Torsten Wohlleben: Ausgerockt (Roman)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Unsanfte Landung in der Wirklichkeit

von Christian Busch

Es gibt Men­schen, die nach einem zer­platz­ten Traum keine  Kraft für einen zwei­ten haben. Denen das Mit­tel­mass nicht zum Selbst­be­wusst­sein reicht. Für die es keine Wege zu geben scheint, noch nicht ein­mal fal­sche. Die nicht ein­mal im Inter­net wis­sen, was sie suchen könn­ten. Die, wenn ihnen das Schick­sal ein Sprung­brett hin­hält, auf dem Schlauch ste­hen. Die es nicht schaf­fen, das Mäd­chen, das sie gerade ken­nen gelernt haben, nach ihrer Tele­fon­num­mer oder ihrem Namen zu fra­gen. Deren Anblick weder zum Lachen noch zum Wei­nen reicht, und denen das Nichts ein ver­trau­ter, stän­di­ger Beglei­ter in Form von ein paar Fla­schen Bier und einer Pizza ist. Es gibt sie. Und gerade in Tors­ten Wohl­le­bens neuem Roman „Aus­ge­rockt“.

Single, 32, Flaschensortierer

Torsten Wohlleben - Ausgerockt - Roman - Schünemann VerlagVon einem sol­chen han­delt Tors­ten Wohl­le­bens drit­ter, in Bre­men spie­len­der, bemer­kens­wer­ter Roman „Aus­ge­rockt“. Natür­lich hat die Lite­ra­tur-Szene, auch die aktu­elle, schon schil­lern­dere Gestal­ten gese­hen als Linus Kel­ler. Linus ist 32, Sin­gle, Ver­tre­ter der Thir­ty­so­me­thing-Gene­ra­tion, ver­kann­ter Rock­mu­si­ker (moderne Vari­ante der Bre­mer Stadt­mu­si­kan­ten?) und Gele­gen­heits-Fla­schen­sor­tie­rer. Was macht ein Autor mit so einem zwar sym­pa­thi­schen, lie­bens­wür­di­gen, aber doch eben etwas welt­frem­den Schluffi, wenn er ihn zum Prot­ago­nis­ten sei­nes immer­hin 250 Sei­ten fül­len­den Roman bestimmt hat?  Und: Wie schafft er es, ihm eine posi­tive Ent­wick­lung anzudichten?
Da ist zunächst Kum­pel Hol­ger, immer da, wenn Linus ihn nicht braucht – ein wür­di­ger Ver­tre­ter der SMS-Gene­ra­tion, ehe­ma­li­ges Band­mit­glied und ner­vig-splee­ni­ges Fak­to­tum, das Linus mit sei­nen skur­ri­len Pro­test-Aktio­nen gegen die von MTV und DSMS ver­ein­nahmte Medi­en­welt aus sei­ner Lethar­gie – und dann bei­nahe in den Abgrund – mit­reisst. Und der es am Ende fast noch schafft, Linus als media­len Gigan­ten zu etablieren.

Eine wunderschöne Liebesgeschichte

Torsten Wohllebens Roman ist eine grundehrliche, ernsthafte, sehr bodenständige und doch sympathisierende Auseinandersetzung mit der sog. Thirtysomething-Generation.
Tors­ten Wohl­le­bens Roman ist eine grund­ehr­li­che, ernst­hafte, sehr boden­stän­dige und doch sym­pa­thi­sie­rende Aus­ein­an­der­set­zung mit der sog. Thirtysomething-Generation.

Aber vor allem ist da eine wun­der­schöne Lie­bes­ge­schichte: Jana heisst sie. „Beim Inter­net muss man schon was ankli­cken. Das geht nicht von allein wei­ter“, sagt sie ihm bei ihrer ers­ten zufäl­li­gen Begeg­nung im Inter­net-Café. Und es ist tat­säch­lich ein kunst­voll geglück­ter Balance-Akt nötig, um Wohl­le­bens pas­si­ven Hel­den und die schöne Jana zusam­men­zu­brin­gen; ein paar Zufälle und ein star­ker Kaf­fee allein rei­chen da nicht, bis er sie – end­lich – küsst. Fried­lich fin­det sie ihn, als sie ihn beim Schla­fen beob­ach­tet. So kehrt etwas Neues, bis­her Unbe­kann­tes in Linus’ Leben ein: das Glück. Das Glück, das ihm eine Träne ent­lockt. Die Träne, die er beim Tod sei­ner Stief­toch­ter Hanna, nicht ver­gies­sen konnte – im Gegen­satz zu sei­nem in die USA aus­ge­wan­der­ten Halb­bru­der Mark. Jana schafft es sogar, dass Linus schliess­lich – mit der Hilfe eini­ger Freunde – sein eige­nes Café eröff­net. Doch auch die Liebe macht aus Linus kein Alpha-Männ­chen. Linus wäre nicht Linus, wäre der Rück­fall nicht schon vor­pro­gram­miert. Es kommt, was kom­men musste: Linus stürzt erneut ab – unsanfte Lan­dung in der Wirk­lich­keit. Doch Übung macht den Meis­ter, das hofft auch Linus. Fort­set­zung folgt?

Tors­ten Wohl­le­bens Roman ist eine grund­ehr­li­che, ernst­hafte, sehr boden­stän­dige und doch sym­pa­thi­sie­rende Aus­ein­an­der­set­zung mit der bereits erwähn­ten Thir­ty­so­me­thing-Gene­ra­tion. Dem Autor gelingt die schmale Grat­wan­de­rung zwi­schen unter­halt­sa­mer und rea­lis­ti­scher Prosa; vor allem die mal atem­los Nähe her­stel­lende, mal augen­zwin­kernd mensch­li­che Schwä­chen berüh­rende Lie­bes­ge­schichte ist ihm gelungen. ♦

Tors­ten Wohl­le­ben, Aus­ge­rockt, Roman, 280 Sei­ten, Carl Schü­ne­mann Ver­lag Bre­men, ISBN 978-3-7961-1970-5


Christian Busch - Glarean MagazinChristian Busch

Geb. 1968 in Düsseldorf/D, Stu­dium der Ger­ma­nis­tik, Roma­nis­tik und Erzie­hungs­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Bonn, jah­re­lange Musik-Erfah­rung in ver­schie­de­nen Chö­ren, arbei­tete als Leh­rer in Frank­reich, Süd­afrika und Spa­nien, lebt in Düsseldorf

Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema „SMS-Gene­ra­tion“ auch über den neuen Duden: Wör­ter­buch der Szenesprachen

… sowie über den neuen Roman von Isa­belle Stamm: Schonzeit

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)