Juho Kuosmanen (Regie): Compartment No. 6 (Film)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Kammerspiel in der Transsibirischen

von Katka Räber

Der Spiel­film Com­part­ment No. 6 („Abtei­lung Nr. 6“) des Regis­seurs Juho Kuos­ma­nen basiert auf dem gleich­na­mi­gen Roman der in Finn­land sehr bekann­ten Autorin Rosa Lik­som. Ein span­nen­des Road­mo­vie mit dem Zug von Mos­kau nach Mur­mansk. Und wie bei Sartre in „Huis clos“ („Geschlos­sene Gesell­schaft“) befin­den sich die Prot­ago­nis­ten in einem prak­tisch geschlos­se­nen Raum, in einem Zugabteil…

Compartment No. 6 - Spielfilm - Glarean MagazinDer fin­ni­schen Archäo­lo­gie­stu­den­tin Laura erscheint zunächst die Vor­stel­lung, die lange Reise zusam­men mit dem unge­ho­bel­ten, oft gro­ben Minen­ar­bei­ter Ljoha zu ver­brin­gen wie ein Auf­ent­halt in der Hölle. Laura hoffte die Reise zu den 10’000 Jahre alten Fels­ma­le­reien (Petro­gly­phen) zusam­men mit ihrer Mos­kauer Gelieb­ten erle­ben zu kön­nen. Doch das Zugaben­teuer ent­wi­ckelt sich anders als erwartet.

Ein persönliches Russland

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Und wir fah­ren als Publi­kum mit, erle­ben einer­seits die spe­zi­el­len rus­si­schen Züge, die berühmte Trans­si­bi­ri­sche Eisen­bahn mit dem oft unfreund­li­chen, unzu­gäng­li­chen Per­so­nal, die Hal­te­sta­tio­nen sehen wir mit den Augen von Laura, die mit ihrer Kamera zunächst das All­täg­li­che die­ser für uns aus­ser­ge­wöhn­li­chen Reise filmt und uns so ein sehr per­sön­li­ches Russ­land vorstellt.
Gerade in der aktu­el­len Zeit, in der wir das Ver­hält­nis von Russ­land und der Ukraine so pola­ri­siert und bru­tal erle­ben, bekom­men wir einen Ein­blick in die rus­si­sche Pro­vinz und erhal­ten eine Vor­stel­lung von einem Teil der länd­li­chen Bevöl­ke­rung Russlands.

Kammerspiel in einem Zugabteil

Juho Kuosmanen - Regisseur - Glarean Magazin
„Viel­schich­tige Facet­ten“: Der fin­ni­sche Regis­seur Juho Kuosmanen

Die­ses Kam­mer­spiel in einem Zug­ab­teil zeigt sehr viel­schich­tige Facet­ten der Wahr­neh­mung unter­schied­li­cher Bevöl­ke­rungs­schich­ten. Auf so engem Raum spielt sich kon­zen­triert das Leben ab. Und all das pas­siert, immer uner­war­tet, im lang­sa­men Tempo, mit Humor, oft­mals mit Melan­cho­lie – und das Herz der Prot­ago­nis­ten wie auch des Publi­kums öff­net sich. Kein Wun­der, dass die­ser Film als inter­na­tio­na­ler Bei­trag für den Oscar-Wett­be­werb ein­ge­reicht wor­den ist.

Unter­wegs steigt ein jun­ger, eher ziel­los rei­sen­der Finne in das Abteil ein, der auch wie­der Bewe­gung in eine andere Rich­tung bringt. In der Bezie­hung zwi­schen der Fin­nin Laura und dem Rus­sen Ljoha kom­men immer wie­der Hür­den vor, von denen man­che span­nend über­wun­den, man­che mit Humor auf­ge­löst wer­den, auch die zu erwar­tende Lie­bes­an­nä­he­rung fin­det tat­säch­lich statt, wenn auch nicht mit einem Hollywood-Happyend.

Transsibirische Eisenbahn - Waggon - Zugabteil - Glarean Magazin
Road­mo­vie von Mos­kau nach Mur­mansk: Wag­gons der Tran­si­bi­ri­schen Eisenbahn

Und doch stei­gen wir erfüllt, beglückt, nach­denk­lich, aber lächelnd aus dem Zug ins Kino­foyer hin­aus, aus dem eisi­gen Sibi­rien in den hie­si­gen Früh­ling. Wir haben eini­ges ken­nen­ge­lernt, erfah­ren – wenn auch nichts, was in einem Tou­ris­mus-Rei­se­füh­rer steht.
Ergrei­fend, berüh­rend, auch gele­gent­lich befremd­lich, aber auch anders als „lost in trans­la­tion“. Feu­rige Begeg­nun­gen in der Kälte, über­ra­schend, ehr­lich, ohne Pathos, sehr mensch­lich und fil­misch gross­ar­tig umgesetzt. ♦

Juho Kuos­ma­nen (Regie): Com­part­ment No. 6, Spiel­film mit Seidi Haarla und Juri Boris­sow, 112 Minu­ten, Finn­land 2021

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