Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

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Der Fluch der Aphrodite

Peter Biro (Text und Fotos)

„Ich kam, sah und siechte“

So hatte ich mir meine aktuelle Ferienreise auf Zypern nicht vorgestellt. Was ursprünglich als ein kleiner, zweiwöchiger Ausflug auf die mediterrane Sonneninsel geplant war (und als solcher auch anfing), endete mit einem Aufenthalt in einem heruntergekommenen Aussätzigenasyl. Ein denkbar steiler Abstieg für einen qualitätsbewussten, fröhlichen Weltenbummler. Aber beginnen wir von vorn.

Aphrodites wunderbare Reisepläne

Meine äußerst reisekundige Gemahlin kam mit der Idee, meine bevorstehenden zwei Ferienwochen im September auf Zypern zu verbringen. Das sei eine ideale Destination in dieser Jahreszeit: Sonniges Wetter, warmes Meer und eine mit Pinien und Zypressen gesprenkelte Landschaft ganz nach unserem Geschmack. Und als besonders verlockende Dreingabe für Wohlgeimpfte wie wir: Die Befreiung von Covid-Tests bei der Einreise.
Für uns mit unserer bewährten Langstreckenerfahrung bedeutete der Flug von weniger als vier Stunden einen vergleichsweise gemütlichen Hüpfer. Nach kurzer Debatte über die Details der Unterbringung einigten wir uns auf eine Woche in einer angemieteten Villa im Nordwesten, gefolgt von einem Hotelaufenthalt im Südosten. Bis zum Wechsel des Aufenthaltsortes würden wir uns außerdem ein Auto mieten, welches der örtlichen Gepflogenheit entsprechend, spiegelverkehrte Innereien aufweist (in der Medizin heißt dieser seltene, angeborene Umstand situs inversus). In Zypern herrscht nämlich Linksverkehr. Auch diese Herausforderung quittierte ich mit nur einem Achselzucken, was, wie sich später herausstellte, doch nicht so einfach war wie theoretisch angedacht. Aber auch damit ging es nachher gut, insbesondere nachdem ich mir fest vorgenommen hatte, mich nach jedem Rechtsabbiegen bewusst links zu halten; es war schon erstaunlich, wieviel Aufmerksamkeit und Willenskraft die konstante Einhaltung dieses guten Vorsatzes erforderte.

Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns
Romantischer Sonnenuntergang über der Akamas-Halbinsel im Norden Zyperns

Guten Mutes und mit allen Requisiten eines Strandurlaubs ausgestattet traten wir die wohlgeplante Reise an. Zwar ist die Insel in etwa von Ost nach West durch eine Waffenstillstandslinie zwischen dem griechischen Süden und dem türkisch besetzten Norden geteilt. Aber der nordwestliche Zipfel mit der naturbelassenen Akamas-Halbinsel gehört noch zum griechischen Teil. Und dort, am wogenden Busen der Natur, fanden wir die „Latchi Luxury Villa“, in der wir unsere erste Urlaubswoche verbrachten. Der geräumige Bungalow mit Garten und Pool war eine angemessene Unterbringung für uns zwei verwöhnte Weltreisenden. Die kleine Hafenstadt bei Neo Chorio war pittoresk und bot ausgedehnte Strände und Verpflegungsmöglichkeiten mit reichlich Lokalkolorit. Der Akamas-Naturpark mit seinen Pinienwäldern ist von holprigen Naturpfaden durchzogen, auf denen man nur mit Quads oder Buggys verkehren kann – grundsätzlich nur in halsbrecherischem Tempo; eine Tätigkeit, der wir auch zwei ganze Ausflugstage widmeten.

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Natürlich war uns die mythologische Geschichte um Aphrodites Schaumgeburt an den Gestaden der Insel bekannt. Was wir nicht wussten, war, dass die prominente Dame, das Urbild aller Kosmetikerinnen, überall auf Zypern ihre Spuren hinterlassen hatte – sehr zum Wohlgefallen der lokalen Geschäftswelt. Nahezu fast alles, was sehens- oder bemerkenswert ist, trägt ihren werbewirksamen Namen. Das sind unzählige Tavernen, Pizzerias, Ausflugsboote und allerlei Seifen und Waschpulver. Und natürlich sind diverse Sehenswürdigkeiten und Naturphänomene mit ihrem Namen verbunden.

Auf der Akamas-Halbinsel besichtigten wir „Aphrodite‘s Bath“, eine Süßwasserquelle in einer nischenförmigen Vertiefung im wild überwucherten Berghang, allerdings mit Planschverbot für Normalsterbliche. Unweit davon gibt es das „Aphrodite Beach“, wo wir uns, der mythologischen Bedeutung des Ortes vollkommen bewusst, in die warmen Fluten stürzten, um ihnen anschließend in dramatischer Manier wieder zu entsteigen. Irgendwie gelangen diese Ausstiege meiner Frau weit überzeugender als mir.
Dann weiter im Süden ist noch „Aphrodite‘s Rock“, eine Felsformation im türkisblauen Meer, die postkartenartige Motive für Fotoaufnahmen von Damen bietet, die, ihrer berühmten Geschlechtsgenossin nacheifernd, sich vor der grandiosen Kulisse in laszive Posen werfen. Weitere Aphrodisiaka hatten wir nicht mehr ins Programm genommen, dafür war unsere Ferienzeit zu kurz.

Keine Frage, die zypriotische Gastronomie ist besonders wohlschmeckend und infolgedessen berühmt. Sie beruht zum großen Teil auf frisch gefangenen Meeresfrüchten, inseleigenem Gemüse und von uralten Bäuerinnen bei Sonnenaufgang gezupften Kräutern. Darüber hinaus wird fast alles mit Krümeln von Fetakäse bestreut. Das ebenfalls autochthone Olivenöl mitsamt eingelegten ganzen Früchten rundet das Ganze ab. Man bleibt nicht hungrig auf Zypern. Im Gegenteil. Ich musste mir allerdings im Verlauf des Zypernaufenthalts neue Hosen zulegen.

Aphrodites gastliche Herbergen

Felsformation namens “Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel
Felsformation namens „Aphrodite’s Rock” an der Südküste der Insel

Obwohl es heißt, dass man am siebten Tage ruhen soll, sattelten wir stattdessen unseren Fiat und fuhren an das diametral entgegengesetzte, südöstliche Ende der Insel, das wesentlich touristischer erschlossen ist und entsprechend auch mehr Komfort bietet. Wir zogen in unser sehr schickes, brandneues Adults Only-Hotel im sicheren Bewusstsein dessen, dass nun die zweite, noch luxuriösere Hälfte unserer Urlaubsreise anbrechen würde.
Zunächst sah es danach auch aus. Das Zimmer mit Prachtbalkon und Panoramablick zum azurblauen Meer, ausgedehnte Poollandschaft sowie Service vom Besten versprachen einen tadellosen Aufenthalt. Direkt neben der angrenzenden Klippe gab es eine kleine, kieselsandige Bucht, in der man ins körperwarme Meer waten und zwischen Fischen und Schildkröten herumschwimmen konnte. Es war einfach zu perfekt, um so zu bleiben.

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Und ebendarum blieb es nicht so. Am dritten Tag verspürte ich eine gewisse Unpässlichkeit, später kam ein dumpfer Kopfschmerz dazu, das sich bei jedem Hustenstoß verstärkte. Letztere beruhten auf einen ständigen Hustenreiz, der die Trias der häufigsten Covid-Symptome dekorativ abschloss. Mit einem Wort, die gefürchtete Erkrankung war bei mir scheinbar ausgebrochen, und das trotz erfolgter, doppelter Impfung sieben Monate zuvor. Von unziemlichen Befürchtungen geplagt hielt ich mich etwa zwei Tage lang vornehmlich im Hintergrund, und hegte die Hoffnung, dass sich das alles geben würde. Es gab sich aber nicht, die Kopfschmerzen schrien förmlich nach Tabletten.
Dann entschloss ich mich zur Klärung des Sachverhalts. In der benachbarten Apotheke absolvierte ich einen sogenannten Rapid Test, der in fünf Minuten die Gewissheit brachte: Ich hatte einen sog. Impfdurchbruch und war an Covid erkrankt. Durch den Test tauchte mein Name automatisch in den Annalen der Gesundheitsbehörde auf, und da das Ergebnis eindeutig positiv war, begann mein drastischer Abstieg vom luxusverwöhnten Reisenden zum als allgemeingefährlich geltenden Aussätzigen, der vom Rest der Menschheit fernzuhalten ist.
Hätte ich den Test nicht durchgeführt, wäre mir die Ächtung wahrscheinlich erspart geblieben, aber ich wäre gleichzeitig eine wandernde Ansteckungsquelle für ahnungslose Mitmenschen geworden – eine Schuld und Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen wollte.

Aphrodites herzzerreißende Verzweiflung

Das positive Testergebnis löste eine ganze Reihe bürokratischer Aktivitäten aus: Ich wurde noch einmal getestet, anschließend musste ich eine detaillierte Liste meiner Begegnungen der letzten Tage erstellen und mich fürs Abholen in ein besonderes Isolationshotel bereitmachen. Meine Frau, die nachweislich Covid-negativ war und das auch glücklicherweise blieb, schwankte in ihrer Haltung mir gegenüber zwischen Tröstung und blutigen Lynchphantasien. Ich versuchte ihre Balance mehr in Richtung der ersteren zu lenken und nahm herzzerreißend Abschied von ihr, als ich von einem grimmig dreinblickenden Talibankämpfer abgeführt wurde. Sie hätte anderntags nach Hause fliegen können, entschloss sich aber zu bleiben und meine zehntägige Isolation abzuwarten.

Ich nahm also Abschied von allem, was mir lieb und teuer war: Lieb war die Frau, teuer war das vorzeitig verlassene Adults Only-Hotel. Allein schon die Fahrt in die „Eden Ressort“ genannte, behördlich geführte Abschottungs-Institution gab mir schon einen Vorgeschmack auf den nun unaufhaltsam einsetzenden sozialen Absturz: Der Kleintransporter, mit dem man mich wegkarrte, war ein unbequemer, schäbiger Gefängnisbus, mit dem man wahrscheinlich zum Tode Verurteilte zur Hinrichtung zu fahren pflegte. Vom Fahrer komplett abgetrennt saß ich allein in einer isolierten Passagierkabine und konnte durch die kleinen Fenster die entsetzten Gesichter von Passanten am Straßenrand beobachten, die mich mit betroffenem Gesichtsausdruck wahlweise voller Mitleid oder vor Entsetzen anguckten. Sie schienen das beige Gefährt zu kennen, mit dem man die Insel von gefährlichen Subjekten zu reinigen pflegte.

Einziger Lichtblick im "Eden Resort": Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich
Einziger Lichtblick im „Eden Resort“: Der Blick vom Balkon in die nähere Umgebung; nah und fern zugleich

Bei der Ankunft ins abgelegene Isolationshotel wurde ich von einer nach Astronautenart vermummten Gestalt in Empfang genommen und in mein Zimmer geleitet. Der Alien sprach kein Wort mit mir, machte nur unmissverständliche Gesten und ließ mich allein und etwas ratlos in meiner tristen Kemenate zurück. Welch ein Unterschied zur servilen Katzbuckelei des Bedienpersonals im Hotel! Unterwürfiges Verhalten mir gegenüber konnte ich noch nie ausstehen, jetzt aber begann ich mich geradezu danach zu sehnen. Das ganze Ambiente meiner neuen Bleibe verströmte den Charme einer sibirischen Jugendherberge zu Zeiten Nikita Chrustschows. Für das Notwendigste war gesorgt, aber auch nicht mehr: Bettwäsche, Handtuch, Seife und ein Wasserkocher. Die drohend aufgelegte Hausordnung klang nicht viel angenehmer als diejenige eines Instituts für schwererziehbare Kleinkriminelle. Das karge, ziemlich abgewetzte und lieblos eingerichtete Doppelzimmer durfte ich alleine bewohnen, was ein Privileg war, wie man mir anschließend versicherte. Andere Insassen mussten sich zu zweit ein Zimmer teilen.

Aphrodites trostlose Siechengruft

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Damit begann mein zehntägiger Aufenthalt in einer Institution, die allem Anschein nach auf einer Romanvorlage von Kafka beruhte: Lange, schummrig beleuchtete Korridore, keinerlei Schmuck an den Wänden, aber überall Kameras an der Decke. Gelegentlich huschten miesgelaunte Gestalten aus oder ins Zimmer. Die überwiegende Mehrzahl der Hotelgäste waren russische Reisende, die nach der Ankunft getestet und für positiv befunden wurden. Die wenigsten waren wie ich während des Aufenthalts erkrankt. Wer während der Isolation nicht an Covid sterben würde, dem drohte der Tod durch Langeweile und Vereinsamung. Man sollte sich möglichst nur im Zimmer aufhalten, konnte aber auch auf den Flur hinausgehen und mit anderen Insassen seine Erfahrungen und nebenbei auch seine Viren austauschen. Draußen vor dem Haus war ein kleiner, höchst dilettantisch abgesperrter Bereich zum Luftschnappen bereitgestellt. Dort traf ich die anderen Delinquenten, deren wichtigste Beschäftigung das Rückwärtszählen der Tage war – auf Russisch natürlich. Ein Glück, dass wir einen halbwegs funktionsfähigen WIFI hatten, so dass der wacklige Kontakt zur Außenwelt einigermaßen aufrechterhalten werden konnte.

Drei Mal am Tag klopfte es kurz an der Tür, und wenn man öffnete, baumelte an der Klinke bereits eine Tüte mit der nächsten Mahlzeit. Diese war mengenmäßig in Ordnung, aber über die Qualität und Schmackhaftigkeit gingen die Meinungen auseinander; zumindest für diejenigen, die noch schmecken und riechen konnten. Diese schwankten zwischen „scheußlich“ und „erträglich“. Immerhin, Zypern ließ seine in Ungnade gefallenen Besucher nicht verhungern. Allerdings ließ es sie deutlich spüren, dass sie als Virusträger höchst unwillkommen waren, und dass man sie nur aus humanistischen Gründen am Leben halten würde.

Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im “Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl
Persönliche Einladung zu einer Mahlzeit im „Eden Resort” genannten Aussätzigenasyl

Die sich in der Isolation entfaltenden Probleme waren vielerlei Art: Ausgeliefertsein, Vereinsamung, Ameisenprozession entlang des Bettrands, ein Schlangenfraß von einer Verpflegung, und natürlich allem voran die zähfließend um sich greifende Langeweile. Diese Umstände wechselten sich in verschiedensten Kombinationen ab. Alleine die Vorstellung, dass dieses Elend zehn ewigwährende Tage und Nächte andauern würde, lieferte insbesondere am Anfang reichlich Rohstoff für eine zünftige Depression.
Aber man darf auch nicht die angenehmen Seiten der Abschottung vergessen: man konnte ungestört seinen Gedanken nachhängen. Allerdings, spätestens nach zwei Stunden hatte ich sämtliche meine Gedanken aufgebraucht, und es kam nichts Neues mehr hinzu. Ich beschloss meine Erlebnisse aufzuschreiben, als investigativer Journalist direkt am Ort des Geschehens gewissermaßen. Ich würde sie dem Feuilleton der New York Times anbieten, oder noch besser, sie als Beitrag für den Pulitzer-Preis einreichen. Aber die kostbaren Eingebungen versiegten schnell, und es fielen mir nur diese larmoyanten Jammerzeilen ein.

Abends vor dem Einschlafen wünschte ich mir als Erstes, anderntags woanders aufzuwachen. Meinetwegen inmitten einer Autobahnkreuzung, oder in der Wüste Gobi, auf einer Müllhalde, in einem Schlachthaus, oder sogar inmitten eines dieser neuartigen Gyms von schwitzenden Männern umlagert – egal wo, nur nicht wieder hier. Doch es half nichts, ich erwachte jeden Morgen in den nassgeschwitzten Laken des „Eden Resorts“ wie an einem sich fortwährend wiederholenden Murmeltiertag. Natürlich ventilierte ich insgeheim so meine Ausbruchsphantasien. Am besten sollte ich analog zum Sklaven Jim einige Abschiedsworte mit Blut auf Klopapier hinterlassen, aber woher die streichfähige Blutwurst nehmen? Die Aufpasser danach zu fragen, hätte meine Absichten aufgedeckt.

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Nein, wie sich bald herausstellte, aus dem streng überwachten Komplex war kein Entkommen möglich. Die elende Behausung, welche passenderweise besser Aphrodites Siechengruft hätte heißen sollen, hielt seine positiv getesteten und negativ gestimmten Insassen mit den muskulösen Armen einer fürsorglichen Brachialschwester aus der geschlossenen Psychiatrie fest. Wohin hätte man auch ausreißen sollen? Wenn man zufälligerweise keinen Oligarchen zum Freund hatte, der einen in einer heimlichen Aktion aus einer abgelegenen Bucht abholen und auf seiner Jacht davonsegeln würde… Tja, dann könnte man dem Martyrium ein vorzeitiges Ende setzen. Mein bester Freund ist leider kein Oligarch, nicht mal stellvertretender Assistenzbuchhalter auf Stundenbasis, und eine Jacht hat er auch nicht. Nur ein abgewetztes Surfboard. Was blieb: weiterhin die Zeit rückwärts zählen.

Aphrodites bedauernswerte Jünger

Werfen wir nun einen Blick auf die Insassen, die im gleichen Schlamassel steckten wie ich. Auf den drei Etagen waren dem Vernehmen nach an die 130 Verurteilte einquartiert, aber den meisten von ihnen begegnete ich nicht. Meine benachbarten Flurkollegen waren mit wenigen Ausnahmen lauter Russen: Einzelpersonen oder Familien mit Kindern aller Altersgruppen. Alle versuchten den Kleinen den Zwangsaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und versorgten sie mit eingeschmuggelter Eiscreme oder unterhielten sie mit improvisierten Spielen wie Bowling mit einem Gummiball und leeren Wasserflaschen.
In dem kleinen Viereck draußen vor dem Haus liefen unendliche Diskussionsrunden zwischen den Insassen, die sich vermutlich stets um dasselbe drehten: unserem Schicksal als weggesperrte Aussätzige. Das allerdings ist aus sprachlichen Gründen nur eine Vermutung. Unter den Russen gab es eine Mehrzahl, die keine andere Sprache beherrschte, und eine Minderheit, die passabel Englisch konnte. Zu den Letzteren gehörte ein armenisches Pärchen aus Georgien. Sie wurden von den Ereignissen auf ihrer Hochzeitsreise eingeholt, die ihnen wohl in denkwürdiger Erinnerung bleiben dürfte. Die einzigen Nicht-Russen waren ein junges Paar mit Kleinkind aus Birmingham, er Lastwagenfahrer, sie Hebamme und selber hochgradig schwanger. Dann gabs noch einen Inder und zwei Syrer, die ununterbrochen an ihren Handys hingen.

Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt
Meine Gäste zu den regelmäßigen Mahlzeiten mit dem teilweise ungenießbaren Schlangenfrass. Den Gästen hat es immerhin vorzüglich geschmeckt

Als Isolations-Anfänger musste ich den nach und nach erfolgenden Abgang meiner alteingesessenen Kameraden erleben, die langsam durch neue Einlieferungen ersetzt wurden. Mit einer gewissen Befriedigung nahm ich meine Entwicklung vom ansteckenden Grünschnabel zum Quarantäne-Veteranen zur Kenntnis und versorgte meinerseits die Neuankömmlinge mit wertvollen Tipps. Einer davon war der virtuelle Einkauf von komfortverbessernden Dingen im nahegelegenen Ramschladen. Das spielte sich so ab, dass der Ladenbesitzer, ein gewisser Demetrios, einem per WhatsApp über hundert Bilder von seinen Ladenregalen zuschickte. Darauf konnte man in mühsamer Sucharbeit die gewünschten Produkte lokalisieren, deren griechische Aufschriften einen jedoch oft zum Rätselraten veranlassten: Waren das nun geröstete Pistazien in Wasabikruste oder assortierte Pfeilspitzen aus Bronze für die Belagerung von Troja? Wahrscheinlich erstere.

Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen
Screenshot von meinem Mobilphon mit den über hundert Fotos von den Auslagen des benachbarten Ramschladens, der sich Supermarket nannte. Daraus sollten sich die Insassen die gewünschten Produkte aussuchen und bestellen

Wenn man das Gewünschte endlich erkannt und lokalisiert hatte, dann sandte man das entsprechende Regalbild wieder zurück mit einem Hinweis wie „2 pcs of the strange looking yellow item on the upper row in third position from left, please. And a banana“. Außerdem schickte man dem geschäftstüchtigen Demetrios – nach Überwindung stärkster innerer Hemmnisse – seine Kreditkartendetails und wartete auf die Lieferung. Letztere traf meist am Nachmittag ein, und man wurde von der Rezeption angerufen, um das Bestellte bei der Pforte entgegen zu nehmen. Diese öffnete sich für einen Sekundenbruchteil und fiel nach der Entgegennahme der Sendung gnadenlos schnell wieder ins Schloss. Danach stand man erneut einsam und verlassen vor dem wieder hermetisch versperrten Himmelstor und zog mit seinen Antidepressiva schwermütig von dannen.

Einmal am Tag kam ein Vermummter vorbei und hielt einem eine Pistole an den Kopf. Okay, sein Thermometer sah nur wie eine Pistole aus. Aber auf dem Display erschienen unmittelbar die Zeichen der Zeit: „36,4°C“ oder „Sterblicher, dein Leben nähert sich seinem Ende“.
Meine Temperatur war glücklicherweise stets normal, aber um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, buchte ich für den Tag meiner vorgesehenen Entlassung schon mal vorsorglich den Rückflug. Das hielt ich für ein wirksames Mittel, die Zukunft vorwegzunehmen bzw. gezielt zu meinen Gunsten zu beeinflussen. Wenn der Trick klappt, könnte sich das als lebensverlängernde Maßnahme erweisen. Dann werde ich schon mal ein Ticket zum Silvesterball von 2076 buchen – zu meinem 120. gewissermaßen, den ich am liebsten mit Kaviar, Champagner und einem Dutzend Gogo-Tänzerinnen mit rosa Federboas verbringen möchte.

Aphrodites keimende Hoffnung

Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner
Zwei Ausserirdische beim Montieren einer Überwachungskamera über dem kleinen, umfriedeten Luftschnappareal der Heimbewohner

Inzwischen korrespondiere ich in Bild und Ton mit meiner von der Infektion verschonten Frau. Meine Idee vom Silvesterball im 2076 fand sie sehr gut, bis auf die Sache mit den rosa Federboas. Zwölf davon seien einfach zu viel für einen Hundertzwanzigjährigen. Sie hat sich aus Kummer über mein Schicksal eine kleine Luxussuite gemietet mit direktem Poolzugang und nicht weit vom Strand. Dort versucht sie das Strandleben stellvertretend für mich zu genießen.
Im Gegensatz zu mir muss sie sich selbst versorgen, während ich hier alle Annehmlichkeiten der Vollpension in Anspruch nehmen darf. Nichts wünscht sie sich so sehr wie ebenfalls Mahlzeiten in grünen Plastiktüten außen an den Türknopf gehängt zu bekommen. So ist nun mal das traurige Schicksal des alleingelassenen Luxusreisenden: man/frau kann nicht alles haben. Aber sie weiß auch, dass sie auf keinen Fall ins „Eden Resort“ rein darf. Sie muss stark sein und die Wartezeit auf meine Freilassung in der Einsamkeit ihrer Luxuswohnung mit Meerblick aushalten. Arme Marina!

Die 10 Tage begannen zunächst unmerklich, danach ganz sachte abzuperlen. Noch sieben Tage, noch sechs Tage, noch fünf Tage (gleich Halbzeit)! Noch vier Tage, noch drei Tage, noch zwei Tage (gleich Lagerkoller). Dabei habe ich einen neuen Rekord aufgestellt: 30 geradezu ungenießbare Mahlzeiten, die in grünen Tüten am Türknopf hingen, aufgegessen und verdaut.
Dann blieb nur noch ein Tag, d.h. weniger als 24 Stunden! Ich bekam ein Austrittszertifikat, welches mir bescheinigte, dass ich wieder ein Mensch wie jeder andere war und kein Staatsfeind mehr. Man fragte sogar, auf welche Uhrzeit ich das Taxi bestellen wolle, welches mich abholen sollte. Oh! Ein „Taxi, taxi, oder besser ταξί!“, welch ein wundervolles Wort aus der klassischen Antike, ursprünglich wohl der Kriegswagen von Menelaos – dachte ich zumindest. Stimmt leider nicht, es kommt vom lateinischen taxa für die Berechnung eines Fahrpreises. Mir egal, Hauptsache es bringt mich geschwind weg von hier.

Aphrodites spürbare Erleichterung

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Während Sie diese Zeilen lesen, die mit garantiert virusfreien Tränen der Rekonvaleszenz geschrieben wurden, bin ich bereits in der Schweiz bei der Arbeit und blicke mit Erstaunen und Dankbarkeit auf meine Reise nach Zypern zurück. So ein Abenteuer ist nicht jedermanns Sache. Auf die ängstlich vorgetragene Frage des französischen Schriftstellers Arthur Rimbaud an seinen Freund und Berufskollegen Arthur Schnitzler, was er denn tun sollte, antwortete dieser mit dem vielzitierten: „Du fragst mich, was Du tun sollst? Ich sage Dir, lebe wild und gefährlich!“ Ich halte es mit dem Österreicher. Der übervorsichtige Rimbaud ignorierte den freundlichen Rat seines Kollegen und starb jung im Bett. Mir kann das, jetzt mit dem baldigen Erreichen des 65. Lebensjahrs, wohl nicht mehr passieren…
Ich bitte um Nachsicht für den plötzlichen Abbruch dieses Diskurses an dieser Stelle. Soeben habe ich herausgefunden, dass es sehr verlockend wäre, eine Flusskreuzfahrt auf dem Oberen Nil zum Tanganjika-See zu unternehmen. Die Malaria schert mich wenig bis gar nicht, schließlich habe ich einen Mückenspray. Und Ebola – Schnebola… ist mir Wurst! ♦


Prof. Dr. med. Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN außerdem die Satire von Peter Biro: Schreibblockade oder Der Förster und die Jägerin

Ein Gedanke zu “Peter Biro: Der Fluch der Aphrodite (Eine Corona-Reise-Humoreske)

  1. ein köstlicher beitrag, vielen dank dafür! man schwankt beim lesen zwischen dem ernst der sache und dem lockeren umgang damit. habe jedenfalls häufig geschmunzelt über dieses zypriotische aussätzigenheim. die arme aphrodite, sie hatte es schon nicht ganz leicht mit dem kriegsgott ares – und jetzt corona… 😉
    gruss. Sarah

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