Peter Biro: Schreibblockade (Satire)

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Schreibblockade
oder
Der Förster und die Jägerin

Peter Biro

Teil 1 – Die Vorbereitung

Der von lau­ter Taten­drang und Schaf­fens­kraft nur so strot­zende Sati­ri­ker setzt sich in bes­ter Absicht vor den Com­pu­ter, um eine knal­lend lus­tige Satire zu schrei­ben. Dabei soll ein wirk­lich gelun­ge­nes Stück Lite­ra­tur mit gesell­schafts­kri­ti­schen Unter­tö­nen ent­ste­hen, das oben­drein auch noch unter­hal­tend ist.
Der rou­ti­nierte Schrei­ber sorgt für bes­tes Dich­tungs­am­bi­ente. Dafür lässt er die Jalou­sien halb her­un­ter, um die rich­tige Licht­menge her­ein­zu­las­sen; nicht zu viel und nicht zu wenig, gerade mal so, dass ihn die Schat­ten der sanft schwan­ken­den Pap­pel nicht vom krea­ti­ven Schaf­fen ablen­ken. Er rückt den Stuhl zurecht; die­ses Möbel­stück ist nicht zu unbe­quem, um die Arbeit zur Tor­tur zu machen, und auch nicht zu kom­for­ta­bel, um ihn bei län­ge­ren Denk­pau­sen matt wer­den zu lassen.
Die gelbe Quiet­sch­ente, ein Geschenk sei­ner klei­nen Nichte Lara und unent­behr­li­ches Mas­kott­chen des pro­li­fe­ra­ti­ven Dich­ters, muss der­weil hin­ter dem Bild­schirm ver­schwin­den. Die­ses Ding könnte ihn mit sei­nem lächer­lich gros­sen, roten Schna­bel zu sehr von hoch­tra­ben­den, dich­te­risch wert­vol­len Gedan­ken ablen­ken. Lara hatte das undicht gewor­dene Spiel­zeug nicht mehr brau­chen kön­nen und ver­machte es unter gewis­sen Auf­la­gen ihrem schrei­ben­den Onkel. Rechts von der Maus dampft schon griff­be­reit die ange­nehm duf­tende Tasse Hage­but­ten­tee und war­tet nur dar­auf, ihren unter­stüt­zen­den Bei­trag zur Ent­wick­lung wohl­for­mu­lier­ter, künst­le­risch über­aus anspruchs­vol­ler Ein­ge­bun­gen zu leisten.

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Schreibblockade - Glarean MagazinNun rückt er sich den Stuhl unter dem Hin­tern zurecht, setzt sich mit einer weit aus­ho­len­den Geste erwar­tungs­voll hin und über­prüft die Posi­tion der Tas­ta­tur, die sich genau auf Arm­länge vor ihm im Pan­ora­ma­for­mat aus­brei­tet. Ja, so ist es ideal! Mit einem ele­gant gesetz­ten Dop­pel­klick öff­net er eine neue Word­da­tei im umlaut­frei bezeich­ne­ten Ord­ner namens „Neue Ent­wuerfe“ und betrach­tet zufrie­den die blen­dend weisse Ober­flä­che, die sich so ein­la­dend auf dem pico­bello auf­ge­räum­ten Bild­schirm vor sei­nen Augen ausbreitet.
Einem Kla­vier­vir­tuo­sen nicht unähn­lich setzt der gefei­erte Autor seine zart­glied­ri­gen Hände auf die Tas­ta­tur, vol­ler Erwar­tung, dass seine gewohnte Krea­ti­vi­tät nun ansprin­gen werde, was wie­derum ent­spre­chend sinn­hafte Akti­ons­be­fehle an seine zehn („Fin­ger“ genann­ten) Aus­füh­rungs­or­gane aus­lö­sen würde. Noch ruhen acht sei­ner Akti­ons­künst­ler ange­spannt auf den Buch­sta­ben A, E, R, N, I, O, K und Shift, wäh­rend seine bei­den Dau­men sym­me­trisch auf der Pau­sen­taste sit­zen und bereit­ste­hen, die erfor­der­li­chen Abstände zwi­schen den sogleich pur­zeln­den, gol­de­nen Wor­ten des Meis­ters zu setzen.
Aber… aber es will ein­fach nichts purzeln.

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Was ist nur mit mir los?“ fragt sich der sicht­lich ver­un­si­cherte Gra­fo­mane, der ganz über­rascht ist vom nicht-ein­set­zen-wol­len­den Schreib­schwall. „Das gibt’s doch nicht!“ mur­melt er leise in sich hin­ein, „jetzt fällt mir gerade nichts ein. Ein wahr­haft unge­wöhn­li­ches Ereig­nis…“, denkt es in ihm in sei­ner gewohnt gepfleg­ten Sprach­me­lo­die und mit einem lei­sen Anflug von Beunruhigung.
Glück­li­cher­weise ist bis zur Ver­zweif­lung noch ein lan­ger Weg, eine Zeit­stre­cke, die noch man­cher­lei Chan­cen auf eine inter­es­sante Wort­fin­dung offen­lässt. Wenn nur ein sol­ches, wohl­for­mu­lier­tes, erlö­sen­des Wort auf­kom­men könnte! Nur eines, wel­ches das Poten­zial in sich trägt, zu einer net­ten, klei­nen Kurz­ge­schichte aus­ge­walzt zu wer­den. Ein anspruchs­vol­les, gerne auch ein wenig geheim­nis­vol­les Wort wie „Hyper­tro­phie“, oder „Hypo­te­nuse“ zum Bei­spiel, oder gar „Hüt­ten­käse“, letz­te­res ein klas­si­scher Anknüp­fungs­punkt für ganz­heit­li­che, gesund­heits- und ernäh­rungs­re­le­vante Aus­füh­run­gen. Aber der ein­zige Begriff, der ihm jetzt auf­kommt, ist nur: „Schreib­blo­ckade“, nichts Ande­res. Und dazu fällt ihm par­tout nichts Ver­wend­ba­res ein. Es liegt nun mal in der Natur der Sache.

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Nun ver­harrt er eine Weile instän­dig hof­fend, dass irgend­ein halb­wegs lus­ti­ger Gedan­ken­split­ter in sei­ner Phan­ta­sie auf­kommt. Aber es kommt nichts. Nicht ein­mal irgend­ein plum­pes Slap­stick-Sze­na­rio, das er, wie gewohnt, bis auf vier­ein­halb Sei­ten aus­führ­lich beschrei­bend aus­deh­nen könnte. Nein, es kommt immer noch nichts. Er steckt in einer veri­ta­blen Schreibblockade.
Mit gesenk­tem Blick schaut er auf die vor sei­ner Nase breit aus­ge­legte Tas­ta­tur, deren mit weis­sen gross­buch­sta­ben bezeich­nete Wür­fel­chen her­aus­for­dernd auf den erlö­sen­den Andruck war­ten. Sie har­ren jener erlö­sen­den Bewe­gung, die sie, ihrem Bestim­mungs­zweck ent­spre­chend, zu einer mit Klick­ge­räu­schen unter­mal­ten Cho­reo­gra­phie ver­lei­tet, bei der dann lesens­werte Prosa ent­steht. Deren End­ergeb­nis wie­derum sollte sich simul­tan auf der hell leuch­ten­den Ober­flä­che, direkt über den erwar­tungs­voll war­ten­den, klei­nen Qua­drat­schä­deln aus­brei­ten. Doch nichts der­glei­chen geschieht. Er hat immer noch diese ver­dammte Schreibblockade.

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Qwertz - Schreiben - Tastatur - Glarean MagazinVer­är­gert sucht der rat­lose Autor im mehr­zei­li­gen Arran­ge­ment der besag­ten Tas­ten nach einer weg­wei­sen­den Bot­schaft, nach irgend­ei­nem ver­steck­ten Hin­weis, der zu einer sinn­vol­len, gleich­gül­tig wie gear­te­ten Phrase, füh­ren würde. Wenigs­tens einen ein­lei­ten­den Neben­satz, oder sei­net­we­gen auch nur ein ein­zi­ges, wei­ter­füh­ren­des Wort.
Und dann pas­siert es! Es däm­mert ihm plötz­lich: „Oh ja, das ist es!“. Man muss nur genau hin­se­hen, da steht es weiss auf schwarz; links oben prangt das ret­tende Wort, zusam­men­ge­setzt aus den sechs ers­ten Tas­ten der obers­ten Buch­sta­ben­zeile: „QWERTZ“.
Erstaun­lich, dass ihm das noch nie vor­her auf­ge­fal­len war! „Qwertz“ ist ein Begriff, mit dem ein geüb­ter Roman­cier etwas anfan­gen kann. „Qwertz ist Trumpf und Trumpf ist Qwertz!“. Das muss ein­mal klar gesagt und geschrie­ben werden.

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Nun also, will er einen neuen Text auf „Qwertz“ auf­bauen. Das Wort ist gut und noch nicht abge­grif­fen, da kaum benutzt. Trotz sei­ner schein­ba­ren Künst­lich­keit exis­tiert er sehr wohl im Wort­schatz gebil­de­ter Kul­tur­men­schen, und zwar als namens­ge­bende Vari­ante der übli­chen, deutsch­spra­chi­gen Schreib­ma­schi­nen-Tas­ta­tur. Sach­kun­dig spre­chen Ein­ge­weihte davon, ganz im Gegen­satz zur Qwerty-Tas­ta­tur, die aus­ser­halb der deutsch­spra­chi­gen Welt üblich ist und kei­ner­lei lite­ra­risch ver­wert­bare Asso­zia­tio­nen her­vor­zu­ru­fen ver­mag. Nur muss der fin­dige Autor den Quertz-Begriff in einen wohl­klin­gen­den, sinn­vol­len Text gies­sen, was auch wie­der nicht so ein­fach ist. Aber er müsste es hin­krie­gen, schliess­lich ist er ein aner­kann­ter Meis­ter skur­ri­ler Phan­tas­te­reien, und seine Neu­ent­de­ckung scheint als Aus­gangs­punkt einer neuen Geschichte brauch­bar und oben­drein ori­gi­nell zu sein.

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Und das geht dann so, dass er sich zunächst fragt: „Was will der geneigte Leser eigent­lich von mir lesen?“. Und prompt gibt er sich sel­ber die pas­sende Ant­wort, die auch die meis­ten Fach­leute geben wür­den: „Sex and Crime“. Ero­ti­sches mit einer Prise Gewalt­an­wen­dung. Das ist, was am meis­ten zieht.
„Also gut“, sagt er zu sich, dabei neue Hoff­nung schöp­fend, „ver­su­chen wir mal aus die­sem Qwertz eine pri­ckelnde Kurz­ge­schichte mit ero­ti­schen Gewalt­ele­men­ten raus­zu­kit­zeln“. Dann schrei­tet er zur Tat.

Teil 2 – Die Ausführung

Jagdhütte - Wald - Bäume - Jagdwild - Natur - Glarean MagazinOrt der Hand­lung: Die­ser könnte prak­ti­scher­weise ein abge­le­ge­nes Forst­haus sein, denn die Ein­sam­keit des Wal­des kann den poten­zi­el­len Täter (vor­zugs­weise einen ent­hemm­ten Sit­ten­strolch mit unver­ar­bei­te­tem Mut­ter­kom­plex) durch­aus dazu ver­lei­ten, eine unsitt­li­che Tat zu bege­hen – womit er erwar­tungs­ge­mäss zur lite­ra­ri­schen Ent­span­nung des Lesers bei­tra­gen würde.
Per­so­nen: Für das hier­aus ent­ste­hende ero­to­ma­ni­sche Drama genü­gen zwei erwach­sene Figu­ren, mehr ist vor­der­hand auch nicht nötig, um eine qwertz­in­du­zierte Lie­bes­ge­schichte mit mil­der, das heisst mit einer künst­le­risch gerade noch ver­träg­li­chen Gewalt­dar­stel­lung zu verfassen.
Die zwei Prot­ago­nis­ten sei­ner sich vor dem inne­ren Auge sogleich ent­fal­ten­den Geschichte sind:
– ein Jagd­auf­se­her, nament­lich Alois Mösenlechner
– eine Jäge­rin, mit vol­lem Namen Jolande Ana­sta­sia Van der Qwertz
Aus­gangs­si­tua­tion: Jolande und Alois, die bei­den heim­lich­tu­en­den Lie­ben­den, haben sich für ein ent­spann­tes Wochen­ende in die­ses Forst­haus zurück­ge­zo­gen, aller­dings mit jeweils nicht ganz über­ein­stim­men­den Haupt­an­lie­gen: Die Jäge­rin will Wild erle­gen (das wäre das blu­tige Gewalt­mo­tiv), wäh­rend der Förs­ter es vor allem auf die hüb­sche Jäge­rin sel­ber abge­se­hen hat, und die­selbe nach sei­nen Vor­stel­lun­gen „erle­gen“ will (das ist das Ero­tik­mo­tiv). Letz­te­res mög­lichst bald und nach allen Regeln der Jagd­kunst. Er weiss auch schon wo: Direkt auf dem Bären­fell vor dem lodern­den Kamin­feuer, ver­steht sich. Als der Sit­ten­strolch, der er nun mal ist, will Alois sich weder mit ein­lei­ten­dem intel­lek­tu­el­lem Geschwa­fel auf­hal­ten, noch hat er die Geduld, die ewig lang schei­nende Reihe von Knöp­fen am Wams der in vol­ler Jagd­mon­tur vor ihm ste­hen­den Jolande auf­zu­knöp­fen. Diese erwar­tet hin­ge­gen eine gepflegte Unter­hal­tung und erwägt erst hin­ter­her zu tech­teln und viel­leicht auch noch ein wenig zu mech­teln, aber der brunf­t­ige Mösen­lech­ner Alois ist nicht mal nach weid­manns­tech­ni­scher Fach­sim­pe­lei zumute.

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1. Akt, der Plot: Alois greift kur­zer­hand nach sei­nem Jagd­mes­ser und schlitzt das Gewand der über­rum­pel­ten Van der Qwert­zin mit einem ein­zi­gen, schwung­vol­len Sichel­schnitt auf. Aus dem klaf­fen­den Klei­dungs­stück quel­len Jolan­des bis dahin fest ver­zurrte, üppige Jagd­tro­phäen her­vor, so prall und form­schön, wie sie sich der erregt hechelnde Lieb­ha­ber nicht ein­mal in sei­nen kühns­ten Träu­men vor­stel­len konnte. Und von gewal­ti­gen Din­gen träu­men, die er bei opu­len­ter Schür­zen­jagd erle­gen würde, das kann der Alois ohne Zweifel.
Und schon ent­rollt sich vor unse­ren Augen das vor ero­ti­scher Span­nung auf­ge­la­dene Drama. Noch ahnt der Leser nicht, wie das alles mit dem omi­nö­sen Qwertz zusam­men­hängt. Der Autor übri­gens auch nicht. Aber es wird sich schon weisen.

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Brunftschrei Röhrender Hirsch - Glarean MagazinAlso zunächst mal packt der ent­flammte Jagd­auf­se­her die nicht ganz unwil­lige Jäge­rin, die sich anstands­hal­ber noch ein wenig ziert, aber dann nach­gibt, da sie den über­le­ge­nen Kör­per­kräf­ten des Bär­ti­gen ohne­hin nicht stand­hal­ten kann. Wozu also das Unaus­weich­li­che unnö­tig hin­aus­zö­gern, wenn die­ses doch auch für sie Ele­mente lust­vol­ler Erqui­ckung beinhal­ten wird? Eng umschlun­gen wäl­zen sich die bei­den eine Weile auf dem ver­nehm­bar qwert­zen­den Bretterboden.
„Qwertz, qwertz“ knir­schen die rohen Plan­ken im mono­to­nen Rhyth­mus sei­ner kräf­ti­gen Len­den­stösse, bis er – und jetzt kommt der Höhe­punkt – halb auf­ge­rich­tet den Brunft­schrei eines röh­ren­den Hir­sches aus­stösst, und sie wie­derum mit ver­krampf­ten Fin­gern sich in sei­nen schweiss­nas­sen Rücken krallt. Nach einem klei­nen, innig zit­tern­den Moment ent­spannt er sich mit einem Anflug von Erleich­te­rung, und unter einem letz­ten, lang­ge­zo­ge­nen Qweeeeertz, wel­cher aus den stau­bi­gen Boden­bret­tern erknarzt, dreht sich Alois auf den Rücken und bleibt ver­zückt lie­gen. In dra­ma­tur­gi­scher Hin­sicht han­delt es sich hier­bei bereits im ers­ten Akt um einen kom­plett voll­zo­ge­nen ers­ten Akt. Spä­ter wer­den noch meh­rere fol­gen, aber das über­lässt der rou­ti­nierte Dra­ma­ti­ker bes­ser der Phan­ta­sie des Lesers.
Jolande Van der Qwertz muss nach einer ange­mes­se­nen Ver­schnauf­pause ins angren­zende und nach aller­lei her­ben Wald­bee­ren-Sei­fen duf­tende Bade­zim­mer gehen, um sich nach dem schweiss­trei­ben­den Lie­bes­akt ein wenig aufzufrischen.
Denn jetzt ist sie an der Reihe, ihren Wil­len durch­zu­set­zen. Vie­len Lese­rin­nen wird die­ser femi­nis­ti­sche Ansatz gefal­len und sie bei der Stange hal­ten. Also macht sich Jolande nun für eine kleine Jagd­par­tie zurecht. Sie rasiert sich sorg­fäl­tig die Beine, die einem jun­gen Reh­lein glei­chen (nicht ganz so schlank, aber ebenso behaart), zupft sich die Augen­brauen, pudert sich die Schul­tern und lässt die Wan­gen mit etwas Mas­cara errö­ten. Wohl erfrischt und behände hüpft sie in die Ankleide, um sich in pas­sende Jagd­mon­tur zu werfen.

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2. Akt: Immer noch der glei­che Plot, aber mit Sze­nen­wech­sel vor der Jagd­hütte: Nun erscheint in der Ein­gangs­tür der inzwi­schen eben­falls adrett auf­ge­machte und gründ­lich befrie­digt wir­kende Förs­ter. Dem feschen Alois folgt Jolande, die immer noch rot­glü­hende Wan­gen auf­weist. Sie ver­las­sen unauf­fäl­lig ihr hei­me­li­ges Lie­bes­nest und drin­gen tief ins Dickicht des Wal­des ein. Sie hat sich einen kecken, ele­gan­ten Qwertzhut mit Fasa­nen­fe­dern auf­ge­setzt, wäh­rend er höf­lich­keits­hal­ber ihren schwe­ren, dop­pel­läu­fi­gen und mit sil­ber­nen Intar­sien geschmack­voll deko­rier­ten Bären­tö­ter trägt. Wäh­rend unter­wegs die Bei­den schon wie­der ober­fläch­li­che Zärt­lich­kei­ten aus­tau­schen, über­prüft Jolande neben­bei ihre Muni­ti­ons­vor­räte und die Tuben mit Gleit­crème (sie rei­chen für min­des­tens vier wei­tere Akte).

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Wald-Jagd-Hochsitz - Glarean MagazinSie gehen zu jenem Hoch­sitz, von wel­chem unser lie­bes­tol­ler Forst­auf­se­her, im Rah­men sei­ner beruf­li­chen Forst­auf­sichts­pflich­ten, den Wald zu betrach­ten pflegt. Da kennt er sich aus und ver­spricht Jolande rei­che Jagd­aus­beute. Dort oben rich­ten sie sich erst­mal häus­lich ein, denn es dürfte etwas län­ger dau­ern, bis sich arg­lo­ses Wild zei­gen würde – das weiss er nur zu gut aus lang­jäh­ri­ger Erfah­rung. Die zwei Tur­tel­täub­chen wer­den sich selbst­ver­ständ­lich die Zeit mit jagd­tech­ni­scher Fach­sim­pe­lei und gele­gent­li­chen, akro­ba­tisch anmu­ten­den Lie­bes­ak­ten ver­trei­ben. Sowohl die engen Platz­ver­hält­nisse als auch die dra­ma­tur­gi­schen Erfor­der­nisse zwin­gen sie nun mal dazu.
Jolande setzt den gut dotier­ten Pick­nick­korb in eine Ecke, ent­nimmt ihm eine Fla­sche Wald­meis­ter­geist und schenkt ihm und sich sel­ber vom Ziel­was­ser ein. Alois legt für­sorg­lich die Flinte für seine Jäge­rin zurecht, damit sie das zu erwar­tende Wild gebüh­rend in Emp­fang neh­men kann (das Gewalt­mo­tiv kün­digt sich hier schon wie­der an. Hof­fent­lich bemerkt der kun­dige Leser die raf­fi­nierte Ver­schach­te­lung der bei­den Grundmotive).

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3. Akt, der Höhe­punkt: Siehe da, wie bestellt trot­tet eine junge und – weil noch uner­fah­ren – eine beson­ders arg­lose Wald­schnepfe in die Lich­tung, direkt vor die Flinte der zuneh­mend erreg­ten Jäger­meis­te­rin. Der ahnungs­lose Vogel pickt hier und da einen Samen aus den her­um­lie­gen­den Tan­nen­zap­fen und ahnt nicht, in wel­cher Lebens­ge­fahr er sich bereits befin­det. Im Gegen­teil, fröh­lich gurrt die Schnepfe vor sich hin, dabei ein­deu­tige Qwertz-Laute von sich gebend. Das bedeu­tet in der recht mono­to­nen Spra­che der Wald­schnep­fen so viel wie „Ach wie fein!“, manch­mal aber auch „Hab’ ich aber ein Glück heute!“. Zu mehr reicht ihr Wort­schatz nicht aus. Dabei bezieht sie sich auf die Kör­ner, die reich­lich vor ihr ver­streut her­um­lie­gen. „Qwe-, qwe-, qwe-, qwertz, qwertz, qweeeeeertz“, kom­men­tiert sehr zutref­fend das naive Tier die reich­hal­tige Aus­lage vor ihrem Schna­bel. Dabei merkt sie in ihrer tum­ben, schnep­fi­schen Selbst­zu­frie­den­heit nicht, wie es plötz­lich knallt. Es macht „Peng!“ – und nach einem dump­fen Schlag ist nur noch Stille. Und Dunkelheit.

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Schnell ver­klingt im dich­ten Laub­wald der Nach­hall des per­fekt gesetz­ten Blatt­schus­ses, der mit­tig zwi­schen die erstaunt ange­ho­be­nen Augen­brauen des glück­lo­sen Vogels sass. Nur einige auf­ge­wir­belte Schwanz­fe­dern der bereits leb­los dar­nie­der­lie­gen­den Jung­schnepfe schwe­ben sanft aufs Gras der Lich­tung hernieder.
„Na also!“, sagt die zufrie­den nickende Jäge­rin zu ihrem Begleiter.
„Na also!“ sagt sich der erleich­tert wir­kende Sati­ri­ker und setzt hin­ter seine Kurz­ge­schichte einen demons­tra­ti­ven Schluss­punkt: Punkt. ♦

Glossar der Fachausdrücke und Neologismen

  • Dich­tungs­am­bi­ente (Subst.) – zwei­deu­ti­ger Begriff:
    a) spe­zi­elle Rah­men­be­din­gun­gen, unter denen ein talen­tier­ter Dich­ter sei­ner schöp­fe­ri­schen Arbeit nach­ge­hen kann
    b) ungüns­tige Begleit­um­stände, unter denen trop­fende Was­ser­lei­tun­gen repa­riert werden
  • erknar­zen (Verb): das Erschal­len las­sen eines deut­lich ver­nehm­ba­ren, rhyth­mi­schen Knarz­ge­räu­sches, der mit­tels Rei­bung zwi­schen tro­cke­nen Holz­die­len entsteht
  • Gra­fo­mane (Subst.): pro­li­fe­ra­ti­ver Schrei­ber­ling unerns­ter Pro­sa­texte, die er in gros­ser Menge erzeugt, obwohl sich dafür kein Schwein interessiert
  • pico­bello (Adj. Ital.): abso­lut sau­ber, makel­los. So wie die Piazza San Marco
  • Qwerty (Subst.): im eng­li­schen Sprach­raum ver­brei­tete, ursprüng­li­che Bele­gung von Schreibmaschinen-Tastaturen
  • Qwertz (Subst.): die im deut­schen Sprach­raum übli­che Tastenbelegung
  • Qwertzhut (Subst.): Modi­scher Frau­en­hut aus grü­nem Filz mit wald­ty­pi­schen Deko­ra­ti­ons­ele­men­ten wie Moos­bro­cken, Flie­gen­pil­zen und Fasa­nen­fe­dern. Der Q. wird vor­zugs­weise von jun­gen Jäge­rin­nen und Jagd­auf­se­he­rin­nen auf­ge­setzt, wel­che – beim Bla­sen des Jagd­horns – die­sen typi­scher­weise qwertz statt längs stel­len, um bes­ser an das Mund­stück heranzukommen.
  • Schreib­blo­ckade (Subst. Psy.): sehr ärger­li­cher, anfalls­weise ein­tre­ten­der Zustand, der v.a. Autoren befällt, wäh­rend­des­sen sie nichts Lesens­wer­tes erzeu­gen kön­nen. Eine Über­win­dung der S. ist nur durch aus dem hei­te­ren Him­mel kom­mende Ein­ge­bun­gen möglich
  • Schreib­schwall (Subst.): Gra­phor­rhö (griech.), i.d.R. das Gegen­teil von Schreib­blo­ckade (siehe dort)
  • schnep­fisch (Adj.): dumpf, treu­doof und ingno­rant, eben nach der bekann­ten Art von tie­risch-nai­ven Waldschnepfen
  • umlaut­frei (Adj.): kor­rekt aus­ge­spro­chene, aber ohne Umlaute nie­der­ge­schrie­bene Woer­ter wie z.B. „Fruechte“ oder „Oebst“

Peter Biro

Prof. Dr. Peter Biro - Arzt und Schriftsteller - Glarean MagazinGeb. 1956 in Gross­wardein (Rumä­nien), 1970 Emi­gra­tion nach Deutsch­land, Medi­zin­stu­dium in Frankfurt/Main, seit 1987 Anäs­the­sist am Uni­ver­si­täts­spi­tal Zürich und Dozent für Anäs­the­sio­lo­gie, schreibt kul­tur­his­to­ri­sche Essays und humo­ris­ti­sche Kurz­prosa, lebt in Feldmeilen/CH

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch die Satire von Georg Schwi­kart: Dichtersorgen
… sowie die Gro­teske von Kon­rad Vogel: Introkubus

Wei­tere Sati­ren von Peter Biro im Glarean Magazin

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