Jörg Schieke: Antiphonia (Gedicht)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Dynamische Lebensuhr am Ticken gehalten

von Hei­ner Brückner

Die Lyrik in „Anti­pho­nia“ von Jörg Schieke ist kein Lied zur Laute gezupf­ter, melo­di­scher Reim­laute, sie ist eher das Trom­mel­fell einer Pauke, auf der sämt­li­che Wohl­laute und Dis­har­mo­nien geschla­gen werden.
Das Lyri­sche Ich über­nimmt in die­sen Gegen­lau­ten eine gegen­warts­nahe, mehr­na­tio­nale Exem­pel­fa­mi­lie mit pro­gram­ma­ti­schen Vor­na­men – etwa Hein­rich (respek­tive Hei­ner), oder auch Thor­ben. Als Aller­s­tes dachte ich an Dok­tor Hein­rich im „Faust“. Doch dann musste ich lesen: „… hat noch in keinem/weiblichen Wesen seine Erkennungsmelodie/hinterlassen….“ Sol­che Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten tau­gen nicht für diese Ade­lung. Aus­ser­dem wird er bereits in einer der nächs­ten unge­reim­ten Stro­phen zum „Fett­wanst Hei­ner“ degradiert.
Im zwei­ten Kapi­tel ist er der Erfin­der von „Das Anti­phon“ und wird zu einer der Haupt­fi­gu­ren. Das wie­derum weckte in mir für einen kur­zen Moment den Ver­gleich mit dem Stimm-Instru­ment des Oskar in der „Blech­trom­mel“ von Gün­ter Grass oder an „Schla­fes Bru­der“ von Robert Schnei­der. Andere Vor­na­men sind Jaqui, das „Ri-Ra-Rasse-Weib“, das sich als „Ran­da­lie­re­rin“ ent­puppt, oder Haka, ein tür­ki­scher Vor­name per­si­scher Her­kunft. Ansons­ten wim­melt es von Mam, Mom, Mum und Dad etc. Eine offen­sicht­lich mul­ti­na­tio­nale Fami­lie ist hier im Entstehen.

Gegensätzlichkeit als Unruhe der Lebensuhr

Jörg Schieke - Antiphonia - Gedicht - Poetenladen - Glarean MagazinDas buch­starke Pro­sa­ge­dicht „Anti­pho­nia“ in sie­ben Abteilungen/Kapiteln beginnt mit der Geburt, und zwar so, dass ein Paar „aus Liebe drei Kin­der ver­öf­fent­licht“. Apro­pos „ver­öf­fent­licht“: ein anrei­zen­der Ein­stieg, der auf­hor­chen lässt und den Leser sofort mit­nimmt. Nicht geplant oder gedacht oder gezeugt oder gebo­ren oder in die Welt gesetzt – etwas bereits Vor­han­de­nes wird in die Öffent­lich­keit als fer­tig, erwach­sen, reif ent­las­sen, somit zu einer öffent­li­chen Per­son. Wird der wei­tere Ver­lauf eine Fabel, eine Fami­li­en­saga, ein Mär­chen gebä­ren? Jeden­falls erken­nen sich die Per­so­nen im Laufe der Ent­fal­tung alle irgend­wie und irgend­wann wie­der. Selbst­re­dend gehö­ren ein Hund und wei­tere Kli­schee- respek­tive Mode-Acces­soires der Neu­zeit zu die­sem Ver­bund, der sich – Ach­tung Anti… ! – selbst infrage stellt, wider­spricht, aber durch seine dyna­mi­sche Gegen­sätz­lich­keit als Unruhe die Lebens­uhr am Ticken hält. Die unge­wohn­ten Wort­kom­bi­na­tio­nen und -spiele fal­len ins Auge, erwe­cken aber gleich­zei­tig eine mit­den­kende Span­nung, die die Krea­ti­vi­tät des Autors sehr schnell und mit Leich­tig­keit auf den Leser über­sprin­gen lässt.

Sprachlich gelungene Lyrik

Nie zuvor habe ich so viele Man- und All­ge­mein­platz-Sätze, Apho­ris­men und Kalen­der­sprü­che in einem als Gedicht bezeich­ne­ten Werk gefun­den. Jörg Schieke setzt sie in einen Zusam­men­hang, in dem sie iro­nisch oder sati­risch, aber nicht wie Kalauer klin­gen. Denn ihnen fol­gen sogleich Verse wie bei­spiels­weise „Der Mond wollte Hakan ein Geheim­nis anvertrauen“.
Sprach­lich gekonnt, ach was, ich will eupho­risch sein: gelun­gen. Mich begeis­tern ein­fach Wen­dun­gen wie „Kre­dit für eine Reise nach Kreta di Mal­lorca“ oder „Die Wim­per in … Schlaf ein­ge­packt“. Nicht weni­ger: „… aus dem Mac/gebrochene Apfel­taste…“ Jedes Wort ist zu beto­nen, so wich­tig ist es an sei­nen Ort gesetzt. Schieke schmet­tert pau­sen­los ein immenses Sam­mel­su­rium an aktu­el­len Key­words auf das Blick- und Hör­feld. Ich wurde von sei­nen Schmet­ter­sät­zen und der­ar­ti­gen Wort­se­quen­zen getrof­fen und spielte das Match bis zum Ende mit.

Anti­pho­nia“ kommt mir vor wie die Kind­heits­wiege, die durch die Zei­ten­läufe schau­kelt, gele­gent­lich aneckt, um dadurch neuen Drive zu bekom­men oder wie­der in die Balance gestos­sen zu wer­den, bis sie erneut gegen einen Irr­witz stösst, der sie in leicht geän­der­ten Nuan­cen mit neuem Schwung und Gegen­schwung wie­gen lässt. Hinzu kommt eine unglaub­lich viel­sei­tige The­men­la­dung. Man kann die­ses Gedich­t­epos im Flug durch­strei­fen, aber erfas­sen wird man es nach mehr­ma­li­gem Lesen und Stu­die­ren nicht so schnell, zumin­dest nicht in sei­ner Kom­ple­xi­tät. Es bleibt ein lang­wäh­ren­der klin­gen­der Ton­satz, kom­po­niert aus dem Gegen­warts­wort­schatz in der Art von Call-and-response-Gesän­gen. Das Geheim­nis um das „Anti­phon“ wird erst auf Seite 62 gelüftet.

Die Alltagswelt imaginiert

Jörg Schieke - Autor von Antiphonia - Rezension im Glarean Magazin
Jörg Schieke (Geb. 1965 in Rostock)

Bemüht, mög­lichst viele Bedeu­tungs­schich­ten zu fas­sen, ohne sich bes­ser­wis­se­risch auf eine fest­zu­le­gen, lässt Schieke dem freien Geist Spiel­raum, seine Erkennt­nis gesell­schafts-, welt­po­li­tisch oder mensch­heits­ge­schicht­lich zu gewich­ten. Mir kommt die For­de­rung Karl Kro­lows an den Lyri­ker in den Sinn. Er solle ein „hei­te­rer Zau­be­rer sein, dem eine ganze Welt der Ima­gi­na­tion zur Ver­fü­gung steht“. Hei­ter sind Schie­kes Verse nicht über­wie­gend, aber sie ima­gi­nie­ren die All­tags­welt sowie deren Über- oder Hin­ter­welt und ver­set­zen den Leser, nach­dem sie ihn kurz vom Spiel­feld geho­ben haben, wie­der zurück und hin­ein, aller­dings ein, zwei Schritte wei­ter als zuvor.
Ab dem drit­ten Abschnitt, nach der Ent­fal­tung der Fami­li­en­ver­hält­nisse die­ser mul­ti­na­tio­na­len und viel­cha­rak­ter­li­chen Fami­lie, geht es um Gold, Geld und hoch­ge­steu­erte Pro­duk­ti­ons­pro­zesse. Kuriose Wort­schöp­fun­gen (etwa „Rau­fa­ser­ga­lee­ren“) zeich­nen die Geschichte einer total ver­rück­ten Fami­lie alias Gesell­schaft aus, die nicht erken­nen will, dass sie unter „… Zu viel Erinnerung//bei zu wenig Ver­gan­gen­heit …“ leidet.

Durchkomponierte Prosa-Lyrik

Nach dem Lesen deu­tet sich das pho­to­freie Cover als prä­gnante Inhalts­an­gabe. Drei mal drei Schei­ben mit vier Wort­rin­gen aus Ver­sen lie­gen an- und teils über­ein­an­der und umschlies­sen Autoren­na­men und Titel sowie Unter­ti­tel. Die mitt­lere Schrift­farbe in zar­tem Wachs­grün, die bei­den lap­pen­den in gesetz­ter Dru­cker­schwärze. Die Schei­ben rei­ben sich, rotie­ren und revol­tie­ren. Das Titel­wort steht kopf, will auf die Füsse gestellt wer­den. Es könn­ten aber auch Schall­wel­len aus Wör­tern sein, die sich im Buch­sta­ben­meer kon­zen­trisch aus­brei­ten wie mög­li­cher­weise der Stein der Wei­sen. Ein­präg­sa­mer ist die „Anti­pho­nia“ gra­phisch wohl nicht umzu­set­zen. Wenn das nicht der end­gül­tige Beweis für eine bis zur letz­ten Note durch­kom­po­nierte Pro­sa­ly­rik ist, die der Leip­zi­ger Poe­ten­la­den-Ver­lag geoutet hat… Wer übri­gens einen Aus­zug von „Anti­pho­nia“ auch klang­lich wahr­neh­men möchte, fin­det einen rund drei­mi­nü­ti­gen Stream bei Lyrikline.org.

FAZIT: „Anti­pho­nia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wort­schöp­fe­ri­scher Sprach­ge­wandt­heit die gegen­wär­tige Gesell­schaft und lebens­prä­gen­den Gepflo­gen­hei­ten abbil­det. Wer Gedicht wei­ter­hin als melo­di­sche Text­form ver­steht, muss seine Typi­sie­rung weg­le­gen, um in den Voll­ge­nuss der neu­ar­ti­gen lyri­schen Gestal­tung zu kommen.

Anti­pho­nia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wort­schöp­fe­ri­scher Sprach­ge­wandt­heit die gegen­wär­tige Gesell­schaft und lebens­prä­gen­den Gepflo­gen­hei­ten abbil­det. Wer Gedicht wei­ter­hin als melo­di­sche Text­form ver­steht, muss seine Typi­sie­rung weg­le­gen, um in den Voll­ge­nuss der neu­ar­ti­gen lyri­schen Gestal­tung zu kommen. ♦

Jörg Schieke: Anti­pho­nia – Gedicht, 80 Sei­ten, Peoe­ten­la­den-Ver­lag Leip­zig, ISBN 978-3-940691-93-4

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Andreas Wie­land: Mit aus­grei­fen­dem Schritt (Gedicht)

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Bruno Schlat­ter: Höhen­weg­kol­ler (Gedicht)

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