Schachzug der Woche (01): Praveen Rallabandi vs Günter Schulz

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Das Verblüffende im Verborgenen

von Walter Eigenmann

Auch (und gerade) im Schach fahnden wir gerne nach dem Einzigartigen, dem Ausnahmephänomen, dem sensationellen Spektakel – das verspricht Nervenkitzel gepaart mit ästhetischem Vergnügen.

Doch zuweilen liegt das Verblüffende verborgen im Kleinen, Unscheinbaren, Unauffälligen – gerade im Schach!

Praveen Rallabandi – Günter Schulz (ICCF 2019)
Weiß am Zuge

P.Rallabandi vs G.Schulz - Corr 2019 - Juego de ajedrez por correspondencia - Comentario Walter Eigenmann
FEN: r2qk1nr/pp1n1pp1/2pbp1p1/3p2P1/2PP3P/4P3/PP1N1P2/R1BQKB1R w KQkq

In dieser Stellung, entstanden in einer ICCF-Fernschach-Partie 2019 zwischen dem Engländer Praveen Rallabandi und dem Deutschen Günter Schulz, entdeckte (bzw. erforschte) der Weiße einen Zug, der analytisch nachweisbar der nachhaltigste unter mehreren attraktiven Optionen ist, den aber nicht mal die modernsten Schachprogramme auf dem Radar haben.
Von Menschen werden solche Züge, die weder Game Changer sind noch auch nur die Figurenkonstellation positionell sichtlich verbessern, gerne übersehen. Und vom Computer werden sie „übersehen“, weil die Stellungen extrem tiefes Rechnen verlangen (hier: ca. 50 Halbzüge), bis der resultierende Stellungsvorteil die Stellungsbeurteilung final nach oben korrigiert.

Tipp: Der Anziehende bringt den Schwarzen in eine Art „Zugzwang“ auf offenem Brett…

Wie verschaffte sich hier der englische Korrespondenzschach-Meister ganz unscheinbar, aber nachhaltig eine bleibende Initiative?

Hier finden Sie die Lösung: Schachzug der Woche 01

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach auch über Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

Außerdem zum Thema Schachtaktik: Das Schach-Alphabet: Buchstabe A


English Translation

The Power Of Silence

is’nt so highly valued in our society – and certainly not in chess! There, too, the uniquely spectacular, the sensational, the „loud“ gives us a thrill and satisfies our need for power and beauty.
But sometimes the surprisingly amazing is to be found in the inconspicuously small. A flower, for example, that breaks through road asphalt – or the so-called „silent move“ in a game of chess…

That’s what happened in the correspondence chess game P. Rallabandi vs. G. Schulz 2019, where this position was created (Diagram see above).

With which „silent move“, an inconspicuous but very lasting and demonstrably best one, did the white player surprise his black opponent here?

The solution can be found here


 

Taylor Kingston: Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior

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Lebendige Partien eines Todgeweihten

von Ralf Binnewirtz

Der US-amerikanische Schachhistoriker und -autor Taylor Kingston dürfte den meisten Schachfreunden bekannt sein, mir selbst ist noch die „gute alte“ ChessCafe-Seite (bevor diese für Nutzer bezahlpflichtig wurde) in angenehmer Erinnerung, wo er mit unzähligen Rezensionen auf sich aufmerksam gemacht hat. Für das neueste Buch aus seiner Feder: „Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior“ hatte Kingston zunächst einen korrigierten Reprint der Partiesammlung von Fred Reinfeld aus dem Jahre 1936, „Colle’s Chess Masterpieces“, ins Auge gefasst. Aber ein solches Update hätte heutigen Ansprüchen nicht genügt, so dass er sich zu einer kompletten Neubearbeitung entschloss, die auch mit einer erheblichen Erweiterung des Umfangs einherging.

Biografie? Fehlanzeige!

Edgard Colle: Caissa's Wounded Warrior - Taylor KingstonWer aufgrund des Titels eine Biografie von Edgard Colle erwartet hat, wird eine solche in diesem Buch nicht finden. Bereits ein zweiter länglicher Untertitel auf der inneren Titelseite weist auf die Intentionen des Autors hin: „An exploration and celebration of the artistry of the Belgian chess champion and prolific international tournament player Edgard Colle (1897–1932)“. In der Tat ist (bisher) über Colles Leben außerhalb des Schachs nahezu nichts bekannt geworden, seine Familie, Jugend und Erziehung, Berufsausbildung zum Journalisten, sein Werdegang und Aufstieg zum Schachmeister bleiben im Dunkeln1), und inwieweit sich der Nebel durch weitere Recherchen in belgischen Archiven noch lichten wird, bleibt abzuwarten2). Taylor Kingston gibt freimütig zu, dass er diese Arbeit nicht leisten konnte.

Edgard Colle vs Alexander Alekhine - Schach-Turnier 1925 - Glarean Magazin
Edgard Colle (rechts) am Brett gegen Alexander Aljechin (Turnier 1925)

Der Autor musste sich daher darauf beschränken, in einem einleitenden Teil I über den historischen Hintergrund zu referieren sowie Erinnerungen von zeitgenössischen Meistern bzw. Nachrufe aus der Schachliteratur zu zitieren. So erfahren wir aus Max Euwes Gedenkboek Colle über die herzliche Freundschaft zwischen dem späteren WM Euwe und Edgard Colle, der Meister aus Gent war ein häufiger Gast bei Euwe in Amsterdam und wurde quasi ein Familienmitglied (für Euwes Kinder war er der „Onkel Colle“).

Krankheit und früher Tod

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Colles bedauernswert fragiler Gesundheitszustand war bedingt durch ein Magengeschwür, das ihn auch bei Schachturnieren zunehmend quälte und einschränkte, es war für seinen tragischen, allzu frühen Tod mit 34 Jahren verantwortlich: Die medizinischen Möglichkeiten seiner Zeit waren für eine erfolgreiche Behandlung schlicht unzureichend, und nach drei überstandenen, wirkungslosen Operationen sollte er den vierten Eingriff nicht überleben, kurz vor seiner geplanten Vermählung und der ersehnten Gründung einer eigenen Familie, wobei er sich auch beruflich hatte umorientieren wollen – vom Schachmeister zum Journalisten.

Schachritter ohne Furcht und Tadel

Edgard Colle - Primer premio en Scarborough 1930 - Mesa cruzada - Revista Glarean
Einer der großen Turnier-Höhepunkte für Edgard Colle: Erster Preis in Scarborough 1930, noch vor Maroczy und Rubinstein

Hans Kmoch hat in der Wiener Schachzeitung einen ergreifenden Nachruf auf Colle geschrieben, der in englischer Übersetzung im Buch wiedergegeben ist.3) Seine Worte bezeugen, dass sich Colle – ob am oder abseits des Schachbrett(s) – stets vorbildlich verhalten hat, allzeit ein perfekter Gentleman, der trotz seiner Krankheit nie in Wehleidigkeit verfiel, sich vielmehr durch Optimismus und Heiterkeit hervortat. Zugleich war er ein unermüdlicher Kämpfer am Schachbrett, ein „knight sans peur et sans reproche“ (Kingston), ein „Schachmeister mit dem Körper eines Todgeweihten und mit dem Geist eines unsterblichen Helden“ (Kmoch).

Vorbildliche Partien-Präsentation

Colle-Eröffnungs-System - Glarean Magazin
Charakteristisches Stellungsbild im Colle-Eröffnungssystem: Weiß plant früher oder später den Bauernvorstoß e3-e4

Teil II, das Herzstück des Buchs, präsentiert auf gut 200 Seiten 110 kommentierte Partien und Partiefragmente, neun weitere unkommentierte Partien (die in den Auszügen aus Euwes Gedenkboek erwähnt sind) finden wir in Anhang A. Allein die schiere Zahl der Partien (gegenüber lediglich 51 im Reinfeld-Buch) zeigt, dass der Autor eine immense Arbeit investiert hat mit der Sichtung und Auswahl, die ja unvermeidlich mit der Computerprüfung aller Partien verknüpft war.
Erwartungsgemäß haben sich hierbei manche alten „Meisterwerke“ (bei Reinfeld) als wenig meisterlich entpuppt. Die Kommentierung der Partien beruht nun wesentlich auf sorgfältigen Engine-Analysen, bisweilen sind im Buch auch die Computerbewertungen eingestreut (mit Angabe der eingesetzten Engine und der berechneten Halbzüge).

Moderne Ansprüche befriedigend

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Wie schon aus dem Inhaltsverzeichnis in der Leseprobe ersichtlich, hat Kingston die Partiesektion unterteilt in eine Reihe von Kapiteln, die bestimmte Partietypen, Partiephasen oder Aspekte der schachlichen Fähigkeiten thematisieren. Innerhalb der Kapitel wurde keine chronologische Ordnung angestrebt, die Partien sind nur grob nach ansteigender Komplexität sortiert. Es fällt positiv auf, dass alle Kapitel durch eine Einführung eingeleitet werden, gleiches gilt für die meisten Partien, wobei hier in der Regel Colles Gegner kurz vorgestellt werden. Im Vergleich zum Reinfeld-Klassiker ist mit der ungleich ausführlicheren und tieferen Partiekommentierung (verbal und mit Varianten), mit der figurinen Notation sowie zahlreichen eingefügten Diagrammen eine Partiesammlung entstanden, die modernen Ansprüchen gerecht wird.

Colles Eröffnungssystem kaum ein Randthema

Bis heute ist Colle im kollektiven Schachgedächtnis präsent durch das von ihm geschaffene Eröffnungssystem, das er selbst virtuos handhabte und später auch von seinem Landsmann George Koltanowski propagiert und ausgearbeitet wurde. Dass Koltanowski im Buch zu kurz gekommen ist4), mag man kritisieren, andererseits wollte Kingston in seinem Buch nicht die Eröffnungstheorie des Colle-Systems abgehandelt haben, vielmehr die Spielkunst von Colle demonstrieren, exemplifiziert an dessen Partien. Literatur zum Colle-System gibt es schließlich schon genug.

Großer Taktiker mit wechselhaftem Erfolg

Legendäres Markenzeichen von Edgard Colle: Das Läuferopfer auf h7

Der Spielstil von Colle kann mit vielerlei Attributen versehen werden: dynamisch-aktiv, scharf, kraftvoll, aufregend, kreativ, taktisch-kämpferisch … Jedenfalls war Colle in allen Schach-Sätteln versiert. Seine schwankenden Turniererfolge waren fraglos seiner chronischen Erkrankung geschuldet (zu seinen größten Erfolgen zählen die ersten Plätze in Meran 1926 und Scarborough 1930). Man kann davon ausgehen, dass er deshalb auch eine stark taktisch ausgerichtete Spielweise mit der Aussicht auf eine schnelle Entscheidung bevorzugt hat. Seine Vorliebe für das Läuferopfer auf h7 (in seiner Eröffnung) soll bei seinen Meisterkollegen sprichwörtlich gewesen sein.5) Wenn es sein musste, hat er lange Sitzungen am Turnierbrett trotzdem klaglos angenommen. Nur gegen einige Spitzenspieler (Aljechin, Capablanca, Nimzowitsch, Vidmar) hat er leider nie eine Gewinnpartie verzeichnen können.

Eine von Colles Glanzpartien – seine „Unsterbliche“ – darf hier nicht fehlen:

Colle hat in knapp 10 Jahren über 50 Turniere und ein Dutzend Wettkämpfe gespielt, das ist eine beachtliche Quote. Es lässt sich nicht genau sagen, wo ein gesunder Colle bei einem längeren Leben in der Rangliste der Schachgrößen gelandet wäre, seine höchste historische Ratingzahl von Nov. 1930 stuft ihn als die Nr. 14 seiner Zeit ein.

Gelungene Partiesammlung eines faszinierenden Spielers

Das Buch wird komplettiert durch ein Vorwort von Andy Soltis und durch diverse Anhänge: Tabellen zu Colles Turnier- und Matchergebnissen, sämtliche Turniertabellen, eine Bibliografie sowie Indizes der Spieler und Eröffnungen. Insgesamt ist Taylor Kingston eine solide, verlässliche und gut kommentierte Partiesammlung zu Colle gelungen, die in allen Belangen zufriedenstellen dürfte und die eine lange bestehende Lücke in der Schachliteratur geschlossen hat, denn der alte „Reinfeld“ ist wegen der bekannten Mängel wenig nutzbar. Zudem ist der außergewöhnliche Mensch und Schachspieler Edgard Colle damit wieder verstärkt ins Bewusstsein der Schachfreunde gerückt worden, auch deswegen verdient das Buch eine Empfehlung. Die ultimative Colle-Biografie ist zwar noch nicht erschienen, aber wir dürfen berechtigte Hoffnung hegen, dass sie in nicht so ferner Zukunft auf unserem Büchertisch liegt. ♦

1)Frank Hoffmeister gibt in seinem Buch „100 Jahre Belgische Schachgeschichte“ (Thinkers Publishing 2020) wenige Details, die Kingston für sein Buch vermutlich nicht mehr berücksichtigen konnte. Ein auffälliger Satz aus dem Abschnitt über Colle sei hier zitiert, da er mit dem integren Charakter Colles nicht im Einklang scheint (S. 46): „Der Vorstand des Genter Clubs schloss seinen Vereinsmeister von 1917 und 1918 allerdings nach Ende des 1. Weltkriegs wegen ‚Sympathie für den Feind‘ für drei Jahre aus, bevor er auf Betreiben von Präsident Verschueren im Jahr 1921 rehabilitiert wurde.“
Als Quelle ist eine Genter Schachklub-Chronik aus dem Jahre 2000 angegeben, in der sich auch ein längerer Gedenkartikel von Bernard de Bruycker über Colle findet.
Hingewiesen sei noch auf die schöne Website „Belgian Chess History“ von Nikolaas Verhulst (mit einer Seite über Colle ), die auch von Taylor Kingston gewürdigt wird.

2)Der belgische GM Luc Winants arbeitet aktuell an einer umfassenden Colle-Biografie (nach Hoffmeister, s. [1] S. 47)

3)Das deutsche Original dieses Nekrologs in der WSZ Nr. 9, Mai 1932, S. 129f., ist online verfügbar auf ANNO – AustriaN Newspapers Online https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=sze&datum=1932&pos=191&size=45. In einer Nachlese zu Colle ist dort (S. 131-133) auch Colles letzte Turnierpartie gegen A. Rubinstein (Rotterdam, Dez. 1931) wiedergegeben, die zugleich Rubinsteins letzte Turnierpartie gewesen ist – eine bemerkenswerte, um nicht zu sagen merkwürdige Koinzidenz! Siehe im Buch das Kapitel „Swan Song“, S. 228-233

4)So John Donaldson in seinem Review in Oklahoma Chess Monthly, June 2021, p. 9f. http://ocfchess.org/pdf/OCM-2021-06-01.pdf

5)Dr. Stefan Ottow: „Meister des Läuferopfers – Edgard Colle und sein System“, in Kaissiber Nr. 3, Juli-Sept. 1997, S. 44-57

Taylor Kingston: The Fighting Chess of Edgard Colle – Caissa’s Wounded Warrior, 272 Seiten, Russell Enterprises Inc., ISBN 978-1-949859-27-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Theorie auch über Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer

Interview mit dem Komponisten Christian Henking

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Jeder Routine ausgewichen

Jakob Leiner im Gespräch mit dem Schweizer Komponisten Christian Henking

Der Basler Komponist Christian Henking gehört zu den fruchtbarsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, sein Œuvre umfasst fast alle Sparten, Gattungen und Formen der „Klassischen Musik“. Daneben ist er vielfältig und geachtet auch als Kunstfotograf tätig. GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner fragte Henking nach seinen Intentionen, Schaffensprozessen und künstlerischen Antriebskräften.

Glarean Magazin: Herr Henking, was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Christian Henking: Das muss im Elternhaus gewesen sein. Bei uns lief viel knisternde klassische Musik (knisternd, weil von alten Schallplatten abgespielt). Deshalb war die klassische Musik für mich von klein auf eine Selbstverständlichkeit, währenddem ich die Jazz- und Popszene selbst entdecken musste.

Komponieren in frühester Kindheit

Komponist Christian Henking - Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Christian Henking

Welche musikalischen oder auch nichtmusikalischen Hintergründe haben Sie letztlich zum Komponieren gebracht?

Ich hatte das große Glück, dass viele meiner Verwandten professionelle Musiker*innen waren und sind – meine Eltern aber nicht. Sie waren höchst gebildet, kulturell extrem interessiert und auch künstlerisch begabt, aber eben nicht Musiker. Das gab mir eine ungeheure Freiheit – und wohl auch den Drang, Musiker zu werden, und zwar im Speziellen Komponist. Einer meiner Großonkel war Dirigent und Komponist, er war, als ich noch sehr klein war, mein erster Lehrer. Ich habe komponiert, bevor ich begann, seriös Klavierstunden zu nehmen.

Als Komponist schufen Sie bisher ein Œuvre großer Bandbreite, zahlreiche Vokal- und kammermusikalische Werke ebenso wie szenische, orchestrale oder jazzig-tonale Kompositionen. Kennen Sie künstlerischen Spieltrieb?

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Die „jazzig-tonalen“ Kompositionen – was für eine merkwürdige Bezeichnung! – sind nicht Teil meines Werkes, sondern lediglich hingeworfene Späße, die halt immer noch auf meiner Werkliste herumlungern. Ich müsste dies endlich mal ändern. Vor allem liebe ich zwar Jazz, bin aber kein Jazzer. Der Jazz ist ja eine eigenständige, vielfältige, großartige Kultur. Wir „Klassiker“ sollten uns hüten zu meinen, man könne so locker-flockig auch „jazzig“ komponieren.
Aber sonst mag meine Bandbreite tatsächlich recht groß ein – das kommt daher, dass mich praktisch nichts nicht interessiert. Daraus wächst so etwas wie ein Spieltrieb. Ich bin überaus neugierig und mache gerne etwas zum allerersten Mal.
Es fällt aber auf, dass ich mich bis jetzt noch nicht tiefer mit Elektronik beschäftigt habe. Das Interesse dazu wäre natürlich da, aber ich müsste mich ein paar Jahre zurückziehen, um mich da reinzuarbeiten, und dazu fehlt mir momentan der Mut.

„Ich arbeite einfach drauflos“

Christian Henking (1961 geboren in Basel) studierte nach dem Abitur Musiktheorie bei Theo Hirsbrunner, danach folgte eine zweijährige Kapellmeisterausbildung bei Ewald Körner. Ab 1987 absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Cristobal Halffter und Edison Denisov, in Meisterkursen bei Wolfgang Rihm und Heinz Holliger. Christian Henking wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2016 mit dem Musikpreis des Kantons Bern. Er ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern für Komposition, theoretische Fächer und Kammermusik. Seine Werke erscheinen beim Verlag Müller & Schade.
Daneben besteht eine intensive fotografische Tätigkeit: Unterricht bei Simon Stähli an der Schule für Gestaltung Bern, sowie bei Tim Davoli, Adrian Moser und Anita Vozza. Ausstellungen u.a. an der photo 09, 12 und 16 in Zürich, im Kornhaus Bern 2011, in Schönbühl 2012, im ONO Bern 2013, in der Galerie Hofer und Hofer 2015 und im Berner Generationen Haus 2016.

Gibt es inspirative Routinen im Entstehungsprozess für ein neues Werk?

Ich bin meistens nicht inspiriert, wenn ich mit einer Komposition beginne. Ich arbeite einfach drauflos, schreibe Blödsinn oder schlechtes Zeugs und habe das Vertrauen, dass irgendwann, vielleicht nach Wochen oder Monaten, die Inspiration dank der Arbeit kommen wird. Den Blödsinn und das schlechte Zeugs schmeiße ich dann weg, und die Komposition beginnt zu wachsen. Deshalb verstehe die künstlerische Arbeit als eine Art Zerstörungsprozess: Ich „erschaffe“ zwar etwas, dafür aber zerstöre ich unendlich viel.
Dieser Ablauf mag eine Art von Routine sein – inhaltlich aber weiche ich jeder Routine aus.

Wie digital komponieren Sie?

Gar nicht. Ich bin ein musikalischer Dinosaurier, der noch alles mit Bleistift auf ein Papier kritzelt. Ich kenne Finale und Sibelius nur vom Hörensagen. Zum Glück ist mein Verlag so großzügig, dass ein toller Angestellter meine Bleistift-Reinschrift auf Finale überträgt.

Komponierend in Farben denken

Viele Ihrer Werke beinhalten Textvertonungen, zu Ihrer Oper „Leonce und Lena“ nach Georg Büchners gleichnamigem Lustspiel haben Sie selbst das Libretto verfasst. „Prima le parole, dopo la musica“ also?

Das scheint nur so. Im Werk „Schnee“ sind Musik, Sprache, Bewegung und Licht gleichzeitig entstanden, es gäbe noch etliche andere Beispiele zu nennen. Bei der Oper „Leonce und Lena“ habe ich tatsächlich den Originaltext neu konzipiert, bevor die Musik entstanden ist – das ist für mich aber nicht die Regel, sondern nur eine Möglichkeit.

Welches Stück wollten Sie schon immer einmal komponieren?

Eine dritte Oper.

Sehen und hören als künstlerische Wechselbeziehung

Sie sind auch als vielseitiger Fotograf tätig. Ausgleich zum Musikkosmos oder Variation desselben künstlerischen Selbstverständnisses?

"Es war einmal ein Winter": Szenenfoto aus dem Theatre Musical "Schnee" von Christian Henking und Zarin Moll (Atelier Contrast)
Szenenfoto aus dem Theatre Musical „Schnee“ von Christian Henking und Zarin Moll

Beides. Wenn ich mit dem Auge arbeite, erholt sich mein Ohr und umgekehrt. Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie ähnlich ich formal denke, wenn ich fotografiere oder komponiere. Zu erwähnen ist noch, dass ich beim Komponieren häufig eine große Sehnsucht nach vielfältigen Klangfarben verspüre. Das kommt wohl daher, dass ich farbenblind bin. Als Fotograf denke ich also nicht in Farben, als Komponist sehr wohl.

Warum abbilden?

Als Fotograf bilde ich nur scheinbar etwas ab. Eigentlich fotografiere ich mich immer selbst. Jedes Foto, mag es nun eine Gabel oder etwas Abstraktes oder was weiß ich abbilden, ist eigentlich ein Selbstportrait, weil ich ja nur zeigen kann, wie ich die Welt sehe, nicht wie sie ein anderer Mensch sieht.

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Wie alltäglich sind Humor und (Selbst)Ironie in der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene?

In der Théâtre-Musical-Szene sind Humor und Ironie eine Selbstverständlichkeit – Gott sei Dank. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich mit großer Leidenschaft Théâtre-Musical-Werke. Ansonsten aber haben es der Humor und die Ironie zuweilen schwer in unserer bedeutungsschwangeren Szene. Humor scheint unseriös zu sein, und Ironie sucht man bei Bach und Brahms vergebens, also kann das ja nicht gut sein. Dabei gibt es wunderbare Werke, die mit Humor und Ironie fantastisch umgehen, man denke nur an Werke von Kagel, Schnittke, Ligeti und wie sie alle heißen.

Christian Henking - Partitur-Seite - aus Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit- Interview im Glarean Magazin - Juni 2021
Partitur-Seite aus „Keine Zeit ist zeitig mit der Sehnsucht Zeit“ von Christian Henking

„Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik“

Wie haben Sie das vergangene kulturverarmte Corona-Jahr erlebt?

Alle Konzerte wurden abgesagt resp. verschoben. Es war schon ein Glücksfall, wenn eine Uraufführung wenigstens für das Radio aufgenommen werden konnte, als Ersatz für ein Konzert. Ein Gefühl des „Verdorrens“ schlich sich ein. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte, denn die Anstellung an der Hochschule hielt mich über Wasser. Ich war und bin also in einer Luxus-Situation und habe kein Recht, mich zu beklagen. Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik.

Wie hört sich eigentlich die Musik der Zukunft an?

Großartige Musik hat es immer gegeben, in allen Kulturen und Zeiten, also wird es auch in Zukunft großartige Musik geben. Wie die klingen wird, hängt nicht so sehr von den Komponierenden ab, sondern von den Umständen. Still wird es auf jeden Fall nie werden, dazu ist der Mensch zu laut. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

Internationaler Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich

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Texte zum Thema „Existenzielle Gefühle“ gesucht

Literaturhaus Zürich - Glarean MagazinSeinen Schreibwettbewerb „Texte des Monats“ offeriert das Literaturhaus Zürich bereits seit 20 Jahren. Für 2021 wurden dabei je monatlich bereits elf „existenzielle Gefühle und Regungen“ zu thematischen Vorgaben erklärt – das 12. Thema für den Dezember 2021 können nun die Autoren selbst deklarieren.

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Der Wettbewerb ist für Teilnehmer/innen aller Altersklassen aus allen Nationen offen, auch Gattungsgrenzen bestehen keine. Der Umfang soll 15’000 Zeichen nicht überschreiten, und die Texte dürfen noch nicht anderweitig publiziert worden sein.
Einsende-Schluss ist am 5. Dezember 2021, hier finden sich die weiteren Einzelheiten. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN auch die übrigen Ausschreibungen zu Literaturwettbewerben

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman)

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Modernisiertes Italien-Fernweh

von Christian Busch

Klaus Modicks neuer Roman „Fahrtwind“ ist eine romantische Reiserzählung und eine Reminiszenz an Eichendorffs berühmte „Taugenichts„-Novelle, die das Italien-Reisefernweh in die Siebziger Jahre transponiert, in des Autors eigene Studienzeit.

Klaus Modick: Fahrtwind, Roman, Kiepenheuer & Witsch Verlag 2021„Wem Gott will rechte Gunst erweisen / Den schickt er in die weite Welt. / Dem will er seine Wunder weisen / In Berg und Wald und Strom und Feld!“ Mit diesen Zeilen stürzte sich vor ungefähr 200 Jahren Joseph Freiherr von Eichendorffs berühmter, längst zur literarischen Legende und zum Sinnbild deutsch-romantischer Italien-Sehnsucht gewordener Taugenichts in sein Reiseabenteuer, das ihn über Wien bis nach Rom und in die Arme seiner Geliebten führt.
Wer kennt nicht die zum Paradigma romantisierter Reiselust stilisierte Einleitung der Künstlernovelle, in welcher der gestrenge Vater seinen faulenzenden, musikverliebten Herrn Sohn und Müßiggänger in die Welt hinausschickt:
„Du Taugenichts! da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen müde und läßt mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht länger füttern. Der Frühling ist vor der Tür, geh auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.“ – „‚Nun“, sagte ich, „wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.‘ Und eigentlich war mir das recht lieb, denn es war mir kurz vorher selber eingefallen, auf Reisen zu gehen…'“.

Folie für eine Modernisierung

Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff
Novellen-Dichter mit Modernisierungs-Potential: Joseph Freiherr von Eichendorff

In Klaus Modicks neuem Roman „Fahrtwind“, der bereits zum „Spiegel“-Bestseller avanciert ist, dient nun, wie der Autor bereits im Vorwort freimütig bekennt, Eichendorffs Erzählung als Folie für eine Modernisierung. Modick verlegt seine Geschichte in die Siebziger Jahre, seine eigene Studentenzeit – und scheint seine Jugend nachholen zu wollen. Er ist nun ein auf den sinnigen Namen Müller getaufter Studiosus vagabundicus, der kurz nach dem Abitur sorg- und ziellos aufbricht, um dem geregelten, bürgerlichen Leben der Spießer und Philister zu entkommen („Die Trägen, die zu Hause liegen / Erquicket nicht das Morgenrot / Sie wissen nur vom Kinderwiegen / Von Sorgen, Last und Not um Brot“).
Aus der Mühle wird der Klempnerbetrieb, aus der Geige die Gitarre, aus der Wanderschaft eine Tramptour, aus der Kutsche der beiden vornehmen Damen ein „Mercedes Roadster 107“, aus dem Schloss bei Wien ein Schlosshotel und aus den beiden fremden Wanderern zwei homophile, vermeintlich mit Drogen dealende Easy-Rider-Cyclisten – und so weiter. Stilsicher werden – mit einer Prise narkotisch wirkender Pilze und anderer Gräser angereichert – Kulissen und Reliquien ausgetauscht. Deren Flair erschließt sich weiter durch die Popsongs, die als Motti über den Kapiteln stehen, und durch die gelegentliche Erwähnung von RAF und Roten Brigaden. Tiefgehender und sozialkritischer war das bei Eichendorff auch nicht.

Stimmung, Rhythmus und schwebende Leichtigkeit

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Auch wenn der Ich-Erzähler bei seinen eigenen Dichtungen an seine Grenzen stößt, wird absolut flott fabuliert. Fast scheint es so, als habe er Eichendorffs Originaltext durch eine moderne Übersetzungsmaschine gejagt, die alles transponiert, ohne Stimmung, Rhythmus und die schwebende Leichtigkeit zu verlieren. Mit ebenso leichtfüßigem Charme und schwindelerregender Verspieltheit entstehen toskanische Gartenlandschaften und die von Zypressen und Olivenhainen gesäumten arkadischen Sehnsuchtsorte der romantischen Seele.

Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)
Schriftsteller Klaus Modick (Geb. 1951 in Oldenburg/D)

Das ist wirklich verblüffend und wäre ein spannendes Thema für eine germanistische Seminar-Arbeit, denn auch die Zeichnung des überwiegend eins zu eins übernommenen Figuren-Inventars gelingt in ihrer naiven, aber direkten und pointierten Art – auch unter gänzlicher Wahrung der romantischen Ironie. Und doch dürfte den Leser Klaus Modicks gekonnte Hommage und Reminiszenz an Eichendorffs Künstlerepisode nur halb zufriedenstellen. Denn bei aller Vergnüglichkeit bleibt die Geschichte doch allzu sehr eine schablonenhafte Imitation – ohne, dass Reise-, Lebens- und Liebesmotive irgendeine Aktualisierung, Vertiefung oder Erweiterung erfahren.

So beschert „Fahrtwind“ zweifellos ein beträchtliches Lesevergnügen und nicht nur in Corona-Zeiten ein sinnliches Italien-Erlebnis, hinterlässt bei dem literarisch ambitionierteren Leser, vielleicht auch bei dem genauen Kenner der Eichendorff’schen Vorlage jedoch auch eine gewisse Ratlosigkeit darüber, dass nach 200 Jahren am Ende einfach „alles, alles gut“ ist. Aber lesen Sie selbst, denn lesenswert ist der neue Modick allemal! ♦

Klaus Modick: Fahrtwind (Roman), 208 Seiten, Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978 3462001303

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Literarische Romantik auch über den Roman von Gerwin van der Werf: Der Anhalter

Birgit Fuß: Jim Morrison (Musiker-Biographie)

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Aspekte einer kreativen Seele

von Horst-Dieter Radke

Anfangs Juli 1971: Ich saß mit einem Freund in einem englischen Cafe nicht weit entfernt der St. Pauls Cathedral. Wir hatten es wahr gemacht, waren nach London getrampt, beide noch keine achtzehn Jahre alt. Wenige Minuten zuvor hatte ich mir noch den Melody Maker gekauft, dann unbesehen zusammengerollt unter den Arm geklemmt. Als ich die Zeitung später aufschlug, der Schock: Jim Morrison war tot. In Paris gestorben. Wie und warum? Genaues wusste man noch nicht. „This ist the End“, dachten wir. Nach Jimi Hendrix und Janis Joplin im Jahr zuvor nun auch noch er…

Waren „The Doors“ nur einer?

Birgit Fuss: Jim Morrison (biografía del músico)Es ist seither üblich, die Band „The Doors“ auf ihren Frontmann zu reduzieren, selbst in Büchern, die sich der ganze Truppe widmen. Tatsächlich kamen die restlichen Musiker zusammen auf keinen grünen Zweig mehr. Die Alben, die nach Morrisons Tod erschienen, hatten keinen Erfolg und werden bis heute nicht geschätzt. Das Büchlein aus der Reihe „100-Seiten“ des Reclam-Verlages tut konsequenterweise auch gar nicht mehr so, als ginge es um das Quartett „The Doors“, sondern ebenfalls nur um Jim Morrison.
Fairerweise widmet Biographin Birgit Fuß ihr drittes Kapitel – „We Could Be So Good Together“ – der ganzen Band, und das vierte – „Break on Through (to the Other Side)“ – deren sieben Alben. Außerdem lässt sie keinen Zweifel daran, dass Morrison ohne die anderen Drei sicher auf keinen grünen Zweig gekommen wäre. Zu jener Zeit, als die Band gegründet wurde, war er nur ein Rumhänger, der sich für etwas Besonderes hielt, was ihn damals sicher nicht von anderen Aussteigern unterschieden hat. Ray Manzarek war es im Grunde, der die „gespannte Bogensehne“ losließ.

Die Liebe und das Spirituelle

Jim Morrison - Revista Glarean
„Freier Oberkörper, wallendes Haar, dunkle Stimme, Ekstase auf der Bühne“: Jim Morrison (1943-1971)

Gleichwohl, der Sänger und Dichter Morrison ist das Anliegen der Autorin, und so steht er im Mittelpunkt der anderen Kapitel: Dem zweiten, in dem sein Werdegang vor den Doors geschildert wird, und dem fünften, in dem es um „Die Liebe“ geht. Ein weiteres Kapitel geht näher auf den Dichter und seinen Bezug zum Spirituellen ein –“I am the lizard king / I can do anything“, zwei Themen, die allzuoft in den Hintergrund rücken, wenn über The Doors berichtet wird.
Bei diesem Thema scheint die Autorin denn auch die größte Kompetenz zu haben. Man merkt, sie hat sich ausreichend mit Morrison und seinen Texten beschäftigt, auch mit seinen Vorbildern William Blake, Friedrich Nietzsche, Arthur Rimbaud und die Autoren der Beat-Generation, allen voran Jack Kerouac.

Verschiedene Aspekte einer kreativen Seele

Modelo literario de Morrison: el autor de culto Jack Kerouac
Literarisches Morrison-Vorbild: Kultautor Jack Kerouac

Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Skandalen. Es ist vielleicht das entbehrlichste, aber ich meine, es ist auch nicht verkehrt, dass sie erwähnt werden. In der Summe und auch jeder einzelne Vorfall im Detail zeigt, wie überbewertet derartiges in den 60ern genommen wurde – von beiden Seiten. Betrachtet man, was sich manch andere Rockmusiker nach Morrison so geleistet haben, kommt man eher zu dem Schluss, dass er doch ein braver Junge war. Aus heutiger Sicht. In den Sechzigern jedoch bargen seine Eskapaden einiges an Sprengstoff.

This Is The End

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Das letzte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit dem Tod Morrisons – „This ist the end / Beautiful friend“. Das Traurige zum Schluss. Viel Neues wird nicht berichtet, die Autorin weiß auch nicht mehr, als ohnehin bekannt ist. Aber sie fasst es gut zusammen. Und sie hat Fragen, die sie Jim Morrison gern gestellt hätte. Verteilt über das Buch stellt sie diese und versucht sich an einer Deutung. Antworten hat sie natürlich nicht. So etwas gerät leicht in ein unkritisches Fangesäusel.
Dieses Fettnäpfchen umgeht Birgit Fuß jedoch geschickt. Ich war anfangs versucht, diese Teile des Buches einfach zu übergehen. Nachdem ich mich überwunden hatte, den ersten von vier Abschnitten zu lesen, musste ich bei den folgenden nicht weiter darüber nachdenken. Es sind persönliche Reflexionen – aber keineswegs uninteressant für Leser.

Schwachstelle Musik

Wenig versteht die Autorin allerdings von der Musik. Auf diese wird eher oberflächlich eingegangen. Es verwundert sie, wenn Songs nicht von Morrison stammen, und übersieht dabei den nicht unerheblichen Anteil der anderen drei Musiker von Anfang an. Den Einsatz von Bläsern und Streichern auf dem Album „The Soft Parade“ – dem wohl experimentellsten der Doors – missbilligt sie sogar: „… und nun ertönten schon in den ersten Minuten Fanfaren, die hier kein Mensch braucht.“ Das ist sicher keine Einzelmeinung. Viele hätten es immer gerne geradeaus und gleich: Bluesorientierter Rock in Quartettbesetzung ohne Abweichung nach links und rechts. So gilt dieses Album nach wie vor als das schwächste der Doors.

Mehr Dichter als Komponist

The Doors - Concierto de Filadelfia 1968 - Revista Glarean
Skandalumwittert: Doors-Konzert 1968 in Philadelphia

Doch es gibt auch andere Sichtweisen dazu, insbesondere unter der Berücksichtigung, dass „The Doors“ zu jener Zeit kaum noch Auftrittsmöglichkeiten bekamen – der Skandale wegen. Das letzte, titelgebende Stück, ein Zusammenschnitt verschiedener Stücke oder Fragmente, mehr Lyrik denn Song, zeigt schon in der Einleitung, die Manzarek mit einem Spinett (oder einer elektronischen Variante) beginnt, alles das, was die Doors damals musikalisch aufzubieten hatten, auch ihre bereits an Hardrock gemahnenden Momente. Zwei Stücke gelten nach wie vor als Klassiker und fehlen in keiner Kompilation: „Touch me“ (von Robbie Kriege) und „Wild Child“ (von Morrison).
Doch Morrison war, bei aller melodischen Erfindungsgabe mehr Dichter als Komponist, und was die anderen der Band in dieser Hinsicht leisteten, ist ein anderes Thema. Insofern ist dieses Manko im Grunde keines für dieses Buch über ihn.

Noch ein Buch über Jim Morrison?

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Fazit: Noch ein Buch über Morrison-The-Doors? Soll man es lesen? Ich meine: Warum nicht?! Spektakuläres Neues erfährt man nicht, und vielleicht ist manches (etwa die Musik) etwas zu stiefmütterlich behandelt. Aber in der Summe ist es gut, und selbst wenn man schon einiges gelesen hat, ist dieses kleine Büchlein nicht nur zur Auffrischung der Erinnerungen, sondern auch noch für Überraschungen gut, etwa im Kapitel über den „Dichter“ Morrison. Man liest nicht lange daran, einen oder zwei Abende, wenn man nicht der Versuchung unterliegt, das Buch aus der Hand zu legen und die alten Platten (oder CDs) aufzulegen. ♦

Birgit Fuß: Jim Morrison (Biographie), 100 Seiten, Reclam Verlag, ISBN 978-3150205761

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Pop-/Rock-Musik auch über Gebhardt & Stark: Wem gehört die Popgeschichte?

Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. < 1 Minute

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12 Zeit-Einteilungen für Klavier

12 Zeiteinteilungen für Klavier - Walter Eigenmann - 24 SeitenDie „12 Zeit-Einteilungen für Klavier“ entstanden in den Jahren 1979 bis 1981.
Ihre Tonzentren verlaufen entlang des Quintenzirkels, kompositorisch sind sie der Zwölftontechnik verpflichtet.

Jeder dieser zwölf Klavier-Miniaturen ist ein spezieller Gemütszustand zugeordnet.
Das musikalisch-emotionale Spektrum durchmisst grundlegende menschliche Befindlichkeiten von „nervös“ bis „gelassen“. Die Schwierigkeitsgrade erstrecken sich von sehr leicht bis sehr schwierig. ♦

Walter Eigenmann: 12 Zeit-Einteilungen für Klavier, 24 Seiten, ISBN 978-3347318236


 

Julia Kohli: Menschen wie Dirk (Short Storys)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Literarische Vignetten vom Feinsten

von Alexandra Lavizzari

Sieben Storys legt die Winterthurer Schriftstellerin und Kulturpublizistin Julia Kohli in ihrem zweiten Buch vor. Es sind dies kurze Momentaufnahmen von „Menschen wie Dirk“ in einer Krisensituation, Männern wie Frauen, und aus verschiedenen Perspektiven erzählt: Ein Hammer!

Mein erster Gedanke, nachdem ich die letzte Story zu Ende gelesen hatte, war: Ach, warum sind es nur sieben Geschichten, jetzt bin ich doch so richtig in Fahrt und würde mir fürs Leben gern weitere sieben Geschichten zu Gemüte führen. Und mein zweiter Gedanke war: gleich ein zweites Mal lesen und besonders auf die herrlichen, schockierenden, superorginellen Begriffe achten, mit denen Julia Kohli ihre Prosa würzt.

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos VerlagInzwischen habe ich die eine und andere Geschichte tatsächlich zweimal gelesen und herausgefunden, was mich an ihnen fesselt: Nicht so sehr der Plot – wobei Plot für diese Texte ohnehin nicht unbedingt massgebend ist – , auch nicht die Figuren, nein, was diese Storys für mich auszeichnet, ist die einmalige Mischung von leiser Subtilität und brutaler Wucht.

Schwelende Gewalt

Ohne Umschweife wird in der Geschichte „Samantha“ ein mörderischer Sommer mit dem lakonischen Satz „Ein Sommertag wie eine Wildsau“ angekündigt. Nach dieser Feststellung, die im Leser die Assoziation eines ungehemmtem Ausbruches auslösen mag, spannt uns die Autorin jedoch auf die Folter mit der Beschreibung einer unsicheren, übergewichtigen Frau, die eine Weile am Zürcher See spaziert und dabei gewissen Stellen ihres Körpers eine seltsame, fast krankhafte Aufmerksamkeit schenkt. Vorerst also nichts mit Gewalt, nur Rückschau auf ein gewöhnliches Leben, unterbrochenes Philosophiestudium, zehn Jahre Flugbegleiterin und Einsamkeit, mit der sich Samantha recht und schlecht abfindet. Was sich da im Laufe der Jahre wie das Wasser in ihren Beinen aufgestaut hat, merkt sie selbst erst später, im Flugzeug, als ein angetrunkener Passagier mit einer belästigenden Geste plötzlich das Fass zum Überlaufen bringt – und die Wildsau in ihr befreit.

Wider klischierte Rollenmuster

Julia Kohli - Literatur-Rezensionen Glarean Magazin
Julia Kohli (geb. 1978 in Winterthur)

In den meisten Geschichten finden wir ein Element von Gewalt, aber nicht immer springt es dem Leser so wuchtig ins Gesicht, oft schimmert es in scheinbar harmloser Dosierung durch die Zeilen, vor allem in den Dialogen zwischen Mann und Frau oder in den Gedanken von Männern über Frauen undumgekehrt. Stets ist eine dunkle Spannung spürbar, die uns beim Lesen auf die kleinsten Nuancen hellhörig macht.
Thematisch kreisen Kohlis Texte um die Gender-Rollen und die archaischen Klischees, denen Frauen aus männlicher Sicht noch immer zu entsprechen haben. Frauen wie Samantha und Christine in den Geschichten „Samantha“ und „Pierre“ nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, andere wie die Hauptfigur in „Irina“ oder die „drei Walküren“ in der Geschichte „Kurt“ arbeiten mit intellektuellen Argumenten gegen diese Klischierung und sonstige veraltete männliche Verhaltensmuster an.

Ein gewisser Männertyp

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Durch die Systematik, mit der Kohli diese Rollen darlegt, wird uns insbesondere Einblick in die Männerpsyche oder, besser gesagt, in die Psyche eines gewissen Männertyps gewährt, denn Kohlis Männer gehören alle in die Kategorie klassischer, hoffnungsloser ‚Losers‘. Da ist ein zum Beispiel ein Feigling wie Kurt in der gleichnamigen Geschichte, der bei einer Diskussion mit seinen Schülerinnen – er taxiert sie herablassend als „Trullas“, „Hexen“, „jammernde Heulbojen“, „Hupfdohlen“, „verklemmte Zwetschgen“ etc. – seinen Unterrichtsstil an der Kunstakademie verteidigen muss und sich dabei auf peinlichste Art und Weise bei ihnen anzubiedern versucht. Während er vor diesen emanzipierten Frauen schwitzt und röchelt und sich bald wie ein angeschossener Eber vorkommt, denkt er wehmütig an seine brasilianische Frau und woher er sie sich geholt hat: „Dort trugen die Frauen noch High Heels, wackelten mit ihren Hintern und freuten sich über Komplimente… Eine Welt, die noch einigermaßen im Lot war, im Gegensatz zu diesem schweizerischen Vogelfutter.“ Solche Sätze treffen den Typ Mann und seinen Konflikt mit gebildeten, selbstbewussten Frauen auf den Nagel.

Männliche Aggression

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In der Geschichte „Urs“ präsentiert uns Kohli ein wahres Ekel von einem Mann und lässt uns zwanzig Seiten lang in seinem Kopf wohnen; fast möchte man sagen, leider, so verkorkst und elend sieht es da drin aus, so aggressiv und frauenfeindlich. Dabei denkt und agiert Urs ganz einfach aus reinstem Frust am Leben, das es nie richtig gut mit ihm gemeint hat. Im Grunde genommen ist er ein armer Kerl, aber, wie der Text zeigt, kann Frust ganz schön schlimme Auswüchse haben, und Sympathie für Urs brauchen wir als Leser keine auzufbringen, er verdient sie nicht. Aber was bleibt ist das ungute Gefühl, dass man draussen Männern wie Urs begegnen kann; auf der Straße, im Tram, im Einkaufsladen, irgendwo. Männer wie Urs gibt es, man weiß es ja eigentlich, aber nach der Lektüre ist dieses Wissen von einem leisen Grauen durchzogen.

Sprachliche Bravour

Die Geschichte „Urs“ ist ein harter Brocken, und hier wie bei den andern Geschichten spielt die Sprache eine massgebliche Rolle, um die momentane Befindlichkeit der Hauptfigur in ihrer ureigenen Krisensituation zu veranschaulichen. Sie ist es auch, die einen von der ersten Zeile an in Bann zieht und trotz der, gelinde gesagt, düsteren bis schrecklichen Vorkomnisse ein derart grosses Lesevergnügen bereitet. Kohlis Vokabular ist an sich schon bewundernswert, aber zur Geltung kommt es erst so richtig in der Präzision des Tons und der Eigenheit, mit denen die Figuren sprechend und denkend ihre Zugehörigkeit zu einem gewissen Typen und einer gewissen sozialen Schicht verraten.
Die Gefahr, die Figuren auf diese Typisierungen zu reduzieren, würde durchaus bestehen, aber Kohli umschifft diese gekonnt. Bisweilen laufen die Geschichten auf eine Pointe zu, wie bei Dirk, einer in Mexiko angesiedelten Geschichte, in der die Hauptfigur wegen eines eiternden Tattoos ins Grübeln kommt und nach dem ersten Streit mit der mexikanischen Freundin der Reise zu ihren Verwandten mit Bangen entgegensieht. Was es mit dieser Reise auf sich hat, entpuppt sich vielleicht eine Spur zu abrupt, aber es zwingt einen gleichsam, nochmals zurückzublättern und nach Indizien für das überraschende Ende zu fahnden.
Wie gesagt: zweimal lesen! Es lohnt sich. ♦

Julia Kohli: Menschen wie Dirk, Short Storys, Lenos Verlag, 172 Seiten, ISBN 978-3-03925-008-0

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Gender-Diskussion auch über Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert


R. & S. Zürcher: Das Mädchen und die Spinne (Spielfilm)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

Trauerspiel im Dreivierteltakt

von Katka Räber

Die beiden Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher haben mit „Das Mädchen und die Spinne“ einen eigenwilligen Film über jetzige Beziehungen gedreht. Der Film wurde an der Berlinale 2021 mit dem Preis für die beste Regie in der Sektion Encounters ausgezeichnet. Begründung der Jury: „Die beeindruckende Ausführung einer rigorosen Inszenierung, welche die Mehrdeutigkeit jeder Figur mit Anmut, Humor sowie Raffinesse unterstützt und letztlich die Komplexität menschlicher Beziehungen umfasst.“

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Rezension Glarean MagazinWährend des Umzugs von Lisa, einer jungen Frau, aus einer WG und des Einzugs in ihre neue Wohnung, die sie nun alleine bewohnen will, entwickelt sich die Handlung, und auch die Charaktere der Protagonisten zeigen sich in verschiedenen Schattierungen. Die drei Aristotelischen Einheiten von Ort, Handlung und Zeit, hier an zwei Tagen, werden eingehalten. Bloss einige Erinnerungssequenzen ergänzen die Handlung. In jeder der beiden Wohnungen geht es sehr chaotisch zu, ich hätte da nicht dabeisein wollen. Ganz viele Helfer, Handwerker, Lisas Mutter, andere Hausbewohner und auch Kinder aus den beiden Wohnhäusern handeln und sprechen durcheinander, was es aber auch wiederum leichtfüssig macht – ein wenig im Stil von manchen älteren, stilisierten französischen Filmen.

Gefilmte Stillleben

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Obwohl das Beziehungsnetz der Figuren durch kleine Dialog-Episoden ausgeklügelt ist, habe ich mit keiner der Personen mitgefiebert. Sie blieben mir fern, fremd und nicht besonders sympathisch, auch wenn die jungen Menschen schön anzuschauen waren. Aber durch die stilisierte Verfremdung und Überhöhung der Gesprächsfetzen blieben alle auf Distanz. Auch untereinander, obwohl sie einst Freunde gewesen sein wollen. Dies war wohl die Aussage der möglichen Beziehungsmuster. Mir kam das vor, als hätte ich in einer Ausstellung interessante, schön gefilmte Stillleben angeschaut.

Das Mädchen und die Spinne - Gebrüder Zürcher - Szenen-Foto - Rezension Glarean Magazin
„Alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt“: Szenen-Foto aus „Das Mädchen und die Spinne“

Die Figuren sollten sicher die Einsamkeit eines jeden Einzelnen zeigen. Jede und jeder wühlt scheinbar im eigenen Schlamm, macht vielleicht sogar Witzchen, alle lächeln ständig, obwohl es nichts zu lachen gibt. Wie in Tschechowschen Theaterstücken, nur halt in die Gegenwart versetzt, wo alle einsam und unglücklich sind – oder ein bisschen ratlos, obwohl sie vorgeben, einander geliebt zu haben. Wahrscheinlich war es das, was die Euphorie des Berlinale-Publikums hervorrief.

Lange Blicke rätselhafter Figuren

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Als ich aus dem Kinosaal kam, war ich schlecht gelaunt. Während dem Film habe ich mich sogar ein bisschen gelangweilt, was mir sehr selten passiert, da ich Beziehungsfilme liebe. Und lustig müssen sie auch nicht sein, aber ein wenig Humor sollte nicht fehlen. (Scheinbar gab es ihn ja, ich habe ihn aber nicht entdeckt). „Das Mädchen und die Spinne“ ist eher ein zeitgenössisches Trauerspiel im Dreivierteltakt – die Melodie eines bekannten Walzers begleitet einen durch den ganzen Film. Immerhin: Rhythmus hat der Streifen, und die langen Blicke der rätselhaften Figuren bleiben mir im Gedächtnis… ♦

Ramon Zürcher & Silvan Zürcher (Regie): Das Mädchen und die Spinne, Spielfilm, Deutschland 2021, mit Henriette Confurius, Liliane Amuat, Ursina Lardi u.a.

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Beziehungs- und Liebesfilme auch über Christian Petzold: Undine

Jazz: Rudi Berger featuring Toninho Horta (Audio-CD)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 5 Minuten

Kongeniale Partnerschaft

von Horst-Dieter Radke

Die Geige ist im Jazz kein unbekanntes Instrument, aber man kommt doch mit wenigen Namen aus, wenn man herausragende Jazz-Violinisten erwähnen will. Joe Venuti und Stéphane Grappelli etwa im Swing, Jean Luc Ponty, Zbigniew Seifert im Modern Jazz, L. Shankar im World Jazz und Mark Feldman im freien Jazz beispielsweise. Und Rudi Berger natürlich, den man, wenn er irgendwo zugeordnete werden sollte, dem lateinamerikanischen Jazz zurechnen könnte. Mit dem Gitarristen Toninho Horta spielte er unlängst bei Gramola (Naxos) ein bemerkenswertes Album ein: „Rudi Berger featuring Toninho Horta“.

Als nach einem langen Intro der Gitarre die Violine einsetzt, meine ich Stéphane Grappelli zu hören. Diesen ganz besonderen Ton, dieses Vibrato, das nicht vordergründig wie ein Vibrato klingt, das Grappelli auch in schnellen Passagen zeigte, kann der Wiener Violinist Rudi Berger (*1954) auch. Dass er aber trotzdem einen ganz eigenen Ton hat, erfährt man noch im gleichen Stück „Waltz for Jeremy“, welches das Album eröffnet.

Rudi Berger ist ein Ausnahmegeiger im Jazz, so wie auch Grappelli einer war – zu seiner Zeit. Ihm zur Seite steht der Brasilianer Toninho Horta und das so souverän, dass man manchmal nicht genau weiß, wer dieses Album nun eigentlich konzipiert hat. Der musikalische Anteil ist ebenbürtig, beide sind mit Kompositionen auf dem Album vertreten, Horta hat sogar einen etwas größeren Anteil. Seine Solopassagen sind ausgeprägt, dass von einer einfachen Begleitung nicht gesprochen werden kann. Er singt dazu mit einer Stimme, die fast wie ein Instrument klingt.

Langjährige Zusammenarbeit

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Berger und Horta kennen sich schon länger. Sie haben bereits in den späten 1980er Jahren in New York miteinander gespielt und in Brasilien, wo Berger von 1998 bis 2001 lebte und arbeitete. Die Aufnahmen dieses Albums sind aus verschiedenen Aufnahmesession zusammengestellt. Die älteste Aufnahme – Gabriele, der sogenannte „Bonustrack“ – stammt aus dem Jahr 1988 und wurde in New York eingespielt. Ebenfalls in New York wurden 1997 weitere vier Titel aufgenommen. In Rio de Janeiro spielte man fünf Titel im Jahr 2000 ein. Die ersten acht Stücke sind neueren Datums und entstanden 2019 in Österreich.

Toninho Horta - Gitarrist - Glarean Magazin
Toninho Horta (*1948)

Natürlich hört man, dass Toninho Horta aus Brasilien kommt. Der Rhythmus und Duktus von Bossa Nova und Samba sind verinnerlicht und kommen immer wieder zur Geltung. Doch Horta kann mehr, spielt mehr, entlockt seiner Gitarre Sequenzen, die keineswegs nur auf diese lateinamerikanischen Stilrichtungen festzulegen sind. Sein harmonisches Verständnis ist phänomenal. Beim ersten Zuhören habe ich manchmal die Aufmerksamkeit für die Violine verloren, weil es so spannend war, der Gitarre und deren harmonischen Entwicklungen zu folgen.

Musik aus New York…

Den Übergang zu den älteren Aufnahmen bei Titel 9 („Ouverture“) merkt man sehr wohl. Er ist aber nicht so krass, dass das Album einen fragmentarischen Eindruck hinterlässt. Das Ensemble ist arg in den Hintergrund gemischt worden, und nur bei den Solopassagen werden das Klavier und die Gitarre dann und wann etwas stärker hervorgeholt.
In Bergers Komposition „Bossa for Toninho“ hält Berger sich mit seiner Geige stark zurück und fügt sich in das Ensemble ein. Horta überrascht bei diesem Stück mit einem Part auf der elektrischen Gitarre. Im folgenden „Profuda Emoção“ von Toninho Horta ist wieder diese Grappelli-Assoziation da.

Musiknoten - Rudi Berger - Beluschka - Autograph - Glarean Magazin
Allmählicher Spannungsaufbau über mehr als sechs Minuten hinweg: Autograph von Rudi Bergers „Beluschka“

Bergers „Beluschka“ beginnt zunächst so spannungslos wie eine beliebige New-Age-Komposition. Doch die Spannung baut sich im Laufe der sechseinhalbminütigen Komposition auf, und auch wieder ab, so dass es keineswegs ein langweiliges Hörvergnügen ist oder gar für Hintergrundmusik taugt. Es gibt zu viel, was darin passiert und die hörende Aufmerksamkeit anregt, etwa das Bassspiel von Victor Bailey.

… und Rio de Janeiro

Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien - Glarean Magazin
Jazz-Geiger Rudi Berger an einer Live-Session in Wien

Ab Track 13 stammen die Aufnahmen aus Rio de Janeiro. Nun dominiert auch die Flöte. Das Spektrum der Musik weitet sich. Nach zwei typischen brasilianischen Nummern mit all dem Bossa-Swing, den sie aufbringen können, überrascht mit „Dona Olimpia“ von Toninho Horta eine gefühlvolle Ballade, die mehr romantische denn lateinamerikanische Anklänge zeigt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig die beiden Musiker sich Beschränkungen auferlegen. Nach einem lebhafteren Zwischenspiel „Autumn in Brooklyn“ beginnt dann das letzte offizielle Stück „Viver de Amor“ wieder verhalten und sentimental, wechselt aber schnell in einen stringenten Rhythmus, über dem sich Bergers Violine deutlich und modern abhebt.

Wehmütiges Ende

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Der Bonus-Track aus dem Jahr 1988 zeigt Berger mit kleinem Ensemble und ohne Tonhino Horta. Das fällt auf. Er fehlt. Seine Gitarrenarbeit, die alle vorherigen Stücke nicht unwesentlich strukturiert und geprägt hat, wird vermisst. Einziger Trost ist, dass Bergers Violine noch da ist. Es kommt mächtig sentimental daher, fast möchte ich augenzwinkernd sagen: Es ist gehörig Schmalz drin – gut dass das Album damit zu Ende ist. Ich bin mir aber sicher, ich werde beim künftigen Hören nicht vorher abschalten.

Kurzum: Ein Album, das Spaß macht, das zum Zuhören anregt – und vor allem zum Wiederhören. Es gibt einen tollen Überblick über die Lebensleistung der beiden Musiker und hebt die Stimmung bei jedem Hören. Vor allem macht es neugierig auf einen Liveauftritt; ich hoffe, irgendwann in der Zeit nach Corona dazu noch einmal Gelegenheit zu haben. ♦

Berger (Violine) & Horta (Gitarre): Rudi Berger featuring Toninho Horta, Audio-CD, Label Gramola Records (Naxos), 72 Minuten

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Jazz-CD auch über Jacques Stotzem: Places we have been

Außerdem zum Thema Jazz im GLAREAN: Mathias Löffler – Rock & Jazz Harmony


Helmut Krausser: Glutnester (Gedichte)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 4 Minuten

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

von Stefan Walter

Helmut Krausser, Jahrgang 1964, ist Schriftsteller, Komponist und Schachspieler. Nach mehreren Romanen hat er nun wieder einen Gedichte-Band veröffentlicht mit dem Titel „Glutnester“.

Die Umschlaggestaltung der „Glutnester“ ist etwas melancholisch ausgefallen, aber gelungen. Noch zum Äußerlichen: Die Verlagswerbung auf den letzten Seiten finde ich persönlich bei einem Lyrikband etwas unangebracht, aber Verlag und Künstler wollen ja auch leben – dazu unten mehr.
Auf den über 100 Seiten finden sich etwa 90 Gedichte. Stilistisch geht es querbeet, mal mit Reim, mal ohne, mal mit regelmäßigem Metrum, mal ohne, mal mit Stropheneinteilung, mal – Sie ahnen es – ohne. Ein paar experimentelle Texte sind dabei, ein paar Sonette.

Querbeet durch die Stile und Zeiten

Inhaltlich setzt sich auf den ersten Blick diese Beliebigkeit fort. Da gibt es Albernes wie:
„Anfanghund / (…) Freundin sagt: Mach mehr Hund. / (…) Die Leute hassen Gedichte, doch sie / lieben Hunde, das hebt sich auf, / (…) Endehund.“
Oder Satirisches:
„O wie sie Ravioli macht, / (…) Grün-rot-gelb leuchtet ihr / Werk, und wie verdorben / müsste man sein, sich / diese exorbitante Kreation einzuverleiben (…) Ich fotografiere ihre / Ravioli, stelle sie auf / Facebook und Instagram / zur Schau (…)“.
Auch Banales wie:
„Mir fällt partout auf Reim kein / so zwingend geiler Reim ein (…)“
Oder Niveauloses wie:
„Dörte mi fa so lala, / schwörte mir Amore ma. / (…) Wann krichste wieda Lust, frag ichse, / weil ich seit April schon (…)“.

Helmut Krausser - Glarean Magazin
Helmut Krausser

Dazwischen finden sich jedoch die Texte, in denen Krausser glänzen kann:
„Unten macht der Plebs publik, / wieviel er heut gesoffen hat. / Oben schreib ich die Musik / der Zukunft auf ein Notenblatt. (…)“ ist eine hübsche Übertragung von Schillers „Bittschrift“.
Im titelgebenden „Glutnester suchen“ bezieht sich Krausser – sicher nicht zufällig – auf (Karl) Kraus, in Begrifflichkeit, Stil und Ironie:
„(…) bis / ich Feuer fange, brenne, / wieder Fackel bin und / zündeln kann.“

Von Adorno bis Krausser

Überhaupt, diese vielen Anspielungen des Intellektuellen Krausser. Schostakowitsch bewundert er, über Adorno und die Beatles macht er sich lustig. Auf den „Faust“ weist er hin, oder auf William Carlos Williams berühmtes „This is just to say“, auf die „Loreley“, das „Nibelungenlied“, Dantes „Inferno“, auf „Jesaja“, auf Artaud, auf Clint Eastwood und natürlich immer wieder auf Krausser.
Krausser schreibt Gedichte im Stil des Expressionismus, des Symbolismus, der Minnelyrik – und schafft es in allen Fällen konsequent, das Zitierte zu subvertieren.

Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein

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Bleibt (als letzte große Gruppe von Gedichten) noch Kraussers Beschäftigung mit dem Künstler-Dasein. In „Glückliche Künstler“ streiten die frisch bezahlten Titelhelden darum, wer die Rechnung im Restaurant übernehmen darf: „(…) der Kellner bringt / Pizza“.
In „Vor etwa 6’000 Jahren“ erzählt uns der Dichter von seinen Anfängen:
Er „(…) brachte / die Leute zum Lachen und / Weinen und bat am Ende um / ein wenig zu essen (…)“, während eine junge Literatin ihm erklärt:
„(…) sie schreibe für sich selbst / (…) Spannungslinien finde sie / ermüdend (…)“. Mit wenig Begeisterung stellt er dabei fest:
Sie „(…) lebt von Preisen und / Stipendien und lacht über / mich Knecht, der ich jeden Tag schufte (…)“.

Und in diesem Sinne passt das wilde Durcheinander dann doch wieder zusammen. Krausser bringt viel, um manchem etwas zu bringen. Er stellt den anspruchsvollen Leser mit Artaud zufrieden; den schnapsvollen mit derben Späßchen; die Freundin mit Hunden; und den Verleger mit Füllmaterial.
Wir sind also gut unterhalten, und der arme Poet kann seinen Magen füllen.♦

Helmut Krausser: Glutnester – Gedichte, 112 Seiten, Piper/Berlin Verlag, ISBN 978-3827013941

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Neue Lyrik auch über Ines Oppitz: Hoffnung (Drei Gedichte)


Interview mit der Komponistin Kathrin Denner

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 9 Minuten

Kultur ist wichtiger denn je

Jakob Leiner im Gespräch mit der Komponistin Kathrin Denner

Die deutsche Komponistin Kathrin Denner (*1986) ist eine profilierte Vertreterin jener jüngeren Komponistinnen-Generation, die sich für die Verbreitung und Profilierung der zeitgenössischen Kunst-Musik auch auf politischer Ebene bemüht. Denner ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, für die Belange ihrer Berufsgruppe setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie als Delegierte der GEMA ein.
Im Interview mit dem GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner äußert sie sich über einige Aspekte ihres persönlichen Schaffens und über verschiedene Problemfelder der aktuellen Kunstmusik-„Szene“.

Glarean Magazin: Was sind eigentlich Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?

Kathrin Denner - Komponistin - Musik im GLAREAN MAGAZIN
„Ich stelle dem Stück Fragen, und es antwortet mir“: Komponistin Kathrin Denner

Kathrin Denner: Eine konkrete Erinnerung habe ich nicht. Mir ist aber sehr präsent, dass wir zuhause immer Bayern 4 Klassik gehört haben. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Wir haben immer geraten, was wir da gerade hören. Damals wurden noch ganze Sinfonien gespielt und es gab wenig „easy listening“-Sendungen mit kurzen Ausschnitten. So lernte ich sehr viel klassische Musik und ihre Stilistiken kennen.

In Saarbrücken studierten Sie zuerst Trompete und Musiktheorie. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Begeisterung für die Zeitgenössische Musik und das Komponieren weckte?

Ich muss vorwegnehmen, dass ich zeitgenössische Musik durch meinen klassisch geprägten Hintergrund immer furchtbar fand. Mein Herz ging auf bei Mahler, Bruckner und Beethoven. Die Zeitgenössische Musik habe ich nicht verstanden. Diese hatte für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Es war nicht nur so, dass ich sie nicht mochte, ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.

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Dann hat mir glücklicherweise ein Bekannter die Augen geöffnet, der mir das Ligeti-Requiem vorgespielt hat. In einem dunklen Raum mit Surround-Lautsprechern. Das war phänomenal. Ich habe erkannt, dass der Bruch zwischen der späten Romantik und Ligeti nicht so groß war. Innerhalb kürzester Zeit habe ich dann alles Zeitgenössische in mich aufgesogen und versucht, alles ganz schnell kennenzulernen. Ligeti ist mir bis heute wichtig, aber es gibt nun natürlich noch andere KomponistInnen, die mich inspirieren und die ich sehr mag und schätze.

Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Komponieren aus?

Ich mache einfach wahnsinnig gerne Musik. Und es ist doch toll, wenn man noch mehr gestaltet als das, was schon in Noten geschrieben steht: Wenn man selbst kreiert.

Gibt es eine grundsätzliche Herangehensweise für die Arbeit an einem Stück?

Meistens mache ich mir sehr lange Gedanken darüber, was ich eigentlich für das Stück möchte. Und dabei scheint es immer so, als würde ich nichts komponieren. Der Prozess geht also schon lange vorher nur im Kopf los. Ich stelle dem Stück Fragen: Obwohl es noch nicht in Noten existiert, antwortet es mir. Das habe ich von meinem Lehrer Johannes Schöllhorn gelernt.

Kathrin Denner - Komposition Autograph - Interview im Glarean Magazin
Autographisches Zitat aus „Nyberga Eleven“ für Trompete und Klavier von Kathrin Denner

Ich schreibe vor dem eigentlichen Notieren sehr viel auf. Meist in Worten und mit der Hand. Ich nehme mein Kompositionsbuch nicht immer, aber oft mit nach draußen, setze mich irgendwo hin und befrage mein Stück. Grundsätzliche Fragen nach Dauer, Besetzung, etc., aber auch Spezifischeres: Wie verhält sich das eine Instrument zum anderen? Wenn ich weiß, was ich will, geht der Rest verhältnismäßig schnell.

Kommen Kompositionsblockaden vor und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ja, leider. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, zu komponieren. Früher habe ich die Stücke nur so „rausgehauen“. Jetzt muss ich immer richtig arbeiten, bis etwas entsteht. Eine wirkliche Methode, die Blockaden zu überwinden, habe ich nicht. Meistens hilft es, wenn ich einen Auftrag habe und die Zeit drängt.

Hat sich Ihr Anspruch an (eigene) Musik in den letzten Jahren verändert?

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Ja, ich bin wesentlich kritischer mit mir und meiner eigenen Musik geworden. Wahrscheinlich geht das Komponieren deshalb nicht mehr so einfach von der Hand. Ob sich das positiv auf meine Stücke auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe es natürlich. An Musik generell ist der Anspruch vielleicht insofern gestiegen, als dass ich gute Aufnahmen und Aufführungen bevorzuge. Aber ich schätze immer die Leistungen, Begabungen und das Können anderer und kann auch über „Fehler“ hinweghören, wenn mit Freude und Leidenschaft musiziert wird.

Werke von Komponistinnen sind in den Programmheften der deutschsprachigen Kulturlandschaft noch immer unterrepräsentiert. Zufall oder System?

Leider sind Komponisten in den Programmen noch deutlich in der Mehrheit. Obwohl die Frauen auf den Podien der zeitgenössischen Musik zunehmend sichtbarer werden. Während meiner Studienzeit gab es eigentlich immer relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse. Trotzdem können wir noch nicht wirklich von einer Chancengleichheit sprechen. Aufträge bekommen leider immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen. Die einflussreichen Stellen sind von Männern besetzt. Ich kann mir vorstellen, dass diese un- bzw. unterbewusst dann wiederum das männliche Geschlecht bevorzugen.

Gender-Diskussion in Musik und Tanz - Glarean Magazin
„Kompositionsaufträge bekommen immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen“: Anhaltende Gender-Diskussion in der Musik

Noch gibt es Handlungsbedarf für mehr Gendergerechtigkeit. Glücklicherweise ist dieses Thema mittlerweile in den Köpfen angekommen, und es gibt vermehrt Festivals, Kurse und Podien, die sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzen.

Sie sind auch kulturpolitisch aktiv und setzen sich für die Belange Ihrer Berufsgruppe ein. Wie sieht diese Arbeit aktuell aus?

Im Moment bin ich im Vorstand des Deutschen KomponistInnenverbands (DKV) sowie als Delegierte der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder der GEMA und im GEMA-Wertungsausschuss tätig.
Der DKV ist ein Zusammenschluss von Komponistinnen und Komponisten aller Genres und Stilrichtungen, die der solidarische Gedanke einer Interessenvertretung für alle musikalisch Kreativen eint. Wir setzen uns für die Belange der Kreativen in verschiedenen Bereichen ein – im Moment natürlich u.a. auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Wir engagieren uns auf nationaler und internationaler Ebene zum Beispiel im Aufsichtsrat und anderen Gremien bei der GEMA, dem Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der Künstlersozialkasse, der Initiative Urheberrecht und der ECSA mittels unserer zuständigen Delegierten.

Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich) - Glarean Magazin
Die drei deutschsprachigen Musik-Urhebergesellschaften SUISA (Schweiz) GEMA (Deutschland) AKM (Österreich)

Die GEMA – Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – ist eine Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Texter und Musikverleger. Zu ihren Aufgaben zählt es, die Nutzungsrechte ihrer Mitglieder zu verwalten und eine entsprechende Vergütung zu gewährleisten. Stellvertretend für den Urheber sorgt die GEMA durch das Urheberrecht für den Schutz der Werke. Seit nunmehr drei Jahren bin ich Delegierte der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder.

Eigentlich glaube ich immer, die Falsche für diese Art von Job zu sein, aber irgendjemand muss es eben machen. Ich versuche, mich so gut wie möglich für meine komponierenden KollegInnen einzusetzen. Es muss engagierte Menschen geben, die die Interessen der – in meinem Fall – Musikschaffenden vertreten. Besonders in der heutigen Zeit, in der möglichst viel möglichst kostenlos sein soll. Es gibt viele andere Bereiche, in denen ich gerne noch aktiver wäre, aber die Zeit ist begrenzt, und so habe ich mir mein Feld gesucht, in dem ich mein Wissen einbringen und als kleines Zahnrädchen mitgestalten kann.

Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Menschen für das Gemeinwohl einsetzen und nicht immer nur darauf vertraut wird, dass da schon irgendwer ist, der alles regelt. Jeder Mensch hat eine Begabung, die für einen bestimmten Bereich hilfreich wäre. Es würde mich freuen, wenn diese Talente nicht ungenutzt blieben.

Das Streitwort der Kulturszene im Jahr 2020 lautete „systemrelevant“. Gibt es ein Wort, das Sie passender fänden?

Überrumpelt von der ganzen Corona-Zeit habe ich mich aus den Debatten über die Systemrelevanz tatsächlich zum größten Teil herausgehalten. Ein besseres Wort fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig, aber wir haben eine schwache Position – keine starke Lobby. Vielleicht zeugt der Ausschluss der Kultur von Ignoranz, aber die Pandemie ist für alle neu und die Politik trifft die Entscheidungen sicherlich nicht leichtfertig, auch wenn sich einige Entscheidungen anschließend als falsch herausstellen werden oder schon herausgestellt haben.

Leerer Musik-Konzertsaal in Corona-Zeiten - Glarean Magazin
Wegen Pandemie geschlossen: Leerer Konzertsaal und de facto Berufsverbot für Musiker

Dass die Kultur keine marginale Rolle innehat, ist jetzt, nach über einem Jahr der Pandemie, denke ich, allen bewusst geworden. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Noch sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, aber ich vertraue auf seine Existenz.

Wie hat Ihre kompositorische Arbeit auf das zurückliegende Corona-Jahr reagiert?

Eigentlich hätte ich (viel) Zeit gehabt, viel zu arbeiten. Und meine Arbeit findet ja sowieso meist allein statt. Aber ich habe mich der Ohnmacht voll hingegeben. Im Grunde habe ich meine Zeit verschwendet mit Inhaltslosigkeit. Mit Netflix und Handygames. Ich hatte eine einzige Aufführung – statt des geplanten großen Orchesterstücks mit über 80 Aufführenden, wurde ein Stück für ein Soloinstrument gespielt. Alle anderen Konzerte wurden abgesagt. Frustration ist hier das richtige Wort.

Musik und Corona - Rückzug ins Innenleben - Glarean Magazin
Musik in Zeiten von Corona und Aufführungsverboten: Rückzug ins „Innen, ins Bei-sich-sein“

Aber ewig kann man sich nicht hängen lassen, es muss weitergehen. Glücklicherweise haben mich ein paar Aufträge wieder motivieren können. Dabei war auch ein Auftrag des Bundesjugendchores, welcher sich thematisch im weitesten Sinne mit der Pandemie beschäftigt. Mit dem „Innen“ – also dem Innen im Geiste, aber auch dem Innen in den eigenen vier Wänden, mit diesem Bei-sich-sein. Ich beschäftigte mich mit unterschiedlichen sozialen Beziehungen (hier schwingt auch das „-Innen“ als Genderform mit), Verhältnissen und Interaktionen. Auch zwei weitere Kompositionen haben sich direkt auf die Corona-Ohnmacht bezogen.

Wie eng liegen Angst und Hoffnung beieinander?

Sehr eng. Manchmal ist die Hoffnung dominierend, manchmal beherrscht mich die Angst.

Gibt es ein spezielles Stück, das Ihnen schon längere Zeit vorschwebt?

Ich arbeite schon seit einiger Zeit an meinem Stück „Agnesma“ für Trompete und Orchester. Ich schreibe es für den wahnsinnig tollen Trompeter Simon Höfele. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen, und so ist der Kompositionsprozess durchlöchert. Es ist kein Auftrag, sondern intrinsisch motiviert. Ich freue mich aufs Weiterschreiben, wenn ich dann mal wieder Zeit habe.

Wie wird sich  eigentlich die Musik der Zukunft anhören?

Oh, das weiß ich nicht. Aber ich wäre gerne eine Zeitreisende, die in der Zukunft vorbeischauen kann… Etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt, ist sehr schwer. Es gibt immer Entwicklungsprozesse, die sich auf Bekanntes beziehen.
Einen oder sogar mehrere Schritte zu überspringen, dazu wären wir vielleicht gern in der Lage, aber ich glaube, das ist nicht möglich. Wir sind Kinder unserer Zeit. ♦

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller: Neue Musik?

Außerdem zum Thema: Von den Kontaktschwierigkeiten der Neuen Musik (Ursula Petrik)


Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt (Prosa)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Humor und unzähmbare Lebenslust

von Alexandra Lavizzari

Sechs Romane des hochgelobten kolumbianischen Autors Tomás González (1950 in Medellín geboren) liegen bereits in deutscher Übersetzung vor; nun gibt der Verlag Edition 8 eine Sammlung von Erzählungen heraus, die drei Bänden aus den Jahren 1993, 2012 und 2016 entnommen sind und mit drei weiteren Erzählungen ergänzt wurden. Unter der Betreuung von Peter Schultze-Kraft haben sein Bruder Rainer, seine Tochter Ophelia, Gert Loschütz, Peter Stamm und Jan Weiz jeweils im Zweigespann an deren Übertragung aus dem Spanischen gearbeitet.

Der Klappentext geizt nicht mit Superlativen und weckt hohe Erwartungen, wenn gewisse Szenen in der einleitenden Erzählung eines Samuel Beckett für würdig befunden werden und andernorts Tschechow zum Vergleich herangezogen wird. Das klingt vielversprechend, sagt man sich, öffnet den sehr schön gestalteten Band und vertieft sich noch so gerne in die erste Erzählung „Ein unwahrscheinliches Grün“.

Boris…

Man kann sich nach einer Weile fragen, ob es fünfzig Seiten bedarf, um die psychiche und soziale Abwärtsspirale zu beschreiben, die den Maler Boris nach einem nicht näher erläuterten Todesfall in einen obdachlosen Alkoholiker verwandelt. Wohin die Geschichte steuert, steht nämlich nach wenigen Seiten fest: Boris schlittert und schlittert, wobei der Autor seinen Lesern die Einsicht in dessen Gefühlswelt verweigert und sich stattdessen, einem unbeteiligten Chronisten gleich, auf die minutiöse Protokollierung dieses Abstiegs beschränkt. Immerhin wird die Konsequenz des distanzierten Blicks hin und wieder durchbrochen und darf der Leser mitbekommen, was Boris empfindet.

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt - Erzählungen, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5Solche Passagen sind jedoch Ausnahmen in González‘ ästhetischem Programm, denn dem Autor geht es hier um mehr als um die Aufzeichnung eines individuellen Schicksals. Sein Thema ist Ohnmacht und Scheitern des Menschen auf existenzieller Skala, und dazu gehört auch, ganz im Beckettschen Sinn, das reine Aufzählen von Bewegungsabläufen, die unaufhaltsam auf den Nullpunkt zusteuern.
Der Leser sieht diesen für Boris am Horizont aufblitzen, aber González, der sich als ein wahrer Meister im Enden seiner Geschichten erweist, bricht vorher ab. Boris legt sich einfach schlafen, und wir wissen: es geht noch ein Stückchen weiter abwärts, und noch ein Stückchen, und das einzige, was dem Gescheiterten bleibt, ist, mit Würde hinzunehmen, dass dem so ist.

Carola…

González lässt uns in diesem Band am Leben verschiedenster Menschen teilhaben: Scheiternde wie Boris sind auch Carola in „Carola Dicksons unendliche Reise“, und der Ich-Erzähler in Víctor kehrt zurück. Erstere ist Lehrerin in Brooklyn und setzt sich in den Kopf, nach ihrer Pensionierung die Welt zu umseglen, um den Menschen zu helfen. Sie kauft sich schon Jahre vor ihrem Vorhaben ein Boot, lernt segeln, kauft Kompass und Sextanten und fühlt sich an Bord bald geborgener als im eigenen Zuhause.

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Die Sturheit, mit welcher diese Frau ihr Ziel vorbereitet, verleiht ihr von Anfang an eine rührende Tragik, und tatsächlich kommt es, wie es bei einem solch verrückten Unterfangen eben kommen muss. Carola gerät in einen Sturm und erleidet Schiffbruch. Den Menschen ist nicht zu helfen – und Carola auch nicht. Der Text lässt offen, ob sie nach diesem Debakel nicht einen zweiten Versuch starten wird.

Víctor…

Víctors Geschichte reiht sich thematisch nahtlos an jene von Boris, Carola und manch anderer Figur in diesem Band, doch zeichnet sie eine besonders originelle Erzähltechnik aus, die dem erzählten Tatbestand Vielschichtigkeit verleiht. Víctor kehrt zurück nach New Orleans, dem Ort, an dem er vor zwölf Jahren mit Frau und Tochter gelebt hat. Während der Reise erinnert er sich an die Umstände seines Weggangs, an den in extremis verhinderten Gewaltakt an seiner Frau, die darauf die Türschlösser auswechselte und ihn schließlich festnehmen ließ, weil er sie nicht in Ruhe ließ. „Warum will man zurück, wenn man nicht kann, dachte ich.“

Tomás González - Schriftsteller - Glarean Magazin
Tomás González (*1950)

Diese Rückreise, in einer Art Bewusstseinsstrom erzählt, oszillierend zwischen kühl beobachteter Gegenwart und emotionsgeladener Vergangenheit, gehört zu den besten Erzählungen des Bandes. Die Grenzen zwischen Innen- und Aussenwelt greifen immer wieder ineinander über, bald überwiegen die Erinnerungen – „stinkend wie ein toter Hund im Mangrovensumpf zur Mittagszeit“ – bald die Wahrnehmung des vertrauten Meerstrandes mit seinen Muscheln und zu Smaragden geschliffenen Flaschenscherben, und geschickt dieser Zone zwischen Damals und Jetzt entlang lässt uns der Autor an dieser eindrücklichen Reise teilhaben.

Don Rafael…

Ähnlich konstruiert der Autor die Reise an die Küste, die den an Alzheimer erkrankten Don Rafael in den Mittelpunkt seiner Familie stellt. Diese schenkt ihm einmal im Jahr die Illusion, mit dem Expreso del Sol an die Küste zu fahren, indem sie die Wohnung in einen Eisenbahnwagen und Wartesaal verwandeln. Die Bahnreise führt durch die üppige Tropenlandschaft Kolumbiens, an verlassenen Bahnhöfen und Bananenpflanzungen vorbei, Leute steigen zu, Verkäuferinnen halten Tamales und Anananascheiben feil, und das alles erleben wir durch die Augen des kranken, aber glücklich zu Hause sitzenden Rafaels und gleichzeitig aus der Sicht der Familienmitglieder, die ihm diese Fahrt mit den ausgefallendsten Mitteln vorgaukeln. Die Geschichte, die übrigens auch als Hörspiel vorliegt, ist klar dem magischen Realismus Gabriel Márquez‘ verpflichtet und vom Autor auch als Hommage ihm zugedacht.

Sprachlicher Ballast und…

Peter Stamm - Glarean Magazin
González-Übersetzer Peter Stamm

Vergleiche mit Márquez und vor allem mit Beckett sind jedoch fehl am Platz, wenn es um die Sprache geht. Peter Stamm lobt González‘ Stil, bezeichnet ihn als „sehr trocken, aber zugleich sehr atmosphärisch.“ Spräche er von seinem eigenen Stil, würde ich mit ihm sofort einig gehen. Aber González ist nicht Peter Stamm, er verzichtet darauf, seine Sprache zu entschlacken, besonders von Adjektiven, deren Häufung oft zu klischierten Beschreibungen von Figuren und Situationen führen: „Der Frau, die ihm das Zimmer vermietete – eine phlegmatische Blondine mit einem naiven, unpersönlichen Auftreten, billigem Schmuck und zerkauten Fingernägeln – …“

… redundante Informationen

Beispiele für redundante Informationen finden sich in allen dreizehn Erzählungen leider zuhauf. Dass die Blondine dem Klischee einer Blondine so genau entsprechen muss, mag man durchlassen, aber dass man, wie in der Erzählung Die Heimkehr der verlorenen Tante zusammen mit recht einfach typisierenden Merkmalen sogar die Augenfarbe des Chauffeurs einer andern Tante erfahren muss, ist nicht einzusehen.

Ungemütlicher literarischer Widerspruch

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Der sprachliche Beschreibungsballast tut nicht nur dem Erzählfluss Abbruch, sondern schafft auch einen ungemütlichen literarischen Widerspruch: Einerseits ist die Identifikation mit den Figuren verweigert, weil dem Leser deren Innenleben vorenthalten wird, und andererseits will der Autor uns über jede noch so sekundäre Figur Details mitgeben, die für die Geschichte vollkommen irrelevant sind. Das ist schade.

Themen des Scheitern dominieren diesen Band, aber weil González‘ seine Figuren auch mit einer Prise Humor und unzähmbarer Lebenslust ausstattet, bleibt nach Ende der Lektüre nicht das Dunkle und Hoffnungslose haften, sondern eine große Farbenpracht und, ja, eine ebenso große Lust, nach Kolumbien aufzubrechen, um Land und Leute kennenzulernen ♦

Tomás González: Die stachelige Schönheit der Welt – Erzählungen, 240 Seiten, Edition 8, ISBN 978-3-85990-412-5

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Kolumbianische Literatur auch über Mauricio Botero: Don Ottos Klassikkabinett


 

Thomas Luther: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (Band 1-3)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 8 Minuten

Referenzwerk für alle Leistungsklassen

von Thomas Binder

Mit dem Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer legen Großmeister Luther und seine Co-Autoren ein mehrbändiges Standardwerk für Schachtrainer jeden Leistungsniveaus vor. Neben der Erläuterung rein schachlicher Themen – immer mit dem Schwerpunkt auf deren Vermittlung im Training – stehen trainingstheoretische und allgemein schachliche Beiträge, die das Wissen des Trainers abrunden. Das Werk ist bereits jetzt umfassend, aber lässt die Tür für eine Fortsetzung offen.

Thomas Luther ist ein deutscher Schachgroßmeister, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu den besten Spielern seines Landes gehörte. Er war dreimal deutscher Einzelmeister (zuletzt 2006) und spielte bei fünf Schacholympiaden (darunter einmal für die internationale Auswahl der Körperbehinderten). Inzwischen ist er nur noch gelegentlich am Turnierbrett anzutreffen, arbeitet vornehmlich als Trainer und vertritt zudem die Interessen behinderter Schachfreunde beim Weltverband FIDE.
Als Trainer geht Luther weit über das reine Training – zu seinen Schützlingen gehörte u.a. die spätere Weltklassespielerin Elisabeth Pähtz – hinaus und widmet sich der Ausbildung von Trainern sowie den theoretischen Grundlagen des Schachtrainings.

850 Seiten geballtes Wissen

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer (3 Bände)Im Dresdner JugendSchach-Verlag hat Thomas Luther nun unter Mitarbeit einer Reihe weiterer namhafter Schachtrainer das dreibändige „Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer“ vorgelegt. Das sind über 850 Seiten geballtes Wissen und Material für Trainer jeder Leistungs- und Erfahrungsstufe – ein Standardwerk im besten Sinne, das das Zeug hat noch für Generationen von Schachausbildern gute Dienste zu leisten.
Band 1 und 2 bauen inhaltlich aufeinander auf und Band 3 ist als „Materialband“ betitelt. Er enthält ein weiteres Füllhorn an Aufgaben und einige ausführliche Texte, auf die in den vorherigen Kapiteln verwiesen wurde.

Auch für Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke

Thomas Luther am Schachbrett - Glarean Magazin
Schrieb ein „beispielloses“ Kompendium „von unschätzbarem Wert“: Großmeister Thomas Luther (*1969 in Erfurt)

Der Einsteiger mit mehr Begeisterung als Spielstärke kann das Werk quasi als Trainer-Lehrbuch durcharbeiten, wird aber wohl von der Fülle des Materials erschlagen sein. Ohne einen erfahrenen Mentor wird er auch mit der besten Lektüre nicht vorankommen. Bereits aktive Trainer, die möglichst auch eigene praktische Erfahrung als Spieler mitbringen – egal auf welchem Liganiveau – finden ein Kompendium an Ratschlägen und Materialien von unschätzbarem Wert. Selbst sehr erfahrene und spielstarke Trainer werden es zu schätzen wissen, hier ihre Materialsammlung zu ergänzen und manch interessante Hintergrundinformation erhalten, die ihnen bisher entgangen war.
Im Großen und Ganzen kann man den Inhalt in drei Komplexe einteilen, die sich kapitelweise verschränken, so dass der Leser insgesamt vom Elementaren zum Komplizierteren geführt wird.

Klassisches Schachlehrbuch für Trainer

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_07
Die Formen des Schachunterrichts mal theoretisch…

Da sind zum einen die Abschnitte, die sich zu einem nahezu klassischen Schachlehrbuch zusammenstellen ließen. Der Adressat ist aber auch hier bereits der Trainer. Alles wird unter dem Gesichtspunkt der Vermittlung an den Lernenden dargestellt. Nach Grundübungen zu den Spielregeln und den Besonderheiten der Figuren folgen weiterführende Schachlektionen. Diese unterteilen sich in die Abschnitte „Eröffnung“, „Taktik I“, „Endspiel I“ (Bauernendspiele), „Strategie“, „Taktik II“ und „Endspiel II“ (Turmendspiele). Bei den Eröffnungen bleibt Luther erwartungsgemäß knapp. Es geht hier nur sehr begrenzt um konkrete Varianten, mehr um die Grundprinzipien, die der Trainer seinem Schüler vermitteln muss. Im Endspiel konzentriert sich der Autor mit Bauern- und Turmendspielen auf diejenigen Typen, die in der Praxis besonders wichtig sind.

Vom „Gummiband-Motiv“ bis zum Turnier-Wertungssystem

Thomas Luther - Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1 - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN (Seite 1)_Seite_08
… und mal praktisch (Leseproben aus Luther: Handbuch für den Schachtrainer, Bd.1)

Auch hier habe ich kaum ein wichtiges Thema vermisst. Sehr gut gelungen sind die Kapitel zu Taktik und Strategie. Im Taktik-Apparat werden erwartungsgemäß die wichtigsten Kombinationsmotive vorgestellt. Sie sind mit anschaulichen Beispielen illustriert und mit Liebe zum Detail aufbereitet. Das „Gummiband-Motiv“ hat man z.B. schon oft gesehen, aber bisher nicht unter diesem Namen gekannt. Die Strategie-Themen sind erfreulich ausführlich, wobei der Schwerpunkt auf der Bauernstruktur liegt. Auch hier erleichtern die Partiebeispiele das Verständnis enorm.
Nicht vergessen werden auch jene Schachtrainer, die wegen geringer Erfahrung im Turnierschach noch ein paar Erläuterungen zu Turnier- und Wertungssystemen benötigen. Der Anhang von Band 1 ist für sie geschrieben.
Alle bereits bei der inhaltlichen Besprechung mit prägnanten Beispielen erläuterten Themen werden jeweils durch umfangreiche Teststellungen und Arbeitsblätter (sowohl im Haupt- wie im Materialband) ergänzt.

Pionierarbeit in Sachen Trainingsmethodik

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Ein zweiter Komplex sind Kapitel zur Trainingsmethodik. Dass es darüber in dieser Ausführlichkeit und Detailschärfe praktisch keine vergleichbare Literatur gibt, hätte den Wert der vorliegenden Arbeit schon allein begründet. Der große Erfahrungsschatz der Autoren tut ein Übriges. Es wimmelt nur so von praktischen Ratschlägen, liebevoll bis ins Detail ausgearbeitet – von der richtigen Position des Trainers vor dem Demobrett bis zu den Besonderheiten des Trainings für Spät- oder Wiedereinsteiger. Zudem werden einzelne Trainingsansätze vorgestellt, von denen auch manch erfahrener Schachcoach wohl noch nichts gehört hat. Vieles wird dabei im Zusammenhang mit den inhaltlichen Themen vermittelt, ein weiterführendes Kapitel über Schachtraining und ein Ausblick auf das Hochleistungstraining schließen den zweiten Band ab.

Schachmedizinische und -psychologische Elemente berücksichtigt

Schließlich gibt es einen Komplex von Beiträgen zur Wissensvermittlung, die über das Kerngeschäft des Schachtrainers hinausgehen, dessen Schachwissen aber abrunden sollen. So gibt es in jedem der beiden Hauptbände je ein Kapitel zur Schachgeschichte und zur Schachpsychologie, außerdem einen umfassenden Abschnitt über das schachtypische Talent und seine Messung sowie u.a. über „Wunderkinder“ und Beiträge über medizinische Aspekte (u.a. Doping).

Tadelloses Buch-Outfit

Thomas Luther - Handbuch und Arbeitsbuch für den Schachtrainer - Band 1-3 - Strategie - Rezensionen GLAREAN MAGAZIN
Strategische Lehrbeispiele, hier: Der „Minoritätsangriff“

Dem hohen Aufwand, den die Autoren in ihr Werk gesteckt haben, trägt auch die äußere Aufmachung Rechnung. Alles ist tadellos layoutet und angenehm lesbar, selbst in den weniger bebilderten Abschnitten. Schreibfehler halten sich in einem so kleinen Rahmen, dass sie den Wert der Bücher in keiner Weise trüben.
Dem Aufbau aus abgeschlossenen Abschnitten verschiedener Autoren ist es geschuldet, dass manches nicht ganz konsistent über den Tisch kommt. Im Kapitel über das Remis wird z.B. die 50-Züge-Regel verschwiegen und die Stellungswiederholung nur als Zugwiederholung behandelt. Andererseits wird das Dauerschach vorgestellt – wir sind hier eben nicht in der Regelkunde, sondern in praktischen Überlegungen zur Punkteteilung.
Etwas knapp kommen dabei „technische Remisstellungen“ weg, wenn z.B. nur erwähnt (aber nicht erklärt) wird, dass die Dame gegen einen Läuferbauern auf der vorletzten Reihe nicht gewinnen kann – ganz abgesehen davon, dass dies auch für den Randbauern gilt. Die konsistente Darstellung der Remisformen findet sich später im Materialband in einem Kapitel über praxisrelevante Regelfragen.

Kontroverse Meinungen zu einigen Themen

Die Autoren scheuen sich auch nicht, zu einigen Themen kontroverse Meinungen zu vertreten. Das ist sogar eine Stärke des Buches. Man hat immer den Eindruck, von Luther und seinen Kollegen direkt angesprochen zu werden – ihre persönliche Sicht und Erfahrung teilen zu dürfen. Dennoch wird man ihnen nicht an allen Punkten zustimmen. Unangenehm ist mir z.B. der despektierliche Umgang mit der Geschichte eines deutschen „Wunderkindes“ aus den 1960er-Jahren aufgefallen.

Wunsch: Ein weiterer Band zu neuen Detail-Fragen

Schach-Simultan - Weltmeister Garry Kasparow gegen U-18 Jugendliche - Finnland 20213 - Glarean Magazin
Praktische Schach-Lektionen vom Ex-Weltmeister: Garry Kasparow an einer Simultan-Vorstellung gegen U18-Jugendliche in Helsinki

Nun kann man ein noch so umfangreiches Trainerlehrbuch schreiben, es wird immer Wünsche geben, die offen bleiben. Was die rein schachlichen Inhalte des Werkes betrifft, haben die Autoren sich offenbar auf einen Level an Tiefe und Komplexität geeinigt, den sie nicht überschreiten wollten. Das ist verständlich und es ist ihnen gut gelungen. Über alle Themen halten sie diese Vorgabe sehr konsequent ein, sorgen somit dafür, dass das Gesamtwerk an Umfang und Anspruch genau die Erwartungen erfüllt. Der Weg, hier und da noch weiter ins Detail zu gehen oder neue Themen aufzugreifen, ist ja nicht verbaut – ein weiterer Band wäre vorstellbar, Stoff dafür sicher mehr als genug vorhanden. Vielleicht darf dies hiermit sogar als Wunsch formuliert sein!?

Digitalzeitalter zu kurz gekommen

Wenn wir bei den Wünschen sind – was fehlt mir noch? Zunächst könnte der Verlag an zwei Stellen für etwas mehr Übersichtlichkeit sorgen: In der Kopfzeile jeder Seite stehen neben der Seitenzahl nur der verkürzte Buchtitel und der Name des Autors. Hilfreich wäre es, hier jeweils das aktuelle Kapitel zu notieren, gern auch den jeweiligen Unterabschnitt. Außerdem würde ich mir ein Sachregister (meinetwegen auch ein Namensregister der zitierten Meisterpartien) wünschen. Dem Aufbau des Werkes ist es geschuldet, dass sich Themen überschneiden und später wieder aufgegriffen werden, da wäre ein Register hilfreich.

Online-Schach-Unterricht - Glarean Magazin
Das Digitalzeitalter zuwenig berücksichtigt: Online-Schachunterricht via Internet

Inhaltlich wünsche ich mir ein verstärktes Eingehen auf die Erscheinungsformen des Digitalzeitalters. Überspitzt formuliert: Das vorliegende Werk hätte so auch schon vor 30 Jahren geschrieben werden können. Ausführliche Abschnitte über Training und Analyse mit Computer-Unterstützung, über digitale Trainingsmedien – seien es professionelle Produkte oder frei verfügbare Internet-Videos – und schließlich natürlich über das Schachspielen auf Online-Servern mit all seinen Facetten sollten unbedingt Berücksichtigung finden. Das sind Fragen, mit denen man selbst beim Training jüngerer Schüler frühzeitig konfrontiert wird.
Vielleicht können die Autoren aus ihrer reichen Erfahrung auch noch mehr konkrete Tipps für die Organisation kleiner Turniere und praktische Ratschläge für das Verhalten bei Schachturnieren (für Spieler wie Trainer!) einfügen. Das wäre wiederum Stoff für ein ganzes Kapitel.
Dem Potential dieses neuen Standardwerkes ist mit solchen Ergänzungswünschen kein Zweifel angetan. Schon jetzt liegt ein beispielloses Werk vor, aus dem Schachtrainer unendliche Anregungen und noch mehr anwendungsbereite Beispiele schöpfen können. ♦

Thomas Luther u.a: Hand- und Arbeitsbuch für den Schach-Trainer, Bände 1-3, je 288 Seiten, JugendSchach Verlag Dresden

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Schach-Training auch über Franco Zaninotto: Aus Fehlern lernen


Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten (CD – Tobias Koch)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Eine neue Dimension

von Christian Busch

So mancher Bewunderer von Schuberts letzten Sonaten wird sich beim Anhören verschiedener Aufnahmen mal gefragt haben: Wie langsam kann, ja darf man das spielen? Mit welchem Tempo kommt man dem wahrhaftigen Schubert am nächsten, so dass die Zeit gesprengt wird und stillsteht?
Der Düsseldorfer Konzertpianist Tobias Koch hat sich nun – unter dem Motto „Zukunftsmusik“ – Schuberts letzten drei Klaviersonaten gewidmet und sie – originalgetreu auf dem Hammerflügel von Conrad Graf (Wien, 1835) aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum für das Innsbrucker Label Musikmuseum – neu aufgenommen.

Immer sind da diese Schritte. Die sich mühsam einen Weg durch die verschneite Winterlandschaft bahnenden Schritte des einsamen Wanderers. Missmut, Verzweiflung und tiefe Traurigkeit klingen an, ein Innehalten, ein hoffnungsvolles-, ja wehmütiges Erinnern, doch dann kehrt die schöne, aber resignativ-dumpfe Anfangsmelodie zurück. Der Kreis schließt sich. Ein schicksalhafter, auswegloser Gang, eine Flucht gar ohne Ziel? Wie tief kann sich ein Mensch in sich zurückziehen? An manchen Stellen stockt die Musik, einem Herzstillstand gleich. Ist das der Tod?

Suche nach dem wahren Schubert-Sound

Franz Schubert: Zukunftsmusik - Die letzten drei Klaviersonaten - Tobias Koch - Musik MuseumFragen, die beim Hören von Franz Schuberts letzter, geheimnisumwobener und einzigartiger Klaviersonate in B-Dur D 960 aufkommen. Das Werk eines 31-jährigen und doch eines seiner letzten. Schubert starb nur wenige Wochen nach der Vollendung. Ein tonales Vermächtnis eines Komponisten, der kurz zuvor am Grabe Beethovens gestanden hatte und mit dessen drei letzten Klaviersonaten ein ungeheures Erbe antrat, das zu ignorieren noch schwerer als es zu übertreffen war. Musikgeschichtlich der bedeutende Schritt von der Klassik zur Romantik. Eine Sonate, die – hat man sie einmal gehört – zum lebenslangen Begleiter werden kann.

Der inneren Tiefe angenähert

Pianist Tobias Kochs „Zukunftsmusik“ nähert sich Schuberts Monumentalität und innerer Tiefe mit ausgesucht bedächtigen Tempi, wenn er sowohl die melodischen resignativen Passagen auskostend ebenso wie die immer wiederkehrenden leidenschaftlichen Ausbrüche in ihrer ganzen Tiefe darzustellen sucht. Doch wäre es grob fahrlässig, seine Einspielung darauf zu reduzieren.

C-moll: Auf Beethovens Spuren

In der Sonate D958 kehrt Schubert mit der Tonart c-Moll, die er oft als Haupttonart einer Komposition gemieden hat, zum Modell Beethovens mit seinem kämpferischen Duktus zurück. Überdeutlich „zitiert“ er im Eingangsthema des Kopfsatzes aus Beethovens 32 Variationen in c-moll (WoO80). Doch in der Folge weicht das unruhige Drängen einer lyrischen Stimmung, die im zweiten Thema in ein „friedvoll-idyllisches Kreisen um Zentraltöne“ (Michael Wersin) mündet: Eine neue musikalische Welt!
So knüpft Schubert an den volkserzieherischen, heroischen Charakter seines Vorgängers nur an, um ihn als gescheitertes Unterfangen in die private Abgeschiedenheit, in die Innerlichkeit und den Raum der Liebe zu geleiten. Schubert wird damit zum Antipoden des an Aufklärung, Emanzipation und politischen Fortschritt glaubenden Beethovens.

Franz Schubert - Klaviersonate D958 - Beginn des Adagio - Glarean Magazin
„Tiefgründige Nachtwache“: Beginn des Adagio in Franz Schuberts Klaviersonate D958

Breite und klangvolle Deutung

Tobias Koch - Pianist - Glarean Magazin
Tobias Koch (geb. 1968 in Kempen/D)

Tobias Koch legt gerade diese ungeheure und gewichtig Neuerung in seiner breit und klangvoll angelegten Deutung frei. Das Hammerklavier ächzt und funkelt in unendlichen Schattierungen, so dass man das Gefühl hat, direkt neben Schubert auf einem alten Sofa mit ein paar losen Sprungfedern zu sitzen. An manchen Stellen scheint Johann Sebastian Bach mit auf dem Sofa zu sitzen. Das Adagio wird zur tiefgründigen Nachwache, das Finale ein erstaunlicher Triumph des sich kreativ entfaltenden Individuums. Der Pianist spielt alle Wiederholungen und präsentiert Schuberts c-moll-Sonate in fast 37 Minuten gewichtiger Tonrede.

Die 2. „Atlas“-Sonate

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Auch die A-Dur-Sonate D959 erinnert an Beethoven und stammt doch unverkennbar aus der romantischen Feder Schuberts, nicht nur mit den zwei immer wiederkehrenden Viertel-Schlägen aus dem von Schubert vertonten Heine-Lied „Der Atlas“ – ein Hinweis auf Schuberts persönliche Lebenssituation, die von Krankheit, Todesahnung und Resignation durchzogen war. Auch hier finden wir wunderbare melodische Abläufe mit „himmlischen Längen“ (Robert Schumann), welche den romantischen Charakter, die Hinwendung vom Öffentlichen ins Private, vom leidenschaftlichen Kampf zum sich seiner Liebe vergewissernden Herz ausmachen.

Unnatürlich verlangsamt

Kochs Zugriff kann hier im 1. Satz nicht recht greifen. Schon der Beginn klingt sperrig, zu stockend und unnatürlich verlangsamt. Der leichte melodienverliebte Fluss geht verloren, auch wenn einige Stellen unerhört gewichtig und auskostend geraten. In jedem Fall fällt es hier schwer, sich von vorherigen klanglichen Vorstellungen und Deutungen zu lösen. Es scheint aber, dass Kochs Zugriff eher der letzten Sonate vorbehalten und angemessen sein könnte. Das wird noch einmal im letzten Satz, dem Rondo, deutlich, auch wenn es auch hier großartige Momente ungeahnter Monumentalität und berückender Stille zu entdecken gibt.

Franz Schubert - Klaviersonate D959 - Auszug 1. Satz - Glarean Magazin
„Melodienverliebter Fluss“:  Zitat aus Franz Schuberts Klaviersonate D959

Das Vermächtnis: Sonate in B-Dur D960

Deutlich stimmiger ist Kochs Zugriff des Gewichtigen bei der letzten, eingangs bereits charakterisierten B-Dur Sonate, Schuberts pianistischem Schwanengesang, das sein umfangreichstes Klavierwerk ist, auch darin Beethovens in der gleichen Tonart komponierten Hammerklaviersonate ähnelnd. Hier kehrt der einsame Wanderer der Winterreise wieder, seine schweren Schritte, suchend, kreisend und sich im Nirgendwo verlierend.

Franz Schubert - Klaviersonate D960 - Beginn Andante sostenuto - Glarean Magazin
„An die letzten Dinge rührend“: Beginn des Andante sostenuto in Franz Schuberts Klaviersonate D960

Tobias Koch, so möchte man sagen, trägt Schubert auf Händen, nimmt sich alle Zeit der Welt, jegliche Schattierungen, Zwischentöne, Unterstimmen und versteckte Akkorde ans Licht zu befördern. Sein Vortrag ist durchgehend leidenschaftlich, mal jäh und donnernd, dann wieder tänzerisch leicht bis zärtlich streichelnd und von dem Bestreben beseelt, Schubert „letzte Worte“ zu entschlüsseln.

Innovativer Interpretationsansatz

Komponist Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel) - Glarean Magazin
Franz Schubert in jungen Jahren (Josef Abel)

Das Hammerklavier erweist sich als kongenialer Partner, der nichts glättet oder einebnet, sondern Schuberts rauhe, unwirtliche Welt in ihren vielfarbigen Schattierungen hervorragend tonal widerspiegelt. Ein unerhörtes Klangerlebnis, das interpretatorisch eine neue Dimension erschließt. Nicht einmal bei Valery Afanassiev dauert der Kopfsatz so lange wie bei Tobias Koch (über 31 Minuten). Das Andante sostenuto gerät mit seinem choralartigen, feierlichen Ton einmal mehr zu einer berückenden, an die letzten Dinge rührenden Introspektive der romantischen Seele. Das Finale greift den innovativen Interpretationsansatz auf und schließt die überzeugende Darbietung mit großer Eindringlichkeit ab.

Eine neue Schubert-Dimension

Die neuen Einspielungen von Tobias Koch erweitern das Spektrum der Interpretationen von Schuberts Klaviersonaten um eine neue Dimension. Seine Deutung ist nicht geprägt von virtuosem Zur-Schau-Stellen pianistischer Virtuosität, sondern vom „heißen Bemühen“ um Schuberts einzigartige Werke. Sie stellen vertraute Klangvorstellungen in Frage und liefern auf einem historischen Instrument höchst interessante Alternativen, welche nicht nur den Schubert-Liebhaber zum Überdenken seiner Hörgewohnheiten bringen kann. ♦

Zukunftsmusik – Franz Schubert: Die letzten drei Klaviersonaten, Tobias Koch (Fortepiano Conrad Graf – Wien um 1835), Musik Museum

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema klassische Klaviermusik auch über die neue CD von See Siang Wong: Fantasia – Werke von Beethoven