Laura Steven: Speak Up (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Frisch, ironisch, verletzlich

von Katka Räber

Speak Up“ von Laura Ste­ven ist ein wit­zig und zunächst leicht­füs­sig im Jugend­jar­gon ver­fass­ter Roman in Tage­buch­form über mög­li­che Pro­bleme von Acht­zehn­jäh­ri­gen in den USA an einer High­school. Abgren­zung, Aus­gren­zung, Sexua­li­tät, Liebe, Freund­schaft und Cyber­mob­bing mit allen mög­li­chen Konsequenzen.

Auf Eng­lisch heisst das Buch „The Exact Oppo­site of Okay“ und trägt in der deut­schen Über­set­zung den Titel „Speak Up“, was auf den ers­ten Blick undurch­sich­ti­ger scheint und „lau­ter spre­chen“ bzw. „den Mund auf­ma­chen“ bedeutet.
Warum auf Eng­lisch, wenn ein weni­ger Eng­lisch­kun­di­ger für die genaue Wort­wahl im Wör­ter­buch nach­schauen muss? Viel­leicht, weil es dann eher auch die junge Leser­schaft anzieht, und das ist gut so.

Laura Steven: Speak Up (Roman) - Droemer Verlag
Laura Ste­ven: Speak Up (Roman)

Jugend­li­che oder junge Lese­rin­nen und Leser tref­fen hier eine unan­ge­passte Acht­zehn­jäh­rige an, die schon als klei­nes Kind ihre Eltern bei einem Auto­un­fall ver­lo­ren hat und seit­dem bei ihrer gross­mutter lebt. Izzy O’Neill ist rot­zig unan­ge­passt, aber intel­li­gent, und sie möchte gerne Dreh­buch­au­to­rin wer­den. Die Eng­lisch­leh­re­rin ent­deckt Izzys Talent und hilft ihr bei kon­kre­ten Schrit­ten, um ihre Texte tat­säch­lich ver­öf­fent­li­chen zu kön­nen und durch einen Wett­be­werb zu einem Stu­dium zu kommen.

Selbstironie als Selbstschutz

Izzy schützt ihre Gefühls­welt mit selbst­iro­ni­schem Humor und stän­di­gen Wit­ze­leien, die tat­säch­lich humor­voll sind, in der täg­li­chen Kon­zen­tra­tion dann manch­mal sowohl ihrer Umge­bung wie auch mir als Lese­rin hie und da fast zu viel, also ‚too much’ waren. Aber Laura Ste­ven, die Autorin aus der nörd­lichs­ten Stadt Eng­lands, ist sel­ber Jahr­gang 1992 und kennt sich in der Szene noch sehr gut aus. Warum sie aller­dings die Hand­lung in den USA und nicht in Eng­land spie­len lässt, wurde mir nicht ganz klar. Aber das ist unwich­tig, denn die Sze­ne­rie stimmt, die jun­gen Leute an der Schule sind noch mehr als mit dem Lehr­stoff mit Sex, Par­tys und Bezie­hungs­pro­ble­men beschäftigt.

Ausgrenzung durch Sprache

Laura Steven - Glarean Magazin
Laura Ste­ven (geb. 1992)

Das könnte in jedem Kios­k­ro­man vor­kom­men, wäre da nicht diese tat­säch­lich wit­zige, meist sogar geist­rei­che Spra­che der Haupt­prot­ago­nis­tin, wie sie sich ihrem Tage­buch wäh­rend einem Monat anver­traut. Und aus einer Beob­ach­ter­per­spek­tive ler­nen wir zuerst Izzys beste Freun­din Ajita und den Freund schon aus dem Kin­der­gar­ten Danny ken­nen, mit denen sie her­um­zieht, die Welt mit kri­ti­schem Blick betrach­tet und in Gesprä­chen kom­men­tiert. Ihre eige­nen, ver­letz­li­chen Gefühle ver­steckt Izzy hin­ter schnö­dem Sar­kas­mus, der ihr einer­seits hilft und sie inner­lich stärkt, aber sie in Gesell­schaft von ande­ren Jugend­li­chen in die Bitch-Ecke stellt.

Zwischen Sexualität und Cybermobbing

Neben der nach aus­sen der­ben Spra­che und schein­bar abge­brüh­ten Sexua­li­tät wer­den aber auch sehr zarte Lie­bes­ge­fühle beschrie­ben, die anrüh­ren und die Spann­weite zwi­schen unse­rer voll­kom­men sexua­li­sier­ten Welt und der Ver­letz­lich­keit von ech­ten Gefüh­len, Erwar­tun­gen, Unsi­cher­hei­ten und freund­schaft­li­chen Ban­den auf­zei­gen. Und plötz­lich kippt die­ses Spiel in ein schlim­mes Cyber­mob­bing, indem gedan­ken­los Fotos mani­pu­liert wer­den und zu einer ver­nich­ten­den Waffe mutie­ren. Dies gehört lei­der auch bei uns zur Rea­li­tät an Schu­len, wobei das gross­ar­tige Inter­net miss­braucht wird zu bös­ar­ti­gen Vernichtungsattacken.

Ungekünstelt-jugendliche Frische

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Das Buch hat mich ange­spro­chen in sei­ner unge­küns­tel­ten, jugend­li­chen Fri­sche, hat mich immer wie­der amü­siert, wenn es auch stel­len­weise ein wenig zu lang geriet, aber es zeigt auf, dass Gerüchte im Inter­net die Zukunft ver­bauen und eine mensch­li­che Psy­che beschä­di­gen kön­nen. Da schwingt kein erho­be­ner Moral­fin­ger mit, es ent­zau­bert bloss den Wunsch, dass junge Men­schen noch unver­dor­ben, gut und nicht bös­ar­tig sind. Der Lebens­kampf beginnt schon früh, auch inner­halb von Freundschaften.
Der eng­li­sche Humor der jun­gen, gesell­schaft­lich sehr enga­gier­ten Autorin wurde von Hen­ri­ette Zelt­ner her­vor­ra­gend über­setzt. The Guar­dian schrieb über die Ori­gi­nal­aus­gabe: „Wit­zig, geist­reich, femi­nis­tisch.“ Das lässt sich auch vom Trans­fer ins Deut­sche behaupten. ♦

Laura Ste­ven: Speak Up – Roman, 348 Sei­ten, Droe­mer Ver­lag, ISBN 978-3-426-28233-5


Katka Raeber - Glarean MagazinKatka Räber

Geb. 1953 in der Tsche­cho­slo­wa­kei, 1968 Über­sied­lung in die Schweiz, Stu­dium der Sla­vis­tik, Ger­ma­nis­tik und Lite­ra­tur­kri­tik in Zürich, spä­ter Paar­be­ra­tungs­aus­bil­dung und Psy­cho­drama-Diplom, lebt als Sach­buch- und bel­le­tris­ti­sche Autorin sowie als The­ra­peu­tin und Foto­gra­fin in Basel

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Jugend und Sexua­li­tät auch über den Roman von Peter Reut­te­rer: Siesta mit Magdalena

… sowie zum Thema Jugend und Spra­che von Mario Andreotti: Wie Jugend­li­che heute schreiben

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