Interview mit Harry Schaack (Schachzeitschrift KARL)

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Vom Vereinsblatt zum internationalen Schachfeuilleton

Interview mit dem KARL-Herausgeber Harry Schaack

von Thomas Binder

Mit der Schach­zeit­schrift KARL fei­ert heuer eines der pro­fi­lier­tes­ten Schach-Print­me­dien sein zehn­jäh­ri­ges Jubi­läum. Ursprüng­lich nur für den loka­len Bereich kon­zi­piert, mau­serte sich die­ses „Kul­tu­relle Schach­ma­ga­zin“ wäh­rend des ver­gan­ge­nen Dez­en­ni­ums unter der Ägide sei­nes Grün­ders, Her­aus­ge­bers und Chef­re­dak­teurs Harry Schaack zu einer qua­li­täts­vol­len und viel­be­ach­te­ten Schach-Gazette weit über die BRD-Gren­zen hinaus.

KARL will nach eige­nem Bekun­den „in Berich­ten, Ana­ly­sen, Essays und Por­träts einen Blick wer­fen auf die kul­tu­rel­len, his­to­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Aspekte des Schachs“. Weni­ger die moderns­ten Eröff­nungs­va­ri­an­ten als viel­mehr die unüber­seh­bar viel­fäl­ti­gen „aus­ser­schach­li­chen“ Aspekte des König­li­chen Spiels ste­hen also im Fokus der vier­tel­jähr­lich erschei­nen­den Zeit­schrift. „Glarean“-Mitarbeiter Tho­mas Bin­der hat dem KARL-Her­aus­ge­ber einige Fra­gen zur Ver­gan­gen­heit und Zukunft sei­nes inter­es­san­ten Maga­zins gestellt.

Schach_Zeitschrift KARL_Jubilaeumsheft_Interview_Glarean-MagazinGlarean Maga­zin: Glück­wunsch Ihnen und dem KARL-Team zum zehn­jäh­ri­gen Jubi­läum, Herr Schaack! Wie kam es sei­ner­zeit zur Grün­dung einer Schach­zei­tung mit einem solch kla­ren Pro­fil auf „Schach und Kultur“?

Harry Schaack: KARL war ursprüng­lich die Ver­eins­zei­tung mei­nes Klubs „Schach­freunde Schöneck“, die ich seit den spä­ten Neun­zi­gern ver­ant­wort­lich betreute. 2001 ent­schloss ich mich zusam­men mit Johan­nes Fischer und Ste­fan Löff­ler die Zeit­schrift unter glei­chem Namen mit völ­lig neuem Kon­zept bun­des­weit zu ver­trei­ben, die ers­ten Jahre noch mit einem Ver­eins­teil für Mit­glie­der. Nun erschien KARL in hoher Qua­li­tät mit Schwer­punkt-Kon­zept. Gründe für die Aus­rich­tung unse­res Hef­tes waren zum einen natür­lich unser gene­rel­les Inter­esse an Kul­tur, zum ande­ren war uns schon damals klar, dass im Zeit­al­ter des Inter­nets ein Print­pro­dukt, das vor­ran­gig über Tur­niere berich­tet, stets der Aktua­li­tät hin­ter­her hechelt.
Die erste Aus­gabe „Tempo“ erschien im Som­mer 2001. Nach drei Hef­ten schied Ste­fan Löff­ler aus, Johan­nes Fischer ist dage­gen bis heute eng mit KARL ver­bun­den und betreut meh­rere Rubri­ken. Zunächst gab es einige Skep­sis, ob das Schwer­punkt-Kon­zept dau­er­haft tra­gen würde. Doch wir hat­ten schon zu Beginn eine lange Liste mög­li­cher The­men erstellt, die nach nun­mehr 41 Aus­ga­ben noch nicht aus­ge­reizt ist. Daher sehen wir opti­mis­tisch in die Zukunft.

GM: Kön­nen Sie sich – als der „Macher“ des KARL – unse­ren Lesern kurz vor­stel­len? Sie haben ja im Schach sicher auch aus­ser­halb der KARL-Redak­tion Ihre Spu­ren hinterlassen?

HS: Ich habe Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schichte stu­diert. Nach mei­nem Abschluss arbei­tete ich einige Zeit als Gra­fi­ker in einer Wer­be­agen­tur, was mir aber offen gestan­den nicht sehr zusagte. Ich suchte eher eine Tätig­keit im kul­tu­rel­len Bereich. Dann ergab sich dank einer Anstoss­fi­nan­zie­rung die Chance, KARL zu machen. Heute bin ich selbst­stän­dig und – neben der KARL-Her­aus­gabe – als Gra­fi­ker und Jour­na­list tätig. Zudem war ich für die Chess Clas­sics drei Jahre lang als Pres­se­spre­cher tätig.
Schach spiele ich seit über 20 Jah­ren bei den bereits erwähn­ten „Schach­freun­den Schöneck“ in der Nähe von Frank­furt, wo ich lange Zeit in der 2. Bun­des­liga gespielt habe. Ich bin FIDE-Meis­ter, spiele aber in den letz­ten Jah­ren aus Zeit­man­gel nur noch sel­ten (was ich bedaure).

GM: Und der Name KARL?

HS: Bun­des­weit gibt es unser Heft seit 2001, doch eigent­lich gibt es KARL – wie bereits erwähnt – schon viel län­ger. Die Geburts­stunde geht auf das Jahr 1984 zurück, als mein Schach-Klub seine Mit­glie­der auf­for­derte, einen Namen für die neu gegrün­dete Ver­eins­zei­tung zu fin­den. Die dritte Aus­gabe trug dann den bis heute erhal­te­nen Namen – übri­gens lange vor „Fritz“. „Karl“ ver­wies auf ein „typi­sches“ Ver­eins­mit­glied, wollte den „Bri­git­tes“ und „Emmas“ ein männ­li­ches Pen­dant an die Seite stel­len und ist auch als Akro­nym zu ver­ste­hen, abge­lei­tet aus Begrif­fen, mit denen sich der pro­gres­sive Ver­ein iden­ti­fi­zierte. So war anfangs noch auf dem Cover zu lesen: „Zeit­schrift für Kom­mu­ni­ka­tion, Ansichten/Amazonen, Rea­li­tä­ten und Lor­beer­kränze“. Der Name ohne direk­ten Schach­be­zug sollte ein Hin­weis dar­auf sein, dass die Redak­tion kein „Durch­schnitts­blätt­chen“ machen wollte und „durch­aus auch für Nicht­schach­spie­ler“ inter­es­sant sein sollte. Ein Credo, das bis heute Gül­tig­keit hat.

GM: Wir haben in den letz­ten Jah­ren man­che Schach­zei­tun­gen kom­men, aber auch gehen sehen. Vor allem jene, die sich auf die aktu­elle Bericht­erstat­tung kon­zen­trie­ren, konn­ten im Wett­streit mit den viel­fäl­ti­gen und tages­ak­tu­el­len Quel­len im Inter­net nicht mit­hal­ten. Wie sehen Sie all­ge­mein den Markt für Schach­zei­tun­gen, und wo posi­tio­niert sich Ihr Magazin?

HS: Das Inter­net ist der natür­li­che Feind aller Zeit­schrif­ten, die sich auf Aktua­li­tät kon­zen­trie­ren. Wenn man eine Nach­richt einen Monat spä­ter bringt als irgend­eine Web­site, muss man dem Leser Zusatz­leis­tun­gen bie­ten, Hin­ter­grund­in­fos, Vor­ort­be­richte, aber das ist nicht immer ein­fach. In Deutsch­land gab es bis vor kur­zem fast zehn regel­mäs­sig erschei­nende Zeit­schrif­ten. Dass nicht alle über­le­ben wür­den, ist nicht ver­wun­der­lich, weil der Markt über­sät­tigt war.
Der Trend geht – auch wenn mir das nicht gefällt – immer mehr in Rich­tung digi­ta­ler Zei­tung. Das hat natür­lich einige Vor­teile für die User. Über ein IPad (oder ein ähn­li­ches Gerät) kann man von über­all auf der Welt bequem auf sein Archiv zugrei­fen, ohne kilo­weise Papier mit­zu­schlep­pen. Jün­gere Gene­ra­tio­nen sind mit die­sen neuen Medien auf­ge­wach­sen, und das phy­si­sche Buch wird unwei­ger­lich immer mehr an Boden ver­lie­ren. In die­sen neuen Medien lie­gen grosse Chan­cen, und in die­sem Bereich wird sich auch KARL in Zukunft posi­tio­nie­ren müssen.

KARL will detaillierte Recherche mit ästhetischem Outfit verbinden
KARL will detail­lierte Recher­che mit ästhe­ti­schem Out­fit verbinden

GM: Wie ent­wi­ckelt sich die Auf­lage der Zeit­schrift? Sind Sie opti­mis­tisch, die „kri­ti­sche Masse“ für einen wirt­schaft­lich ver­tret­ba­ren Betrieb des KARL hal­ten zu können?

HS: Unsere Auf­lage ist seit eini­ger Zeit recht kon­stant. Die Abon­nen­ten­zahl steigt ste­tig leicht an, aber nicht mehr signi­fi­kant. Wirt­schaft­lich wich­tig ist für uns der Ver­kauf älte­rer Hefte. Von Beginn an war dies ein Teil unse­res Kon­zep­tes. Da die Bei­träge zu Schwer­punk­ten nicht der Aktua­li­tät geschul­det sind, sind sie auch noch Jahre spä­ter les­bar. Sie sind in die­ser Hin­sicht eher mit Fach­bü­chern als mit Zeit­schrif­ten vergleichbar.
Ich denke, dass unsere kul­tu­relle Fokus­sie­rung ein Publi­kum anspricht, das sich dem Buch bzw. dem Papier ver­pflich­tet fühlt. Des­halb habe ich im Moment keine Sorge und bin zuver­sicht­lich, dass sich das Heft wei­ter­hin „trägt“. Zum ande­ren stand für mich nie der finan­zi­elle Aspekt im Vor­der­grund. Es ist eher meine Lei­den­schaft, die das Heft stützt. Denn eigent­lich ist mein Hono­rar ange­sichts des betrie­be­nen Auf­wan­des nicht adäquat.

GM: KARL hat zu allen The­men immer aus­ser­or­dent­lich kom­pe­tente Autoren auf­zu­bie­ten. Sicher ist das mitt­ler­weile ein Selbst­läu­fer, weil man sich geehrt fühlt, für den KARL schrei­ben zu dür­fen, oder?

HS: Das ist nicht ganz rich­tig. In Deutsch­land haben wir viel­leicht einen ganz guten Ruf und kön­nen auf einen Autoren­pool zurück­grei­fen. Doch wir arbei­ten auch mit vie­len nicht­deut­schen Autoren zusam­men. KARL erscheint in Deutsch und ist des­halb im Aus­land vor allem durch meine Prä­senz bekannt. Kon­takte ent­ste­hen nicht sel­ten durch meine zahl­rei­chen Tur­nier­be­su­che im Aus­land. Zudem weiss man oft nicht, wie zuver­läs­sig ein Autor ist, wenn man das erste Mal mit ihm arbei­tet. Ein Wag­nis, das uns z.B. bei unse­rem Fischer-Heft sehr in Ver­le­gen­heit gebracht hat. Ein deut­scher Autor, des­sen Namen ich nicht nen­nen möchte, sagte uns kurz vor Redak­ti­ons­schluss einen zen­tra­len Bei­trag ab. Aber aus die­sem Desas­ter haben wir gelernt.

GM: Auf Ihrer Home­page lis­ten Sie ca. 160 „Mit­ar­bei­ter“ auf (dar­un­ter auch einige lei­der bereits ver­stor­bene). Wie ist diese Liste zu verstehen?

HS: Die Liste ist eine Gesamt­dar­stel­lung all unse­rer Mit­ar­bei­ter seit unse­rer ers­ten bun­des­wei­ten Aus­gabe. Die grosse Menge ist auch ein Spie­gel­bild unse­res Heft-Kon­zep­tes, das immer wie­der nach neuen Exper­ten verlangt.

GM: Möch­ten Sie einige Autoren her­vor­he­ben, mit denen Sie beson­ders inten­siv und pro­duk­tiv zusammenarbeiten?

HS: Seit 2004 arbeite ich im schach­his­to­ri­schen Bereich sehr inten­siv mit Dr. Michael Negele zusam­men, der mich auch in dan­kens­wer­ter Weise immer wie­der mit sei­ner Samm­lung unter­stützt. Er ist ver­mut­lich unser fleis­sigs­ter Autor. Eng arbeite ich auch mit Prof. Dr. Ernst Stro­uhal und Michael Ehn zusam­men, die neben ihrer KARL-Kolumne zahl­rei­che wei­tere Arti­kel bei­gesteu­ert haben. In letz­ter Zeit ist Gross­meis­ter Mihail Marin öfter mit län­ge­ren schach­spe­zi­fi­schen Bei­trä­gen ver­tre­ten. Johan­nes Fischer ist frei­lich als Mann der ers­ten Stunde von Beginn an im Boot. Er betreut u.a. unsere Reihe „Por­träts“ und hat das Bild der Zeit­schrift über die Jahre erheb­lich mit­ge­prägt. Schliess­lich sind natür­lich unsere lang­jäh­ri­gen Kolum­nis­ten Prof. Dr. Chris­tian Hesse und Wolf­ram Run­kel zu nennen.

GM: Wie lange arbei­ten Sie an einer KARL-Num­mer von der The­men­idee bis zu dem Tag, da es bei mir im Brief­kas­ten liegt? Wer aus­ser den Autoren ist daran noch beteiligt?

HS: Das ist schwer zu sagen, weil dies stark the­men­ab­hän­gig ist. Die Idee ent­steht meist schon viele Monate vor­her. Dann frage ich früh­zei­tig Autoren und Inter­view­part­ner an, doch nicht alle kön­nen oder wol­len tat­säch­lich einen Arti­kel schrei­ben, d.h. ich muss das The­men­kon­zept peu à peu anpas­sen. Mein eige­ner Auf­wand rich­tet sich danach, wie viele Arti­kel ich selbst schreibe, und wie viele Rei­sen ich dafür unter­neh­men muss. Bei einem Schwer­punkt wie der WM in Bonn 2008 war ich z.B. der ein­zige Jour­na­list, der die gesamte Spiel­zeit vor Ort war. Inso­fern kos­tet teil­weise alleine die Recher­che enorm viel Zeit.
Die heisse Schluss­phase bis zur Fer­tig­stel­lung eines Hef­tes beträgt etwa drei bis vier Wochen. Für die gra­phi­sche Umset­zung des Hef­tes und die Aus­wahl der Bei­träge bin ich alleine ver­ant­wort­lich, wenn­gleich ich mich z.B. mit Johan­nes Fischer oft bespre­che und auch seine Ideen ein­flies­sen. Aus­ser­dem gibt es noch zwei, drei Korrekturleser.

GM: Ich habe immer die­je­ni­gen Aus­ga­ben als beson­ders inter­es­sant emp­fun­den, in denen Sie ein Thema umfas­send und aus sehr ver­schie­de­nen Blick­win­keln betrach­ten. Stell­ver­tre­tend seien Aus­ga­ben wie „Schach und Poli­tik“, „Riva­len“, „Zufall“, „Schach und Musik“ oder „Schön­heit“ genannt. In letz­ter Zeit ver­schiebt sich Ihr Schwer­punkt etwas zu Hef­ten über eine ein­zelne Region oder ein Tra­di­ti­ons­tur­nier. Zufall oder bewusste Themenverschiebung?

„Schach & Musik“ war ebenso schon KARL-Schwer­punkt wie „Schach & Poli­tik“ oder „Schach & Frauen“

HS: Eine The­men­ver­schie­bung kann ich nicht erken­nen. Die bei­den Hefte, die sich mit einer Region beschäf­tig­ten, lagen nur dadurch direkt hin­ter­ein­an­der, weil der Schach­bund NRW sein Jubi­läum fei­erte, das Heft 4/2010 über die Nie­der­lande aber schon über ein Jahr im Vor­aus geplant war. Auch in der Ver­gan­gen­heit gehör­ten Hefte über Regio­nen, Städte und Tur­niere zu unse­rer The­men­pa­lette. Wenn wir die Mög­lich­keit haben, uns an aktu­elle Ereig­nisse wie Jubi­läen oder Aus­stel­lun­gen anzu­hän­gen, machen wir das. So ist unser letz­tes Heft über die Chess Clas­sic des­halb ent­stan­den, weil die­ses nicht nur für Deutsch­land wich­tige Tra­di­ti­ons­tur­nier plötz­lich zu Ende ging und ich als ehe­ma­li­ger Pres­se­spre­cher mit dem Event ver­bun­den war. Und da muss man schon ein­mal kurz­fris­tige The­men­än­de­run­gen vornehmen.

GM: Wie weit in die Zukunft reicht denn Ihr aktu­el­ler The­men­ka­ta­log? Kön­nen Sie uns mit ein paar Stich­wor­ten neu­gie­rig machen?

HS: Wir pla­nen meist vier Hefte im Vor­aus. Für das Heft 1/2012 habe ich z.B. bereits eini­ges in die Wege gelei­tet und auch schon Inter­views geführt. Bis zum Heft 2/2012 gibt es bereits kon­krete Abspra­chen. Titel möchte ich nicht nen­nen, denn es wäre ungüns­tig, wenn andere Zeit­schrif­ten die glei­chen The­men auf­grei­fen wür­den. So war ursprüng­lich für das Heft 3/2011 ein Kort­schnoi-Schwer­punkt vor­ge­se­hen. Doch weil ihm auch die Zeit­schrift SCHACH fast ein gan­zes Heft gewid­met hat, haben wir davon abge­se­hen und uns statt­des­sen für sei­nen Anti­po­den Kar­pow ent­schie­den, der eben­falls einen run­den Geburts­tag hat.

GM: Unter den aktu­ell in der Schach­szene dis­ku­tier­ten Pro­ble­men ste­hen (lei­der) die Betrugs­mög­lich­kei­ten mit elek­tro­ni­schen Hilfs­mit­teln im Blick­punkt. Aus mei­ner Sicht wäre dies ein idea­les Feld für KARL, das Thema mit allen Aspek­ten (geschicht­lich, tech­nisch, recht­lich, Fol­gen und Lösungs­an­sätze usw.) aus­zu­leuch­ten. Sind Sie in der Spur?

Das erste Themen-Heft:
Das erste The­men-Heft: „Tempo!“

HS: Sie haben voll­kom­men recht, Betrug ist ein reiz­vol­les Thema und im Moment auch lei­der ein aktu­el­les Pro­blem. Ich hatte Gele­gen­heit, mich in Bonn bei der Deut­schen Meis­ter­schaft als Augen­zeuge direkt vor Ort über den „Fall Nats­idis“ zu infor­mie­ren und mit Teil­neh­mern dar­über zu spre­chen. Der tech­ni­sche Fort­schritt hat Mög­lich­kei­ten geschaf­fen, die Mani­pu­la­tion immer leich­ter machen. Gelingt es in Zukunft nicht, dies zu unter­bin­den, wird das Schach stark leiden.
„Betrug“ war eines der The­men, die wir zu Beginn auf unse­rer Ideen­liste für KARL-Schwer­punkte notiert hat­ten – das war 2001. Natür­lich habe ich in Anbe­tracht der aktu­el­len Ereig­nisse über die­ses Thema nach­ge­dacht. Da wir aber einige Hefte im Vor­aus pla­nen, müs­sen sich die Leser noch ein wenig gedul­den. Doch ich bin sicher, dass uns das Thema noch eine ganze Weile beglei­ten wird.

GM: Im Ver­gleich zum hoch­wer­ti­gen Anspruch Ihrer Zeit­schrift fällt das beglei­tende Inter­net-Ange­bot eher nüch­tern und spar­ta­nisch aus. Damit sind Sie in der Schach­zei­tungs-Bran­che aller­dings kei­nes­wegs allein. Reicht die Kraft nicht für eine umfas­sende Online-Prä­senz oder spielt da auch die Angst mit, sich quasi eine Kon­kur­renz im eige­nen Haus zu schaffen?

HS: Unsere Inter­net-Seite bedarf drin­gend einer Über­ar­bei­tung, das ist rich­tig. Die­ses Pro­blem haben wir lei­der allzu lange hin­aus­ge­scho­ben. Im Moment sind wir dabei, die Seite kom­plett neu zu gestal­ten. Dies dau­ert aller­dings noch einige Zeit, weil mitt­ler­weile doch schon ein enor­mer „Con­tent“ vor­han­den ist. Wir bie­ten auf unse­rer Home­page zu jedem unse­rer Hefte gleich meh­rere Lese­pro­ben. Mitt­ler­weile sind in unse­rer „Kolumne“, wo ver­schie­dene Autoren aktu­elle Publi­ka­tio­nen rezen­sie­ren, über hun­dert Bei­träge zu finden.
Wir hof­fen, in naher Zukunft eine anspre­chende Web­site prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Angst vor Kon­kur­renz im eige­nen Haus haben wir dage­gen nicht. Unsere dort ver­öf­fent­lich­ten Bei­träge die­nen unse­rer Eigen­wer­bung. Eine täg­li­che Bericht­erstat­tung über aktu­elle Ereig­nisse stre­ben wir dage­gen nicht an.

GM: Was sind aus Ihrer Sicht die High­lights von zehn Jah­ren KARL-Geschichte? Den­ken Sie an ein beson­ders gelun­ge­nes Heft, einen sehr inter­es­san­ten – viel­leicht auch kon­tro­ver­sen – Artikel?

HS: Ein ganz beson­de­res High­light ist zwei­fel­los bis heute das Keres-Heft (KARL 2/2004). Dabei wur­den wir – Johan­nes Fischer und ich – vom Est­ni­schen Frem­den­ver­kehrs­amt unglaub­lich unter­stützt. Die besorg­ten uns nicht nur den Flug, son­dern auch eine mehr­tä­gige Est­land-Rund­reise in Beglei­tung. Wir hat­ten dadurch Kon­takt zu allen wich­ti­gen Gesprächs­part­nern, u.a. auch mit der Fami­lie von Keres. Das war wun­der­voll und ist auch dem Enga­ge­ment von Johan­nes Fischer zu ver­dan­ken, der im Vor­feld zahl­rei­che Insti­tu­tio­nen anfragte. Zudem haben alle von uns ange­streb­ten Arti­kel und Inter­views geklappt, dar­un­ter die mit Spas­ski und Smyslow.
Auf­grund die­ses Hef­tes lud man mich 2006 anläss­lich des 90. Geburts­ta­ges des est­ni­schen Natio­nal­hel­den zur gros­sen Keres-Feier nach Tal­linn ein. Ein unver­gess­li­ches Erleb­nis, denn alle gros­sen Spie­ler der Ära Keres waren ver­sam­melt: Kar­pow, Kort­schnoi, Spas­ski, Awer­bach, Tai­ma­now, Gli­go­ric, Unzi­cker, Schmid, Olaf­s­son, u.v.m. Die Ein­la­dung ent­hielt auch Emp­fänge beim Prä­si­den­ten und ein Mit­tag­essen mit dem Pre­mier­mi­nis­ter. Das war gross­ar­tig. Ein ande­res schö­nes Erleb­nis war die Zusam­men­ar­beit mit der Fami­lie Unzi­cker für KARL 2/2007. Mit sei­ner Frau und den bei­den Söh­nen traf ich mich mehr­fach in Mün­chen zu mehr­stün­di­gen Inter­views, die letzt­lich zu einer sehr per­sön­li­chen Bio­gra­phie führten.
Auch zahl­rei­che Ate­lier­be­su­che bei diver­sen Künst­lern, die sich mit Schach beschäf­tig­ten, sind mir in guter Erin­ne­rung geblie­ben. Unter den vie­len Aus­ga­ben sind mir schach­his­to­risch vor allem die Las­ker- und Nim­zowitsch-Aus­ga­ben (KARL 1/2008 + 4/2006) sowie die Hefte über den DSB und über Wien (1/2002 + 2/2009) in Erin­ne­rung geblie­ben. Aber ich mag auch das Musik-Heft (KARL 4/2007), wo ich u.a. mit Port­isch spre­chen konnte, der in sei­ner Kar­riere nur ganz sel­ten Inter­views gege­ben hat. Gleich zwei kuriose Arti­kel gibt es im Zufalls-Heft (KARL 2/2006): Einen von Stro­uhal über „Schach&Religion“ und einen von Don­nin­ger über „Zufall&Computer“. Das ori­gi­nellste Titel­bild ist ver­mut­lich jenes des Tak­tik-Hef­tes – ein Kugel­fisch, den ich einer Anre­gung mei­ner Lebens­ge­fähr­tin ver­danke. Schliess­lich haben wir im aktu­el­len Heft (KARL 2/2011) mit unse­rem Preis­rät­sel, dass es mei­nes Wis­sens so im Schach­be­reich noch nie gab, einen gros­sen Erfolg gelan­det, denn die Rück­mel­dung unse­rer Leser ist so gross wie nie.

GM: Herr Schaack, bes­ten Dank für Ihre Aus­füh­run­gen und wei­ter­hin viel Erfolg mit KARL! ♦

Lese­probe 1 – Chrilly Don­nin­ger: Computerschach

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch über KARL: Die ganze Kul­tur der 64 Schach-Felder

aus­ser­dem zum Thema: Der Serien-Report über Schach­zeit­schrif­ten (3): SCHWEIZERISCHE SCHACHZEITUNG

Ein Kommentar

  1. Schö­ner Bei­trag, Herr Bin­der, und inter­es­sante Ant­wor­ten von Harry Schaack. Man merkt ihm das Schach­feuer an, das ihn in so schwie­ri­gen Zei­ten für Prints trotz­dem noch antreibt. Wei­ter so Herr Schaack! Ihr Heft ist eine Berei­che­rung für die Schach-Mag-Szene in Deutsch­land!! Viel Erfolg auch für die nächs­ten 10wünscht
    Kosta

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