Veröffentlicht am 23. November 2019
Kognitive Forschung zum Thema "Musik als Universalsprache"
„Musik ist die einzige Sprache, die jeder versteht“ – stimmt das wirklich, oder ist das einfach schöngeistiges Wunschdenken, übrigens seit Jahrhunderten postuliert, aber nie verifiziert? Was meint eigentlich die Wissenschaft zum vielfältig diskutierten Thema „Musik als Universalsprache“? (Über den Themen-Komplex „Musik als Sprache“ im engeren Sinne wurde und wird schon seit Jahrzehnten geschrieben und geforscht – siehe auch den bekannten Essay von Ernst Krenek: Musik und Sprache.
Zwei wissenschaftliche Forschungsbeiträge in der jüngsten Ausgabe des renommierten Science Magazine untermauern nun die Idee, dass Musik auf der ganzen Welt trotz vieler Unterschiede tragende Gemeinsamkeiten hat.

Denn Wissenschaftler unter der Leitung des amerikanischen Kognitionsforschers Samuel Mehr (Harvard University) haben eine gross angelegte Analyse von Musik aus Kulturen auf der ganzen Welt durchgeführt, und die beiden Kognitionsbiologen Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Universität Wien gehen davon aus, dass die menschliche Musikalität alle Kulturen auf der Welt vereint.
Gemeinsamkeiten heterogener Musikstile

Die vielen Musikstile der Welt sind so unterschiedlich – zumindest oberflächlich betrachtet -, dass Musikwissenschaftler oft skeptisch sind, ob sie tatsächlich wichtige gemeinsame Merkmale haben. „Universalität ist ein grosses Wort – und ein gefährliches“, sagte schon der grosse Leonard Bernstein. In der Tat, in der Ethnomusikologie wurde „Universalität“ zu einem Dirty Word – eine inhaltslose Worthülse. Aber Mehr’s neue Forschungen stellen in Aussicht, dass die Suche nach tieferen universellen Aspekten der menschlichen Musikalität neu entfacht wird.
Exkurs Tonalität – angeboren oder erworben?
Der aktuelle Forschungsstand versteht musikalische Tonalität weder als angeborenes Hörprogramm noch als bloßes Kulturprodukt, sondern als Ergebnis eines Zusammenspiels von Wahrnehmungsdisposition und Erfahrung. Die Musikpsychologie zeigt, dass Hörer aus Exposition rasch tonale Erwartungsstrukturen ableiten – ein Befund, der insbesondere durch die Arbeiten von Carol Krumhansl empirisch gestützt ist. Diese Strukturen sind nach B. Savage und J. McDermott jedoch nicht universell fixiert, sondern variieren mit kulturellem Kontext.
Zugleich sprechen psychoakustische Befunde (vgl. Plopm & Levelt) dafür, dass bestimmte Klangrelationen – etwa einfache Frequenzverhältnisse – bevorzugt verarbeitet werden (vgl. Plomp & Levelt, 1965), ohne konkrete Tonsysteme festzulegen. Die Dominanz der Dur-Moll-Tonalität erscheint damit weniger als Naturgegebenheit denn als historisch erfolgreiche Standardisierung. Aus Perspektive der Musiksoziologie ist sie folglich Ergebnis von Institutionalisierung und kultureller Diffusion. Tonalität erweist sich so als erlernte, aber nicht beliebige Ordnung des Hörens – ein System, das auf menschlicher Wahrnehmung aufbaut und gerade deshalb kulturell so wirkmächtig werden konnte.
Tonalität als „menschliche Prädisposition“
Harvard-Kognitionsforscher Samuel Mehr fest, dass alle untersuchten Kulturen Musik machen und dabei sehr ähnliche Arten von Musik in ähnlichen Kontexten verwenden, mit jeweils einheitlichen Eigenschaften. Zum Beispiel ist Tanzmusik schnell und rhythmisch, und Schlaflieder weich und langsam – überall auf der Welt.
Darüber hinaus zeigten gemäss Mehr alle Kulturen Tonalität: Sie bauten aus einer Basisnote eine kleine Teilmenge von Noten auf, genau wie in der westlichen diatonischen Skala. Heilende Lieder neigen dazu, weniger Noten und dichtere Abstände zu verwenden als Liebeslieder.
Diese und weitere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es tatsächlich universelle Eigenschaften der Musik gibt, die wahrscheinlich tiefere Gemeinsamkeiten der menschlichen Wahrnehmung widerspiegeln – quasi eine grundlegende „menschliche Musikalität“.
In einer wissenschaftlichen Perspektive in derselben Ausgabe kommentieren die Forscher an der Universität Wien Tecumseh Fitch und Tudor Popescu die Auswirkungen. „Die menschliche Musikalität ruht grundsätzlich auf einer kleinen Anzahl von festen Säulen: Fest kodierte Prädispositionen, die uns die früheste physiologische Infrastruktur unserer gemeinsamen Biologie bietet. Diese ‚musikalischen Säulen‘ werden dann mit den Besonderheiten jeder einzelnen Kultur ‚gewürzt‘, was zu dem schönen kaleidoskopischen Sortiment führt, das wir in der Weltmusik finden“, erklärt Tudor Popescu. Fitch fügt hinzu: „Diese neue Forschung belebt ein faszinierendes Studiengebiet wieder, das von Carl Stumpf zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin entwickelt wurde, das aber von den Nazis in den 1930er Jahren tragisch beendet wurde“.
Das Musik-Medley aller Kulturen des Planeten

Mit der Annäherung der Menschheit wachse gemäss Popescu und Fitch auch unser Wunsch zu verstehen, was wir alle gemeinsam haben – in allen Aspekten des Verhaltens und der Kultur. Die neue Forschung aus Harvard deute darauf hin, dass die menschliche Musikalität einer dieser gemeinsamen Aspekte der menschlichen Kognition ist. „So wie europäische Länder als ‚United In Diversity‘ bezeichnet werden, so vereint auch das Medley der menschlichen Musikalität alle Kulturen auf dem Planeten“, so Tudor Popescu abschliessend. ♦
Lesen Sie im Glarean Magazin zum Thema Musikwissenschaft auch: Musik in der Gruppe: Neue Forschungsergebnisse
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