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Der letzte Rockstar am Schachbrett

Zum Tode von Grossmeister Jan Timman (1951-2026)

Walter Eigenmann · 22. Februar 2026

Die Schachwelt in den späten 1970er Jahren: Grau, sowjetisch, und alles verdammt ernst. Doch dann kam der Holländer Jan Timman. Er war der einzige, der in jenen Tagen – nach dem Amerikaner Bobby Fischer – diesen „roten Block“ erneut ins Wanken brachte. – Timman starb am 18. Februar 2026 in Arnhem, Berichten zufolge war er bereits seit einiger Zeit schwer erkrankt.

Jan Timman - Schach-Hippie 1978 - Nachruf 2026 - Glarean Magazin - Walter Eigenmann
Schach-Hippie Jan Timman (1978)

Jan Hendrik Timman wird 1951 in Amsterdam geboren, als Sohn von Reinier Timman und Anna Petronella De Leeuw, beide Mathematiker im akademischen Lehrbetrieb. Eigentlich hätte auch Jan Mathe-Professor werden sollen, aber dieser hatte andere Pläne, denn der freiheitsliebende Jugendliche schmiss sein Studium hin; offenbar wusste er früh, dass er die Welt lieber vom Schachbrett als von der Kreidetafel aus erobert.

Jan Timman – Weltklasse aus Holland

1974 wurde er mit 23 Jahren Großmeister, und zwar nicht irgendwie, sondern mit einem Stil, der so frisch und angriffslustig war, dass die alten Herren in Moskau nervös wurden. Er war der Typ, der nach einer harten Partie in Amsterdam erst mal in die Kneipe ging, ein Bier trank, eine rauchte und trotzdem am kommenden Morgen den nächsten Weltklasse-Spieler zerlegte. Er hat allen gezeigt: Du musst kein asketischer Mönch sein, um teuflisch gut Schach zu spielen.

„The Best Of The West“

Kasparov - Karpov - Timman in Amsterdam 1987 - Glarean Magazin
Kasparov, Karpov und Timman in Amsterdam 1987

In den 1980ern gab es im Grunde ein ungeschriebenes Schach-Gesetz: Die Weltmeisterschaft machen die Sowjets untereinander aus. Aber 1982 rüttelte ein 31-jähriger Holländer mit Afro-Look das Imperium durch: Timman schoss hoch auf Platz Zwei der Weltrangliste, hinter WM Karpov, und war damit offiziell der beste Spieler des Westens. „The Best Of The West“ mag wie ein Trostpreis klingen, aber es war das grösste Kompliment überhaupt: Jan Timman war der Anführer der freien Schachwelt gegen die staatlich gepushte Schach-Maschinerie der UdSSR.

Fight gegen Anatoly Karpov

Der Moment, da Timman in die Geschichtsbücher einging, kam 1993. Garry Kasparov und Nigel Short spalteten sich von der FIDE ab, und plötzlich hiess das offizielle WM-Finale: Timman vs Karpov. Der Holländer verlor zwar mit 8,5:12,5, musste sich Karpovs Genie (und dessen Unterstützung durch die gesamte russische Grossmeister-Gilde) beugen, aber er zog das Match mit einer Coolness und Fairness durch, die ihn unsterblich machte. Jammern und Ausreden suchen hörte man von Timman nie – ganz im Gegensatz zu anderen, früheren oder späteren WM-Verlierern. Timman spielte einfach, weil er das Spiel liebte.

Jan Timman, der Ästhet

New In Chess - 2025 - Glarean Magazin
Jahrzehntelang das schachpublizistische Zentrum von Jan Timman: New In Chess

Was Jan Timman von vielen anderen Profis unterscheidet? Er war ein echter Intellektueller und ein Künstler. Und als er merkte, dass die ganz jungen Hüpfer mit ihren Computern schneller rechneten, hat er sich nicht frustriert zurückgezogen, sondern begonnen, die schönsten Schachbücher seiner Zeit zu schreiben.
Und sein Einfluss in der Schachwelt war, trotz WM-Niederlage, ungebrochen: Als Chefredakteur der berühmten Schach-Gazette „New In Chess“ gestaltete er die internationale Schach-Berichterstattung wesentlich mit. Seine Analysen dort und in seinen Büchern waren auch mitnichten trockene Varianten-Wüsten. Wenn Timman über eine Partie schrieb, dann konnte das zu Literatur geraten. Er suchte die Seele des Spiels, nicht nur seine Gewinnwege, und er erklärte uns, warum ein Zug „schön“ ist, nicht nur warum er funktioniert.

Der rätselvolle Schach-Komponist

Jan Timman - Weiss gewinnt - 2015
Jan Timman 2015 (Matt-Studie): 1. Dg3 a5 2. d5 Sd3+ 3. Dxd3 exd3 4. O-O f4 5. d6 exd6 6. g4 fxg3 7. f4 g2 8. Kxg2 d5 9. f5 d4 10. f6 d2 11. f7 d3 12. f8=S d1=D 13. Txd1 d2 14. Se6 a4 15. Sd4 a3 16. Sc2#

In seinen letzten Jahren wandte sich Timman – anders als sein grosser holländischer Vorgänger WM Max Euwe – fokussiert der Komposition von Endspielstudien zu. Dabei gelangen ihm Schach-Rätsel, die wie kleine Kunstwerke wirken –  Ästhet bis zum Schluss.
Warum Timman fehlen wird? Jan Timman war kein „Schach-Roboter“, er war ein Mensch mit Fehlern, mit Leidenschaften – und einem unbändigen Freiheitsdrang. Für ihn war ganz offensichtlich das Schachspiel nicht nur Sport, sondern Teil der menschlichen Kultur. Und er war der lebendige Beweis dafür, dass man ganz oben mitspielen kann, ohne seinen Charakter an der Garderobe abzugeben. ♦


Garry Kasparov vs. Jan Timman – Rotterdam 1999 (Klick auf Zug öffnet Analyse-Diagramm)

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Berühmte Grossmeister auch: Zum Tode von Schach-Grossmeister Bent Larsen

Ausserdem zum Thema Gross- und Weltmeister: Die Schach-WM 1972 Bobby Fischer vs. Boris Spasski


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