Heute vor … Jahren: Die Komponistin Jocy de Oliveira

Jocy de Oliveira – oder: Klang als Zumutung

von Walter Eigenmann

Am 11. April 1936 wird in Cu­ri­ti­ba (Bra­si­li­en) mit Jocy de Oli­vei­ra eine je­ner Künst­le­rin­nen ge­bo­ren, über die das Mu­sik-Feuil­le­ton seit Jahr­zehn­ten ge­scheit re­det – und die man da­bei fast nie wirk­lich hört. Pia­nis­tin, Kom­po­nis­tin, Mul­ti­me­dia-Künst­le­rin – die Eti­ket­ten stim­men so­weit, aber sie ver­de­cken mehr, als sie zei­gen. Ihr Werk lässt sich ei­gent­lich nur ne­ga­tiv be­schrei­ben: Nicht ein­gän­gig, nicht ge­fäl­lig, oft sper­rig – und in die­ser Sper­rig­keit von ei­ner Kon­se­quenz, die ei­nem ir­gend­wann Be­wun­de­rung abnötigt.

Pianistin, Komponistin, Multimediakünstlerin: Jocy de Oliveira in ihrem Atelier
Pia­nis­tin, Kom­po­nis­tin, Mul­ti­me­dia­künst­le­rin: Jocy de Oli­vei­ra in ih­rem Ate­lier (1980er Jahre)

De Oli­vei­ras Um­feld war früh pro­mi­nent: Stu­di­en bei Mar­gue­ri­te Long, Be­geg­nun­gen mit Stra­win­sky, Cage, Xe­na­kis. Man kann das als Her­kunfts­nach­weis le­sen und sich da­bei lang­wei­len, in­ter­es­san­ter ist je­doch, dass de Oli­vei­ra aus die­ser Nähe zu den Gro­ßen kei­ne Im­mu­ni­tät be­zog, son­dern eine Po­si­ti­on – eine, die sich eben ge­ra­de nicht ein­ord­nen lässt.

1961 ent­stand Apa­gue meu spot light, eine elek­tro­ni­sche Ar­beit, die zeit­wei­se nicht auf­ge­führt wer­den durf­te, wo­bei die ge­nau­en Um­stän­de im kul­tur­po­li­ti­schen Ne­bel blei­ben. Aber an­ge­sichts der po­li­ti­schen Lage im Bra­si­li­en je­ner Jah­re – kul­tu­rel­le Frei­räu­me wa­ren ja schon vor dem Mi­li­tär­putsch von 1964 brü­chig – über­rascht das kaum. Dass aus­ge­rech­net ein Werk mit dem Ti­tel „Lösch mei­nen Schein­wer­fer“ in Schwie­rig­kei­ten ge­riet, ist eine die­ser Poin­ten, die sich die Ge­schich­te ge­le­gent­lich erlaubt…

Arbeiten mit der Stille

De Oli­vei­ras Schaf­fen zen­triert Mul­ti­me­dia-Opern, dar­un­ter „In­o­ri à Pro­sti­tu­ta Sagra­da“, „Il­lud Tem­pus“, „As Ma­li­brans“. „In­o­ri“ dürf­te ihr wohl bis­lang stärks­tes Werk sein: Es löst die Span­nung zwi­schen ri­tu­el­lem Ge­sang und elek­tro­ni­schem Klang nicht auf, will sie be­wusst nicht auf­lö­sen. Man war­tet, dass sich et­was fügt, doch es fügt sich nicht. Das ist kei­ne Schwä­che des Stücks, das ist sei­ne Logik.
„Il­lud Tem­pus“ wie­der­um ar­bei­tet mit Stil­le – nicht als Pau­se, son­dern als Ma­te­ri­al. Wo­bei das in der Be­schrei­bung plau­si­bler klingt, als es sich beim Hö­ren an­fühlt: Ir­gend­wann fragt man sich, ob das War­ten selbst schon kom­po­niert ist. Je nach Ver­fas­sung ist das me­di­ta­tiv oder schlicht zermürbend.

Sperrigkeit als Leitmotiv

Die 89-jährige Komponistin bei einer Musik-Vorlesung in Brasilien
Die 89-jäh­ri­ge Kom­po­nis­tin bei ei­ner Mu­sik-Vor­le­sung in Cu­ri­ti­ba (Mai 2025)

2006 ent­steht eine wei­te­re Mul­ti­me­dia-Oper: In „Kse­ni – A Es­tran­ge­i­ra“ wen­det sich die Kom­po­nis­tin der alt­grie­chi­schen Fi­gur der Me­dea zu, de­ren My­thos in ei­nem völ­lig neu­en Licht the­ma­ti­siert wird, in­dem Me­dea nun – an­ders als in Ver­to­nun­gen frü­he­rer Kom­po­nis­ten – zur Frem­den wird, die für ihr Recht auf das An­der­sein, auf Ak­zep­tanz des Ab­wei­chen­den kämpft. Auch hier ist die ein­gangs er­wähn­te Sper­rig­keit ein in­halt­li­ches, ein sub­stan­ti­el­les Leit­mo­tiv. In der Oper kippt nun die Stim­me zwi­schen Flüs­tern und Schrei, und auf ein­mal weiß man nicht mehr, ob man’s noch Ge­sang nen­nen soll oder et­was an­de­res, für das es ein­fach kei­nen plau­si­blen Be­griff gibt. Beim ers­ten Hö­ren – nur als Auf­nah­me, nicht im Kon­zert­saal – woll­te ich das Stück weg­schie­ben und wei­ter zu­hö­ren gleich­zei­tig. Ich habe wei­ter zugehört…

Li­quid Voices“ (2017) schliess­lich ver­bin­det Oper und Film, greift die Stru­ma-Ka­ta­stro­phe von 1942 auf, nä­hert sich die­ser ohne Pa­thos, kühl, fast sprö­de, und ge­ra­de das macht den Zu­gang schwer: Es gibt kei­ne emo­tio­na­le Füh­rung, kei­ne Hand­ha­be, die Hal­tung des Stü­ckes er­in­nert an den Fil­me­ma­cher Fass­bin­der – nicht in­halt­lich, son­dern in der Art, wie emo­tio­na­le Zu­mu­tun­gen ein­fach ste­hen­ge­las­sen wer­den – ohne Er­klä­rung, ohne Absicherung.

Verweigerung als Form-Bestandteil

Noten-Zitat aus dem "Module 1" in "Encontro desencontro für Klaviere und Tape" von Jocy de Oliveira
Zi­tat aus „Mo­du­le 1“ in „En­con­tro de­sen­con­tro“ für Kla­vie­re und Tape von Jocy de Oli­vei­ra (1982)

De Oli­vei­ra ist in­ter­na­tio­nal durch­aus wahr­ge­nom­men wor­den, aber in ih­rem Hei­mat­land Bra­si­li­en lan­ge we­ni­ger; ob das kul­tur­po­li­tisch et­was zu be­deu­ten hat­te, wäre noch zu re­cher­chie­ren – auf­fäl­lig ist es auf je­den Fall. Re­zep­to­ri­sche Schwie­rig­keit, der häu­figs­te Grund von an­fäng­li­cher Ab­leh­nung, ist ja noch kein Qua­li­täts­merk­mal – das muss man sich ge­le­gent­lich in Er­in­ne­rung ru­fen, wenn man in der zeit­ge­nös­si­schen Mu­sik-Sze­ne un­ter­wegs ist. Aber bei de Oli­vei­ra wirkt die Ver­wei­ge­rung nicht wie Ges­te, nicht wie Di­stink­ti­ons­geh­abe – sie wirkt wie die ein­zig mög­li­che Form. Und das macht die­se Mu­sik dop­pelt in­ter­es­sant, auch dann, wenn man sich ihr nur zö­gernd nä­hert, viel­leicht ge­ra­de dann. Je­den­falls dürf­te hier mal ihre Eti­ket­tie­rung des brei­ten Te­nors im Mu­sik-Feuil­le­ton stim­men: Jocy de Oli­vei­ra ist die in­no­va­tivs­te, viel­leicht be­deu­tends­te Kom­po­nis­tin Süd­ame­ri­kas. Und hier­zu­lan­de ei­gent­lich noch zu entdecken… ♦

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