Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

Der Fluch der Aphrodite

Peter Biro (Text und Fotos)

Ich kam, sah und siechte”

So hatte ich mir meine aktu­elle Feri­en­reise auf Zypern nicht vor­ge­stellt. Was ursprüng­lich als ein klei­ner, zwei­wö­chi­ger Aus­flug auf die medi­ter­rane Son­nen­in­sel geplant war (und als sol­cher auch anfing), endete mit einem Auf­ent­halt in einem her­un­ter­ge­kom­me­nen Aus­sät­zi­gen­asyl. Ein denk­bar stei­ler Abstieg für einen qua­li­täts­be­wuss­ten, fröh­li­chen Wel­ten­bumm­ler. Aber begin­nen wir von vorn.

Aphrodites wunderbare Reisepläne

Meine äußerst rei­se­kun­dige Gemah­lin kam mit der Idee, meine bevor­ste­hen­den zwei Feri­en­wo­chen im Sep­tem­ber auf Zypern zu ver­brin­gen. Das sei eine ideale Desti­na­tion in die­ser Jah­res­zeit: Son­ni­ges Wet­ter, war­mes Meer und eine mit Pinien und Zypres­sen gespren­kelte Land­schaft ganz nach unse­rem Geschmack. Und als beson­ders ver­lo­ckende Drein­gabe für Wohl­ge­impfte wie wir: Die Befrei­ung von Covid-Tests bei der Einreise.
Für uns mit unse­rer bewähr­ten Lang­stre­cken­er­fah­rung bedeu­tete der Flug von weni­ger als vier Stun­den einen ver­gleichs­weise gemüt­li­chen Hüp­fer. Nach kur­zer Debatte über die Details der Unter­brin­gung einig­ten wir uns auf eine Woche in einer ange­mie­te­ten Villa im Nord­wes­ten, gefolgt von einem Hotel­auf­ent­halt im Süd­os­ten. Bis zum Wech­sel des Auf­ent­halts­or­tes wür­den wir uns außer­dem ein Auto mie­ten, wel­ches der ört­li­chen Gepflo­gen­heit ent­spre­chend, spie­gel­ver­kehrte Inne­reien auf­weist (in der Medi­zin heißt die­ser sel­tene, ange­bo­rene Umstand situs inver­sus). In Zypern herrscht näm­lich Links­ver­kehr. Auch diese Her­aus­for­de­rung quit­tierte ich mit nur einem Ach­sel­zu­cken, was, wie sich spä­ter her­aus­stellte, doch nicht so ein­fach war wie theo­re­tisch ange­dacht. Aber auch damit ging es nach­her gut, ins­be­son­dere nach­dem ich mir fest vor­ge­nom­men hatte, mich nach jedem Rechts­ab­bie­gen bewusst links zu hal­ten; es war schon erstaun­lich, wie­viel Auf­merk­sam­keit und Wil­lens­kraft die kon­stante Ein­hal­tung die­ses guten Vor­sat­zes erforderte.

Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns
Roman­ti­scher Son­nen­un­ter­gang über der Aka­mas-Halb­in­sel im Nor­den Zyperns

Guten Mutes und mit allen Requi­si­ten eines Strand­ur­laubs aus­ge­stat­tet tra­ten wir die wohl­ge­plante Reise an. Zwar ist die Insel in etwa von Ost nach West durch eine Waf­fen­still­stands­li­nie zwi­schen dem grie­chi­schen Süden und dem tür­kisch besetz­ten Nor­den geteilt. Aber der nord­west­li­che Zip­fel mit der natur­be­las­se­nen Aka­mas-Halb­in­sel gehört noch zum grie­chi­schen Teil. Und dort, am wogen­den Busen der Natur, fan­den wir die “Lat­chi Luxury Villa”, in der wir unsere erste Urlaubs­wo­che ver­brach­ten. Der geräu­mige Bun­ga­low mit Gar­ten und Pool war eine ange­mes­sene Unter­brin­gung für uns zwei ver­wöhnte Welt­rei­sen­den. Die kleine Hafen­stadt bei Neo Cho­rio war pit­to­resk und bot aus­ge­dehnte Strände und Ver­pfle­gungs­mög­lich­kei­ten mit reich­lich Lokal­ko­lo­rit. Der Aka­mas-Natur­park mit sei­nen Pini­en­wäl­dern ist von holp­ri­gen Natur­pfa­den durch­zo­gen, auf denen man nur mit Quads oder Bug­gys ver­keh­ren kann – grund­sätz­lich nur in hals­bre­che­ri­schem Tempo; eine Tätig­keit, der wir auch zwei ganze Aus­flugs­tage widmeten.

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Natür­lich war uns die mytho­lo­gi­sche Geschichte um Aphro­di­tes Schaum­ge­burt an den Gesta­den der Insel bekannt. Was wir nicht wuss­ten, war, dass die pro­mi­nente Dame, das Urbild aller Kos­me­ti­ke­rin­nen, über­all auf Zypern ihre Spu­ren hin­ter­las­sen hatte – sehr zum Wohl­ge­fal­len der loka­len Geschäfts­welt. Nahezu fast alles, was sehens- oder bemer­kens­wert ist, trägt ihren wer­be­wirk­sa­men Namen. Das sind unzäh­lige Taver­nen, Piz­ze­rias, Aus­flugs­boote und aller­lei Sei­fen und Wasch­pul­ver. Und natür­lich sind diverse Sehens­wür­dig­kei­ten und Natur­phä­no­mene mit ihrem Namen verbunden.

Auf der Aka­mas-Halb­in­sel besich­tig­ten wir “Aphrodite‘s Bath”, eine Süß­was­ser­quelle in einer nischen­för­mi­gen Ver­tie­fung im wild über­wu­cher­ten Berg­hang, aller­dings mit Plansch­ver­bot für Nor­mal­sterb­li­che. Unweit davon gibt es das “Aphro­dite Beach”, wo wir uns, der mytho­lo­gi­schen Bedeu­tung des Ortes voll­kom­men bewusst, in die war­men Flu­ten stürz­ten, um ihnen anschlie­ßend in dra­ma­ti­scher Manier wie­der zu ent­stei­gen. Irgend­wie gelan­gen diese Aus­stiege mei­ner Frau weit über­zeu­gen­der als mir.
Dann wei­ter im Süden ist noch “Aphrodite‘s Rock”, eine Fels­for­ma­tion im tür­kis­blauen Meer, die post­kar­ten­ar­tige Motive für Foto­auf­nah­men von Damen bie­tet, die, ihrer berühm­ten Geschlechts­ge­nos­sin nach­ei­fernd, sich vor der gran­dio­sen Kulisse in las­zive Posen wer­fen. Wei­tere Aphro­di­siaka hat­ten wir nicht mehr ins Pro­gramm genom­men, dafür war unsere Feri­en­zeit zu kurz.

Keine Frage, die zyprio­ti­sche Gas­tro­no­mie ist beson­ders wohl­schme­ckend und infol­ge­des­sen berühmt. Sie beruht zum gro­ßen Teil auf frisch gefan­ge­nen Mee­res­früch­ten, insel­ei­ge­nem Gemüse und von uralten Bäue­rin­nen bei Son­nen­auf­gang gezupf­ten Kräu­tern. Dar­über hin­aus wird fast alles mit Krü­meln von Feta­käse bestreut. Das eben­falls auto­chthone Oli­venöl mit­samt ein­ge­leg­ten gan­zen Früch­ten run­det das Ganze ab. Man bleibt nicht hung­rig auf Zypern. Im Gegen­teil. Ich musste mir aller­dings im Ver­lauf des Zypern­auf­ent­halts neue Hosen zulegen.

Aphrodites gastliche Herbergen

Felsformation namens “Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel
Fels­for­ma­tion namens “Aphrodite’s Rock” an der Süd­küste der Insel

Obwohl es heißt, dass man am sieb­ten Tage ruhen soll, sat­tel­ten wir statt­des­sen unse­ren Fiat und fuh­ren an das dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzte, süd­öst­li­che Ende der Insel, das wesent­lich tou­ris­ti­scher erschlos­sen ist und ent­spre­chend auch mehr Kom­fort bie­tet. Wir zogen in unser sehr schi­ckes, brand­neues Adults Only-Hotel im siche­ren Bewusst­sein des­sen, dass nun die zweite, noch luxu­riö­sere Hälfte unse­rer Urlaubs­reise anbre­chen würde.
Zunächst sah es danach auch aus. Das Zim­mer mit Pracht­bal­kon und Pan­ora­ma­blick zum azur­blauen Meer, aus­ge­dehnte Pool­land­schaft sowie Ser­vice vom Bes­ten ver­spra­chen einen tadel­lo­sen Auf­ent­halt. Direkt neben der angren­zen­den Klippe gab es eine kleine, kie­sel­san­dige Bucht, in der man ins kör­per­warme Meer waten und zwi­schen Fischen und Schild­krö­ten her­um­schwim­men konnte. Es war ein­fach zu per­fekt, um so zu bleiben.

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Und eben­darum blieb es nicht so. Am drit­ten Tag ver­spürte ich eine gewisse Unpäss­lich­keit, spä­ter kam ein dump­fer Kopf­schmerz dazu, das sich bei jedem Hus­ten­stoß ver­stärkte. Letz­tere beruh­ten auf einen stän­di­gen Hus­ten­reiz, der die Trias der häu­figs­ten Covid-Sym­ptome deko­ra­tiv abschloss. Mit einem Wort, die gefürch­tete Erkran­kung war bei mir schein­bar aus­ge­bro­chen, und das trotz erfolg­ter, dop­pel­ter Imp­fung sie­ben Monate zuvor. Von unziem­li­chen Befürch­tun­gen geplagt hielt ich mich etwa zwei Tage lang vor­nehm­lich im Hin­ter­grund, und hegte die Hoff­nung, dass sich das alles geben würde. Es gab sich aber nicht, die Kopf­schmer­zen schrien förm­lich nach Tabletten.
Dann ent­schloss ich mich zur Klä­rung des Sach­ver­halts. In der benach­bar­ten Apo­theke absol­vierte ich einen soge­nann­ten Rapid Test, der in fünf Minu­ten die Gewiss­heit brachte: Ich hatte einen sog. Impf­durch­bruch und war an Covid erkrankt. Durch den Test tauchte mein Name auto­ma­tisch in den Anna­len der Gesund­heits­be­hörde auf, und da das Ergeb­nis ein­deu­tig posi­tiv war, begann mein dras­ti­scher Abstieg vom luxus­ver­wöhn­ten Rei­sen­den zum als all­ge­mein­ge­fähr­lich gel­ten­den Aus­sät­zi­gen, der vom Rest der Mensch­heit fern­zu­hal­ten ist.
Hätte ich den Test nicht durch­ge­führt, wäre mir die Äch­tung wahr­schein­lich erspart geblie­ben, aber ich wäre gleich­zei­tig eine wan­dernde Anste­ckungs­quelle für ahnungs­lose Mit­men­schen gewor­den – eine Schuld und Ver­ant­wor­tung, die ich nicht auf mich neh­men wollte.

Aphrodites herzzerreißende Verzweiflung

Das posi­tive Test­ergeb­nis löste eine ganze Reihe büro­kra­ti­scher Akti­vi­tä­ten aus: Ich wurde noch ein­mal getes­tet, anschlie­ßend musste ich eine detail­lierte Liste mei­ner Begeg­nun­gen der letz­ten Tage erstel­len und mich fürs Abho­len in ein beson­de­res Iso­la­ti­ons­ho­tel bereit­ma­chen. Meine Frau, die nach­weis­lich Covid-nega­tiv war und das auch glück­li­cher­weise blieb, schwankte in ihrer Hal­tung mir gegen­über zwi­schen Trös­tung und blu­ti­gen Lynch­phan­ta­sien. Ich ver­suchte ihre Balance mehr in Rich­tung der ers­te­ren zu len­ken und nahm herz­zer­rei­ßend Abschied von ihr, als ich von einem grim­mig drein­bli­cken­den Tali­ban­kämp­fer abge­führt wurde. Sie hätte andern­tags nach Hause flie­gen kön­nen, ent­schloss sich aber zu blei­ben und meine zehn­tä­gige Iso­la­tion abzuwarten.

Ich nahm also Abschied von allem, was mir lieb und teuer war: Lieb war die Frau, teuer war das vor­zei­tig ver­las­sene Adults Only-Hotel. Allein schon die Fahrt in die “Eden Res­sort” genannte, behörd­lich geführte Abschot­tungs-Insti­tu­tion gab mir schon einen Vor­ge­schmack auf den nun unauf­halt­sam ein­set­zen­den sozia­len Absturz: Der Klein­trans­por­ter, mit dem man mich weg­karrte, war ein unbe­que­mer, schä­bi­ger Gefäng­nis­bus, mit dem man wahr­schein­lich zum Tode Ver­ur­teilte zur Hin­rich­tung zu fah­ren pflegte. Vom Fah­rer kom­plett abge­trennt saß ich allein in einer iso­lier­ten Pas­sa­gier­ka­bine und konnte durch die klei­nen Fens­ter die ent­setz­ten Gesich­ter von Pas­san­ten am Stra­ßen­rand beob­ach­ten, die mich mit betrof­fe­nem Gesichts­aus­druck wahl­weise vol­ler Mit­leid oder vor Ent­set­zen anguck­ten. Sie schie­nen das beige Gefährt zu ken­nen, mit dem man die Insel von gefähr­li­chen Sub­jek­ten zu rei­ni­gen pflegte.

Einziger Lichtblick im "Eden Resort": Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich
Ein­zi­ger Licht­blick im “Eden Resort”: Der Blick vom Bal­kon in die nähere Umge­bung; nah und fern zugleich

Bei der Ankunft ins abge­le­gene Iso­la­ti­ons­ho­tel wurde ich von einer nach Astro­nau­ten­art ver­mumm­ten Gestalt in Emp­fang genom­men und in mein Zim­mer gelei­tet. Der Alien sprach kein Wort mit mir, machte nur unmiss­ver­ständ­li­che Ges­ten und ließ mich allein und etwas rat­los in mei­ner tris­ten Keme­nate zurück. Welch ein Unter­schied zur ser­vi­len Katz­bu­cke­lei des Bedien­per­so­nals im Hotel! Unter­wür­fi­ges Ver­hal­ten mir gegen­über konnte ich noch nie aus­ste­hen, jetzt aber begann ich mich gera­dezu danach zu seh­nen. Das ganze Ambi­ente mei­ner neuen Bleibe ver­strömte den Charme einer sibi­ri­schen Jugend­her­berge zu Zei­ten Nikita Chrust­schows. Für das Not­wen­digste war gesorgt, aber auch nicht mehr: Bett­wä­sche, Hand­tuch, Seife und ein Was­ser­ko­cher. Die dro­hend auf­ge­legte Haus­ord­nung klang nicht viel ange­neh­mer als die­je­nige eines Insti­tuts für schwer­erzieh­bare Klein­kri­mi­nelle. Das karge, ziem­lich abge­wetzte und lieb­los ein­ge­rich­tete Dop­pel­zim­mer durfte ich alleine bewoh­nen, was ein Pri­vi­leg war, wie man mir anschlie­ßend ver­si­cherte. Andere Insas­sen muss­ten sich zu zweit ein Zim­mer teilen.

Aphrodites trostlose Siechengruft

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Damit begann mein zehn­tä­gi­ger Auf­ent­halt in einer Insti­tu­tion, die allem Anschein nach auf einer Roman­vor­lage von Kafka beruhte: Lange, schumm­rig beleuch­tete Kor­ri­dore, kei­ner­lei Schmuck an den Wän­den, aber über­all Kame­ras an der Decke. Gele­gent­lich husch­ten mies­ge­launte Gestal­ten aus oder ins Zim­mer. Die über­wie­gende Mehr­zahl der Hotel­gäste waren rus­si­sche Rei­sende, die nach der Ankunft getes­tet und für posi­tiv befun­den wur­den. Die wenigs­ten waren wie ich wäh­rend des Auf­ent­halts erkrankt. Wer wäh­rend der Iso­la­tion nicht an Covid ster­ben würde, dem drohte der Tod durch Lan­ge­weile und Ver­ein­sa­mung. Man sollte sich mög­lichst nur im Zim­mer auf­hal­ten, konnte aber auch auf den Flur hin­aus­ge­hen und mit ande­ren Insas­sen seine Erfah­run­gen und neben­bei auch seine Viren aus­tau­schen. Drau­ßen vor dem Haus war ein klei­ner, höchst dilet­tan­tisch abge­sperr­ter Bereich zum Luft­schnap­pen bereit­ge­stellt. Dort traf ich die ande­ren Delin­quen­ten, deren wich­tigste Beschäf­ti­gung das Rück­wärts­zäh­len der Tage war – auf Rus­sisch natür­lich. Ein Glück, dass wir einen halb­wegs funk­ti­ons­fä­hi­gen WIFI hat­ten, so dass der wack­lige Kon­takt zur Außen­welt eini­ger­ma­ßen auf­recht­erhal­ten wer­den konnte.

Drei Mal am Tag klopfte es kurz an der Tür, und wenn man öff­nete, bau­melte an der Klinke bereits eine Tüte mit der nächs­ten Mahl­zeit. Diese war men­gen­mä­ßig in Ord­nung, aber über die Qua­li­tät und Schmack­haf­tig­keit gin­gen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der; zumin­dest für die­je­ni­gen, die noch schme­cken und rie­chen konn­ten. Diese schwank­ten zwi­schen “scheuß­lich” und “erträg­lich”. Immer­hin, Zypern ließ seine in Ungnade gefal­le­nen Besu­cher nicht ver­hun­gern. Aller­dings ließ es sie deut­lich spü­ren, dass sie als Virus­trä­ger höchst unwill­kom­men waren, und dass man sie nur aus huma­nis­ti­schen Grün­den am Leben hal­ten würde.

Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im “Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl
Per­sön­li­che Ein­la­dung zu einer Mahl­zeit im “Eden Resort” genann­ten Aussätzigenasyl

Die sich in der Iso­la­tion ent­fal­ten­den Pro­bleme waren vie­ler­lei Art: Aus­ge­lie­fert­sein, Ver­ein­sa­mung, Amei­sen­pro­zes­sion ent­lang des Bett­rands, ein Schlan­gen­fraß von einer Ver­pfle­gung, und natür­lich allem voran die zäh­flie­ßend um sich grei­fende Lan­ge­weile. Diese Umstände wech­sel­ten sich in ver­schie­dens­ten Kom­bi­na­tio­nen ab. Alleine die Vor­stel­lung, dass die­ses Elend zehn ewig­wäh­rende Tage und Nächte andau­ern würde, lie­ferte ins­be­son­dere am Anfang reich­lich Roh­stoff für eine zünf­tige Depression.
Aber man darf auch nicht die ange­neh­men Sei­ten der Abschot­tung ver­ges­sen: man konnte unge­stört sei­nen Gedan­ken nach­hän­gen. Aller­dings, spä­tes­tens nach zwei Stun­den hatte ich sämt­li­che meine Gedan­ken auf­ge­braucht, und es kam nichts Neues mehr hinzu. Ich beschloss meine Erleb­nisse auf­zu­schrei­ben, als inves­ti­ga­ti­ver Jour­na­list direkt am Ort des Gesche­hens gewis­ser­ma­ßen. Ich würde sie dem Feuil­le­ton der New York Times anbie­ten, oder noch bes­ser, sie als Bei­trag für den Pulit­zer-Preis ein­rei­chen. Aber die kost­ba­ren Ein­ge­bun­gen ver­sieg­ten schnell, und es fie­len mir nur diese lar­moy­an­ten Jam­mer­zei­len ein.

Abends vor dem Ein­schla­fen wünschte ich mir als Ers­tes, andern­tags woan­ders auf­zu­wa­chen. Mei­net­we­gen inmit­ten einer Auto­bahn­kreu­zung, oder in der Wüste Gobi, auf einer Müll­halde, in einem Schlacht­haus, oder sogar inmit­ten eines die­ser neu­ar­ti­gen Gyms von schwit­zen­den Män­nern umla­gert – egal wo, nur nicht wie­der hier. Doch es half nichts, ich erwachte jeden Mor­gen in den nass­ge­schwitz­ten Laken des “Eden Resorts” wie an einem sich fort­wäh­rend wie­der­ho­len­den Mur­mel­tier­tag. Natür­lich ven­ti­lierte ich ins­ge­heim so meine Aus­bruchs­phan­ta­sien. Am bes­ten sollte ich ana­log zum Skla­ven Jim einige Abschieds­worte mit Blut auf Klo­pa­pier hin­ter­las­sen, aber woher die streich­fä­hige Blut­wurst neh­men? Die Auf­pas­ser danach zu fra­gen, hätte meine Absich­ten aufgedeckt.

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Nein, wie sich bald her­aus­stellte, aus dem streng über­wach­ten Kom­plex war kein Ent­kom­men mög­lich. Die elende Behau­sung, wel­che pas­sen­der­weise bes­ser Aphro­di­tes Sie­chen­gruft hätte hei­ßen sol­len, hielt seine posi­tiv getes­te­ten und nega­tiv gestimm­ten Insas­sen mit den mus­ku­lö­sen Armen einer für­sorg­li­chen Bra­chi­al­schwes­ter aus der geschlos­se­nen Psych­ia­trie fest. Wohin hätte man auch aus­rei­ßen sol­len? Wenn man zufäl­li­ger­weise kei­nen Olig­ar­chen zum Freund hatte, der einen in einer heim­li­chen Aktion aus einer abge­le­ge­nen Bucht abho­len und auf sei­ner Jacht davon­se­geln würde… Tja, dann könnte man dem Mar­ty­rium ein vor­zei­ti­ges Ende set­zen. Mein bes­ter Freund ist lei­der kein Olig­arch, nicht mal stell­ver­tre­ten­der Assis­tenz­buch­hal­ter auf Stun­den­ba­sis, und eine Jacht hat er auch nicht. Nur ein abge­wetz­tes Surf­board. Was blieb: wei­ter­hin die Zeit rück­wärts zählen.

Aphrodites bedauernswerte Jünger

Wer­fen wir nun einen Blick auf die Insas­sen, die im glei­chen Schla­mas­sel steck­ten wie ich. Auf den drei Eta­gen waren dem Ver­neh­men nach an die 130 Ver­ur­teilte ein­quar­tiert, aber den meis­ten von ihnen begeg­nete ich nicht. Meine benach­bar­ten Flur­kol­le­gen waren mit weni­gen Aus­nah­men lau­ter Rus­sen: Ein­zel­per­so­nen oder Fami­lien mit Kin­dern aller Alters­grup­pen. Alle ver­such­ten den Klei­nen den Zwangs­auf­ent­halt so ange­nehm wie mög­lich zu gestal­ten und ver­sorg­ten sie mit ein­ge­schmug­gel­ter Eis­creme oder unter­hiel­ten sie mit impro­vi­sier­ten Spie­len wie Bow­ling mit einem Gum­mi­ball und lee­ren Wasserflaschen.
In dem klei­nen Vier­eck drau­ßen vor dem Haus lie­fen unend­li­che Dis­kus­si­ons­run­den zwi­schen den Insas­sen, die sich ver­mut­lich stets um das­selbe dreh­ten: unse­rem Schick­sal als weg­ge­sperrte Aus­sät­zige. Das aller­dings ist aus sprach­li­chen Grün­den nur eine Ver­mu­tung. Unter den Rus­sen gab es eine Mehr­zahl, die keine andere Spra­che beherrschte, und eine Min­der­heit, die pas­sa­bel Eng­lisch konnte. Zu den Letz­te­ren gehörte ein arme­ni­sches Pär­chen aus Geor­gien. Sie wur­den von den Ereig­nis­sen auf ihrer Hoch­zeits­reise ein­ge­holt, die ihnen wohl in denk­wür­di­ger Erin­ne­rung blei­ben dürfte. Die ein­zi­gen Nicht-Rus­sen waren ein jun­ges Paar mit Klein­kind aus Bir­ming­ham, er Last­wa­gen­fah­rer, sie Heb­amme und sel­ber hoch­gra­dig schwan­ger. Dann gabs noch einen Inder und zwei Syrer, die unun­ter­bro­chen an ihren Han­dys hingen.

Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt
Meine Gäste zu den regel­mä­ßi­gen Mahl­zei­ten mit dem teil­weise unge­nieß­ba­ren Schlan­gen­frass. Den Gäs­ten hat es immer­hin vor­züg­lich geschmeckt

Als Iso­la­ti­ons-Anfän­ger musste ich den nach und nach erfol­gen­den Abgang mei­ner alt­ein­ge­ses­se­nen Kame­ra­den erle­ben, die lang­sam durch neue Ein­lie­fe­run­gen ersetzt wur­den. Mit einer gewis­sen Befrie­di­gung nahm ich meine Ent­wick­lung vom anste­cken­den Grün­schna­bel zum Qua­ran­täne-Vete­ra­nen zur Kennt­nis und ver­sorgte mei­ner­seits die Neu­an­kömm­linge mit wert­vol­len Tipps. Einer davon war der vir­tu­elle Ein­kauf von kom­fort­ver­bes­sern­den Din­gen im nahe­ge­le­ge­nen Ramsch­la­den. Das spielte sich so ab, dass der Laden­be­sit­zer, ein gewis­ser Deme­trios, einem per Whats­App über hun­dert Bil­der von sei­nen Laden­re­ga­len zuschickte. Dar­auf konnte man in müh­sa­mer Such­ar­beit die gewünsch­ten Pro­dukte loka­li­sie­ren, deren grie­chi­sche Auf­schrif­ten einen jedoch oft zum Rät­sel­ra­ten ver­an­lass­ten: Waren das nun gerös­tete Pis­ta­zien in Wasa­bi­k­ruste oder assor­tierte Pfeil­spit­zen aus Bronze für die Bela­ge­rung von Troja? Wahr­schein­lich erstere.

Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen
Screen­shot von mei­nem Mobil­phon mit den über hun­dert Fotos von den Aus­la­gen des benach­bar­ten Ramsch­la­dens, der sich Super­mar­ket nannte. Dar­aus soll­ten sich die Insas­sen die gewünsch­ten Pro­dukte aus­su­chen und bestellen

Wenn man das Gewünschte end­lich erkannt und loka­li­siert hatte, dann sandte man das ent­spre­chende Regal­bild wie­der zurück mit einem Hin­weis wie “2 pcs of the strange loo­king yel­low item on the upper row in third posi­tion from left, please. And a banana”. Außer­dem schickte man dem geschäfts­tüch­ti­gen Deme­trios – nach Über­win­dung stärks­ter inne­rer Hemm­nisse – seine Kre­dit­kar­ten­de­tails und war­tete auf die Lie­fe­rung. Letz­tere traf meist am Nach­mit­tag ein, und man wurde von der Rezep­tion ange­ru­fen, um das Bestellte bei der Pforte ent­ge­gen zu neh­men. Diese öff­nete sich für einen Sekun­den­bruch­teil und fiel nach der Ent­ge­gen­nahme der Sen­dung gna­den­los schnell wie­der ins Schloss. Danach stand man erneut ein­sam und ver­las­sen vor dem wie­der her­me­tisch ver­sperr­ten Him­mels­tor und zog mit sei­nen Anti­de­pres­siva schwer­mü­tig von dannen.

Ein­mal am Tag kam ein Ver­mumm­ter vor­bei und hielt einem eine Pis­tole an den Kopf. Okay, sein Ther­mo­me­ter sah nur wie eine Pis­tole aus. Aber auf dem Dis­play erschie­nen unmit­tel­bar die Zei­chen der Zeit: “36,4°C” oder “Sterb­li­cher, dein Leben nähert sich sei­nem Ende”.
Meine Tem­pe­ra­tur war glück­li­cher­weise stets nor­mal, aber um dem Tod ein Schnipp­chen zu schla­gen, buchte ich für den Tag mei­ner vor­ge­se­he­nen Ent­las­sung schon mal vor­sorg­lich den Rück­flug. Das hielt ich für ein wirk­sa­mes Mit­tel, die Zukunft vor­weg­zu­neh­men bzw. gezielt zu mei­nen Guns­ten zu beein­flus­sen. Wenn der Trick klappt, könnte sich das als lebens­ver­län­gernde Maß­nahme erwei­sen. Dann werde ich schon mal ein Ticket zum Sil­ves­ter­ball von 2076 buchen – zu mei­nem 120. gewis­ser­ma­ßen, den ich am liebs­ten mit Kaviar, Cham­pa­gner und einem Dut­zend Gogo-Tän­ze­rin­nen mit rosa Feder­boas ver­brin­gen möchte.

Aphrodites keimende Hoffnung

Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner
Zwei Aus­ser­ir­di­sche beim Mon­tie­ren einer Über­wa­chungs­ka­mera über dem klei­nen, umfrie­de­ten Luft­schn­ap­pareal der Heimbewohner

Inzwi­schen kor­re­spon­diere ich in Bild und Ton mit mei­ner von der Infek­tion ver­schon­ten Frau. Meine Idee vom Sil­ves­ter­ball im 2076 fand sie sehr gut, bis auf die Sache mit den rosa Feder­boas. Zwölf davon seien ein­fach zu viel für einen Hun­dert­zwan­zig­jäh­ri­gen. Sie hat sich aus Kum­mer über mein Schick­sal eine kleine Luxus­suite gemie­tet mit direk­tem Pool­zu­gang und nicht weit vom Strand. Dort ver­sucht sie das Strand­le­ben stell­ver­tre­tend für mich zu genießen.
Im Gegen­satz zu mir muss sie sich selbst ver­sor­gen, wäh­rend ich hier alle Annehm­lich­kei­ten der Voll­pen­sion in Anspruch neh­men darf. Nichts wünscht sie sich so sehr wie eben­falls Mahl­zei­ten in grü­nen Plas­tik­tü­ten außen an den Tür­knopf gehängt zu bekom­men. So ist nun mal das trau­rige Schick­sal des allein­ge­las­se­nen Luxus­rei­sen­den: man/frau kann nicht alles haben. Aber sie weiß auch, dass sie auf kei­nen Fall ins “Eden Resort” rein darf. Sie muss stark sein und die War­te­zeit auf meine Frei­las­sung in der Ein­sam­keit ihrer Luxus­woh­nung mit Meer­blick aus­hal­ten. Arme Marina!

Die 10 Tage began­nen zunächst unmerk­lich, danach ganz sachte abzu­per­len. Noch sie­ben Tage, noch sechs Tage, noch fünf Tage (gleich Halb­zeit)! Noch vier Tage, noch drei Tage, noch zwei Tage (gleich Lager­kol­ler). Dabei habe ich einen neuen Rekord auf­ge­stellt: 30 gera­dezu unge­nieß­bare Mahl­zei­ten, die in grü­nen Tüten am Tür­knopf hin­gen, auf­ge­ges­sen und verdaut.
Dann blieb nur noch ein Tag, d.h. weni­ger als 24 Stun­den! Ich bekam ein Aus­tritts­zer­ti­fi­kat, wel­ches mir beschei­nigte, dass ich wie­der ein Mensch wie jeder andere war und kein Staats­feind mehr. Man fragte sogar, auf wel­che Uhr­zeit ich das Taxi bestel­len wolle, wel­ches mich abho­len sollte. Oh! Ein “Taxi, taxi, oder bes­ser ταξί!”, welch ein wun­der­vol­les Wort aus der klas­si­schen Antike, ursprüng­lich wohl der Kriegs­wa­gen von Mene­laos – dachte ich zumin­dest. Stimmt lei­der nicht, es kommt vom latei­ni­schen taxa für die Berech­nung eines Fahr­prei­ses. Mir egal, Haupt­sa­che es bringt mich geschwind weg von hier.

Aphrodites spürbare Erleichterung

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Wäh­rend Sie diese Zei­len lesen, die mit garan­tiert virus­freien Trä­nen der Rekon­va­les­zenz geschrie­ben wur­den, bin ich bereits in der Schweiz bei der Arbeit und bli­cke mit Erstau­nen und Dank­bar­keit auf meine Reise nach Zypern zurück. So ein Aben­teuer ist nicht jeder­manns Sache. Auf die ängst­lich vor­ge­tra­gene Frage des fran­zö­si­schen Schrift­stel­lers Arthur Rim­baud an sei­nen Freund und Berufs­kol­le­gen Arthur Schnitz­ler, was er denn tun sollte, ant­wor­tete die­ser mit dem viel­zi­tier­ten: “Du fragst mich, was Du tun sollst? Ich sage Dir, lebe wild und gefähr­lich!” Ich halte es mit dem Öster­rei­cher. Der über­vor­sich­tige Rim­baud igno­rierte den freund­li­chen Rat sei­nes Kol­le­gen und starb jung im Bett. Mir kann das, jetzt mit dem bal­di­gen Errei­chen des 65. Lebens­jahrs, wohl nicht mehr passieren…
Ich bitte um Nach­sicht für den plötz­li­chen Abbruch die­ses Dis­kur­ses an die­ser Stelle. Soeben habe ich her­aus­ge­fun­den, dass es sehr ver­lo­ckend wäre, eine Fluss­kreuz­fahrt auf dem Obe­ren Nil zum Tan­gan­jika-See zu unter­neh­men. Die Mala­ria schert mich wenig bis gar nicht, schließ­lich habe ich einen Mücken­spray. Und Ebola – Schne­bola… ist mir Wurst! ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Gross­wardein (Rumä­nien), 1970 Emi­gra­tion nach Deutsch­land, Medi­zin­stu­dium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anäs­the­sist am Uni­ver­si­täts­spi­tal Zürich und Dozent für Anäs­the­sio­lo­gie, schreibt kul­tur­his­to­ri­sche Essays und humo­ris­ti­sche Kurz­prosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN außer­dem die Satire von Peter Biro: Schreib­blo­ckade oder Der Förs­ter und die Jägerin

… sowie die Satire Ein schö­nes neues Hobby für den star­ken Mann


Ein Kommentar

  1. ein köst­li­cher bei­trag, vie­len dank dafür! man schwankt beim lesen zwi­schen dem ernst der sache und dem locke­ren umgang damit. habe jeden­falls häu­fig geschmun­zelt über die­ses zyprio­ti­sche aus­sät­zi­gen­heim. die arme aphro­dite, sie hatte es schon nicht ganz leicht mit dem kriegs­gott ares – und jetzt corona… 😉
    gruss. Sarah

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