Peter Biro: Hoffnungsvolle Hamsterkäufe (Satire)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Hoffnungsvolle Hamsterkäufe

Peter Biro

Ich lasse mich nicht von mas­sen­hys­te­ri­schen Phä­no­me­nen anste­cken. Weder von der Über­frem­dung durch islän­di­sche Kli­ma­flücht­linge noch vom Welt­un­ter­gang auf­grund des Maya-Kalen­ders. Ok, ein Man­gel an Lutsch­bon­bons könnte mich zeit­wei­lig aus der Bahn wer­fen. Das wäre eine wirk­lich ernste Sache. Aber wie gesagt, meis­tens bin ich immun gegen­über Mode­er­schei­nun­gen, selbst wenn diese mein Über­le­ben bis zum nächs­ten kirch­li­chen Fei­er­tag sichern würden.
Mit mei­ner anti­zy­kli­schen Lebens­weise bin ich bis jetzt gut durch­ge­kom­men, außer viel­leicht beim Links­ab­bie­gen in den Kreis­ver­kehr. Dort musste ich stets klein bei­geben und mich in den all­ge­mei­nen Strom der Fahr­zeuge ein­ord­nen. Aber sonst nichts der­glei­chen. Im Prin­zip bin ich also kein Oppor­tu­nist. Aber die­ses eine Mal machte ich eine Aus­nahme, und zwar wegen die­sem ver­fluch­ten Coro­na­vi­rus. Und schei­terte damit kläglich.

Nach gründ­li­chen Über­le­gun­gen kam ich zum Schluss, dass eine Coro­na­vi­rus-Infek­tion schon mal gar nicht eine erstre­bens­werte Sache ist. Heut­zu­tage haben wir viel schö­nere Krank­hei­ten und ele­gan­tere Todes­ar­ten als schnie­fend und hus­tend ein­zu­ge­hen. Wenn man des Covid-19 wegen abser­belt, gibt man damit ein arm­se­li­ges Bild ab. Man son­dert jede Menge unap­pe­tit­li­chen Schleim aus allen Kör­per­öff­nun­gen ab. Ein­fach wider­lich! Wenn mir schon mein letz­tes Stünd­lein schla­gen soll, dann muss es bitte sau­ber, fei­er­lich und erha­ben zuge­hen. Ich möchte von ergrif­fe­nen Ange­hö­ri­gen beweint wer­den, die sorg­sam gewählte Lobes­worte über mich mur­meln und mei­nen ver­früh­ten Abgang auf­rich­tig bedau­ern. Aber zum Glück ist es noch nicht soweit. Ich habe gerade meine Tem­pe­ra­tur gemes­sen: schal­lend tri­um­phie­rende 36,5°C!

Trotz mei­ner erwähn­ten Abnei­gung gegen vor­herr­schende Mode­trends blieb ich von der aktu­el­len Ent­wick­lung nicht unbe­ein­flusst. Als immer mehr Zeit­ge­nos­sen mit Gesichts­mas­ken her­um­lie­fen, begann ich mir auch eine über­zu­zie­hen. Um es sogar bes­ser zu machen, trug ich zusätz­lich noch eine am Hin­ter­kopf. Dann hieß es, dass man in der Öffent­lich­keit keine enge­ren kör­per­li­chen Kon­takte mehr ein­ge­hen dürfe. Dar­auf­hin hörte ich mit mei­ner lieb­ge­wor­de­nen Gepflo­gen­heit auf, unbe­kannte junge Damen auf der Strasse zu umar­men und herz­haft abzu­knut­schen. Zudem besuchte ich keine Groß­ver­an­stal­tung mehr, außer Sau­na­klubs. Diese sind die wohl letz­ten virus­freien Oasen, in denen man sich unge­zwun­gen in ange­neh­mer Damen­ge­sell­schaft frei bewe­gen kann.
Es heißt ja, dass Coro­na­vi­ren nicht hit­ze­re­sis­tent sind. Ich schüttle keine Hände, auch nicht den Kopf, und auch nicht mei­nen stets ein­satz­be­rei­ten Wür­fel­be­cher, den ich als Ent­schei­dungs­hilfe für lebens­wich­tige Ange­le­gen­hei­ten stets bei mir trage. Statt­des­sen befolge ich die wohl­wol­len­den Anwei­sun­gen der Behör­den ebenso gehor­sam wie die unei­gen­nüt­zi­gen Rat­schläge kom­pe­ten­ter Homöopathen.

Neu­lich jedoch erlebte ich einen ers­ten Rück­schlag beim emp­feh­lungs­kon­for­men Ver­hal­ten. Und das kam so: In den Nach­rich­ten wurde erwähnt, dass ver­ein­zelte Bür­ger Hams­ter­käufe tätig­ten, was sich dann zuneh­mend häufte und zur Mas­sen­be­we­gung wurde. Ich konnte mir zunächst kei­nen Reim dar­auf machen, auf wel­che mys­te­riöse Weise der Hams­ter­kauf einen vor der Infek­tion schüt­zen sollte. Aber man muss nicht alles ver­ste­hen, was die Obrig­keit ver­langt. Wich­tig ist es ihren Anwei­sun­gen zu fol­gen. Also beschloss ich dar­auf­hin eben­falls mit Hams­ter­käu­fen zu beginnen.

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Als ich dann aller­dings zu mei­nem ers­ten Ver­such aus­rückte, waren die letz­ten ver­füg­ba­ren Exem­plare schon rest­los aus­ver­kauft. Ich fand nur noch Rest­be­stände an Meer­schwein­chen, Schild­krö­ten und hilf­los zwit­schern­des Feder­vieh. Damit war natür­lich kein Staat zu machen, schon gar nicht in die­sen gefähr­li­chen Zeiten.
Doch ich gab nicht so schnell die Hoff­nung auf, meine nun mal beschlos­sene Hams­ter­be­schaf­fung erfolg­reich zu Ende zu brin­gen. Ich klap­perte zunächst alle Zoo­ge­schäfte der Stadt ab, dann die­je­ni­gen des Umlands und sogar der gan­zen Region. Aber keine der von mir auf­ge­such­ten Tier­hand­lun­gen hat­ten genü­gend Hams­ter vor­rä­tig, um mir einen anstän­di­gen Schutz zuzu­le­gen. Dabei schraubte ich meine Erwar­tun­gen schritt­weise zurück: statt der geplan­ten drei Dut­zend Gold­hams­ter hätte ich auch einen Satz Sil­ber­hams­ter akzep­tiert. Von mir aus hät­ten sogar einige bron­zene Exem­plare dar­un­ter sein dür­fen. Aber weit gefehlt! Nicht nur dass die beste Ware bereits weg war, selbst die art­ver­wand­ten Wüs­ten­spring­mäuse waren alle.

Von zuneh­men­der Ver­zweif­lung getrie­ben, erwog ich einen nächt­li­chen Ein­bruch in den eher nach­läs­sig geschütz­ten Tier­park. Ich bin ja ein grund­ehr­li­cher Mensch, aber hier ging es ja schliess­lich um meine Gesund­heit. Ich weiss nicht, wie man die tie­ri­sche Ent­spre­chung für den mora­lisch eher akzep­ta­blen Mund­raub des Ver­hun­gern­den nennt. Wenn bei­spiels­weise das erheischte Delikt­gut ein Mops wäre, würde man das „Hundraub“ nen­nen? Ich weiss es nicht. Wäre für kleine, hand­zahme Nager die ana­loge sprach­li­che Ent­spre­chung viel­leicht „Hams­ter­mop­sen“? Was auch immer, ich war bereit zu allem, selbst zu einem nächt­li­chen Ein­bruch in das Gehege der „Cri­ce­ti­nae“ genann­ten Step­pen­wüh­ler. Aber ich hatte weder die geeig­ne­ten Ein­bruchs­werk­zeuge noch den erfor­der­li­chen Mut für eine sol­che Aktion. Damit war das keine gang­bare Lösung und schon gar kein Ersatz für einen seriö­sen Hamsterkauf.
So gese­hen wollte ich mei­nen Frust bei einem ent­span­nen­den Sau­na­klub­be­such abbauen, aber als ich vor der zuge­sperr­ten Tür des abge­dun­kel­ten Eta­blis­se­ments stand, konnte ich nur noch den nach­lä­ßig auf­ge­kleb­ten Hin­weis zur Kennt­nis neh­men: „Auf­grund der lage­be­ding­ten aus­blei­ben­den Kund­schaft bleibt unser Sau­na­klub ‚Nym­phen-Dampf‘ bis auf wei­te­res geschlos­sen. Besu­chen Sie unsere Web­seite, um den Zeit­punkt der erneu­ten Betriebs­auf­nahme zu erfah­ren“. Hol’s der Hamster! ♦

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch die Satire von Hel­mut Haberkamm: Anschaffungen

Außer­dem zum Thema Corona-Virus von Peter Biro: Schluss mit lustig!

Ein Kommentar

  1. Ein Kom­men­tar von mir, dem Autor der obi­gen Humo­reske, der erle­ben musste wie die Satire von der eige­nen Rea­li­tät über­holt wurde: Ges­tern Abend ist meine Frau effek­tiv der Hams­ter­kauf-Neu­rose erle­gen. Sie emp­fing mich mit der drin­gen­den Auf­for­de­rung ein­kau­fen zu gehen, um unsere Vor­räte für jeden Even­tu­al­fall auf­zu­fül­len. Ich gab nach im Wis­sen, dass es bes­ser ist, sie ihr Bedürf­nis aus­le­ben zu las­sen. Bereits im Migros-Park­haus zeigte sie mir Leute, die voll bela­dene Wägen zu ihren Autos scho­ben; das gewis­ser­mas­sen als Beweis für ihre Besorg­nis. Im Geschäft erwar­te­ten wir daher bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zustände. Dann aber war es abso­lut nicht so: alles völ­lig nor­mal, nir­gendwo Andrang, volle Regale. Wie auch immer. Jetzt sind wir für eine Iso­la­tion im Falle einer mehr­wö­chi­gen Bela­ge­rung gerüstet.
    P. Biro

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