar 2003 – resul­tierte aus dem sehr inter­es­san­ten Ansatz des deut­schen Pro­gram­mie­rers und FullCh­ess-Exper­ten Rein­hard Schar­nagl, wel­cher im ehe­ma­li­gen Fach-Forum „Com­pu­ter­schach Extra“ anregte, das Fischer-Ran­dom-Chess ins­künf­tig ver­stärkt bei neuer Schach­soft­ware zu inte­grie­ren. Dabei wurde auch kon­tro­vers die Frage dis­ku­tiert, ob mit einer pro­gramm-spiel­tech­ni­schen Berück­sich­ti­gung die­ses Chess960 nicht über­haupt eine spür­bare Spiel­stärke-Stei­ge­rung her­kömm­li­cher Engi­nes zu errei­chen wäre.

I. Praeludium

Im Laufe einer fast 450-jäh­ri­gen, öffent­lich zugäng­li­chen Spiel-Pra­xis (Rom 1560, R.Lopez-G.Leonardo: 1.e4 e5 2.f4 d6 3.Lc4 c6 4.Sf3 Lg4 5.fxe5 dxe5 6.Lxf7 Kxf7 7.Sxe5 Ke8 8.Dxg4 Sf6 9.De6 De7 10.Dc8 Dd8 11.Dxd8 Kxd8 12.Sf7 1-0) sowie auf­grund der seit über 500 Jah­ren andau­ern­den theo­re­tisch-sys­te­ma­ti­schen For­schung (Spa­nien 1497: Lucena-Lehr­buch) hat die abend­län­di­sche Schach­ge­schichte so eini­ges zu Tage geför­dert über die fol­gende, nicht ganz unbe­kannte Position:

Die Grundstellung einer regulären Schachpartie (Glarean Magazin)

Bei­spiels­weise meint die klas­si­sche Eröff­nungs­lehre zu die­ser Stel­lung u.a:

1. Die Figu­ren sind bald­mög­lichst in die Schlacht zu wer­fen; Zeit-Nach­teile pfle­gen sich in posi­tio­nelle Nach­teile, diese wie­derum sich in mate­ri­elle Nach­teile zu verwandeln.

2. Die ent­schei­den­den Kon­fron­ta­tio­nen gehen erfah­rungs­ge­mäss in der Brett-Mitte von­stat­ten; dies bei der anfäng­li­chen Figu­ren-Pos­tie­rung zu berück­sich­ti­gen ist von gröss­ter Wichtigkeit.

3. Einer schnel­len bwz. voll­stän­di­gen Figu­ren-Ent­wick­lung, aber auch einer Zen­trum-beset­zen­den und gleich­zei­tig Raum-grei­fen­den Wir­kung des Auf­mar­sches leis­ten die Bau­ern­züge 1.e2-e4 e7-e5 (allen­falls noch 1.d4-d4 d7-d5) den bes­ten Dienst.

Dass die sog. hyper­mo­dernde Schule teils ent­ge­gen­ge­setzte Prin­zi­pien ver­trat, bleibe hier uner­ör­tert. Sicher ist jeden­falls: nach die­sen drei Eröff­nungs-For­de­run­gen funk­tio­nierte (und funk­tio­niert noch) der Par­tie-Anfang auf hohem und höchs­tem Niveau – seit Greco (Greco-N.N., Rom 1619: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 etc. 1-0) bis in unsere Tage hin­ein (Mov­se­sian-Moroze­vich, WCT 2002: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 etc. 0-1).

Nun liegt es „in Sachen Com­pu­ter­schach“ nahe, mal die neu­este Schach-Soft­ware im Hin­blick auf ihre Par­tie-Anfänge zu befra­gen. (In etwas ande­rem Zusam­men­hang hat das der Autor bereits frü­her in einem Arti­kel des Fach­ma­ga­zins „Com­pu­ter-Schach & -Spiele“ getan; vergl.  Nr.5/2002, oder hier: Stra­te­gie 2.)

Wir las­sen also (mit einer Bedenk­zeit von 60Min/Engine auf einem P3/866Mhz/128Mb-Hash­/PB off) einige der aktu­ell stärks­ten Pro­gramme die ers­ten paar Züge ab Grund­stel­lung (selbst­ver­ständ­lich ohne Ope­ning-Books) spie­len, um her­aus­zu­fin­den, ob die bes­ten Pro­gram­mie­rer das vom Men­schen erar­bei­tete Eröff­nungs-Know­how tradieren.

Das Ergeb­nis mag den einen oder ande­ren überraschen…

CM9000/Kleinert – Hiarcs 8
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6

Chess Tiger 14.0 – Junior 7
1.e4 e5 2.Lc4 Sf6 3.d3 c6 4.Sf3 d5

Arist­arch 4.4 – Pha­raon 2.62
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sxd4 Lb4

SOS.3 f.A. – Pepito 1.55
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6

List 5.04 – Ruf­fian 1.0.1
1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5 exd5 4.Ld3 Sc6

Comet B54 – Yace 0.99.56
1.Sf3 d5 2.d4 e6 3.e3 Sf6

Crafty 19.01 – Gan­dalf 4.32h
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6

Lamb­Chop 10.88 – Nimzo 8
1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 Sbd7 4.Sf3 e5

…aber es besteht kein Zwei­fel: im Jahre 2003 ver­mö­gen Maschi­nen die „huma­noid“ ent­wi­ckel­ten Grund­sätze des als erfolg­reich bestä­tig­ten Par­tie-Begin­nens selbst­stän­dig zu repro­du­zie­ren. (In wie weit dann die Soft­ware auch im Mit­tel­spiel den „Geist“ eines gewähl­ten Eröff­nungs­sys­tems rea­li­sie­ren kann, ist wie­der eine ganz andere Frage…)

Quasi in Rein­kul­tur wird die Klas­sik „kopiert“ von zwei erst seit kur­zem auf dem Markt befind­li­chen (und von vie­len Tes­tern inzwi­schen als die bei­den stärks­ten Engi­nes gehan­del­ten) Programmen:

Fritz 8 – Shred­der 7
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.Sc3 Sf6 5.d3 d6

Ob von Men­schen oder von Maschi­nen: Bes­ser lässt sich eine Par­tie Schach nicht eröff­nen. Wohl ori­gi­nel­ler, sicher inno­va­ti­ver, bestimmt auch attrak­ti­ver – aber nicht besser!

II. Punctus contra punctum

Sze­nen­wech­sel. Mainz, im Som­mer 2002: Neben zahl­rei­chen Ama­teu­ren tref­fen sich über 50 inter­na­tio­nale Titel­trä­ger, dar­un­ter 14 sog. Super-Gross­meis­ter (= >2600 ELO) zu einem ganz beson­de­ren Rapidschach-Spek­ta­kel: dem „Ches­s960-Open“. (Sie­ger: GM Peter Svid­ler mit ful­mi­nan­ten 9 aus 11).

Hoch­ka­rä­tig besetzte Open gibt’s inzwi­schen wie Sand am Meer, doch die­ses im Rah­men der „Chess Clas­sic Mainz“ orga­ni­sierte „Chess960“ zeich­nete eine exqui­site Spe­zia­li­tät aus: gespielt wurde nach den Regeln des sog. „Full Chess“ (auch bekannt als „Fischer Ran­dom Chess“/FRC oder eben „Chess960“).

Zum Regel­werk die­ses „Voll­schachs“ darf ich hier den Pro­gram­mie­rer und FRC-Spe­zia­lis­ten Rein­hard Schar­nagl zitie­ren, der ein eif­ri­ger Ver­fech­ter die­ser „Schach-Vari­ante“ ist und auf sei­ner instruk­ti­ven Home­page erläutert:

Das FullCh­ess unter­schei­det sich nur unwe­sent­lich vom tra­di­tio­nel­len Schach:

Robert Bobby Fischer - Schach-Weltmeister - Glarean Magazin
Schach-Genie und FRC-Erfin­der: Robert „Bobby“ James Fischer

a) die Anfangs­stel­lung der Offi­ziere wird nach bestimm­ten Regeln aus­ge­lost: der König steht immer irgendwo zwi­schen zwei Tür­men, es gibt sowohl einen schwarz­fel­d­ri­gen wie auch einen weiss­fel­d­ri­gen Läufer;

b) man hat spe­zi­elle Regeln für eine all­ge­mei­ner gefasste Rochade.“

Jeden­falls hat­ten sich in Mainz die Her­ren Gross­meis­ter (dar­un­ter so illus­tre Namen wie Jus­su­pov, Vagan­jan, Hort, Port­isch, Lobron, Epis­hin oder Gal­lag­her) also mit Anfangs­stel­lun­gen wie z.B. der fol­gen­den herumzuschlagen:

Eine der 960 FRC-Positionen

FRC-Schachstellung - Glarean Magazin

Bevor wir auf diese Anfangs­po­si­tion im Zusam­men­hang mit Com­pu­ter­schach näher ein­ge­hen, mögen einige Zitate von Spit­zen­spie­lern die Ver­wir­rung umschrei­ben, mit der auf diese (von Bobby Fischer 1996 in Bue­nos Aires pro­kla­mierte) Schach-Novi­tät quer über alle Leis­tungs­klas­sen hin­weg reagiert wird:

Alexandra Kosteniuk - Glarean Magazin
Alex­an­dra Kos­teniuk: „Für mich ist das nichts. Das ist zu kompliziert“

Alex­an­dra Kos­ten­juk: „Für mich ist das nichts. Das ist zu kompliziert“

– Anand Vis­wa­nathan: „Chess960 ist wie eine Stadt ohne Stadt­plan zu durchstreifen“

– Vadim Milov: „Nur Impro­vi­sa­tion und Phan­ta­sie spie­len eine Rolle“

– Dimi­tri Koma­row: „Zu anstren­gend. Man muss vom ers­ten Zug an kämpfen“

– Kiril Geor­giew: „Ich habe Pro­bleme mit der Eröffnung“

– Michael Adams: „Es ist sehr schwie­rig, eine schlechte Fischer-Ran­dom-Stel­lung zu verteidigen“

Peter Svid­ler: „Schwarz sollte viel­leicht häu­fi­ger sym­me­tri­sche Stel­lun­gen anstreben“

– Krish­nan Sas­ik­iran: „Manch­mal mache ich Züge, die ich im nor­ma­len Schach nie aus­füh­ren würde“

– Arthur Jus­su­pow: „Probier’s ein­fach mal!“

Sol­che Äus­se­run­gen tref­fen genau die unge­heure Her­aus­for­de­rung, wel­che diese Erfin­dung des Jahr­hun­dert-Genies Fischer an eine his­to­risch gewach­sene bzw. geschulte Schach-Denk­weise stellt: Das prin­zi­pi­elle Wir­kungs­ge­füge der Figu­ren, auch die grund­le­gen­den Stra­te­geme des her­kömm­li­chen Schach (des­sen Grund­stel­lung übri­gens auch eine „Vari­ante“ des FRC ist!) blei­ben erhal­ten, aber sie sind in total unkon­ven­tio­nel­len, ja bizar­ren Kon­stel­la­tio­nen zu rea­li­sie­ren, und die „klas­si­schen“ Ver­hal­tens­wei­sen aller „Rich­tun­gen“ und „Schu­len“ (inkl. die so erfolg­reich-viel­ge­rühmte Mus­ter­er­ken­nung des tra­di­tio­nel­len Gross­meis­ter-Schachs) wer­den völ­lig aus­ser Kraft gesetzt. Defi­ni­tiv aus­ge­he­belt ist jeg­li­ches Memo­rie­ren von „Daten­bank-Wis­sen“, und sei es noch so enzy­klo­pä­disch. Die alt­ehr­wür­dig-his­to­ri­sche (und all­zu­oft his­to­ri­sie­rende) „Theo­rie“ hat aus­ge­spielt, auf schach­li­che Erfah­rungs­werte kann nur noch sehr rudi­men­tär zurück­ge­grif­fen werden.

III. Fuga

Peter Svidler - Chess960 - Glarean Magazin
Svid­ler: „Schwarz sollte viel­leicht häu­fi­ger sym­me­tri­sche Stel­lun­gen anstreben“

Keh­ren wir nun wie­der zu unse­rer obi­gen „VollSchach“-Grundstellung zurück, um zu über­le­gen, wel­che Anfor­de­run­gen sie an die „Eröff­nungs­stra­te­gie“ stellt. Anschlies­send werde die­ses zu abso­lu­tem Anti-Scha­blo­nen-Den­ken zwin­gende Figu­ren-Arran­ge­ment sechs der bes­ten aktu­el­len Engi­nes als Tur­nier-Grund­lage vorgesetzt.

Zuvor ist aller­dings noch ein klei­ner Rochade-Exkurs von­nö­ten – denn lei­der ist aus­ge­rech­net die­ser inter­es­sante, das Spiel­ge­sche­hen oft blitz­ar­tig ver­än­dernde Zug des Fischer-Ran­dom-Chess in gegen­wär­ti­ger Schach-Soft­ware mei­nes Wis­sens noch nir­gends imp­le­n­tiert. Wohl begin­nen die ers­ten GUI’s die Option „Fischer-Schach“ bereit­zu­stel­len – das dem FullCh­ess vor­aus­ge­gan­gene Shuffle-Chess ist schon seit län­ge­rem Menue-Punkt ver­schie­de­ner Ober­flä­chen -, doch mit dem spe­zi­fi­schen „Fischer-Rochie­ren“ kön­nen die Pro­gramme (noch) nicht umgehen.

Die Ches­s960-Rochade funk­tio­niert nach den fol­gen­den Regeln (ich zitiere noch­mals die oben erwähnte Home­page von Rein­hard Scharnagl):

1. Rochie­ren ist nur zwi­schen jeweils noch unbe­weg­tem König und Turm auf deren Grund­reihe möglich.

2. Nach einer Rochade mit dem rech­ten Turm steht der König auf der g-Linie und der rochi­erte Turm auf der f-Linie, nach einer Rochade mit dem lin­ken Turm steht der König auf der c-Linie und der rochi­erte Turm auf der d-Linie (es ist bei eini­gen Vari­an­ten sogar mög­lich, dass nur eine der Figu­ren ihre Posi­tion ändert).

3. Eine Rochade ist nur statt­haft, falls zwi­schen dem König und sei­nem Ziel­feld höchs­tens der betei­ligte Turm steht, und wenn zwi­schen dem Turm und des­sen Ziel­feld höchs­tens der betei­ligte König steht (dar­aus folgt ins­be­son­dere, dass die Fel­der zwi­schen bei­den Figu­ren frei sein müssen).

4. Kei­nes der Fel­der vom König bis zu sei­nem Ziel­feld (beide inklu­sive) darf von Schach bedroht sein (spe­zi­ell nach Schach­ge­bot bleibt ein Rochie­ren also untersagt).

Berück­sich­ti­gend, dass für ein her­kömm­li­ches Pro­gramm ab obi­ger FRC-Stel­lung keine Rocha­den mehr mög­lich sind, könnte sich eine erste ober­fläch­li­che Stel­lungs­ein­schät­zung fol­gen­der­mas­sen präsentieren:

1. Die Posi­tion ist – für FRC-Ver­hält­nisse – rela­tiv „ein­fach“: Die Damen kön­nen recht schnell ent­wi­ckelt wer­den; die h-Läu­fer sind bereits aggres­siv „fian­chet­tiert“; die Sprin­ger wer­den schnell zentralisiert;

2. Ein Pro­blem ist die Ent­wick­lung der a-Türme, die nur umständ­lich durch die bei­den Manö­ver a4/a5 & Ta3/Ta6 (schnel­ler, aber schwä­chend) oder a3/a6 & Kh2/Kh6 (lang­sa­mer, aber sicher) in Posi­tion zu brin­gen sind;

3. Gute Bau­ern­züge könn­ten sein: 1.d3/d6 (d4/d5!?), g3/g6, f4/f5;

4. Ein extrem kom­bi­na­ti­ves Spiel (wie in zahl­rei­chen ande­ren FRC-Start­stel­lun­gen) ist nicht zu erwarten;

5. Die Eröff­nungs­wahl ist ent­schie­den eine Frage des Temperaments…

Um einen klei­nen Ver­gleich Mensch-Maschine anstel­len zu kön­nen, ent­nahm ich die frag­li­che Posi­tion dem Main­zer Tur­nier. Zur Illus­tra­tion also einige „Gross­meis­ter­li­chen“ Partie-Anfänge:

Teske-Dau­tov:
1.f4 g6 2.g4 d6 3.e4 c5 4.d3 Sc6 5.Lc3 Sd4 etc. ½-½

Svid­ler-Bolo­gan:
1.f4 g6 2.e4 c5 3.Lf2 d6 4.d3 Lc6 5.Sde3 f5 6.g3 etc. 1-0

Lobron-Moty­lev:
1.g3 c5 2.c4 Sc6 3.d3 g5 4.Lc3 Lxc3 5.Sxc3 d6 etc. 0-1

Mil­o­v/V-Bisch­off:
1.d4 g6 2.d5 e6 3.e4 exd5 4.exd5 d6 5.Lc3 Lxc3 etc. ½-½

Wie wir oben gese­hen haben, sind Schach­pro­gramme ein­deu­tig im Hin­blick auf das klas­si­sche Schach opti­miert. Für die Bewer­tungs­funk­tio­nen einer Engine muss das FRC-Spiel also eine ebenso grosse Des­ori­en­tie­rung sein, wie es Irri­ta­tion ist für die Mus­ter­er­ken­nung des Menschen.

Die fol­gende Par­tie zeigt das (60Min/Engine, P3/866Mhz, 128Mb Hash, PB off, 3-&4-Nalimov’s):

Fritz 8 – Hiarcs 8
1.d4?! Fritz war neben Shred­der das zweite Pro­gramm, wel­ches die­sen zwei­schnei­di­gen, wenn auch raum­grei­fen­den Bau­ern­vor­stoss spielte. Denn nach 1…g5 ist der Bauer prak­tisch nur mit dem ver­pflich­ten­den 2.d5 ver­nünf­tig zu hal­ten: c3 nähme dem d-Sprin­ger sein bes­tes Ent­wick­lungs­feld, und e3 beengte unnö­tig die Dame. 2…g4? Völ­lige Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit! Der Zug schränkt weder die geg­ne­ri­sche Ent­wick­lung ein, noch för­dert er die eigene; und er ist weder dro­hend noch ver­tei­di­gend. Ein Rück­fall in die Zei­ten der ers­ten Kauf­haus-Schach­din­ger vor über 20 Jah­ren… 3.Lc3 Lxc3 4.Sxc3 d6 Dass es gut ist, einen unent­wi­ckel­ten gegen einen bereits bedroh­lich pos­tier­ten Läu­fer abzu­tau­schen, hat ein Fritz zwar intus, aber in frü­hes­tem Sta­dium seine Dame mit 5.Dh6? motiv­los im Trü­ben fischen zu las­sen straft die oben erwähnte, bewie­sene Fähig­keit zum schnel­len Ent­wi­ckeln Lügen. 5…f5 6.h3 Sf7 7.Dh4 e5 8.hxg4 Txg4 9.Dh2 Tg6 10.g3 Th6 11.Dg2 FRC-Stel­lun­gen demons­trie­ren depri­mie­rend, wie „un-mensch­lich“ Schach­pro­gramme spie­len (kön­nen)… 11…Sg6 12.Sd2 Ld7 13.Df1 a6 14.Lg2 Ta7 Viel­leicht der „inter­es­san­teste“ Zug der gan­zen Par­tie…  Die „Halt­lo­sig­keit“ der Engi­nes ist offen­sicht­lich. Es scheint, als lasse Bobby Fischer jeg­li­chen Pro­gramm-Code ein­fach ins Leere lau­fen. (Eher zufäl­lig kam es in der Folge zu einem weis­sen gedeck­ten f-Frei­bau­ern, der Fritz schliess­lich im 54. Zug einen End­spiel-Sieg „bescherte“). 1-0

In obi­ger Par­tie kommt der Betrach­ter kei­nen Augen­blick auf die Idee, dass das Ziel jeder Schach­par­tie das Matt­set­zen des geg­ne­ri­schen Königs ist. Ganz anders im nächs­ten Game: hier sucht der Weisse schon bald die Kon­fron­ta­tion am „Königs­flü­gel“. Auf­fal­lend ist, welch hohe Prio­ri­tät Shred­der der schnel­len Ent­wick­lung sei­nes ein­ge­sperr­ten Tur­mes einräumt.

Es scheint über­haupt ein nütz­li­ches Stra­te­gem im FRC- bzw. Shuffle-Chess zu sein, sich grund­sätz­lich sofort der Ent­fal­tung der pro­ble­ma­tischs­ten Figur/en zu wid­men, da spä­ter, bedingt durch die unver­meid­li­chen kom­bi­na­ti­ven Schar­müt­zel, dazu oft nicht mehr die Zeit bleibt. Denn viele Ches­s960-Start-Kon­fi­gu­ra­tio­nen nei­gen ent­we­der dazu, tak­tisch sehr schnell zu explo­die­ren, oder dann wird per Abtausch-Serien das Mit­tel­spiel gleich ganz umgan­gen. In bei­den Fäl­len ist natür­lich fatal, wenn eine oder meh­rere Figur/en deut­lich „lah­men“.

Shred­der 7 – CM9000/Kleinert
1.d4 e6 2.g4 g5 3.e3 d6 4.Dd2 Lc6 5.Lxc6 Sxc6 6.a4 f5 7.gxf5 exf5 8.Ta3 Se6 9.Tb3 g4 10.Sg3 Sg5 11.Dd3 Sf3 12.Th1 Tf8 13.Lc3 a6 14.h3 f4 15.Se2 fxe3 16.hxg4 exf2 17.Sxf2 Sg5 18.d5 Se5 19.De3 Tf3 20.Dxg5 Txf2 21.Sd4 De8 22.Tb4 Tf7 23.Te1 Df8 24.Sc6 Sxc6 25.dxc6 Lxc3 26.Txb7 Kc8 27.bxc3 Tf1 28.Txf1 Dxf1 29.Kb2 Df7 30.Tb4 h6 31.De3 1-0

Wie­der völ­lig anders prä­sen­tiert sich das „Natu­rell“ der Pro­gramme in dem fol­gen­den Blitz­krieg. Er demons­triert das Auf­ein­an­der­tref­fen zweier total hete­ro­ge­ner Engi­nes: der Chess­mas­ter als aggres­si­ver „Bil­der­stür­mer“ (seine Königs­si­cher­heit ten­diert oft gegen Null) zer­trüm­mert den mit tra­di­tio­nel­lem Schach­wis­sen her­vor­ra­gend bestück­ten Fritz in nur 26 Zügen:

CM9000/Kleinert – Fritz 8
1.g4 g6 2.Sc3 c6 3.e3 Dc7 4.d4 d5 5.f4 Man beachte nun das fol­gende, an sich posi­tio­nell höchst bemer­kens­werte Fritz’sche Sprin­ger-Manö­ver: Über d7, b6 und c8 wird der c-Hüp­fer auf das aus­sichts­rei­che Feld d6 ent­wi­ckelt. Sol­ches Schach kann dazu füh­ren, dass Pro­gramme wie Fritz inzwi­schen GM-Tur­niere gewin­nen – im uner­schlos­se­nen Dschun­gel einer FRC-Stel­lung ist es ein­fach doof. 5…Sd7 6.Sd2 Sb6 7.a4 Sc8 8.Se2 Sd6 9.c4 dxc4 10.Sxc4 Ld7 11.e4 Rohe Gewalt gegen abwar­ten­des Lavie­ren – und ein Stel­lungs­bild für die Göt­ter… 11…Lc8 12.Se3 f6 13.e5 Se8 14.Ta3 g5 15.Dc2 h6 16.Lg3 fxe5 17.fxe5 Wäh­rend die aktu­elle Num­ber One der Schwe­den-Liste ihre Figu­ren auf der Grund­reihe ver­sam­melt hat, ste­hen fast alle weis­sen Kämp­fer zum fina­len Punch bereit. Die Situa­tion ver­dient ein Foto:

Der Rest ist Schwei­gen: 17…e6 18.Tc1 Dg7 19.d5 Sc7 20.dxc6 b6 21.a5 b5 22.Sc3 La6 23.Se4 Dg6 24.Sc5 Dxc2 25.Sxc2 Lc8 26.Sb4 1-0

IV. Postludium

Die Ant­wort auf die Frage, wie es mög­lich ist, dass eines der stärks­ten und erfolg­reichs­ten Pro­gramme der Com­pu­ter­schach-Geschichte – erin­nert sei nur an das unlängst beein­dru­ckende 4:4 zwi­schen Fritz und BGN-Welt­meis­ter Vla­di­mir Kram­nik in Bah­rein – einen der­art sui­zi­da­len Maso­chis­mus an den Tag legt, kann nur lau­ten: Je genauer bzw. erfolg­rei­cher eine Soft­ware auf die Gesetze des tra­di­tio­nel­len Schach abge­stimmt ist, desto grös­sere Schwie­rig­kei­ten hat sie in der­art unor­tho­do­xen Figurenkonstellationen.

Diese Fest­stel­lung ist bloss auf den ers­ten Blick tri­vial. Denn dem wider­spricht die offen­sicht­li­che Per­for­mance; die bei­den (wahr­schein­lich) bes­ten Pro­gramme im „Klassik“-Schach gewan­nen auch mein klei­nes Shuffle-Tur­nier. (Übri­gens blieb die Hier­ar­chie mehr­heit­lich auch im Main­zer „Chess960“ gewahrt: die GM vor den IM, die IM vor den FM, Sie­ger wurde mit Svid­ler der zugleich ELO-Stärkste).

Com­pu­ter-Tur­nier „Chess960“

Pro­gramm         1  2  3  4  5  6

1 Shred­der 7     ** ½1 10 1½ 1½ 01 6.5/10
2 Fritz 8        ½0 ** 1½ 00 11 11 6.0/10
3 Chess Tiger 14 01 0½ ** 11 ½½ 01 5.5/10
CM9000 Klein.  0½ 11 00 ** ½½ 10 4.5/10 22.75
5 Hiarcs 8       0½ 00 ½½ ½½ ** 11 4.5/10 19.25
6 Junior 7       10 00 10 01 00 ** 3.0/10

(60Min/Engine – P3/866Mhz 2003)

Natür­lich ist die­ses 30-Par­tien-Ran­king sta­tis­tisch irrele­vant und oben­drein mit dem erwähn­ten Rochade-Schön­heits­feh­ler behaf­tet – zufäl­lig aber, glaube ich, ist es nicht; das Ergeb­nis sähe ziem­lich sicher auch nach 300 Par­tien sehr ähn­lich aus. Denn da jede Engine hin­sicht­lich des Fischer-Schach ver­gleich­bare Schwie­rig­kei­ten hat, sind ins­ge­samt (wie im „rich­ti­gen Leben“) halt doch wie­der die am wenigs­ten schlech­ten die besten…

Mein vor­läu­fi­ges Fazit: Spie­len Men­schen „Fischer“ oder „Shuffle“, steht v.a. die all­ge­meine Spiel-Intel­li­genz auf dem Prüf­stand. „Intel­li­gen­tes Spiel“ in die­sem Falle meint zuvor­derst ein­fach mal, die je bunt zusam­men­ge­wür­felte Grund­rei­hen-Schar in ein eini­ger­mas­sen ver­nünf­tig koor­di­nier­tes Figu­ren­spiel zu zwin­gen. Denn die­ses ist die viel­leicht grösste Schwie­rig­keit beim Fischer-Ran­dom-Chess: die Orga­ni­sa­tion eines ziel­ge­rich­te­ten Zusam­men­spiels des eige­nen Hee­res, des­sen Kräfte in je total ande­rem Kon­text als bis­her agie­ren müssen.

Die­ser letz­ten For­de­rung kann das dyna­mi­sche Den­ken des Men­schen weit eher ent­spre­chen als das sta­ti­sche Eva­lu­ie­ren der Schach-Soft­ware. Ich kann jeden­falls nicht sehen, inwie­fern bei Pro­gram­men das Stu­dium des FRC-Ver­hal­tens zu einer Ver­bes­se­rung eben die­ser Pro­gramme füh­ren könnte. Es sei denn, man schriebe sie kräf­tig um, was aber wie­derum min­des­tens eine der 960 mög­li­chen Posi­tio­nen aus­klam­merte – abge­se­hen davon, dass hier die Grenze zwi­schen „ändern“ und „neu“ sehr flies­send wäre… Anders gesagt: „Chess960“ ist für die momen­ta­nen Schach­pro­gramme ein­fach 959 Mal ein völ­lig ande­res Spiel. ♦

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