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Giya Kancheli: Letters to Friends (Musik-CD)

Horst-Dieter Radke · 25. September 2019

Filmmusik für Freunde

von Horst-Dieter Radke

Filmmusik hat sich längst von der ausschliesslichen Funktion, die Handlung eines Films angemessen zu untermalen, befreit. Sie ist schon bei Hitchcock manchmal Teil der Handlung, zum Beispiel in „The Man Who Knew Too Much“, das er zweimal verfilmte (1934 & 1956). Seit den 1960er Jahren wurde manche Filmmusik auch abseits der Kinosäle zu einem Verkaufsschlager, etwa die Musik zu den Karl May Filmen von Martin Böttcher. Und seit der Jahrtausendwende gehen ganze Orchester mit Filmmusik auf Tournee, mal um einen Film live zu begleiten, meist aber im Konzertsaal ohne flimmernde Bilder an der Leinwand, etwa mit der Musik zur „Herr-der-Ringe“-Trilogie.

Giya Kancheli - Letters to Friends - CD-Cover - Glarean MagazinDoch bereits seit den frühen 1930er Jahren, fast also vom Beginn des Tonfilms an, konnten für die Aufgabe der musikalischen Untermalung eines Films bedeutende Komponisten gewonnen werden, etwa Erich Wolfgang Korngold, Michael Nyman, Philipp Glass, um nur wenige Namen einmal willkürlich herauszugreifen. Andere Komponisten wurden überhaupt durch ihre Filmmusik so bekannt wie die Filmschaffenden selbst: Ennio Morricone, John Williams und Hans Zimmer, um drei Ikonen zu nennen. Wie angekommen die Filmmusik im klassischen Konzertbetrieb ist, zeigt Stargeigerin Anne-Sophie Mutter, die neuerdings mit Musik des Komponisten John Williams auftritt und Musik aus Star Wars, Harry Potter und anderen Filmen spielt, dazu auch ein Album aufnahm.

Score from the podium: Only the stars!

Der georgische Komponist Giya Kancheli (geb. 1935 in Tiflis) - Glarean Magazin
Giya Kancheli

John Williams ist ebenfalls eine sichere Sache. Seinen Namen kennen auch Leute, die sonst ausserhalb des aktuellen Pop-Programms keine Namen kennen. Von Gija Kancheli haben aber auch viele Klassikhörer noch nichts gehört, zumindest diejenigen, die auf die üblichen Klassiker setzen. Bei einer persönlichen kleinen Umfrage konnte ich das feststellen, aber auch, dass er für einige schon so als eine Art „Geheimtipp“ gilt. Für mich ist er das, seit ich die CD „Letters To Friends“ kenne, auch.

From stage and film to the friends

Soeben erreichte uns die Nachricht, dass Giya Kancheli gestern (2. Oktober 2019) mit 84 Jahren in seiner Geburtsstadt Tiflis gestorben ist. 1935 geboren, besuchte er ab 1959 das Staatliche Konservatorium in Tiflis, wo er Komposition studierte. Als freischaffender Komponist schuf er Symphonien und andere Orchesterwerke, Kammermusik und vor allem Musik zu zahlreichen Filmen und Theaterwerken. Ab 1991 lebte er überwiegend in Westeuropa, unter anderem in Berlin und Antwerpen. (HD-R)

Die „Letters to Friends for Violin and String Orchestra“ ist nun nicht einfach die Musik, die den Filmen unterlegt war. Kancheli hat die Themen einiger Orchester- und Bühnenmusiken genommen und zunächst für Klavier, später für Klavier und Violine bearbeitet, oder besser gesagt: umgearbeitet. Als der italienische Geiger Andrea Cortesi ihn um ein Violinkonzert bat, nahm er sich das Material noch einmal vor. Uraufgeführt wurde es im Juli 2017 mit den Georgian Strings in Tiflis, mit denen auch die Einspielung dieser CD stattfand.

Giya Kancheli - She Is Here - Filmmusik aus Sherekilebi (1974) - Glarean Magazin
Notenbeispiel: Beginn von „She Is Here“ (Musik zum Film „Sherekilebi“, Georgien 1974) von Giya Kancheli

Die einzelnen kurzen Sätze – insgesamt 25, manche kaum eineinhalb Minuten, das längste viereinhalb Minuten –, sind jeweils einer bestimmten Person gewidmet, etwa das letzte „Letter to director Robert Sturua (1938)“, mit dem er am Rustaweli-Theater in den 1960er und 1970er Jahren zusammengearbeitet hatte. Die Musik stammt aus den Bühnenmusiken zu „Richard III“ von William Shakespeare. Von den Filmemachern und ihren Filmen – etwa Liana Eliava, Levan Chelidze und Zaira Arsenishvili – hat man hierzulande eher noch nichts gehört. Andere wie Lana Gogoberidze haben es aber auch schon auf die internationalen Filmfestspiele von Cannes gebracht (1984). Das ist beim Hören aber durchaus von Vorteil. Keine Bilder aus dem Film oder von der Bühne lenken unnötig von der Musik ab.

Tagträumend durch die Themen hören

Die Vielfalt der Themen und Melodien machen das Hören der CD zu einer kurzweiligen Angelegenheit. Bei dem einem Stück wähnt man sich in die Zeiten der 1940er Jahre zurück versetzt, anderes klingt überraschend modern – niemals aber atonal. Der Interpret Andrea Cortesi schreibt dazu im Booklet: „These pieces are daydreams. And not the renderings of fantasy an dunconscious, but states of limpid sensitivity and consiscouness. It is precisely when the breaths of our feelings and thoughts touch the profile of the sound that there are not many differences between what is physical and what ist beeyond it.“ Besser lässt sich das nicht formulieren.
Cortesi macht seine Sache bei dieser Musik gut. Er ist immer präsent und nicht zu überhören. Und doch ist er oft so verwoben mit dem Kammerorchester, dass er niemals wie ein Fremdkörper wirkt, sondern wie „einer der ihren“. Und obwohl das Orchester gut besetzt ist – sechs mal Violine 1, fünf mal Violine 2, fünf mal Viola, drei Celli und einen Kontrabass – klingt alles eher wie Kammermusik denn wie ein Orchester – sehr intim.

FAZIT: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende (Film-)Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kurzen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus. Und alles interpretiert von hervorragenden Musikern – Kaufempfehlung!

Zusammengefasst: „Letters To Friends“ von Giya Kancheli sind 65 Minuten unterhaltende Musik. Aber diese kleinen Miniaturen sind mehr als nur Unterhaltung, auch wenn das sich als erster Eindruck einstellt. Die vielen kleinen, teils filigranen Themen fordern zum intensiven Mithören heraus, und wenn man dann entdeckt, das sich in einem solchen Stück nicht nur ein, sondern auch zwei Themen verstecken, erlebt man sogar so etwas wie ein Glücksgefühl. Dabei alles interpretiert von hervoragenden Musikern, Solist wie Orchester – etwas Besseres konnte dem Komponisten nicht passieren, was Kancheli selbst auch so sieht und persönlich im Vorwort des Booklets zum Ausdruck bringt. ♦

Giya Kancheli: Letters to Friends – For Violin and String Orchestra, Andrea Cortesi (Violine), Georgian Strings, Brillant Classics

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Moderne Klassik auch über Dirk Maassen: Avalanche – Brücke zwischen den Welten

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Weitere interessante CD-Besprechungen im GLAREAN von Giuseppe Tartini: 4-parts Sonatas and Sinfonias

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