Veröffentlicht am 29. Oktober 2022
Apokalyptische Schach-Aufgaben
von Walter Eigenmann
Vor genau 20 Jahren stellte der Verfasser dieser Zeilen eine Sammlung von Schach-Puzzles vor, die 12 Qualitätsopfer enthielt; die sog. Twelve Monkeys. Dieses Dutzend Computerschach-Aufgaben war inspiriert durch den gleichnamigen Kultfilm von Terry Gilliam. Zwei Jahrzehnte später ist es an der Zeit, The Twelve Monkeys Reloaded zu präsentieren…
Damals hatte ich mir vorausgehend mal wieder diesen legendären Gilliam-Film mit Bruce Willis & Madeleine Stowe & Brad Pitt angesehen und war immer noch hell begeistert von dem verstörend apokalyptischen, düster-hypnotischen SF-Streifen, der irgendwie crazy daherkam, v.a. aber filmisch sehr einfallsreich, überraschend, exorbitant und opulent war.
Science Fiction auf dem Schachbrett

Im Schach hat das Qualitätsopfer für mich persönlich einen ähnlich irritierenden Touch, und der Film war mir eine Art Initialzündung für eine Monkey-Schach-Suite.
Material zu opfern im Kampf um die Initiative ist im Schach ein alltägliches Phänomen. Doch Opfer ist nicht gleich Opfer;
Bauernopfer: Na gut, sie gehören zum Einmaleins der Initiative, der Linienöffnung, des Angriffs. Gehen eigentlich flott von der Hand.
Figuren- und Turmopfer: Ok, sie müssen halt genau berechnet werden (ansonsten wird’s Kaffeehausschach). Mehr Technik als Kreativität.
Damenopfer: Ja, sehr spektakulär, aber erst nach absolut genauester Berechnung – und extrem selten im Meisterschach.
Doch das Qualitätsopfer: Für mich der Inbegriff des Kreativen im Angriffs- oder Verteidigungsschach. Denn es hat einen Schuss Irrationalität; ist eine Art Fragezeichen („Mal sehen, was rauskommt“); doch sollte nur bei klaren Indizien angewandt werden, ohne dass die Konsequenzen wirklich berechnet werden können; es hat etwas Spekulativ-Nachzeitliches. Eben: Quasi Science Fiction auf dem Brett.
Das Ungleichgewicht als Irritation
In vielen Fällen hätte der Opfernde auch „gemütlichere“ Alternativen, die oft nur wenig schlechter sind. Aber der Kitzel des Unwägbaren, der Reiz des taktisch Ungewissen ist bei entspr. veranlagten Meisterspielern mit einem Hang zum Qualitätsopfer – von Morphy über Aljechin und Tal bis hin zu Petrosian und Kasparov oder heutzutage Nakamura und Mamedyarov u.v.a. – eine faszinierende Triebfeder im Schach, sehr zum ästhetischen Vergnügen von uns Nachspielenden.
Dabei ist die Korrektheit eines Qualitätsopfers, das bei Großmeistern oft auf Intuition beruht, zuweilen schwer nachzuweisen, auch mit modernen Engines, weil seine Früchte manchmal erst weit in der Zukunft eingesammelt werden können.

Mit dieser Form des materiellen Ungleichgewichts ebenso wie mit dem Begriff der „Kompensation“ können sogar manche neuesten NN-Motoren gar nichts anfangen, und was sie während der ersten halben Stunde einer Analyse verwerfen, kann in der zweiten plötzlich hochgespült werden. Jedes gute und korrekte, aber nicht offensichtliche Qualitätsopfer hat etwas Irreguläres, ja Verstörendes, es transformiert die Balance der Materie ins zeitlich Unabsehbare – wie die 12 Film-Monkeys eben.
In Computer-Partien wird man diese Kategorie Qualitätsopfer übrigens nur selten finden – natürlich nicht. Denn das Wagnis, das Risiko sind keine Engine-Kategorien, sondern bleiben dem „Human Touch“ des Schachspiels vorbehalten. Und so spielt es auch nicht wirklich eine Rolle, ob es in einer fraglichen Stellung ggf. sogar einen fast gleichwertigen Zug gibt.
Herausforderung für Schachprogramme

Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe nun „Twelve Monkeys Reloaded“ zusammengestellt. Die neue Sammlung behält noch zwei frühere Aufgaben bei, die anderen sind Erstveröffentlichungen. Entstanden ist also wieder eine Suite von zwölf spektakulären Opfern, doch diesmal ist ihr Schwierigkeitsgrad zwei Ligen höher angesiedelt – nicht unlösbar, aber doch unserem NN-Zeitalter angepasst. Was wiederum nicht heißt, dass nur extreme Puzzles enthalten sind. Denn wo die eine Engine frühestens in 15 Minuten löst, knackt die andere in spätestens 15 Sekunden.
Dabei ist ein mögliches Missverständnis auszuräumen: Die „Twelve Monkeys Reloaded“ sind nicht in jedem Falle die absolut besten Züge. Vielmehr haben sie in allen Stellungen gleichwertige, valable Alternativen; die betreffenden Spieler hatten jeweils zu entscheiden zwischen einer ruhigen, „langweiligen“ Variante, die einfach die Stellung konsolidierte, und einem „aggressiven“ Materialopfer, das Initiative versprach. Damit spiegeln diese Monkeys auch zwei grundlegende Typen des schachlichen Verhaltens wider – beim Menschen wie beim Schachprogramm… ♦
Download der Stellungen (EPD) und Analysen (PGN & CBH/CBV)
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 01FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 02FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 03FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 04FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 05FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 06FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 07FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 08FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 09FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 10FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 11FEN: |
Twelve Monkeys Reloaded Nr. 12FEN: |
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… sowie zum Thema Human- vs Computerschach: Glanz und Elend des Anti-Computerschachs
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