Interessante Buch- und CD-Neuheiten – kurz belichtet

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 7 Minu­ten

Bemerkenswerte Musik- und Schach-Novitäten

von Walter Eigenmann

Nikola Komatina: Inspiration – Accordion (CD)

Beim Laien, zumal beim Lieb­ha­ber soge­nann­ter „Volks­mu­sik“ haf­tet dem Akkor­deon noch immer der Nim­bus des Humm­tata-Hand­or­gelns oder des schmalz-kit­schi­gen Shanty-Schif­fer­kla­viers an. Als kon­zer­tant-vir­tuo­ses Solo-Instru­ment wird es in der brei­ten Öffent­lich­keit noch immer zu wenig wahr­ge­nom­men – allen­falls noch in sei­ner Funk­tion als Bestand­teil von mehr oder weni­ger ambi­tiö­sen „Harmonika“-Orchestern.

Akkordeon-Musik vom Barock bis zur Moderne

Anzeige Amazon: Nikola Komatina (Akkordeon): Inspiration - Werke von Scarlatti, Bach, Moszkowski, Aho und Zabel (GWK-Records)
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Wel­che facet­ten­rei­chen Spiel­tech­ni­ken dem Hand­zug-Instru­ment Akkor­deon jedoch inne­woh­nen, wel­che viel­fäl­ti­gen Klang­spek­tren es zu rea­li­sie­ren ver­mag, das bewei­sen sol­che Aus­nahme-Vir­tuo­sen wie der ser­bi­sche Akkor­deo­nist Nikola Koma­tina. Bei dem Label GWK-Records hat der 29-jäh­rige, bereits in jun­gen Jah­ren mit vie­len Prei­sen aus­ge­zeich­nete Vir­tuose nun sein CD-Debüt erhal­ten mit der Pro­duk­tion „Inspi­ra­tion“ – einer sti­lis­tisch sehr hete­ro­ge­nen Zusam­men­stel­lung von D. Scar­latti über J.S. Bach und M. Mosz­kow­ski bis hin zu Kalevi Aho (1949) und Frank Zabel (1968).
Moderne Musik auf dem Akkor­deon: ja – aber auch Barock und Spät­ro­man­tik? Koma­tina lässt allen musik­ge­schmack­li­chen Puri­ta­nis­mus hin­ter sich und führt sein Instru­ment durch­aus stil­si­cher durch die Epo­chen – dank phra­sie­rungs- und arti­ku­la­ti­ons­rei­cher Meis­ter­schaft, die den betref­fen­den Wer­ken wei­tere Klang­op­tio­nen eröffnen.

Dynamische Möglichkeiten des Instruments ausgeschöpft

Koma­tina weiss dabei genau um die Vor­züge des Akkor­de­ons, wenn er (im Book­let) betont, dass sein Instru­ment bei baro­cken Stü­cken eben Dyna­mik-Abstu­fun­gen rea­li­sie­ren kann, über die das „ori­gi­nale“ Cem­balo nicht verfügt(e). Bei Scar­lat­tis Toc­cata d-Moll K 141 kon­tras­tiert Koma­tina „stark rhyth­misch geprägte“ Pas­sa­gen mit „gesang­lich-wei­chen“, bei Bachs Eng­li­scher Suite Nr. 5 e-Moll BWV 810 wollte er „die ein­zel­nen Töne mit Cre­schendo und Decre­scendo gestal­ten und die Span­nung über meh­rere Takte halten“.

Die spieltechnischen Grenzen erreicht

Bis an die spiel­tech­ni­schen Gren­zen des Akkor­de­ons geht Inter­pret Koma­tina nicht nur im Caprice Nr. 1 von Frank Zabel, son­dern ins­be­son­dere auch bei Kalevi Ahos 2. Sonate für Akkor­deon „Black Birds“; sogar Vir­tuose Koma­tina attes­tiert die­sem Stück, „eines der kom­ple­xes­ten, auf­re­gends­ten und schwie­rigs­ten Werke der moder­nen Akkor­de­on­li­te­ra­tur“ dar­zu­stel­len. Und sowohl bei Zabel als auch bei Aho kann dabei der Akkor­deo­nist, des­sen tech­ni­sche Vir­tuo­si­tät sowohl im rechts­hän­di­gen Dis­kant- wie im links­hän­di­gen Bass-Bereich des Instru­ments ihres­glei­chen sucht, hin­sicht­lich der Klang-Regis­ter aus dem Vol­len schöp­fen: Koma­tina spielt auf einer gros­sen Kon­zert-Bugari, deren wei­tes Spek­trum der Klap­pen-Regis­ter den klang­li­chen Anfor­de­run­gen gerade moder­ner Kom­po­nis­ten gerecht wird. Von der Imi­ta­tion von Vogel­stim­men (in Ahos „Black Birds“) bis hin zu den kom­ple­xen Klang­schich­ten in Zabels „Caprice“ deckt der ser­bi­sche Künst­ler eine fas­zi­nie­rend viel­fäl­tige und in die­ser Inten­si­tät noch sel­ten gehörte Span­nungs­weite moder­ner Akkor­de­on­mu­sik ab. ♦

Nikola Komata (Accor­dion): Inspi­ra­tion – Werke von Dome­nico Scar­latti, Kalevi Aho, Johann Sebas­tian Bach, Frank Zabel und Moritz Mosz­kowsi, Spiel­dauer 53:45, GWK-Records

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema Akkor­deon-Musik auch über die CD des Salon-Orches­ters Prima Carezza: Pour­quoi, Madame?


Werner Kaufmann: Zwingende Züge (Schach)

Wer nach einem biblio­gra­phisch schön auf­be­rei­te­ten, mit sau­ber gestal­te­tem Lay­out ver­se­he­nen, mit gut struk­tu­rier­ten Kom­men­ta­ren bestück­ten und mit vie­len Dia­gram­men gespick­ten Schach­buch sucht, wird bei Wer­ner Kauf­manns „Zwin­gen­den Zügen“ nicht fün­dig. Noch nicht mal eine Print-Aus­gabe gibt es von die­ser jüngs­ten Publi­ka­tion des in der Zen­tral­schweiz recht bekann­ten Natio­nal­liga-Spie­lers und Fide-Meis­ters. Schach-Puris­ten mit jah­re­lan­ger Gewöh­nung an den ästhe­ti­schen Main­stream der kon­ven­tio­nel­len Schach­buch-Her­stel­lung las­sen also am bes­ten die Fin­ger von die­sen „Zwin­gen­den Zügen“.

Schachpädagogisch originäre Denkansätze

Wer aber aus­ge­lei­erte, häu­fig aus­tausch­bare Pseudo-Kom­men­tie­rung ver­ab­scheut, statt­des­sen sehr ori­gi­näre, mit Eigen­leis­tung gene­rierte Denk­an­sätze schätzt, die schach­päd­ago­gisch für Spie­ler bis ca. 2000 Elo wirk­lich nütz­lich sind, der liegt bei Kauf­mann gold­rich­tig. Kauf­manns E-Book nimmt das uralte Evans-Gam­bit zum Aus­gangs­punkt moderns­ter On-the-Board-Über­le­gun­gen und pro­pa­giert Denk­wege, die gänz­lich ohne (häu­fig ein­fach nach­ge­plap­perte bzw. sinn­ent­leerte) Wort­hül­sen wie „Mus­ter­er­ken­nung“ oder „Stra­te­gie“ aus­kom­men. Anstelle sol­cher schach­päd­ago­gisch meist nebu­lö­ser „Anlei­tun­gen“ setzt „Zwin­gende Züge“ auf prak­ti­ka­ble und am Brett vom Spie­ler situa­tiv umsetz­bare Anre­gun­gen für das Berech­nen wir­kungs­vol­ler Schachzüge.

Keine Pläne!“

Wer­ner Kauf­manns Credo, das er bereits in sei­nem „Keine Pläne!“, dem Vor­gän­ger-Band der „Zwin­gen­den Züge“ pro­kla­mierte und nun anhand zahl­lo­ser kon­kre­ter Lehr­par­tien und -stel­lun­gen des für die­sen Zweck opti­ma­len Evans-Gam­bits doku­men­tiert, ver­kün­det allen Lernenden:

Im Schach geht es um drei Sachen:

  1. Dro­hung ansehen
  2. Alles angrei­fen
  3. Nichts ein­stel­len“

Am bes­ten zitie­ren wir Kauf­mann ausführlicher:

Pat­zer glau­ben viel eher als Gross­meis­ter zu wis­sen, was gerade zu tun ist, und ord­nen ihre Züge irgend­wel­chen posi­tio­nel­len oder stra­te­gi­schen Zie­len unter. Dem gegen­über prüft der GM, was gerade in der Stel­lung drin ist, ver­sucht sich über seine Optio­nen Klar­heit zu ver­schaf­fen und wählt eine die­ser Optio­nen. Kurzum, der Pat­zer spielt abs­trakt, der GM kon­kret. Ich bin über­zeugt, dass ich im Schach nur Fort­schritte machen kann, wenn ich mich daran gewöhne, mich von Zug zu Zug um Dro­hun­gen und Gegen­dro­hun­gen zu küm­mern, ohne irgend­wel­che stra­te­gi­schen Ziele zu verfolgen.
Der durch­schnitt­li­che Schach­spie­ler hat unge­fähr 1600 Elo, was bedeu­tet, dass die Hälfte aller Spie­ler weni­ger Elo hat. Über 1800 kom­men 20%, über 2000 10% und über 2200 noch 3% der Spie­ler. Über 2400 sind es noch ein paar Pro­mille, aber rich­tig gutes Schach wird erst ab 2600 gespielt. Über­las­sen wird doch das Pla­nen den­je­ni­gen, die Vari­an­ten auch kor­rekt berech­nen können…

Eine Kurz- bzw. Zusam­men­fas­sung der Kaufmann’schen „Gesetze“ bie­tet der Autor sel­ber auf sei­ner Web­seite.
Jeden­falls aber ist „Zwin­gende Züge“ des erfolg­rei­chen Inner­schwei­zer Natio­nal­liga-Spie­lers und Fern­schach- sowie Com­pu­ter­schach-Exper­ten Wer­ner Kauf­mann sehr poin­tiert und auch wit­zig geschrie­ben, seine Zug­ana­ly­sen sind mit moderns­ter Soft­ware veri­fi­ziert (und kor­ri­gie­ren oft­mals auch „feh­ler­hafte“ Pro­gramm-Vor­schläge…), die Denk­an­sätze sind äus­serst unkon­ven­tio­nell, aber auch äus­serst einleuchtend.
Für Tur­nier­spie­ler, die sich für ein­mal abseits der übli­chen „stra­te­gi­schen“ Ver­all­ge­mei­ne­run­gen bewe­gen und sich kon­kret auf die schach­li­chen Not­wen­dig­kei­ten ein­las­sen wol­len, ist die­ses E-Book eine lehr­rei­che Hilfe im Dschun­gel des Vari­an­ten-Dickichts – und ins­ge­samt eine ori­gi­nelle Ergän­zung des Schach-Bücher­schran­kes. Empfehlung! ♦

Wer­ner Kauf­mann: Zwin­gende Züge – erläu­tert anhand von Cap­tain Wil­liam Evans‘ Gam­bit, e-book (Kindle Edi­tion), 104 Sei­ten, Damen­sprin­ger Verlag

Lesen Sie im Glarean Maga­zin (quasi als Gegen­ent­wurf) zum Thema „Schach­päd­ago­gik“ auch über Oude­weete­ring: Mus­ter­er­ken­nung im Mittelspiel


Duo Imaginaire: Japanese Echoes – Hommage à Claude Debussy (CD)

Das Duo Ima­gi­n­aire – das sind die Würz­bur­ger Kon­zert-Har­fe­nis­tin Simone Sei­ler und der Edin­burg­her Solo-Kla­ri­net­tist John Cor­bett. Gemein­sam rea­li­sier­ten die bei­den Künst­ler ein ganz spe­zi­el­les Musik-Pro­jekt: „Japa­nes Echoes“ nennt sich ihre neue CD, die nicht weni­ger als sechs japa­ni­sche Komponist(inn)en vor­stellt, wel­che in ihren Wer­ken „ant­wor­ten“ auf je ein selbst­ge­wähl­tes Pré­lude von Debussy. Diese japa­ni­sche Hom­mage à Claude Debussy reflek­tiert viel­fäl­tig auch die grosse Fas­zi­na­tion, die Japans und über­haupt die fern­öst­li­che Musik­tra­di­tion mit ihrer Klang­sinn­lich­lich­keit auf den genia­len Impres­sio­nis­ten ausübte.

Sechs unterschiedliche japanische Stil-Ausprägungen

Das halbe Dut­zend Werke von Sato­shi Minami (*1955), Yasuko Yama­guc­chi (*1969), Taka­shi Fujii (*1959), Kumiko Omura (*1970), Takayuki Rai (*1954) und Asako Miyaki (*1967) durch­misst eine weite Band­breite an Kom­po­si­ti­ons­tech­ni­ken und Klang­sti­len. Jedes der Debussy-Pré­ludes als die vor­an­ge­stell­ten Aus­gangs­punkte der Kom­po­nis­ten aus Japan wurde von dem Duo tran­skri­biert aus dem Kla­vier-Ori­gi­nal in das Kla­ri­nette-Harfe-Duett, und über die Legi­ti­ma­tion sol­cher Über­tra­gung eines doch sehr Kla­vier-fokus­sier­ten Impres­sio­nis­mus und des­sen klang­lich-pia­nis­ti­schen Spe­zi­fi­ka­tio­nen liesse sich strei­ten. Doch als Expe­ri­ment auch im Sinne von „West meets East“ und als Gegen­über­stel­lung sehr unter­schied­li­cher melo­di­scher und har­mo­ni­scher Kon­zepte bei „see­len­ver­wand­schaft­li­chem“ Ansatz hat dies Pro­jekt des Duo Ima­gi­n­aire seine Berechtigung.

Eine Art musikalische Haiku“

In sei­nem Book­let umreisst das Duo die Inten­tion sei­ner „Japa­nese Echoes“ folgendermassen:

Wie wich­tig die Ton­farbe für Debussy ist, zeigt sich in der Ver­wen­dung sei­ner expan­si­ven Klang­far­ben­pa­lette, die sich auf den Raum oder Umfeld bezieht, nicht jedoch auf die Struk­tur. Dies geschieht ana­log zur Shakuha­chi-Hon­kyoku-Tra­di­tion, bei der sich der Schwer­punkt auf die Ästhe­tik eines ein­zi­gen Tons kon­zen­triert. Der Klang ist dabei wich­ti­ger als die Struk­tur. […] Die musi­ka­li­sche Ant­wort der japa­ni­schen Komponist(inn)en ist eine Art musi­ka­li­sche Haiku oder bes­ser Waka (Ant­wort­ge­dicht). Es lässt das aus­ge­wählte Pré­lude in einer neuen Per­spek­tive erschei­nen und macht dem Hörer den Bezug Debus­sys zur japa­ni­schen Kul­tur deutlich.

Dass Debus­sys Klang­sinn­lich­keit, seine lebens­lange Affi­ni­tät zur fern­öst­li­chen Kul­tur, seine Sen­si­bi­li­tät für Raum und Stille kein west­li­cher Kon­tra­punkt, son­dern ein ima­gi­na­ti­ves Pen­dent zu japa­ni­schen Klang­tra­di­tio­nen dar­stellt, doku­men­tiert das Duo Ima­gi­n­aire sehr ein­dring­lich. Hoher Ver­schmel­zungs­grad des Sai­ten- mit dem Holz­blas-Instru­ment und buch­stäb­lich zau­ber­hafte Klang­lich­keit zeich­nen diese Erst­ein­spie­lun­gen aus. Dabei durch­mes­sen sie eine vom Pen­ta­to­ni­schem bis zum Quasi-Impro­vi­sa­to­ri­schen rei­chende, teils medi­ta­tive, teils ges­ten­rei­che, rhyth­misch oft kaum nach­voll­zieh­bar struk­tu­rierte, dyna­misch aber feinst abge­stufte Musik-Palette, deren Kolo­rit bei aller impres­sio­nis­ti­schen Ori­en­tiert­heit die japa­ni­sche Her­kunft nie ver­leug­net. Das Duo musi­ziert ein­dring­lich, ver­fügt über die nöti­gen Tech­ni­ken sou­ve­rän, ins­be­son­dere der Kla­ri­net­tist inter­pre­tiert vir­tuos. Ein sehr anre­gende Produktion. ♦

Duo Ima­gi­n­aire: Japa­nese Echoes – Hom­mage à Claude Debussy, John Cor­bett (Kla­ri­nette) und Simone Sei­ler (Harp), Spiel­dauer 57:28, TYX-Art Label

Lesen Sie im Glarean Maga­zin auch zum Thema „Harfe und Blas­in­stru­ment“ über K. Eng­lichova (Harfe) und V. Veverka (Oboe): Impres­si­ons, Werke von Ravel, Debussy und Sluka

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