Giya Kancheli: Letters to Friends (Musik-CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 10 Minu­ten

Filmmusik für Freunde

von Horst-Dieter Radke

Film­mu­sik hat sich längst von der aus­schliess­li­chen Funk­tion, die Hand­lung eines Films ange­mes­sen zu unter­ma­len, befreit. Sie ist schon bei Hitch­cock manch­mal Teil der Hand­lung, zum Bei­spiel in „The Man Who Knew Too Much“, das er zwei­mal ver­filmte (1934 & 1956). Seit den 1960er Jah­ren wurde man­che Film­mu­sik auch abseits der Kino­säle zu einem Ver­kaufs­schla­ger, etwa die Musik zu den Karl May Fil­men von Mar­tin Bött­cher. Und seit der Jahr­tau­send­wende gehen ganze Orches­ter mit Film­mu­sik auf Tour­nee, mal um einen Film live zu beglei­ten, meist aber im Kon­zert­saal ohne flim­mernde Bil­der an der Lein­wand, etwa mit der Musik zur „Herr-der-Ringe“-Trilogie.

Giya Kancheli - Letters to Friends - CD-Cover - Glarean MagazinDoch bereits seit den frü­hen 1930er Jah­ren, fast also vom Beginn des Ton­films an, konn­ten für die Auf­gabe der musi­ka­li­schen Unter­ma­lung eines Films bedeu­tende Kom­po­nis­ten gewon­nen wer­den, etwa Erich Wolf­gang Korn­gold, Michael Nyman, Phil­ipp Glass, um nur wenige Namen ein­mal will­kür­lich her­aus­zu­grei­fen. Andere Kom­po­nis­ten wur­den über­haupt durch ihre Film­mu­sik so bekannt wie die Film­schaf­fen­den selbst: Ennio Mor­ricone, John Wil­liams und Hans Zim­mer, um drei Iko­nen zu nen­nen. Wie ange­kom­men die Film­mu­sik im klas­si­schen Kon­zert­be­trieb ist, zeigt Star­gei­ge­rin Anne-Sophie Mut­ter, die neu­er­dings mit Musik des Kom­po­nis­ten John Wil­liams auf­tritt und Musik aus Star Wars, Harry Pot­ter und ande­ren Fil­men spielt, dazu auch ein Album aufnahm.

Score from the podium: Only the stars!

Der georgische Komponist Giya Kancheli (geb. 1935 in Tiflis) - Glarean Magazin
Giya Kan­cheli

John Wil­liams ist eben­falls eine sichere Sache. Sei­nen Namen ken­nen auch Leute, die sonst aus­ser­halb des aktu­el­len Pop-Pro­gramms keine Namen ken­nen. Von Gija Kan­cheli haben aber auch viele Klas­sik­hö­rer noch nichts gehört, zumin­dest die­je­ni­gen, die auf die übli­chen Klas­si­ker set­zen. Bei einer per­sön­li­chen klei­nen Umfrage konnte ich das fest­stel­len, aber auch, dass er für einige schon so als eine Art „Geheim­tipp“ gilt. Für mich ist er das, seit ich die CD „Let­ters To Fri­ends“ kenne, auch.

From stage and film to the friends

Soeben erreichte uns die Nach­richt, dass Giya Kan­cheli ges­tern (2. Okto­ber 2019) mit 84 Jah­ren in sei­ner Geburts­stadt Tif­lis gestor­ben ist. 1935 gebo­ren, besuchte er ab 1959 das Staat­li­che Kon­ser­va­to­rium in Tif­lis, wo er Kom­po­si­tion stu­dierte. Als frei­schaf­fen­der Kom­po­nist schuf er Sym­pho­nien und andere Orches­ter­werke, Kam­mer­mu­sik und vor allem Musik zu zahl­rei­chen Fil­men und Thea­ter­wer­ken. Ab 1991 lebte er über­wie­gend in West­eu­ropa, unter ande­rem in Ber­lin und Ant­wer­pen. (HD-R)

Die „Let­ters to Fri­ends for Vio­lin and String Orches­tra“ ist nun nicht ein­fach die Musik, die den Fil­men unter­legt war. Kan­cheli hat die The­men eini­ger Orches­ter- und Büh­nen­mu­si­ken genom­men und zunächst für Kla­vier, spä­ter für Kla­vier und Vio­line bear­bei­tet, oder bes­ser gesagt: umge­ar­bei­tet. Als der ita­lie­ni­sche Gei­ger Andrea Cor­tesi ihn um ein Vio­lin­kon­zert bat, nahm er sich das Mate­rial noch ein­mal vor. Urauf­ge­führt wurde es im Juli 2017 mit den Geor­gian Strings in Tif­lis, mit denen auch die Ein­spie­lung die­ser CD stattfand.

Giya Kancheli - She Is Here - Filmmusik aus Sherekilebi (1974) - Glarean Magazin
Noten­bei­spiel: Beginn von „She Is Here“ (Musik zum Film „She­reki­lebi“, Geor­gien 1974) von Giya Kancheli

Die ein­zel­nen kur­zen Sätze – ins­ge­samt 25, man­che kaum ein­ein­halb Minu­ten, das längste vier­ein­halb Minu­ten –, sind jeweils einer bestimm­ten Per­son gewid­met, etwa das letzte „Let­ter to direc­tor Robert Sturua (1938)“, mit dem er am Rusta­weli-Thea­ter in den 1960er und 1970er Jah­ren zusam­men­ge­ar­bei­tet hatte. Die Musik stammt aus den Büh­nen­mu­si­ken zu „Richard III“ von Wil­liam Shake­speare. Von den Fil­me­ma­chern und ihren Fil­men – etwa Liana Eliava, Levan Chelidze und Zaira Arse­nish­vili – hat man hier­zu­lande eher noch nichts gehört. Andere wie Lana Gog­o­be­r­idze haben es aber auch schon auf die inter­na­tio­na­len Film­fest­spiele von Can­nes gebracht (1984). Das ist beim Hören aber durch­aus von Vor­teil. Keine Bil­der aus dem Film oder von der Bühne len­ken unnö­tig von der Musik ab.

Tagträumend durch die Themen hören

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Die Viel­falt der The­men und Melo­dien machen das Hören der CD zu einer kurz­wei­li­gen Ange­le­gen­heit. Bei dem einem Stück wähnt man sich in die Zei­ten der 1940er Jahre zurück ver­setzt, ande­res klingt über­ra­schend modern – nie­mals aber ato­nal. Der Inter­pret Andrea Cor­tesi schreibt dazu im Book­let: „These pie­ces are day­d­reams. And not the ren­de­rings of fan­tasy an dun­con­scious, but sta­tes of lim­pid sen­si­ti­vity and con­sis­couness. It is pre­cis­ely when the breaths of our fee­lings and thoughts touch the pro­file of the sound that there are not many dif­fe­ren­ces bet­ween what is phy­si­cal and what ist beey­ond it.“ Bes­ser lässt sich das nicht formulieren.
Cor­tesi macht seine Sache bei die­ser Musik gut. Er ist immer prä­sent und nicht zu über­hö­ren. Und doch ist er oft so ver­wo­ben mit dem Kam­mer­or­ches­ter, dass er nie­mals wie ein Fremd­kör­per wirkt, son­dern wie „einer der ihren“. Und obwohl das Orches­ter gut besetzt ist – sechs mal Vio­line 1, fünf mal Vio­line 2, fünf mal Viola, drei Celli und einen Kon­tra­bass – klingt alles eher wie Kam­mer­mu­sik denn wie ein Orches­ter – sehr intim.

FAZIT: „Let­ters To Fri­ends“ von Giya Kan­cheli sind 65 Minu­ten unter­hal­tende (Film-)Musik. Aber diese klei­nen Minia­tu­ren sind mehr als nur Unter­hal­tung, auch wenn das sich als ers­ter Ein­druck ein­stellt. Die vie­len kur­zen, teils fili­gra­nen The­men for­dern zum inten­si­ven Mit­hö­ren her­aus. Und alles inter­pre­tiert von her­vor­ra­gen­den Musi­kern – Kaufempfehlung!

Zusam­men­ge­fasst: „Let­ters To Fri­ends“ von Giya Kan­cheli sind 65 Minu­ten unter­hal­tende Musik. Aber diese klei­nen Minia­tu­ren sind mehr als nur Unter­hal­tung, auch wenn das sich als ers­ter Ein­druck ein­stellt. Die vie­len klei­nen, teils fili­gra­nen The­men for­dern zum inten­si­ven Mit­hö­ren her­aus, und wenn man dann ent­deckt, das sich in einem sol­chen Stück nicht nur ein, son­dern auch zwei The­men ver­ste­cken, erlebt man sogar so etwas wie ein Glücks­ge­fühl. Dabei alles inter­pre­tiert von her­vo­r­a­gen­den Musi­kern, Solist wie Orches­ter – etwas Bes­se­res konnte dem Kom­po­nis­ten nicht pas­sie­ren, was Kan­cheli selbst auch so sieht und per­sön­lich im Vor­wort des Book­lets zum Aus­druck bringt. ♦

Giya Kan­cheli: Let­ters to Fri­ends – For Vio­lin and String Orches­tra, Andrea Cor­tesi (Vio­line), Geor­gian Strings, Bril­lant Classics

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Moderne Klas­sik auch über Dirk Maas­sen: Ava­lan­che – Brü­cke zwi­schen den Welten

… sowie zum Thema Musik für Vio­line über Erik Chis­holm: Vio­lin­kon­zert & Dance Suite

Wei­tere inter­es­sante CD-Bespre­chun­gen im GLAREAN von Giu­seppe Tart­ini: 4-parts Sona­tas and Sinfonias

… sowie von „Bright Is The Ring Of Words“ für Bari­ton & Klavier


English Translation

Film music for friends

by Horst-Die­ter Radke

Film music has long since freed its­elf from its exclu­sive func­tion of pro­vi­ding an appro­priate back­ground to the plot of a film. In Hitchcock’s film „The Man Who Knew Too Much“, for exam­ple, which he filmed twice (1934 & 1956), it is some­ti­mes part of the plot. Since the 1960s some film music became a best­sel­ler even out­side the cine­mas, for exam­ple the music for the Karl May films by Mar­tin Bött­cher. And since the turn of the mill­en­nium entire orchestras have been tou­ring with film music, some­ti­mes to accom­pany a film live, but mostly in con­cert halls wit­hout fli­cke­ring pic­tures on the screen, for exam­ple with the music for the „Herr-der-Ringe“ trilogy.

But as early as the early 1930s, almost from the begin­ning of the sound film, important com­po­sers such as Erich Wolf­gang Korn­gold, Michael Nyman and Phil­ipp Glass have been won over to the task of pro­vi­ding a musi­cal back­ground for a film, to pick out just a few names at ran­dom. Other com­po­sers became as famous for their film music as the film­ma­kers them­sel­ves: Ennio Mor­ricone, John Wil­liams and Hans Zim­mer, to name three icons. Star vio­li­nist Anne-Sophie Mut­ter, who recently appeared with music by com­po­ser John Wil­liams and plays music from Star Wars, Harry Pot­ter and other films, also recor­ded an album to show how well film music has arri­ved in the clas­si­cal con­cert business.

Score from the podium: Only the stars!

Pic­ture: Giya Kancheli

John Wil­liams is also a sure thing. Even peo­ple who don’t know any names out­side the cur­rent pop pro­gram know his name. But many clas­sic lis­ten­ers haven’t heard of Gija Kan­cheli, at least those who rely on the usual clas­sics. In a small per­so­nal sur­vey I was able to find out that, but also that he is a kind of „insi­der tip“ for some. For me it is the same since I’ve known the CD „Let­ters To Friends“.

From stage and film to the friends

Box: We have just recei­ved the news that Giya Kan­cheli died yes­ter­day (Octo­ber 2, 2019) at the age of 84 in his native Tbi­lisi. Born in 1935, he atten­ded the State Con­ser­va­tory in Tbi­lisi from 1959, where he stu­died com­po­si­tion. As a free­lance com­po­ser he crea­ted sym­pho­nies and other orches­tral works, cham­ber music and above all music for num­e­rous films and theatre works. From 1991 he lived mainly in Wes­tern Europe, inclu­ding Ber­lin and Ant­werp. (HD-R)

The „Let­ters to Fri­ends for Vio­lin and String Orches­tra“ is not just the music that was under­laid by the films. Kan­cheli took the the­mes of some orches­tral and stage music and first arran­ged them for piano, later for piano and vio­lin, or rather: reworked them. When the Ita­lian vio­li­nist Andrea Cor­tesi asked him for a vio­lin con­certo, he took up the mate­rial again. It was pre­mie­red in July 2017 with the Geor­gian Strings in Tbi­lisi, with which the recor­ding of this CD also took place.

Pic­ture: Begin­ning of „She Is Here“ (music for the film „She­reki­lebi“, Geor­gia 1974) by Giya Kancheli

The indi­vi­dual short move­ments – a total of 25, some barely one and a half minu­tes, the lon­gest four and a half minu­tes – are each dedi­ca­ted to a spe­ci­fic per­son, such as the last „Let­ter to direc­tor Robert Sturua (1938)“, with whom he worked at the Rusta­weli Thea­ter in the 1960s and 1970s. The music comes from the stage music for „Richard III“ by Wil­liam Shake­speare. The film­ma­kers and their films – such as Liana Eliava, Levan Chelidze and Zaira Arse­nish­vili – have not yet been heard of in Ger­many. But others like Lana Gog­o­be­r­idze have alre­ady made it to the Can­nes Inter­na­tio­nal Film Fes­ti­val (1984). But that’s an advan­tage when it comes to lis­tening. No pic­tures from the film or from the stage unneces­s­a­rily dis­tract from the music.

Daydreaming listening through the themes

The variety of the­mes and melo­dies make lis­tening to the CD an enter­tai­ning expe­ri­ence. One piece seems to take you back in time to the 1940s, the other sounds sur­pri­sin­gly modern – but never ato­nal. The inter­pre­ter Andrea Cor­tesi wri­tes in the book­let: „These pie­ces are day­d­reams. And not the ren­de­rings of fan­tasy an dun­con­scious, but sta­tes of lim­pid sen­si­ti­vity and con­sis­couness. It is pre­cis­ely when the breaths of our fee­lings and thoughts touch the pro­file of the sound that there are not many dif­fe­ren­ces bet­ween what is phy­si­cal and what ist beey­ond it.“ There is no bet­ter way to for­mu­late this.
Cortesi’s doing well with this music. He is always pre­sent and not to be over­he­ard. And yet he is often so inter­wo­ven with the cham­ber orches­tra that he never seems like a for­eign body, but like „one of theirs“. And alt­hough the orches­tra is well staf­fed – six times vio­lin 1, five times vio­lin 2, five times viola, three cel­los and a dou­ble bass – ever­y­thing sounds more like cham­ber music than like an orches­tra – very intimate.

Box: CONCLUSION: „Let­ters To Fri­ends“ by Giya Kan­cheli are 65 minu­tes of enter­tai­ning (film) music. But these little minia­tures are more than just enter­tain­ment, even if it turns out to be a first impres­sion. The many short, partly filigree the­mes chall­enge you to lis­ten to them inten­si­vely. And all inter­pre­ted by out­stan­ding musi­ci­ans – buy recommendation!

In sum­mary: „Let­ters To Fri­ends“ by Giya Kan­cheli are 65 minu­tes of enter­tai­ning music. But these little minia­tures are more than just enter­tain­ment, even if it turns out to be a first impres­sion. The many small, some­ti­mes filigree the­mes chall­enge you to lis­ten to them inten­si­vely, and when you dis­co­ver that not only one but also two the­mes are hid­den in such a piece, you even expe­ri­ence some­thing like a fee­ling of hap­pi­ness. Ever­y­thing inter­pre­ted by out­stan­ding musi­ci­ans, soloists and orchestras – some­thing bet­ter could not hap­pen to the com­po­ser, which Kan­cheli hims­elf sees and per­so­nally expres­ses in the pre­face of the book­let. ♦ (All links above)

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