Boris Gelfand: Decision Making In Major Piece Endings (Schach)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 10 Minu­ten

Endspiel-Kost auf hohem Niveau

von Thomas Binder

Welt­klas­se­spie­ler Boris Gel­fand ergänzt seine Serie „Decis­ion Making“ um das vierte Werk: „Decis­ion making in major piece endings“. Dies­mal geht es also um Schwer­fi­gu­ren-End­spiele. Pas­send zum Titel ist das auch „schwere Kost“ für Schach­freunde auf geho­be­nem Spiel­ni­veau. Gel­fand prä­sen­tiert breite Ana­ly­sen aus­ge­wähl­ter Par­tien mit Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und zuwei­len durch­aus unter­halt­sa­men Einschüben.

Den Welt­klas­se­spie­ler Boris Gel­fand muss man dem geneig­ten (Schach-)Leser nicht vor­stel­len. Auch als Autor hat der frü­here WM-Kan­di­dat Gel­fand bereits sicht­bare Spu­ren hinterlassen.

Boris Gelfand - Decision Making In Major Piece EndingsAls sein Haupt­werk kann wohl die mitt­ler­weile vier­bän­dige Reihe „Decis­ion Making“ aus dem Hause Qua­lity Chess gel­ten. Dem Autor und dem Ver­lag ist gelun­gen, hoch qua­li­ta­tive Schach­bü­cher in ein­heit­li­cher Auf­ma­chung inhalt­lich aus einem Guss vor­zu­le­gen. Inso­fern kann vie­les aus die­ser Rezen­sion auf die Schwes­ter­werke über­tra­gen wer­den. Fort­set­zung erwünscht!
Ob man frei­lich jemals eine deut­sche Über­set­zung in Hän­den hal­ten wird, sei dahin­ge­stellt. Allzu klein scheint wohl den Ver­le­gern der hie­sige Markt, als dass man Bücher für Spie­ler geho­be­ner Spiel­stärke gewinn­brin­gend pro­du­zie­ren könnte.

Analysen gewürzt mit Plaudereien

Der israelische Weltklasse-Schachgrossmeister Boris Gelfand (geb. 1968)
Der rus­sisch-israe­li­sche Welt­klasse-Schach­gross­meis­ter Boris Gel­fand (geb. 1968)

Boris Gel­fands Bücher heben sich in vie­len Details von ande­ren Wer­ken die­ses Niveaus ab. So fällt als ers­tes auf, dass die Akteure oft in Fotos vor­ge­stellt wer­den, zuwei­len sogar pas­send zur Zeit der kom­men­tier­ten Par­tie. Auch ein paar Zei­len zur Ein­ord­nung der Spie­ler und zur Bedeu­tung des Wett­kamp­fes sind meist vorangestellt.
Im Text würzt Gel­fand seine ernst­haf­ten Ana­ly­sen hin und wie­der mit Ein­schü­ben im Plau­der­ton. Das setzt dann zwar gute Fremd­spra­chen­kennt­nisse vor­aus, diese wer­den aber reich belohnt. Kost­probe gefäl­lig? „Sub­se­quently attempts were made to improve on my play … it is also pos­si­ble that the play­ers were try­ing to copy me, but could not remem­ber what I had played.“ („In der Folge wur­den Ver­su­che unter­nom­men, mein Spiel zu ver­bes­sern … Es ist auch mög­lich, dass die Spie­ler ver­sucht haben, mich zu kopie­ren, sich aber nicht erin­nern konn­ten, was ich gespielt hatte“.)

Anschauliche Gliederung der Varianten

Die Gestal­tung des Wer­kes ori­en­tiert sich ansons­ten am aktu­el­len Stan­dard mit anschau­li­cher Glie­de­rung auch bei kom­ple­xen Vari­an­ten und gerade hin­rei­chen­der Visua­li­sie­rung durch Dia­gramme, so dass der Leser den Anmer­kun­gen mit eini­ger Anstren­gung fol­gen kann. Lei­der ist an eini­gen Stel­len der Fett­druck der Haupt­va­ri­ante ver­lo­ren gegan­gen, was dann den Fluss sehr behin­dert. Das lässt sich natür­lich leicht korrigieren.

Boris Gelfand - Decision Making in Major Piece Endings - Quality Chess Leseprobe - Chess Review Glarean Magazin
Lese­probe aus Boris Gel­fand: „Decis­ion Making in Major Piece Endings“ (Qua­lity Chess Verlag)

Was er mit dem Buch errei­chen möchte, führt Boris Gel­fand im ein­lei­ten­den Kapi­tel sehr gut aus. Seine Werke sind keine vor­ge­fer­tig­ten Rezepte, wie man sie natur­ge­mäß gerade in der End­spiel­li­te­ra­tur fin­det, son­dern Hil­fe­stel­lun­gen zur Ent­schei­dungs­fin­dung, ganz dem Titel ent­spre­chend. Aus­ge­hend davon, dass man sicher nicht genau die eine Stel­lung aus dem Buch in sei­ner eige­nen Par­tie wie­der­fin­den wird, pos­tu­liert er, dass eben tie­fes Ver­ständ­nis einer Stel­lung ganz all­ge­mein die Spiel­stärke hebt.

Umfangreiches Analyse-Material

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Die vom Autor aus­ge­wähl­ten Par­tien stam­men ent­we­der aus sei­ner eige­nen Spiel­pra­xis oder aus sei­ner Arbeit als Trai­ner. Bei­des garan­tiert sehr aus­führ­li­che Ana­ly­sen und zum Teil auch kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit ande­ren Arbei­ten zur glei­chen Par­tie. In offen­bar sehr frucht­ba­rer Zusam­men­ar­beit mit dem däni­schen Groß­meis­ter Jacob Aagaard legt Gel­fand Ana­ly­sen vor, wie ich sie in die­ser Tiefe und Aus­führ­lich­keit noch nie gese­hen habe. Weit über 20 Sei­ten für eine ein­zige Par­tie – genau genom­men ja nur für deren End­spiel – sind keine Sel­ten­heit. Den Rekord hält die mit dem Blick des Laien völ­lig unspek­ta­ku­läre Remis-Par­tie Gel­fand – Kasimdzha­nov (Baku, 2014), die auf 40 Sei­ten aus­ge­brei­tet wird. Keine ein­zige Seite ist zu viel.

Besonders gehaltvolle Endspiele

Inhalt­lich geht es, wie der Titel sagt, um Schwer­fi­gu­ren­end­spiele. Nach einem eher kurz­wei­li­gen Ein­lei­tungs­ka­pi­tel wid­met sich Gel­fand dem Grund­satz „do not hurry“, dem er als Junior erst­mals im groß­ar­ti­gen End­spiel-Stra­te­gie­buch sei­nes Lands­manns She­res­hevsky begeg­nete – schöne Erin­ne­rung für den Rezen­sen­ten, dem es damals genauso erging…

Boris Gelfand - Serie Decision Making in Chess - Quality Chess Cover - Schach-Rezensionen Glarean Magazin
Bereits vier Bände umfasst Boris Gel­fands Serie „Decis­ion Making in Chess“ im Qua­lity Chess Verlag

Es fol­gen meh­rere Kapi­tel mit sehr inten­siv ana­ly­sier­ten Turm­end­spie­len, wobei nur stel­len­weise eine inhalt­li­che Struk­tu­rie­rung gege­ben ist. Viel wich­ti­ger scheint es Boris Gel­fand zu sein, beson­ders gehalt­volle End­spiele zu prä­sen­tie­ren und sich dabei nicht einem Kor­sett the­ma­ti­scher Vor­ga­ben zu unter­wer­fen. Das Grund­wis­sen über Turm­end­spiele hat der Leser gewiss schon frü­her erwor­ben. Hier sind wir auf einem ganz ande­ren Level.

Die „vierte Partiephase“

Nach den Turm­end­spie­len fol­gen einige Kapi­tel zu Damen­end­spie­len. Gel­fand stellt zunächst das End­spiel „Dame + Bauer gegen Dame“ mit Bau­ern am oder in der Nähe des Ran­des her­aus. Dann wid­met er sich End­spie­len mit mehr als zwei Damen. Auch Über­le­gun­gen zur Über­lei­tung in die „vierte Par­tie­phase“ kom­men nicht zu kurz – jene Phase also, wenn sich durch den Wech­sel vom Bau­ern- zum Damen­end­spiel der Cha­rak­ter der Par­tie noch ein­mal grund­le­gend wan­delt. Nach eini­gen Stu­dien folgt noch ein kur­zer Abschnitt mit Auf­ga­ben und Lösun­gen zu Turm­end­spie­len. Wer sich der Her­aus­for­de­rung zum selb­stän­di­gen Lösen stel­len möchte, mag das tun. Ansons­ten kann man natür­lich auch die­ses Kapi­tel ganz nor­mal als Lehr­text lesen.

Unumgänglich: Disziplin und Konzentration

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Es dürfte bereits mehr­fach ange­klun­gen sein: Die­ses Buch ver­langt dem Leser Dis­zi­plin und Auf­merk­sam­keit ab. Eine Par­tie­ana­lyse wie jene 40 Sei­ten über die Kasimdzha­nov-Par­tie liest man nicht eben mal auf dem Heim­weg in der S-Bahn. Wer über den durch­aus vor­han­de­nen rei­nen Lese-Genuss hin­aus etwas mit­neh­men möchte, muss sich sehr tief in die Ana­ly­sen hin­ein­den­ken. Die Sprach­bar­riere darf dabei kein Hin­der­nis sein. Schließ­lich setzt Gel­fand bei sei­nem Leser einen hohen Level schach­li­cher Vor­kennt­nisse und ent­spre­chen­den Urteils­ver­mö­gens vor­aus. Erst ab einer Spiel­stärke von ca. 1800 Elo-Punk­ten wird man wenigs­tens den größ­ten Teil des ver­mit­tel­ten Wis­sens – nein, bes­ser des Kön­nens – voll­stän­dig auf­neh­men und in eigene Ent­schei­dungs­fin­dung am Schach­brett umset­zen können. ♦

Boris Gel­fand: Decis­ion making in major piece endings, 316 Sei­ten (engl.), Qua­lity Chess UK Ltd., ISBN 978-1784831400

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema End­spiele auch über Kars­ten Mül­ler: End­spiele der Welt­meis­ter (Schach-DVD)

… sowie zum Thema Schach­theo­rie über Andrew Sol­tis: Schwin­deln im Schach (How To Swindle in Chess)


English Translation

Endgame food on a high level

World-class player Boris Gel­fand adds his fourth work to his „Decis­ion Making“ series: „Decis­ion making in major piece endings“. So this time it is about „heavy“ piece endings. Matching the title, this is also „heavy fare“ for chess fri­ends on a hig­her play­ing level. Gel­fand pres­ents broad ana­ly­ses of sel­ec­ted games with back­ground infor­ma­tion and some­ti­mes quite enter­tai­ning inserts.

There is no need to intro­duce the world class player Boris Gel­fand to the incli­ned (chess) rea­der. Also as an aut­hor, the for­mer World Cup can­di­date Gel­fand has alre­ady left visi­ble traces.
His main work is pro­ba­bly the mean­while four-volume series „Decis­ion Making“ from Qua­lity Chess. The aut­hor and the publi­shing house have suc­cee­ded in pre­sen­ting high qua­lity chess books in a uni­form pre­sen­ta­tion, all of a piece. In this respect much of this review can be trans­fer­red to the sis­ter works. Con­ti­nua­tion desired!
Whe­ther one will ever hold a Ger­man trans­la­tion in one’s hands remains to be seen. The local mar­ket seems to be too small for publishers to pro­duce books for play­ers of high skill level.

Analyses spiced with chats

Boris Gelfand’s books stand out in many details from other works of this level. The first thing that stands out is that the actors are often intro­du­ced in pho­to­graphs, some­ti­mes even matching the time of the com­men­ted game. Also a few lines on the clas­si­fi­ca­tion of the play­ers and the mea­ning of the com­pe­ti­tion are usually pla­ced in front.
In the text, Gel­fand spi­ces up his serious ana­ly­ses with occa­sio­nal inser­ti­ons in a con­ver­sa­tio­nal tone. This requi­res good for­eign lan­guage skills, but these are richly rewarded. Want a taste? „Sub­se­quently attempts were made to improve on my play … it is also pos­si­ble that the play­ers were try­ing to copy me, but could not remem­ber what I had played. („Sub­se­quently attempts were made to improve my play … It is also pos­si­ble that the play­ers were try­ing to copy me, but could not remem­ber what I had played“)

Clear structure of the variants

The design of the work is other­wise based on the cur­rent stan­dard with a clear struc­ture even for com­plex vari­ants and just suf­fi­ci­ent visua­liza­tion by means of dia­grams, so that the rea­der can fol­low the notes with some effort. Unfort­u­na­tely, the bold print of the main vari­ant has been lost in some places, which then hin­ders the flow very much. This can of course be easily corrected.

Boris Gel­fand explains very well what he wants to achieve with the book in the intro­duc­tory chap­ter. His works are not ready-made recipes, as one natu­rally finds them in end­game lite­ra­ture, but rather aids to decis­ion-making, in kee­ping with the title. Based on the assump­tion that one will cer­tainly not find exactly one posi­tion from the book in one’s own game, he pos­tu­la­tes that a deep under­stan­ding of a posi­tion gene­rally enhan­ces the play­ing strength.

Extensive analysis material

The games sel­ec­ted by the aut­hor are eit­her from his own play­ing prac­tice or from his work as a coach. Both gua­ran­tee very detailed ana­ly­ses and in part also cri­ti­cal exami­na­tion of other works on the same game. In an obviously very fruitful col­la­bo­ra­tion with the Danish grand­mas­ter Jacob Aagaard, Gel­fand pres­ents ana­ly­ses that I have never seen before in such depth and detail. Far more than 20 pages for a sin­gle game – in fact only for its end­game – are not uncom­mon. The record is held by the draw Gel­fand – Kasimdzha­nov (Baku, 2014), which is com­ple­tely unspec­ta­cu­lar in layman’s terms, and is spread over 40 pages. No sin­gle page is too much.

Especially rich endgames

In terms of con­tent, as the title sug­gests, the focus is on „heavy“-figure end­ga­mes. After a rather enter­tai­ning intro­duc­tory chap­ter, Gel­fand devo­tes hims­elf to the prin­ci­ple „do not hurry“, which he first encoun­te­red as a junior in the great end­game stra­tegy book of his com­pa­triot She­res­hevsky – a nice memory for the reviewer, who had the same fate back then…

There fol­low seve­ral chap­ters with very inten­si­vely ana­ly­zed tower end games, wher­eby only in places a con­tent struc­ture is given. Boris Gel­fand seems to be much more important to pre­sent par­ti­cu­larly rich end­ga­mes and not to sub­ject hims­elf to a cor­set of the­ma­tic gui­de­lines. The rea­der has cer­tainly alre­ady acqui­red the basic know­ledge of tower end­ga­mes. Here we are on a com­ple­tely dif­fe­rent level.

The „fourth game phase“

After the rook end games there are some chap­ters on queen end games. Gel­fand first points out the end­game „Queen + Pawn against Queen“ with pawns at or near the edge. Then he devo­tes hims­elf to end­ga­mes with more than two queens. He also con­siders the tran­si­tion to the „fourth phase of the game“ – the phase when the cha­rac­ter of the game is fun­da­men­tally chan­ged by the change from the pawn end­game to the queen’s end­game. After some stu­dies, a short sec­tion with tasks and solu­ti­ons for rook end games fol­lows. If you want to take up the chall­enge to solve them inde­pendently, you may do so. Other­wise, you can of course read this chap­ter as a nor­mal tea­ching text.

Indispensable: Discipline and concentration

It has pro­ba­bly alre­ady been men­tio­ned seve­ral times: This book demands disci­pline and atten­tion from the rea­der. A game ana­ly­sis such as the 40 pages about the Kasimdzha­nov game is not some­thing you read on the way home on the sub­ur­ban train… If you want to take some­thing with you bey­ond the pure rea­ding plea­sure that is cer­tainly pre­sent, you have to think very deeply into the ana­ly­ses. The lan­guage bar­rier should not be an obs­ta­cle. After all, Gel­fand requi­res a high level of chess know­ledge and jud­ge­ment from his rea­ders. Only from a play­ing strength of approx. 1800 Elo points on will one be able to take in at least the lar­gest part of the know­ledge – no, bet­ter of the skill – com­ple­tely and con­vert it into own decis­ion making on the chess board. ♦

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