J. Konikowski und O. Heinzel: Holländisch – richtig gespielt

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Varianten-Fülle auf Kosten der Kommentierung

von Malte Thodam

Der Dop­pel­schritt des schwar­zen f-Bau­ern als Ant­wort auf 1.d4 gilt seit lan­ger Zeit als umstrit­ten. Wäh­rend einige starke Gross­meis­ter den Zug in ihrem  Reper­toire haben, oder ihn zumin­dest frü­her ein­mal gespielt haben (unter ande­rem sogar Kram­nik!), leh­nen andere ihn vehe­ment als feh­ler­haft ab. GM Jus­su­pow, der übri­gens ebenso wie bereits Welt­meis­ter Kram­nik in der Ver­gan­gen­heit dar­auf zurück­ge­grif­fen hat, bemerkte über die Hol­län­di­sche Eröff­nung ein­mal, dass f5-f7 wohl viel­fach der beste Zug wäre, wenn er denn den Regeln nach mög­lich wäre…
Das ist sicher etwas über­spitzt for­mu­liert, zeigt aber die Schwie­rig­keit der Dis­kus­sion über diese unge­wöhn­li­che Spiel­weise ein­deu­tig. Der GM Vla­di­mir Mal­a­niuk gilt heute als füh­ren­der Experte des Lenin­gra­der Sys­tems, genau wie der deut­sche Gross­meis­ter Ste­fan Kin­der­mann, des­sen Buch über die besagte Eröff­nung einen sehr guten Ruf geniesst.

Das komplette Holländisch-Repertoire angeboten

Konikowski: Holländisch - richtig gespieltAktu­ell ist nun im Joa­chim-Beyer-Ver­lag ein neues Werk zur Hol­län­di­schen Eröff­nung erschie­nen. In „Hol­län­disch rich­tig gespielt“ wol­len FM Jerzy Koni­kow­ski und IM Olaf Hein­zel dem Leser ein kom­plet­tes Reper­toire für Schwarz nach 1.d4 f5 anbie­ten. Doch damit nicht genug: Es steht dem Leser die Wahl zwi­schen dem Stone­wall und dem Lenin­gra­der Sys­tem offen, beide für sich genom­men schon ziem­lich anspruchsvoll.

Das alles auf 149 Sei­ten unter­brin­gen zu wol­len, erscheint ziem­lich ambi­tio­niert – vor allem, wenn man die zahl­rei­chen Neben­va­ri­an­ten bedenkt, die gerade auf Ebene der Ver­eins­spie­ler nicht gerade unge­fähr­lich sind. In der Ein­füh­rung ver­spre­chen die Autoren auch dar­auf kurz ein­zu­ge­hen, ohne gewisse Vor­kennt­nisse oder aber die nötige Spiel­stärke sucht der­je­nige, der sich mit der Hol­län­di­schen Ver­tei­di­gung ver­traut machen möchte, jedoch oft nach genaue­ren Erklä­run­gen. Zum Bei­spiel erhält das für ver­sierte Hol­län­disch-Spie­ler zuge­ge­be­ner­mas­sen nicht gerade furcht­ein­flös­sende 2.g4 nur einige Vari­an­ten, die mit „unklar“ oder „Schwarz steht leicht bes­ser“ enden. Die Autoren bemer­ken dazu (auf S.11): „Sie wer­den fest­stel­len, dass Ihnen weni­ger bekannte Abspiele in der Tur­nier­pra­xis keine Schwie­rig­kei­ten mehr berei­ten wer­den, wenn Ihnen die Prin­zi­pien die­ser Eröff­nung bekannt sind.“ Das trifft natür­lich auf jede Eröff­nung zu, aber den­noch drängt sich die Frage auf, wieso man hier nicht aus­führ­li­cher kom­men­tiert hat.

Interessant, umstritten, chancenreich: Die Holländische Partie 1.d2-d4 f7-f5
Inter­es­sant, umstrit­ten, chan­cen­reich: Die Hol­län­di­sche Par­tie 1.d2-d4 f7-f5

Die­ser Stil zieht sich durch das ganze Buch. Es gibt viele Vari­an­ten, die mit „Schwarz steht bes­ser“, „mit zwei­schnei­di­gem Spiel“ oder ähn­li­chen Bewer­tun­gen enden. Die genaue­ren Details muss sich der Leser jedoch selbst erar­bei­ten, bzw. er muss stark genug sein, um mit die­sen knap­pen Ein­schät­zun­gen genug anfan­gen zu kön­nen. Gerade weni­ger erfah­rene Spie­ler wün­schen sich aber erfah­rungs­ge­mäss oft lie­ber einige ver­bale Zusatzerklärungen.

Varianten-Gestrüpp überwuchert die Kommentare

Es ist prin­zi­pi­ell in Ord­nung, wenn ein Buch wie das vor­lie­gende auf­ge­baut ist, nur muss man sich im Kla­ren dar­über sein, dass dies harte Arbeit bedeu­tet, wenn die zahl­rei­chen Vari­an­ten die Kom­men­tare ein­deu­tig über­wie­gen. Dies ist nicht unbe­dingt nach jeder­manns Geschmack. Die Par­tien sind etwas aus­führ­li­cher kom­men­tiert als der Rest des Buches, doch warum stammt die aktu­ellste Par­tie aus dem Jahre 2006? Hätte man hier nicht neue­res Mate­rial benut­zen kön­nen, zumal etli­che wirk­lich alte Spiele das Gros des dar­ge­bo­te­nen Par­tie­ma­te­ri­als aus­ma­chen? Auch die Zusam­men­fas­sun­gen der Kapi­tel könn­ten teil­weise etwas umfang­rei­cher sein. Schluss­fol­ge­run­gen wie: „Vor die­ser weis­sen Auf­stel­lung braucht sich Schwarz nicht zu fürch­ten. Er kann das Spiel ein­fach aus­glei­chen“ (S.105) wir­ken manch­mal ein wenig zu knapp.

Fazit-Balken Glarean Magazin
Teil­weise geht die Fülle der Vari­an­ten und Neben-Abspiele klar auf Kos­ten der (all­ge­mei­nen) Kom­men­tare – schlecht für den „nor­ma­len“ Ver­eins-Spie­ler. Für den Elo-star­ken Tur­nier-Spie­ler kann sich der Band hin­ge­gen als durch­aus hilf­rei­che Unter­stüt­zung der häus­li­chen Vor­ar­beit erweisen.

Immer­hin wird aber hier und da auf wich­tige Punkte auf­merk­sam gemacht, die man aller­dings in der Regel anhand der Vari­an­ten wie­der selbst erar­bei­ten muss, da sie nicht immer wei­ter aus­ge­führt wer­den. Schliess­lich ist es etwas schade, dass die Fülle an Vari­an­ten auf Kos­ten der Kom­men­tare geht, um auf den ca. 150 Sei­ten das ein­gangs erwähnte Vor­ha­ben umset­zen zu kön­nen. Denn durch das Gefühl, auf man­chen Sei­ten in den Vari­an­ten regel­recht zu ertrin­ken, wird man­cher gute und rich­tige Kom­men­tar in den Hin­ter­grund gedrängt. Ein paar Sei­ten mehr für ver­bale Erklä­run­gen hät­ten dem Buch sicher nicht gescha­det, zudem hät­ten sie die Les­bar­keit sicher­lich verbessert.
Den gröss­ten Nut­zen aus die­ser – druck­tech­nisch und lay­oute­risch sehr gedie­gen prä­sen­tier­ten – Mono­gra­phie wird also der erfah­rene, kräf­tig mit Elo-Punk­ten aus­ge­stat­tete Tur­nier­spie­ler zie­hen, den weni­ger die all­ge­mei­nen (hol­län­di­schen) Stel­lungs­kri­te­rien denn die kon­kre­ten Abspiele inter­es­sie­ren. Für ihn kann sich der Band als durch­aus hilf­rei­che Unter­stüt­zung der häus­li­chen Tur­nier-Vor­ar­beit erweisen. ♦

J.Konikowski / O. Hein­zel, Hol­län­disch – rich­tig gespielt, Joa­chim Beyer Ver­lag, 144 Sei­ten, ISBN 978-3888054990

Inhalt (Auszug)

Inhalt von "Holländisch - richtig gespielt" (Joachim Beyer Verlag)
Inhalt von „Hol­län­disch – rich­tig gespielt“ (Joa­chim Beyer Verlag)

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Schach auch über
Mar­tin Breu­ti­gam: Todes­küsse am Brett

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)