Martin Breutigam: Todesküsse am Brett (Schach)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Kurzweilige Geschichten rund um die Schach-Genies

von Tho­mas Binder

Mar­tin Breu­ti­gam kann mit Recht als einer der umfas­sends­ten Schach­ken­ner deut­scher Spra­che gel­ten. Viele Jahre spielte der Inter­na­tio­nale Meis­ter in der Bun­des­liga; inzwi­schen wird er vor­wie­gend als frei­schaf­fen­der Schach­jour­na­list wahr­ge­nom­men. Dabei ist es ihm gelun­gen, die Schach­szene in zwei der gros­sen über­re­gio­na­len Tages­zei­tun­gen Deutsch­lands prä­sent zu hal­ten: der Süd­deut­schen Zei­tung und dem Ber­li­ner Tagesspiegel.
Seine neu­este Ver­öf­fent­li­chung ist eine Samm­lung von Nach­dru­cken sei­ner Kolumne im Tages­spie­gel aus den Jah­ren 2006 bis 2010: „Todes­küsse am Brett – 140 Rät­sel und Geschich­ten der Schach­ge­nies von heute“.

Schach-Gebrauchsliteratur im besten Sinne

Martin Breutigam - Todesküsse am Brett - 140 Rätsel und Geschichten der Schachgenies von heuteUm es vor­weg­zu­neh­men: Recht­zei­tig zum Weih­nachts­ge­schäft liegt damit ein net­tes klei­nes Buch vor, mit dem man jedem Schach-Inter­es­sier­ten – unab­hän­gig von Alter oder Spiel­stärke – eine Freude machen kann. Der güns­tige Preis – knapp 10 Euro – trägt dazu bei, dass sich die Inves­ti­tion auf jeden Fall lohnt. Die­ser Preis begrün­det sich wohl durch die ein­fa­che Gestal­tung als Taschen­buch und sicher auch durch die „Zweit­ver­wer­tung“ bereits vor­han­de­nen Mate­ri­als. Sozu­sa­gen „Gebrauchs­li­te­ra­tur“ im bes­ten Sinne…

Martin Breutigam - Schachspieler - Glarean Magazin
Mar­tin Breutigam

Den Haupt­teil des Buches bil­den „140 Rät­sel und Geschich­ten der Schach­ge­nies von heute“, wie es im Unter­ti­tel heisst. Nach Art und Umfang sind sie eine ideale Lek­türe zum Schmö­kern zwi­schen­durch, für eine kurze U-Bahn-Fahrt, für eine War­te­zeit oder vor dem Ein­schla­fen. Knapp ein Drit­tel jeder Seite ist dabei einem optisch ange­nehm gedruck­ten gros­sen Stel­lungs­bild vor­be­hal­ten. Danach fol­gen ein kur­zer Text über den jewei­li­gen Prot­ago­nis­ten bzw. den aktu­el­len Bezug und dann mehr bei­läu­fig die Frage nach der Gewinn­fort­set­zung, die der genannte Spie­ler an die­ser Stelle aufs Brett gezau­bert hat.

Partien-Auswahl aus der aktuellen Meistergeneration

Die Auf­lö­sung wird kopf­ste­hend und in sehr klei­ner Schrift am unte­ren Ende der Seite prä­sen­tiert – ein gelun­ge­ner Kom­pro­miss, wie ich finde: Man muss nicht wei­ter­blät­tern, ist aber auch davor geschützt, die Lösung quasi „aus Ver­se­hen“ wahr­zu­neh­men. Die Ant­wor­ten beschrän­ken sich auf drei bis vier Zei­len, gehen aber in der Ana­lyse zumin­dest so weit, dass auch ein Schach­freund auf mitt­le­rem Klub­spie­ler­ni­veau die Zug­folge ohne Brett nach­voll­zie­hen und ver­ste­hen kann. Einige ganz­sei­tige Por­trät-Fotos (u.a. Aron­jan, Short, Carlsen, Hou Yifan) run­den das Werk ab.

Zocken auf www.schach.de nach der Polit-Demo: Putin-Gegner und Ex-Schach-WM Garry Kasparow (
Zocken auf http://www.schach.de nach der Polit-Demo: Putin-Geg­ner und Ex-Schach-WM Garry Kas­pa­row („Todes­küsse“ Seite 10)

Die Aus­wahl der Par­tien ist – dem Ursprung der Bei­träge geschul­det – auf die aktu­elle Meis­ter­ge­ne­ra­tion und die Tur­niere des letz­ten Jahr­zehnts beschränkt. Auch die in die­sem Zeit­raum ver­stor­be­nen Top-Spie­ler (stell­ver­tre­tend seien Fischer und Bron­stein genannt) wer­den gewürdigt.
In eini­gen Fäl­len spannt Breu­ti­gam den Bogen mit einem Kunst­griff weit auf, z.B. wenn er Akiba Rubin­stein vor­stellt, um dann mit einer aktu­el­len Par­tie fort­zu­set­zen, deren Motiv an des­sen berühmte Opfer­par­tie gegen Rot­levi erin­nert. Ansons­ten doku­men­tie­ren die Texte schlag­licht­ar­tig die Schach­ge­schichte seit 2006, frei­lich ohne ins Detail zu gehen.

Kontroverse Themen nicht ausgespart

Sei­ner Ver­ant­wor­tung als Jour­na­list wird der Autor darin gerecht, dass er auch kon­tro­verse The­men nicht aus­spart, sei es Kas­pa­rows poli­ti­sches Enga­ge­ment, die Aus­tra­gung der Frauen-WM 2008 in einem Kri­sen­ge­biet oder die umstrit­tene Null-Tole­ranz-Regel der FIDE. So gewinnt auch der Aus­sen­ste­hende einen Ein­druck von jenen The­men, die uns Schach­spie­ler abseits des Bret­tes beschäf­ti­gen, und er wird ange­regt, sich dar­über näher zu infor­mie­ren. Mehr kann man im Rah­men die­ser Samm­lung sicher nicht leis­ten. Letzt­lich ist gerade die Viel­falt der ange­spro­che­nen Aspekte eine Stärke des Buches.
Bei der Aus­wahl der Stel­lun­gen hat sich Mar­tin Breu­ti­gam auf effekt­volle Kom­bi­na­tio­nen kon­zen­triert, die zum sofor­ti­gen Par­tie­schluss führ­ten. So ist für Unter­hal­tungs­wert und Lern­ef­fekt glei­cher­mas­sen gesorgt.
Ob es dabei eines reis­se­ri­schen Titels wie „Todes­küsse am Brett“ bedurft hätte, mögen Mar­ke­ting-Exper­ten bewer­ten. Den Titel ver­wen­det Breu­ti­gam – leicht abge­wan­delt – für sei­nen Arti­kel über Kram­niks Nie­der­lage gegen Deep Fritz, als der Welt­meis­ter ein ein­zü­gi­ges Matt zuliess. Ich halte dies für die am meis­ten über­be­wer­tete Epi­sode der jün­ge­ren Schach­ge­schichte, und lei­der macht Breu­ti­gam hier keine Aus­nahme: Aus­ge­rech­net diese Story wird auf meh­re­ren Sei­ten ausgebreitet.

Kurzweilige und anregende Lektüre

140 kurze Geschichten umrahmen jeweils eine knackige Kombinations-Pointe aus dem Schaffen der aktuellen Meistergeneration. In einem unschlagbar günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis legt uns Martin Breutigam ein passendes Weihnachtsgeschenk für jeden Schachfreund auf den Gabentisch.
140 kurze Geschich­ten umrah­men jeweils eine kna­ckige Kom­bi­na­ti­ons-Pointe aus dem Schaf­fen der aktu­el­len Meis­ter­ge­ne­ra­tion. In einem unschlag­bar güns­ti­gen Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis legt uns Mar­tin Breu­ti­gam ein pas­sen­des Weih­nachts­ge­schenk für jeden Schach­freund auf den Gabentisch.

Wenn man das Buch liest – und gerade wenn man sich ein­zelne Geschich­ten zur genüss­li­chen Lek­türe her­aus­pickt – muss man immer im Hin­ter­kopf behal­ten, dass es sich um Zei­tungs­ko­lum­nen han­delt, deren Aktua­li­tät längst ihr Ver­falls­da­tum über­schrit­ten hat. Im Sei­ten­kopf ist jeweils rela­tiv unauf­fäl­lig die Jah­res­zahl der Ver­öf­fent­li­chung ange­ge­ben. Eine etwas genauere Datie­rung wäre hilf­reich. For­mu­lie­run­gen wie „bei der lau­fen­den WM“ oder „am letz­ten Sonn­tag“ erschlies­sen sich dem Leser so immer erst nach einem kur­zen Zwei­feln, zumal der Reiz des Taschen­bu­ches auch darin besteht, es nicht chro­no­lo­gisch durch­zu­ar­bei­ten. Gera­dezu als Ana­chro­nis­mus wirkt es z.B. wenn Magnus Carlsen für das Errei­chen von Platz 31 der Welt­rang­liste gefei­ert wird… Die Texte aus heu­ti­ger Sicht nach­träg­lich umzu­for­mu­lie­ren oder zu ergän­zen, wäre wohl ein schwie­ri­ger Spa­gat gewe­sen, bei dem die Authen­ti­zi­tät auf der Stre­cke blei­ben müsste.
Die­ser zeit­li­che Ver­satz, an den sich der Leser erst gewöh­nen muss, bleibt das ein­zige Unbe­ha­gen bei einer ansons­ten abso­lut kurz­wei­li­gen und anre­gen­den Lektüre. ♦

Mar­tin Breu­ti­gam: Todes­küsse am Brett, Ver­lag Die Werk­statt, 160 Sei­ten, ISBN 978-3895337437

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Schach-Rät­sel und -Geschich­ten“ auch über
Hel­mut Pfle­gers neue ZEIT-Schachspalten

Ein Kommentar

  1. Das Buch wurde mir von mei­nem Freund
    Rado­s­law Gajek emp­foh­len. Ich finde es sehr gut.
    Mit freund­li­chem Gruß.
    Ksi­Äżka była dla mnie przez mojego przyjaciela
    Rado­sław Gajek zale­cane. MyślÄ, że to bardzo dobrze.
    Szczerze

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