Peter Biro: Der Exodus der Schachfiguren (Humoreske)

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Der Exodus der Schachfiguren

Peter Biro

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei…

Nach langem Überlegen und scharfsichtigem Analysieren der Situation, in der sich die Einwohner seines Kleinstaates befanden, verkündete seinem Volk der schwarze König Bohemund IV, im Volksmund auch King Black genannt, dass der Auszug vom angestammten Schachbrett eine Notwendigkeit sei. Der besonders nachdenkliche King Black kam nach kurzer Introspektion zum Schluss, dass diese Maßnahme unumgänglich und somit eigentlich bereits eine beschlossene Sache sei. Die Entscheidung war ihm gar nicht leichtgefallen, aber der heimliche Abgang vom Schachbrett sei nun mal die einzige Möglichkeit, aus der quadratischen Enge des Spielfelds auszubrechen und die seit langem ersehnte Freiheit zu erlangen.

Lange Abende an verrauchten Spieltischen

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Peter Biro - Glarean Magazin
Gelingt den 32 Schachfiguren die Flucht runter vom Brett in die Freiheit?

Mit dramatischen Worten erläuterte er seinen in vier Reihen aufgestellten schwarzen und weißen Landsleuten die tragische Leidensgeschichte seines unterdrückten Volkes. Er sparte nicht mit bildreichen Schilderungen der elend langen Abende an verrauchten Spieltischen, an denen er und seine Kameraden sich von wahren oder vermeintlichen Geistesgrößen herumschieben lassen mussten und zu grausamen Gladiatorenkämpfen gezwungen wurden. Bei diesen Wettkämpfen wurden jedes Mal etliche seiner Untertanen vom Brett gefegt und bis auf weiteres in den Figurenkasten gesperrt. Je nach Vermögen der Spieler blieb bestenfalls nur der siegreiche König mit einigen wenigen Getreuen als Überlebende des jeweiligen Spiels übrig. Mit anderen Worten, viele seiner Landsleute wurden Opfer eines allabendlich stattfindenden Massakers.

Melania von Ohrensausen

Schach-Humoreske - Melania von Ohrensausen - Glarean Magazin
„Guter Kleidergeschmack war Melanias Sache nicht“

Dieses wehrlose Ausgeliefertsein musste um jeden Preis beendet werden, und gerade jetzt sei dafür die Zeit gekommen. Seine Partnerin, die schwarze Königin Melania Carlotta III (eine geborene Herzogin von Ohrensausen und Schlyck) war zunächst ebenso wenig begeistert vom plötzlichen Freiheitsdrang ihres Gatten wie ihre weiße Gegenspielerin, welche bekanntlich die heimliche Geliebte King Blacks war.
Obendrein wusste Melania von Ohrensausen nicht so recht, was im Falle einer Flucht anzuziehen wäre. Im Gegensatz zu ihrer weißen Gegenspielerin haderte sie ständig mit der Garderobe – denn guter Kleidergeschmack war nun mal ihre Sache nicht. Aber ein finales Machtwort des vierten Bohemunds tat seine Wirkung, und sie fügte sich nicht nur gehorsam in ihr Schicksal, sie begann sogar die Idee der Befreiung bei den anderen Figuren zu propagieren.

Gemeinsame Flucht…

Damit war bald die Mehrheit des Klans, namentlich die schwarzen Gefolgsleute mit der vom Herrscher verordneten Aktion einverstanden. Nur sein linker Läufer blieb irgendwie unbeeindruckt, denn dieser hatte bei einem früher ausgetragenen Kampf seinen komplementärfarbigen Kopf verloren. Jene als Haupt fungierende weiße Kugel ruhte nun unbenutzt in der Figurenschachtel und wartete darauf, von einer barmherzigen Hand wieder auf den zylindrisch schlanken Torso aufgeleimt zu werden. Aber so kopflos wie er nun mal war, konnte der behinderte Läufer nicht an den hitzigen Debatten um Verbleib oder Gehen teilnehmen, und blieb weitgehend über die sich entfaltenden Ereignisse im Dunkeln – eben in jener der kleinen, mit Samt ausgelegten Holzkiste am Rande des Spielbretts.

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Ein weit größeres Problem als der ratlose, linke Läufer war es, den gegnerischen Klan, das heißt die weiße Mannschaft, von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Flucht zu überzeugen. Ihr Anführer, der weiße König Wenzeslaus II, im Volksmund auch Ol` King White genannt, war für seine eher zaudernde Haltung bekannt, so dass beim Versuch ihn zu überreden mit vehementem Widerspruch zu rechnen war. Aber der schwarzbärtige Bohemund hatte dafür noch einen Trumpf in der Hand: er veranlasste seine Geliebte, die weiße Königin Bianca Liposuccta IX (geborene Fürstin von Schlagobers de Saan), ihrem Gatten die Notwendigkeit einer baldigen Flucht subtil einzuflüstern.
Gemäß kolportierter Gerüchte aus den Reihen der schwatzhaften Höflinge, gab diese ihr Bestes (was immer das auch gewesen sein mag), um ihren weißbärtigen Gemahl zu überzeugen, seinen anfänglichen Widerstand gegen einen Exodus der Figuren aufzugeben. Trotz gutem Zureden und einiger hier nicht weiter zu erläuternder Tricks und Kniffe der geschickt agierenden Bianca von Schlagobers de Saan bestand Ol` King White, alias Wenzeslaus II, wenigstens auf einen ritterlichen Zweikampf als Entscheidungshilfe. Er vertrat den Standpunkt, dass eine Meinungsverschiedenheit zwischen gekrönten Häuptern, grundsätzlich mittels eines Duells zu regeln ist, so wie es sich nach höfischer Art geziemt und vom einfachen Bauernvolk auch erwartet wird. Dies gilt sogar trotz der unwiderlegbaren Tatsache, dass nicht nur die einfachen Figuren, sondern auch die royalen Würdenträger aus nichts anderem als aus gewöhnlichem Kleinholz gefertigt sind.

… in die große weite Welt

Das vom Ol` King White, dem zweiten der Wenzelslaeuse geforderte Duell musste sich in Form eines Turniers, oder besser gesagt eines ritterlichen Schlagabtauschs inmitten des Schachbretts abspielen und von den Besten der Besten beider Volksgruppen ausgefochten werden. Deshalb führten beide Herrscher je einen Turm, einen Springer und drei Bauern ins Feld, um eine endgültige Entscheidung in Sachen Flucht oder Verbleib zu erwirken.

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„…bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel.“

Die Kombattanten trafen sich symmetrisch angeordnet entlang der Kampflinie zwischen D4\F4 und D5\F5, und begannen sogleich aufeinander einzuschlagen. Als erstes kickten sich die vorgeschickten Bauern gegenseitig vom Feld, dann umsprangen sich die Rösser eine Weile ergebnislos, bis der schwarze Springer dem weißen Turm zum Opfer fiel, und dieser wiederum von seinem schwarzen Gegenüber gefällt wurde. Der übrig gebliebene, siegeiche schwarze Turm stand triumphierend auf E5 und winkte seiner jovial lächelnden Königin zu, um den Sieg der schwarzen Partei und somit des eigenen Anliegens zu signalisieren. Auf diese Weise wurde entschieden, dass während der kommenden Nacht die gesamte Truppe unter der Führung des schwarzen Königs vom Spielbrett türmen und in die große, weite Welt aufbrechen würde.

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„…denn es war ein regnerischer Dienstagabend.“

Das Wetter war den Flüchtenden gewogen, denn es war ein mondscheinloser, regnerischer Dienstagabend. King Black rechnete richtigerweise damit, dass es diesmal kein Schachturnier geben und deswegen die Luft im unbewachten Spielzimmer rein bleiben würde. Eine derart günstige Gelegenheit zum unbemerkten Abschleichen durfte nicht verpasst werden. Zwar hatte keine der 32 Figuren eine Ahnung davon, was auf sie da draußen wartete, aber alle hatten genug vom ständigen Herumexerzieren, das ewige Rumstehen in Reih und Glied, das aggressive Vorrücken gegen ihresgleichen, das sich gegenseitig Bedrohen müssen und vor allem vom anschließenden Gemetzel während der allwöchentlichen Schachpartien.

Erste Vorbereitungen…

Bohemund, der blacke King gab das Zeichen, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Die Figuren kontrollierten ein letztes Mal die Filzsohlen, auf denen sie leise davonschleichen sollten. Neugierig und mit einer gewissen Portion Neid betrachtete die dunkle Melanie ihre hellhäutige Konkurrentin am gegenüberliegenden Brettrand, die wieder einmal eleganter als sie angezogen war. Bianca stand kerzengerade in ihrem besten Reisekostüm, vom weißen König und einem ebensolchen Berittenen auf D8 eingerahmt. Die vier Rösser wieherten bereits ungeduldig und sprangen regelkonform in L-förmigen Schrittfolgen tänzelnd umher.
Derweil hetzten die drei intakten Läufer diagonal in der Gegend herum, um eventuelle Hindernisse auf dem vorgesehenen Fluchtweg auszukundschaften. Nur der kopflose linke Läufer der schwarzen Partei hatte keine Ahnung davon, was da vor sich ging, und auch keine weiteren Bedürfnisse außer dem einen: wohlverleimt endlich wieder mit seinem Haupt vereinigt zu werden. Er wurde behutsam von seinem vorangestellten Bauern an der Hand geführt, während der abgeschlagene Kopf natürlich auch mitkam, und zwar in der Obhut des rechten weißen Turms, der gleichzeitig die Nachhut anführen sollte.

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„24 flachbrüstige Damen des gleichnamen Brettspiels“

Mehr pro forma und ohne große Hoffnung auf Zustimmung lud Bohemund die 24 Damen des gleichnamigen Brettspiels ein, sich seinem Tross anzuschließen. Aber wie erwartet wiesen die ängstlichen Figürchen auch nur den bloßen Gedanken an eine Flucht weit von sich, und der zutiefst bohemundete König Black bedauerte bereits, sie überhaupt gefragt zu haben. Stattdessen stapelten sich die 24 flachbrüstigen Damen ängstlich in vier Reihen in einer Ecke des Figurenkastens und beobachteten sorgenvoll die Abmarschvorbereitungen der Schachkollegen beiderlei Couleur.

… und mitternächtlicher Abmarsch…

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„Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts“

Voller Erwartung schauten alle auf die Stoppuhr am Rande des Spielbretts, und als diese Mitternacht schlug, marschierte die erste Kolonne unter den aufmerksamen Blicken Bohemunds ab, der am Spielfeldrand stehend, der Prozession aufmerksam zusah und jeder Figur ermutigend auf die kreisrunde Schulter klopfte. Die erste Gruppe, gewissermaßen die Vorhut, bestand aus dem treuen linken schwarzen Turm, einem weißen Läufer und fünf Bauern beiderlei Farben. Anschließend folgte die Hauptmacht unter der Führung von König Wenzeslaus und der beiden Königinnen, die sich unentwegt gegenseitig beäugten und ihre Garderoben abschätzten. Im Zentrum marschierte unmittelbar dahinter die königliche Leibgarde bestehend aus zwei Türmen, flankiert von den zwei Springern Dexter und Linky, ihrerseits gefolgt von neun gemischten Bauern einschließlich desjenigen mit dem kopflosen Läufer an der Hand. Als letzter der Hauptstreitmacht gesellte sich Bohemund hinzu und winkte der etwas zurückbleibenden Nachhut, ihm baldmöglichst zu folgen. Diese ging anschließend unter der Führung des rechten, weißen Turms zusammen mit den restlichen Offizieren und Bauern, die große Mühe drauf verwendeten, die Spuren des Auszugs zu verwischen.

… über den Vorhang…

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Vorsichtig seilten sich die Schachfiguren eine nach der anderen an einer Falte des Vorhangs, der direkt an den Spieltisch grenzte, zum Teppichboden herunter. Die ganze Aktion dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis alle sich in einer langen Reihe zu Füßen des nächsten Tischbeins zum Zählapell aufstellten. Lediglich die zuoberst gestapelten Domino-Steine im benachbarten Regal hatten etwas von der Aktion mitbekommen und gaben die aufregende Nachricht vom Auszug der Kollegen ihren zahlenmäßig passenden Nachbarn weiter. So war es bald eine ausgemachte Sache unter den Bewohnern des Spielzimmers, dass eine große Fluchtbewegung angelaufen war.
Man war sich einig, dass wenn anderntags das Fehlen der Schachfiguren bemerkt würde, ein ziemlicher Aufruhr ausbreche. Der Besitzer des Spielzimmers und dessen Inhalts, ein gewisser Herr Michael Faraon, seines Zeichens Aktuar des örtlichen Schachklubs, sei bekanntermaßen sehr jähzornig und nachtragend. Das wusste man schon von früher, nachdem Herr Faraon einmal eine Kreuz-Sieben mit Kaffee befleckt und damit unbrauchbar gemacht hatte. Daraufhin zerriss er wutentbrannt die Karte und schleuderte das ganze Pack nutzloser Kanasta-Karten in den Kamin. Sowohl die Dominosteine, als auch die danebenliegenden Pokerkarten hofften inständig, dass der zu erwartende Wutanfall des Herrn Faraon sich nicht gegen sie richten würde. Der Herzkönig vom Kartenstapel überbrachte den Abrückenden die Abschiedsgrüße der versammelten Spielwaren und winkte seinen scheidenden Kollegen traurig hinterher.

… und das Treppenhaus …

Schach-Satire - Exodus der Schachfiguren - Zwei Läufer - Peter Biro - Glarean Magazin
„Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften“.

Nach einem abschließenden Zählapell blies Bohemund Black zum endgültigen Abmarsch aus dem Spielzimmer. In geordneter Reihe marschierte die Kolonne an Tisch und Stühlen vorbei, passierte in einem strategisch geschickt angelegten Umgehungsmanöver das Kanapee und ein niedriges Kartentischchen, und durch die nur leicht angelehnte Tür erreichten alle Figuren wohlbehalten das Treppenhaus. Zwei Läufer wurden ausgeschickt, um die beste Abstiegsmöglichkeit auszukundschaften, und sie kehrten mit der Meldung zurück, dass man jede Stufe am besten entlang der Teppichkante herunterklettern könnte. Dies würde für die gesamte Truppe mehrere Stunden dauern.

… durch die Katzentür …

Ein dritter Läufer blieb etwas zurück und linste durch den Türspalt zurück, um eventuelle Verfolger rechtzeitig auszumachen. Gesagt, getan, mit der Vorhut voran kraxelten alle Figuren in einer überfigürlichen Anstrengung die Treppe bis zum Flur hinunter, was fast bis zum Morgengrauen dauerte. An mehreren Stellen führten die beiden Könige einen Zählapell durch, um die Mannschaft auf Vollständigkeit und Fahnenfluchtfähigkeit zu prüfen. Am Treppenabsatz angekommen, wurde eine kleine Abschiedszeremonie mit Trompetenklang und Einrollen der Fahnen abgehalten, und anschließend entwich der gesamte Schachfigurensatz durch die Katzentür.

… in den Maulwurfsbau

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Den ersten Tag campierte die Truppe im improvisierten Biwak eines Maulwurfsbaus im Garten des Faraon-Hauses, denn allen Geflüchteten war klar, dass man sich bei Tageslicht besser nicht blicken lassen sollte. Ansonsten könnte ein verräterisches Haustier die Deserteure erkennen, ausbuddeln und Herrn Faraon Bericht erstatten. Das konnte böse enden, z.B. damit, dass man einem Strafbataillon zugeteilt würde, was wiederum eine mehrjährige Fronarbeit beim Mühlespiel bedeutete oder gar schlimmeres: zu Feuerholz degradiert zu werden. In der Tat machte Faraons getigerte Hauskatze Annabella Schnurrdibus wiederholt Kontrollgänge durch Haus und Garten, aber sie bemerkte die sich eng aneinander duckenden Figuren im Maulwurfshügel nicht. So blieben die Geflohenen unentdeckt und konnten in der zweiten Nacht ihre Flucht fortsetzen.

Letzter diagonaler Erkundungsgang

Um einen improvisierten Kartenkiesel versammelt, beugten sich die beiden Könige bei einer Lagebesprechung über eine grob gezeichnete Skizze der Umgebung, welche die Läufer von ihrem letzten, diagonalen Erkundungsgang mitgebracht hatten. In Gegenwart von je einem weißen und einem schwarzen Turm sowie der drei Läufer studierten King Black und Ol` King White die in Frage kommenden, weiterführenden Fluchtrouten. Zwar versperrte eine große Pfütze den einzig gangbaren Weg zur Straße, aber der weiße Wortführer der Läufer meinte, man könnte sie durchwaten, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen und sie wenigstens teilweise ausgetrocknet haben würde. Dann genüge es, wenn der Anführer der Truppe, also King Black, auf die seichteste Stelle des verbleibenden Wassers zeigen würde, wo sich die Truppe in die Fluten wagen könnte.

Zurück zu den Anfängen

Elefant mit Turm – Fresko aus der mozarabischen Einsiedelei (ermita) San Baudelio de Berlanga - Glarean Magazin
„Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort“ (Spanisches Fresko mit Elefant und Turm)

Als älteste aller Figuren meldete sich der weiße Turm zu Wort und erinnerte die Anwesenden an jene Schreinerwerkstatt, aus der er und die anderen ursprünglich stammten. Jenes Atelier gehörte einem gewissen Meister Astalosh, der die altertümliche Drehbank betrieb, an der seinerzeit sie alle – außer den Springern – in ihre zylindrische Form gedrechselt worden waren. Dort, so behauptete der weiße Turm, könnte man sich unauffällig unter die unfertigen Bauteile und den herumliegenden Holzabfall aus der laufenden Produktion verstecken.
Da die Schreinerwerkstatt nur eine Tagereise vom Maulwurfshügel entfernt war, wurde beschlossen, dass sich die Figuren dorthin über die folgenden vier Nächte in getrennt vorstoßenden Gruppen durchschlagen sollten. Jede Gruppe würde unter der Führung eines gekrönten Hauptes, also eines Königs oder einer Königin stehen und aus jeweils einem Turm, einem Springer, einem Läufer und vier Bauern bestehen. Außerdem wurde vereinbart, dass falls eine Gruppe auf der Flucht von der gemeingefährlichen Schnurrdibus oder gar von Herrn Faraon persönlich ertappt werden sollte, kein Wort über die anderen verloren werden durfte; nicht einmal unter einem peinlichen Verhör mittels Schraubzwinge oder Fuchsschwanzsäge.

Erfolgsgekrönter Exodus

Bis auf die letzte Gruppe, welche den kopflosen Läufer transportierte, erreichten alle Figuren planmäßig den schützenden Abfallhaufen neben der Schreinerei. Die letzte Gruppe war zwangsläufig langsamer unterwegs und wurde von einem streunenden Hund aufgehalten, der fast die gesamte Nachbarschaft wach kläffte, als er der ungewöhnlichen Prozession gewahr wurde. Aber bereits unter dem ersten, blendenden Strahl der Morgensonne erreichten auch die letzten Figuren den schützenden Holzhaufen und konnten sich im Sägemehl von Astaloshs Werkstatt endlich von den Strapazen ihrer abenteuerlichen Flucht ausruhen. So geschah es, dass dem waghalsigen Exodus der Schachfiguren ein krönender Erfolg beschieden war.

Epilog

Der Schreinermeister Astalosh durchsuchte regelmäßig den Abfallhaufen nach noch brauchbarem Material, denn hie und da benötigte er Kleinteile für eine Verzierung oder Ergänzung irgendeines Möbelstücks. So stieß er auf die verstreut herumliegenden Schachfiguren, die ihm irgendwie bekannt vorkamen. Da er aber nicht alle auf einmal erblickte, dachte er nicht daran, diese wieder einem Schachspiel zuzuführen, zumal damit kaum mehr etwas zu verdienen war. Stattdessen fand er für die nach und nach aufgeklaubten Figuren unterschiedliche Verwendungen, die dazu führten, dass die Gruppe definitiv auseinandergerissen wurde:

• Neun Bauern endeten als Schubladen-Griffe für die Schlafzimmerkommode eines jungen Brautpaares und wurden zwangsläufig Augenzeugen von deren intensiver Familienplanung.
• Die verbleibenden sieben Bauern wurden als Kegel in einem Miniaturbowling-Spielkasten für Kinder verbaut und landeten auf dem Gabentisch eines stark kurzsichtigen Jünglings namens Hubert.
• Mit den vier Türmen verlängerte Herr Astalosh die Beine eines kleinen Beistelltisches, welches – welch eine Ironie des Schicksals! – von Herrn Faraon für sein Spielzimmer bestellt wurde. Nach Auslieferung des fertigen Kleinmöbels und nach Einbruch der Nacht kam es im Spielzimmer zu einer unerwarteten Wiedersehensfeier unter Beteiligung der Dame-Figuren, der Pokerkarten und der Dominosteine, welche die vier immobilisierten Rückkehrer nach deren Erlebnissen während ihrer Flucht ausfragten. Umgekehrt berichteten sie den bodenständigen Türmen, dass Herr Faraon während der verzweifelten Suche nach den verschwundenen Schachfiguren einen kurzen und heftigen Wutanfall erlitten, das Schachbrett zerbrochen und die beiden Stoppuhren in den Müll geworfen hatte.
• Dexter, der rechtsstehende, weiße Springer endete als Verzierungen im Rahmen eines Garderobenspiegels, welcher Jahre später zu einem Zahnarztstuhl umgearbeitet wurde. In diesem wiederum wurde er zu einem Griff umfunktioniert, welchen die Patienten kräftig drücken konnten, wenn der Schmerz unter der Behandlung überhandnahm. Linky gelangte auf verschlungenen Umwegen nach Österreich und wurde als symbolisches Dekorationselement in einer Menütafel verbaut, und zwar über dem Tresen des „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee.
• Die zwei schwarzen Springer (Nero und Misericordius) wurden zu Regenschirmgriffen umgestaltet. Als solche gingen sie mit anderen Haushaltsartikeln in den Export. Nero endete im norwegischen Stavanger als unentbehrliches Accessoire eines Seiltänzers, der jeden Sonntagnachmittag mit einem Matjeshering in der einen und dem Schirm in der anderen Hand zwischen den beiden Türmen der Kathedrale balancierte. Der Schirm mit Misericordius wurde zum Sonnenschutz einer malaysischen Lehrerin, die in einem abgelegenen Urwalddorf verwaiste Makaken zu Stenotypisten und Fluglotsen ausbildete.
• Die drei intakten Läufer blieben zurück und versteckten sich unter einem Werkzeugschrank. Um verirrten Kameraden beizustehen, gingen sie sporadisch auf Erkundungsmissionen, die sie diametral in sämtliche Ecken des Raumes unternahmen. Sie trafen aber keine Verirrten mehr aus dem alten Figurensatz an. Ansonsten blieben Sie jahrelang unter dem Gestell versteckt, bis eines Tages die Werkstatt abgerissen und einem Waschsalon weichen musste. Wahrscheinlich wurden sie mit dem Schutt aus dem Abbruch entsorgt, jedenfalls hörte man seitdem nichts mehr von ihnen.
• Der kopflose Läufer, den man unter großen Mühen mitgeschleppt hatte, wurde sehr bald nach seiner Ankunft durch Herrn Astalosh als unbrauchbar erkannt und verschreddert. Kopflos wie er war, endete er als Holzpellet in einer Heizanlage. Sein Haupt machte indes Karriere als hübsch gemaserte, besonders leichte Murmel in der Kugelsammlung von Astalosh Junior.
• Die beiden Königinnen blieben weiterhin schicksalhaft zusammen und hatten somit die Möglichkeit sich weiterhin gegenseitig anzukeifen. Sie wurden als Handgriffe auf ein Paar hübsch dekorierten Cocktailspießen angebracht, auf die man Oliven oder Zitronenscheiben aufzog. Dergestalt kamen sie in ihrer neuen Eigenschaft als Besteck in einer Karaoke-Bar zum Einsatz. Aus Cocktailgläsern ragend, musterten sie sich weiterhin gegenseitig mit unfreundlichen Blicken und warfen sich gelegentlich beleidigende Bemerkungen betreffend ihrer Garderoben zu.
• König Wenzeslaus II alias Ol` King White endete als dekorativer Knauf am oberen Wendepunkt eines barocken Treppengeländers, von wo er jahrzehntelang die auf- und absteigenden Hausgäste der vornehmen Villa beobachten und daraus seine ganz persönlichen Schlüsse ziehen konnte. Seine Memoiren erschienen Jahre später unter dem Titel `Vom Thron zur Zierfigur – Erinnerungen eines aufgestellten Königs` bei Klappezu & Affetot 2009, Wien, London, Buxtehude.
• Bohemund IV, oder King Black, der initiative schwarze König, der die ganze Fluchtaktion geplant, befohlen und angeführt hatte, wurde an die Spitze einer Standartenstange montiert, die bei Aufmärschen der Heilsarmee der Blaskapelle vorangetragen wurde. Auf diese Weise konnte er, standesbewusst wie er nun mal war, an feierlichen Zeremonien lange Jahre an vorderster Stelle teilnehmen und sich am Tschingderassabum und dem ganzen Tamtam um ihn herum erfreuen. Dabei glaubte er felsenfest, dass der Jubel der freudig am Straßenrand zuschauenden Menschen ihm alleine galt und der ganze Aufmarsch ihm zu Ehren abgehalten wurde.

Moral der G’schicht: Süß ist die Freiheit selbst dann, wenn sie einem nur zu einem zeitweiligen und banalen Weiterleben verhilft! ♦


Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Grosswardein (Rumänien), 1970 Emigration nach Deutschland, Medizinstudium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anästhesist am Universitätsspital Zürich und Dozent für Anästhesiologie, schreibt kulturhistorische Essays und humoristische Kurzprosa, lebt in Feldmeilen/CH

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Christian Urech: Drei Märchen (Grotesken)

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Es war einmal…

Christian Urech

… ein einsamer Buchstabe

der zu den Zeiten von Napoleons Russland-Feldzug einfach in den kargen Weiten der sibirischen Steppen vergessen worden war und seither in der unzivilisierten Natur des Nordens umherirrte.
Es war ein französischer Buchstabe, wohlgesprochen, ein Buchstabe, der in den Wörtern der feinsten Pariser Salons verkehrt hatte, und dies schon vor der Revolution. Er war durch die süsse Kehle der Marie Antoinette gegangen, in einem Rokokoschlösschen. Molière hatte ihn auf die Bühne gebracht, der Papst ihn urbi et orbi unter der christlichen Menschheit verbreitet.
Und jetzt? So allein, so allein! Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten – allein.
Nur einmal, da hatte er sich in den Mund eines besoffenen russischen Bauern verirrt, der ihn aber alsogleich mit einem wüsten Fluch wieder in die Verbannung hinausbeförderte.
Was beweist, dass manchen einsamen Buchstaben nichts weiter fehlt als ein gutes Wort. ♦

… eine Tomate

die war sehr sensibel und schüchtern, so dass sie sicher errötet wäre, wenn ihr jemand ein Kompliment gemacht hätte – und wenn sie überhaupt noch hätte röter werden können, als sie es schon war. Es war nämlich eine schöne, saftige, sonnengereifte Tomate.
Natürlich gab es genügend brutale Menschen, die nur zu gerne in sie hineingebissen hätten. Aber die Tomate, die zwar sensibel, jedoch nicht im Mindesten masochistisch veranlagt war, hatte einen gesunden Überlebenstrieb. So rollte sie – nach einer an der Mutterpflanze glücklich verlebten Jugend (und anschliessend gelandet auf dem Gemüsestand eines italienischen Bauern) – einfach tollkühn davon.
Sie rollte mit dem unverschämten Glück der Naiven quer durch den Moloch Florenz, in dessen Kinos perfiderweise der neueste Hollywood-Streifen mit dem Titel „Angriff der Killertomaten“ gezeigt wurde. Rollte also davon, ohne von Autos zerquetscht, von Füssen zertrampelt oder von Polizisten eingefangen und als Beilage zu einem Frühstückssandwich gescheibelt zu werden. Sie rollte davon und raus aus der Stadt, in die friedlichen Felder der Toscana hinein.
Es war ein überaus sonniger, heisser Tag. Unsere sensible Tomate wurde müde und wollte ein kleines Schläfchen halten.
Man ahnt schon, wie die Geschichte endet. Matschig und faulig werdend, überlebte sie die Siesta in dem trockenen Staub wohl kaum.
Was beweist, dass das Leben der Tomanten so oder so kurz und tragisch ist. ♦

… ein armer Mann

dessen Herz war so schwer wie ein Sack voller Steine, denn er hatte eine siebenköpfige Familie zu ernähren und keine Arbeit und kein Geld. Da er in einem Land wohnte, in dem alles andere leichter zu bekommen war als gutes und reichliches Essen – die meisten Nahrungsmittel mussten an die reichen Länder des Nordens verkauft werden, um irgendwelche Schulden zurückzahlen zu können, von denen der arme Mann keine Ahnung hatte, wie sie zustandegekommen waren -, hielt er die Erde für eine öde Wüste oder für einen trüben Sumpf, das Leben aber für eine Art Aufnahmeprüfung: die höhere Schule war das Paradies, der Himmel die Götter.
Sicherlich hatte der arme Mann in diesem Paradies einen anderen Körper als hier auf Erden. Einen stärkeren, widerstandsfähigeren, und mit schärferen Pranken, spitzeren Zähnen. Die Welt im Himmel ist ruhig wie ein Stück sich selbst überlassene Natur, nur erfüllt von der Musik der singenden Vögel, vom Schnattern, Seufzen, Stöhnen, Pfeifen, Schnauben, Stampfen und Rascheln der lebendigen Kreatur.
Der arme Mann, welcher jetzt schön ist und stark, dessen Haut bronzen glänzt, und dessen Haar schimmert wie Gold, dieser arme Mann bahnt sich mit seinem silbernen Schwert einen Weg durch diese grüne, friedliche, dampfende, stampfende, raschelnde Welt. Er schreitet voran wie ein König, ein Adliger, ein Auserwählter, ein Sohn Gottes. Er ist die Krone der Schöpfung, unbeteiligt mitfühlend, ein Wissender und trotzdem Unschuldiger, ein Teil und doch teilhabend am Ganzen.
Mitten im dampfenden, kochenden Urwald steht ein wunderschönes Schloss, ein Schloss mit einer üppigen Architektur, ein Labyrinth aus Türmen, Bogen, Quadern, Pyramiden, die künstlich aufeinandergetürmten Steine fast naturhaft oder zumindest äusserst raffiniert die Natur nachahmend, ein Märchenschloss auf dem Grunde des Meeres.
Und er betritt durch ein bogenförmiges Tor das Schloss, der arme, nunmehr reichgewordene Mann, kein Mensch begegnet ihm, nur davonhuschendes Getier. Und er geht durch lange Gänge, vorbei an bogenförmigen Fenstern, vor denen friedlich, tiefgrün, wogend und brodelnd die Welt liegt. Er verliert sich ganz in diesem endlosen Gehen. Sein Kopf ist leer, die Gedanken sind Grösserem gewichen. Er ist nur noch leeres Bambusrohr, Instrument des Absoluten.
Da, plötzlich, ganz unverhofft öffnet sich der Gang in einen offenen Saal. Die Luft ist aus goldenem, fast flüssigem Stoff. Berauscht sinkt der Mann in diesen Stoff hinein, in den Stoff, aus dem die Träume sind (Danke, Herr Simmel).
Solch verzauberte Welten – die aufregendsten Märchen, Sagen und Legenden – gibt es jetzt in einer einzigartigen Buchreihe. Allerdings muss unser armer Mann – will er, was ihm niemand verdenken wird, an ihr teilhaben – zumindest lesen können und wenigstens das Kleingeld übrig haben für den Einführungsband „Das verwunschene Reich“. ♦


Christian Urech

Geb. 1955 in Menziken/CH, Germanistik-Studium in Bern, vieljährige Tätigkeit als Redaktor und Lektor bei einem Verlag, Veröffentlichungen von Sachbüchern und Kriminalromanen, lebt als Berufsbildner, freier Journalist und Marketingberater in Zürich

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… sowie die groteske Parabel von Georges Raillard: Der richtige König

Franz Trachsel: Semper fidelis (Humoreske)

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Marsch-Impressionen im Parkhaus

Franz Trachsel

Shopping-Center-Parkhäuser dürfen für sich beanspruchen, nach aussen umgebungskonform-freundlich aufzutreten, nach innen angesichts ihres grossen Parkplatzangebots aber die nüchtern-zweckmässige Wucht selber zu sein. Und dann erst die ausserhalb der Shopping-Zeiten darin herrschende Stille – empfunden heute, eines vorsommerlich frühen Montagvormittags, und angesichts des nur sehr spärlichen Eintreffens der Kundschaft.
Doch urplötzlich sieht sich, wer schon hier, vom Hauptzugang her von einem vollorchestrierten marschmusikkalischen Auftakt vereinnahmt! Und wer ausserdem auf dem schmalen Weg im Zweiradbereich abgestiegen, der kommt sich in eine kasernenhaft grosse, höchst belebte Blasmusikhalle hineingeraten vor.
Das alles aber keineswegs als aufdringliches Unterhaltungsgezeter dahertönend. Nein, was sich da vollentfaltet sehr wohl hören lässt, ist nichts Geringeres als eine amerikanische Marsch-Legende, nämlich John Philipp Sousas enorm beschwingter „Semper Fidelis„. In voller Korpsstärke notabene – ein wirklich frappanter Tages- und Wochen-Start!

Und dann ist da die Erinnerung, diesen Marsch nicht nur in Konzerten, sondern in quasi welthistorischer Entfaltung miterlebt zu haben. Und zwar live anlässlich der Jubiläumsparade „200 Jahre USA“ am 4. Juli 1976 auf der Pennsylvania-Avenue in Washington. Dieses Erlebnis dabei umso eindrücklicher, als Sousas „Semper Fidelis“ nichts Geringeres ist als das stolz vertonte Siegel der US-Marine. Ja, und wem sonst, wenn nicht der Marine-Band wäre damals die Ehre zugekommen – vom Millionenpublikum besonders stürmisch applaudiert -, dem historischen Tag diesen unverkennbaren Stempel aufzudrücken! Das blendend weiss uniformierte Korps, ein makelloses Neunerkolonnen-Erscheinungs­bild, der mitreissende Marschmusik-Takt: ein nationalhistorisches Aufkreuzen wie aus einem Guss!

John Philipp Sousa
John Philipp Sousa (1854-1932)

Hier im Parking des örtlichen Shopping-Centers hingegen, 35 Jahre später: Sein Klang eine wahre Entschuldigung dafür im Gegensatz zu Washington, auch ohne das geringste Aufblitzen hochglänzend polierter Blasinstrumente festzustellen. Aber warum sollte denn den etagentragenden Parkhaus-Betonsäulen, den Auf- und Abfahrtsrampen, den Parkplatzschranken und dem massig alle sieben Etagen untereinander verbindenden Liftschacht nicht ausnahmsweise mal eine echte Klangreflektoren-Rolle zukommen! aussergewöhnlich dabei halt dieser „Immer-Treu“-Marschauftritt vor allem deswegen, weil er ohne augenfällige Formation auskam. Nahm sich die Freiheit, statt sich mühsam um all die Begrenzungen, Kurven, Auf- und Abstiege herumzuwinden und sich in seine einzelnen Register aufzulösen und ganz eigene Weg zu gehen. Ja selbst der Dirigent dürfte sich unter dem wuchtigen Etagenmauerwerk marschtrunken mit schwingendem Taktstock auf die sonnige Center-Dachterrasse verirrt haben. Und wenn dabei schrittsicher von jemandem begleitet, dann am ehesten noch vom Tambouren- und Flötenregister, derweil sich das Klarinetten-, das Saxaphon-, Trompeten-, Posaunen-, Pauken- und Bassregister (weil für den vom Dirigenten irgendwo mit seinem Stock in die Luft geschmetterten Takt hellhörig geworden), auf das übrige halbe Dutzend Etagen aufgeteilt haben mochten.
Und weil nun einmal John Philipp Sousas Klassiker des Tages die Aufwartung machte, dann gewiss nicht ohne sein – das Korps bekanntlich hinten dekorativ abschliessendes – Sousaphon-Register! Nicht auszudenken, dieses könnte – weil den Auftritt auch hier hinten abschliessend – im Zuge einer akuten Klangtrunkenheit etwa im Parterre-Zugang, also im Wagenwaschanlagen-Bereich in die gewaltig rotierenden Waschbürsten geraten sein. Deren schonungslos nässetrunkener Umlauf wäre vermutlich der kältesten Dusche ihres Musikerlebens gleichgekommen. Hätte man sich also den völlig aussergewöhnlichen Marsch-Auftritt durchaus im Beisein seines berühmten Komponisten vorstellen können, so doch keineswegs den Untergang einer ganzen Sousaphon-Equipe. So gesehen vielleicht nicht ganz unglücklich für ihn, diese Welt schon vor 80 Jahren verlassen zu haben.

Nun denn, plötzlich erwiesen sich auch meine Marschmusik-Minuten hier als gezählt. Augenblicke später benimmt sich in die eingetretene Stille hinein irgendwo im Parking eine forsch zuschlagende Autotür taktgenau wie ein Schlusssignal. Eine Soundanlage der Zehntausenderklasse in einem Coupé der Mittelklasse hatte wohl Raum- und Klangqualität bewiesen. Hier also ein hochkarätiges Bravourstück, was sich anderswo unter anderen Vorzeichen als polizeilich verbotene Belästigung erwiesen hätte. ♦


Franz TrachselFranz Trachsel
Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

Lesen Sie im Glarean Magazin von Franz Trachsel auch Hab Sonne im Rücken! (Humoreske)

Franz Trachsel: Sonne im Rücken (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Hab Sonne im Rücken!

Franz Trachsel

Auf Rad- und Fusswegen als Stuntman aufzutreten ist nicht der spektakulärste Ort dafür und daher von anderer „Persönlichkeitsstruktur“ als im angestammten Film. Anderer Natur daher auch der hier abgehandelte Auftritt, nämlich teils ausserirdischer, teils aber vor Ort in Szene gesetzter. Eine Stuntrealität jedoch insofern, als der gewöhnliche Erdenbürger, vorausgesetzt er ist ein Radfahrer, als solcher gemeinsam mit keiner Geringeren als mit Frau Sonne am Himmel Regie führt und zwar in Gestalt eines aktivierten Schattens seiner selbst.
Schatten haben sowohl als Begriff wie auch real ein physikalisch misshelliges Dasein. Sie sind sozusagen Licht und Schatten zugleich. Das vor allem mit einem immens belebten Adria-, einem Balearen- oder Atlantic-City-Strand oder wo auch immer rund um den Erdball, mit schattenspendenden Palmen auf einer Wüstenoase, vor Augen. Selbst dem Radfahrer müssen Licht und Schatten, soweit in Stuntgestalt, nicht bloss als nichtsnutzige Begleiterscheinungen vorkommen. Zur richtigen Tageszeit – Schönwetter vorausgesetzt – am richtigen Ort in der einschlägigen Richtung unterwegs, erlebt er sie einer pfiffigen Himmelslaune, ja -gunst gleich. Und zwar mit Frau Sonne im Rücken. Sollte sich angesichts dessen in ihrem nach Milliarden von Jahren zählenden, höchst warmen Antlitz auch nur ein Hauch von Herzlichkeit regen, dann gewiss aus Freude darüber, aus knapp 150 Millionen Kilometern Entfernung an solch einem präzisen Erdbewohner-Phänomen massgeblich beteiligt zu sein. Das umso mehr, als fast alles dafür spricht, dass wir die einzigen Lebewesen der Primatenspezies sind, die sich so in ihrem Licht-, Wärme- und Blickfeld tummeln.
Erstmals muss sich solcherlei Einvernehmen auf Mutter Erde – Strassen, ob von den Radfahrern gleich als solche wahrgenommen oder nicht – zur Zeit der meisten Fahrräder vor 200 Jahren eingestellt haben. Dies noch 150 Jahre bevor selbst im Fahrrad-Akkumulator mitgeführte Solar-, also von Frau Sonne gespiesene Energie den Fahrer bei Bedarf beim Pedalen zu unterstützen begann.

Schöne Tage zeichnen sich bekanntlich vielfach auch durch geradezu romantische Abende aus. Herbstabende zum Beispiel können eigentlichen Günstlingen gleich daherkommen. So die Stunden erfüllter irdischer Ansprüche Mr. Stunts: Ein vor allem fülliger Lichteinfall aus spiegelklarem Himmel. Fallen dessen abendlich milde Strahlen flachst denkbar und makellos linear zum West-Ost-Weg ein, sieht er die entscheidend wichtigen Voraussetzungen für seine stolzen Auftritte erfüllt.Etwas Musisches bis schattenhaft Strenges ist nun einmal dran und eine Prise Satire dazu. Musisch der Schattenwurf in Stunts-Gestalt selber, satirisch aber das Wie! Wem sonst nämlich wäre es beschieden, seinen Auftritt grundsätzlich nur bodenflach kopfvoran zu erbringen! Und welcher zum Zeitpunkt seiner Auftritte auf dem demselben Weg unterwegs befindliche Fussgänger nähme nicht Rücksicht auf solcherlei reichlich anders gelagerte Verkehrsteilnehmer! Als solche zeichnet sie nun einmal eine ureigene Signalwirkung aus, die ihresgleichen sucht. Je .länger die Schattengestalt, bei idealem Sonnenlicht-Einfall zwölf und mehr Meter, desto ansehnlicher der Abstand des in Wirklichkeit hinterher Pedalenden und zum Beispiel von Spaziergängern als umso schicklicher empfunden, ihm auf eine freie Fahrt auszuweichen. Wenn sich da nicht selbst Frau Sonne, ihrem abendlichen Untergang nahe, angesichts dessen nicht bisweilen aus ihrer schier universalen Ferne im Sinne eines „Hab Sonne im Herzen“ ein diskretes Schmunzeln leisten würde! Aber wie sie sich rund um den Erdball und rund um die Uhr pausenlos irgenwo von neuem auf eine gute Nacht verabschiedet, so meldet sie sich unaufhaltsam stets auch irgendwo auf einen neuen Tag.
Ob dann durch unfreundliche Wolkenhüllen am Bestellen jeweiliger neuer Stunts gehindert, das ist hier Frage. Desgleichen auch ob solche irgendwo auf dem Erdball sich auch durch ihre gute mitteleuropäische Schlankheit auszeichnen. Und das unabhängig von ihrer bisweilen ansehnlich bodeneben dahinhuschenden Länge. So oder so, es lohnt sich als Radfahrer solche gleich am Morgen gemeinsam mit Frau Sonne wieder kreiieren zu gehen. Ihr Auftritt lässt sich zu früher Stunde nach ihrem Aufgang, ob gleich nun aus Osten dem Westen entgegen, diesmal erst recht sehen und erleben. Was, wenn die Frühe, der Einfallswinkel und dessen Linearität stimmen, den jungen Morgen an auffälliger Frische auszeichnet, zeichnet nämlich desgleichen auch seine Stunts aus. Und der mitverantwortliche Regisseur,  der Radfahrer hätte (ob mit oder ohne vor ihm unterwegs befindliche Fussgänger) Grund, das bekannte Lied „Hab Sonne im Herzen“ auf „Hab Sonne im Rücken“ abgewandelt zu singen! Denkbar, dass er damit sogar ans Herz des Stuntmans zu rühren vermöchte! ♦


Franz TrachselFranz Trachsel

Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

…sowie zum Thema Humoresken die Satire von
Dorit Böhme: Von den Freuden des Schreckens

Jutta Miller-Waldner: Sowat von süss (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Sowat von süss

Jutta Miller-Waldner

Kutte mümmelte seine Grobe-Leberwurst-Schrippe, trank einen Schluck Red Bull, noch einen Schluck Red Bull. Red Bull mochte er, das machte munter, war schön süss, fast so wie Kaugummi. Den mochte er nämlich nicht, weil er immer an seinem Gebiss kleben blieb, und der Zahnarzt damals war nicht der beste. Und Kukident konnte er sich auch nicht oft leisten.
Er guckte in die Dose: „Mist, schon wieder alle“, blinzelte in die Morgensonne: „Und nu, wat mach ick nu? Ne Lulle hätt ick jerne. Am liebsten ne Pall Mall. Die schmeckt so schön nach Menthol. Aba wer roocht schon sowat. Na ja, ne Lucky tät’s ooch. Mal sehn, ob ick eene schnorren kann.“ Er leckte die letzten Krümel von seiner Groben-Leberwurst-Schrippe aus der Alufolie ab, knüllte sie zusammen, wanderte zum Papierkorb und schmiss die Red-Bull-Dose und die Folie rein.
Marschierte los.
Sah die Frau schon von weitem, vergass die Lulle.
„Mensch, sieht die jut aus. Jenau det, von wat ick imma träume. Kleen, schnuckelich, allet dranne, kann man nich meckan. Schwarzer Bubikopp. Man, da steh ich druff. Jenau meen Typ. Ob ick die anquatsche? Nee, jeht nicht, wat icke schon wieda denke. Ick bin nischt, hab nischt, werd nischt.
Wat mach ick nur. Die sieht aba ooch zu süss aus. Ich muss die anquatschen. Nee, nachher schreit die um Hülfe. Oda, noch schlimma, kiekt ma vaächtlich an. Det vertrach ich nicht. Schon ja nich von sona Süssen. Oda sie drückt ma nen Heiamann in de Hand. Det wär det Ende. Det überleb ick nich.
O Mann, wie die so den Weg langstakst in ihren roten Lackledaschuhchens. Bestimmt is det ‘n Zehn-Zentimeter-Absatz. Mindestens. Könnt ick stundenlang zukieken.
Eijentlich seh ick doch janich so übel aus. Filleicht merkt die ja nich, det ick keen festen Wohnsitz hab. Wie det so scheen in Beamtendeutsch heesst. Beamten. Nee, mit denen will icke nischte zu tun ham. Det ick ‘n Penna bin. Bin keen Penna, bin ‘n Berba. Det is ‘n jewaltija Unterschied. Weess die aba nich.
Jotte nee, die is ja sowat von süss.
Bisken zaknittat meene Jeans. Na und. Na ja, peinlich is det schon, det der Knopp von det Hemde ab is. Det kann doch aba jedem passiern. Nee, ‘nem Bankdirekta natürlich nich. Der hat sowieso ’ne Haushälterin oda sowat. Uff jeden Fall ’ne Frau. Eben. Ick muss die anquatschen. Aba sonste bin ick doch janz schnieke. Muss bloss jerade jehen und den Bauch einziehen. So, jut, det jeht.
Mensch hat die tolle Beene. Sowat von schnuckelich. Det is meen Jlückstach heute.
Hat die Oojen, kann ick ja nich rinkieken. Da kriech ick jlatt weeche Knie.
Jleich jeht se vorbei. Wat saach ick nur zu ihr? ‚Kenn wa uns nich?‘ Quatsch. ‚Scheener Tach heute.‘ Nee. Jeht ooch nich.
Mensch, det is keen Leben nich, ick bin total aus de Übung. Na ja, bin sowieso janz schön schüchtan. Hab ma nie jetraut, ’ne Frau anzuquatschen. Da bin ick imma sowat von rot jewordn. Denn ha ick ooch noch imma jestottat.
Wat is’n det, hey, wat soll det. Wat will denn der Macka da von der Kleenen? Wo kommt der denn her? Ha ick ja janich jesehen. Mensch, wenn der der Süssen bloss nischt tut. Da muss ick sofort die Bullen holen. Wat denn, der umarmt sie? Wat, die küsst ihn? Meene Kleene?
Und nu, wat mich ich nun den janzen Tach? Ne Lulle hätt ick jerne. Mal sehen, ob ick eene schnorren kann.“ ♦


Jutta Miller-WaldnerJutta Miller-Waldner
Geb. 1942 in Berlin, zahlreiche Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, Lesungen in Deutschland, Spanien, Österreich und Ungarn, verschiedene literarische Würdigungen, Vorsitzende der IGdA, lebt als Autorin, Lektorin und Chefredakteurin von „IGdA-aktuell: Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik“ in Berlin

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Humoreske-Satire von Joschi Anzinger: Die Königin von Zasta
… und lesen Sie zum Thema Berlin auch über S. Schüssler (Hrsg.): Berlin – Eine literarische Einladung

Jutta Miller-Waldner: Und Kutte lachte (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Und Kutte lachte

Jutta Miller-Waldner

Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen.
Kutte war wach.
Und Kutte hatte Hunger.
Er erhob sich ächzend, blieb eine Weile sitzen, den Rücken gebeugt, den Kopf tief zwischen den Schultern. Schliesslich erhob er sich und faltete die FAZ-Sonntagsausgabe zusammen, die ihm als Unterlage und Kopfkissen und Zudecke gedient hatte, warf sie in den Abfallkorb.
„Heute muss ick mir wieda zwee Zeitungen orjanisiern. Muss ick wieda mit de S-Bahn fahren. Oder nee, besser is et mit die U-Bahn. Da lassen die Leute öfta mal ne TAZ liejen.“
Kutte las möglichst jeden Tag die TAZ. Das hatte er von früher beibehalten. Da war er eigen. Soviel Würde musste sein.
Er spritzte sich am Springbrunnen Wasser ins Gesicht, wischte den Schmutz von seinen Schuhen, seinen Jeans, zog den Kamm aus der linken Gesässtasche, fuhr sich über die Haare, spuckte in die Hände und strich sie glatt, erblickte sein Gesicht im Wasser, guckte schnell wieder weg.
Sein Magen knurrte.
„Als erstet werd ick die Abfallkörbe abklappern. Am besten drüben beim Jymnasium. Wenn nich schon ein andrer dajewesen is. Aba die Jören schmeissen ja soville wech, da werd ick bestimmt noch wat finden. Filleicht ha ick ja Glück und find ne Stulle mit Katenrauchschinken.“
Kutte ass gerne Kartenrauchschinken. Am liebsten ass er Räucherlachs, aber welche Mutter gab seinem Kind schon ein Lachsbrot mit in die Schule.
Er schlurfte hinüber, wühlte. Nichts. „Mist“, dachte er. „Det is nich mein Tach heute. Da steht man am besten jar nich erst uff. Aber denn kommen die Bullen un verjagen einen. Na jut, werd ick zur Realschule marschieren.“
Kuttes Magen knurrte lauter.
„Sei ruhich“, befahl er. „Krichst ja jleich wat.“
Er wühlte. Fand zwei in Alufolie gewickelte Schrippen – „is doch meen Jlückstach heute“ -, wühlte weiter, zog eine viertelvolle Einliterflasche Cola heraus, eine halbleere Dose Red Bull, ein Überraschungsei, eine Sonnenbrille, deren linkes Glas verschrammt war, drei Sammelbilder für das Fussball-EM-Album mit René Adler – „wieso denn der“, schoss es ihm durch den Kopf -, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger. „Na nu“, wunderte er sich. „Wat schmeissen die denn sowat wech?!“
Kutte mochte Schweini.
Des Weiteren fand er eine Barbiepuppe mit nur einem Bein, warf sie angewidert zurück.
Fand eine Tarotkarte.
„Wat is ’n det? So’n Quatsch“, stellte er fest. Warf sie wieder in den Abfallkorb.
Er steckte das eine Brötchen in die Jackentasche – „Wer weess, wenn ick wieda wat finde“ -, wickelte das andere aus, knüllte die Alufolie zusammen, warf sie zur Tarotkarte. Klappte das Brötchen auf, begutachtete die Jagdwurstscheibe, roch daran. „Na ja, jeht ooch“ -, klappte es zu, biss hinein, schlurfte weiter.
Schlurfte zurück, griff in den Abfallkorb, holte die Tarotkarte heraus. Starrte sie an, steckte sie in die Hosentasche, wanderte zu seiner Parkbank. Ass seine Schrippe auf, schlenderte zum Springbrunnen, wusch sich die Hände, setzte die Sonnenbrille mit dem zerkratzten linken Glas auf, marschierte zurück, setzte sich, schlug das rechte Bein über das linke, zog die Tarotkarte aus der Hosentasche, betrachtete sie, die blauen Kugeln, die geschweiften Linien, die Ketten, die Frau, die das Schwert mit beiden Händen hielt …
„Uff wat für Einfälle die Leute kommen“, wunderte er sich. „Wer kooft denn sowat? Und wozu?“
Er las die Zahl, die da in römischen Ziffern geschrieben stand, las das Wort am unteren Rand: Ausgleichung.
„Ausgleichung. Kenn ick nich. Ha ick ja noch nie jehört. Det jibt Jleichungen, Jleichberechtigung haha, Anjleichung, Ausjleich, Jleichheit, na ja, Jleichjüligkeit. Die kenn wa zu jenüje.“
Kutte sass auf seiner Parkbank, er rutschte hin und her, starrte auf die Karte, stand auf, setzte sich wieder, starrte auf die Karte, schaute hinüber zum Springbrunnen, auf die Karte in seiner Hand. Sah die neunundneunzig Luftballons, die in der Fontäne tanzten – hellblaue, babyblaue, südseehimmelblaue, blau wie Vergissmeinnicht, Gletschereis, Saphire, gestreift, gepunktet, kariert -, ging hinüber, ergriff die Strippe eines weissblauen, hob ab und schwebte. Er schwebte über das ICC, den Funkturm, über Fürstenfeldbruck und New York, die Wüste Gobi und den Angelfall, über den Atlantischen Ozean, über Vulkane und Eis, und er schwebte, und der Mond war sein Kumpel und die Sonne seine Braut, und die Planeten spielten um ihn her Ringelreihen, er kickte einen Satelliten gegen die Venus und schrie „Toooor“, und rief zur ISS ein „Nasdarowje“ hinüber; er spazierte mittenmang auf der Milchstrasse, die Strippe des Luftballons fest in seiner rechten Hand, und sah die Galaxien Walzer tanzen, die Quasare Rock ’n Roll, er fuhr auf einem Kometen Achterbahn und rodelte mit einer Sternschnuppe zurück zu Erde. –

Kutte plinkerte mit den Augen, klatschte mit der linken Hand eine Fliege fort, die sich auf sein rechtes Lid gesetzt hatte, verzog das Gesicht vor Schmerz, wälzte sich auf die andere Seite, fiel fast von der Parkbank, zuckte zusammen, erhob sich ächzend und starrte auf seine rechte Hand.
Und Kutte lachte. ♦


Jutta Miller-Waldner

Geb. 1942 in Berlin, zahlreiche Lyrik- und Kurzprosa-Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, Lesungen in Deutschland, Spanien, Österreich und Ungarn, verschiedene literarische Würdigungen, Vorsitzende der IGdA, lebt als Autorin, Lektorin und Chefredakteurin von „IGdA-aktuell: Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik“ in Berlin

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von
Jutta Miller-Waldner: Sowat von süss (Humoreske)

… und von Göri Klainguti die
Humoreske: Komm alte Kiste

Franz Felix Züsli: Taksi! (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Taksi!

Franz Felix Züsli

Ha, ha -; nein: nicht vollgeladen wie ein überlaufendes Whiskyschiff… nein; so ein bisschen gefüllt – ein kleines Schmugglerboot, ja; angeheitert, das ist richtig: stark angeheitert ist heute Walter Zwyssig, ha… ich – Angestellter, kaufmännischer: Gorps. ‚tschuldigung, Miriam: prost – meinen Rest im Glas zu deinem Vergnügen. Miriam… nein – keinen Schluck Whisky mehr: ich wechsle die Flagge; bitte einen Einer, ‚tschuldigung, einen Zweier, natürlich: Roten, ja, französischen, also: Beaujolais, Miriam… ein kleines Festchen für Walter Zwyssig heute -. Geburtstag? Du, Miriam? Nein, du… ich? Nein, überhaupt nicht Geburtstag. Miriam. du…!Prosit! Zum Wohl! Mmhmm, Rotwein auf Whisky. Freude am Freitagabend… danke, Miriam… das darf ich nur denken, Miriam, das kann ich dir nicht, nein, will ich dir, Gorps, ‚tschuldigung, Gesundheit! nicht sagen: wenn du dich bückst, diese Übersicht, bitte noch einmal -.
Miriam!
Walter Zwyssig stand an der „Falter“-Bar: sein Auge wanderte mit etwas erweiterter Pupille über die Flaschenpracht: Sandemamn mit schwarzem Mann Dow’s Port Fernet Branca die Bilder an der Wand Appenzeller sixty-nine nein: diese sonnenbraune Hand, Miriam. Tippen an der Kasse, klingeln, für die Garderobe wird nicht gehaftet, aber ich möchte den Kopf auf die Theke legen, dieses Drücken auf die Augenlider, Miriam trägt eine grüne Jacke… Wiese, um auszuruhen, und ihr Sternzeichen ist die Waage, wenigstens den Ellenbogen auf die Theke legen, diese antiken Messinggriffe an den Schubladen abschrauben, verkaufen, klingeln, die Kasse. Im Spiegel dein schlanker Hals, Miriam! Prosit! Miriam, ich: ja, Beaujolais… du…
So ein schmaler Freitagabend, ha, ha -. Zurückhaltendes Lachen, bereit zum Gelächter: Miriam lachte überrascht, erschrocken zurück – doch, Feuer habe ich! Bitte! deine Augenwimpern… da lehnt ja noch einer an der Bar: schüttet sich auch so ein bisschen mit Schnaps voll? Hallo, Kamerad – out! In, Miriam: mit deinem Lächeln allein sein… darf ich dir auch ein Glas anbieten: niesen — Gesundheit! -, anbieten? Also. dann nicht: Prost Walter!
Woher der gekommen ist? die Flügeltüre schwingt noch: ah, ein Hotelgast – „Guten Abend….“ Im halbleeren Rotweinglas blitzt das Kronleuchtergefunkel: der Mensch neigt den Kopf in meine Richtung, abweisende Ahnung eines Lächelns, und Miriam nimmt den Whisky an, den er ihr angeboten hat:
Miriam!

Franz Züsli -Taksi - Humoreske - Glarean Magazin

Dieser hergelaufene Mensch; durch die Flügeltüre: „Rechnung auf Zimmer 32, bitte“ -, Abendanzug mit Siegelring und silbernem Zigarettenetui: „Bitte!“ und Miriam nimmt die Zigarette an: „Prosit!“ – nein, die Gläser klirren beim Anstossen nicht, sie… klingelnder Wohllaut: küssendes Glas; tatsächlich, was fällt dem Abendanzug denn ein: er küsst Miriam die Hand – ihr Lächeln flattert hin und her, und wie klug er sich in ihre Gefühle drängt: Gorps, ‚tschuldigung, noch einen Zweier, ja, Beaujolais, danke -.
Aus dem Abendanzug strömt mir Gleichgültigkeit entgegen – dafür trinkt ihm Miriam zu, diese Musik… zum Verrückt…
Ich, Walter Zwyssig! nur einen Whisky, einen Zweier, ja, zwei Zweier und abgefüllt wie eine gestopfte Gans? Mein Körper schwankt um mich selber – zwei Stück Rückenmark? Nein, das Hirn rutscht nach hinten, wenn ich an die Decke schaue: unmöglich; nur Wellen im Kopf. Muss der Föhn sein, ja: der Föhn.
Bitte Miriam: Feuer! Danke! Nicht bücken? Schade; vom Bücken lebt man – dem Abendanzug möchte ich eine gefüllte Fritteuse in den Kragen leeren. Linke Hand in der Hosentasche, hat er; zutrinken, leises Geflüster mit Miriam, lächeln, dreht sich, nicht bücken, nur für kleine Leute: strecken, deine Zunge:
Miriam! Du bist ein…
Bist du? bin ich? Einen Zweier, nein, Dreier – bin ich? Hinaus mit Walter Zwyssig, sage ich: zahlen bitte! Eins, zwei… viel. Miriam… Danke! Meine Zunge lispelt draussen haben sie die Schirme geöffnet hier hat es am Boden Zigarettenasche klingeln nicht die Kasse das Telefon am Kleiderständer hängt ein Regenmantel vergessen nicht abgeholt am der Bar Walter Zwyssig Trinkgeld inbegriffen. Weiss schon, Miriam. Ciaò.
Flügeltüre, auf: zu! Ich spüre die kühle regenschwere Nachtluft; fast wäre ich gestolpert, diese heisse Stirne: Walter hat einen sitzen, hat er wirklich? Föhn. Kurzweil an der Bar; Freitagabend. Der linke Fuss kribbelt: eingeschlafen, Miriam… und immer, wenn man nach Hause fahren will, stehen die Trams in den Depots. „Taxi!“ Und dabei ist Mitternacht noch keine halbe Stunde vorbei.
„Taxi!“
Diese kühle Nachtluft; nein, wirklich: es regnet, meine Schuhe sind schon ganz nass; dies ist aber Schweiss, was mir in den Mundwinkel rinnt: salzig und regennass.. auch regnen lassen, wenn ich zuhause bin. Ha -: zuhause bin. Ruth schläft unruhig, wenn ich nicht zuhause bin. Ruth sagt: „Ich schlafe immer unruhig. wenn du nicht zuhause bist!“
Und heute?
Miriam, was… Schläft immer unruhig, wenn ich nicht… tatsächlich, schon Samstag; immer unruhig wenn
„Taksi!“ ♦


Franz Felix Züsli

Geb. 1932 in Zürich, Schriftsetzer-Lehre, dann Maturität und rechtshistorisches Studium an der Universität Zürich, Promotion, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Witikon/CH

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Matthias Berger: Zwei Kurzprosa-Texte

Christian Futscher: 100. Geburtsjahr von Astrid Lindgren (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Drei Gedichte für Astrid

Christian Futscher

Astrid Lindgren hat schöne Bücher geschrieben. Unvergessen ist zum Beispiel „Pippi Langstrumpf“, das auch verfilmt worden ist. Auch andere Bücher von Astrid Lindgren sind verfilmt worden, ich denke nur an die „Kinder von Bullerbü“ und andere. Um auf Pippi Langstrumpf zurückzukommen: Ich glaube, es gibt wenige Mädchen in der gesamten Literatur, die so stark und gewitzt sind wie sie. Unvergessen auch ihr Pferd, ihr Affe und ihr Haus, die Villa Kunterbunt, von ihren Rechenkünsten ganz zu schweigen. Ich mache mir die Welt, wie es mir gefällt… oder heisst es: wie sie mir gefällt? Jedenfalls ist das wohl einer der schönsten Sätze der  Weltliteratur, da fährt die Eisenbahn drüber!

Sehr alt geworden

Die weltberühmte Kinderbuch-Autorin Astrid Lindgren an ihrer Schreibmaschine "Halda" - Glarean Magazin
Astrid Lindgren an ihrer Schreibmaschine „Halda“

Astrid Lindgren ist sehr alt geworden, das hat sie sich auch verdient. Ich glaube, man kann sogar sagen, sie ist unsterblich geworden durch das, was sie geschrieben hat. Hätte sie nicht geschrieben, sondern nur erzählt, ich meine, hätte sie ihre Phantasie und ihre Erfindungsgabe nur mündlich in den Dienst der Unterhaltung ihrer Kinder, Enkelinnen, Enkel oder Nichten und Neffen gestellt, wäre sie nicht unsterblich geworden.

Aber was ist das schon, Unsterblichkeit? Wer kann denn wirklich garantieren, dass in sagen wir 500 Jahren noch ein Hahn nach Astrid Lindgren krähen wird? Ich muss jedoch sagen, ich bin fest davon überzeugt, dass in 500 Jahren noch ein Hahn nach ihr krähen wird!

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Ja, ich bin sogar zuversichtlich, dass auch in 1000 Jahren noch etliche Hähne nach ihr krähen werden! Dank solcher Ausnahmetalente oder soll ich sagen: überragender Schriftstellerinnen wie ihr ist der Fortbestand der Literatur gesichert. Ich habe keine Angst vor einer Vernichtung der Erzählkunst, weil die Erzählkunst gehört zum Menschen wie der Busen zur Frau und das Glied zum Mann, um es drastisch und deutlich zu formulieren.

Gedichte für Astrid

Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf alias Pippi Langstrumpf, dargesellt von Inger Nilsson
Lindgrens berühmteste Figur: Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf alias Pippi Langstrumpf, dargestellt von Inger Nilsson

Astrid Lindgren war eine Schwedin, sie wäre am 14. November 2007 hundert Jahre alt geworden. Ich bin noch nicht einmal 50, aber das tut nichts zur Sache. Wer jemals etwas von Astrid Lindgren gelesen hat, der weiss, dass sie eine grosse Schriftstellerin war und ist. Ihre Literatur lebt nach wie vor, sie erfreut sich bester Gesundheit.
Schon sehr viel Mist ist über Astrid Lindgren geschrieben worden, ich will ihr heute ein Gedicht widmen – ein sehr einfaches, wie es ihrer persönlichen  Bescheidenheit entsprochen hätte, denn sie hat sich zeitlebens nie aufgeplustert wie so viele zweit- und drittklassige Autoren, die glauben, sie seien weiss Gott was und dabei sind sie nichts weiter als ein Fliegenschiss auf einem Kuhfladen oder Rossapfel. Es ist unglaublich, wie viele aufgeblasene Wichtigtuer, die keine Ahnung von nichts haben, sich Schriftsteller schimpfen! Astrid Lindgren war da anders, ganz anders, nicht zu vergleichen mit diesen Hohlköpfen, die glauben, sie seien was besseres als ein Furz im Wind oder ein geschmackloser Witz.

Lindgren - Die Kinder von Bullerbü - Glarean Magazin
Szenenfoto aus „Die Kinder von Bullerbü“

Hier jetzt aber das Gedicht für Astrid Lindgren, ein einfaches Gedicht ihr zu Ehren, und das geht so:

Astrid Lindgren
Astrid Lindgren
Astrid Lindgren
Astrid Lindgren

Der Titel des Gedichtes wäre nachzutragen, er lautet ganz einfach: „Astrid Lindgren“.

Und ich will ihr noch ein zweites Gedicht schreiben, wieder ihr zu Ehren, eine kleine Spielerei, denn auch sie war verspielt, das sieht man an ihren   verspielten Texten, wo Sprachspiele eine grosse Rolle spielen:

Astrid Lindkren
Arschtritt Lindcreme
Ast im Lindbrenn
Ast im Lindgrün
Ich schreibe ihren Namen
Wie es mir gefällt

Ich hoffe, die Gedichte hätten ihr gefallen! Die zweite Zeile in dem Gedicht ohne Titel ist übrigens in keiner Weise despektierlich gemeint, sondern übermütig, lebensfroh und pippifrech, um es so zu sagen! Und weil aller guten Dinge drei sind, hier noch ein drittes Gedicht für Astrid Lindgren, diesmal ein etwas anders gestricktes als die vorherigen, auch einfach gehalten, aber mit eindeutig mehr Tiefgang. Es drückt sich darin, mehr als in den vorigen beiden, das lyrische Ich aus, das empfindende, möchte ich hinzufügen, ja, ich möchte sogar in aller Bescheidenheit ergänzen: das tief empfindende! Der normale Prosafluss der normalen Alltagssprache ist verabschiedet worden, es heisst jetzt: Grüss Gott, Sprache des Gedichts, zur Lyrik gehörend, ergiesse dich über uns armselige Stammler, Stotterer, Stümper…
Ich will Sie aber nicht länger auf die Folter spannen. Das dritte Gedicht für die von mir hoch geschätzte und verehrte Astrid Lindgren hat den Titel „Wie das Leben so spielt“ und geht so:

Lausebengel Michel aus Lönneberga - Szenenfoto mit Darsteller Jan Ohlsson
Lausebengel Michel aus Lönneberga – Szenenfoto mit Darsteller Jan Ohlsson

Astrid Lingren wurde sehr alt

Sie starb mit 96
Ihr Bruder hiess Gunnar
Ihre Schwestern Stina und Ingegerd
Auch alle schon tot
Gunnar wurde 68 Jahre alt
Stina 91 und Ingegerd 81
(Wenn ich mich nicht verrechnet habe)
Ob die Schauspielerin
Die Pippi Langstrumpf gespielt hat
Noch lebt?

Schon möglich

Bzw. keine Ahnung
Astrid Lindgren hatte einen Sohn
Der hiess Lars, genannt Lasse
Der wurde nur 60
Sie hat ihn deutlich überlebt
Ach, ach, ach!

Ich hätte Astrid Lindgren gern kennen gelernt, aber das hat nicht sollen sein. Na ja.
Ich hoffe, mit diesem Essay und den drei Gedichten den einen oder anderen aufgerüttelt zu haben. So wie Astrid Lindgren immer alle  aufgerüttelt hat, vor allem die Kinder. Mögen die Bücher von Astrid Lindgren noch in 10’000 Jahren die Herzen und Köpfe der Leserinnen und Leser erfreuen.
Danke für die Aufmerksamkeit. ♦


Christian FutscherChristian Futscher

Geb. 1960 in Feldkirch/A, Studium der Germanistik und Romanistik in Salzburg, Prosa- und Lyrik-Publikationen in Büchern und Zeitschriften, Träger verschiedener Literatur-Preise und -Stipendiate, lebt in Wien

Lesen Sie im Glarean auch die Humoreske von Karl Gross: Das Drama des unbegabten Schachlehrers

… sowie die Groteske von Konrad Vogel: Introkubus

Barbara A. Lehner: Besetzt (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Besetzt

Barbara A. Lehner

Mein Körper ist besetzt.
In meinem Nacken hockt der Schalk und duelliert sich mit der Angst, bis mir der Kragen platzt. Wieder einmal bleibt die Angst Sieger und schnürt mir mit ihren rostigen Ketten die Kehle zu. Der Frosch im Hals wird grausam erwürgt, das Lachen bleibt im Aufzug stecken und die Stimme erbricht. Ich schreie, aber meine Schreie finden kein offenes Ohr.
Dabei will ich weder Gesicht noch den Kopf verlieren.
Auf meiner Schulter lastet die Verantwortung. Für mich, meine Familie, meine Klienten, mein Land. Für die ganze Welt. Ich kann sie nicht auf die leichte Schulter nehmen, die Kälte und die Intoleranz gehen mir Hand in Hand an die Nieren. Mein Zorn spuckt Gift und Galle.
Die Laus trainiert ausgerechnet auf meiner Leber für den New York Marathon und meine Selbstzweifel fallen mir immer wieder in den Rücken.
Alles in mir ist aus den Fugen geraten, das Herz auf der eisigen Glätte aus- und in die Hose gerutscht. Im Bauch wütet die Wut, im Hintern Hummeln. Ich wünsche mir ein dickeres Fell auf meiner Gänsehaut, in der ich nicht stecken will.
Der Misserfolg ist mit dem Paternoster in meinen Kopf gerast.
Ich will mich wehren.
Aber ich beherrsche die Technik immer noch nicht.
Die der Ellbogen.
Was soll dieses Bauchgrummeln?
Trotz des Chaos in mir spaziert die Liebe ganz gerührt mitten durch den Magen und macht sich in mir breit. Bringt mein Blut zum Brodeln und verdreht mir den Kopf. Meine Knie werden butterweich, und es zieht mir den Boden unter den kalten Füssen weg. Der schwere Stein fällt vom erfrischten Herzen, verwandelt sich im Fallen in tausendschöne Schmetterlinge und lässt mich fliegen.
Auf und davon zu mir. ♦


Barbara Lehner - Lesung in Wien - Glarean Magazin
Barbara Lehner an einer Lesung in Wien

Barbara A. Lehner

Geb. 1962, Studium an der Sozialakademie Wien, Preisträgerin verschiedener Literatur-Wettbewerbe,  lebt als Sachwalterin psychisch kranker und geistig behinderter Menschen in Niederösterreich

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Stephanie Bart: Seemannsgarn
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Karl gross: Schach-Drama (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Das Drama des unbegabten Schachlehrers

Karl gross

Seit einigen Wochen schlich ich um die Einlösung eines vermaledeiten Versprechens herum: Meine Schwägerin hatte mir im Rahmen einer Grossfamilienzusammenführung (Mutters 79. Geburtstag) stolz berichtet, dass ihr Jüngster (7) angefangen habe, Schach  zu spielen und auch die Schach AG der hiesigen Grundschule fleissig besuche. Sie bat mich, doch mal in Kürze gegen den Kleinen eine Partie zu spielen. Er würde sich sehr darauf freuen, und sie habe ihm auch fest versprochen., dass ich dies gerne machen würde…
Ich hatte vage – verlegen lächelnd – zugestimmt, da ich dies als meine Onkelpflicht erachtete. „Ja, ja, wenn ich mal Zeit habe, gerne, na klar, das freut mich sehr, dass der Kleine tatsächlich Schach lernen will, da kann ich ihm vielleicht ein wenig helfen“ usw. Und ich fügte mit kräftiger Betonung hinzu: „Das Wichtigste beim Schach ist, dass man das Verlieren lernt!“  – Damit hatte ich – eher unbewusst – einen Kontrapunkt zu der immens verwöhnenden Erziehungspraxis des Neffenhaushalts markiert.
Nach einigen Wochen des Hinhaltens, Ausweichens, Ignorierens, erfolgreichen Verdrängens fuhr ich  unbeschwert zu meiner Mutter, die gerade aus dem Urlaub heimgekehrt war. Ich lauschte eben ihren sonnendurchtränkten Erinnerungen, als plötzlich die Haus-Sirene schrillte. Ein Kind stand vor der Tür, das aus der Nachbarwohnung  geeilt war, um den Onkel zu begrüssen. Der Kleine trug ein zusammengeklapptes Holzschachbrett in Schulterhöhe triumphierend vor sich.

Anzeige AMAZON (Geniales Schach im Wiener Kaffeehaus 1750 - 1918)„Heute spielen wir Schach!“ tönte entschlossen das helle Stimmchen, und schon knallte das Brett auf den Kaffeetisch.
„Wir spielen nebenan am grossen Tisch“, sagte ich kapitulierend und packte die Utensilien unter den Arm. Schon öffnete sich erneut die Tür, und die Mutter des Eleven und auch  mein Bruder eskortierten das Schachkind in den Spielsaal.  Ich nahm im butterweichen Sessel Platz, so dass mein Gegner  mir tatsächlich in Augenhöhe gegenüber sass.
Das gescheit(elt)e  kleine Köpfchen mit den braunen Rehaugen hatte die Figuren regelgerecht aufgestellt – ich bekam ungefragt die schwarzen Steine – und eröffnete mit 1. e4. „Das spielen die meisten“, schob er nach, bevor ich mein weiteres Vorgehen strukturieren konnte. Nachdem ich artig 1. – e5 entgegnete, folgte spontan 2. a4.
Stolz äugten die Eltern auf weitere Armbewegungen  des Schachschülers, die ich in bester Onkel-Manier mit netten Lobesworten begleitete. Er hatte alle Bauern hintereinander gezogen, und ich war gespannt, ob er auch die Offiziere ins Feld führen könne. Tatsächlich, mit leichter Hilfe des Vaters, der das Pferdchen aus dem Stall führte, und weiteren Hilfsaktionen  standen irgendwann die Figuren auf dem Schachbrett herum.
Ich bewegte meine Figuren nur bis zur Mittellinie, um keinen Schaden anzurichten. Die beiden Heere standen sich irgendwann gefahrlos gegenüber, und ich wusste plötzlich nicht mehr, wie ich die Harmonie auf dem Brett beibehalten konnte. Mein Bruder schaute mich etwas verwundert an, da ich eine Springer-Gabel mit Damengewinn „übersehen“ hatte.
Rehauge hüpfte vor Freude, die Zug-begleitenden Lobesworte der Eltern zeigten ihre Wirkung, und auch ich kratzte mir sorgenvoll die Stirn, staunte und frohlockte ob der „tollen“ Züge des Eleven.
‹Das Wichtigste beim Schach ist das Verlieren-Können›, schoss es mir plötzlich durch den Kopf, und schon entlud sich in mir ungeschützt der gesamte Hass auf die verwöhnten Kinder, auf die Eltern, die sich zum Personal ihrer kleinen Herrscher degradieren lassen, auf die gesamte Kindergarten-und Grundschul-Pädagogik, die jahrelang schon für das blosse Ein-und Ausatmen der Kinder Bestnoten verteilte…
Ich spielte auf einmal rücksichtlos auf Gewinn, kommentarlos. Die Eltern fingerten unbeholfen  im weissen Lager herum. Der Kleine konnte keinen einzigen Zug mehr ausführen, ohne dass ihm der Arm, dann die Hand geführt wurden. Diese Eltern würden ihr Leben geben, wenn sie dem Kind eine Niederlage ersparen könnten.
Ich kapitulierte innerlich: Mit Inbrunst führten die Eltern die kindliche Zug-Hand, um mir nacheinander alle verbliebenen Leicht-, dann Schwerfiguren abzuluchsen. Beide Elternteile durften dann gemeinsam das Mattnetz, das wir alle zusammen für mich geknüpft hatten, zuziehen:
„Und, was ist der Onkel jetzt?“ krähte der Vater.
„Matt!!“ schrie das Kind. ♦


Karl gross

Geb. 1951 am Niederrhein, Magisterstudium, danach als freier Übersetzer und Turnierschachspieler unterwegs, seit 14 Jahren als selbständiger Buchhändler und Organisator von Kulturveranstaltungen tätig, lebt in Düsseldorf/D

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schach und Humor“ auch von
Walter Eigenmann: Das h6-Syndrom (Schach-Satire)

… sowie zum Thema satirische Kurprosa über
Roland Topor: Tragikomödien

Göri Klainguti: Komm alte Kiste (Humoreske)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Komm, alte Kiste

Göri Klainguti

…ich hab die Entsorgungstaxe für dich bezahlt. – Schade, dass du nicht sprichst… Vielleicht würdest du mir von den berühmten Pianisten erzählen, deren Finger mit Leichtigkeit über deine Tasten flogen, wobei sie aus deinem Resonanzkasten brillante Sonaten von Clementi und Kuhlau klingen liessen… Oder von den Zeiten danach, als die liebliche Tochter des Bankdirektors „Für Elise“ spielte und aufwühlende Stücke von Schumann, auch die Préludes von Chopin, versteht sich, und sogar den ultramodernen Debussy und Satie… bis sich die Zeiten änderten, der erste Weltkrieg warf alles untereinander. Wie kamst du eigentlich in die Bar? He? Warum sprichst du nicht, altes Miststück? – Du, ich bewahre dich vor dem Kehrichtpersonal, wenn du mir von deinem Leben erzählst…. Was? Du willst nicht einmal bewahrt werden? Du bist froh endlich abfahren zu dürfen, soll dies dein dumpfes Dröhnen bedeuten? Ach, dein Pedal, die Feder ist ausgehängt, die Töne vermischen sich, schon wenn man dich nur berührt… Aber lass mich den Deckel öffnen: Die Tasten sehen noch verdammt gut aus! Die weissen sind etwas gelblich und dem C da in der Mitte fehlt das Elfenbein, ausgetrockneter Leim auf Holz ist, was man da sieht; und die schwarzen sind vielleicht ein wenig grau – vor allem die paar da oben. Ja, die da oben, was zitterst du plötzlich? Hast du Angst vor dem Titidongdata, vor dem Flohwalzer? Beruhige dich. Wenn ich in deine Tasten drücke, dann mit Sicherheit nicht dieses verfluchte Stück, das ich letzthin sogar im Radio hören musste, auf Orgel sogar! Kannst also getrost sein, nicht nur verlotterte Klaviere, sogar noble Kirchenorgeln müssen ihre Rippen herhalten. Im Radio waren übrigens noch die „Ramseyers wey go grase“ als Haupt- oder als Begleitmelodie eingesät, wenigstens dies!
Wo waren wir stecken geblieben? In der Bar warst du angelangt, nicht? Tangos spielte man weich in deine Tasten und Strauss, viel Strauss, hie und da ein Schubertwälzerchen, auch Schlager, „Avev‘una casetta piccolin‘in Canada“, und in den Zwischensaisons, bei klirrender Kälte, drückten klamme Klavierschülerfinger unendlich langweilige Übungen in die Tasten und vielleicht eine Invenzione a due voci von Johan Sebastian, holperig und vollbespickt mit Hindernissen. Bitte entschuldige mich, das wird grauenhaft gewesen sein. Ach, du sagst es sei noch schlimmer geworden? Seit 30 Jahren wirklich nur noch Flohwalzer? Die Bar: zu einem Aufenthaltslokal verkommen, und du: immer noch da. Schreckliche Erinnerungen… Du bist mir dankbar, dass ich dich verrotten lasse, alte Kiste! Horch! Bald wirst du erlöst sein. Die Abfuhrleute kommen. – – –
„Guten Tag. Das ist also das Klavier, das wir zum Kehricht abholen sollen? Lass mich mal sehen“: Ti ti dong da ta, ti ti dong da…
„Halt! Sie haben kein Recht zu spielen… Ich habe die Abfuhrtaxe reglementsgemäss bezahlt. Ihre Aufgabe ist es das Klavier fachgerecht zu entsorgen. Wenn Sie spielen wollen, müssen Sie mir die Entsorgungstaxe rückerstatten und das Klavier abkaufen. Es ist sehr teuer, ich möchte Sie gewarnt haben!“ ♦


Göri KlaingutiGöri Klainguti
Geb. 1945 in Pontresina/Graubünden, Sekundarlehrer-Studium an der Universität Zürich, zahlreiche Lyrik- und Prosa-Publikationen in Anthologien und Zeitschriften, Träger des Schiller-Preises 2005,  lebt als Landwirt (Mutterkühe, Ziegen und Pferde) in Samedan

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Barbara A. Lehner: Besetzt

… sowie die Humoreske von
Franz Trachsel: Sonne im Rücken

Franz Trachsel: Wienerli in Schräglage (Humoreske)

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Wienerli in kultureller Schräglage

von Franz Trachsel

Jim hatte im Schulaufsatz ein Mittagessen zu beschreiben. Es hatte Wienerli*) gegeben. Weil an sich eine familiäre Angelegenheit, wollte auch Papa wissen, was dazu schliesslich im Aufsatz stand.
„Aber Jimmy“, hatte er einzuwenden, „wie kann man nur aus Wienerli ‚Wienerlein‘ machen?!“
„Wenn schon schriftdeutsch, dann auch das längst fällige Wienerlein, nichts anderes als ein Zugeständnis an die Sprachkultur, Papa“ gab sein Sohn fast schnippisch zu bedenken.
„Aber“, fand Papa, „eine – sollte dem kulturell wirklich so sein – meines Erachtens am total falschen Objekt in Schräglage geratene Kultur. Dass Du dann nicht etwa gleich noch Wienerchen draus machst! Vor allem aber ist Dein Aufsatz, wo doch Dein Verhalten noch keineswegs vorbildlich ist, nicht etwa der Ort, Vorbehalte an unserer Tisch-, will sagen Esskultur anzubringen..!“ –
Den Aufsatz zu beurteilen war letztlich aber auch hier dann die Sache des Lehrers. Dieser traute seinen Augen kaum:
„Weinerchen… Weinerchen… ich buchstabiere: W……..n für Wienerli – was soll das, Jim?“
„Ja, Vater war dann auch der Meinung, daran dass wir es mit Weinerchen statt mit Wienerli zu tun haben, müsse der Metzgermeister, weil er offenbar ein Problem hatte sie richtig anzuschreiben, in kulturelle Schräglage geraten und schuld sein!“
„Hmm, und dann erst..“ der Lehrer plötzlich nachdenklich: „…all die Ihretwegen in kulturelle Rückenlage geratenen… Schweinerchen!“ ♦
*) Wienerli = Schweizer Schweinswürstchen


Franz Trachsel - Glarean MagazinFranz Trachsel
Geb. 1933, langjähriger Lokal- und Kulturjournalist bei verschiedenen Printmedien, Kurzprosa in Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Emmenbrücke/CH

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… sowie die Humoreske von Barbara A. Lehner: Besetzt