Werner van Gent – Leben zwischen Krieg und Musik (Dokumentarfilm)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Die Grenzen des Journalismus

von Katka Räber

Wer­ner van Gent – Leben zwi­schen Krieg und Musik“ ist ein Doku­men­tar­film mit allen Facet­ten, die ein der­ar­ti­ges fil­mi­sches Doku­ment bie­ten kann: Geschicht­li­che Bil­der­se­quen­zen, die fes­seln; das beruf­li­che Leben einer äußerst span­nen­den Per­sön­lich­keit; eine dis­kus­si­ons­an­re­gende Gedan­ken­ebene. All das erfüllt der Film über den hol­län­disch-schwei­ze­ri­schen Jour­na­lis­ten Wer­ner van Gent, der bis vor kur­zem vier Jahr­zehnte lang sehr ein­drück­lich, stets unauf­ge­regt und sehr glaub­wür­dig aus den Kriegs­ge­bie­ten u.a. des Nahen Ostens, aus Afgha­ni­stan, Paki­stan, Syrien, Ex-Jugo­sla­wien berich­tet hat.

Mit ver­schie­de­nen Stil­mit­teln nähert sich der Film dem Prot­ago­nis­ten: His­to­ri­sche Auf­nah­men aus sei­nen Bericht­erstat­tun­gen; Mit­schnitte aus dem jet­zi­gen Leben; seine Stimme aus dem Off mit Gedan­ken über das Leben all­ge­mein, über Krieg und Frie­den, Recht und Unrecht, Freu­den und Frus­tra­tio­nen des Jour­na­lis­mus. Im Film begeg­nen wir außer­dem van Gents Gat­tin Amalía, einer Grie­chin, die eben­falls im Jour­na­lis­mus arbei­tet. Und zwi­schen die­sen zahl­lo­sen Begeg­nun­gen, Berich­ten und Inter­views immer wie­der musi­ka­li­sche Ein- und Rück­blen­den, beson­ders der Vio­li­nis­tin Patri­cia Kapatsch­inskaja, die Wer­ner van Gent als Ama­teur-Cel­list sehr bewundert.

Filmisches Mosaik

Werner Van Gent - Journalist - Dokumentarfilm 2022 - Glarean Magazin
Glaub­wür­dig, enga­giert, objek­tiv: Bericht­erstat­ter Wer­ner Van Gent

Der Doku­men­tar­film sel­ber ist ein fil­mi­sches Meis­ter­werk, der vor­führt, wie auch schwie­rige, oft unmensch­li­che Tat­sa­chen und Bege­ben­hei­ten gezeigt wer­den kön­nen in Ver­bin­dung mit dem Leben eines sehr enga­gier­ten Jour­na­lis­ten und sei­ner Gat­tin. Ein Doku­ment, das auf­zeigt, was jour­na­lis­ti­sche Arbeit beinhal­tet, wel­che Gefah­ren, aber auch Freund­schaf­ten auf der gan­zen Welt sie mit sich bringt, wel­che Her­aus­for­de­run­gen sich hin­ter den uns erreich­ten Nach­rich­ten ver­ber­gen. Ein Film auch, der einer­seits Hoff­nung macht, weil es Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten gibt, die sich ein­set­zen für eine mög­lichst wahr­haf­tige Bericht­erstat­tung auch aus gefähr­dets­ten und gefähr­lichs­ten Regio­nen die­ser Welt, aus Kriegs­ge­bie­ten näm­lich, die es lei­der immer gab und heute nicht weni­ger gibt. Einer die­ser glaub­wür­dig, enga­giert und gleich­zei­tig objek­tiv berich­ten­den Medi­en­schaf­fen­den ist Van Gent.

Musik als Heimat

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Van Gent und seine Frau sind Welt­bür­ger. Er: Der Sohn eines Hol­län­ders und einer Schwei­ze­rin. Sie: Eine Grie­chin. Van Gents Vater ist im Zwei­ten Welt­krieg als jun­ger Mann wegen Trans­por­tie­rens von anti­fa­schis­ti­schen Flug­blät­tern in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gekom­men, das er über­lebte, und wor­über er erst am Lebens­ende gespro­chen hat. Auch diese Ebene wird in den viel­schich­ti­gen, far­bi­gen Film-Tep­pich sehr geschickt eingewoben.
Wir fol­gen van Gents jet­zi­gem Leben nach sei­ner Pen­sio­nie­rung nach Athen, wo das Paar heute lebt, nach­dem sie ver­schie­dene Domi­zile bewohn­ten, aber immer wie­der in der kar­gen Land­schaft der Insel Tinos Ruhe und Erho­lung fan­den, in ihrem Haus, das sie vor vie­len Jah­ren gekauft haben.
Die Musik, die nach van Gents Wor­ten „Hei­mat“ für ihn bedeu­tet, unter­stützt im Leben wie im Film immer wie­der seine Worte. Denn aus ihr schöpfte er stets die Kraft wei­ter­zu­ma­chen, trotz der unmensch­li­chen Kriege an so vie­len Orten der Welt – „um den Glau­ben an den Men­schen nicht zu verlieren“.

Trotz Elend noch an Gott glauben?

Patricia Kopatchinskaja - Violine - Glarean Magazin
Musik als Ver­söh­nung: Die Vio­li­nis­tin Patri­cia Kopatchinskaja

Der Schwei­zer Nach­rich­ten­spre­cher Flo­rian Inhau­ser fragt ihn im Film, ob man im Wis­sen um so viel Schreck­li­ches in der Welt noch an Gott glau­ben kann. Van Gent ant­wor­tet mit dem Zitat eines Vete­ra­nen aus dem Zwei­ten Welt­krieg: „Jetzt weiß ich, dass es einen Gott gibt. Er trägt eine braune Uni­form.“ Es sei ent­täu­schend, dass in der Welt nicht die Ver­nunft siegt.
Im Film sehen wir bei­spiels­weise das Begräb­nis von Mikis Theod­ora­kis (Sep­tem­ber 2021), dem auch poli­tisch enga­gier­ten grie­chi­schen Musi­ker, der vie­len Men­schen Hoff­nung brachte. Musik kann auch Wer­ner van Gent eine gewisse Ver­söh­nung bringen.
Der Film schafft es auf jeden Fall, diese ganze Viel­falt auf eine sehr berüh­rende und doch infor­ma­tive Art zusam­men­zu­füh­ren. Ich wün­sche die­ser Doku­men­ta­tion viel Publi­kum, egal ob im Kino oder am Fernsehen. ♦

Michael Magee (Regie): Wer­ner van Gent – Leben zwi­schen Krieg und Musik (Doku­men­tar­film), ca. 60 Minuten

Lesen Sie zum Thema Poli­ti­scher Doku­men­tar­film auch über F. Chi­quet & M. Affol­ter: Die Pazifistin

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