Das Literatur-Zitat der Woche von Daniel Annen

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Erzählen von Corona

Daniel Annen

Wer die Welt erzählend – und also fiktional – erfasst, setzt sie zugleich auf Distanz, klebt nicht an ihr. Und trotzdem ist sie in dieser Distanz den Lesenden voll präsent. […]

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In Bezug auf Covid-19 allenfalls zu bedenken: Unter anderem versetzen uns solche Erzählungen immer wieder in neue Situationen, die wir nicht planen können – so wie das winzige Virus uns aus grossartigen Sicherheiten geschmissen hat.

Kann nicht, wer sich erzählend oder lesend in solche neue Situationen einübt und doch miterlebt, wie sie – vielfach vernetzt – aus Vorangegangenem hervorgehen, besser mit ihnen zu Rande kommen? Immerhin ist so unser Vertrauen in die Zukunft geschult… ♦

Aus Daniel Annen: „Corona… – und der Wert der Fiktion, ausgerechnet!“, Editorial im Mitteilungsblatt 2/2020 des Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verbandes (ISSV)


Daniel Annen - Schriftsteller - Präsident ISSV - Schwyz - Glarean MagazinDr. phil. Daniel Annen Geb. 1954 in Schwyz/CH, Studium der Germanistik, Musikwissenschaft und Volksliteratur an der Universität Zürich, Dissertation über Meinrad Inglin, Publikationen vor allem zur Schweizer Literatur und Kultur sowie zum Grenzbereich Literatur und Theologie, Mitarbeit bei Schulbüchern und in kulturellen Kommissionen und Vereinsvorständen, zahlreiche Publikationen in Büchern und Zeitschriften, zuletzt „Les Littératures Suisses Entre Faits Et Fiction“ (mit Régine Battiston, Presses Universitaires de Strasbourg 2019), seit 2013 Präsident des ISSV, lebt in Schwyz

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch das Literatur-Zitat der Woche von Hans Magnus Enzensberger: Gedichte werden nie aussterben

… sowie weitere Zitate der Woche


Peter Biro: Schluss mit lustig! – Zur Corona-Pandemie 2020

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Schluss mit lustig!

Appell eines Arztes zur Covid-19-Pandemie

von Prof. Dr. med. Peter Biro

Normalerweise ist mir selten ernst zumute, und ich finde in fast allem etwas Heiteres zum darüber Frotzeln. Aber jetzt ist es aus mit der Lustigkeit. Diese wurde in letzter Zeit zunehmend von Verzweiflung abgelöst.

Natürlich mache ich mir Sorgen um die mir nahestehenden Personen, und auch um meine eigene Gesundheit. Aber nicht das ist es, was mich zur Verzweiflung treibt, sondern die Ignoranz der Zeitgenossen und die Nachlässigkeit der Behörden.

Corona-Virus - Pandemie 2020 - Covid-19 - Glarean Magazin
Warum die Corona-Pandemie keine gewöhnliche Grippe ist

Wir sind inmitten einer exponentiellen Verschlechterung der Lage mit einer Verdoppelung der Fallzahlen für Kranke, Schwerkranke und Todesfälle alle zwei bis drei Tage. Was dabei am meisten beunruhigt, ist das grassierende Unverständnis des ehrenwerten Publikums für exponentielles Wachstum. Bei konstanter Verdoppelung entstehen binnen kürzester Zeit gewaltige Zahlen. Die altbekannte Weizenkorn-Legende von der Belohnung des Schachspiel-Erfinders durch den dankbaren persischen König veranschaulicht diese Unvorstellbarkeit: Auf die Frage, was er sich als Bezahlung für seinen Dienst wünsche, antwortete der Meister, dass er ein Weizenkorn fürs erste Feld des Schachbretts haben möchte, gefolgt von doppelt so viel, also zwei auf dem zweiten – und so weiter, mit Verdopplung der Körnerzahl mit jedem weiteren der 64 Felder. Der von der scheinbaren Bescheidenheit des Erfinders belustigte König gab den Auftrag an seine Bediensteten zur Ausführung weiter. Es dauerte nicht lange, bis sich herausstellte, dass es bei weitem nicht genug Weizen auf der ganzen Erde gab, um auch nur einen Bruchteil des Auftrags zu erfüllen.

Chance des totalen Lock-Downs verpasst

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean Magazin
Prof. Dr. Peter Biro: „Schluss mit lustig!“

Was ich damit sagen will ist, dass die Ausbreitung der Corona-Infektion sich so rasant abspielt, dass durch normale Erfahrung voreingenommene Menschen diese dem exponentiellen Wachstum innewohnende Gefahr nicht wirklich verstehen. Die bis vor kurzem nonchalant in grossen Rudeln flanierenden Sonnenanbeter am Seeufer zeugen von dieser Ignoranz. Dabei hätte es eine einzige Möglichkeit gegeben, die massenhafte Ausbreitung zu verhindern: Man hätte gleich am Anfang – als noch erst wenige Fälle gemeldet wurden – die weitestgehenden Massnahmen ergreifen müssen wie das totale Lockdown und die völlige Isolation auf allen Ebenen – von der Einzelperson über die Ortschaften und Regionen bis hin zum ganzen Land.
Doch der Moment, als das noch hätte nützen können, wurde in der Schweiz wie fast überall andernorts sträflich verpasst. Um eine Analogie aus meinem beruflichen Wirkungskreis zu bemühen, das ist ähnlich zur Krebserkrankung: Sobald diese diagnostiziert ist, wird man nicht die Behandlung schrittweise mit dem Wachstum des Tumors ausbauen, sondern gleich am Anfang mit der maximalen Therapie beginnen, z.B. mit einer Radikaloperation. Nur so kann man Krebs einigermassen wirksam bekämpfen: maximale Massnahmen bei noch geringer Tumorprogredienz. Dasselbe gilt für alles, was gegen exponentielles Wachstum angewendet werden soll.

So verhalten, als sei man bereits erkrankt!

Jetzt ist zu befürchten, dass uns eine ähnliche Entwicklung wie in Italien bevorsteht. Aber wenn man schon nicht mit der adäquaten Reaktion der Behörden rechnen kann, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns individuell richtig zu verhalten. Und das heisst, so zu tun als sei man bereits erkrankt – mit dem Imperativ, in die persönliche Isolation zu gehen. Man gehe nirgendwo mehr hin, man halte Abstand, desinfiziere regelmässig die Hände und lasse sich die Einkäufe vor die Tür bringen. Wenn man kein Desinfektionsmittel mehr auftreiben kann, lange man nach den Spirituosen in der heimischen Kellerbar. Wenn man nichts dergleichen hat, sollte man regelmässig die Hände waschen, das hilft auch. Aber das Wichtigste ist: Zuhause bleiben, verdammt nochmal! ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Weitere Internet-Adressen zum Thema Corona-Pandemie 2020

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Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe (Satire)

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Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Peter Biro

Ich lasse mich nicht von massenhysterischen Phänomenen anstecken. Weder von der Überfremdung durch isländische Klimaflüchtlinge noch vom Weltuntergang aufgrund des Maya-Kalenders. Ok, ein Mangel an Lutschbonbons könnte mich zeitweilig aus der Bahn werfen. Das wäre eine wirklich ernste Sache. Aber wie gesagt, meistens bin ich immun gegenüber Modeerscheinungen, selbst wenn diese mein Überleben bis zum nächsten kirchlichen Feiertag sichern würden. Mit meiner antizyklischen Lebensweise bin ich bis jetzt gut durchgekommen, ausser vielleicht beim Linksabbiegen in den Kreisverkehr. Dort musste ich stets klein beigeben und mich in den allgemeinen Strom der Fahrzeuge einordnen. Aber sonst nichts dergleichen. Im Prinzip bin ich also kein Opportunist. Aber dieses eine Mal machte ich eine Ausnahme, und zwar wegen diesem verfluchten Coronavirus. Und scheiterte damit kläglich.
Nach gründlichen Überlegungen kam ich zum Schluss, dass eine Coronavirus-Infektion schon mal gar nicht eine erstrebenswerte Sache ist. Heutzutage haben wir viel schönere Krankheiten und elegantere Todesarten als schniefend und hustend einzugehen. Wenn man des Covid-19 wegen abserbelt, gibt man damit ein armseliges Bild ab. Man sondert jede Menge unappetitlichen Schleim aus allen Körperöffnungen ab. Einfach widerlich! Wenn mir schon mein letztes Stündlein schlagen soll, dann muss es bitte sauber, feierlich und erhaben zugehen. Ich möchte von ergriffenen Angehörigen beweint werden, die sorgsam gewählte Lobesworte über mich murmeln und meinen verfrühten Abgang aufrichtig bedauern. Aber zum Glück ist es noch nicht soweit. Ich habe gerade meine Temperatur gemessen: schallend triumphierende 36,5°C!

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Satiren im Glarean Magazin
Peter Biro

Trotz meiner erwähnten Abneigung gegen vorherrschende Modetrends blieb ich von der aktuellen Entwicklung nicht unbeeinflusst. Als immer mehr Zeitgenossen mit Gesichtsmasken herumliefen, begann ich mir auch eine überzuziehen. Um es sogar besser zu machen, trug ich zusätzlich noch eine am Hinterkopf. Dann hiess es, dass man in der Öffentlichkeit keine engeren körperlichen Kontakte mehr eingehen dürfe. Daraufhin hörte ich mit meiner liebgewordenen Gepflogenheit auf, unbekannte junge Damen auf der Strasse zu umarmen und herzhaft abzuknutschen. Zudem besuchte ich keine grossveranstaltung mehr, ausser Saunaklubs. Diese sind die wohl letzten virusfreien Oasen, in denen man sich ungezwungen in angenehmer Damengesellschaft frei bewegen kann.
Es heisst ja, dass Coronaviren nicht hitzeresistent sind. Ich schüttle keine Hände, auch nicht den Kopf, und auch nicht meinen stets einsatzbereiten Würfelbecher, den ich als Entscheidungshilfe für lebenswichtige Angelegenheiten stets bei mir trage. Stattdessen befolge ich die wohlwollenden Anweisungen der Behörden ebenso gehorsam wie die uneigennützigen Ratschläge kompetenter Homöopathen.

Neulich jedoch erlebte ich einen ersten Rückschlag beim empfehlungskonformen Verhalten. Und das kam so: In den Nachrichten wurde erwähnt, dass vereinzelte Bürger Hamsterkäufe tätigten, was sich dann zunehmend häufte und zur Massenbewegung wurde. Ich konnte mir zunächst keinen Reim darauf machen, auf welche mysteriöse Weise der Hamsterkauf einen vor der Infektion schützen sollte. Aber man muss nicht alles verstehen, was die Obrigkeit verlangt. Wichtig ist es ihren Anweisungen zu folgen. Also beschloss ich daraufhin ebenfalls mit Hamsterkäufen zu beginnen.

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Als ich dann allerdings zu meinem ersten Versuch ausrückte, waren die letzten verfügbaren Exemplare schon restlos ausverkauft. Ich fand nur noch Restbestände an Meerschweinchen, Schildkröten und hilflos zwitscherndes Federvieh. Damit war natürlich kein Staat zu machen, schon gar nicht in diesen gefährlichen Zeiten.
Doch ich gab nicht so schnell die Hoffnung auf, meine nun mal beschlossene Hamsterbeschaffung erfolgreich zu Ende zu bringen. Ich klapperte zunächst alle Zoogeschäfte der Stadt ab, dann diejenigen des Umlands und sogar der ganzen Region. Aber keine der von mir aufgesuchten Tierhandlungen hatten genügend Hamster vorrätig, um mir einen anständigen Schutz zuzulegen. Dabei schraubte ich meine Erwartungen schrittweise zurück: statt der geplanten drei Dutzend Goldhamster hätte ich auch einen Satz Silberhamster akzeptiert. Von mir aus hätten sogar einige bronzene Exemplare darunter sein dürfen. Aber weit gefehlt! Nicht nur dass die beste Ware bereits weg war, selbst die artverwandten Wüstenspringmäuse waren alle.

Von zunehmender Verzweiflung getrieben, erwog ich einen nächtlichen Einbruch in den eher nachlässig geschützten Tierpark. Ich bin ja ein grundehrlicher Mensch, aber hier ging es ja schliesslich um meine Gesundheit. Ich weiss nicht, wie man die tierische Entsprechung für den moralisch eher akzeptablen Mundraub des Verhungernden nennt. Wenn beispielsweise das erheischte Deliktgut ein Mops wäre, würde man das „Hundraub“ nennen? Ich weiss es nicht. Wäre für kleine, handzahme Nager die analoge sprachliche Entsprechung vielleicht „Hamstermopsen“? Was auch immer, ich war bereit zu allem, selbst zu einem nächtlichen Einbruch in das Gehege der „Cricetinae“ genannten Steppenwühler. Aber ich hatte weder die geeigneten Einbruchswerkzeuge noch den erforderlichen Mut für eine solche Aktion. Damit war das keine gangbare Lösung und schon gar kein Ersatz für einen seriösen Hamsterkauf.
So gesehen wollte ich meinen Frust bei einem entspannenden Saunaklubbesuch abbauen, aber als ich vor der zugesperrten Tür des abgedunkelten Etablissements stand, konnte ich nur noch den nachlässig aufgeklebten Hinweis zur Kenntnis nehmen: „Aufgrund der lagebedingten ausbleibenden Kundschaft bleibt unser Saunaklub ‚Nymphen-Dampf‘ bis auf weiteres geschlossen. Besuchen Sie unsere Webseite, um den Zeitpunkt der erneuten Betriebsaufnahme zu erfahren“. Hol’s der Hamster!  ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Satire von Helmut Haberkamm: Anschaffungen

ausserdem zum Thema Corona-Virus von Peter Biro: Schluss mit lustig!