Peter Gülke: Robert Schumann (Biographie)

Lese­zeit für die­sen Bei­trag: ca. 5 Minu­ten

Was er bedeute und wolle“

von Gün­ter Nawe

Das ist das Schöne an Gedenk­ta­gen, dass sie immer wie­der Dich­ter, Den­ker, Maler oder Kom­po­nis­ten aus der Gefahr der Ver­ges­sen­heit erret­ten oder neue und anders gewich­tete Aspekte von Leben und Werk an das Licht einer inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit brin­gen. In die­sem Jahr waren und sind es vor allem Kom­po­nis­ten wie Cho­pin, Mahler und Robert Schu­mann, die Auf­merk­sam­keit erreg­ten und zu viel­fäl­ti­gen Wür­di­gun­gen Anlass gaben und geben.
Eine sehr gewich­tige neue Arbeit ist Robert Schu­mann gewid­met. Von ihr soll hier die Rede sein – und von sei­nem (aus der Fülle vie­ler „Wort­mel­dun­gen“) her­aus­ra­gen­den Bio­gra­fen Peter Gülke.

Peter Gülke: Robert Schumann - Glück und Elend der Romantik - Zsolnay VerlagGülke, Kapell­meis­ter, Musik­wis­sen­schaft­ler und Musik­di­rek­tor in Dres­den und Wei­mar, ist eine Aus­nah­me­erschei­nung sowohl als Musi­ker wie auch als Autor umfang­rei­cher Musik­li­te­ra­tur. Und das eben bekommt sei­ner gros­sen Bio­gra­phie – oder soll man bes­ser sagen: sei­nem bio­gra­fi­schen Essay – beson­ders gut. „Robert Schu­mann – Glück und Elend der Roman­tik“ ist des­halb auch keine chro­no­lo­gi­sche Abfolge von Lebens- und Werk­da­ten, son­dern eine the­ma­tisch geglie­derte, musi­ko­lo­gisch ori­en­tierte Arbeit.

Der Ungeduldigste unter den grossen Komponisten

„Innige Ver­bin­dung von Musik und Dich­tung“: Die von Schu­mann gegrün­dete „Neue Zeit­schrift für Musik“ (1834)

Wich­tig erscheint Gülke, die grosse roman­ti­sche Gestalt des Kom­po­nis­ten dar­zu­stel­len, der zwi­schen krea­ti­vem Über­schwang und dem Zwang zu schöp­fe­ri­schen Voll­endung sei­ner Kom­po­si­tio­nen zu sehen ist. „Unter den Gros­sen war er der Unge­dul­digste. Ent­we­der gelingt etwas sofort, oder es gelingt nie – das war die Prä­misse sei­ner Arbeit, aus­ge­wie­sen durch kaum glaub­li­che, nur Mozart und Schu­bert ver­gleich­bare Geschwin­dig­keit und Sicher­heit im Voll­brin­gen“ – so Peter Gülke.

Lei­den­schaft­lich war die­ser Robert Schu­mann, der am 8. Juni 1810 in Zwi­ckau gebo­ren wurde, der im Alter von 44 Jah­ren dem Wahn­sinn ver­fiel und am 29. Juli 1856 in einer Ner­ven­heil­an­stalt in Bonn-Ende­nich ver­starb, in vie­ler Hin­sicht. Eine Pia­nis­ten­lauf­bahn wegen eines rui­nier­ter Fin­gers blieb ihm ver­wehrt. Statt­des­sen wid­mete er sich aus­führ­li­cher Lek­türe von Jean Paul und E. T. A. Hoff­mann, Höl­der­lin und Poe, sowie der Abfas­sung von beacht­li­chen und beach­tete Musik­kri­ti­ken. Und schliess­lich dem Komponieren.
Eine sehr genaue Zeit­ta­fel ist übri­gens dem Buch von Gülke ange­fügt. Leben und Werk – auch hier wird es deut­lich – ist bei Robert Schu­mann eng ver­floch­ten. Das zu ana­ly­sie­ren und zu bewer­ten hat sich Peter Gülke zur Auf­gabe gemacht – und diese her­vor­ra­gend gelöst.

Ein wildes, kreatives, ja versoffenes Genie

Robert Schumanns Arbeitszimmer in Leipzig
Robert Schu­manns Arbeits­zim­mer in Leipzig

Kla­vier­werke, Lie­der, Sin­fo­nien, Opern und ein Requiem – viel­sei­ti­ger und umfang­rei­cher ging es kaum. Und das von einem wil­den, krea­ti­ven, ja ver­sof­fe­nen Genie. Gülke: „Auf der einen Seite war er stör­risch, hoch­fah­rend und stolz. Aber auf der ande­ren Seite war er ebenso oft wahn­sin­nig, oft zer­knirscht, tief ent­täuscht und in unend­li­che Depres­sio­nen ver­sun­ken. Das geht unglaub­lich stark hin und her bei ihm“. So gegen­sätz­lich wie der Mensch ist auch sein Werk. „Die Träu­me­rei“ und man­che Lie­der wur­den und wer­den unter dem Rubrum „roman­tisch“ gehört – trotz vie­ler arti­fi­zi­el­ler Eigen­heit und Raffinessen.

Zum „roman­ti­schen“ Schu­mann gehört natür­lich die Ehe mit Clara Schu­mann, auch wenn diese Ehe alles andere als nur roman­tisch war. Wenn zwei geniale Künst­ler zusam­men­kom­men, bringt das zwangs­läu­fig Inter­es­sen­kon­flikte, die aus­ge­lebt und aus­ge­kämpft wer­den müs­sen. So auch bei Robert und Clara, der er in unzäh­li­gen Lie­dern per­ma­nent Lie­bes­er­klä­run­gen macht. Robert Schu­mann war im wahrs­ten Sinne eine zer­ris­sene Per­sön­lich­keit. Und Gülke weiss das – und lässt es uns wis­sen. Glück und Elend der Roman­tik also am Bei­spiel des Robert Schumann.

Es affiziert mich alles, was in der Welt umgeht“

Peter Gülke hat in seinem grossen biographischen Essay "Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik" die Persönlichkeit und Werk des genialen Komponisten sprachlich geschliffen, vor allem auch mit grosser Fachkenntnis und historischer Tiefe dargestellt.
Peter Gülke hat in sei­nem gros­sen bio­gra­phi­schen Essay „Robert Schu­mann – Glück und Elend der Roman­tik“ die Per­sön­lich­keit und Werk des genia­len Kom­po­nis­ten sprach­lich geschlif­fen, vor allem auch mit gros­ser Fach­kennt­nis und his­to­ri­scher Tiefe dargestellt.

Dies alles erzählt Peter Gülke – er ist schliess­lich Musik­wis­sen­schaft­ler – unter dem Gesichts­punkt des Werk­ver­ständ­nis­ses. Und so wird das immense Werk des Robert Schu­mann aus­führ­lich inter­pre­tiert. Denn, so Schu­mann selbst: „Es affi­ziert mich alles, was in der Welt umgeht, Poli­tik, Lite­ra­tur, Men­schen – über alles denke ich in mei­ner Weise nach, was sich dann durch die Musik Luft machen, einen Aus­druck suchen will.“
Gülke hat sich mit den musi­ka­li­schen und vie­len ästhe­ti­schen Aspek­ten aus­ein­an­der­ge­setzt. Er war den vie­len Ein­flüs­sen auf der Spur und hat sie gefunden.

Musikwissenschaftler Peter Gülke - Glarean Magazin
Musik­wis­sen­schaft­ler Peter Gülke

Robert Schu­mann hat, wie Gülke schreibt, „ein geord­ne­tes Haus hin­ter­las­sen“. Und er zitiert den Kom­po­nis­ten: „Man hüte sich als Künst­ler, den Zusam­men­hang mit der Gesell­schaft zu ver­lie­ren, sonst geht man unter wie ich.“ Peter Gülke hat stell­ver­tre­tend den „Zusam­men­hang mit der Gesell­schaft“, mit uns, den Lesern, wie­der her­ge­stellt. Und etwas erreicht, was Schu­mann ver­wehrt blieb. Dem Besu­cher Joseph Joa­chim hat Schu­mann am Ende „zuge­raunt“, „er müsse von Ende­nich weg, denn die Leute ver­stün­den ihn gar nicht, was er bedeute und wolle.“ Wie wahr! ♦

Peter Gülke: Robert Schu­mann – Glück und Elend der Roman­tik, 268 Sei­ten, Paul Zsol­nay Ver­lag, ISBN 978-3-552-05492-9

Lesen Sie im Glarean Maga­zin zum Thema „Roman­ti­sche Musik“ auch über Seve­rin von Eckard­stein plays Robert Schu­mann (CD)

aus­ser­dem zum Thema Bio­gra­phie über Bar­bara Beuys: Maria Sibylla Merian

Kommentare sind willkommen! (Keine E-Mail-Pflicht)