Herta Müller: Niederungen (Prosa)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Skizzen aus einem Banater Dorf

von Gün­ter Nawe

Es ist ein Milieu der Trost­lo­sig­keit, der Hoff­nungs­lo­sig­keit und der exis­ten­ti­el­len Hei­mat­lo­sig­keit, von dem Herta Mül­ler, Lite­ra­tur-Nobel­preis­trä­ge­rin 2009, in dem Band „Nie­de­run­gen“ erzählt. Und es han­delt vom Leben in einem unbe­nann­ten Ort im deutsch­spra­chi­gen Banat­schwa­ben – im kom­mu­nis­ti­schen Rumänien.

Herta Müller: Niederungen (Prosa) Hanser VerlagIn ein­dring­li­chen Pro­sa­skiz­zen und Erzäh­lun­gen schil­dert ein Mäd­chen – Alter ego der Autorin? – ein Dorf­le­ben jen­seits der her­kömm­li­chen Idylle. Armut und fast archai­sche Tra­di­tio­nen herr­schen bei den Daheim­ge­blie­be­nen vor, wäh­rend andere längst das Weite gesucht haben. Es sind immer die­sel­ben Men­schen, denen der Leser in den Skiz­zen begeg­net: Mut­ter, Vater, das Kind, Gross­mutter, Tante, andere Ver­wandte. Das Gesche­hen im Dorf, in den Fami­lien ist geprägt von den All­täg­lich­kei­ten, den sozia­len und indi­vi­du­el­len Pro­ble­men, von Angst und dem sto­isch ertra­ge­nen Gefühl der Aus­weg­lo­sig­keit. Und so sit­zen die Frauen „an den Winternachmittagen…am Fens­ter und stri­cken sich sel­ber hin­ein in ihre Strümpfe aus krat­zi­ger Wolle, die immer län­ger wer­den und so lang sind wie der Win­ter selbst, die Fer­sen haben Zehen, als könn­ten sie von alleine gehen“. Mit Aus­wir­kun­gen bis in den pri­va­ten Bereich, in das Gesche­hen um Liebe und Hass, Geburt und Tod.

Suggestive Prosa mit faszinierenden Bildern

Es ist eine fast sug­ges­tive, auch asso­zia­tive Prosa, die den Leser in Bann zieht, mit­nimmt in die Wirk­lich­keit und in Traum­wel­ten von irri­tie­ren­der Art. Ob es „Die Grab­rede“ ist, wäh­rend der eine Ver­ge­wal­ti­gung ima­gi­niert wird, ob es die „Dorf­chro­nik“ ist, in der die sozia­lis­tisch-gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen dar­ge­stellt wer­den. Immer sind es fas­zi­nie­rende Bil­der einer fast unwirk­li­chen Wirk­lich­keit, mit denen uns die Autorin konfrontiert.
An die­ser Stelle spie­gelt Lite­ra­tur auf grau­same Art und Weise das Leben. Auch Herta Mül­lers Leben. Denn in die­sen Schil­de­run­gen rie­fen die kom­mu­nis­ti­schen Macht­ha­ber Rumä­ni­ens den Geheim­dienst auf den Plan. Diese Texte waren und woll­ten so gele­sen wer­den: Kri­tik am Sozia­lis­mus, an der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung, an der Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung des Men­schen. Das war sub­ver­siv – und musste geahn­det wer­den. Die Autorin sollte dies hin­fort am eige­nen Leibe zu spü­ren bekommen.

Widerstand gegen Unfreiheit und Verfolgung

Herta Müller - Glarean Magazin
Herta Mül­ler (Geb. 1953)

Nie­de­run­gen“ war das Debüt – und was für eines! Die  Erzäh­lun­gen ent­hiel­ten schon die ganze Poe­to­lo­gie der Autorin. Und es hat in die­sen Tex­ten lite­ra­risch etwas begon­nen, was als „Fort­schrei­bung“ in allen spä­te­ren Büchern der Herta Mül­ler bis hin zu „Atem­schau­kel“ zu lesen ist: Der Wider­stand gegen Unfrei­heit und Ver­fol­gung,  die scho­nungs­lose, akri­bi­sche Nota­tion des Bösen als Mah­nung an die Nach­welt. Dies gelingt Herta Mül­ler – und das macht sie über die Chro­nis­tin hin­aus zur Dich­te­rin – in einer gross­ar­ti­gen poe­ti­schen, bil­der­rei­chen, wun­der­ba­ren Spra­che; in einer Spra­che, die neue Wahr­hei­ten findet. –
Das Buch „Nie­de­run­gen“, das sei zum Schluss ange­merkt, ist 1982 erst­mals erschie­nen – in Buka­rest. 1984 dann in einer gekürz­ten Fas­sung in Deutsch­land. Die jetzt vor­lie­gende Aus­gabe ist von der Autorin um die feh­len­den Texte ergänzt und über­ar­bei­tet wor­den und bringt Mül­lers Debüt zum ers­ten Mal in der ori­gi­na­len Fassung. ♦

Herta Mül­ler, Nie­de­run­gen, Prosa, Han­ser Ver­lag, 144 Sei­ten, ISBN 978-3446235243

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