Veröffentlicht am 2. Juni 2026
Vergessene Bücher (04): "Der heilige Skarabäus" von Else Jerusalem
Wien anfangs 20. Jahrhundert: Freud zerlegte das Unbewusste, Schnitzler die Moral, Klimt die Konventionen, Wittgenstein die Sprache, und beinahe jeder Intellektuelle irgendetwas, das dringend zerlegt werden musste – während die Stadt gleichzeitig eine Sexualmoral installierte, die in ihrer Mischung aus Prüderie, Geschäftssinn und organisiertem Selbstbetrug bis heute wirklich erstaunt. Staunen nicht als moralische Entrüstung, sondern eher als eine Art von kaltem Respekt, den man einem Mechanismus entgegenbringt, der reibungslos funktioniert, weil alle Beteiligten ein Interesse daran haben, dass er reibungslos funktioniert. Und das Stenogramm dieses erstaunlichen Mechanismus‘ kann nachgelesen werden auf den 500 Seiten des (heute praktisch vergessenen) Romans von Else Jerusalem: „Der heilige Skarabäus“.
Die Prostitutionsdebatte in den 1900er Jahren wurde, wie die Germanistin Alexandra Millner treffend bemerkte, bewusst als ethische statt als ökonomische Frage geführt – denn sobald über Sitte, Anstand und Verfall diskutiert wird, spricht niemand mehr über Geld, über Verträge, über die nüchterne Frage, wer an welchem Arrangement verdient und wer dafür bezahlt.

Else Jerusalems Roman „Der heilige Skarabäus“ beginnt dort, wo die Ringstrasse, Wiens Schaufenster-Prunk-Meile, ihre Maske verliert – ein paar Schritte genügen. Aber hinter den Fassaden der Wohlanständigkeit öffnet sich keine Unterwelt, kein fremdes Reich, kein Laster-Pfuhl – sondern die genau gleiche Gesellschaft, nur ohne Schminke. Und mitten in dieses Bild setzt Jerusalem einen Satz, der den gesamten Roman auf den Punkt bringt: „Der Markt der Liebe ist aufgetan“.
Nicht die „Tragödie der Liebe“ also, nicht die „Sünde der Liebe“ – der „Markt“. Mit einem einzigen Wort reisst Jerusalem den ganzen sentimental-kitschigen Kulissenzauber ihrer Epoche ein. Denn es wird gehandelt, gekauft, verkauft – und wie überall dort, wo gehandelt wird, geht es um Interessen, nicht um Gefühle; um Bilanzen, nicht um Moral; um die stumme Logik des Kapitals, die keine Ausnahme kennt.
Ein „das Schamgefühl verletzender Inhalt“
Der Roman erschien 1909 im Verlag S. Fischer und erlebte bis heute vierzig Auflagen, davon allerdings zwanzig allein im Erscheinungsjahr. Er wurde ins Russische, Ungarische, Niederländische, Finnische, Französische und Englische übersetzt. Die ungarische Fassung wurde von der Staatsanwaltschaft konfisziert – „wegen des das Schamgefühl verletzenden Inhalts“, wie die Wiener „Arbeiter-Zeitung“ im Februar 1911 notierte, nicht ohne Häme. Die Polizei wisse die Grenze zwischen Kunst und Pornographie nicht zu ziehen.
Aber die eigentliche Provokation dieses Romans, der von der deutschen Hitlerei verbrannt und seither aus dem Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit völlig verschwunden ist, lag gar nicht in den Bordellszenen, die Jerusalem, wie sie selbst betonte, mit grösster Zurückhaltung schilderte. (Wer Hardcore-Porno aus jener Zeit sucht, ist mit De Sades „120 Tage von Sodom“ – dt. Erstveröffentlichung 1909 – besser bedient). Die („staatsgefährdende“) Provokation des 500 Seiten schweren Wälzers lag (und liegt noch) darin, dass er die Prostitution nicht als Gegen-Teil, sondern als Teil der bürgerlichen Gesellschaft betrachtete: „Ich erkenne keine Grenzlinien an. Es ist nicht wahr, daß wir hüben stehen und sie drüben.“
Milada oder die Ware Mensch

Romane über Prostitution leiden häufig an einem literarischen Geburtsfehler: Die Frauen erscheinen darin entweder als Opfer oder als Verführerinnen, als gefallene Engel oder als Dämoninnen in Korsetts. Jerusalem interessiert sich weder für Heilige noch für Huren, sondern für Menschen – was in der Literatur ihrer Zeit seltener war, als man annehmen möchte. Und die Hauptprotagonistin Milada betritt die Handlung nicht als Symbolfigur, sie trägt keine These spazieren. Man begegnet einer jungen Frau, die im Bordell geboren wurde, weil ihre Mutter Katerine – von dem Grossbauern, der sie schwängerte, mit Gelächter abgespeist – ihre Tochter als Racheakt mitnahm in jenes Leben, das sie selbst gewählt hatte: Nicht aus Not, sondern aus Wut, aus gekränktem Stolz, aus einem Furor, der keine bessere Form fand. Katerine ist kein Opfer. Sie ist auch keine Täterin im gewöhnlichen Sinn. Sie ist eine Frau, die in einem System lebt, das ihr keine andere Sprache gelassen hat als die des Körpers.
Die Ökonomie in den Köpfen
Das eigentlich Verstörende liegt dabei nicht in der Ausbeutung – die ist uralt und bestens vertraut –, sondern in der automatisierten Selbstverständlichkeit, mit der die Ökonomie in die Köpfe eingezogen ist, noch bevor irgendein Zwang ausgeübt werden müsste. Was hübsch ist, bringt Geld. Was altert, verliert Wert. Was begehrt wird, steigt im Kurs. Die Sprache selbst hat sich dem Markt unterworfen. „Stolz war Milada auf die vielbegehrte Mutter“, schreibt Jerusalem, „gewissenhaft zählte sie die Besuche an den Fingern ab und freute sich, wenn ihre beiden Hände einmal nicht ausreichten.“ Das Kind zählt die Freier der Mutter und nennt es Stolz. Darin zeigt sich die eigentliche Macht des Systems – nicht in den Peitschenhieben, die es nicht braucht, sondern in der freiwilligen Übernahme seiner Grammatik durch jene, die es verschlingt.

Jerusalem beschreibt diese Vorgänge ohne grosse Ausrufezeichen, ohne sentimentale Musik im Hintergrund. Sie vertraut darauf, dass die Wirklichkeit gründlicher anklagt als jede Empörung. Die Frauen werden aufgenommen, eingekleidet, platziert, beurteilt und vermittelt, als handelte es sich um eine Mischung aus Internat, Handelsfirma und Menschenbörse – das Erschreckende ist nicht die Brutalität des Vorgangs, sondern seine vollständige Routine, die Tatsache, dass niemand dabei erschrickt, weil alle es so kennen.
Dabei verklärt Jerusalem ihre Figuren nicht. Milada ist kein Engel, der in die Hölle gerät. Andere Frauen des Romans rechnen, taktieren und manipulieren mit erheblichem Geschick; manche entwickeln eine Härte, die ihnen das Überleben ermöglicht; andere zerbrechen; wieder andere pendeln zwischen Hoffnung und Zynismus, ohne je bei einem von beiden anzukommen. Janka, Katerines Freundin, die zur Pflegemutter Miladas wird, ist vielleicht die menschlichste Figur des Romans: Sie sieht, was die Mutter nicht sieht, beugt sich über das Kind und flüstert: „Gott verzeih‘ uns allen die Sünd‘ an dir, arme Seel‘.“ Kein Programm, kein Manifest – ein Satz, der sitzt.
Der Markt und sein Gewissen
Der Markt aber verschlingt seine Teilnehmer: Schönheit nutzt sich ab, Jugend vergeht, die Nachfrage wandert weiter zum nächsten Körper, der jünger ist, billiger, noch nicht verbraucht. Unentbehrlich und austauschbar zugleich – das ist keine Beschreibung nur des Bordells, es ist die Grundformel jeder Ökonomie, die Menschen als Ressource behandelt, angewandt auf Fleisch. Milada erkennt das. Und handelt: Sie streicht am Ende des Romans die Inschrift auf dem Denktäfelchen des Waisenhauses durch, das sie für die Kinder der Prostituierten errichtet – „Aus eigner Kraft zu Gottes Ehr'“ –, und schreibt darunter: „Aus eigener Kraft, – zu eigener Ehr‘!“

Das Bordell erscheint bei Jerusalem nicht als chaotische Ansammlung menschlicher Leidenschaften, sondern als präzise organisierter Betrieb, hinter dessen roten Vorhängen eine Maschinerie arbeitet, die jedem Kaufmann vertraut vorkommen müsste. Und fast alle profitieren sie: Die Bordellbesitzerinnen, die Hausbesitzer, die Wirte, die Ärzte, die Polizei, die ein professionelles Interesse am Fortbestand des Problems hat, das sie verwaltet, der Staat, der Register führt, Gebühren erhebt und still kassiert.
Jerusalem kannte dieses System aus nächster Nähe: Sie sass 1906 im Gerichtssaal, als in Wien unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gegen Regine Riehl eröffnet wurde – als Mitglied der Frauenliga gegen den Mädchenhandel, nicht als neugierige Beobachterin. Die Bordellwirtin Riehl hatte in ihrem „Kleidersalon“ in der Grünen Thorgasse jahrelang an die zwanzig Prostituierte gefangen gehalten, unter Mitwissen der Polizei, die sie mit einschlägigen Mitteln zur Kooperation anhielt. Riehls Anweisung, wenn Polizeikontrollen anstanden, wurde durch Karl Kraus legendär: „Madeln, verführts mir den dicken Kommissär, aber nehmts kein Geld von ihm.“ Der dicke Kommissär wanderte dann als Figur in Jerusalems Roman…
Und darum: Das Bordell ist bei Jerusalem nicht die Ausnahme des Systems, sondern eine seiner konsequentesten Ausformungungen. Die Prostituierte steht im Zentrum dieser Ökonomie und ist zugleich ihre schwächste Figur – unentbehrlich für das Geschäft, schutzlos gegenüber allen, die daran verdienen, und als Einzige mit dem gesellschaftlichen Stigma belastet, das alle anderen sauber hält.
Der Freier als Geisterfigur
Der Freier ist die Geisterfigur des Romans. Ohne ihn gäbe es kein Geschäft, keine Bordelle, keine roten Laternen, keine Sittendebatten – und dennoch bewegt er sich durch die Handlung mit der Leichtigkeit eines Mannes, der keinerlei Spuren hinterlassen muss. Er erscheint, konsumiert, bezahlt und verschwindet zurück in die Welt der Ehrbarkeit. Die Ware wird untersucht, überwacht, katalogisiert, moralisch bewertet. Der Käufer bleibt anonym.
Und wer sind diese Käufer? Keine Aussenseiter, keine Verlorenen, sondern Beamte, Offiziere, Kaufleute, Industrielle, Juristen – also die tragenden Säulen jener Gesellschaft, die öffentlich über den Verfall der Sitten klagt und nachts die Dienstleistungen finanziert, deren Existenz sie beklagt – daran lässt Autorin Jerusalem keinen Zweifel. Gust, der Medizinstudent, Prototyp der feinnervigen Jungwiener Generation, sucht das „Rothaus“ in selbstverständlicher Regelmässigkeit auf. Skandalös erscheint nicht sein Bordellbesuch, sondern dass er sich dabei zu verlieben wagt – was sein Freund Joszi beendet, mit einer Sachlichkeit, die mehr enthüllt als jede Analyse: „Bist du närrisch? Die wird morgen schmerzlos entfernt. Mädels wachsen überall.“
Menschen werden in diesem System nicht gehasst, sie werden kalkuliert, gegebenenfalls ausgetauscht. Hass erkennt wenigstens noch ein Gegenüber an. Die Logik des Marktes kennt dagegen bloss Verwertbarkeit – Schönheit als Einnahme, Jugend als Nachfrage, Alter als Verlust –, und wer sich darin nicht mehr rechnet, verschwindet nicht unter Protest, sondern unter dem Schweigen der Gleichgültigkeit. Die roten Laternen brennen nicht gegen die Bürgerlichkeit. Sie brennen für sie, von ihr, durch sie.
Das älteste Gewerbe der Welt?

Der Satz vom „ältesten Gewerbe der Welt“ gehört zu jenen Formeln, die so oft wiederholt wurden, dass kaum noch jemand über ihren Inhalt nachdenkt. Dabei steckt darin eine äusserst unbequeme Frage: Wenn eine Institution sämtliche politischen Systeme, Religionen, Revolutionen und Moralreformen überlebt, wenn Kaiserreiche, Demokratien und Diktaturen kommen und gehen, während das Geschäft mit der käuflichen Liebe unbeirrt weiterexistiert, dann handelt es sich nicht um einen Defekt, den man mit etwas mehr Sittlichkeit beheben könnte, sondern um eine Funktion – eine Funktion, die die Gesellschaft braucht, weil sie die Spannung zwischen dem, was sie offiziell begehrt, und dem, was sie tatsächlich begehrt, nirgendwo sonst so geräuschlos abführen kann.
Aber Sex ist dabei bloss der Rohstoff des Geschäfts. Sehr viel wichtiger gehandelt wird mit Aufmerksamkeit, Verfügbarkeit, Trost, Bewunderung, Machtausübung – und mit jener Illusion von Nähe, für die Menschen seit jeher erstaunliche Summen zu bezahlen bereit sind, und die das Geschäft psychologisch weit interessanter macht, als sein Oberfläche vermuten lässt. Der Freier kauft keine Stunde Zeit, er kauft die kurze Aussetzung jener Wirklichkeit, in der er ansonsten lebt – was bedeutet, dass nicht die Sexualität im Zentrum steht, sondern die Einsamkeit. Und diese ist ein Problem, das sich mit keiner Sittenreform beheben lässt. Die Geschichte der Prostitution – vom Hetären-Wesen des alten Athen über das Kurtisanen-Gewerbe im römischen Kaiserreich und die Huren-Häuser des Mittelalters bis in unsere Tage der omnipräsenten Sex-Portale – hat das zur Genüge bewiesen.
Von der roten Laterne zum glimmenden Bildschirm
Gerade deshalb wirkt Jerusalems Roman heute so gegenwärtig. Die Bordellgasse ist verschwunden, ihre Logik nicht. Wo früher rote Laternen leuchteten, glimmen heute Bildschirme; wo einst Wirtinnen vermittelten, vermitteln Plattformen; die Infrastruktur hat gewechselt, die ökonomische Grammatik nur graduell, nicht substantiell. Aufmerksamkeit wird verkauft, Intimität wird verkauft, Begehrlichkeit wird verkauft – und dazwischen sitzen neue Vermittler, neue Gewinner, dieselben alten Mechanismen in neuer Benutzeroberfläche, mit dem einzigen wesentlichen Unterschied, dass die Skalierung nun globale Ausmasse hat und die Anonymität des Käufers noch perfekter ist als je zuvor.

Der „Heilige Skarabäus“ beschreibt einen Grundkonflikt, den moderne Gesellschaften nie gelöst haben: Sie wollen Intimität und Markt voneinander trennen, und es gelingt ihnen nie. Früher oder später dringt das Geld in jene Bereiche ein, die man für unantastbar halten möchte – und sobald das geschehen ist, beginnt dieselbe alte Komödie von neuem. Man profitiert vom Geschäft, beklagt dessen Existenz, und sucht die Schuldigen möglichst weit entfernt von den eigenen Interessen, möglichst nah bei jenen, die das geringste Kapital besitzen, sich dagegen zu wehren.
Merkwürdige Karriere des Vergessens
Literaturgeschichte ist kein Gerichtsurteil, sie belohnt nicht die Besten, bestraft nicht die Schlechten – sie funktioniert eher nach den Launen institutioneller Macht, nach Netzwerken, Lehrstühlen, Nachrufen und der stillen Übereinkunft derer, die entscheiden, was erinnert und was vergessen wird. Else Kotanyi – so der Geburtsname der Autorin, geboren 1876 in Wien, Tochter eines jüdischen Weinhändlers – hatte beim Erscheinen ihres „Heiligen Skarabäus“ zwei Kleinkinder zu Hause und stand in den Augen der Wiener Gesellschaft vor allem als bürgerliche Ehefrau im Mittelpunkt der Empörung – nicht als Autorin: „Von überall, allüberall, aus Kritiken und Briefen, von Nahestehenden und Fremden fragend, staunend, altväterisch befremdet oder listig rauscht mir dieselbe Frage entgegen: Woher ich es eigentlich habe?!“ – jenes Wissen, schrieb sie, das bis dahin „nur dem Kronträger des Erdballs – dem Manne – zugestanden worden war.“ Die Antwort, die sie verweigerte: Sie hatte den Riehl-Prozess aus dem Gerichtssaal heraus beobachtet, war durch die kleinen Gassen des grossen Wien gegangen, hatte in Kaffeeschenken gesessen, hatte zugehört, hingesehen – kurz: Sie hatte getan, was jeder Journalist tut, nur dass es bei einer Frau als Skandal galt.
Albert Einstein: „Urwüchsig wie Panterkatze“
Der Skandal erledigte sich, während der Roman blieb: Zwanzig Auflagen im Erscheinungsjahr, Übersetzungen in sechs Sprachen, Vortragsreisen durch Deutschland, Begegnungen mit Schnitzler, mit Albert Einstein auf dem Postdampfer nach Buenos Aires – Jerusalem las Einstein aus ihrem Drama vor, er notierte in sein Tagebuch: „Urwüchsig wie Panterkatze.“ Herablassend, durchaus präzise – und völlig blind dafür, dass er gerade einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Wiener Moderne gegenübersass.

Weggegangen war sie nicht wegen des Skandals allein, sondern wegen einer Liebesaffäre mit dem Embryologen Viktor Widakovich, der einen Ruf an die Universität Buenos Aires annahm. Jerusalem folgte ihm, liess ihre beiden Kinder aus erster Ehe in Wien zurück, schiffte sich im Januar 1911 ein, ankerte in einer Stadt, deren Sprache sie nicht sprach, deren Gesellschaft Frauen auf den Innenraum des Hauses reduzierte, und in der sie, wie sie an ihren Freund Franz Servaes schrieb, „in den unzähligen einsamen Stunden dieses Jahres“ vor allem über eines nachdachte: Dass sie Europa fehlte und Europa ihr. „Mein Mann der Goldene noch immer und für immer hat eine himmlische echte österreichische Geduld. Er beweist mir, dass ein wahrhaft grosser Mensch überall seine Welt mitbringe und einrichte, dass Schiller seine besten Werke auf einer Kiste sitzend geschrieben habe. Aber damit beweist er mir noch immer nicht, dass man in B.A. besser und freudiger leben könne als daheim.“
Viktor blieb, sie blieb, die Kinder aus erster Ehe blieben in Wien. Die Tochter Miriam, in Buenos Aires geboren, wuchs auf in einer Stadt, die ihre Mutter nie ganz verstand, bei einem Vater, der irgendwann ging. Jerusalem schrieb weiter: Essays, Erzählungen, ein Lustspiel, ein philosophisches Spätwerk, veröffentlicht 1939 im Züricher Exilverlag Oprecht, während ihr gesamtes bisheriges Werk bereits von den Nazis auf einer „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ stand. Sie suchte Aufführungen für ihre Dramen, Verleger für ihre Texte, Leser für ihren Gedanken. Sie fand Einstein auf einem Schiff, der sie eine Pantherkatze nannte und weiterreiste…
Vergessen durch Beschädigung
Else Jerusalem starb am 20. Januar 1943 in Buenos Aires. Todesursache: Zerebralsklerose. Ihre Tochter Miriam schrieb später in ein Fotoalbum: „My mother’s end was sad, as she died from arteriosclerosis alone and mostly forgotten.“ Die Enkelin Ines Weyland erfuhr von der Existenz von Jerusalems erster Tochter Edith – die aus Wien geflohen und zeitweise ebenfalls in Buenos Aires gelebt hatte – erst nach dem Tod ihrer Mutter. Miriam hatte nie ein Wort darüber verloren.
… ist eine Essay-Reihe, in der das Glarean Magazin Werke vorstellt, die vom kultur-medialen Mainstream links liegengelassen oder überhaupt von der „offiziellen“ Literatur-Geschichte ignoriert werden, und doch von literarischer Bedeutung sind über alle modische Aktualität hinaus. Die Autoren der Reihe pflegen einen betont subjektiven Zugang zu ihrem jeweiligen Gegenstand und wollen weniger belehren als vielmehr erinnern und interessieren.
Das ist die eigentliche Wirkungsgeschichte dieses Romans: Nicht das Vergessen durch Gleichgültigkeit, sondern das Vergessen durch Beschädigung – durch Emigration, Sprachverlust, zerbrochene Familien, eine Gesellschaft, die das Werk auf die Liste des Schädlichen setzte, und eine Literaturgeschichte, die für Frauen wie Jerusalem keinen Platz reserviert hatte. Die Wiener Moderne besitzt ihre Heiligen – Schnitzler, Hofmannsthal, Kraus, Musil u.a. –, und zwischen diesen Giganten verschwanden zahlreiche Stimmen, die keineswegs leiser waren, aber weniger institutionelle Fürsprecher besassen, weniger Schüler, weniger Lehrstühle, die ein Interesse daran hatten, sie im Kanon zu halten. Kanonbildung ist selten ein ästhetisches Urteil, sondern meistens ein Machtverhältnis.
Jerusalem selbst hat das gewusst. Auf die Rückseite eines Briefes hatte sie einst geschrieben: „Alles im Leben kann man vermissen, nur sich selbst nicht. Sich muss man erleben können, in jedem Menschen, in jeder Stunde, in jeder Sekunde. Dann ist man auf Erden selig geworden.“ Das könnte ein Epitaph sein – für eine Frau ohne Grab, deren Bücher auf der Liste des Schädlichen standen, während die Gesellschaft, die sie beschrieben hatte, munter weiterexistierte.
Der „Heilige Skarabäus“ verschwand nicht, weil er veraltete. Er verschwand, weil er nicht veraltete – weil eine Gesellschaft, die ihre moralischen Überzeugungen nicht an ihren Handlungen misst, sondern an ihren Selbstbeschreibungen, den Spiegel lieber weglegt, als hineinzuschauen. ♦
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