Manuel Friedel: Schach und Politik in der DDR

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Zwischen sportlicher Höchstleistung und staatlicher Ideologie

von Thomas Binder

Die Geschichte des Schach­s­ports in der DDR ist nahezu kom­plett uner­forscht“, stellt Manuel Frie­del in sei­ner unlängst erschie­ne­nen Unter­su­chung „Sport und Poli­tik in der DDR am Bei­spiel des Schach­s­ports“ ein­lei­tend fest. In sei­ner Bache­lor-Arbeit an der TU Chem­nitz hat der junge His­to­ri­ker – über des­sen per­sön­li­chen Bezug zum Thema wir lei­der nichts erfah­ren –  zumin­dest für einen wich­ti­gen Teil­be­reich die Grund­steine gelegt.

Manuel Friedel: Sport und Politik in der DDR am Beispiel des Schachsports

Das schmale Buch (der sub­stan­ti­elle Inhalt beschränkt sich auf gut 40 Sei­ten) ist Ergeb­nis einer umfang­rei­chen For­schungs­ar­beit. Frie­del stan­den dabei unver­öf­fent­lichte Archive sowie die Erin­ne­run­gen von Zeit­zeu­gen (dar­un­ter Gross­meis­ter Wolf­gang Uhl­mann und Rai­ner Knaak) zur Verfügung.
Sein Text ist als wis­sen­schaft­li­che Arbeit gestal­tet. Jede Aus­sage wird akri­bisch mit Quel­len belegt, allein das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis füllt 10 Sei­ten. Der Leser muss sich auf die­sen Stil  ein­las­sen.  Sen­sa­tio­nelle Ent­hül­lungs­ge­schich­ten oder rüh­rende Ein­zel­schick­sale wird er nicht finden.
Den­noch ist das Werk ange­nehm zu lesen. Dafür sorgt der Autor mit einem flüs­si­gen Schreib­stil und einer logi­schen Glie­de­rung. (Da stört es auch nicht, dass zuwei­len die Kapi­tel­num­me­rie­rung durch­ein­an­der gerät; sol­che klei­nen hand­werk­li­chen Feh­ler sind wohl dem Ver­triebs­mo­dell „Print on Demand“ geschuldet.)

Verfehlungen der DDR-Schachfunktionäre

Zeitzeugen des DDR-Schachs: Die Grossmeister Wolfgang Uhlmann und Rainer Knaak
Zeit­zeu­gen des DDR-Schachs: Die Gross­meis­ter Wolf­gang Uhl­mann (oben) und Rai­ner Knaak

Frie­del beschreibt zunächst die frü­hen Jahre des DDR-Schachs bis zur Grün­dung des Deut­schen Schach­ver­ban­des im Jahre 1958. Hier geht er genauer auf Zwis­tig­kei­ten und Ver­feh­lun­gen unter den Funk­tio­nä­ren ein – ein Aspekt, der auch man­chem sach­kun­di­gen Leser neu sein dürfte. Dar­aus jedoch eine Gering­schät­zung des Schachs bis in die letz­ten Jahre der DDR abzu­lei­ten (Seite 51), erscheint etwas gewagt.
Es fol­gen Erör­te­run­gen zur Rolle des Sports und beson­ders des Schachs im poli­ti­schen Sys­tem der DDR. Die Staats­füh­rung hatte früh erkannt, dass sport­li­che Erfolge die Aner­ken­nung des jun­gen Staa­tes för­dern kön­nen. Der Bei­trag der Schach­spie­ler hierzu war in den frü­hen Jah­ren gewiss bedeut­sam, fan­den sie doch als erste Sport­or­ga­ni­sa­tion  Auf­nahme in einem inter­na­tio­na­len Fachverband.
Als unum­strit­te­nen Höhe­punkt in 40 Jah­ren DDR-Schach arbei­tet der Autor die Schach-Olym­piade in Leip­zig 1960 her­aus. Die fol­gen­den Jahre brach­ten sport­lich die gröss­ten Erfolge, wor­auf das Buch aller­dings nur sehr sum­ma­risch eingeht.

Diskriminierung der nichtolympischen Sportarten in der DDR

Der Höhen­flug des DDR-Schachs endete nach 1972 mit dem unse­li­gen „Leis­tungs­sport­be­schluss“. Die  Akti­ven nicht­olym­pi­scher Sport­ar­ten konn­ten fortan nicht mehr an inter­na­tio­na­len Meis­ter­schaf­ten teil­neh­men oder ins west­li­che Aus­land rei­sen. Auch die opti­ma­len Trai­nings­mög­lich­kei­ten des DDR-Sports (Stich­wort „Staats­ama­teure“) blie­ben ihnen versagt.

Manfred Ewald, allmächtiger Chef des DDR-Sports: Aversion gegen Schach?
Man­fred Ewald, all­mäch­ti­ger Chef des DDR-Sports: Aver­sion gegen Schach?

Das genaue Zustan­de­kom­men die­ses Beschlus­ses kann auch Manuel Frie­del nicht erhel­len. Andere Quel­len spre­chen hierzu von einem Beschluss des SED-Polit­bü­ros im April 1969. Der Autor berich­tet aber in inter­es­san­ten Details, dass alle Ver­su­che, ihn für das Schach zu umge­hen zum Schei­tern ver­ur­teilt waren. Selbst der unga­ri­sche Par­tei­chef Kadar gehörte zu den Für­spre­chern der ost­deut­schen Schach­spie­ler. Ob man frei­lich eine von Ernst Bönsch orga­ni­sierte wis­sen­schaft­li­che Kon­fe­renz als Mass­nahme gegen die­sen Beschluss deu­ten kann, sei dahin­ge­stellt. Man hätte sich dies­be­züg­lich vom Buch­au­tor ein paar Hin­weise dar­auf gewünscht, wie die DDR-Schach­spie­ler (sowohl im Spit­zen- wie im Brei­ten­sport) mit den Beschrän­kun­gen ihrer Tur­nier­pra­xis umgingen.

Ideologische Überfrachtung der DDR-Zeitschrift SCHACH

So bleibt im Dun­kel, wie es 1988 zum über­ra­schen­den Start einer DDR-Mann­schaft bei der Schach­olym­piade kam. Andere Quel­len (Tisch­bie­rek) füh­ren es auf eine Erkran­kung von DTSB-Chef Man­fred Ewald zurück, dem eine per­sön­li­che Abnei­gung gegen das Schach unter­stellt wird. Bereits mit Beginn des Jah­res 1988 gab es erste Anzei­chen für ein Auf­wei­chen des Leis­tungs­sport­be­schlus­ses. Hat­ten erneut die Schach­spie­ler (wie damals bei der Auf­nahme in die FIDE) einen Damm gebro­chen? Diese Frage bleibt lei­der unbe­ant­wor­tet, denn sie wurde durch die geschicht­li­che Ent­wick­lung ab 1989 obsolet.

Sportlicher Höhepunkt des DDR-Schachs: Schacholympiade Leipzig 1960 (DDR-USA - Uhlmann vs Fischer)
Sport­li­cher Höhe­punkt des DDR-Schachs: Schach­olym­piade Leip­zig 1960 (DDR-USA – Uhl­mann vs Fischer)

Damit endet auch Frie­dels chro­no­lo­gi­scher Rück­blick. Die Ent­wick­lung des Deut­schen Schach­ver­ban­des in der Wen­de­zeit (z.B. die Ablö­sung des Prä­si­den­ten Wer­ner Bart­hel 1990) kommt nicht mehr zur Sprache.
Im letz­ten grös­se­ren Kapi­tel bespricht der Autor die poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Über­frach­tung der Zeit­schrift „SCHACH“. Seine Ana­lyse ist auch hier kor­rekt und stich­hal­tig. Den­noch scheint er das Thema etwas über­zu­be­wer­ten, waren doch poli­ti­sche Erge­ben­heits­er­klä­run­gen und ideo­lo­gi­sche Ver­ein­nah­mung typisch für alle Publi­ka­tio­nen in der DDR.

Wesentliche historische Forschungsergebnisse gesammelt

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In den Gren­zen einer Bache­lor-Arbeit müs­sen natür­lich man­che Wün­sche des inter­es­sier­ten Publi­kums offen blei­ben. Die strikte Beschrän­kung auf das Thema „Sport und Poli­tik“ blen­det jede Dar­stel­lung sport­li­cher Ergeb­nisse aus. Auch epi­so­dische Schil­de­run­gen und Erfah­rungs­be­richte sucht der Leser ver­geb­lich. Die Inter­views mit Zeit­zeu­gen wer­den nur indi­rekt zitiert und Abbil­dun­gen, Tabel­len oder Gra­fi­ken feh­len fast völlig.
Für die noch zu schrei­bende Geschichte des DDR-Schachs hat Manuel Frie­del aber wesent­li­che For­schungs­er­geb­nisse zusam­men­ge­tra­gen. Der The­men­kom­plex ist dabei so wich­tig und inhalts­reich, dass er eine wei­tere Bear­bei­tung und repä­sen­ta­tive Dar­stel­lung verdient. ♦

Manuel Frie­del, Sport und Poli­tik in der DDR am Bei­spiel des Schach­s­ports, BoD Nor­der­stedt, 68 Sei­ten, ISBN 978-3-8391-1709-5


Thomas Binder - Glarean MagazinThomas Binder

Geb. 1961, Diplom-Inge­nieur, akti­ver Schach-Spie­ler und -Trai­ner, Co-Autor des Wiki­pe­dia-Schach-Por­tals, lebt als Pro­gram­mie­rer in Berlin

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Schach im Ost­block“ auch über Boris Gulko (u.a.): Der KGB setzt matt (Sowjet-Schach)
… sowie zum Thema Schach-Geschichte und -Psy­cho­lo­gie über Chris­tian Mann: Schach – Die Welt auf den 64 Feldern

2 Kommentare

  1. Als Ver­fas­ser der Rezen­sion kann ich das gerne kon­kre­ti­sie­ren. Auf­fäl­ligste Unge­reimt­heit ist das Kapi­tel 3, wo alle Über­schrif­ten Num­mern aus dem 1. Kapi­tel tra­gen (jeden­falls in mei­nem Exem­plar). Das ist ein­fach ein klei­ner hand­werk­li­cher Feh­ler, der einem Lek­tor hätte auf­fal­len müss­ten. Freund­li­che Grüße Tho­mas Binder

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