Eric Siblin: Auf den Spuren der Cello-Suiten

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 4 Minu­ten

Entdeckung liegt in der Luft“

von Günter Nawe

Das Pré­lude: „Die ers­ten Takte ent­fal­ten sich mit einer erzäh­le­ri­schen Kraft eines meis­ter­li­chen Impro­vi­sa­tors. Eine Reise hat begon­nen… Die dunk­len Klänge der Strei­cher tra­gen uns zurück in das 18. Jahr­hun­dert. Die Klang­welt ist fröh­lich. Die Ele­ganz jugend­lich. Ent­de­ckung liegt in der Luft.“
So liest sich der Anfang der „Reise“, die der kana­di­sche Jour­na­list und Pop­mu­sik-Kri­ti­ker Eric Siblin, mit vie­len Aus­zeich­nun­gen bedacht, durch die Welt der Bach’schen Cello-Sui­ten unter­nom­men hat. Für ihn eine ideale Begeg­nung mit einer baro­cken Musik, aus der er Volks­mu­sik ebenso her­aus­zu­hö­ren glaubt wie post­mo­der­nen Mini­ma­lis­mus, wie spi­ri­tu­elle Kla­gen und Heavy-Metal-Riffs, mit­tel­al­ter­li­che Jigs und Film­mu­sik aus Agenten-Thrillern.

Initialzündung aus der Faszination des Hörens

Eric Siblin - Auf den Spuren der Cello-Suiten - Johann Sebastian Bach, Pablo Casals und ich - Irisiana VerlagSiblin hat die Cello-Sui­ten von Johann Sebas­tian Bach erst ein­mal hörend für sich ent­deckt. Dar­aus ist eine Lei­den­schaft gewor­den, der er fortan for­schend und schrei­bend frönt. Das Ergeb­nis ist – soviel sei vor­weg­ge­nom­men – das span­nende Buch „Auf den Spren der Cello-Sui­ten – Johann Sebas­tian Bach, Pablo Casals und ich“. Wenn auch die­ses „…und ich“ im Unter­ti­tel etwas manie­riert wirkt (im Ori­gi­nal lau­tet der Titel „The Cello-Sui­tes – J.S. Bach, Pablo Casals and the search for a baro­que mas­ter­piece“): dem Lese­ver­gnü­gen tut es kei­nen Abbruch.
Ein Lese­ver­gnü­gen – allein des­halb, weil es dem Autor auf her­vor­ra­gende Weise gelingt, eigene (Hör-)Erfahrungen und -Erleb­nisse mit den Cello-Sui­ten in Bezie­hung zu set­zen zur Ent­ste­hung der Sui­ten und einer musik­theo­re­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung sowie zu den Bio­gra­phien des Johann Sebas­tian Bach und des gros­sen Pablo Casals. Von alle­dem erzählt Eric Siblin sehr enga­giert und lei­den­schaft­lich, aber auch sehr kenntnisreich.

Buch analog zu den Bach’schen Suiten aufgebaut

Eric Siblin - Glarean Magazin
Gewann 2009 mit sei­nen „Cello-Sui­ten“ den Mavis-Gal­lant-Lite­ra­tur­preis: Eric Siblin

Das Buch ist ana­log zu den Bach’schen Sui­ten auf­ge­baut, also sechs Sui­ten gleich sechs Kapi­tel mit den jewei­li­gen Unter­ti­teln von Pré­lude über Alle­mande, Sara­bande und so wei­ter – Bach­ken­ner und Sui­ten­lieb­ha­ber ken­nen sich da aus.
Siblin beschreibt die Sui­ten so: „Bach beschloss, jede Suite mit einem Pré­lude zu begin­nen, einer dra­ma­ti­schen Ein­lei­tung… Bachs Pré­lude sind vir­tuose Eröff­nun­gen… Sie begin­nen ver­hal­ten und ent­fal­ten sich, schwin­gen sich zu schwin­del­erre­gen­den Höhen auf, ver­har­ren und stür­zen herab.“ Auf die Tänze, die soge­nann­ten Galan­te­rie­sätze wie Menu­ett und Bour­rée und Gavotte, bezo­gen schreibt er: „In die­sen Tän­zen herrscht ein Melo­dien­reich­tum, der sie oft zu den ein­präg­sams­ten Tei­len macht. Sie haben Schwung in ihren Schrit­ten, ein fröh­li­ches Hüp­fen, beson­ders, weil sie direkt nach der schwer­mü­ti­gen Sara­bande erklin­gen.“ Oder über Sara­bande, Bour­rée, und Gigue der 1. Suite: „… die fet­ten Dop­pel­pau­sen der Sara­bande, der fröh­li­che Scheu­nen­tanz der Bour­rée und die rich­tig­ge­hen­den Rock­gi­tar­ren­riffs der Gigue, die Lord Zep­pe­lin sicher alle Ehre gemacht hät­ten…“. Immer wie­der, das ganze Buch hin­durch, fin­det Siblin For­mu­lie­run­gen die­ser Art, um die Sui­ten zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Das ist sicher sehr sub­jek­tiv emp­fun­den, aber inter­es­sant in der Beur­tei­lung hin­sicht­lich der eige­nen Erfah­run­gen, die jeder Leser beim Hören der Cello-Sui­ten machen wird.

Auf der Spur einer unendlichen Cello-Geschichte

„Rock­gi­tar­ren­riffs, die Lord Zep­pe­lin sicher alle Ehre gemacht hät­ten…“: Gigue aus Bachs 1. Cello-Suite (Abschrift durch Anna Mag­da­lena Bach)

Was viel­leicht neu und bis­her nicht so prä­sent ist: Die Ent­ste­hungs­ge­schichte der Cello-Sui­ten und ihre Rezep­tion durch die Zeit. Eine unend­li­che Geschichte über drei Jahr­hun­derte hin­weg, auf deren Spur sich Eric Siblin macht. Eine Geschichte vol­ler Intri­gen, vol­ler Lei­den­schaft und Rät­sel. Aus alle­dem ergibt sich ein Drei­klang aus den ver­lo­re­nen Bach’schen Hand­schrif­ten der Sui­ten im 18. Jahr­hun­dert und sozu­sa­gen ihrer „Wie­der­ent­de­ckung“ zu Ende des 19. Jahr­hun­derts durch kei­nen gerin­ge­ren als Pablo Casals, des­sen geniale Ein­spie­lung der Sui­ten bis heute – trotz gros­ser Namen wie Yo Yo Ma, Mischa Maisky, Rostro­po­witsch und ande­rer – unver­gleich­lich ist, und dem Spa­zier­gang Erc Siblins durch die Welt der Klassik.

Wir begleiten in
Wir beglei­ten in „Cello-Sui­ten“ den Autor Eric Siblin und den Vir­tuo­sen Pablo Casals auf den Spu­ren der Bach­schen Cello-Sui­ten und ihrer musi­ka­li­schen Klang­wer­dung. Ein unge­wöhn­li­ches, inter­es­san­tes und, wenn man so will: schö­nes Buch – geschrie­ben mit der ‚erzäh­le­ri­schen Kraft eines meis­ter­li­chen Impro­vi­sa­tors‘; mit Ver­gnü­gen zu lesen – und eine wun­der­bare Anre­gung, diese Musik (wie­der) zu hören.

So beglei­ten wir den Autor und indi­rekt auch Pablo Casals durch die alten Gas­sen von Bar­ce­lona, durch bel­gi­sche Her­ren­häu­ser und durch die Kon­zert­säle der Welt – immer auf den Spu­ren der Cello-Sui­ten und ihrer musi­ka­li­schen Klang­wer­dung durch den gros­sen Virtuosen.
Ein unge­wöhn­li­ches, inter­es­san­tes und wenn man so will, schö­nes Buch – geschrie­ben mit der „erzäh­le­ri­schen Kraft eines meis­ter­li­chen Impro­vi­sa­tors“; mit Ver­gnü­gen zu lesen – und eine wun­der­bare Anre­gung, die Cello-Sui­ten (wie­der) zu hören. ♦

Eric Siblin, Auf den Spu­ren der Cello-Sui­ten – Johann Sebas­tian Bach, Pablo Casals und ich, 368 Sei­ten, Iri­siana-Ver­lag, ISBN 978-3-424-15041-4

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Cello-Sui­ten“ auch über
Rostro­po­witsch: Cello-Sui­ten von J. S. Bach (CD)

… sowie zum Thema Musik-Unter­richt für Vio­line & Cello über
Egon Sass­manns­haus: Spiel­buch für Streicher

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