Veröffentlicht am 14. Februar 2025
Heute vor … Jahren: Die islamistische Fatwa gegen Salman Rushdie
Am 14. Februar 1989 geht ein Schrei der Entrüstung und des Entsetzens durch die gesamte aufgeklärte Welt: Der Islam, fundamentalistisch personifiziert in dem Teheraner Imam Ruhollah Ibn Mustafa Musawi Chomeini, gibt via Radio Teheran den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie, einen der bedeutendsten Intellektuellen des Westens, buchstäblich zum Abschuss frei.
Der Mullah Chomeini, seit seiner Rückkehr aus dem Pariser Exil (am 1. Februar 1979) Irans oberster religiöser wie politischer Führer und absolutistischer Theokrat mit faktisch uneingeschränkter Machtbefugnis, ruft in einer Fatwa die Moslems der ganzen Welt dazu auf, Rushdie zu ermorden. Denn Rushdie habe, so der bärtige Theokrat in Teheran, in seinem Buch „Die satanischen Verse“ Blasphemie wider den Propheten Mohammed betrieben. Chomeini: „Ich ersuche alle tapferen Muslime, ihn, gleich wo sie ihn finden, schnell zu töten, damit nie wieder jemand wagt, die Heiligen des Islam zu beleidigen. Jeder, der bei dem Versuch, Rushdie umzubringen, selbst ums Leben kommt, ist, so Gott will, ein Märtyrer.“ (Ulrich Encke: Ajatollah Chomeini 1989, Seite 172)
Kopfgeld-Prämie von 3 Millionen Dollar
Um ihrem Mord-Aufruf Nachdruck zu verleihen, setzen Ajatollah Chomeini und seine radikal-fundamentalistischen Geistlichen eine Kopf-Prämie von drei Millionen US-Dollar aus. Das Blutgeld wird später sogar verdoppelt, die Fatwa nach dem Tode Chomeinis (am 3. Juni 1989) von den hohen Mullahs Chamenei und Rafsandjani ausdrücklich bekräftigt. Rushdie muss in den Untergrund abtauchen, vom britischen Geheimdienst unter Polizeischutz gestellt, er wechselt ständig den Wohnsitz, ununterbrochene Mord-Drohungen zwingen den Schriftsteller in die totale Isolation.
Gleichzeitig sind verschiedene Rushdie-Verleger Repressalien und Anschlägen ausgesetzt, sein norwegischer Verleger entgeht nur knapp einem Attentat, und dem fundamentalistischen Islam-Fanatismus fallen schliesslich der italienische und der japanische Rushdie-Übersetzer zum Opfer, die in Mailand niedergestochen bzw. in Tokio ermordet werden. Zehn Jahre lang lebt der berühmte Autor der „Mitternachtskinder“ (1981) und von „Scham und Schande“ (1983) nun an streng geheimen Orten, 30 Mal wechselt er in dieser Zeit sein Versteck, und wo immer er sich (für kurze Augenblicke) zeigt, gilt die höchste Sicherheitsstufe – derweil ein Mann im britischen Fernsehen vor einem Millionen-Publikum öffentlich bekennt: „Ihn zu töten ist eine Ehre für mich, für jeden guten Moslem!“.
Durch Messerattacke lebensgefährlich verletzt

Dass die Bedrohung keineswegs nur ein Relikt des vergangenen Jahrhunderts war, zeigte sich auf tragische Weise am 12. August 2022. Bei einer Literaturveranstaltung im US-Bundesstaat New York wurde der damals 75-jährige Rushdie von einem Attentäter auf der Bühne attackiert und durch zahlreiche Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Rushdie überlebte den feigen Anschlag nur knapp, verlor jedoch dauerhaft das Sehvermögen auf einem Auge und erlitt schwere Verletzungen an einer Hand. Dieses Attentat führte der Weltgemeinschaft vor Augen, dass der mörderische Geist der Fatwa auch nach über drei Jahrzehnten nichts von seiner zerstörerischen Kraft verloren hat. Der Fall Rushdie markiert damit historisch den Beginn einer neuen Ära, in der sich die westliche Kulturwelt permanent mit der Verwundbarkeit ihrer Grundwerte auseinandersetzen muss. Die Bedrohung traf seither nicht mehr nur Politiker oder Militärs, sondern zielte direkt auf das Herz der intellektuellen Freiheit: die Kunst und das geschriebene Wort.
Trotz dieses traumatischen Einschnitts weigerte sich Rushdie auch nach seiner Genesung beharrlich, sich mundtot machen zu lassen. Mit seinem 2024 erschienenen Erinnerungsbuch „Messer. Gedanken nach einem Mordversuch“ verarbeitete er das Erlebte literarisch und setzte ein erneutes, unübersehbares Zeichen des Widerstands. Sein Schicksal bleibt somit das ultimative Symbol für den unschätzbaren Wert – und den schmerzhaften Preis – einer freien, unzensierten Gesellschaft.
Fatwa-Mordruf gegen Rushdie noch immer in Kraft

Salman Rushdie findet sich nach dem Fatwa-Mordaufruf indes mit einem Leben in Angst und Flucht nicht ab, entschuldigt sich deshalb schon früh, erklärt gegenüber der Islamischen Glaubensgemeinschaft sein „Bedauern über die Besorgnis, die die Veröffentlichung aufrichtigen Anhängern des Islam bereitet hat“. Und bald nach der Verhängung der Fatwa regt sich weltweiter Widerstand gegen das Todesurteil, Prominente und bekannte Politiker (darunter auch US-Präsident Clinton) setzen sich für ihn ein, ebenso einhellig die grossen Schriftsteller- sowie andere starke Verbände.
Rechtsstaatliche Instrumente: Verfassungsfeindliche Vereine verbieten, Hassprediger ausschaffen
Was ist eigentlich zu tun angesichts eines aggressiven Fundamentalismus, der die westliche Streitkultur bedroht? Eine Option wäre die konsequente Abkehr von einer falsch verstanden Toleranz, die aus Angst vor Konflikten die eigenen Werte opfert. Seit den Zäsuren von 1989 und 9/11 reagierten westliche Staaten zwar mit Antiterrorgesetzen und permanentem Polizeischutz, doch das grundlegende Dilemma bleibt ungelöst. Als rechtsstaatliche Instrumente bieten sich hierbei das Verbot verfassungsfeindlicher Vereine, die Ausweisung religiöser Gefährder sowie die scharfe Ahndung von Hassrede an – Massnahmen, die greifen müssen, sobald theokratische Eiferer die Freiheit subversiv unterwandern.
Dies richtet sich wohlgemerkt nicht gegen den Islam an sich, der als pluralistische Weltreligion nicht per se destruktiv ist, sondern gegen seine politisierte, totalitäre Fratze, den ideologischen Wahn. Dass diese Differenzierung gerade im Orient verstanden wird, zeigte die mutige Solidarität arabischer Intellektueller wie Nagib Mahfuz, die sich trotz Lebensgefahr hinter Salman Rushdie stellten. Diese Denker begriffen sofort, dass die Fatwa kein Kulturkampf zwischen Orient und Okzident war, sondern ein globaler Generalangriff auf die Freiheit des Geistes. Die Frontlinie verläuft daher nicht zwischen Religionen, sondern zwischen zivilisierten Freidenkern und den totalitären Predigern des Terrors.
„Redefreiheit ist das Leben!“
Heute ist der bedeutende, von zahlreichen Institutionen geehrte Vertreter des „Magischen Realismus“ wieder quasi auf freiem Fuss (wenngleich oft in versteckten Aufenthaltsorten), und seine weltweit heiss „umkämpften“ und darum höchst erfolgreich verkauften „Satanischen Verse“ dürften ihn längst zum Millionär gemacht haben. Doch obwohl 1998 der eher liberale iranische Staatspräsident Chatami am Rande der UN-Vollversammlung erklärt, dass man den Fall Salman Rushdie offiziell als „völlig abgeschlossen“ betrachte, und dass überhaupt die iranische Regierung nie Mörder für die Beseitigung des Dichters gedungen habe, ist der Fatwa-Mordaufruf gegen Rushdie bis zum heutigen Tage nicht offiziell zurückgenommen worden.
Solcher hasserfüllten, totalitär-ideologischen, den humanistischen Kern des Korans negierenden Barbarei hält der „realistische Phantast“ und grosse Islam-Kenner, aber auch erklärte Freidenker Salman Rushdie entgegen: „Redefreiheit ist das Entscheidende, um sie dreht sich alles. Redefreiheit ist das Leben.“ ♦
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