Gerwin van der Werf: Der Anhalter (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Ein Mann geht durch die Wand

von Christian Busch

Der neue Roman von Ger­win van der Werf „Der Anhal­ter“ nimmt ein belieb­tes und uner­schöpf­li­ches Motiv der Lite­ra­tur auf: Das Wan­dern und Rei­sen. Aller­dings ent­klei­det der Autor seine Prot­ago­nis­ten allen roman­ti­sie­rend-ver­klär­ten „Fern­wehs“, das Buch hält teils psy­cho­lo­gisch schwer ver­dau­li­che Kost parat.

Gerwin van der Werf: Der Anhalter - Roman, 286 Seiten, S. Fischer Verlag, ISBN 9783103974669
Ger­win van der Werf: Der Anhal­ter – Roman, 286 Sei­ten, S. Fischer Ver­lag, ISBN 9783103974669

Schon in der Antike brach Homers Odys­seus vol­ler Taten­drank von Ithaka zu sei­nen Irr­fahr­ten auf, um vie­ler Men­schen Städte zu sehen, von deren Sit­ten zu ler­nen, seine Seele zu ret­ten und dabei auch viele Lei­den zu erdul­den. Im Mit­tel­al­ter wurde in ent­fernte Wall­fahrts­orte gepil­gert, um See­len­heil und Welt­kennt­nis zu erlan­gen. Der kleine Land­a­de­lige Alonso Qui­jano beschloss als fah­ren­der Rit­ter Ruhm zu erwer­ben und in die Welt hin­aus zu zie­hen, um als „Rit­ter von der trau­ri­gen Gestalt“ zurück­zu­keh­ren. Die Roman­ti­ker zog es – von Goe­thes „ita­lie­ni­scher Reise“, der glück­lichs­ten Zeit sei­nes Lebens, inspi­riert – in den Süden, um dort über die Befrei­ung ihrer Seele die Ver­voll­komm­nung ihrer Kunst zu erlan­gen, woge­gen Tho­mas Manns Gus­tav von Aschen­bach in Vene­dig den Tod fand. Kurzum: Das Motiv des Wan­derns und Rei­sens gehört zu den belieb­ten und uner­schöpf­li­chen der Lite­ra­tur, denn wie Mat­thias Clau­dius schon viel­sa­gend besang: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen“.

Selbstzweifel und Ohnmacht

Psychologisch qualitätsvoll erzählend: Der niederländische Autor Gerwin van der Werf (*1969)
Psy­cho­lo­gisch qua­li­täts­voll erzäh­lend: Der nie­der­län­di­sche Autor Ger­win van der Werf (*1969)

Auf sol­chen Spu­ren wan­delt auch der neue Roman „Der Anhal­ter“ des nie­der­län­di­schen Autors Ger­win van der Werf, indem die­ser sei­nen Prot­ago­nis­ten Tiddo in den höchs­ten Nor­den – die graue, karge, von Vul­kan­kra­tern und Glet­scher­zun­gen durch­zo­gene Mond­land­schaft Islands – schickt. So wie seine nam­haf­ten Vor­bil­der ver­spricht sich auch Tiddo, der mit sei­ner Frau Isa und sei­nem Sohn Jona­than in einem Wohn­mo­bil auf Tour geht, von der Reise viel; es soll schliess­lich die Reise ihres Lebens wer­den. Es gilt seine in einer Krise befind­li­che Ehe zu ret­ten und wie­der einen Zugang zu sei­nem Sohn Jona­than zu fin­den, einem zeich­nen­den, zum Son­der­ling her­an­wach­sen­den Drei­zehn­jäh­ri­gen. Isa, die hüb­sche, attrak­tive und erfolg­rei­che Wis­sen­schaft­le­rin und Tiddo, nur einer anspruchs­lo­sen Büro­tä­tig­keit frö­nend, haben eine Fehl­ge­burt ihres zwei­ten Kin­des nicht ver­ar­bei­ten kön­nen und sich aus­ein­an­der­ge­lebt. Tiddo, der Isa nach wie vor begehrt, quä­len Selbst­zwei­fel und Ohn­macht, wäh­rend ihm seine Fami­lie entgleitet.

Inmitten von Geysiren und Schotterwüsten

Ob die bei­den aller­dings in der eisi­gen, unwirt­li­chen Wild­nis des mys­ti­schen Island auf­tauen, erscheint schon zu Beginn frag­lich. Zur Beun­ru­hi­gung trägt auch bei, dass Tid­dos Mut­ter vor und wäh­rend der Reise tele­fo­nisch nicht erreich­bar ist. In der aus der Ich-Per­spek­tive Tid­dos erzähl­ten Geschichte taucht dann ein jun­ger Anhal­ter auf. Er heisst Svein, ein nor­di­scher Riese, den, wenn er sich die Strähne aus den blon­den Haa­ren wischt, eine läs­sige und fas­zi­nie­rende Schön­heit aus­zeich­net, fin­det Tiddo – und spä­ter auch Isa.

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Mys­ti­sche Küs­ten­land­schaft mit Vul­kan­ge­stein und Glet­scher­zun­gen: Island

Obwohl Svein es mit der Wahr­heit nicht so genau nimmt und der Klein­fa­mi­lie hie und da läs­tig wird, gelingt es nicht ihn abzu­schüt­teln, ver­kör­pert er doch in sei­nem gan­zen Wesen das Ele­ment des Weg­wei­sers, Initia­tors und Ver­füh­rers, das der fast kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­sen Klein­fa­mi­lie zu feh­len scheint, sie aber auch in ihren Grund­fes­ten erschüt­tert. Soweit der viel­ver­spre­chende, trag­fä­hige und erzäh­le­risch gekonnt in die mys­ti­sche und rät­sel­hafte Küs­ten- und Berg­land­schaft von Gey­si­ren, Seen, Trol­len und Stein- und Schot­ter­wüs­ten ein­ge­bet­tete Plot.

Nicht erbaulich, aber künstlerisch stimmig

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Ohne das Ende ver­ra­ten zu wol­len – im Ein­band fin­det sich bereits der Hin­weis auf Tid­dos hals­bre­che­ri­sche Fahrt zum Kra­ter­see Öskju­vatn – muss man fest­hal­ten, dass Werfs Roman nicht leicht ver­dau­lich ist und dem Leser so man­ches Rät­sel auf­gibt. Hat der Autor sei­nen Plot bewäl­tigt? Oder hat er – ebenso wie seine Erzäh­ler­fi­gur Tiddo – bereits vor der Reise die Flucht nach vorne ange­tre­ten und den Kar­ren – im Stile eines an Ego­shoo­ter-Spiele erin­nern­den Amok­lau­fes – sprich­wört­lich an die Wand gefah­ren und seine Geschichte wie ein Kar­ten­haus, quasi als Apo­theose des Irra­tio­na­len, zusam­men­fal­len las­sen? Lau­fen die Erzähl­stränge um die Titel­fi­gur Svein, aber auch um die unnah­bare, mal alles beherr­schende, dann zurück­hal­tende Isa und den ewig zeich­nen­den Jona­than – wie die Stras­sen Islands – ins Leere?
Dies ist für den Leser, der sich an gän­gi­gen Reise-Erzäh­lun­gen ori­en­tiert, nicht erbau­lich, aber künst­le­risch – zwi­schen Fol­ge­rich­tig­keit und Will­kür pen­delnd – durch­aus stim­mig. Spie­gelt sich in Tid­dos Griff zur Brech­stange die bedin­gungs­lose Kapi­tu­la­tion, die glei­che Lust am Unter­gang wider, die schon dem deka­den­ten Gus­tav von Aschen­bach in Vene­dig zum Ver­häng­nis wird?

Gegenentwurf zur romantischen Reiseliteratur

Ger­win van der Werfs Roman „Der Anhal­ter“ kann auf Grund sei­ner erzäh­le­ri­schen Qua­li­tä­ten und sei­nes soli­den Plots künst­le­risch über­zeu­gen. Die Frage, ob er seine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur Tiddo nicht psy­cho­lo­gisch stim­mig, son­dern mario­net­ten­haft demon­tiert, darf gestellt wer­den. In jedem Fall stellt van der Werfs unbe­dingt lesens­wer­ter Roman einen kon­se­quen­ten Gegen­ent­wurf zu der Rei­se­li­te­ra­tur der roman­tisch ver­klär­ten Ita­li­en­sehn­sucht dar. Tiddo ist ein an Max Frischs Hel­den (Stil­ler, homo faber) erin­nern­der Anti­held, ein männ­li­cher Ver­sa­ger, der, unfä­hig seine eigene Gefühls­wand zu durch­bre­chen, durch die äus­se­ren Wände geht – und womög­lich doch bes­ser nach Ita­lien gefah­ren wäre. ♦

Ger­win van der Werf: Der Anhal­ter – Roman, 286 Sei­ten, S. Fischer Ver­lag, ISBN 9783103974669

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