Prima Carezza: Pourquoi, Madame? (CD)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 3 Minu­ten

Neue virtuose Salon-Musik

von Wal­ter Eigenmann

Die atmo­sphä­ri­sche, die schön-schumm­rig-schmach­tende, die per­fekt halb­sei­dene, die vir­tuos tri­viale, die kal­ku­liert kit­schige Salon­mu­sik hat in der Schweiz seit Jah­ren einen wohl­klin­gen­den Namen: Prima Carezza. Die­ses sie­ben­köp­fige Ensem­ble, in den 70er Jah­ren eher zufäl­lig als reine Ama­teur-For­ma­tion ent­stan­den, inzwi­schen mehr­heit­lich aus Berufs­mu­si­kern zusam­men­ge­setzt, erspielte sich in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten eine nach Mil­lio­nen zäh­lende Fan-Gemeinde. Denn wenn eine Salon-Band so geris­sen arran­giert pen­delt zwi­schen „Welt­schmerz und Lebens­freude, Melan­cho­lie und Witz, Jubel und tiefs­ter Trau­rig­keit“ (PC über PC), dann hört ihr nicht nur die Halb-, son­dern die ganze Welt zu.

Prima Carezza (M.Paetsch-Neftel/K.Neftel/W.Pipczynski): "Pourquoi, Madame?" - Salon-Musik

Prima Carezza, das sind momen­tan die Damen&Herren Mil­ton J. Kazin­czy (Primas/Violine), Mod­jewska Gro­go­wi­lodi (Vio­line), Cze­rés­nia Zal­le­bor­ski (Vio­lon­cello), Con­stan­tin Cor­nescu (Piano), Kon­trás Öcsi (Kon­tra­bass), Wies­law Pip­c­zyn­ski (Akkor­deon) und Ist­ván Bodóczy (Kla­ri­nette). Man musi­ziert dabei, je nach Kon­zert­pro­gramm bzw. Show-Umfeld, ent­we­der in der Ori­gi­nal­be­set­zung, wie sie damals üblich war (Kla­vier sowie der typi­sche Stehgeiger/Primas, dazu wei­tere Streich­in­stru­mente und ver­schie­dene Blä­ser), oder dann in Trio-, Quar­tett- oder Quintett-Besetzungen.

Stilistische Geschmackssicherheit und spieltechnische Brillanz

Gruppenbild mit Damen: Prima Carezza
Grup­pen­bild mit Damen: Prima Carezza

Die sti­lis­ti­sche Geschmacks­si­cher­heit, aber v.a. auch die spiel­tech­ni­sche Bril­lanz von Prima Carezza sind es, wel­che die­ser For­ma­tion – neben berühm­ten Ensem­bles wie „I salo­nisti“, dem „Palast Orches­ter“ oder dem „Salon­or­ches­ter Köln“, aber womög­lich noch eine Spur authen­ti­scher, kom­mer­zi­ell weni­ger ver­wa­schen, weni­ger „tech­nisch auf­ge­motzt“ als jene – einen vor­ders­ten Platz auf der Salon-Bühne unse­rer Tage garan­tie­ren. Und dort hän­gen zwar die Him­mel vol­ler sen­ti­men­ta­ler – wenn­gleich vir­tuos trak­tier­ter – Gei­gen, aber doch auch vol­ler wohl­do­siert gesetz­ter „Fin de siècle“-Melancholika – geschwän­gert mit jenem mor­bi­den Duft und deka­den­ten Flair, wel­che damals eine ganze Musik- und Lite­ra­tur-Gene­ra­tion bann­ten, und die auch heut­zu­tage als nost­al­gi­sche Boten eines längst ver­sun­ke­nen Musik-Atlanta des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts zu ver­zau­bern vermögen.

Zigeunergeiger“ Georges Boulanger im Zentrum der Sammlung

Der legendäre rumänische "Zigeuner-Geiger" Georges Boulanger (1893 Tulcea - 1958 Buenos-Aires)
Der legen­däre rumä­ni­sche „Zigeu­ner-Gei­ger“ Geor­ges Bou­lan­ger (1893 Tul­cea – 1958 Buenos-Aires)

Für ihre aktu­ellste Pro­duk­tion „Pour­quoi, Madame?“, soeben beim Label Tudor erschie­nen, speckte das Sep­tett nicht nur zum Trio ab, son­dern grup­pierte die CD dezi­diert um einen gros­sen Namen der rumä­ni­schen Zigeu­ner­mu­sik: Mehr als die Hälfte der Titel stam­men aus der Feder des legen­dä­ren Wahl-Argen­ti­ni­ers Geor­ges Bou­lan­ger. Geblie­ben ist, trotz klei­ner Beset­zung, neben dem lang­jäh­ri­gen PC-Akkor­deon-Solis­ten Wies­law Pip­c­zyn­ski – wel­cher flan­kiert bzw. „ange­führt“ wird von dem Ehe­par Michaela Paetsch-Nef­tel und Klaus Nef­tel (Vio­li­nen) – der typi­sche „Sound“ der Prima-Carezza-Arran­ge­ments, der rhyth­mi­sche Prä­zi­sion mit fül­li­ger Akkor­dik und melo­di­schem Sen­ti­ment paart, und der auf einer stets unmit­tel­bar spür­ba­ren, ur-musi­kan­ti­schen Spiel­freude basiert, wie sie für viele Pro­duk­tio­nen von Prima Carezza zum Mar­ken­zei­chen avan­cierte. Dass dabei diese Bou­lan­ger-Hom­mage den berühm­ten, sei­ner­zeit v.a. im Ber­lin der 1930er Jahre auf­spie­len­den „Zigeu­ner­gei­ger“ ein­mal mehr ins Zen­trum einer CD rückt, ist nicht zufäl­lig: schon seit Jah­ren wid­met sich das Ensem­ble dem Schaf­fen die­ses rumä­ni­schen Gei­gers und Salon­mu­si­kers, unter­stützt direkt von den Erben Boulangers.
„Pour­quoi, Madame?“ ent­hält eine abwechs­lungs­rei­che Mélange von Sti­len und Tech­ni­ken des hoch­ge­pfleg­ten, ori­gi­nä­ren Salon-Musi­zie­rens – ein mit- und hin­reis­sen­der Ohren­schmaus für Nost­al­gi­ker und Melancholiker. ♦

Prima Carezza: Pour­quoi, Madame? – Michaela Paetsch-Nef­tel (Vio­line), Klaus Nef­tel (Vio­line), Wies­law Pip­c­zyn­ski (Akkor­deon), Salon-Musik von Bou­lan­ger u.a., Tudor Klassik-CD

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