Kopf des Monats: Wolf Biermann (Scherenschnitt)

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 Wolf Biermann zum 80. Geburtstag

Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin
jeweils einen „Kopf des Monats“ in Form von Scherenschnitten vor.

wolf-biermann-01 © Copyrights 11/2016 by Simone Frieling

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Besuchen Sie im Glarean Magazin auch den „Kopf des Monats“ im Januar 2017:
Friedrich Dürrenmatt
… und schmunzeln Sie über den
Kopf des Monats: Robert Walser (Dezember 2016)

Kopf des Monats: Bob Dylan (Scherenschnitt)

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Der Literatur-Nobelpreisträger 2016

Die Mainzer Schriftstellerin und Künstlerin Simone Frieling stellt im Glarean Magazin jeweils einen „Kopf des Monats“ in Form eines Scherenschnittes vor.bob-dylan-01-scherenschnitt-von-simone-frieling-glarean-magazin-oktober-2016bob-dylan-02-scherenschnitt-von-simone-frieling-glarean-magazin-oktober-2016© Copyright 2016/10 by Simone Frieling

Sehen Sie im Glarean Magazin auch den „Kopf des Monats“ im September 2017:
Miguel de Cervantes

Christian Born: Mensch und Computer (Cartoons)

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Christian BornChristian Born
Geb. 1957 in Freiburg/D, Ausbildung in verschiedenen Kunstklassen der Malerei, Zeichnung und Graphik, div. Ausstellungen in Deutschland, Illustrationen in verschiedenen Periodika, lebt als freischaffender Illustrator in Freiburg

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Cartoon auch über Werner Hofmann: Die Karikatur
… sowie die drei Grafik-Cartoons von Otto Taufkirch: Gezeichnete Wortsprüche

Panoptikum der Musiker-Entgleisungen (Anekdoten)

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„Ein purer Dilettant, krank von Anbeginn“

Komponisten beschimpfen Komponisten

von Walter Eigenmann

Wie ist es möglich, dass hochintelligente, oft vielseitig gebildete, in genialster Weise kreative, gesellschaftlich anerkannte und von der Geschichte wie von der Gegenwart millionenfach verehrte Persönlichkeiten sich zu peinlichsten Diffamierungen, gehässigsten Pöbeleien und krassesten Fehlurteilen versteigen können, sobald es nur um die künstlerische Arbeit der „lieben Konkurrenz“ geht? Ist die Musik als emotionalste aller Künste auch die egozentrischste, weil das ohnehin menschlich übliche Mass an Neid und Ignoranz hier allzu schnell und oft gar in pure Irrationlität mittels grösstmöglicher Realitätsverdrängung zu kippen pflegt?

Die grossen Flammen auspusten, damit das kleine Licht heller leuchte

Honore Daumier - Pyrotechnische, charivareske und diabolische Musik - Musiker-Anekdoten - Glarean Magazin
Honore Daumier: „Pyrotechnische, charivareske und diabolische Musik“

Der geistreiche Gentleman Felix Mendelssohn-Bartholdy – seinerseits als Jude gemeinsten Geschmacklosigkeiten z.B. eines Richard Wagner ausgesetzt – umschrieb den Tatbestand elegant-treffend so, dass mancher Komponist eben versuche, „die grossen Flammen auszupusten, damit das kleine Talglicht ein wenig heller leuchte.“ Und vielleicht wohlwollend kann man allenfalls mit Robert Schumann – notabene ein selbstloser Förderer von Brahms, Schubert und Chopin – die (in seiner berühmten „Neuen Zeitschrift für Musik“ geäusserte) Meinung teilen, dass „nur der Genius den Genius ganz versteht“. Was allerdings höchstens erklärt, warum „mindere“, von der Kulturgeschichte mehr oder weniger zurecht „marginalisierte“ Geister à la Kritiker wie Hanslick oder Komponisten wie Pfitzner gegen die „ganz Grossen“ schnödeten, jedoch nicht, warum ein Titane wie Tschaikowsky das Werk eines anderen Titanen wie Brahms locker als „gehaltlose, aufgeblähte Mittelmässigkeit“ abzutun in der Lage war. (Zur Ehrenrettung des Komponisten-Standes sei allerdings nicht verschwiegen, dass – beispielsweise – auch die Literaten-Gilde durchaus die grobe Holzkeule anstelle des feinen Floretts zu schwingen vermag, wie man hier mitschmunzeln kann: Dichter über Dichter).

Dilettanten, Stümper, Notenschmierer

Honore Daumier - Die Strassenmusikanten - Musiker-Anekdoten - Glarean Magazin
Honore Daumier: „Die Strassenmusikanten“

Seien die psychologischen, in der chronologischen Distanz wohl noch schwerer als in der Zeitgenossenschaft nachvollziehbaren Gründe derartig monströser Subjektivität gegenüber objektiv nachweisbarer künstlerischer Gültigkeit jetzt mal dahingestellt, und tauchen wir ein in die durchaus erheiternden, teils auch degoutanten, keineswegs immer „falschen“, aber stets frappanten, jedenfalls seinerzeit aus erbitterter Feindschaft erwachsenen Niederungen der „Dilettanten“, „Stümper“, „Notenschmierer“, „Irrsinnigen“, „Kakaphoniker“ und „Lutschbonbons“. (Die Sammlung, in unterschiedlichsten Quellen wie Briefen, Biographien, Rezensionen u.a. recherchiert, ist natürlich beileibe nicht vollzählig – aber repräsentativ…)

W.A. Mozart über Carl & Anton Stamitz:
„Notenschmierer und Spieler, Säufer und Hurer!“

Heitor Villa-Lobos über W.A. Mozart:
„Leicht zu durchschauende Musik – etwas für Kinder.“

Ludwig van Beethoven über Gioacchino Rossini:
„Kein wahrer Meister gibt auf Rossini acht. Rossini hat keine Form, weil er keine schaffen kann, sie fehlt ihm, nicht weil er es möchte, sondern weil er nur wie ein Stümper handeln kann.“

Igor Strawinsky über Ludwig van Beethoven:
„Ich verstehe nicht, wie ein Mann von solchen Fähigkeiten derart häufig in solche Banalitäten verfallen konnte. Ein spätes und schreckliches Beispiel ist der erste Satz der Neunten Sinfonie. Wie konnte ein Beethoven sich zufrieden geben mit derart viereckiger Pharasierung, so pedantischer Durchführung, so armseliger Erfindung und offensichtlich falschem Pathos.“

Giacomo Puccini über Igor Strawinsky:
„‚Sacre du Printemps‘ – reinste Kakophonie! Indessen zeigt sich eine gewisse Originalität und ein bestimmtes Mass an Talent. Doch im Ganzen genommen könnte es die Schöpfung eines Irrsinnigen sein.“

Richard Strauss über Hugo Wolf:
„Ein purer Dilettant, krank von Anbeginn.“

Honore Daumier - Nach einer Stunde Wagner auf allgemeinen Wunsch - Musiker-Anekdoten - Glarean Magazin
Honore Daumier: „Nach einer Stunde Wagner auf allgemeinen Wunsch“

Arnold Schönberg über Richard Strauss:
„Künstlerisch interessiert er mich heute gar nicht, und was ich seinerzeit von ihm gelernt hatte, habe ich, Gottseidank, missverstanden…“

Ferruccio Busoni über Arnold Schönberg:
„Anarchistisch, eine willkürliche Nebeneinanderstellung.“

Johannes Brahms über Anton Bruckner:
„Bruckner ist ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben.“

Peter Tschaikowsky über Johannes Brahms:
„Was für eine gehaltlose Mischung ist doch die Musik von Brahms. Es empört mich immer, wenn diese aufgeblähte Mittelmässigkeit für genial gehalten wird.“

Nikolaj Rimskij-Korsakow über Peter Tschaikowsky:
„Seine Musik zeugt von schlechtem Geschmack.“

Erik Satie über Maurice Ravel:
„Ravel lehnt die Ehrenlegion ab, doch seine ganze Musik gehört dort hinein…“

Camille Saint-Saens über Max Reger:
„Das fängt nicht an, das hört nicht auf, das dauert nur.“

Max Reger über Gustav Mahler:
„Mir erscheint Mahler als der Meyerbeer unserer Zeit! Es ist bei beiden die echt semitisch grosse Intelligenz, bei beiden das Arbeiten mit Affektmitteln äusserlicher Natur und bei beiden das Fehlen jeglichen Stils.“

Gustav Mahler über Max Bruch:
„Ein Logarithmentafel-Exponent.“

Honore Daumier - Ein Orchester in einem sehr feinen Haus in dem man sich das Vergnügen leistet Operette zu spielen - Musiker-Anekdoten - Glarean Magazin
Honore Daumier: „Ein Orchester in einem sehr feinen Haus, in dem man sich das Vergnügen leistet Operette zu spielen“

Claude Debussy über Edvard Grieg:
„Er ist nicht mehr als ein geschickter Musiker, der um die Wirkung besorgter ist als um wahre Kunst. Ein mit Schnee gefülltes Lutschbonbon.“

Alexander Skrjabin über Claude Debussy:
„Ich kann Ihnen zeigen, wie man diese Art französischer Grimasse zustandebringt. Nehmen Sie irgendwelche offenen Quinten, lösen Sie sie mit einem übermässigen Quartsextakkord auf und fügen Sie einen Turm von Terzen hinzu, bis Sie genug Dissonanz beisammen haben, und wiederholen Sie dann die ganze Sache in einem anderen ‚Schlüssel‘, so können Sie so viel ‚Debussy‘ fabrizieren, wie Sie wollen…“

Bedrich Smetana über Antonin Dvorak:
„Ein talentiert Musikant, nichts weiter.“

Honore Daumier - Parade du Charivari - Musiker-Anekdoten - Glarean Magazin
Honore Daumier: „Parade du Charivari“

Maurice Ravel über Camille Saint-Saens:
„Saint-Saens hat während des Krieges allerhand Musik komponiert. Hätte er statt dessen Granathülsen gedreht, wäre es vielleicht ein Gewinn für die Musik gewesen.“

Georg Bizet über Guiseppe Verdi:
„Man hat kürzlich eine neue Oper von Verdi gespielt. Ekelerregend!“

Richard Wagner über Franz Schubert:
„Ein drittrangiges Talent – philiströse Sonaten.“

Guiseppe Verdi über Hector Berlioz:
„Berlioz war ein armer, kranker Mensch, der gegen alle wütete, heftig und bösartig war. Er konnte sich nicht mässigen; es fehlte ihm die Ruhe und die Ausgewogenheit, aus der sich erst die vollendeten Kunstwerke ergeben.“

Hector Berlioz über Richard Wagner:
„Er ist verrückt, völlig verrückt!“

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
Musiker-Anekdoten (1)

… sowie die Musik-Satire von
Nils Günther: Der gemeine Orchesterdirigent

Wer bin ich? – Cartoons (Oktober 2008)

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Ein Abgrund an Visionen

von Walter Eigenmann

Ein berühmter Schriftsteller und Zeitgenosse beschrieb mich einmal so: „Er lachte wenig, deklamierte wenig, rauchte wenig, und er trank wenig. Er sass an seinem Tisch, ein Blatt Papier vor sich, eine Feder oder einen Stift in der Hand, manchmal lächelte er, und er zeichnete unentwegt. Was brachte er zu Papier? Er selber wusste es nicht. Eine Laune, die an Wahnsinn grenzte, führte seinen Stift.“
Meine Gegner und Anhänger schwankten zwischen Furcht vor und Bewunderung für mein künstlerisches Werk. Die bizarren Irrationalitäten, die zynischen Perversionen, die grotesken Hybriditäten, die aus jedem Strich meiner illusionären Illustrationen schiessen, stiessen und stossen noch heute auf Ehrfurcht wie Angst. Zumal den „Reichen und Mächtigen dieser Erde“ blieb angesichts meiner bitterbösen Karikaturen jedes Lachen im Halse stecken.

Alle Dimensionen von Raum und Zeit überschritten

Und je länger ich lebte und zeichnete, je phantastischer meine zahllosen Schwarz-Weiss-Werke wurden, desto deutlicher überschritt ich alle Dimensionen von Raum und Zeit: „Ein Abgrund an Visionen, durch eine verzweifelte Lustigkeit kaum gemildert, tat sich den Zeitgenossen, tut sich den Nachfahren auf“, meinte einer meiner Biographen. Die nachstehende kleine Galerie verdeutlicht, wovon die Rede ist.

Also: Wer bin ich?

Wer bin ich? (Oktober 2008) - Glarean Magazin (Beispiel-Zeichnung 2)
Wer bin ich? (Oktober 2008) – Glarean Magazin (Beispiel-Zeichnung 1)
Wer bin ich? (Oktober 2008) - Glarean Magazin (Beispiel-Zeichnung 2)
Wer bin ich? (Oktober 2008) – Glarean Magazin (Beispiel-Zeichnung 2)
Wer bin ich? (Oktober 2008) - Glarean Magazin (Beispiel-Zeichnung 3)
Wer bin ich? (Oktober 2008) – Glarean Magazin (Beispiel-Zeichnung 3)
Wer bin ich? (Oktober 2008) – Glarean Magazin (Beispiel-Zeichnung 4)

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Cartoons-Karikaturen“ auch von Christian Born: Mensch und Computer
… sowie in der Rubrik „Kopf des Monats“ von Simone Frieling: Gabriel García Márquez lässt Bücher regnen

Ausserdem zum Thema Cartoons über die Graphic Novel von Julian Voloj & Sören Mosdal: Basquiat

Otto Taufkirch: Drei Gezeichnete Wortsprüche

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Drei gezeichnete Wortsprüche

Wer ohne Sinn, hat Zeit für Sinne

Wer ohne Sinn, hat Zeit für Sinne (Otto Taufkirch)
Wer ohne Sinn, hat Zeit für Sinne (Otto Taufkirch)

Ein wohler Esel braucht kein Eis

Ein wohler Esel braucht kein Eis (Otto Taufkirch)
Ein wohler Esel braucht kein Eis (Otto Taufkirch)

Nichts ist ausserhalb

Nichts ist ausserhalb (Otto Taufkirch)
Nichts ist ausserhalb (Otto Taufkirch)

Otto TaufkirchOtto Taufkirch

Geb. 1942; Maler, Zeichner und Lyriker; zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal; diverse Lyrik-Publikationen; lebt in Lauf/D

Lesen Sie im Glarean Magazin auch von
Otto Taufkirch: Zwei Wort-Bilder

… sowie zum Thema Bild und Literatur von
Simone Frieling: Peter Handke (Scherenschnitt)

Anekdoten aus der Welt der Literatur (2)

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Keine Improvisationen bitte

Ein neuer bunter Strauss von Literatur-Anekdoten

von Walter Eigenmann

Christian Grabbe

Der Dramatiker Christian Dietrich Grabbe war auch ein gefürchteter Theaterkritiker. In Düsseldorf gastierte drei Abende hintereinander ein berühmter Tenor namens Hahn. Da schrieb Grabbe: „Und als der Hahn zum dritten Mal krähte, ging Petrus hinaus und weinte bitterlich.“

Ludvig Holberg

Ludvig Holberg
Ludvig Holberg

Der dänische Dichter Holberg legte gar keinen Wert auf sein Äusseres. So konnte er sich auch nicht von einem uralten, schäbigen Hut trennen. Ein leicht angetrunkener Student hielt ihn einmal an und sagte:
„Was? Das Ding auf Ihrem Kopf nennen Sie Hut?“
Worauf Holberg erwiderte: „Was? Das Ding unter Ihrem Hut nennen Sie Kopf?“

Wilhelm Hauff

Wilhelm Hauff suchte einen Verleger für seinen historischen Roman „Lichtenstein“, einst ein Bestseller. Der Stuttgarter Verleger Frankh war bereit, das Buch zu drucken, schickte Hauff tausend Gulden und schrieb, Hauff möge entschuldigen, wenn der Stil des Briefes nicht einwandfrei sei. Da erwiderte Hauff:
„Ein Brief mit tausend Gulden ist immer in einwandfreiem Stil geschrieben.“

Enrico Butti

Der italienische Schriftsteller Butti gab auch eine kleine literarische Zeitschrift heraus, die nach einigen Nummern starb. In der letzten Nummer schrieb er: „Diese Zeitschrift ist geboren worden, weil ich kein Geld hatte. Heute stirbt sie aus dem gleichen Grund.“

Jean Paul
Jean Paul

Jean Paul

Jean Paul war ein grosser Kaffeetrinker. Goethe, der ihn nicht sehr schätzte, sagte:
„Ein glücklicher Mensch, dieser Jean Paul! Er braucht nur eine Tasse Kaffee zu trinken, und schon kann er dichten!“

W.G. Bielinsky

Einer der berühmtesten Schriftsteller seiner Zeit in Russland war Bielinsky, der sich gern mit metaphysischen Fragen befasste. So redete er denn ununterbrochen, bis Turgenjeff meinte, es sei Zeit zum Abendessen.
„Was?!“ rief Bielinsky. „Wir haben die Frage der Existenz Gottes noch nicht gelöst, und Sie wollen zum Abendessen gehn?!“

Heinrich Heine

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In das Album seines reichen Onkels Salomon schrieb Heine:
„Lieber Onkel, leih mir hunderttausend Thaler und erinnere dich nie mehr Deines zärtlich ergebenen Neffen.“

Hermann Bahr

Hermann Bahr sass mit seinem Patriarchenbart neben einer jungen Dame, die sagte: „Wie freue ich mich, endlich den Dichter Sudermann kennen zu lernen!“
Bahr erwiderte, ohne mit der Wimper zu zucken: „Sie irren sich, mein Fräulein. Ich bin nicht Sudermann, ich bin Brahms.“
„Ach, verzeihen Sie!“ rief die junge Dame beschämt. „Wie konnte ich mich nur so irren! Aber ich wusste, dass ich ein grossartiges Buch von Ihnen gelesen habe.“
„Da meinen Sie gewiss Brahms Tierleben.“
„Richtig! Richtig! Ein herrliches Buch…!“

Otto Hartleben

Ein junger Schauspieler, der in Hartlebens „Rosenmontag“ einen Offiziersburschen gespielt hatte, kam zum Autor und bat ihn um eine Empfehlung an einen Theaterdirektor. Hartleben schrieb:
„Ich empfehle Ihnen den Schauspieler X. Er hat viel Talent, spielt Wilhelm Tell, Hamlet, Cäsar, Offiziersburschen, Flöte und Billard. Am besten Billard.“

Gerhart Hauptmann

Gerhard Hauptmann
Gerhard Hauptmann

Gerhart Hauptmann steigt in den Wagen, um zur Premiere eines seiner Stücke zu fahren. Da klopft ihm ein Mann auf die Schulter. „Hauptmann…?“
„Ja…“
„Kennst du mich nicht mehr? Ich bin doch Mettge. Karl Mettge. Sind wir nicht in Breslau zusammen in die Realschule gegangen?“
Hauptmann erinnert sich dunkel.
„Na“, fährt Mettge fort, „und was hast du denn die ganze Zeit über getrieben?“

Roda Roda

Als man von den Unterschieden zwischen Italien und Österreich sprach, sagte Roda Roda:
„Über Italien lacht der blaue Himmel; über Österreich lacht die ganze Welt.“

Mark Twain

Mark Twain liebte es nicht, im Zug angesprochen zu werden. Einmal fragte ihn ein Reisegefährte, was für ein Buch er lese. Mark Twain überhörte die Frage. Da fanden der Reisegefährte und dessen Frau, das sei einmal ein eifriger junger Mann, der so in seine Studien vertieft war. Und dann bot er Mark Twain eine Zigarre an.
„Danke, ich rauche nicht“, erwiderte Mark Twain.
Abermals Begeisterung über den tugendhaften Jüngling.
„Aber ein Glas Whisky nehmen Sie doch?“
„Danke, ich trinke nicht.“
Die Begeisterung steigerte sich, und der Reisegefährte sagte: „Ich muss Sie meiner Frau vorstellen.“
„Danke“, entgegnete Mark Twain unerschütterlich, „aber ich mache mir nichts aus Frauen.“

Bernard Shaw
Bernard Shaw

Bernard Shaw

Bei einer Theaterprobe unterbrach Shaw einen Schauspieler:
„Halten Sie sich, bitte, an meinen Text und fügen Sie keine Improvisationen hinzu, die überdies höchst geschmacklos sind.“
Der Schauspieler erwiderte sehr erstaunt: „Aber ich habe doch kein Wort hinzugesetzt, das nicht von Ihnen wäre!“
Shaw blickte in den Text und musste zugeben, dass der Schauspieler recht hatte.
„Mein Gott, wie tief man manchmal sinken kann!“ rief er. ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
Anekdoten aus der Welt der Literatur (1)

… sowie die
Anekdoten aus der Welt des Schachs

Neue Musiker-Anekdoten (2)

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„Wie soll man pfeifen, wenn man gähnt?“

Ein neuer Strauss von Musiker-Anekdoten

von Walter Eigenmann

Hans von Bülow

Bei einer Probe ermahnte Hans von Bülow den Chor: „Wollen Sie bitte nicht gestikulieren wie Kannibalen! Wir spielen die Hugenotten und nicht die Hottentotten!“

Niccolo Paganini

Ein Pianist rühmte sich, seine Konzerte seien so überfüllt, dass ein Teil des Publikums in den Gängen stehn müsse.
„Das ist noch gar nichts“, erwiderte Paganini. „Bei meinen Konzerten muss ich selber stehn.“

Arcangelo Corelli

Teufelsgeiger Paganini
Teufelsgeiger Niccolo Paganini

Arcangelo Corelli war nicht nur ein bedeutender Komponist, sondern auch ein grosser Geiger. Eines Tages sollte er in einem Privathaus ein Konzert geben. Er hatte schon begonnen, doch einige Gäste plauderten ruhig weiter. Da unterbrach sich Corelli und sagte: „Verzeihung, aber ich fürchte, dass ich die Unterhaltung störe!“

Franz Liszt

Liszt und der grosse Tenor Rubini gaben in einer bedeutenden Provinzstadt Frankreichs ein Konzert. Doch es waren kaum fünfzig Personen im Saal. Dennoch sang Rubini herrlich, und Liszt spielte wie immer.
Am Ende des Konzerts wandte sich Liszt zum Publikum und sagte: „Meine Herren und meine Dame — denn ich sehe nur eine einzige – darf ich mir erlauben, Sie jetzt zum Abendessen einzuladen?“
Das Publikum war verblüfft, nahm die Einladung aber an. Das Abendessen kostete Liszt etwa zwölfhundert Francs, doch am nächsten Abend war der Saal überfüllt.

Zauberer Liszt
Zauberer Liszt

Als Liszt einmal in Bellagio war, machte er einen Ausflug nach Mailand und ging in das Verlagshaus Ricordi. Da gerade niemand da war, setzte er sich ans Klavier und spielte. Im Nu stürzte Ricordi aus seinem Zimmer und rief: „Das ist Liszt oder der Teufel selber!“

Gasparo Spontini

Der Komponist und Dirigent Spontini hatte sich einen seltsamen Dirigierstab machen lassen. Aus Ebenholz, sehr lang und an den beiden Enden grosse Kugeln. Er schwang ihn wie ein Szepter. Als Richard Wagner den Stock bestaunte, erklärte ihm Spontini:
„Den Stock brauche ich, um zu herrschen, nicht um zu dirigieren. Ich dirigiere nur mit den Augen. Mit dem linken die Streicher, mit dem rechten die Bläser…“

Gioachino Rossini

Feuerwerker Rossini
Feuerwerker Rossini

Im Jahre 1854 sandte Baron Rothschild an Rossini einen Korb der prächtigen Trauben seines Weinguts. Da erwiderte Rossini: „Vielen Dank, mein lieber Baron, Ihre Trauben sind vorzüglich. Aber ich geniesse den Wein eigentlich nie in Pillenform.“
Rothschild verstand und schickte Rossini eine Kiste seiner berühmtesten Weine.

Ein Freund besuchte Rossini und sah, wie der Komponist gerade auf ein Bild die Widmung schrieb:
<Für Pillet-Will, der heute auf dem Gebiet der Musik meinesgleichen ist!>
„Was für eine Übertreibung, Maestro!“ rief der Freund. „Pillet-Will Ihresgleichen!“
„Natürlich“, erwiderte Rossini. „Ich komponiere ja nicht mehr.“

Charles Gounod

Gounod kam von einer sehr schlechten Aufführung seines Requiems nach Hause. Seine Freunde wollten ihn trösten:
„Machen Sie sich nichts draus; eines Tages wird man Ihr Requiem einwandfrei aufführen.“
„Ja“, erwiderte er, „und das wird mein Todestag sein. Aber auch der Tag meiner Rache, denn ich werde zu meinen Kritikern sagen: <Seht ihr? Ihr seid tot, und ich lebe!>“

Hector Berlioz

Kriegsherr Berlioz
Kriegsherr Berlioz

Berlioz war bei Adelina Patti zu Tische geladen. Es gab eine grossartige Pastete, aber die Patti quälte Berlioz, sie wolle ein Autogramm haben: „Wenn Sie mir etwas in mein Album schreiben, so bekommen Sie einen Kuss oder noch eine Pastete!“
Daraufhin schrieb Berlioz in das Album: „Bitte um die Pastete !“

Pietro Mascagnis

Über den Misserfolg von Mascagnis Oper „Silvano“ schrieb ein Kritiker: „Bevor der Vorhang sich hob, applaudierte das Publikum, weil es Vertrauen hatte. Nachdem der Vorhang gefallen war, applaudierte es in der Hoffnung, der zweite Akt werde besser sein. Nach Ende des zweiten und letzten Aktes aber applaudierte es aus Mitleid.“

Bei der Aufführung von Mascagnis „Isabeau“ in Parma wurde der Tenor nach einer Arie ausgepfiffen. Das Publikum war völlig entfesselt. Mascagni, der in der Kulisse stand, flüsterte dem Unglücklichen etwas zu, und daraufhin trat der Tenor noch einmal an die Rampe und rief: „Still! Sonst wiederhole ich die Arie!“ Daraufhin beruhigte sich das Publikum im Nu.

Alexander Borodin

Vor einem Petersburger Gericht stritten sich einmal zwei junge Komponisten. Jeder behauptete, der andere habe ihm eine Melodie gestohlen. Borodin wurde als Sachverständiger berufen.
„Wer von den beiden ist also der Geschädigte?“ fragte der Gerichtspräsident.
„Weder der eine noch der andere“, entschied Borodin lächelnd, „sondern mein Freund Mussorgski.“

Opernstar Massent
Opernstar Massent

Jules Massenet

Die Oper eines jungen Komponisten war durchgefallen.
„Nun“, trösteten ihn seine Freunde, „wenigstens hat man dich nicht ausgepfiffen.“
„Wie soll man pfeifen“, bemerkte Massenet, „wenn man gähnt?“

David Popper

Der berühmte Cellist David Popper war auch ein sehr witziger Mann. Kam ein Kollege von einer Tournee heim und fragte Popper:
„Raten Sie, wieviel ich verdient habe!“
„Die Hälfte“, erwiderte Popper.
„Wovon die Hälfte?“ fragte der Kollege verdutzt.
„Von dem, was Sie mir erzählen werden“, meinte Popper.

Claude Debussy

Impressionist Debussy
Impressionist Debussy

Debussy hatte gar nichts für Massenets Musik übrig. Er schrieb einem Freund: „In meinem Hotel ist eine Dame, die Tag für Tag eine Oper von Massenet singt. Das ist eine Diät, die ihr der Arzt verschrieben haben muss.“

Franz Schalk

Beim Dirigenten der Wiener Hofoper, Franz Schalk, stellte sich ein gut empfohlener junger Mann vor.
„Was wollen Sie eigentlich werden?“ fragt ihn Schalk. „Geiger oder Pianist?“
„Kapellmeister“, erwidert schüchtern der junge Mann.
„Bravo“, sagt Schalk. „Ich habe mir gleich gedacht, dass Sie nicht arbeiten wollen!“

Moritz Moszkowski

Der Breslauer Komponist Moszkowski sagte: „Die Franzosen sind geschaffen, um Musik zu komponieren, die Italiener, um sie vollendet zu singen, die Deutschen, um sie vollendet zu spielen, die Engländer, um zuzuhören, und die Amerikaner, um zu bezahlen!“

„Ein Glück, dass es Klavierlehrer gibt“, meinte Moszkowski einmal. „Sonst würden die Schüler allzu grosse Fortschritte machen.“

Erich Kleiber

Hut-Schnauzer Toscanini
Hut-Schnauzer Toscanini

Der Dirigent Erich Kleiber ruft bei der Probe zu „Carmen“ dem stimmgewaltigen Bariton auf der Bühne zu: „Hören Sie, mein Lieber, Sie haben hier nicht den Stier zu singen, sondern den Stierkämpfer!“

Arturo Toscanini

Toscanini hatte als hoher Achtziger einen zehnjährigen Kontrakt unterschrieben. Als er an sein Pult tritt, sieht er wehmütig auf das Orchester hinunter und sagt: „Traurig zu denken, dass viele von Ihnen nicht mehr da sein werden, wenn der Kontrakt abläuft!“ ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Anekdoten aus der Welt der Literatur (1)
…und die dritte Staffel der Neuen Musiker-Anekdoten
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Ernst-Edmund Keil: Milch und Blut (Satire)

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Milch und Blut

Ernst-Edmund Keil

Stadtrandsiedlung der Bayerisch-Königlichen Metropole. Im Postamt auf der Rückseite des Balkan-Grills, wo er sich an den Schalter stellt, in eine Schlange, nachdem er zu Hause, hoch im Norden und also für ihn unerreichbar, sein Telefonbüchlein hatte liegen lassen, vergesslicherweise, die begehrte Nummer auch hier, am Ständer, nirgendwo entdecken konnte, denn der war vielfach freistaatlich besetzt und hatte keinen Raum mehr für den Rest der Republik.
Also schlängelt er sich geduldig, hoffnungsvoll an den Schalter heran. Vor ihm ein Mann in einer „Lederhosen“ mit Gamsbart und bajuwarischem Äusseren. Wer sagt’s denn! Gestern war er noch in der Innenstadt gewesen, hin mit S und retour mit U, und hatte den Eindruck gewonnen, die Römer seien als Sieger an den Limes zurückgekehrt und hätten die Bajuwaren endgültig zu einem museal-archäologischen Thema deklariert. Dem, denkt er, ist also nicht ganz so oder so ganz. Im Gegenteil. Nachdem der Lederbehoste postalisch bedient war, erscheint jetzt vor ihm im offenen Schalteroval, nicht anders als in einer frühromanischen Mandorla, ein Gesichtchen, ein weibliches, aus Milch und Blut, das ihn an altbayerische Frömmigkeit erinnert – auch sie, denkt er, gibt es also noch -, und das richtet nun mit Madonnenblick und autochthonem Zungenschlag die frühchristlichen Augen auf bzw. gegen ihn, dass er geradezu ins Stottern gerät.
Auf dem Ständer, versucht er ihr missverständlich klarzumachen, habe er eine Nummer begehrt, leider völlig vergeblich, worauf sie mit verschämter Unschuld (oder Neugier?) ihre mandelbraunen Madonnenaugen niederschlägt. Ja, und ob sie ihm vielleicht, hinter dem Schalter, seine Nummer geben könne – nein? – oder doch sein Buch, und nennt schliesslich die Stadt, die er sucht und die hoch im Norden seines Vaterlandes liegt. Worauf sie, durchatmend, aufsieht, mit dem Engelsköpfchen nickt und, nachdem sie ihn versöhnlich um Geduld gebeten, aus seinem Gesichtskreis verschwindet, oder sollte er besser sagen: entschwebt? Wohin wohl und hoffentlich nicht für immer?
Doch kehrt sie nach einem Weilchen, leis‘ und mit leerer Hand, zurück, das holde Haupt diesmal in der Horizontalen bewegend, mit christlichem Bedauern. Sie habe nur bayerische Bücher, und die Stadt, die er suche, liege augenscheinlich nicht im Freistaat, sondern ausserhalb. Das Ausland aber, bittschön, würd‘ er nur finden auf der Hauptpost, in Mosach, wissen s, da herunten bei der U-Bahn. Und bescheidet ihn, hold lächelnd wie der Isarhimmel, mit einem seligen „Grüss Gott!“ Er verspricht, als Glaubensbruder, ihn zu grüssen, obwohl er, wegen der Nummer, diese Bayernpost im Herzen tief zum Teufel wünscht.
Draussen ist es, obgleich erst Anfang Juni, heiss wie in Afrika. An der Ecke steht ein Araber mit einem Obststand unter freiem Sommerhimmel und preist singend seine Früchte an. Er kauft ein Schälchen, das kostet so viel oder so wenig wie in seiner 600 Kilometer entfernten Heimatstadt am Rhein. Auf dem Preisschildchen ist – nicht bajuwarisch, nicht semitisch. sondern lutherisch-national – zu lesen: „Deutsche Erdbeeren“. Na, wer sagt’s denn! Das reisst die Grenzen, die diese bayerische Madonna ihm lieblich-streng gezogen, hernieder bis auf den mütterlichen Grund und lässt ihn, als Staats- und Bundesbürger, wieder freier atmen. Oh einig-süsses Vaterland, denkt er, wie lieb ich dich, und schiebt mit diesen Worten sich eine dicke, deutsche Erdbeere ungewaschen in den Mund. ♦


Ernst Edmund Keil - Glarean Magazin

Ernst-Edmund Keil

Geb. 1938 in Duisburg-Huckingen/D, Studium der Germanistik und Anglistik in Bonn, Studienassessor in Oberhausen&Mülheim, anschliessend Professur für Deutsche Literatur a. d. Universität Valencia/ESP; zahlreiche belletristische, lyrische, theatralische und essayistische Buch-Publikationen sowie herausgeberische Tätigkeit, Träger verschiedener Literaturpreise, lebt in Sinzig-BadBodendorf/D

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die Satiren von
Lothar Becker: Hitler in der U-Bahn
Franz Felix Züsli: Taksi!
Jutta Miller-Waldner: Sowat von süss!

Werner Hofmann: Die Karikatur – Von Leonardo bis Picasso

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 2 Minuten

Von der Sitten-Zeichnung bis zum Comic

von Walter Eigenmann

Des Wiener Kunsthistorikers Werner Hofmanns berühmter Klassiker „Die Karikatur“ erschien erstmals vor 50 Jahren. Nun legt die Europäische Verlagsanstalt seine unbestrittene Referenz in Sachen Karikatur-Historie („Von Leonardo bis Picasso“) in einer erweiterten Fassung neu auf.
Hofmann breitet dabei das gesamte Spektrum des gesellschaftlichen, politischen und privaten Karikierens und dessen stilistischen bzw. zeichnungstechnischen Derivate aus: Der Band dokumentiert und analysiert das überzeichnende Porträt ebenso wie die (kleine) Bildgeschichte, das graphische Ornament wie die Phantasie-Gestalt, die satirische Sitten-Zeichnung wie den modernen Comic – sofern nur all diese stilistischen oder inhaltlichen Ausprägungen Hofmanns Diktum zu unterstreichen vermögen, dass Karikatur zuallerst subversiv, rebellisch und anarchisch sei.

Karikatur bedeutet Skepis

Die Karikatur - Werner Hofmann - Cover - Glarean MagazinDenn, so Hofmann: „Karikatur bedeutet Skepsis: Zweifel daran, dass Logik und Vernunft imstande seien, den Dingen der Welt eine erschöpfende Sinngebung zu leihen. Der Karikaturist erblickt unter der Oberfläche der Welt und hinter den Kulissen ihres Schauspiels die verwirrende Szenerie einer ‚verkehrten Welt‘. Er hüllt sich in das Narrenkleid des Spötters, in dessen Scherzen sich der Unsinn in Tiefsinn verkehrt.“

Sozialpolitische Hintergründe der Karikaturen beleuchtet

Überzeugend vermag Hofmann in Bild und Wort jenen langen, über weite Strecken auch von der Kunsttheorie irrtümlich marginalisierten Weg der Karikatur aufzuzeigen, der sie „allmählich aus ihrer Randlage herausholte und ihre Sprach-Mittel der Verzerrung dem Vokabular der ‚Hochkunst‘ einfügte.“

Pablo Picasso (1881-1973):
Pablo Picasso (1881-1973): „Besuch im Atelier“

Anhand von 83 Tafeln mit Werken von Da Vinci bis Picasso und von Bruegel bis Paul Klee entschlüsselt der Autor – auf hohem sprachlichem Niveau übrigens – zum einen den kulturhistorischen Standort der einzelnen Zeichnungen, Radierungen, Lithographien oder Stiche, zum anderen auch die sozialpolitischen und -philosophischen Hintergründe der zahllosen Sujets im Laufe einer 500-jährigen Geschichte des „normenverletzenden“ Zeichnens.
Eine ungeheur kenntnis- wie aufschlussreiche Tour d’horizont Hofmanns, eine sehr dankenswerte Edition auch, die ein halbes Jahrhundert nach ihrer „Vernissage“ keineswegs an Subversivität verloren hat, und die gerade dem modernen TV-Comedy-geschädigten Publikum buchstäblich die Augen öffnet. ♦

Werner Hofmann, Die Karikatur von Leonardo bis Picasso, Europäische Verlagsanstalt, 282 Seiten, ISBN 978-3865726421

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Humor & Kultur auch über die Biographie von Boehnke & Sarkowicz: Grimmelshausen (Biographie)

Musiker-Anekdoten (1)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

„Sie hören mich wohl gerne singen!“

Ein bunter Strauss von Musik-Anekdoten

von Walter Eigenmann

Gustav Mahler

In einer von Mahler geleiteten Aufführung gefährdete ein Sänger durch einen falschen Einsatz die ganze Vorstellung. Wütend rannte Mahler in der Pause in die Garderobe des Verbrechers, aber der hatte sich von innen eingeschlossen.
„Auch noch feig!“ brüllte Mahler in höchstem Zorn.

Johannes Brahms

Ein Schüler sollte Brahms ein Lied von Schubert vorspielen. „Zu dieser Komposition wurde Schubert durch den Gedanken an eine geliebte Frau inspiriert. Fühlen Sie sich also entsprechend in das Stück ein.“

Der gefürchtete Musik-Kritiker Hanslick beweihräuchert Johannes Brahms (Zeitgenössische Karikatur)
Der gefürchtete Musik-Kritiker Hanslick beweihräuchert Johannes Brahms (Zeitgenössische Karikatur)

Kurz nachdem der Schüler anfing zu spielen, winkte Brahms schon ab. „Sie haben mich falsch verstanden“, sagte er, „das Lied richtet sich an eine Geliebte, nicht an die Schwiegermutter!“

Josef Hellmesberger

Hellmesberger war einst bei einem Komponisten zum Mittagessen im Familienkreis eingeladen. Nach dem Essen zog sich der Komponist zurück, um zu arbeiten.
„Kinder tut’s beten“, sprach da Hellmesberger, „der Vater geht stehlen!“

Josef Haydn

Josef Haydn dirigierte sein Cello-Konzert. Der Cellist spielte eine selbstkomponierte Kadenz; sie war endlos lang, irrte durch alle Tonarten und schien das Thema vollkommen vergessen zu haben. Endlich kam zum Schluss der obligate Triller. „Herzlich willkommen daheim!“ rief Haydn dem Solisten zu.

Hans Pfitzner

Hans Pfitzner probte das „Christelflein“. Die Darstellerin des Elfleins sang der Partitur nach: „Ich bin ja so dumm.“
„Bitte nicht so überzeugend“, rief Pfitzner zur Bühne hinauf.

Richard Strauss

Auf einer Probe zur „Salome“ rief Strauss: „Couragierter, meine Herren, couragierter! Je falscher es klingt, desto richtiger ist’s!“

Hans von Bülow

Hans von Bülow als Dirigent (Böhler)
Hans von Bülow als Dirigent (Böhler)

Kurz vor einem seiner Konzerte stürmte Hans von Bülow die Treppe hinauf, rannte um die Ecke, wo er mit einem korpulenten Herrn zusammenstiess, so dass beide fast zu Fall gekommen wären. Wütend schrie der Herr: „Esel!“ Verbindlich lächelnd, dabei seinen Zylinder lüftend, erwiderte der Künstler: „Bülow.“

Johannes Brahms

„Was wird wohl einst auf der Tafel stehen, die man Ihnen zu Ehren hier oben anbringen wird?“, fragte ein Freund den Komponisten Johannes Brahms, als er mit diesem vor dem Haus Karlsgasse 4 in Wien stand, das der Meister lange bewohnte. Trocken erwiderte Brahms: „Wohnung zu vermieten!“

Max Reger

Ein Kritiker hatte Reger fürchterlich verrissen. Reger schrieb ihm einen kurzen Brief:
„Sehr geehrter Herr! Ich sitze hier im kleinsten Raum meines Hauses und lese Ihre Kritik. Noch habe ich sie vor mir… Hochachtungsvoll: Max Reger.“

Igor Strawinsky

Der berühmte Jazz-Komponist Gershwin wollte einmal Stunden bei Igor Strawinsky nehmen. Im Lauf der Unterhaltung fragte ihn Strawinsky, was er ungefähr verdiene. Als Gershwin antwortete: „Jährlich etwa hunderttausend Doller“, meinte Strawinsky: „Da nehme ich besser bei Ihnen Stunden.“

Hans Richter

Ein Klarinettist spielte eine Stelle falsch. Hans Richter klopfte ab und sang ihm die Stelle vor. Das wiederholte sich zum zweiten und dritten Male, bis Richter ungeduldig rief: „Sie hören mich wohl gerne singen!“

Franz Liszt

Lisztomania im Konzertsaal (Hosemann)
Lisztomania im Konzertsaal (Hosemann)

Liszt spielte in einem Privatkonzert vor dem russischen Kaiser. Bei einer Pianostelle wandte sich dieser zu seinem Adjutanten und gab ihm laut einen Befehl.
Liszt hörte zu spielen auf und liess die Hände in den Schoss sinken. Als der Zar ihn unwillig nach dem Grund der Unterbrechung fragte, antwortete Liszt mit höflicher Verbeugung: „Wenn Fürsten sprechen, haben die Diener zu schweigen.“

Wilhelm Furtwängler

Wilhelm Furtwängler machte bekanntlich eigenartig fahrige Bewegungen beim Dirgieren. Einmal leitete er ein fremdes Orchester und schon der erste Einsatz wollte nicht klappen. Da fragte bescheiden der Konzertmeister: „Herr Doktor, bei welchem Zacken von Ihrem Blitz sollen wir einsetzen?“

Schlafende Violinen

In einer längst vergessenen Oper hatten Flöte und Harfe eine langausgedehnte Solostelle. Einige Takte vor dem Schluss dieses Duos befand sich in der Partitur mit rotem Stift quer durch die ganze Seite geschrieben die Bemerkung: „Hier müssen die Violinen geweckt werden.“

Max Reger

"Max Reger auf dem Pegasus, alle Hindernisse spielend überwindend" (H. Starkloff)
„Max Reger auf dem Pegasus, alle Hindernisse spielend überwindend“ (Starkloff)

Nach einem Konzert der Meininger Hofkapelle unterhielt sich eine junge Prinzessin leutselig herablassend mit Max Reger. Sie wollte vor allem Bescheid erhalten über eine Solostelle der Fagotte, die ihr besonderen Eindruck gemacht hatte. Wissbegierig fragte sie: „Herr Hofrat, bringen die Leute diese Töne mit dem Mund hervor?“ Reger erwiderte: „Das will ich stark hoffen, Königliche Hoheit.“

Johannes Brahms

Ein junger Mensch bat Brahms um Prüfung einer Komposition. Brahms liess sich behaglich in seinen Lehnstuhl nieder und rauchte ruhig seine Zigarre, während er die Arbeit durchsah. Endlich frage er versonnen: „Menschenskind, wo haben Sie denn nur das schöne Notenpapier her?“

Richard Wagner

Richard Wagner zertrümmert das Trommelfell seiner Zuhörer (Gill)
Richard Wagner zertrümmert das Trommelfell seiner Zuhörer (Gill)

Eines Abends ging Wagner in Sorrent spazieren. Einer der vielen Drehorgelspieler, der ihn kannte, setzte sofort eine Walze mit dem Brautzug aus „Lohengrin“ ein und begann seine Orgel so schnell zu drehen, dass die Musik bis zur Unkenntlichkeit verhetzt wurde. Zornig stürmte Wagner auf ihn zu, packte selbst die Drehorgel und drehte sie so langsam und bedächtig, dass der Chor im richtigen Tempo erklang. Dann gab er dem Alten ein gutes Trinkgeld mit der Weisung, immer in diesem Tempo zu spielen.
Am anderen Morgen hing an der Drehorgel ein Schild: „Schüler von Richard Wagner.“

Der Musikstudent

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Ein Musikstudent möchte ein Zimmer mieten. Doch die Vermieterin weist ihn ab:
„Wir hatten einmal einen Musikstudenten hier wohnen. Der kam erst sehr beethoevlich an, wurde dann mit meiner Tochter mozärtlich, brachte ihr einen Strauss mit, nahm sie beim Händel und führte sie mit Liszt über den Bach in die Haydn. Er war gar nicht zu brahmsen, und jetzt haben wir einen Mendelssohn und wissen nicht wohindemith!“

Lesen Sie im Glarean Magazin auch: Neue Musiker-Anekdoten (2)
… sowie die Anekdoten-Sammlung: Panoptikum der Musiker-Entgleisungen

Diogenes-Verlag: Tintenfass Nr. 31 (Satiren)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 3 Minuten

„Was zum Teufel ist mit Gott los?“

von Walter Eigenmann

In seiner 31. Ausgabe (!) will jetzt das legendäre, im Schweizer Diogenes-Verlag jährlich zur Frankfurter Buchmesse frisch aufgefüllte „Tintenfass“ ganz hoch hinaus. Genau genommen bis in den Himmel – allerdings mit gelegentlichen Abstechern zur Hölle. Denn das just erschienene neue „Magazin für den überforderten Intellektuellen“ widmet sich dezidiert einer Frage, die gerade Intellektuelle seit Nietzsches Befund, dass Gott tot sei, permanent (über-)fordert: „Was zum Teufel ist mit Gott los?“

Das Who-is-Who der -ismen

Tintenfass Nr. 31 - Was zum Teufel ist mit Gott los - Diogenes Verlag - Glarean MagazinEine Frage wahrlich gott-losen, ja teuflischen Ausmasses, und eine, die zu beantworten man eine Armada von Geistesgrössen aller Zeiten, Kontinente und Stile aufzufahren gezwungen ist. Was die beiden Herausgeber Daniel Kampa und Winfried Stephan denn auch 414 üppig vollgeschriebene und -gezeichnete Buchseiten lang tun. Das Autorenverzeichnis liest sich beinahe wie das Who-is-Who des Theismus, Atheismus und Agnostizismus der neueren Geistesgeschichte. Da steht ein Gespräch mit Bernhard Schlink über „Ethikunterricht in der Schule“ neben einem Aufsatz von Ludwig Marcuse über „Kann man heute noch beten?“; Satiren wie H.G. Wells‘ „Jimmy Glotzauge, der Gott“ neben Tiefgründigem wie Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“; Chaplins berühmte Schlussrede aus seinem „Diktator“ neben Lessings noch berühmterer „Ringparabal“; ein Interview mit Woody Allen („Kunst ist der Katholizismus der Intellektuellen“) neben einem vielseitigen Sammelsurium von „ehrfürchtigen und weniger ehrfürchtigen“ Gebeten von Teresa v. Avila bis Hans M. Enzensberger; oder der „Brief aus dem Gefängnis“ von KZ-Opfer Graf von Moltke neben Prosa-ischem der Regisseurin Doris Dörrie („Burberry-Blues“).

Sinnstiftendes und Übersinnliches

Karikaturist Bosc: Zurechtlegung des Glaubens (Tintenfass Nr. 31 - Diogenes Verlag)
Karikaturist Bosc: Zurechtlegung des Glaubens (Tintenfass Nr. 31 – Diogenes Verlag)

Das Motto des neuen „Tintenfasses“, nämlich „Sinnstiftendes und Übersinnliches“, verspricht also keineswegs zuviel. Kommt noch hinzu, was in den Diogenes-Tintenfässern immer hinzukommt, nämlich eine Fülle von exquisit-handverlesenen Zeichnungen, Cartoons und Illustrationen, welche dem religiösen Wort dort weiterhelfen, wo es Bilder braucht. Und seien es solche respekt- bis pietätlosen Schwarz-Weiss-Maliziösitäten wie beispielsweise von Bosc (oben) oder Ungerer (links).

Karikaturist Tomi Ungerer: Anbetung des Autos (Tintenfass Nr. 31 - Diogenes Verlag)
Karikaturist Tomi Ungerer: Anbetung des Autos (Tintenfass Nr. 31 – Diogenes Verlag)

Wobei die stilistische und inhaltliche Vielfalt des Bild-nerischen jenem des Wort-lichen in nichts nachsteht. Jedenfalls „zeichnet“ ein wahrhaft bunter Haufen von (teils berühmten) humoristischen Philosophen und philosophierenden Humoristen für das Unsinnige im scheinbar Sinnigen verantwortlich; dieses „Tintenfass“ ist nicht nur tief, sondern auch breit.
Wer also nicht Theologie-Systeme, sondern den süffisanten Widerspruch, und nicht kitschige Pietà, sondern kritische Nachdenklichkeit, und schon gar nicht religiösen Gehorsam, sondern aufgeklärte Ehrfurcht verbunden mit verständnisvollem Augenzwinkern fürs Menschlich-Allzumenschliche sucht, der liegt genau richtig mit diesem eindrücklichen, editorial sehr gelungenen Panoptikum „über Gott und die Welt“.

Tintenfass (Magazin für den überforderten Intellektuellen), Nr.31 (Was zum Teufel ist mit Gott los), Diogenes Verlag, 416 Seiten, ISBN 978-3-257-22031-5

Lesen Sie im Glaran Magazin auch von Walter Eigenmann: Über die Satire

… sowie in der Rubrik „Wer bin ich?“ die Cartoons vom Oktober 2008: Ein Abgrund an Visionen

Anekdoten aus der Welt der Literatur (1)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Im Notfall Schlaftabletten

Ein bunter Strauss von Literatur-Anekdoten

von Walter Eigenmann

Mark Twain

Mark Twain war auf Europa-Reise und betrat in Deutschland ein Hotel. Während er die Feder ergriff, um sich ins Fremdenbuch einzutragen, las er an letzter Stelle: „Graf von Hohenlohe mit Kammerdiener.“
Twain schrieb darunter: „Mark Twain mit Schweinslederkoffer.“

Mark Twain nimmt Theater-Huldigungen entgegen
Mark Twain nimmt Theater-Huldigungen entgegen

Erich Mühsam

Erich Mühsam war in der Schule keineswegs fleissig. Eines Tages hatte der Lehrer einen Preis ausgesetzt für den besten Klassenaufsatz über das Thema: „Was ist Faulheit?“
Mühsam lieferte stolz den längsten Aufsatz ab: drei Seiten!
Auf der ersten Seite stand „Das“.
Auf der zweiten Seite stand „ist“.
Auf der dritten Seite stand „Faulheit.“

Alphons Allais

Der französische Humorist Alphonse Allais war auch privat ein Kauz. Eines Morgens kam er aufs Postamt und sagte: „Ich möchte Marken zu fünfzig Centimes.“
Der Beamte holte den Bogen mit den Marken hervor und fragte: „Wieviel?“
Allais zeigte auf einzelne Stücke: „Geben Sie mir die … und die … und die … und die … und die da …“

Peter Hille

Peter Hille erschien im „Café des Westens“, dem als „Café Grössenwahn“ bekannten Treffpunkt der Berliner Bohème, und erzählte, dass an seinem Geburtstag in Neukölln ein Schild angebracht worden sei. Erstaunt und neidisch fragte Otto E. Hartleben: „So? Was steht denn drauf?“
„Vorsicht Bauarbeiten!“ sagte Peter Hille schlicht.

Oscar Wilde

Englands einstiger Chef-Dandy: Oscar Wilde
Englands einstiger Chef-Dandy: Oscar Wilde

Als Oscar Wilde (Karikatur:M.Beerbohm) einmal durch eine öde Gegend fuhr, kam er mit einem Mitreisenden ins Gespräch. Es war ein herrlicher Frühlingtag. Der Mitreisende sagte: „Was für eine öde Landschaft.“
„Ja“, pflichtete Oscar Wilde bei, „schade um das schöne Wetter.“

Nach dem Besuch einer Wagner-Oper zeigte sich Wilde äusserst unzufrieden und schwor, nie wieder eine zu besuchen. „Wagners Musik ist unerträglich“, sagte er. „Sie ist so laut, dass man die ganze Zeit reden kann, ohne dass die anderen hören, was man sagt.“

Hugo Ball

Der Dadaist Hugo Ball betrat ein Postamt, verlangte ein Telegrammformular und füllte es aus: „BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO – BUMBALO“
Der Beamte las es und sagte: „Sie haben das Recht, noch drei Wörter zum gleichen Preis zu schreiben. Soll ich noch dreimal BUMBALO hinzufügen?“
„Unsinn!“ rief Hugo Ball. „Da gibt es nichts hinzuzufügen!“

Fjodor Dostojewski

Dostojewski war oft geistesabwesend. Er bemerkte dann nicht, wenn jemand mit ihm sprach, und antwortete ganz mechanisch. Eines Tages sprach ihn auf der Strasse eine Bettlerin an und erzählte von ihrem kranken Mann und ihren zwei Kindern zu Hause. Gedankenlos gab Dostojewski ihr dreissig Kopeken. Da schimpfte die Bettlerin los: „Schämst du dich nicht, mich so in aller Öffentlichkeit zu blamieren?!“ Es war des Dichters eigene Frau, die ihren Mann einmal nasführen wollte.

Ernest Hemingway

Whiskey-Kenner Ernest Hemingway
Whiskey-Kenner Ernest Hemingway

Hemingway (Karikatur:P. Kirchmair) rühmte sich, mindestens zehn Whiskys am Tag zu trinken. Als ein Arzt Wasser in seinen Beinen feststellte, soll er gesagt haben, das läge an „den verdammten eisstücken im Whisky“.

Peter Bichsel

Bichsel war dreizehn Jahre lang Lehrer in einem Schweizer Dorf. Einmal wollte er Sprichwörter erklären, zum Beispiel: Man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Er zeichnete einen grossen Teufel an die Tafel und fragte: „Nun, welches Sprichwort ist mit dieser Zeichnung gemeint?“
Begeistert rief ein Kind: „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände!“

Joachim Ringelnatz

Ringelnatz betrat ein elegantes Weinlokal. Als er Platz nehmen wollte, bemerkte der Ober herablassend: „Dieser Tisch ist reserviert, mein Herr.“
Ringelnatz sah herablassend zurück und sagte: „Gut, stellen Sie ihn weg und bringen Sie einen anderen.“

Ringelnatz (alias Hans Bötticher) arbeitete einmal als Buchhalter. Eines Tages kam der Chef ins Kontor und sah, wie Ringelnatz‘ Kollege sanft und fest schlief. „Ich werde den Mann wohl entlassen müssen“, sagte der Prinzipal: „Herr Bötticher, glauben Sie, dass Sie seine Tätigkeit mitübernehmen können?“
„Aber sicher, Herr Direktor“, erwiderte Ringelnatz trocken. „Im Notfall könnte ich Schlaftabletten nehmen.“

Anton Kuh

Anton Kuh sass als einziger Gast morgens im Café „Herrenhof“, als ein bekannter General des österreichischen Heeres hereinkam. Kuh sah kurz auf, erhob sich und …
„Danke, danke“, sagte der an Ehrenbezeugungen Gewöhnte leutselig. „Behalten Sie Platz!“
Erstaunt sah ihn Anton Kuh an: „Bitte, ich werde mir doch die Zeitung holen dürfen?“

Georg B. Shaw

Scharfzüngiger Satiriker: Georg Bernard Shaw
Scharfzüngiger Satiriker: Georg Bernard Shaw

Der Dirigent eines ziemlich mittelmässigen Orchesters, das in einem Londoner Restaurant aufspielte, erkannte Shaw, der damals auch als Musikkritiker arbeitete, und sandte ein Billet an seinen Tisch mit der Frage, was er als nächstes spielen lassen solle. „Domino“, antwortete Shaw.

Gottfried Benn

Man fragte Gottfried Benn, warum er ausgerechnet Hautarzt geworden sei. „Das hat drei Gründe“, antwortete Benn: „Die Patienten rufen mich nicht in der Nacht, sie sterben nicht, und sie werden auch nicht gesund.“

Wilhelm Raabe

Ein Stuttgarter Verleger lud Raabe zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift ein. Um die Ansprüche des Dichters gering zu halten, schloss er seinen Brief mit einem Wortspiel: „Zahle Honorar rar.“
Raabe antwortete umgehend: „Liefere Beiträge träge!“

Edgar Wallace

Eine freundliche alte Dame, die bei einem Dinner neben P.G. Wodehause sass, schwärmte ihm von seinen Werken vor. Ihre Söhne, sagte sie, hätten alle seine Bücher und würden nicht versäumen, jedes neue Buch von ihm zu kaufen. „Und wenn ich denen jetzt erzähle“, fuhr sie fort, „dass ich tatsächlich neben Edgar Wallace gesessen habe, platzen sie vor Neid!“

Günter Grass

Grass ging durch den Speisewagen. Da hörte er, wie eine Dame ihrem Mann zuflüsterte: „Hast du den gesehen? Sieht er nicht Günter Grass frappant ähnlich?“ Grass drehte sich um und lächelte. Da meinte die Dame: „Er hat sich sichtlich geschmeichelt gefühlt.“

Moritz Saphir

Der jüdische Satiriker Saphir wurde auf der Strasse angepöbelt. Er redete den Flegel freundlich an:
„Entschuldigen Sie, sind Sie nicht der Sohn meines Freundes Rott?“
„Nein.“
„Aber das ist ja erstaunlich! Diese Ähnlichkeit! Ganz Rotts Stirn, ganz Rotts Augen, ganz Rotts Nase!“

Ezra Pound

Ezra Pound und William C. Williams gingen spazieren, und Pound tat wie üblich sehr eingebildet. Williams versuchte, ihn abzulenken: „Schau, Ez, der Winterweizen steht schon vier Zoll hoch und kommt hervor, dich zu begrüssen!“
„Das ist der erste intelligente Weizen, den ich je gesehen habe“, antwortete Pound.

Frank Wedekind

Musizierender Dramatiker Frank Wedekind
Musizierender Dramatiker Frank Wedekind

Uraufführung eines Dramas von Max Halbe. Frank Wedekind (Karikatur: Th.Heine) flüsterte dem Autor zu: „Sieh mal, der Herr in der zweiten Reihe da vorn ist bereits eingeschlafen.“
Zwei Tage später stand ein Stück von Wedekind auf dem Spielplan. Halbe war überglücklich, nun seinerseits Wedekind auf einen Schläfer aufmerksam machen zu können.
„Tatsächlich“, sagte Wedekind, „er ist noch immer nicht aufgewacht.“

Heinrich Heine

Der Spötter Heine war bei vielen verhasst. „Dabei habe ich selbst die friedlichste Gesinnung“, schrieb er. „Meine Wünsche sind die allerbescheidensten: Eine Hütte, Strohdach, aber gutes Bett, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, lässt er mich die Freude erleben, dass an diesen Bäumen sechs oder sieben meiner Feinde aufgehängt werden.“

Egon Friedell

Nur wenige von Friedells Freunden vermochten die Bedeutung seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ richtig einzuschätzen, und die wenigsten waren bereit, sie zu lesen. „Darin steht doch bloss alles, was mich nicht interessiert“, maulte einer. Darauf Friedell: „So dick ist das Buch nun auch wieder nicht.“

Martin Walser

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Jemand fragte Martin Walser, der eben den Roman „Tod eines Kritikers“ veröffentlicht hatte, ob er Marcel Reich-Ranicki überhaupt kenne. „Ob ich ihn kenne?“ fragte Walser zurück. „Ich kenne ihn so gut, dass ich mit ihm seit dreissig Jahren kein Wort gewechselt habe.“

Johann W. v. Goethe

Wenn Goethe mit seinem Freund, dem Schweizer Maler und Kunsthistoriker Johann H. Meyer, spazierenfuhr, soll sich ihr Gedankenaustausch folgendermassen abgespielt haben: Goethe sagte von Zeit zu Zeit: „Hm, hm.“ Worauf Meyer erwiderte: „So ischt’s!“ ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin auch die
Anekdoten aus der Welt der Literatur (2)
… sowie die Anekdoten- und Zitaten-Sammlung Dichter beschimpfen Dichter

Dichter beschimpfen Dichter – Literatur-Zitate

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 6 Minuten

Von hässlich bis boshaft

Wenn Dichter über Dichter herziehen

von Walter Eigenmann

Der bedeutende Düsseldorfer Romantik-Chronist, Romancier, Diplomat und Biograph Karl Varnhagen von Ense schrieb einmal: „In der Literatur geht es nicht wie in einer Teegesellschaft zu; die Literatur ist ein Schlachtfest und eine Schandbühne, es gibt Wunden und Stiche in Menge, neben wenigen Ehrenzeichen, die am Ende auch wenig gelten. Das Vergnügen an der Sache ist das Beste daran, wie bei der Jagd.“

Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar
Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar

Und in der Tat: Liest man quer durch die Jahrhunderte, was Dichter über Dichter geschrieben haben, in teils kaum verhohlener, neidischer Aggressivität, teils mit verschämtem Murmeln hinter vorgehaltenen Zeilen, dann wieder in Statements des Ekels bis Hasses oder auch in quasi-theoretischen Legierungen von ästhetischer Argumentation und moralinsaurem Zeigefinger – dann, spätestens dann klärt sich der ehemals unbedarft-verzückte Blick aufs hehre Dichtertum plötzlich zur realistischen Foto-Linse, die ungeschönt den Neidhammel hinterm Roman, den Missgünstigen hinterm Essay, den Futterneider hinterm Drama, den Flegel hinterm Gedicht, kurzum: den Menschen hinter dem Werk ans Licht zerrt.

Das bildungsbürgerliche Ideal der friedlichen Koexistenz kreativen Schaffens kreativer Schaffender, die propagierte Sehnsucht nach der multikünstlerisch-kommunikativen Einheit in der thematischen und stilstischen Vielfalt: Nur Schall und Rauch und ad absurdum geführter Traum literarisch gescheiterter Deutsch-Lehrer?

Mit intellektuellem Aufwand gegen den Intellekt des Gegners

Walter Eigenmann - In medias res - Aphorismen
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Andererseits: Welcher Esprit, welch metaphorische Eleganz, welch sprachliche Eloquenz oft in diesen Echauffierungen von Dichtern gegen Dichter! Frappant auch der intellektuelle Aufwand, mit dem die Intellektualität des Kontrahenten negiert wird; und diese Leidenschaft in der Bosheit, mit welcher das Publikum von der Nichtigkeit des Gegners und seines Werkes überzeugt werden soll!
Neben viel Grobem und gewollt Hässlichem also auch das Lesevergnügen des feinen Stichelns, des schelmischen Tritzens, des augenzwinkernden Neckens. Zuweilen auch wird der gröbste Holzhammer aus der Scheune geholt – doch das alles allemal interessanter als der Devotismus und die tränenerstickte Pietät, mit der die Patina des Historisierens aus jedem Zinnsoldaten ein Monument macht. Und dann nicht zu vergessen all das unbewusst Selbstbildnerische, das gespiegelt aus allen Zeilen der Attacke zu blinzeln pflegt, und das gesamthaft manchmal mehr verrät über den Schreiber als über den Beschriebenen.

Man ergötze sich denn also nachstehend an ein paar der hübschesten Gemeinheiten und brutalsten Nettigkeiten aus dem (wohl unerschöpflichen) Panoptikum der literaturkritischen Irrungen und Wirrungen – und jenes Menschlich-Allzumenschlichen, wie es die Biographie noch der genialsten Schöpfer von Weltdichtungen durchzieht. Als sei es unabdingbarer Widerpart jener ge- bzw. übersteigerten Selbstwertschätzung, die wohl jedes hochstehende künstlerische Schaffen als psychologische Grunddisposition voraussetzt…

Es sagte…

…Schiller über Voss

Man sieht, dass Voss auch keine entfernte Ahndung von dem inneren Geist des Gedichts und folglich auch keine von dem Geist der Poesie überhaupt haben muss, kurz keine allgemeine und freie Fähigkeit, sondern lediglich seinen Kunsttrieb, wie der Vogel zu seinem Nest und der Biber zu seinen Häusern.

…Voss über Arnim&Brentanos „Wunderhorn“

Ein zusammengeschaufelter Wust voll mutwilliger Verfälschungen, ein heilloser Mischmasch von allerlei butzigen, trutzigen, schmutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern, samt einigen abgestandenen Kirchenhauern.

Heinrich Heine (Karikatur: Titelseite der „Jugend“ 1906 – „Heine mit spitzer Feder“)

…Heine über Goethe

Dass ich dem Aristokratenknecht Goethe missfalle, ist natürlich. Sein Tadel ist ehrend, seitdem er alles Schwächliche lobt. Er fürchtet die anwachsenden Titanen. Er ist ein schwacher abgelebter Gott, den es verdriesst, dass er nichts mehr erschaffen kann.

…Goethe über Kotzebue&Co.

Merkel, Spazier und Kotzebue,
Das gibt doch mit Pasquillen keine Ruh!
Doch tue ich gern deren literärisches Wesen
Zu Abend auf dem Nachtstuhl lesen,
Grobe Worte, gelind Papier
Nach Würdigkeit bedienen hier;
Dann leg‘ ich ruhig, nach wie vor,
In Gottes Namen mich aufs Ohr.

…O’Casey über Beckett

Ich warte nicht auf Godot, dass er mir Leben bringt; ich bin selber auf Leben aus, sogar in meinem Alter. Was hat denn irgend jemand von euch mit Godot zu schaffen? Im Geringsten von uns steckt mehr Leben, als Godot geben kann.

…Beckett über Ringelnatz

Ich bezweifle nicht, dass Ringelnatz als Mensch von ganz ausserordentlichem Interesse war. Als Dichter aber scheint er Goethes Meinung gewesen zu sein: Lieber NICHTS schreiben, als nicht zu schreiben.

Tolstoj in Leipzig (Karikatur: Tolstoj wird wegen seiner „Auferstehung“ in Leipzig verhaftet; „Simplicissimus“ 1902)

…Woolf über Tolstoj

Also, I will tell you about Anna Karenina, and the predominance of sexual love in 19th century fiction, and its growing unreality to us who have no real condemnation in our hearts any longer for adultery as such. But Tolstoj hoists all his book on that support. Take it away, say, no it doesn’t offend me that AK. should copulate with Vronsky, and what remains?

…Tolstoj über Shakespeare

Shakespeares „King Lear“ ist unter aller ernstgemeinten Kritik. Das Stück ist ethisch abstossend und technisch infantil.

…Musil über Grillparzer

Man vergesse doch nicht, wenn man die Bedeutung Grillparzers bestimmt, dass zu jener Zeit schon Flaubert, Balzac, Dostojewskij schufen, und dass die deutsche Entwicklungs-Linie bei Grillparzer um eine Phase hinter der Welt zurück war.

…Grillparzer über Balzac

Ich glaube, der Kerl ist wahnsinnig geworden.

…Hacks über Biermann

Biermanns Lieder waren bildhaft und wunderlich wie die, welche die Schäfer auf der Heide und die Dienstmädchen in den grossen Städten singen. Erst als ein fehlerhafter Ehrgeiz ihn trieb, sich an Heines Philosophie und Villons Weltgefühl zu messen, als er sich von den Alltagssachen weg und den Weltsachen zuwandte, verstiess er gegen die seiner Begabung angemessene Gattung und sank vom Volksliedsänger zum Kabarettisten. Er wurde, was er ist: der Eduard Bernstein des Tingeltangel.

Bertold Brecht - Glarean Magazin
Bertold Brecht

…Biermann über Brecht

Brecht lebte das kalte Prinzip der Zweckmässigkeit, das brutale Primat seiner Produktivität über so wacklige Werte wie Freundschaft, Liebe und Solidarität.

…Benn über Céline

Er ist ein primärer Spucker und Kotzer. Er hat ein interessantes elementares Bedürfnis, auf jeder Seite, die er verfasst, mindestens einmal je Scheisse, Pisse, Hure, Kotzen zu sagen. Worüber, ist nebensächlich.

… Tucholsky über Kraus

Komplett meschugge.  ♦

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Humor in der Literatur“ auch die
Anekdoten aus der Welt der Literatur (1)
… sowie die Roman-Rezension über
David Safier: Jesus liebt mich

Walter Eigenmann: Das h6-Syndrom (Schach-Satire)

Lesezeit für diesen Beitrag: ca. 7 Minuten

Das h6-Syndrom

von Walter Eigenmann

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Wie lautet noch gleich eines der 10 Gebote, das wir unseren Schach-lernenden Zöglingen in Schulen und Vereinen stets mit grösstmöglich erhobenem Zeigefinger auf den Turnier-Lebensweg mitgeben?
Richtig: „Du sollst nicht unnötig bewegen deiner Rochade Bauern!“
Immer und immer wieder predigen wir’s ihnen – doch was machen die Kids?! Sie gehen nach Hause, werfen ihre Computer mit den grossen Datenbanken an, scrollen neu- und wissbe-gierig durch die Grossmeister-Partien – und werden dabei mit einem Massen-Phänomen konfrontiert, das alle pädagogischen Bemühungen zunichte zu machen droht. Dieses Phänomen manifestiert sich beispielsweise in Stellungen wie der folgenden:

h6-Syndrom Nr.1
Griesmann-Nicot 1953

Das h6-Syndrom Nr. 1: Griesmann-Nicot 1953 - r2q1rk1/ppn3bp/2pp1np1/6B1/2PP2B1/2N4R/PP1Q1P2/2KR4 b - - 0 18
Das h6-Syndrom Nr. 1: Griesmann-Nicot 1953 – r2q1rk1/ppn3bp/2pp1np1/6B1/2PP2B1/2N4R/PP1Q1P2/2KR4 b – – 0 18

Wir haben es hier mit einem extrem verbreiteten, nicht kontrollier-, aber meist voraussehbaren, reflexartigen Fingerzucken zu tun, das jede und jeden, ob Anfänger oder Grossmeister, ob dick oder dünn, ob Mensch oder Maschine, ob blöd oder genial befallen kann. Nämlich das unwillkürliche, sofort-ruckartige, kognitiv nicht mehr gesteuerte Aufziehen des schwarzen h7-Bauern um einen Schritt, sobald auf g5 ein weiβer Läufer aufgetaucht ist. (Wobei dieser Reflex natürlich nicht auf die Führer der schwarzen Steine beschränkt ist, sondern mit umgekehrten Vorzeichen genauso häufig die Weissen mit ihrem geliebten h2-h3 befällt…) Jedenfalls hat diese h7-h6-Zuckung enormes Suchtpotential – bei häufigem Befall führt es unweigerlich in den totalen Elo-Ruin.
Die Rede ist vom sogenannten h6-Syndrom.

Was gemeint ist, sieht man sogleich, wenn man in obiger Stellung (immerhin gespielt in Frankreichs Fernschach-Meisterschaft 1953) so beobachtet, was nun die Herren Meisterspieler – Vorbilder unseres Nachwuchses! – weiter treiben:

18…h6? 19.Lxh6 Sxg4 [19…Tf7 20.Lxg7 Txg7 21.Tg1+-] 20.Lxg7 Kxg7 [20…Txf2 21.Th8+-] 21.Tdh1 Se8 [21…Sf6 22.Dh6 Kf7 23.Se4 Se6 (23…Sxe4 24.Tf3 Ke6 25.Dxg6+-) 24.Tg1+-; 21…Se6 22.Th7 Kg8 (22…Kf6 23.Se4 Kf5 24.f3+-) 23.f3+-] 22.Th7+- und die Droge h7-h6 hat ein neues Opfer gefordert. – –

Die zwei Krankheitsbilder des h6-Syndroms

Das ganze Syndrom lässt sich psychologisch in zwei spezifische Krankheitsbilder unterteilen. Da wäre als das eine Motiv:

1. Die Ablenkung

Vorstehendes Diagramm illustrierte deutlich den entspr. Krankheitsverlauf – hier ein weiteres Beispiel:

h6-Syndrom Nr.2
Miles-Fedorowicz 1981

Das h6-Syndrom Nr. 2: Miles-Fedorowicz 1981 - r2qrbk1/1p3p1p/p1bp1np1/n1p3B1/4P3/1PN3PP/P1PQNPBK/3R1R2 b - - 0 16
Das h6-Syndrom Nr. 2: Miles-Fedorowicz 1981 – r2qrbk1/1p3p1p/p1bp1np1/n1p3B1/4P3/1PN3PP/P1PQNPBK/3R1R2 b – – 0 16

Eben ist auf g5 der weisse Läufer erschienen, und sofort verfällt der Patient der wahnhaften Vorstellung, er müsse mittels h7-h6 den Eindringling ablenken, um so den Punkt f6 zu entlasten, wonach man sich vielleicht an einem gegnerischen Bauern schadlos halten könne. Ein folgenschwerer Irrtum, der fast zwangsläufig zum Kollaps des gesamten schwarzen Beziehungsnetzes führt – ein kleiner Schritt für den Bauern, aber ein grosses Problem für den König:

16…h6? 17.Lxh6 Lxh6 [17…Lxe4 18.Lxf8 Lxg2 (18…Kxf8 19.Dh6 Kg8 (19…Ke7 20.De3 +-) 20.Sxe4+-; 19.Kxg2 Kxf8 (19…Txf8 20.Dxd6+-) 20.Dh6 Kg8 21.f4+-] 18.Dxh6 Sxe4 19.Sxe4 Lxe4 20.Sf4+-

Das andere, noch weit häufigere Sucht-Motiv, welches dem h6-Syndrom zugrunde liegt, ist

2. Die Vertreibung

Die Vertreibung hat ebenfalls eine krankhafte Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Grundlage, nämlich den begreiflichen Wunsch, dass sich der Gegner zurückziehen möge. Was dieser natürlich nicht tut – im Gegenteil: Der Syndrom-Bauer wird als gefundenes Fressen interpretiert, gewaltsam aus dem feindlichen Bauernkörper extrahiert – wodurch unweigerlich die gesamte Rochade-Bauernphalanx mit in den Abgrund gerissen wird.
Hierzu erneut ein paar instruktive Fall-Beispiele, um zu zeigen, welch tragisches Ende dieses zwanghafte Fingerzucken nehmen kann. Denn die Folgeschäden sind in den meisten Fällen irreparabel. Dabei bedürfen die medizinischen Indikationen der untenstehenden Patienten-Schicksale eigentlich keiner weiteren Kommentierung. Man beachte jeweils die Schnelligkeit, mit welcher das Opfer Zug um Zug der Agonie anheimfällt. Denn die Krankheit verläuft immer in den gleichen drei Stadien: 1.Bauernzug – 2.Läufer-Befall – 3.Exitus.

h6-Syndrom Nr.3
Kotkov-Razinkin 1960

Das h6-Syndrom Nr. 3: Kotkov-Razinkin 1960 - 2r2rk1/1bq1bppp/p4n2/np1P2B1/3p4/5N1P/PP3PP1/RB1QRNK1 b - - 0 17
Das h6-Syndrom Nr. 3: Kotkov-Razinkin 1960 – 2r2rk1/1bq1bppp/p4n2/np1P2B1/3p4/5N1P/PP3PP1/RB1QRNK1 b – – 0 17

17…h6? 18.Lxh6 Sxd5 [18…gxh6 19.Dd2 Tfd8 (19…d3 20.Dxh6 mit Angriff) 20.Dxh6 Txd5 21.Sg3 Lf8 (21…Sc4 22.Sf5 +-; 21…d3 22.Lxd3 Txd3 23.Sf5 Lf8 24.Dg5+-) 22.Dxf6 mit Angriff; 18…Lxd5 19.Lg5 Sc6 (19…Tfe8 20.Sxd4 mit Angriff; 19…Lxf3 20.Dxf3 mit Angriff) 20.Sxd4 mit Angriff] 19.Lxg7 Kxg7 [19…Tfe8 20.Dd3 Sf6 21.Df5+-; 19…Tfd8 20.Sxd4 +-; 19…Sf6 20.Sxd4+-; 19…Lb4 20.Le5+-] 20.Dxd4+-

h6-Syndrom Nr.04
Vasiukov-Vasilchuk 1961

Das h6-Syndrom Nr. 4: Vasiukov-Vasilchuk 1961 - 2r1r1k1/1bq1bppp/p2p1n2/1p2pNB1/1n1PP3/3B1N1P/PP3PP1/R2QR1K1 b - - 0 18
Das h6-Syndrom Nr. 4: Vasiukov-Vasilchuk 1961 – 2r1r1k1/1bq1bppp/p2p1n2/1p2pNB1/1n1PP3/3B1N1P/PP3PP1/R2QR1K1 b – – 0 18

18…h6? 19.Lxh6 Lf8 [19…Sxd3 20.Dxd3 gxh6 21.Sxh6 Kf8 (21…Kh7 22.Sxf7 Kg7 (22…Kg6 23.S3g5 mit Angriff) 23.S3g5 mit starkem Angriff) 22.Sf5 mit starkem Angriff; 19…gxh6 20.Dd2 Sxd3 (20…Lf8 21.Dxb4+-) 21.Dxh6 mit starkem Angriff] 20.Lg5 Sxd3 [20…Sh7 21.Tc1 Dd7 (21…Db8 22.Lb1+-) 22.Lb1 mit starkem Angriff] 21.Dxd3 mit starkem Angriff.

h6-Syndrom Nr.5
Levy-Bonner 1967

Das h6-Syndrom Nr.5: Levy-Bonner 1967 - r3r1k1/p3bppp/2q1pn2/1pn3B1/7Q/2P3N1/PPB2PPP/3R1RK1 b - - 0 18
Das h6-Syndrom Nr.5: Levy-Bonner 1967 – r3r1k1/p3bppp/2q1pn2/1pn3B1/7Q/2P3N1/PPB2PPP/3R1RK1 b – – 0 18

18…h6? 19.Lxh6 Sd5 [19…gxh6 20.Dxh6 Sfe4 21.Sxe4 Sxe4 22.Td4 +-] 20.Dg4 +-

h6-Syndrom Nr.6
Diemer-Markus 1974

Das h6-Syndrom Nr. 6: Diemer-Markus 1974 - r2q1rk1/pp1n1ppp/2pbpn2/6B1/3P3Q/2NB3P/PPP3P1/R4RK1 b - - 0 12
Das h6-Syndrom Nr. 6: Diemer-Markus 1974 – r2q1rk1/pp1n1ppp/2pbpn2/6B1/3P3Q/2NB3P/PPP3P1/R4RK1 b – – 0 12

12…h6? 13.Lxh6 gxh6 (Var): 14.Se4 Le7 15.Dxh6 Sxe4 16.Lxe4 f5 17.Dxe6 Kg7 18.Lxf5 (mit starkem Angriff)

Auch du, Maschine?

Soweit zum h6-Syndrom im Zusammenhang mit menschlichen Opfern, wobei sich hinter diesen wenigen Beispielen natürlich eine riesige Dunkelziffer verbirgt. Der geneigte Leser sei auf die groβen aktuellen Schach-Datenbanken verwiesen, in denen abertausende solcher h6-Opfer ihr elendes Dasein fristen.
Maschinen wenigstens, so hört man zuweilen hoffen, seien doch aber gegen den h6-Virus immun, da sie mit ihrem eher emotionslosen Naturell für eine kognitive Bewältigung lebensbedrohlicher Situationen besser gerüstet seien als Menschen?
Weit gefehlt! Auch Silikanten reagieren wie Humanoide auf Extremstress (beispielsweise Gegner-Läufer) mit dem totalen Verlust jeglicher Rationalität. Als Beweis in realiter lege man experimentell die obigen Fall-Studien einer kleinen Runde von Engine-Software zur „Begutachtung“ vor – quasi als Rorschach-Test. Man wird verblüfft sein, wie schnell auch bei Programmen der fatale h6-Reflex spielt: Ein gegnerischer Läufer hat die Mittellinie überschritten; die Pawlov’sche Lampe im Programmierer leuchtet auf; der h-Bauer fährt blitzschnell nach vorne – und der Teufelskreis ist perfekt!

Zwei abschliessende, instruktive Illustrationen des h6-Syndroms bei Schachprogrammen beleuchte nochmals die ganze Tragweite dieser Volkskrankheit:

h6-Syndrom Nr.7
Amateur 2.82 – Abrok 5 (Internet 2005)

Das h6-Syndrom Nr. 7: Amateur 2.82 - Abrok 5 (Internet 2005) - r2r2k1/p4pbp/n1pp1np1/4p1B1/Pq2P3/1P3B1P/2PQ1PP1/1N1R1RK1 b - - 0 17
Das h6-Syndrom Nr. 7: Amateur 2.82 – Abrok 5 (Internet 2005) – r2r2k1/p4pbp/n1pp1np1/4p1B1/Pq2P3/1P3B1P/2PQ1PP1/1N1R1RK1 b – – 0 17

17…h6? 18.Lxh6 Lxh6 19.Dxh6 Sxe4 [ 19…Sc5 20.Tfe1 mit Angriff] (Var.): 20.Tfe1 Sac5 21.Lxe4 Sxe4 22.Dh4 mit Angriff

h6-Syndrom Nr.8
ProDeo 1 – ElChinito 3.4c (Internet 2005)

Das h6-Syndrom Nr. 8: ProDeo 1 - ElChinito 3.4c (Internet 2005) - r2q1rk1/1p1bbppp/p1n1pn2/6B1/P1BP3Q/2N2N2/1P3PPP/R2R2K1 b - - 0 14
Das h6-Syndrom Nr. 8: ProDeo 1 – ElChinito 3.4c (Internet 2005) – r2q1rk1/1p1bbppp/p1n1pn2/6B1/P1BP3Q/2N2N2/1P3PPP/R2R2K1 b – – 0 14

14…h6? 15.Lxh6 gxh6 [ 15…Sa5 16.Ld3+-] 16.Dxh6 Dc7 [ 16…Te8 17.d5+-; 16…Sb4 17.Sg5+-; 16…Da5 17.Se5+-; 16…Sg4 17.Df4 f5 18.h3+-; 16…Sd5 17.Td3 Lf6 18.Sg5 Lxg5 19.Tg3+-] 17.Ld3 Sb4 [ 17…Tac8 18.Te1+-; 17…Tad8 18.d5 Se5 19.Dg5+ Sg6 20.Lxg6 fxg6 21.Dxg6++-] 18.Se5+-

Wie man sieht, bedarf es noch Jahre des geduldigen Suchens und Forschens, bis man die Programmierer endgültig heilen kann. Für normale Menschen hingegen, befürchte ich, kommt alle Hilfe zu spät.
Denn ein medizinhistorischer Rückblick auf 500 Jahre Schachgeschichte belehrt jeden Optimisten eines besseren: Gegen solch zwanghafte Verführungen wie h7-h6 (oder h2-h3) erwies sich der Mensch seit je her als nicht-resistent. „Kein Gegner-Läufer auf g5/g4!“ scheint Ausdruck eines Ur-Instinktes zu sein, ja scheint auf atavistische, der Spezies gleichsam genetisch verwurzelte Schichten des Daseins zu verweisen.

Kurzum: das h6-Syndrom ist weder ein schachliches noch ein medizinisches, es ist ein metaphysisches, ja existentielles Problem. Dieses können wir nicht lösen. Wir müssen mit ihm leben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Prof. Dr.Dr.schach.med.hist. W. Eigenmann

Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema „Schach und Humor“ auch die Anekdoten aus der Welt des Schachs
… sowie zum Thema Schach-Satiren auch von Lars Bremer: Die 32-Steiner