Peter Biro: Schluss mit lustig! – Zur Corona-Pandemie 2020

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Schluss mit lustig!

Appell eines Arztes zur Covid-19-Pandemie

von Prof. Dr. med. Peter Biro

Nor­ma­ler­weise ist mir sel­ten ernst zumute, und ich finde in fast allem etwas Hei­te­res zum dar­über Frot­zeln. Aber jetzt ist es aus mit der Lus­tig­keit. Diese wurde in letz­ter Zeit zuneh­mend von Ver­zweif­lung abgelöst.

Natür­lich mache ich mir Sor­gen um die mir nahe­ste­hen­den Per­so­nen, und auch um meine eigene Gesund­heit. Aber nicht das ist es, was mich zur Ver­zweif­lung treibt, son­dern die Igno­ranz der Zeit­ge­nos­sen und die Nach­läs­sig­keit der Behörden.

Corona-Virus - Pandemie 2020 - Covid-19 - Glarean Magazin
Warum die Corona-Pan­de­mie keine gewöhn­li­che Grippe ist

Wir sind inmit­ten einer expo­nen­ti­el­len Ver­schlech­te­rung der Lage mit einer Ver­dop­pe­lung der Fall­zah­len für Kranke, Schwer­kranke und Todes­fälle alle zwei bis drei Tage. Was dabei am meis­ten beun­ru­higt, ist das gras­sie­rende Unver­ständ­nis des ehren­wer­ten Publi­kums für expo­nen­ti­el­les Wachs­tum. Bei kon­stan­ter Ver­dop­pe­lung ent­ste­hen bin­nen kür­zes­ter Zeit gewal­tige Zah­len. Die alt­be­kannte Wei­zen­korn-Legende von der Beloh­nung des Schach­spiel-Erfin­ders durch den dank­ba­ren per­si­schen König ver­an­schau­licht diese Unvor­stell­bar­keit: Auf die Frage, was er sich als Bezah­lung für sei­nen Dienst wün­sche, ant­wor­tete der Meis­ter, dass er ein Wei­zen­korn fürs erste Feld des Schach­bretts haben möchte, gefolgt von dop­pelt so viel, also zwei auf dem zwei­ten – und so wei­ter, mit Ver­dopp­lung der Körn­er­zahl mit jedem wei­te­ren der 64 Fel­der. Der von der schein­ba­ren Beschei­den­heit des Erfin­ders belus­tigte König gab den Auf­trag an seine Bediens­te­ten zur Aus­füh­rung wei­ter. Es dau­erte nicht lange, bis sich her­aus­stellte, dass es bei wei­tem nicht genug Wei­zen auf der gan­zen Erde gab, um auch nur einen Bruch­teil des Auf­trags zu erfüllen.

Chance des totalen Lock-Downs verpasst

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean Magazin
Prof. Dr. Peter Biro: „Schluss mit lustig!“

Was ich damit sagen will ist, dass die Aus­brei­tung der Corona-Infek­tion sich so rasant abspielt, dass durch nor­male Erfah­rung vor­ein­ge­nom­mene Men­schen diese dem expo­nen­ti­el­len Wachs­tum inne­woh­nende Gefahr nicht wirk­lich ver­ste­hen. Die bis vor kur­zem non­cha­lant in gros­sen Rudeln fla­nie­ren­den Son­nen­an­be­ter am See­ufer zeu­gen von die­ser Igno­ranz. Dabei hätte es eine ein­zige Mög­lich­keit gege­ben, die mas­sen­hafte Aus­brei­tung zu ver­hin­dern: Man hätte gleich am Anfang – als noch erst wenige Fälle gemel­det wur­den – die wei­test­ge­hen­den Mass­nah­men ergrei­fen müs­sen wie das totale Lock­down und die völ­lige Iso­la­tion auf allen Ebe­nen – von der Ein­zel­per­son über die Ort­schaf­ten und Regio­nen bis hin zum gan­zen Land.
Doch der Moment, als das noch hätte nüt­zen kön­nen, wurde in der Schweiz wie fast über­all andern­orts sträf­lich ver­passt. Um eine Ana­lo­gie aus mei­nem beruf­li­chen Wir­kungs­kreis zu bemü­hen, das ist ähn­lich zur Krebs­er­kran­kung: Sobald diese dia­gnos­ti­ziert ist, wird man nicht die Behand­lung schritt­weise mit dem Wachs­tum des Tumors aus­bauen, son­dern gleich am Anfang mit der maxi­ma­len The­ra­pie begin­nen, z.B. mit einer Radi­kal­ope­ra­tion. Nur so kann man Krebs eini­ger­mas­sen wirk­sam bekämp­fen: maxi­male Mass­nah­men bei noch gerin­ger Tumor­pro­gre­di­enz. Das­selbe gilt für alles, was gegen expo­nen­ti­el­les Wachs­tum ange­wen­det wer­den soll.

So verhalten, als sei man bereits erkrankt!

Jetzt ist zu befürch­ten, dass uns eine ähn­li­che Ent­wick­lung wie in Ita­lien bevor­steht. Aber wenn man schon nicht mit der adäqua­ten Reak­tion der Behör­den rech­nen kann, dann bleibt uns nichts ande­res übrig, als uns indi­vi­du­ell rich­tig zu ver­hal­ten. Und das heisst, so zu tun als sei man bereits erkrankt – mit dem Impe­ra­tiv, in die per­sön­li­che Iso­la­tion zu gehen. Man gehe nir­gendwo mehr hin, man halte Abstand, des­in­fi­ziere regel­mäs­sig die Hände und lasse sich die Ein­käufe vor die Tür brin­gen. Wenn man kein Des­in­fek­ti­ons­mit­tel mehr auf­trei­ben kann, lange man nach den Spi­ri­tuo­sen in der hei­mi­schen Kel­ler­bar. Wenn man nichts der­glei­chen hat, sollte man regel­mäs­sig die Hände waschen, das hilft auch. Aber das Wich­tigste ist: Zuhause blei­ben, ver­dammt nochmal! ♦

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch von Peter Biro: Hoff­nungs­volle Hamsterkäufe

Wei­tere Inter­net-Adres­sen zum Thema Corona-Pan­de­mie 2020

.

Anzeige Amazon: In medias res - 222 Aphorismen - Walter Eigenmann
Anzeige

 

 

3 Kommentare

  1. Sehr geehrte K.Z. und B.G. vie­len Dank für Ihre zustim­men­den Kom­men­tare. In der Tat, das Gesund­heits­per­so­nal ist in die­sen Zei­ten sehr gefor­dert und auch mehr der Gefahr aus­ge­setzt als andere Berufs­grup­pen. Applaus wird gern ent­ge­gen­ge­nom­men. Aber in die­ser Situa­tion ist der Schwer­punkt nicht bei ein­zel­nen Hel­den. Wor­auf es ankommt ist die sys­tem­über­grei­fende Team­ar­beit. Die reicht vom Por­tier des Spi­tals bis hin zur Inten­siv­pfle­ge­kraft am Bett eines beatme­ten Infi­zier­ten und umfasst sämt­li­che Berufs­grup­pen und Dienst­leis­ter. Es gibt kaum eine andere Situa­tion im Gesund­heits­we­sen in der es so sehr auf ein gut orga­ni­sier­tes und abge­stimm­tes Team ankommt wie bei einer Pan­de­mie. Und die ein­zel­nen Team­mit­glie­der ken­nen sich nicht mal alle unter­ein­an­der, müs­sen sich aber gegen­sei­tig ver­trauen und sich dar­auf ver­las­sen, dass jeder das Rich­tige tut. Die Arbeits­last steigt hier­bei nicht gra­du­ell, son­dern eska­liert schlag­ar­tig sobald die Res­sour­cen erschöpft sind. In die­ser Situa­tion befin­det man sich bereits in Ita­lien, wo nicht mehr alle Pati­en­ten die erfor­der­li­che Behand­lung bekom­men kön­nen, weil alle Inten­siv­the­ra­pie­plätze (samt allen Res­sour­cen) bereits besetzt sind. In der Schweiz sind wir noch nicht so weit, und bereits die nächs­ten Tage wer­den zei­gen, ob es uns auch ereilt. Und wenn ja, in wel­chem Aus­mass. Es besteht auch die Mög­lich­keit, dass die all­ge­mein ver­kün­de­ten und getrof­fe­nen Mass­nah­men anfan­gen zu grei­fen, und die Wachs­tums­rate der Neu­erkran­kun­gen sinkt. Dann bleibt uns die Dekom­pen­sa­tion des Gesund­heits­sys­tems erspart und es ist nur noch mit einem Anstieg der Zahl von Geheil­ten zu rech­nen. Wir wis­sen noch nicht wann und unter wel­chen Umstän­den die­ser Über­gang erfol­gen wird – irgend­wann kommt er sicher. Die Frage ist nur, vor oder erst nach der Über­for­de­rung der Sys­teme. Auf jeden Fall müs­sen wir ver­su­chen, wenigs­tens einen Schritt wei­ter zu den­ken und uns vor­be­rei­ten, als es der Ist­zu­stand gerade vor­gibt. Vor­erst soll­ten wir uns lie­ber auf eine wei­tere Zunahme der Erkrank­ten ein­stel­len. Dees­ka­lie­ren ist jeden­falls leich­ter als alles andere.

  2. Bravo, Herr Dr. Biro! Manch­mal ist flu­chen die ein­zige Mög­lich­keit, um noch von den Doo­fen und Igno­ran­ten gehört zu wer­den. Dank. – Karl

    • Schliesse mich dem voll­um­fäng­lich an! Wenn man so die jüngs­ten State­ments z.B. von füh­ren­den SVP-Schwät­zern liest, könnte einem das Ko… kom­men. Da keift ein selbst­ver­lieb­ter Hohl­kopf wie Roger Köp­pel immer noch laut­hals: „Ret­tet die Schwei­zer Wirt­schaft!“ ( https://www.nzz.ch/schweiz/heb-de-latz-corona-spaltet-die-svp-ld.1546995 ) wo doch jetzt wirk­lich welt­weit fast jede/r weiss, dass nur flä­chen­de­ckende Qua­ran­täne noch einen letz­ten Rest von Hoff­nung ver­spricht. Mir ist lie­ber, wir sind in der wirt­schaft­li­chen Stein­zeit, dafür aber am Leben – als ein paar lau­fende Rest­ma­schi­nen, aber drei Vier­tel Tote… Viel Mut und Durch­hal­te­wil­len Ihnen als Arzt, Herr Dr. Biro, das kön­nen Sie wohl brau­chen jetzt im Spi­tal. Über­haupt ein rie­si­ger Applaus euch allen auf den Inten­siv­sta­tio­nen!! Ehr­lich, ich gebe es zu, an eurer Stelle möchte ich jetzt wirk­lich nicht arbei­ten. Hut ab!! Danke!!
      Ben G. / Zürich

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)