Mick Finlay: Arrowood – Die Mördergrube (Krimi)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Gestatten: William Arrowood, emotionaler Detektiv“

von Isa­belle Klein

Soll­ten Sie Sher­lock-Hol­mes-Fan sein, seien Sie vor­sich­tig, denn die­ser zweite Fall rund um den zweit­bes­ten Lon­do­ner Detek­tiv Wil­liam Arro­wood und sei­nen Gehil­fen Nor­man Bar­nett kann Sie leicht bis stark aggres­siv machen, je nach­dem, wie stark Ihre Liebe zum Super­hirn der Detek­tiv­ge­schichte aus­ge­prägt ist, denn laut Letz­te­rem ist Ers­te­rer schlicht­weg ein „Schar­la­tan“ (S.343).

Mick Finlay - Arrowood - Die Mördergrube - Krimi - Harper Collins - Cover - Glarean MagazinWil­liam Arro­wood hat es nicht leicht. Stän­dig hält man ihm den genia­len Sher­lock vor, der gerade raf­fi­niert einen Erben geret­tet hat (der Hol­der­nesse-Fall). Arro­woods Mei­nung nach alles purer Zufall, denn der Meis­ter­de­tek­tiv habe Spu­ren falsch gedeu­tet und schlicht­weg Glück gehabt. Wäh­rend Hol­mes also mit sei­nem deduk­ti­ven Vor­ge­hen und dem Haupt­au­gen­merk auf dem Deu­ten von mate­ri­el­len Hin­wei­sen Fall nach Fall löst, hat unser armer, über­ge­wich­ti­ger, stets von zu engen Schu­hen, grau­sa­men Darm­win­den und einer untreuen Frau geplag­ter Detek­tiv ein gänz­lich ande­res Her­an­ge­hen: Er setzt auf Gefühle, nicht auf Logik, denn Men­schen sind nun mal von Gefüh­len bestimmt und han­deln nicht unbe­dingt logisch. So ist Arro­wood nach eige­nen Wor­ten ein „emo­tio­na­ler Detek­tiv“, der die Men­schen ver­steht und sich in sie hin­ein zu ver­set­zen versucht.

Eine „rasante Geschichte“?

Mick Finlay - Glarean Magazin
Mick Fin­lay

So auch in die­sem Fall: Die bei­den wer­den vom Ehe­paar Bar­nett an einem kal­ten Neu­jahrs­mor­gen des Jah­res 1896 beauf­tragt, die ver­lo­rene Toch­ter Bir­die wie­der mit ihnen zu ver­ei­nen. Bir­die ist „geis­tes­schwach“ und habe sechs Monate zuvor den eben­falls ent­wick­lungs­ver­zö­ger­ten Wal­ter Ock­well, der zusam­men mit sei­nen Geschwis­tern God­win und Rosanna einen her­un­ter­ge­kom­me­nen Bau­ern­hof betreibt, gehei­ra­tet. Seit­dem sei jeder Kon­takt von der Schwä­ge­rin unter­bun­den wor­den, man mache sich grosse Sor­gen um das Wohl des ein­zi­gen Kindes.
Arro­wood, des­sen letz­ter Fall bereits fünf Wochen zurück­liegt, nimmt an, obwohl er von vorn­her­ein ahnt, dass das Eltern­paar etwas ver­birgt. Man einigt sich dar­auf, dass er zumin­dest her­aus­fin­den soll, ob Bir­die wohl­auf ist und dort nicht gefan­gen gehal­ten wird.

Immer das Gleiche

Und so ent­spinnt sich laut der Wer­bung der Times (vgl. hin­ten auf dem Cover) eine „rasante Geschichte, die sich von Twist zu Twist und Gefahr zu Gefahr bewegt.“ Womit wir schon mit­ten in dem sind, was für mich den gröss­ten Schwach­punkt der viel zu lan­gen Geschichte rund um den See­len­zu­stand Bir­dies und eine in Folge der Ereig­nisse getö­tete Kes­sel­fli­cke­rin dar­stellt. Es ist eben nichts rasant und vol­ler Wen­dun­gen – nein, man ver­liert irgend­wann (rund um die Mitte herum) leicht das Inter­esse wei­ter­zu­le­sen, denn gefühlt geschieht immer das Glei­che. Arro­wood und Bar­nett neh­men den Zug in den süd­li­chen Vor­ort und kom­men ein­fach nicht wei­ter, dabei wer­den sie von immer mehr Bewoh­nern ange­fein­det, ver­dro­schen und öffent­lich dif­fa­miert. Gerade Bar­nett wird ein ums andere Mal Opfer zahl­rei­cher Prü­gel, wäh­rend Arro­wood sei­nen Mariani-Wein in sich rein­schüt­tet und von der­mas­sen üblen Darm­win­den geplagt wird, dass man sich fragt, was Fin­lay damit bezweckt.

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Für mich besteht der gute Arro­wood aus einer ein­drucks­voll ver­fet­te­ten Gestalt, einem rie­si­gen Zin­ken, aus auf­ge­dun­se­nen Füs­sen mit knor­rig gel­ben Zehen­nä­geln, schwarz ange­lau­fen (vgl. S.241), aus wider­li­chen Geräu­schen und Gestank – schlicht­weg ein gesund­heit­li­ches Wrack.
Seine bei­den Prot­ago­nis­ten nega­tiv in Szene set­zen, das ver­mag Fin­lay gran­dios. Uns (wie eben­falls vom Ver­lag ver­spro­chen) aber in die „düs­te­ren Gefilde der vik­to­ria­ni­schen Ner­ven­heil­an­stal­ten“ zu füh­ren, das geschieht jeden­falls nicht. Oder nur sehr ober­fläch­lich, als die bei­den mal wie­der kräf­tig Prü­gel ein­ste­cken, weil sie im Cater­ham Asylum for Safe Luna­tics and Imbe­ci­les rumschnüffeln.

Gepflegte Langeweile

Fas­sen wir zusam­men: „Die Mör­der­grube“ ist eine sich sehr gemäch­lich ent­fal­tende Geschichte, die haupt­säch­lich von der blu­mi­gen und bild­ge­wal­ti­gen Aus­drucks­weise lebt (bzw. den Leser die Nase rümp­fen lässt). Dazu einige ins Spiel gewor­fene Neben­dar­stel­ler wie die mutige Schwes­ter Ettie, den trink­freu­di­gen Dorf­geist­li­chen oder den „Mongo“ Wil­loghby Krott, zuzüg­lich milde Ein­bli­cke ins betrü­ge­ri­sche Trei­ben von Heil­an­stal­ten. Dar­über hin­aus? Nicht viel, und nichts Lehr­rei­ches oder gar Erfreuliches.
Fin­lay ent­wi­ckelt ein inter­es­san­tes Kon­zept, aus dem man durch den Gegen­satz Hol­mes-Arro­wood hätte eini­ges machen kön­nen. Doch er schreibt so schwer­fäl­lig, kon­zi­piert einen Fall, der so von Wie­der­ho­lun­gen und gepfleg­ter Lan­ge­weile lebt, zeich­net seine Cha­rak­tere so ein­sei­tig, dass man eigent­lich nur froh ist, wenn die Geschichte vor­bei ist. ♦

Mick Fin­lay: Arro­wood – Die Mör­der­grube, Kri­mi­nal­ro­man, 480 Sei­ten Har­per Coll­ins, ISBN 9783959672931

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